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Geschrieben von Rosenstolz am 31.12.2009 um 14:36:
Kürzere Tage - Anna Katharina Hahn
Kurzbeschreibung ( von
www.amazon.de ):
Marco wohnt im Hochhaus an der Hauptstraße. Von hier ist es nicht weit bis zum Olgaeck, und hinter dem Olgaeck liegt die Constantinstraße, wo die Altbauten unter Denkmalschutz stehen und die Äpfel beim türkischen Feinkosthändler teurer sind als im Hauptbahnhof. Hier wohnen die Aufsteiger, Übermütter und ihre wohlerzogenen Kinder. Hier scheint alles in Ordnung - wenn man nicht vom Supermarkt ins Büro und vom Büro in den Kindergarten hetzt, so wie Leonie, wenn man nicht am Doppelleben als Karrierefrau und Mutter verzweifelt. Judith findet Halt in der Anthroposophie. Hingebungsvoll pflegt sie den Jahreszeitentisch für ihre Kleinen. Doch nachts helfen nur Tabletten gegen die Angst. Im Nebenhaus wohnen die alten Posselts. Sie haben geschafft, wovon die Enkelgeneration nur träumt, nämlich ein Leben lang zusammenzubleiben. Da versetzt Marco die Nachbarschaft in Aufruhr. Kürzere Tage ist eine wortmächtige Bestandsaufnahme und eine melancholische Abrechnung mit einer Gesellschaft, in der alle Werte fragwürdig geworden sind.
Wohlstand und Aussichtslosigkeit, Eurythmie und Hysterie, Elternglück und Kinderleid. Virtuos schildert Anna Katharina Hahn das satte Stuttgart von einer anderen Seite.
Die Autorin:
Anna Katharina Hahn
Meine Meinung:
Hier spricht jemand deutliche Worte. Schonungslos und ohne jede Schönfärberei. "Kürzere Tage" ist ein von Realismus geprägtes Abbild von beispielhaft ausgewählten Personen einer Großstadt ( Stuttgart ). Diese leben räumlich eng beieinander könnten aber unterschiedlicher nicht sein. Ihr Leben berührt sich in der täglichen Routine, aber keiner kennt den anderen oder hat näheren Kontakt. Am Schluss kommt es dennoch zu einer quasi "Zusammenführung oder Verwicklung" der einzelnen Personen, jeder macht schmerzhafte Erfahrungen - und danach verlässt der Leser diese wieder. Irgendwie ist es auch ziemlich klar, wie alles weitergehen wird.
Sehr berührend fand ich die Geschichte des alten Ehepaares.
Man ist schnell dabei, diese Menschen zu bemitleiden oder zu denken, "zum Glück bin ich nicht so" - aber es kann nichts schaden, ein bisschen weiter zu denken und hinter die eigene Fassade zu blicken.
Ein gutes Buch, kein leichtes Buch - aber ein gutes.
9 von 10 Punkten.
Geschrieben von Rosenstolz am 31.12.2009 um 14:37:
Das TB erscheint im Februar.
Geschrieben von Sigrid2110 am 31.12.2009 um 14:40:
Danke für die Rezi, Rosenstolz. Interessant, bisher hatte ich nur negatives über das Buch gelesen.
edit: sorry, Du hattest das mit dem TB schon geschrieben.
Geschrieben von Rosenstolz am 31.12.2009 um 14:42:
| Zitat: |
Original von Sigrid2110
Danke für die Rezi, Rosenstolz. Interessant, bisher hatte ich nur negatives über das Buch gelesen.
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Echt? Die Rezensionen bei amazon sind aber z.B. überwiegend positiv.
Und bei den "Vorlesern" wurde das Buch ja glaube ich in der ersten Sendung auch schon vorgestellt.
Geschrieben von Sigrid2110 am 31.12.2009 um 14:57:
Es wurde aber von zwei Eulen hier schon im "Ich habe abgebrochen...."-thread gepostet. Deshalb dachte ich, es taugt wohl doch nichts.
Aber als TB dann......
Geschrieben von Googol am 31.12.2009 um 15:00:
| Zitat: |
Original von Sigrid2110
Es wurde aber von zwei Eulen hier schon im "Ich habe abgebrochen...."-thread gepostet. Deshalb dachte ich, es taugt wohl doch nichts.
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Ich habe dort zwar nicht gepostet (glaube ich), aber ich habe den Roman auch sehr schell abgebrochen. War mir irgendwie zu... gewöhnlich?
Geschrieben von Sigrid2110 am 31.12.2009 um 15:03:
Damit sind schon drei Eulen

.
Geschrieben von Rosenstolz am 31.12.2009 um 15:06:
| Zitat: |
Original von Googol
| Zitat: |
Original von Sigrid2110
Es wurde aber von zwei Eulen hier schon im "Ich habe abgebrochen...."-thread gepostet. Deshalb dachte ich, es taugt wohl doch nichts.
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Ich habe dort zwar nicht gepostet (glaube ich), aber ich habe den Roman auch sehr schell abgebrochen. War mir irgendwie zu... gewöhnlich? |
Ach so.............
Na ja, gewöhnlich fand ich das Buch ( ein Roman ist es eigentlich nicht ) ganz sicher nicht.
Aber jeder kann sich ja, zum Glück, seine eigene Meinung bilden.
Geschrieben von Rosenstolz am 31.12.2009 um 15:22:
| Zitat: |
Original von Sigrid2110
Es wurde aber von zwei Eulen hier schon im "Ich habe abgebrochen...."-thread gepostet. Deshalb dachte ich, es taugt wohl doch nichts.
Aber als TB dann...... |
Ich war jetzt mal neugierig: chiclana habe ich gefunden, sie hat das Buch abgebrochen.
Aber ich lasse mich vom "abgebrochen-Thread" eigentlich nie beeinflussen, es wurden schon soviele Bücher abgebrochen, die mir gut gefallen haben.......da hätte ich schon einiges verpasst.
Geschrieben von Sigrid2110 am 31.12.2009 um 21:34:
@ Rosenstolz: da hast Du sicher Recht. Nach Deiner Rezi habe ich nun auch wieder Hoffnung.....und warte auf Februar

.
(Der zweite Abbruch war von einer derzeit nicht aktiven Eule, die mir auch schrieb warum - so was ähnliches wie Googol)
Geschrieben von Rosha am 14.04.2011 um 10:59:
Gleich vorneweg: Es handelt sich nicht um einen Roman im klassischen Sinne. Ich würde es eher eine Beobachtung von Menschen, eine Momentaufnahme des Lebens betrachten.
Und genau das hat mich ungemein an diesem Buch fasziniert. Die Autorin versteht es, ihre Figuren lebendig und echt darzustellen. Man will mehr über sie wissen, man will wissen, welchen Weg ihre Leben nehmen werden.
Das Können der Autorin lässt sich am besten mit einer Textstelle ausdrücken. Es ist gleich der Anfang und der hat mich sofort in das Buch gezogen:
| Zitat: |
| Judith rauchte hastig, mit dem Rücken gegen die Wohnungstür gelehnt. Sie läßt den Rauch tief in ihre Brust einströmen und atmet ihn durch die Nasenflügel wieder aus. Das Verlangen nach einer Zigarette, schlimmer als der Druck einer vollen Blase, beherrscht schon den ganzen Tag. Am Morgen waren die Kinder zu ihr ins Bett geschlüpft, bevor sie sich hinausschleichen konnte, um auf dem Küchenbalkon zu rauchen. Viel zu lange mußte sie auf eine günstige Gelegenheit warten. Das steinerne Gesicht, mit dem sie Tee gekocht, Müsli in Schalen gefüllt, Obst geschnitten und selbst nur an ihrer Tasse genippt hatte, kennt die Familie schon. "Die Mama ist manchmal ein Morgenmuffel", bemerkte der fünfjährige Uli. Judith macht einen inbrünstigen Lungenzug und stellt sich vor, wie sich die bläulichen Schwaden mit ihrem Blut vermischen und zum Herzen ziehen, es einhüllen und ruhiger schlagen lassen. Die Gier ebbt langsam ab, sie hat wieder Augen und Ohren für ihre Umgebung und beginnt sich zu schämen. |
Bis zur Hälfte des Buches beschreibt die Autorin abwechselnd zwei Frauen, Judith und Leonie, deren Namen die jeweiligen Kapitelüberschriften sind. Beide Frauen haben kleine Kinder in etwa demselben Alter.
Judith scheint die Bilderbuchmutter zu sein, die nicht arbeiten geht, die sehr auf die Ernährung achtet, ihre Kinder in den Waldorfkindergarten schickt und die keinen Fernseher in der Wohnung duldet. Doch der Leser erfährt auch noch eine ganz andere Seite an dieser Frau.
Leonie wohnt im Haus gegenüber und betrachtet oft heimlich die Familienidylle von Judith. Leonies Mann will beruflich nach oben, ist selten zu Hause und auch sie geht arbeiten. Das schlechte Gewissen wegen ihrer zwei Mädchen ist ständig präsent.
Als Nebenfiguren tauchen in den Erzählungen Marco und Luise auf, denen später auch selbst eigene Kapitel gewidmet werden. Marco ist ein dreizehnjähriger Draufgänger und man erfährt, dass er aus einem schwierigen Umfeld kommt. Er will sich daraus befreien.
Luise ist über achtzig und wohnt mit ihrem Mann, dem schönen Wenzel, im gleichen Haus wie Judith. Man erfährt, wie sie Wenzel kennengelernt hat, warum sie ihn immer noch liebt.
Was zunächst nur lose aneinandergereihte Erzählungen sind, bekommen zunehmend mehr Berührungspunkte, die Personen haben miteinander zu tun. Allerdings bleiben die Lebensgeschichten offen, man erfährt nicht, wie es "ausgeht". Man hat die Personen ein Stück weit begleitet und den weiteren Weg machen sie ohne uns Leser.
Sprachlich empfinde ich den Roman als Juwel. Die Autorin ist eine sehr genaue Beobachterin und sie trifft den jeweils richtigen Ton.
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