Gustav Freytag - Konstellationen des Realismus - Philipp Böttcher

  • Das in Anlage und Qualität Mittelmäßige (und eben darum vielleicht so typische) mit Fokus auf das epochal Relevante nicht sogleich zu qualifizieren, sondern zu historisieren, ermöglicht es, Aktuelles im Verblichenen, Interessantes im Verschmähen, komplexe Zusammenhänge im Oberflächlichen zu entdecken. Diese Erfahrungen möchte die vorliegende Studie mit ihren Lesern teilen. (Seite 451)



    41pVgSgiGQL._AC_US218_.jpg541 Seiten, gebunden, 17 S/W-Illustrationen, umfangreiches Register und Literaturverzeichnis

    Verlag: deGruyter, Berlin/Boston 2018

    ISBN-10: 3-11-053930-6

    ISBN-13: 978-3-11-053930-1

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    Zum Inhalt (eigene Angabe)


    Gustav Freytag (1816-1895) war zu seinen Lebzeiten und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein einer der erfolgreichsten und bekanntesten deutschen Autoren; heute ist er weitgehend dem Vergessen anheim gefallen. Seine Komödie „Die Journalisten“ erfreute sich über Jahrzehnte großer Beliebtheit, sein Roman „Soll und Haben“ zählt zu den meistgelesenen des 19. Jahrhunderts und erreichte zahllose Auflagen, er ist nach wie vor lieferbar.

    In dieser Studie zeigt der Autor die Bedeutung Freytags für die Entwicklung und Etablierung des literarischen Realismus nach 1848 auf. Er geht dabei ausführlich auf die beiden genannten Werke, deren seinerzeitige Rezeption sowie die Bedeutung für die Literaturgeschichte ein. Ein besonderer Schwerpunkt der Arbeit liegt auf der Einbettung anhand überaus zahlreicher Quellen in und die Darstellung des zeitgenössischen Kontextes, in dem die Werke entstanden sind und ihre Wirkung entfalteten.

    Zusätzliche Aspekte eröffnet, daß auch die von Gustav Freytag zusammen mit Julian Schmidt herausgegebene Zeitschrift „Die Grenzboten“ und ihr Einfluß mit in der Untersuchung eine wesentliche Rolle spielt; so entsteht ein umfassendes Bild, wie und weshalb Freytag mit seinen Werken eine solche Wirkmacht erreichen konnte. Und es wird darüberhinaus deutlich, weshalb einst kanonisierte Werke heute kaum noch bekannt sind.



    Über den Autor


    Philipp Böttcher, Jahrgang 1986, hat Deutschen Philologie und Geschichte und an der Georg-August-Universität Göttingen studiert. Derzeit ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität zu Berlin. Dieses Buch ist seine Dissertation.


    Informationen im Internet:

    - Die Seite zum Autor auf der Webseite der Humboldt-Universität



    Vorbemerkung


    Diese Besprechung kann Spoiler enthalten für „Die Journalisten“, „Soll und Haben“ sowie „Die verlorene Handschrift“. Diese gehen über die im Buch beschriebenen Inhalte allerdings nicht hinaus.



    Meine Meinung


    Vor der schier unlösbar erscheinenden Aufgabe stehend, zu diesem Buch eine Rezension schreiben zu wollen, könnte ich mich dieser einfach mit der Bemerkung:

    „Sehr gut. Wer sich für die Literatur des 19. Jahrhunderts im Allgemeinen und für Gustav Freytag im Besonderen interessiert, kommt um dieses Buch nicht herum. Unbedingt lesen.“,

    entledigen. Aber ich fürchte, das ist an dieser Stelle denn doch etwas zu wenig. Also denn.


    Zunächst sei zugegeben, daß ich nicht ganz unvoreingenommen an ein Buch über Gustav Freytag herangehen kann. Mit etwa zwanzig Jahren bin ich durch „Die Ahnen“ in der Bibliothek meines Vaters erstmals auf ihn gestoßen. Da mich später Harry Potter nie begeistern konnte (die Lektüre habe ich irgendwann im zweiten oder dritten Band genervt abgebrochen), zähle ich zu den heute sehr wenigen, denen Ingo und Ingraban (aus Band 1 der „Ahnen“), eher als Harry und Hermine geläufig und vertraut sind (vgl. S. 5).


    In der Einleitung weist der Autor darauf hin, daß bei der Beurteilung eines älteren Textes des Öfteren die eigenen, der jeweiligen Jetztzeit entstammenden, Maßstäbe Anwendung finden, und nicht zuletzt dadurch eine zutreffende Beurteilung und Einschätzung kaum möglich ist (vgl. S. 49). Durch das ganze Buch hindurch hat mir besonders zugesagt, daß der Autor erfreulicherweise eben genau dieses nicht tut. Er sieht sein Thema nicht durch die Brille unserer Tage, sondern durch die der Zeitgenossen Freytags. Anhand zahlloser Beispiele und Quellenzitate entsteht für uns, wie aus den Teilen eines Puzzles, eine Darstellung der damaligen Entwicklungen, wie Komödie wie Roman von Publikum und Kritik aufgenommen wurden.


    Um sich selbst ein Bild machen zu können, ist es hilfreich, die behandelten Werke („Die Journalisten“, „Soll und Haben“) wenn schon nicht selbst gelesen, so doch zumindest inhaltlich präsent zu haben. (Der Verfasser gibt an geeigneter Stelle im Buch jeweils Angaben zum Inhalt.) Es sei zugegeben, daß ich als Vorbereitung auf die „Konstellationen“ zunächst mit großem Vergnügen die Komödie „Die Journalisten“ gelesen habe, „Soll und Haben“ ist mir in den wesentlichen Handlungszügen präsent.


    „Die Journalisten“ zählten von Beginn an zu den meistgespielten deutschsprachigen Komödien und wurden über Jahrzehnte hinweg mit Kleists „Der zerbrochene Krug“ und Lessings „Minna von Barnhelm“ als die drei besten deutschen Lustspiele angesehen und kanonisiert. Woher kommt es, daß man heute nur noch die beiden Letztgenannten kennt? Das wird verständlich, wenn man den Ausführungen Böttchers zu den Bezügen des Theaterstücks zur Mitte des 19. Jahrhunderts folgt. In für uns (ohne Hintergrundwissen) kaum nachvollziehbarer Weise hat Freytag damals aktuelle politische, gesellschaftliche und journalistische Geschehnisse und Entwicklungen in seinem Lustspiel verarbeitet. Diese waren für die Zeitgenossen natürlich sofort ersichtlich, doch je mehr Jahre vergingen, je mehr gingen Wissen und Verständnis darum verloren, bis „Die Journalisten“ schließlich nur noch eine Komödie unter vielen war - und weitgehend vergessen wurde. Es ist die Leistung Böttchers, diese Zusammenhänge detailliert herauszuarbeiten und darzustellen. Dabei stieß er in Bezug auf die Figur des Schmock auf Hinweise, die ein völlig neues Licht auf diese werfen.


    Der zweite große Abschnitt des Buches befaßt sich mit Freytags Roman „Soll und Haben“ und dessen damaliger Rezeption. Schon bei den „Journalisten“ tauchte es auf, umso mehr aber hier: die Verquickung von schriftstellerischer und journalistischer Tätigkeit Freytags (und auch Julian Schmidts). Fast schon modern mutet an, wie konsequent Freytag hier vor ging. In den „Grenzboten“ (einer von Gustav Freytag und Julian Schmidt herausgegebenen Zeitschrift) wurden literarische Forderungen (etwa wie ein Lustspiel oder ein Roman zu sein habe) aufgestellt, die solcherart gestellten und verbreiteten Prämissen dann in eigenen Werken eingelöst. Freytag (und Schmidt) haben hierdurch einen immensen Einfluß auf die Entwicklung des literarischen Realismus ausgeübt und letztlich (auch finanziell) davon profitiert.


    Böttcher stellt die Wechselwirkungen wie auch die Situation insgesamt sowie die hin- und her wogenden Diskussionen ausführlich, auch anhand vieler Originalzitate, dar, so daß man einen sehr guten Überblick über die Entwicklung des literarischen Realismus erhält. Dankenswerterweise konzentriert sich die Arbeit auf den Roman und seine Wirkung und nicht, wie das heute ansonsten oft üblich ist, alleine auf den Vorwurf des Antisemitismus, der, wie Helmut Beifuss schrieb, „vielerorts widerlegt“ ist. (Gustav Freytag Blätter, Nr. 67/68, 2016/2017, S. 3). Daß der Roman seinerzeit auch in jüdischen Kreisen durchaus wohlwollend aufgenommen wurde, sei hier nur am Rande vermerkt.


    Freytag mag kein bevorzugter Autor des Verfassers dieser Studie sein (im Gegensatz zu mir), es ist jedoch sein Verdienst, eine ungeheure Fülle an Material zusammengetragen, für dieses Buch ausgewertet und überzeugend dargestellt zu haben. Erfreulicherweise hat der Autor einen Schreibstil gewählt, der das Buch über das wissenschaftliche Interesse hinaus auch für Leser, die sich für die Literatur des 19. Jahrhunderts im Allgemeinen und Gustav Freytag bzw. den literarischen Realismus im Besonderen interessieren geeignet erscheinen läßt. Zumindest mir gab der Autor eine Fülle von Anregungen zur weiteren, vertiefenden Lektüre. Wenngleich, das kann ich mir denn doch nicht verkneifen anzumerken, das Ende der „Verlorenen Handschrift“ über die von Böttcher auf S. 469 angegebene Szene der Verlobung von Fritz Hahn mit Laura Hummel als Ende des Buches deutlich hinaus- und weiter geht. Aber das ist hier eher sekundär.


    Insgesamt gesehen habe ich das Buch gerne und mit Gewinn gelesen. Wie schon in Zur Mühlens Gustav Freytag Biographie werden auch hier die negativen Seiten nicht ausgespart, so daß ein abgerundetes Gesamtbild entsteht und ein sehr guter Eindruck von den seinerzeitigen Entwicklungen vermittelt wird. Die zuletzt von Böttcher nahegelegte Empfehlung, sich eher eine Werkausgabe von Jean Paul denn von Gustav Freytag zuzulegen, habe ich allerdings nicht befolgt. In treulicher Eintracht befinden sich beide Gesamtausgaben in meiner Bibliothek, zugegebenermaßen jedoch von Freytag deren drei - und öfter gelesen wurde in diesen auch. Aber das ist eine eher subjektive Entscheidung und hat mit der Qualität des hier besprochenen Buches nichts zu tun.



    Mein Fazit


    Eine umfassende Studie zu Gustav Freytags Erfolgswerken „Die Journalisten“ sowie „Soll und Haben“. Diese werden inhaltlich erschlossen, in Bezug zur Entstehungszeit sowie den damaligen Verhältnissen gesetzt und dadurch deren ungeheure und langanhaltende Wirkung erklärt. Durch die Einbettung in den zeitgenössischen literarischen wie teilweise auch politischen Kontext leistet das Buch einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis der Texte, des Realismus wie auch ihrer Epoche. Unbedingt empfehlenswert.



    Nachtrag

    Besonders erfreut war ich, daß der Autor auf einen Beitrag meiner Gustav-Freytag-Webseite verweist (S. 291): "Gustav Freytag und Julian Schmidt. Eine Lebensfreundschaft" von Norbert Otto

    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895)

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  • Eine sehr interessante Buchvorstellung. Bei Gustav Freytag erscheint es mir aber wichtig zu erwähnen, das man nicht seinen antisemitischen Hintergrund bei der Beurteilung seiner Werke aus den Augen verliert. Allerdings war es der "normale" Antisemitismus, der uns auch bei Richard Wagner immer wieder begegnet.

    Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst. (Evelyn Beatrice Hall)

  • Auf die antisemitischen Tendenzen, um es so auszudrücken, wird in dem Buch im passenden Zusammenhang eingegangen. Böttcher stellt in seinem Buch dar, daß Freytag ein "Kind seiner Zeit" war und er in vielen seiner Ansichten auf der damaligen Höhe der Zeit war, dies aus seiner (bzw. der Sicht der damaligen Menschen) nicht ungewöhnlich war, insofern wird diese Thematik nicht ausgeblendet, ist allerdings nicht Hauptthema der Arbeit. (In den Anmerkungen und dem reichhaltigen Literaturverzeichnis finden sich für den interessierten Leser, der dieses Thema vertiefen möchte, genügend Hinweise.)


    Zu dem Thema erinnere ich mich immer wieder an den hervorragenden Vortrag von Michel Friedman in Gotha am 13. Juni 2016:

    Gothaer Friedensgespräch 2016 zu Gustav Freytags "Soll und Haben"


    Inwieweit es so etwas wie einen "normalen Antisemitismus" gibt, wäre (an anderer Stelle) zu diskutieren. Bei Richard Wagner habe ich mich bisher eigentlich nur mit der Musik beschäftigt, sein Leben bietet denn doch zu viel, sagen wir, Unerfreuliches.

    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895)