Atemschaukel - Herta Müller |
buzzaldrin

Lebende Forenlegende


Dabei seit: 31.12.2007
Beiträge: 2.934
Herkunft: Bremen
 |
|
| Zitat: |
Original von Vulkan
Das hatte ich so verstanden, ich wollte trotzdem mein Interesse an Deiner Meinung bekunden, sobald Du einen der beiden gelesen hast - in näherer oder fernerer Zukunft - gerade weil es so ein völlig anderer Ansatz ist.
|
Solschenizyn steht auf jeden Fall schon länger auf meiner Wunschliste, ich werde ihn sicherlich bald lesen und kann dann vielleicht auch besser beide Ansätze miteinander vergleichen.
__________________ flickr
|
|
20.10.2009 21:10 |
|
|
Conor
König
   

Dabei seit: 01.02.2008
Beiträge: 776
Herkunft: Süddeutschland
 |
|
Ich bin jetzt ca. bei der Hälfte des Romans und bin beeindruckt. Auch sprachlich gefällt es mir - und die Begriffe wie "Hungerengel" oder "Eisnägel" verdeutlichen nur.
Vergleiche kann ich nicht ziehen, da ich weder von Schalamow noch von Solschenizyn was gelesen (nur von gehört) habe.
__________________ Jeder trägt die Vergangenheit in sich eingeschlossen wie die Seiten eines Buches, das er auswendig kennt und von dem seine Freunde nur den Titel lesen können.
Virginia Woolf
|
|
26.10.2009 12:22 |
|
|
Vulkan
König
   
Dabei seit: 16.10.2008
Beiträge: 869
 |
|
| Zitat: |
Original von Conor
Vergleiche kann ich nicht ziehen, da ich weder von Schalamow noch von Solschenizyn was gelesen (nur von gehört) habe. |
Etwas anders gelagert, aber zumindest zum Vergleichen nicht so abgelegen, ist Imre Kertesz' "Roman eines Schicksallosen". Da waren auch einige sprachliche Dinge, die mich irgendwann irritiert haben, die dann aber auch aufhörten im Verlauf des Buches. Sprache und Inhalt sind bei Kertesz für mich folgerichtiger oder zumindest verständlicher. Nur als Anregung.
Ich habe jetzt mitbekommen, dass man "Herztier" und "Der Fuchs war damals schon der Jäger" von Müller lesen sollte, wenn man von der "Atemschaukel" irritiert ist. Mal sehen, wann ich soweit bin...
|
|
26.10.2009 12:46 |
|
|
buzzaldrin

Lebende Forenlegende


Dabei seit: 31.12.2007
Beiträge: 2.934
Herkunft: Bremen
 |
|
Imre Kertesz habe ich im SUB stehen, vielleicht werde ich mich um einen Vergleich haben zu können, auch mal daran versuchen.
__________________ flickr
|
|
26.10.2009 19:05 |
|
|
Conor
König
   

Dabei seit: 01.02.2008
Beiträge: 776
Herkunft: Süddeutschland
 |
|
@Vulkan:
Imre Kertesz' Buch "Roman eines Schicksallosen" leihe ich mir dann mal aus -die hiesige Bücherei hat es.
Danke, dass du mich dran erinnert hast.
__________________ Jeder trägt die Vergangenheit in sich eingeschlossen wie die Seiten eines Buches, das er auswendig kennt und von dem seine Freunde nur den Titel lesen können.
Virginia Woolf
|
|
26.10.2009 19:32 |
|
|
|
|
Da würd sich ja fast ein Lesezirkel anbieten - Kertesz habe ich vor ein paar Tagen bestellt.
__________________ "Love that will not betray you, dismay or enslave you,
It will set you free"
Mumford & Sons - Sigh no more
|
|
26.10.2009 20:30 |
|
|
Herr Palomar
Moderator
  

Dabei seit: 18.04.2006
Beiträge: 7.143
Themenstarter
 |
|
Kertesz Roman eines Schicksalslosen muss ich unbedingt noch einmal lesen!
__________________ Where have the old words got me?
|
|
26.10.2009 20:32 |
|
|
FrauWilli

Kaiser

Dabei seit: 12.12.2008
Beiträge: 1.103
Herkunft: OWL
 |
|
| Zitat: |
Original von Cookiemonster
Da würd sich ja fast ein Lesezirkel anbieten -
|
Den besagten Kertesz habe ich auch noch im SuB liegen
__________________ Herzlichst, FrauWilli
___________________________________________________
Ich habe mich entschieden glücklich zu sein, das ist besser für die Gesundheit. - Voltaire
|
|
26.10.2009 22:40 |
|
|
|
|
Na das hört sich ja wirklich nach Leserunde an!
Ich mach mal einen entsprechenden Thread mit Terminvorschlägen auf!
__________________ "Love that will not betray you, dismay or enslave you,
It will set you free"
Mumford & Sons - Sigh no more
|
|
26.10.2009 23:29 |
|
|
Vulkan
König
   
Dabei seit: 16.10.2008
Beiträge: 869
 |
|
Ich bin gespannt auf Eure Leserunde. Kaufen werde ich mir das Buch eh - ich habe ja nur das Bib-Exemplar gelesen.
|
|
26.10.2009 23:31 |
|
|
Conor
König
   

Dabei seit: 01.02.2008
Beiträge: 776
Herkunft: Süddeutschland
 |
|
Gegen eine Leserunde mit dem Roman von Kertesz hätte ich auch nichts.
Es wäre jedenfalls sehr interessant, auch andere Bücher über dieses Thema zu lesen.
Ich habe gerade "Atemschaukel" fertiggelesen und bin beeindruckt.
Da kann ich mich den obigen Meinungen mal einfach anschließen.
Auch wie sich Leo fühlt, nachdem er aus dem Lager zurückgekehrt ist, kommt gut rüber.
__________________ Jeder trägt die Vergangenheit in sich eingeschlossen wie die Seiten eines Buches, das er auswendig kennt und von dem seine Freunde nur den Titel lesen können.
Virginia Woolf
|
|
27.10.2009 19:47 |
|
|
buzzaldrin

Lebende Forenlegende


Dabei seit: 31.12.2007
Beiträge: 2.934
Herkunft: Bremen
 |
|
Oh ja, einer Leserunde würde ich mich auch anschließen
Freut mich, dass dir das Buch gefallen hat, Conor!
__________________ flickr
|
|
27.10.2009 20:12 |
|
|
|
|
Mein Internet ist gestern abgestürzt und ging erst heute Abend wieder. Zu Imre Kertesz geht es hierlang: LR-Vorschlag Roman eines Schicksallosen
Ich freu mich auf euch!
__________________ "Love that will not betray you, dismay or enslave you,
It will set you free"
Mumford & Sons - Sigh no more
|
|
27.10.2009 23:20 |
|
|
Lipperin

König
   
Dabei seit: 18.01.2009
Beiträge: 869
 |
|
Eine beeindruckende Frau schreibt ein beeindruckendes Buch über ein bedrückendes Thema. Und nach drei Anläufen kann ich sagen, ich habe es gelesen und es war eine beeindruckende Erfahrung. Extreme Schwierigkeiten hatte ich, wollte das Buch gar nach drei Seiten zurückgeben; ein zweiter Versuch brachte mich auch nicht sonderlich weiter, erst das gemeinsame Lesen im Lesekreis und der Austausch mit einigen anderen zwar Willigen, aber zunehmend Eingeschüchterten, dazu einigen wenigen Begeisterten und einer Literaturkennerin haben mich das Buch beenden lassen.
Und was soll ich nun sagen? Die Sprachkunst, die Sprachbeherrschung, die Sprach(er)findung hat mich sehr beeindruckt (ich bin immer wieder froh, dass es dieses Wort in unserer Sprache gibt), ja stellenweise habe ich ihre Formulierungen als überwältigend empfunden. Nur: Eben diese Sprache hat mich nicht zu ihrem Thema geführt, sondern eher davon abgehalten. Dieser Riesenberg aus Worten, ihrer Sprache, ihrem Stil hat mir den Blick für alles andere verstellt, fühlte ich mich wie außen vor, wo es mich doch eigentlich hätte schütteln müssen.
„Ich schreibe an Pastior entlang“ hat Herta Müller in einem sehr bemerkenswerten Gespräch anlässlich der Frankfurter Buchmesse 2009 gesagt. Und ich stehe nun vor dem Dilemma, mir überlegen zu müssen, ob dieses Entlangschreiben in meinen Fall nicht ein Entlanglesen am eigentlichen Inhalt nach sich zieht. Auch wenn ich mir einzureden versuche, ihre Sprache sei vielleicht ihre Art, mit diesem Trauma fertig zu werden, nutzt mir das nicht viel. Vielleicht, weil mir eine auch nur annähernd vergleichbare Erfahrung fehlt? Weil ich in ihrer (Sprach-)Welt nicht zu Hause bin, sondern sie mir erst zu erobern versuche? Ich weiß es nicht, aber eines weiß ich mit absoluter Sicherheit: Einfach (als gelesen) abhaken und ins Regal stellen, das geht bei diesem Buch nicht.
|
|
28.10.2009 14:06 |
|
|
Sigrid2110

Unsterbliche Forenlegende
 

Dabei seit: 28.05.2007
Beiträge: 3.423
Herkunft: NDS
 |
|
Ende des zweiten Weltkrieges wurden in Rumänien lebende Deutsche für den Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Sowjetunion zur Zwangsarbeit in sowjetische Arbeitslager deportiert.
Mit großer Eindringlichkeit erzählt Herta Müller von diesen Schicksalen anhand des damals 17-jährigen Leopold Auberg aus Siebenbürgen.
In kraftvoller poetischer Sprache beschreibt der Ich-Erzähler Leo den Hunger, die Armut, die Kälte, die Schwerstarbeit unter menschenunwürdigen Bedingungen während der fünf Jahre seines Lagerlebens.
Obwohl eine gewisse Gemeinschaft unter den Insassen entsteht, treibt die herrschende Not zum Egoismus und bisweilen zur Niedertracht. Ein Toter kann Gewinn bedeuten, wenn man ein Kleidungsstück, ein paar Brotreste von ihm ergattert. Es herrschen Angst und Kampf ums Überleben. Heimweh ist „Luxus“: „Ich habe meinem Heimweh trockene Augen beigebracht, [….] mein Heimweh sogar herrenlos gemacht.“
Besonders plastisch wird der zähe, immer-währende, monotone Hunger Leos deutlich. Die Worte, die Herta Müller für den bedrohliche Hunger findet, treffen empfindlich:“Jedes Hungerwort ist ein Esswort, man hat das Bild des Essens vor Augen und den Geschmack am Gaumen. Hungerwörter oder Esswörter füllen die Phantasie. Sie essen sich selbst, und es schmeckt ihnen.“
Nach fünf Jahren kehrt Leo als ein Andere aus dem Lager zurück. Auch 60 Jahre nach seiner Lagerhaft spürt Leo ein Recht auf Elend, fühlt sich unfrei, ja hat Heimweh nach dem Lager. Leo musste von zu Hause weg und kam nie wieder an.
Herta Müller schildert Leos Schicksal mit einer überwältigenden poetischen Wucht, reich an eindringlichen Bildern und Metaphern. Neben „Hungerengel“, „Herzschaufel“, „Hautundknochenzeit“ finden sich weitere Worte, die für sich sprechen: arbeitsmüd, hungerblind, kniesteif, totkalt, traurigmüde, vom Brot tauschkrank.
Für mich schiebt sich die Wortgewandtheit der Autorin an einigen Stellen „vor“ die dramatischen Geschehnisse dieses Romans.
Herta Müller arbeitete mit Oskar Pastior, der ehemals deportiert war, zusammen an dem Material für dieses Buch. Leider verstarb Pastior 2006 plötzlich, so dass Herta Müller es allein vollenden musste.
Ein wichtiges Buch gegen das Vergessen der sowjetischen Verbrechen an den Rumäniendeutschen.
8/10 Punkten
__________________ Liebe Grüße, Sigrid Keiner weiß wo und wo lang alles zurück - Anfang Wir sind es nur nicht mehr gewohnt Dass Zeit sich lohnt
|
|
14.01.2010 21:31 |
|
|
|
|
|
 |
Impressum
|