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Christa Wolf - Der geteilte Himmel |
marilu

Doppel-As
Dabei seit: 11.03.2007
Beiträge: 126
Herkunft: Niedersachsen
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| Christa Wolf - Der geteilte Himmel |
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Ich hoffe, die Kategorie "Klassiker" passt, aber da es den Staat, den Christ Wolf beschreibt (DDR) nicht mehr gibt, bin ich mir sicher, dass "Der geteilte Himmel" hier gut reinpasst.
Inhalt:
Erzählt wird vordergründig die Geschichte von Rita Seidel und ihrem Freund Manfred Herrfurth und dabei beinhaltet der Roman so viel mehr. Die beiden lernen sich 1959 in Ritas Dorf kennen, wo sie arbeitet und gelangweilt ist. Auch Manfred, Besuch aus der Stadt, ist gelangweilt und abgestumpft. Ihre gemeinsame Sehnsucht nach Wärme, Geborgenheit und Liebe verbindet sie.
Nach dreimonatiger Fernbeziehung beschließt Rita, ihren Job zu kündigen und sich dem Lehrerseminar in der Stadt anzuschließen. Sie zieht zu Manfred in das Haus seiner Eltern ein (entgegen der Wünsche seiner Mutter) und beginnt ein für sie neues und aufregendes Leben.
Bevor sie allerdings mit ihrer eigentlichen Ausbildung beginnen darf, muss sie mehrere Monate in der Mildner-Waggonba-GmbH verbringen, weil "jeder Lehrer heutzutage einen Großbetrieb kennen muss" (1959). Dort fällt sie natürlich sehr auf. Sie wird aber bald akzeptiert und agiert als stummer Beobachter der Situation vor Ort: Mangelwirtschaft, stagnierende Produktion, dann wieder Produktion im Überfluss und über allem der sich "formende Sozialismus".
Unter diesen Gegebenheiten lebt sie sich in der Stadt (Halle?) ein und wird erwachsen. Manfred ist und bleibt lange Zeit ihr Lebensmittelpunkt. Auch wenn sie Freundschaften schließt und unabhängig von ihm wird. Doch Manfred ist dem Druck, der Heuchelei und der Propaganda der neuen Gesellschaft nicht gewachsen und wird zunehmend verzweifelter. Er sieht nach langem Abwägen seine einzige Chance zu überleben, darin in den Westen zu gehen. Und so kommt er eines Tages im Jahr 1961 von einem Chemikerkongress in Berlin nicht wieder...
Meine Meinung:
Ich habe dieses Jahr schon einige sehr gute Bücher gelesen, aber dieses hier lässt mich gar nicht mehr los! Der Leser weiß von Anfang an, dass die Beziehung zwischen Manfred und Rita gescheitert ist, denn die Geschichte wird in Rückblicken erzählt. Man muss schon sehr genau lesen, um sich in den wechselnden Zeit- und Erzählformen nicht zu verlieren, aber wer durchhält wird mit einem außerordentlich vielseitigem Roman belohnt.
Wie gesagt, erzählt Christa Wolf vordergründig eine Liebesgeschichte, die sehr anrührend und lebensnah beschrieben ist. Sie findet tolle Beschreibungen für das Verhältnis von Manfred und Rita, deren Zusammenleben nicht immer einfach ist.
Daneben spielt der Arbeitsalltag von - vor allem Rita - eine bedeutende Rolle. Aber auch andere Personen "berichten" ihre Erfahrungen. Besonders hervorheben muss man hier wohl die Figuren Rolf Meternagel, Ernst Wendland und Erwin Schwarzenbach. Ritas Einstellung zu ihrer Arbeit möchte ich gerne zitieren, sagt er doch auch viel über ihre Erwartungen und Gedanken aus:
| Zitat: |
Beim Schreiben merkte sie beschämt, dass sich ihr ganzes Leben auf einer halben Seite unterbringen ließ. Jedes Jahr, dachte sie, müsste man seinem Lebenslauf wenigstens einen Satz zufügen können, der das Aufschreiben wert ist.
S. 21 |
Interessant ist für mich auch gewesen, dass hier aufgrund der Zeit, in der es spielt, drei Generationen aufeinandertreffen, die kaum Verbindungen zueinander haben, z. B.
Ulrich Herrfurth (Jahrgang 1910), Manfreds Vater
Manfred Herrfurth (Jg. 1930)
Rita Seidel (Jg. 1940)
Die auftretenden Generationenkonflikte sind natürlich geschichtsbedingt, aber in einer Weise eindringlich, die mir mal wieder vor Augen führte, wie stark geschädigt damals alle vom Krieg und seinen Folgen waren.
Man muss bedenken, dass der Roman zu einer Zeit geschrieben wurde, als die Schriftsteller der DDR durch die Bitterfelder Doktrin aufgefordert waren, in den Betrieben des Landes die Arbeiter klennenzulernen und ihre Erfahrungen in ihren Schriften zu verarbeiten. Ziel war natürlich, den Arbeiter zu erreichen und ihm Literatur nahezubringen (bzw. ihn zum künstlerischen Schaffen zu animieren). Dies scheint in "Der geteilte Himmel" immer wieder durch. Zudem geht es aber auch darum, seine Zweifel an der neuen Ordnung "einordnen zu lernen". Christa Wolf macht ganz klar, dass von Anfang an nicht alle der SED hörig waren und zieht Grenzen zwischen den Funktionären, Kommunisten und den Politikverdrossenen. Ehrlich gesagt, war ich erstaunt, wieviel Kritik in dem Roman steckt. Naiverweise dachte ich, dass sei verboten gewesen und Grund für Zensur und Publikationsverbot. Aber in den 50er und frühen 60ern war man wohl noch etwas freier in seiner Meinungsäußerung als später.
Es gäbe noch soooooo viel anzumerken, aber wo anfangen, wo aufhören?! Deshalb nur noch mein Fazit:
Mehr von der Autorin!
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29.03.2007 08:59 |
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Voltaire
Zeitloser Forum-Superstar
  

Dabei seit: 10.05.2005
Beiträge: 6.328
Herkunft: Hamburg
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Ich finde ganz persönlich, dass die Bücher von Christa Wolf eigentlich immer ein Leseerlebnis sind. Leider, leider wird diese brillante Autorin oftmals nur auf ihre DDR-Vergangenheit reduziert, gerade auch von den Leuten, die nicht in der DDR gelebt haben.
"Der geteilte Himmel" ist ohne Frage ein ganz wichtiges Teil der deutschen Nachkriegsliteratur, und braucht sich auch nicht hinter Grass, Böll, Walser oder Lenz zu verstecken. Auch die DDR hatte durchaus ihre Literaturhighlights.
__________________ Chuck Norris isst keinen Honig - Chuck Norris kaut Bienen
Mich zu mögen ist ein Talent, welches nicht jeder besitzt
Ich kann dumme Menschen sehen (in Anlehnung an The Sixth Sense ).
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29.03.2007 09:12 |
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marilu

Doppel-As
Dabei seit: 11.03.2007
Beiträge: 126
Herkunft: Niedersachsen
Themenstarter
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"Der geteilte Himmel" stand seit 2001 in meinem Buchregal. Ich hatte es mir damals gekauft, weil ich es zum Teil meiner Buchhändlerabschlussprüfung machen wollte. Dann habe ich es angelesen und festgestellt, dass es nicht geeignet war für diese Art mündlicher Prüfung. (Wir mussten 10 Bücher unterschiedlicher Epochen und Genres vor- und nachbereiten und nur 1 - 2 wurden abgefragt). Allein das erste Kapitel machte mir klar, wenn ich darüber reden will, dann nicht in dem Rahmen.
Und so hat es lange gedauert, bis ich ihm wieder einen Blick widmete. Schade, dass ich so lange gewartet habe. Aber vieles von Christa Wolf ist jetzt auf meine Wunschliste gewandert.
Ich denke schon, dass im "geteilten Himmel" vieles aus der Zeit und der Gesellschaft heraus begründet liegt, in der es geschrieben wurde, aber darüber hinaus steckt doch sehr, sehr viel "generell menschliches" (ist klar was ich meine?) da drin. Die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit, die Einsamkeit und das Gefühl, nicht dazu zu gehören und verloren zu sein, das Streben nach Erfolg und Anerkennung - all das ist ja auch heute noch aktuell - in einer Industrienation wie unserer wahrscheinlich mit steigender Tendenz.
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29.03.2007 09:28 |
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imandra777

Kaiser

Dabei seit: 30.01.2004
Beiträge: 1.052
Herkunft: Norden von NRW
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Ich habe die Erzählung grade für ein Uniseminar gelesen und sie hat mir sehr gut gefallen. Wenn man aufmerksam liest, bemerkt man all doe Kleinigkeiten, die mit der DDR zu tun haben und merkt, dass viel mehr als die Liebesgeschichte zwischen Rita und Manfred im Mittelpunkt steht. Schon alleine Ritas sehr differenzierte Sichtweise des Lebens, der Liebe und ihrer Umgebung haben mich eingenommen.
Mein erstes Buch von Christa Wolf und es hat mich überzeugt. Ich kann es nur weiterempfehlen.
__________________ "Schweigen bedeutet für einen großen Teil der Menschheit Gewinn."Borondria, Großmeisterin der Golgariten
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16.03.2012 19:02 |
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Herr Palomar
Moderator
  

Dabei seit: 18.04.2006
Beiträge: 10.774
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Der geteilte Himmel – Christa Wolf
Rückseite:
Früher suchten sich Liebespaare vor der
Trennung einen Stern, an dem sich abends
ihre Blicke treffen konnten. Was sollen
wir uns suchen?
„Dem Himmel wenigstens können sie
nicht zerteilen“ sagte Manfred spöttisch.
Den Himmel? Dieses ganze Gewölbe
von Hoffnung und Sehnsucht, von Liebe
und Trauer? „Doch“ sagte sie leise.
„Der Himmel teilt sich zuallererst.“
Über die Autorin:
Christa Wolf, 1929 geboren, 2011 gestorben.
Der geteilte Himmel war ihr zweites Buch, 1963 veröffentlicht.
Ihr letzter zu Lebzeiten veröffentlichter Roman war Stadt der Engel.
Posthum erschien noch die Erzählung August und das tagebuchähnliche Buch Ein Tag im Jahr. 2001-2011.
Mein Eindruck:
Die Gattungsbezeichnung ist zwar Erzählung, aber für mich ist es aufgrund Länge und Konstruktion ein Roman.
Zudem eine gelungen Liebesgeschichte, auch wenn diese Beziehung scheitert, wie der Leser von Anfang an weiß. Aber die widersprüchlichen Gefühle des Paares sind realistisch geschildert, glaubhaft und nachvollziehbar. Rita und Manfred sind sehr unterschiedlich und machen im Verlauf der Handlung unterschiedliche Erfahrungen, die sie zwangsweise auseinander bringen. Die Charakterisierung ihrer Figuren ist eine große Stärke von Christa Wolf in diesem Buch. Das gilt auch für die Nebenfiguren. Als Beispiel möchte ich den Vater von Manfred nennen, der mit seinem kritischen Sohn zerstritten ist oder auch die Arbeitskollegen von Rita.
Die Jahre 1951 bis 1961 der DDR mit all seinen Bedingungen und Einschränkungen werden beim Lesen nachfühlbar, vielleicht besser als bei unbedingten systemkritischen Texten. Es lohnt sich auch heute noch, dieses Buch zu lesen.
__________________ Den Windmühlen nach, die falsche Wege weisen
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02.05.2013 16:58 |
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ginger ale

Doppel-As

Dabei seit: 17.02.2013
Beiträge: 140
Herkunft: aus der grünsten Stadt Europas
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Ach, es freut mich ungeheuer, wenn ich hier lese, dass dieser Roman von Christa Wolf euch auch so anspricht. Als junges Mädchen fiel mir beim Stöbern in der Bücherei der Titel ins Auge, und ich war beim Lesen tief beeindruckt von dem Roman. Damals gab es die Mauer noch, es war unvorstellbar, dass sie je fallen würde. Dies war das erste Mal, dass ich ein tieferes Verständnis von dem bekam, was sich in der DDR abspielte, indem ich mich hineinfühlen konnte. Diese zerreissende Liebe hat mich zutiefst bewegt.
Etwa 8, 9 Jahre später lieh ich mir dieses Buch wieder aus, weil der Titel mich so ansprach. Beim Lesen merkte ich nach kurzer Zeit, dass ich das schon mal gelesen hatte, aber es machte nichts. Beim zweiten Lesen verstand ich vieles noch besser, da ich selbst in der Arbeitswelt steckte. Dieses Verantwortungsgefühl, dass Rita Seidel dazu bewegt, zu bleiben, dieses "Wir", das fand ich auch ein wenig beneidenswert, denn in meiner Arbeitswelt (im Westen) gab es das nicht. Ein "Wir" entstand höchstens unter denen, die sich gewerkschaftlich organisiert hatten und gegen die Rationalisierung und die darauf folgenden Massenentlastungen kämpften.
Wiederum viele Jahren später kaufte ich mir selbigen Roman und stellte beim Lesen fest, ach, das ist ja d e r Roman! Auch beim dritten Lesen war es noch immer ein guter Roman.
So begann ich, zuerst "Kindheitsmuster" anschließend fast alle anderen Roman von Christa Wolf zu lesen. Christa Wolf zählt für mich zu den großen Autoren des 20.Jahrhunderts.
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Will & Will
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Dieser Beitrag wurde 1 mal editiert, zum letzten Mal von ginger ale: 02.05.2013 20:18.
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02.05.2013 20:13 |
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Herr Palomar
Moderator
  

Dabei seit: 18.04.2006
Beiträge: 10.774
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Das ist ja eine schöne Geschichte mir Dir und dem Buch, ginger ale
Kindheitsmuster möchte ich auch noch unbedingt lesen!
__________________ Den Windmühlen nach, die falsche Wege weisen
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02.05.2013 20:42 |
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