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Jahres-Gewinner Schreibwettbewerb 2006!

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Jahres-Gewinner Schreibwettbewerb 2006! Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Liebe Eulen,

hier findet Ihr alle Monats-Gewinner-Beiträge des Jahres 2006.

Vom 01.01.2007 bis zum 10.01.2007 habt Ihr die Möglichkeit, Euren Favoriten des Jahres 2006 zu wählen. Für die Abstimmung wird ein Extra-Punktethread eingerichtet, in dem Ihr wie üblich 3-2-1 Punkte verteilen könnt.

Der Jahres-Gewinner des Schreibwettbewerbs 2006 erhält von uns einen Büchergutschein von Amazon.de über

25,- EUR.

Viel Erfolg!

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Liebe Grüße Winken
29.12.2006 21:25 Buechereule ist offline E-Mail an Buechereule senden Beiträge von Buechereule suchen Nehmen Sie Buechereule in Ihre Freundesliste auf
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Januar 2006 Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

"Volksaufstand"
Thema: Stimmen
Autor: Tom
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Sie war ab der siebten Klasse unsere Deutschlehrerin, in der zehnten bekamen wir sie noch in Geschichte. Frau Schaufelgrau war eine kleine, dürre Frau mit faserigen, friedhofsblonden Haaren, zu einem Knoten gebunden, aus dem einzelne Haare wie das zerfranste Ende eines zu lange benutzten Besens hervorstanden.
Nach drei Jahren kannten wir sie gut, mit all ihren Schrullen, zum Beispiel die, zum Schlag gegen einen Schüler auszuholen und sich erst im letzten Moment zu besinnen. Oder Özlem nur „die Türkin“ zu nennen: „Türkin, weißt du das etwa?“
In der zehnten Klasse lernten wir, daß ihre Schrullen keine waren. Nach der Begrüßung zur ersten Geschichtsstunde sagte sie: „Wir befassen uns heute mit diesem Neger, Martin Luther King. Er hat die Neger gegen die Weißen aufgehetzt.“ Zwei Wochen später waren die Nürnberger Prozesse Thema: „Besatzerjustiz“. Es ging so weiter - Willy Brandt war ein kommunistischer Spion, der DGB ein Haufen Faulenzer. Einige Schüler wandten sich an den Rektor, aber der sagte: „Übt Nachsicht. Sie ist neunundfünfzig. Nächstes Jahr geht sie in Pension.“ Wir protestierten, aber der Rektor murmelte: „Sie ist alt. Übt Nachsicht.“ Dann nahm er den Telefonhörer und tat so, als müsse er jemanden anrufen.
Unsere Eltern lachten. „Sie hat doch recht“, sagte mein Vater, der einem CDU-Ortsverband vorstand. Achims Vater, der evangelische Gemeindepfarrer, nannte sie eine „rechtschaffende Frau“. Meine Mutter erklärte, die Schaufelgraus hätten viel verloren nach dem Krieg. „Was denn?“ fragte ich. Meine Mutter zog die Augenbrauen hoch und antwortete nicht mehr.
Unser Vertrauenslehrer, Herr Walter, nickte langsam, während wir ihm die Vorfälle schilderten. Er sagte: „Sie ist eine gute Kollegin. Alle mögen Frau Schaufelgrau.“ Und winkte uns zur Tür.

Ich sollte ein Referat halten, am sechzehnten Juni, das Thema war der sich jährende Volksaufstand; der siebzehnte Juni war damals noch Feiertag. Frau Schaufelgrau nannte die DDR „sowjetisch besetzte Zone“, aber für die Arbeiter, die den Aufstand begonnen hatten, fehlte ihr trotzdem jegliche Sympathie: „Sogar zu faul, um das bißchen Arbeit zu machen, das die Kommunisten übriggelassen haben.“

Meine Schwester Rike, die in die zwölfte Klasse ging, half mir.
Ich baute mich vor der Klasse auf und sagte:
„Obwohl die protestierenden Arbeit zunächst ganz praktische Ziele hatten, ging es ihnen und denen, die sich dem Aufstand anschlossen, rasch um viel mehr. Nämlich um Freiheit, Meinungsfreiheit. Sie ist das höchste Gut, aber sie läßt sich leicht unterdrücken. Dazu braucht es keine Tyrannen, es genügen Menschen, die ihre Macht mißbrauchen. Zum Beispiel Lehrer, die ihren Schülern Vorurteile aufdrängen, andersfarbige ‚Neger’ nennen oder eine Mitschülerin ‚Türkin’, statt ihren Namen zu benutzen.“
Es wurde unruhig in der Klasse, Özlem klatschte, Frau Schaufelgrau war aufgestanden, schien aber unschlüssig, ob sie auf mich zukommen sollte.
„Schlimmer noch als die Tyrannen sind die, die es dulden. Wer den Mund hält, macht sich mitschuldig, und er sorgt dafür, daß der Unsinn weiter verbreitet wird.“

Achim stand auf und skandierte „Freiheit! Freiheit!“, kurz darauf tat es die gesamte Klasse.
Der Tag ging in die Geschichte der Schule ein. Eine Woche später trat Frau Schaufelgrau den Vorruhestand an.

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Liebe Grüße Winken
29.12.2006 21:29 Buechereule ist offline E-Mail an Buechereule senden Beiträge von Buechereule suchen Nehmen Sie Buechereule in Ihre Freundesliste auf
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Februar 2006 Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

"Vorlesen"
Thema: Lesen
Autor: Babyjane
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Ich hoppste ins Bett und zog mir die Decke bis zu den Ohren hoch, bibberte ein wenig auf meiner Seite vor Kälte herum und schob dann kurzerhand meine Eisfüße unter seine Decke, was mir einen trägen Blick mit hochgezogenen Augenbrauen einbrachte. „Was wird denn das?“ „Nix nix“, nuschelte ich und wackelte ein bißchen mit den Zehen, aber er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, sondern las einfach weiter in seinem Buch. Ich rollte mich zur Seite und schüttelte mein langes Blondhaar über die Buchseiten und legte einen Augenaufschlag hin, der Brigitte Bardot neidisch gemacht hätte. Er brummte nur kurz und schob meine Locken vom Buch, um weiter lesen zu können.

Ok,ich mußte härtere Geschütze auffahren, ich hob seine Decke und schob mich, den Po voran langsam zu ihm herüber. Schön in Löffelchenstellung mit dem Kopf auf seinem Arm und dabei immer fein mit dem Popöchen gewackelt. „Was willst du?“ kam es unwillig von ihm. Ich rollte mit den Augen, was sollte ich schon wollen. Zur Antwort schob ich noch mal meinem Po hin und her und fuhr mit meinen kalten Füße an seinen Beinen hoch und runter. Er begann mit einer meiner Haarsträhnen zu spielen und las ungerührt weiter.

Ich schnaufte: „Nun mach schon, du weißt genau, was ich will.“ Er lehnte seinen Kopf an meine Schulter und pustete mir beim Atmen leicht in den Nacken, so dass ich eine leichte Gänsehaut überall bekam. Ich nahm seine Hand und platzierte sie strategisch günstig auf meinem Bauch. Wieder wackelte ich vorsichtig mit meinem Po an seinen Oberschenkeln herum. „Du bist ein Quälgeist.“ nuschelte er in mein Ohr und biß mir zart in die Schulter. „Loslosloslos.“ quängelte ich. Ein Seufzen entrang sich seiner Brust und ich kuschelte mich noch tiefer in seine Decke und atmete tief seinen Geruch ein. „Loslosloslos!“
„Also gut, du gibst ja doch nicht eher Ruhe!“ „Das hast du gut erkannt.“ Ich grinste und nickte zufrieden.

Leise begann er zu lesen. Seine Stimme nahm diesen angenehm rauen und verträumten Ton an, den sie nur beim Vorlesen für mich hat. Ich schloß die Augen und lauschte ihm hingerissen. Als er unvermittelt stoppte, wohl der Meinung ich sei eingeschlafen, bohrte ich ihm einen Finger in den Bauch. „Weiter lesen, zackzack.“ Brummelnd ergab er sich und endete erst mit einem kleinen Kuß auf meine Stirn, als ich schon lange leise vor mich hin schnarchend in seinen Armen lag.

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Liebe Grüße Winken
29.12.2006 21:32 Buechereule ist offline E-Mail an Buechereule senden Beiträge von Buechereule suchen Nehmen Sie Buechereule in Ihre Freundesliste auf
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März 2006 Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

"Liebeslügen"
Thema: Affären
Autor: Waldfee
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Max gibt mir einen langen Kuss, schiebt ein kleines Päckchen in meine Hände und hält sie fest. Ich darf es erst im Auto öffnen.

„Liebst du deinen Mann?“
„Ja.“
„Habt ihr Sex?“
„Manchmal.“
„Warum schläfst du mit mir?“

Weil ich verliebt bin? Weil ich begehrt werde? Es ist passiert, und ich wollte es wieder haben und wieder und jedes Mal zum letzten Mal… Ich weiß keine plausible Antwort, obwohl ich drüber nachdenke, den ganzen Weg die Treppe hinunter, aus dem Haus, bis zum Auto, das ich in einer versteckten Seitenstraße geparkt habe.

Ein Geschenk für mich! In einer kleinen roten Papiertragetasche… Dessous. Schöne Dessous aus schwarzem Samt, mit Stickerei. Teure Dessous, wie ich sie selbst nie kaufen würde. Was soll ich Timm erzählen, ohne rot zu werden? Was, wenn er in meine Tasche schaut und die Tüte entdeckt? Was, wenn er die edlen Teile in meiner Wäscheschublade sieht? Oder an mir? Oder eines Tages in einem Stapel Handtücher findet, wo ich sie versteckt habe? Schwitzend halte ich an einer Bushaltestelle und werfe das Geschenk in den Müll.

Halb bedauernd, halb erleichtert fahre ich weiter, doch mein Gewissen meldet sich gleich wieder: Was erzähle ich Max, wenn ich die Teile beim nächsten Mal nicht trage – und beim übernächsten Mal auch nicht? Doch gut, dass das Corpus Delicti im Mülleimer liegt: Timm ist schon zu Hause.

„Wie war’s beim Zahnarzt?“
„Ich muss ganz dringend.“ sage ich und verschwinde zitternd im Bad. Ich rieche nach fremdem Rasierwasser, nach Schweiß und nach Sex. Ich wasche mich mit viel Seife und putze die Zähne.

„Musst du nicht Koffer packen? Soll ich dir was bügeln?“ biete ich an, die Klinke der Badezimmertür noch in der Hand.
„Ich fahre doch nicht weg. Bist du jetzt enttäuscht?“ Sein Sarkasmus lässt mich erröten.
„Du sollst Eva anrufen.“ sagt Timm, und ich halte seinem Blick noch immer nicht stand. Eva, meine beste Freundin. Schweigen liegt über unseren Gesprächen. Ich hätte ihr soviel zu erzählen und kann nicht, denn ihr Mann ist Timms Freund. Was ist das für eine Verliebtheit, die ich nicht in die Welt hinausstrahlen darf, die auf wackligen Lügenbeinen steht und sich in einer Wohnung verstecken muss? Ich warte, bis es dunkel ist.

„Ich gehe spazieren.“ sage ich endlich und sehe, wie Timm erbleicht. Es tut mir leid, möchte ich sagen, ich mache alles kaputt, und es bricht mir das Herz. Affären sind hip, das Aphrodisiakum der Ehe, das schönste Geheimnis. Das wahre Leben sieht anders aus: Mich zerreißt es zwischen Erregung und Angst, Versuchung und Reue, mein Geheimnis wird zur Qual.

Warum sind alle Telefonzellen beleuchtet? Und wer kam auf die Idee, wir sollten ein Handy gemeinsam benutzen? Mein Magen schmerzt.

„Max? Ich komme morgen nicht.“
„Wie schade.“
„Ich komme überhaupt nicht mehr. Nie mehr.“

Bevor er etwas sagen kann, lege ich auf. Meine Hände zittern, meine Knie, meine Lippen. Es tut weh. Heißt das, dass es Liebe ist? Wenn ich mich ausgeweint habe, werde ich mit Timm schlafen. Ich werde mir vorstellen, es wäre Max.

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29.12.2006 21:35 Buechereule ist offline E-Mail an Buechereule senden Beiträge von Buechereule suchen Nehmen Sie Buechereule in Ihre Freundesliste auf
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April 2006 Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

"Bist Du Deutschland?"
Thema: Werbung
Autor: Idgie
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Du bist Deutschland! Ach! Dieser Slogan brüllt mich seit neustem überall von
meterhohen Plakatwänden an. Wer denn jetzt? Ich, oder du auch, und jeder,
der diesen Beitrag auch noch lesen wird? Sind wir alle gemeint?
Moment mal, waren wir nicht erst gestern noch Pabst? Jetzt sind wir also
Deutschland. Und was ist denn das überhaupt für ein Deutsch? Egal,
schließlich sind wir aus der Ecke ja schon einiges gewohnt. Fragen wir also
einfach bei der Auskunft nach, denn: Da werden Sie geholfen!
Hat mich jemand gefragt, ob ich das überhaupt will, Deutschland sein?
Vielleicht will ich einfach so bleiben, wie ich bin. Ich darf ja. Sagt
wenigstens die Frau mit den kalorienreduzierten Leckereien.

Andererseits, kann ich mir wirklich aussuchen, ob ich bleibe, wie ich bin,
wenn ab Juni die Welt zu Gast bei Freunden ist? Was macht man mit Freunden?
Ach ja, Freunden schenkt man ein Küsschen. Oder auch zwei. Nein, nein, das
geht zu weit! Heißt das, die Gäste der Fußball-WM dürfen mich jetzt alle
küssen? Auf keinen Fall, so freigiebig bin ich beim Küssen nicht. Muss ich
auch nicht, denn Geiz ist ja geil.
Die Blaufrau mit der Wahnsinnsschminke hat diesen Gedanken durch penetrantes
Wiederholen inzwischen fest in mein Gehirn implantiert. Bei der täglichen
Schnäppchenjagd nach nützlichem oder auch total überflüssigem Kram sparen
uns noch doof und dämlich. Sogar bei der Gastfreundschaft. Und mit der
Gastfreundschaft lassen sich sowieso die geilsten Geschäfte machen. Wohnst
du noch, oder vermietest du schon? Zum Beispiel dein Wohnzimmer an
Fußballfans. Coole Sache, da muss man einfach mitmachen. Ich entdecke die
Möglichkeiten! Da kann man innerhalb kürzester Zeit die Jahresmiete wieder
reinholen. Wenn die Mediaknechte die vielen WM-Gäste jeden Tag in ihren
Spots nach allen Regeln der Kunst verarschen dürfen, dann muss ich da auch
mitmachen dürfen. Ich bin ja nicht blöd!
Vielleicht kann ich auch gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, denn
ich bin ein bekennender Ballallergiker und wenn ich es geschickt anstelle,
dann vermiete ich die Wohnung zimmerweise für die ganze Saison. Nichts ist
unmöhöglich! Schon gar nicht, dass mir jemand hierfür Punkte gibt. Augenzwinkern

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29.12.2006 21:40 Buechereule ist offline E-Mail an Buechereule senden Beiträge von Buechereule suchen Nehmen Sie Buechereule in Ihre Freundesliste auf
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"Betreutes Wohnen"
Thema: Jenseits von Gut und Böse
Autor: Polli
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Zu Beginn des Sommersemesters kommt Hermann in einer WG unter. Nichts Besonderes in einem Universitätsstädtchen. Für ihn schon. Ada, seine Haushälterin, hat ihm unmissverständlich klargemacht, dass sie in Rente gehen wird. Oder nach Bamberg ziehen will?

“Man lügt wohl mit dem Munde, aber mit dem Maule, das man dabei macht, sagt man doch die Wahrheit”, zitiert Hermann und schaut Ada finster von der Seite an. Sie verhält sich seltsam, schüttelt ihm zum Abschied lange, zu lange die Hand. Ungewöhnlich – ihr, der Resoluten, stehen Tränen in den Augen.

Die WG ist so, wie sie Hermann aus seiner Studentenzeit kennt. Es gibt einen Aufenthaltsraum mit Küchenzeile, dazu mehrere Zimmer.
“Ich stelle Sie den anderen vor”, sagt der junge Mann im Strickpullover. “Ist es Ihnen recht, wenn ich Sie Hermann nenne?”
“Ich bin Philosoph, junger Mann.”
“Natürlich.”
Die anderen mustern ihn.
“Hermann, Ihr neuer Mitbewohner, Philosoph. Inge, Ela, Theo.”
Hermann zitiert: “Ein Philosoph: das ist ein Mensch, der beständig außerordentliche Dinge erlebt, sieht, hört, argwöhnt ...”
“Dann sind Sie hier genau richtig, Hermann”, sagt der junge Mann.
“Ich bin Philosoph, junger Freund.”
“Natürlich.”

Beim Essen nehmen sie ihre gewohnten Plätze ein. Inge und Ela sitzen sich gegenüber, Theo steuert den Fensterplatz an. Ärgerlich! Seit Jahrzehnten pflegt Hermann am Fenster zu sitzen. “Ada!”, ruft er.
“Suppe, Hermann?”, fragt der Schnösel, der sich ungefragt in Adas Angelegenheiten einmischt.
“Ich bin Philosoph, ich lese Kant, Nietzsche. Ich zitiere -”
“Später, Hermann. Jetzt ist Essenszeit. Ich schlage vor, dass Sie sich auf den freien Platz setzen.”
Hermann ist ungehalten. Dieser Thilo beginnt zu essen. Rücksichtslos! Die Frauen eifern ihm nach.
“Ada! Mein Platz! Mein Essen!”
“Ada arbeitet nicht mehr für Sie. Sie leben jetzt in der Außenwohngruppe von Haus Gottessegen.”
Lügner, dieser Fremde!
“Ada!”
“Ich begleite Sie hinaus in Ihr Zimmer und Sie essen später.”
Wie Ada. Der Tonfall duldet keine Widerrede. Er lässt sich hinausführen in ein unbekanntes Zimmer.
“Legen Sie sich hin, wenn Sie mögen, Hermann.”
“Philosoph.”
“Ich weiß. Sie lesen Nietzsche.”
“Sehr zu empfehlen. Einer meiner Doktoranden hat übrigens die interessante Hypothese aufgestellt – ich suche Ihnen gleich die Textstelle – wo ist denn mein Bücherregal?”
Hermann ist irritiert. Er findet seine Aktentasche und nimmt sie an sich.
“Mein Gedächtnis, junger Mann. Ohne meine Aufzeichnungen bin ich verloren.”
“Dann halten Sie Ihre Tasche gut fest”, sagt der Doktorand.

Im Aufenthaltsraum wird es laut. Theo flucht, weil er seinen Rollstuhl nicht wenden kann. Inge schimpft. “Fluchen ist Sünde.”
Ela hüllt sich in ihren gelbgrünen Schal. Die Fransen hängen im Suppenteller und färben sich tomatenrot.
Das Telefon klingelt, es ist Ada. Sie will wissen, wie es Hermann geht. “Gut, hoffe ich”, sagt der Pfleger. “Meine Schicht endet gleich, ich werde den Kolleginnen mitteilen, dass Hermann Philosoph genannt werden will und dass er gewohnt ist, am Fenster zu sitzen. Wissen Sie, aus welchem Buch seine Zitate sind? Das könnte uns das Kennenlernen erleichtern.”
“Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse.”
Hermann taucht im Flur auf. “Zitate? Sie sollten wissen, junger Mann, ich bin Philosoph.”
“Natürlich”, sagt der Fremde freundlich.

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29.12.2006 21:43 Buechereule ist offline E-Mail an Buechereule senden Beiträge von Buechereule suchen Nehmen Sie Buechereule in Ihre Freundesliste auf
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"Giraffen"
Thema: Sport
Autor: Nudelsuppe
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Ich hatte die Fenster mit einem schwarzen Bettlaken verhängt, doch an der linken Seite schlich sich die Morgensonne in mein Zimmer und blendete mich.

„Giraffen“, dachte ich. Es war mein erster Gedanke an diesem frischen Tag. Ich war schon seit einem Jahr in Berlin, doch ich kannte immer noch niemanden hier. Die Stadt war voll mit Menschen, mit denen ich nichts zu tun hatte, und die nichts mit mir zu tun hatten.

Im Zoo hatten sie welche. Giraffen. Auch Elefanten, Lemuren, und jede Menge Vögel. Den einen oder anderen Papageien. Ich mochte sie nicht. Es klingt vielleicht seltsam, aber ich habe Angst vor Vögeln. Vor allem vor Papageien. Man weiß nie, was sie denken, und dabei reden sie auch noch. So ähnlich wie Frauen. Es ist schon lange her, dass ich mit einer Frau zusammen war, damals, auf Island. Sie mochte Schafe, und sie wurde schwanger. Aber bevor sie unser Kind bekam ging sie nach Amerika. Damals beschloss ich, nur noch Sachen aus der Dose zu essen. Wenigstens da kann man sicher sein, dass das, was drin ist, auch wirklich tot ist.

Seitdem ich in Berlin bin gehe ich jeden Tag in den Zoo. Ich schaue mir die Elefanten an und hasse sie. Danach gehe ich zu den Lemuren und hasse sie ebenfalls. Am Schluss bin ich bei den Giraffen, und die hasse ich nicht. Oft stelle ich mir vor, wie es wäre, eine Giraffe zu sein, den Hals zu recken und den ganzen Tag den Kopf in die Luft zu halten. Aber ich betrachte vor allem ihre Beine. Als Giraffenjockey muss man das einschätzen können, wie schnell sie rennen, und Giraffen rennen sehr, sehr schnell. Tatsächlich bin ich noch nie geritten, aber für einen Pferdejockey bin ich zu groß. Und außerdem hasse ich Pferde.

Wenn ich in mein Zimmer zurückkomme schaue ich an die Wand, auf die ich mit einem schwarzen Filzstift die Landkarte von Afrika gemalt habe. Überall, wo es Giraffen gibt, stecken Markierungen in der Wand. Und dann stelle ich mir vor, wie ich mit anderen Jockeys am 1. afrikanischen Giraffenrennen teilnehme. Ich werde der einzige Weiße sein, und alle werden mich auslachen, vor allem die Frauen. Die lachen immer. Aber am Ende werde ich alle überraschen und gewinnen, und die hübscheste der Frauen, eine mit einem irrsinnig langen Hals, wird ihre Arme um mich schlingen und Kinder von mir haben wollen. Wir werden im Busch leben, Giraffenbabys großziehen, und natürlich unsere eigenen Babys, von denen wir jedes Jahr ein Neues haben werden. Und aus den ganzen leeren Dosen werden wir uns ein prachtvolles Häuschen bauen, das unter der afrikanischen Sonne funkelt und glänzt.

„Giraffen sind gut“, sagte ich jetzt laut, und stand auf.

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"So kalt"
Thema: Hitze
Autor: churchill
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„Mir ist kalt. Heizung an! Mach endlich das Fenster zu!“

Ein nervender Husten unterbricht seine Anweisungen. Kalt ist ihm. Bei geschätzten 25 Grad im Raum ist diese Aussage für alle anderen eine Farce. Der Arzt hat gemeint, das sei normal, wenn sich das Leben dem Ende nähert. Heiße und kalte Empfindungen wechseln dann mitunter ab. Nicht bei ihm. Ihm ist nur kalt. Und die Schuldige daran hat er natürlich längst ausgemacht.

„Du bist tatsächlich zu blöd, die Heizung zu bedienen! Hol eine Decke. Die braune aus dem Keller.“

Selbstverständlich bringe ich ihm die Decke. Die grüne vom Speicher. Die braune aus dem Keller dürfte sich schon vor annähernd 20 Jahren in ihre Bestandteile aufgelöst haben. Der temporäre Orientierungsverlust bezüglich zeitlicher Zuordnung einzelner Lebensabschnitte sei ebenfalls typisch in diesem finalen Stadium. Offensichtlich bringt ihn die zerfallene braune Decke dann doch noch zu einem letzten Rendezvous mit der Logik:

„Hast du dir alles notiert, was die Beerdigung betrifft?“

Natürlich habe ich alles notiert. Fein säuberlich. Ohne jeden Fehler. Schließlich ist dies bereits meine Aufgabe gewesen, bevor er mich in den abgeschlossenen und jederzeit gut bewachten Hafen der Ehe bugsiert hatte. Zum Diktat erscheine ich in treuer Regelmäßigkeit und jeglicher Stellung seit 35 Jahren. Sein ganzes Ego bestand darin, stets die Hosen an zu haben, in besonderer Weise gerade dann, wenn er mal wieder geruhte, sie auszuziehen. Ist das Abschweifen der Gedanken bei Angehörigen (welch passende Bezeichnung) eines sterbenden Alphatiers ebenfalls normal?

„Eichensarg. Nur weiße Lilien. Du weißt, wie ich Rosen hasse!“

Die Erklärung bezüglich der unpassenden Rosen geht im nächsten Hustenanfall unter. Ich kenne sie sowieso schon. Brav bestätige ich ihm auch die schriftlich fixierte Positionierung des Verdienstkreuzes auf dem Sargdeckel, die Bestellung des Streichquartetts, das ausschließlich Haydn und keinesfalls Mozart zu Gehör bringen darf sowie die exakte Reihenfolge der Grabredner.

„Verdammt noch mal, mir wird immer kälter!“

Der Klingelton befreit mich von der Erledigung weiterer Deckenbeschaffungen. Aus Rücksicht auf den Dahinscheidenden senke ich meine Stimme.

„Ja, ich habe weiterhin Interesse an Ihrem Angebot. Wie lange dauert es, bis...? Drei Wochen nach Eintreffen der Asche? Ja, wie gesagt, ich habe mich für den Einkaräter entschieden. Als Brillant geschliffen. Nein, nicht als Ring, lieber als Anhänger. Ohne Beschriftung. Nein, der Preis ist kein Problem. Gut. 12000 Schweizer Franken. Ähm.... nein...die Asche ist noch nicht... aber es kann sich nur noch um wenige Tage... Vielen Dank, Sie hören von mir.“

„Verfluchte Kälte!“

Er selbst hat mir so oft eingetrichtert, dass ich jegliche Aufregungen von ihm als Chef und Haushaltsvorstand fernzuhalten habe. So übe ich die Rücksicht, die seiner besonderen Situation angemessen ist. Welchen Sinn hätte es, ihm zu eröffnen, dass das mit der Beerdigung nicht ganz so ablaufen wird, wie er es mir (und nur mir) diktierte. Diese wunderbaren Möglichkeiten der Technik! Aus menschlicher Asche Diamanten zu machen. Faszinierend! Unter extremem Druck und Temperaturen bis zu 1700 Grad in mehreren Wochen etwas Einzigartiges herstellen zu können...

„So kalt...“

„Bald ist es nicht mehr kalt, mein Schatz!“
Mein Schatz...

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29.12.2006 21:47 Buechereule ist offline E-Mail an Buechereule senden Beiträge von Buechereule suchen Nehmen Sie Buechereule in Ihre Freundesliste auf
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"Grau"
Thema: schwarz-weiß
Autor: Roxane
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Meine Füße stolperten über den steinernen Boden, laut, hallend. Am Klang der Schritte konnte man meine Panik hören, wie sie mir die Kehle hinaufkroch, um sich auf meiner Zunge in einen Schrei der Verzweiflung zu verwandeln und sich hilflos in der vor Angst kreischenden Stille zu verlieren. Weiß.
Ich lief diagonal. Es schien egal zu sein, wie ich lief, gerade, diagonal, horizontal, senkrecht… es blieb ja doch immer der gleiche gigantische, in die Irre führende Untergrund. Schwarz.
Der Boden wies keinerlei Schrammen, Löcher oder sonstige Gebrauchsspuren auf. Gespenstisch… Noch zehn Schritte bis zum Weiß. Schwarz.
Mein Blick blieb auf den Boden geheftet, mit jeder noch so winzigen Faser meines Körpers sehnte ich das nächste Feld herbei - das weiße Feld… Als ob mich mein endloser, verzweifelter, bereits Stunden andauernder Marsch über diese immer gleich bleibende Fläche irgendwie weiterbringen könnte, fort von hier, nach Hause…
Obwohl ich genau wusste, dass es keinen Ausweg von hier gab, versuchten meine nach dem nächsten weißen Feld heischenden Augen meinem Gehirn vorzugaukeln, mit jeder neuen Farbe käme ich meinem Ziel näher. Ein Ziel hatte ich: Fort von hier. Doch egal, über wie viele schwarze und weiße Felder meine schweren Füße sich schleppten, ich war diesem Ziel nicht näher, als ich es am Anfang gewesen war… Gleichwohl quälte ich meine hoffnungslosen Beine zum nächsten Feld. Weiß.
Die wenigen nur aus Hoffnung und Vorgauklerei bestehenden Nähte, die meinen Körper noch zusammenhielten, drohten zu reißen, als ich meine Lippen nicht öffnete, um einen panischen Schrei herauszulassen, der in meinem Mund tobte und von innen gegen meine Vorderzähne hämmerte. Schwarz.
Vor lauter Anstrengung, nicht zu platzen, bemerkte ich nicht das monströse steinerne Etwas, das sich anbahnte. Nein, ich war es, die sich anbahnte, nur ich, das Etwas stand still vor mir, einige Meter entfernt, doch der Abstand wurde immer geringer. Und ich, immer noch den angstgelähmten Blick auf den Boden gerichtet, bemerkte es nicht. BUMM. SPLITTER.
Ich hatte der Dame zwei Finger abgeschlagen. Sie bestand wohl doch nicht aus Marmor.
Ich hatte immer geglaubt, die Figuren beim Schach hätten kein Eigenleben.
In diesem Moment aber wurde mir schmerzlich klar, dass ich mich geirrt hatte.
Die Dame lies mich bereuen, was ich ihr unbewusst angetan hatte. Sie packte mich mit einer ihrer riesigen steinernen Pranken und wirbelte mich durch die Luft. Dabei glich sie einer perfekten Hammerwerferin, doch wo hatte sie das gelernt? Beim Schachspiel?
Ihr zorniger Aufschrei glich dem einer aufgebrachten Löwin, die der gerissenen Antilope beraubt worden war.
Wo ich mich genau befand, wusste ich nicht mehr, als ich so über ihrem gigantischen Kopf kreiste, unter mir existierte nur noch ein unendlicher Wirbel aus schwarzen und weißen quadratischen Feldern, dich ich aber nicht mehr als solche definieren konnte. Ich wusste, dass die Felder quadratisch waren, das hatte sich erfolgreich in mein Hirn eingebrannt, doch zu erkennen waren zuerst nur noch schwarze und weiße Ovale, dann Striche, die miteinander verschmolzen… Schwarz. Weiß. Schwarz.
Grau…

Schweißgebadet erwachte ich aus meinem Alptraum.
Eindeutig: Ich spiele zu viel Schach…

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Liebe Grüße Winken
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"Augustin"
Thema: Zukunftsmusik
Autor: Doc Hollywood
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Das Besondere an Augustin war, dass er einem stets das Gefühl gab, an etwas Großem teilzuhaben - selbst auf dem Schulhof, als es nur darum ging zwei Mannschaften zu bilden, um einen Fussball über den Platz zu dreschen. Beim Tipp-Topp war er nicht zu schlagen. Einen Fuß vor den anderen setzend, den Wartenden fast beiläufig einen wissenden Blick zuwerfend, machte Augustin selbst aus dieser simplen Prozedur ein Zeremoniell.

Wir waren Freunde, irgendwie. Nicht so, dass wir stets nach der Schule zusammen den Bolzplatz oder die Grünanlagen unsicher machten. Uns verband etwas, das wir nie aussprachen, wofür es für uns damals keine Worte gab. So traf ich Augustin nach der Schule meist zufällig, wenn ich mir die neueste Ausgabe von YPS holte und dabei auch gleich meine aufgelaufenen Schulden im Tabakwarenladen der Hölzigs beglich. Für Comics durfte ich das wenige Taschengeld eigentlich nicht ausgeben, nur manchmal ein Heft, das war erlaubt. Da ich aber weder auf die Gimmicks des karierten Känguruhs, noch auf die Abenteuer von Silberpfeil und Durango Kid verzichten konnte, ließ ich bei der großherzigen Frau Hölzig anschreiben, um nach ein paar Wochen meine mühsam zusammengesparten Markstücke auf das ermattete Glas ihres Tresens zu zählen. Und dort traf ich auch Augustin, der mir vor dem Laden die neueste Ausgabe von Superman hinhielt.
„Brainiac hat eine Zeitmaschine gebaut, um Superman als Baby umzubringen“, sagte er und blätterte die Seite auf, in der ein grüngesichtiger Schurke eine schimmernde Metallkapsel bestieg.
„Wow“, antwortete ich und konnte meinen Blick kaum von den in weißen Balken gerahmten Zeichnungen nehmen. „So eine Zeitmaschine ist ’ne Wucht. Da könnte ich die vergeigte Matheprobe von letzter Woche nochmal machen.“
„Viel besser“, flüsterte Augustin mir zu, während er mit funkelnden Augen dem Zeitsprung Brainiacs zusah.

Wochen später nahm mich Augustin nach der letzten Stunde zur Seite. „Heute Abend um sechs, Garagenhof, ganz hinten.“ Damit ließ er mich verdutzt stehen und ging eilig davon.
Der Nachmittag war endlos. Nach den Hausaufgaben, ein paar hastig verschlungenen Pfannkuchen und einem flüchtigen Blick auf die Barbapapas, wurde es endlich Abend. Ich nahm vier Treppen auf einmal, zog die schwere Tür zum Hinterhof auf und schwang mich über die bröckelnde Ziegelsteinmauer in den benachbarten Garagenhof. Unter den schiefen Türen der letzen Wellblechbox schimmerte Licht hervor. Ich klopfte, von innen wurde klappernd die Verriegelung gelöst.
„Komm rein“, sagte Augustin und zog mich in die Garage.
„Was ist das?“ Ich starrte mit offenem Mund auf das silberne Ding vor mir.
„Opas Käfer, naja, die Überreste davon“, erklärte er und wischte sich die Hände an der Hose ab, während er mir bei der Umrundung des Gefährts zusah.
„Jetzt ist er eine Zeitmaschine.“ Seine Stimme wurde zu einem ehrfürchtigen Flüstern.

Wir saßen noch lange in Augustins Zeitmaschine und schmiedeten Pläne die Welt damit zu verändern. Doch wie wir in den folgenden Jahren unsere Utopien aus den Augen verloren, verloren wir auch uns selbst. Augustin verschwand irgendwann aus meinem Leben, bis vor zwei Tagen dieses Päckchen eintraf: Eine kurze Nachricht von Augustin und die Tageszeitung von Übermorgen.

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"Danach"
Thema: Zwielicht
Autor: blaustrumpf
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Es stimmt nicht, denkt sie. Es ist einfach nicht wahr. Die Dämmerung fällt nicht. Es ist genau andersrum. Dämmerung steigt hoch, kriecht unter den Blättern hervor, aus dem Gebüsch, hält kurz inne am Waldrand, ehe sie sich über die Wiese legt. Das Zwielicht, dann wenn man nicht sagen kann, ist es noch Abend oder schon Morgen, das währt eine Zeit. Und dann geht es plötzlich sehr schnell. Sehr schnell. Und immer zu schnell.

Sie sieht hinaus in den Garten, bis sich ihr Blick im Unterholz verliert, dort, am Waldrand. Hier hat sie wohnen wollen, leben genau hier, wo die Grenzen verschwimmen, wo eines beides sein kann und so etwas ganz anderes. Dichterin, hat er gelacht. Meine kleine Dichterin. Verträumt und nie um Worte verlegen. Nie hätte er geahnt. Wie auch sie nicht.

Vielleicht wäre es besser fortzugehen, dorthin, wo alles eindeutig ist, wo die Dunkelheit und der Tag nicht Wange an Wange liegen, wo das Licht klar und hell ist und aus den Fenstern strahlt, bis die Sterne nur matt noch leuchten. Vielleicht. Vielleicht hätten sie gehen sollen. Als es noch ging. Und vielleicht wäre das Zwielicht ihnen nicht gefolgt. Vielleicht.

Aber ihr, ihr fällt gar nichts mehr leicht. Selbst das Atmen macht Mühe, und den Blick zu wenden, zurück ins Haus, ins wohl geordnete Leben, braucht Kraft, die sie nicht hat. Nicht mehr. Nun wartet sie und sieht, wie die Dämmerung steigt. Erst wenn das Zwielicht der Dunkelheit weicht, wenn der Garten in der Nacht versunken ist, kann sie sich lösen.

Noch sieht sie die Wiese, ahnt Dahlien und Astern, Löwenzahn und Klee. Noch wandert ihr Blick zum Sandkasten, dorthin, wo ein gelbes Sieb liegt, eine rote Plastikschaufel daneben. Aus dem Augenwinkel folgt sie den Herbstblättern, die eine Böe über das Gras treibt. Vor der Einfassung des Pools ballen sie sich, da, wo der Igelsteg den Kleintieren einen Ausweg gönnt.

Lange hält sie dem Anblick nicht stand. Lieber schaut sie zum Waldrand, wo das Unterholz schon in Dunkelheit liegt. Lieber blickt sie zum Himmel, der seit Tagen Regen verspricht und doch nicht aufreißt. Lieber schaut sie und sieht nichts, lieber vertraut sie darauf, dass das Zwielicht vorbeigeht, dass die Dämmerung das Gelb und das Rot mitnimmt, wenn sie der Dunkelheit weicht.

Lieber schaut sie und sieht nichts. Und wendet sich auch nicht um, als sie hinter sich eine Nähe spürt und ein Arm sich um ihre Schultern legt. Sie blickt hinaus und sieht nichts und will auch nichts hören, will nur stehen und schauen. Aber er spricht und zerreißt das Schweigen, macht sie sehen, wo nichts mehr ist, das sie lieber sähe als Dämmerung, Zwielicht und Dunkelheit.

Willst du nicht das Licht anmachen, fragt er, so im Dunkeln, du siehst ja gar nichts. Mach doch die Lampe an, setz dich zu mir, lass uns reden, wie früher. Wie früher. Und sie atmet und lächelt sanft, streichelt die Hand auf ihrer Schulter und setzt sich und lächelt und atmet. Bis er fragt: Gehen wir morgen zum Friedhof?

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"Eileen"
Thema: Ein Mädchen
Autor: Nudelsuppe
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„Das mit dem Schreiben ist ganz einfach“, sagte sie. „Man macht einfach nur Sätze, die einem gefallen, und die anderen lässt man weg.“
Seitdem ich Eileen kannte sprach sie nur davon, dass sie eines Tages eine berühmte Schriftstellerin sein wollte. Mit sechzehn war sie zu Hause ausgezogen und wohnte in einer Wohngemeinschaft. Sie verliebte sich in eine ältere Mitbewohnerin und machte mit ihr ihre ersten sexuellen Erfahrungen. In der Zeit fand sie den Namen Eileen, nach dem Lied von Dexys Midnight Runners, und begann eine schwarze Mütze zu tragen. Nun war sie zwanzig und hatte eine eigene Wohnung mit Waschmaschine und einem blauen Wasserkocher. Die Mütze trug sie immer noch.
„Ich bin nicht lesbisch“, sagte Eileen, „Ich mag nur Frauen lieber als Männer.“
Ich nickte. Wir saßen bei McDonalds, weil sie das Licht dort so mochte. Wir trafen uns einmal die Woche bei McDonalds, sie aß zwei Doppelcheeseburger und eine Apfeltasche, ich einen Big Mac. Sie trank Erdbeermilchshakes und ich einen Liter Kaffee.
„Weißt du, dich mag ich auch. Du hast etwas sehr mädchenhaftes“, sagte sie.
Ich wusste nicht, ob ich mich darüber freuen sollte.
Es war inzwischen kurz nach Mitternacht. Eileen legte ihren Kopf auf die Tischplatte und sah zum Fenster hinaus. Ich folgte ihrem Blick. Es hatte geregnet, und es kam mir vor, als schaue man in ein neonbeleuchtetes Aquarium. Ich legte meinen Kopf ebenfalls auf die Tischplatte.

„Wenn ich mal eine große Schriftstellerin bin, dann ziehe ich in ein großes Haus am Meer. Ich kaufe mir einen Hund, der groß und schwarz ist und den Leuten Angst macht. Ich hätte gern einen Schaukelstuhl und eine Veranda. Da sitze ich dann und schreibe. Ich schmeiße die schlechten Sätze weg und hebe die guten auf, und jedes Jahr gibt es ein neues Buch von mir.“
„Kann ich dich dann besuchen kommen?“ fragte ich.
„Ich würde gern ein Kind von dir haben wollen. Wenn ich eine erfolgreiche Schriftstellerin bin.“
„Aber ich dachte, du magst lieber Frauen?“
„Ja, schon. Aber wenn ich ein Kind haben will, dann von dir. Abgemacht?“
Wir hoben gleichzeitig unsere Köpfe. Ich nahm ihre Hand, drückte sie.
„Versprochen,“ sagte ich.
Sie ließ ihre Hand in meiner liegen, sie kam mir vor wie ein kleiner Vogel, den ich gefangen hatte. Es fing wieder an zu regnen, die Tropfen hafteten an der Scheibe, in denen sich das Licht verzerrte.

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"Blautismus"
Thema: Blau
Autor: Roxane
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»Kennst du das?«
Ihre Finger umschlangen einander, lagen ganz symmetrisch da, bildeten ein perfektes Muster. Nur der kleine Finger ihrer rechten Hand war anders; das war falsch. Sie spreizte ihn so merkwürdig nach außen ab, wo er doch eigentlich in einem rechten Winkel mit ihrem linken kleinen Finger zusammentreffen sollte. Wie gern hätte er ihn zurechtgerückt, doch er scheute den Körperkontakt. Um nichts in der Welt wollte er sie berühren. Es war falsch.
»Kenne ich was?«, fragte er und versuchte, ihre Wimpern zu zählen. Es gelang nicht.
»Es ist … komisch, aber heute hab ich wieder daran gedacht. Vor einem Jahr ist es mir zum ersten Mal aufgefallen, oder vor zwei. Damals war ich gerade zwölf geworden …«
Dann war es exakt vor anderthalb Jahren, zwei Monaten und zwei Wochen, dachte er.
»Und?«
»Kennst du das, wenn du eine Zahl hörst und dir diese Zahl dann farbig vorstellst? Bei mir ist eine Zwei orange. Eine Eins ist weiß, aber eine Vierunddreißig grüngelb. Kennst du das?«
»Blau.«
»Wie?«
»Alles ist blau. Eins, zwei, drei. Kein Unterschied.«
»Bei dir sind alle Zahlen blau? Wirklich?«
»Vierunddreißig ist blau. Vierzig, fünfzig, sechzig. Alles blau. Blau ist richtig.«
»Aber es gibt kein richtig oder falsch. Liegt das bei dir denn nicht im Unterbewusstsein?«
Sie stützte die Ellbogen auf dem Zaun auf und legte das Kinn in die Hände. Eine Strähne rutschte aus ihrem blonden Pferdeschwanz und verirrte sich zwischen ihre Augen. Er begann einen neuen Versuch, um sich von der falschen Haarsträhne abzulenken. Die Wimpern waren zu viele, flimmerten vor seinen Augen.


Sie sah die Blockade in seinen tiefschwarzen Augen, sah, wie die Teilnahmslosigkeit darin umherschwamm und ihre Kreise zog wie kleine dunkle Fische. Er erwiderte ihren Blick nicht wirklich, in Wahrheit gingen seine Pupillen überhalb ihrer Augen spazieren, huschten verstört umher, als ob sie etwas suchten und nicht fanden.
Sie wünschte sich, er würde sie nur ein einziges Mal so ansehen, wie sie ihn ansah. Nicht mit dieser Sachlichkeit, nicht mit diesem Drang, Informationen aus all ihren Bestandteilen herauszufiltern.
»Was … ist mit Buchstaben, Lars?«, hob sie an. »Sind deine Buchstaben auch blau?«
»Blau. Blau ist richtig.«
»Du findest blau schön, was?«
»Schön? Nein, richtig.«
Natürlich. Sie schluckte. Schön. Dieses Wort hatte keinerlei Bedeutung für ihn, vermittelte ihm nichts. Sein T-Shirt war jeden Tag das selbe. Marineblau, schlichter Schnitt; wenn es kalt war, zog er eine blaue Jacke darüber und zippte den Reißverschluss bis zum Kinn hoch. Immer bis unters Kinn. Und immer stand er dort hinterm Zaun, wenn sie von der Schule kam. Jeden Tag um halb zwei wartete er auf sie, wartete auf ein Gespräch von zehn Minuten.
»Lars …«
»Es ist Zeit. Ich muss ins Haus. Dreizehn Uhr vierzig.«
»Lars, ein Buchstabe ist rot, rot wie die Liebe.«
»Mutter ruft. Dreizehn Uhr vierzig, sechsundfünfzig Sekunden. Das ist falsch.«
»Lars, das L ist rot. Nur das L.«
»Blau. Dreizehn Uhr einundvierzig!« Er schrie es nun fast, Panik bebte in seiner Stimme. Er wirbelte herum, rannte ins Haus. Und hinterließ bläulichkalte Stille.

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29.12.2006 22:05 Buechereule ist offline E-Mail an Buechereule senden Beiträge von Buechereule suchen Nehmen Sie Buechereule in Ihre Freundesliste auf
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