Werner J. Patzelt - CDU, AfD und die politische Torheit

  • Titel: CDU, AfD und die politische Torheit

    Autor: Werner J. Patzelt

    Verlag: Weltbuch Verlag

    Erschienen: März 2019

    Seitenzahl: 292

    ISBN-10: 3906212432

    ISBN-13: 9783906212432

    Preis: 14.99 EUR


    Werner J. Patzelt gehört ohne Frage zu den führenden Politikwissenschaftlern dieses Landes. Konservativ geprägt, Mitglied der CDU, 1992 zum Gründungsprofessor des Instituts für Politikwissenschaft an der TU Dresden berufen. Anschließend übernahm er dort, nach ordentlichem Berufungsverfahren, den Lehrstuhl für Politische Systeme und Systemvergleich.


    In diesem Buch finden sich Interviews, Kommentare und Kurzanalysen von Patzelt zu CDU und AfD. Es ist schon bemerkenswert, das sich sehr viele Einschätzungen und Prognosen von Patzelt als zutreffend erwiesen haben.

    Immer wieder weist er daraufhin, dass bereits Franz Josef Strauß die Union davor gewarnt hat, neben sich eine rechte Partei zuzulassen. Und wie man sieht hatte Strauß recht. Denn die Union hat nun das gleiche Problem mit der AfD wie seinerzeit (und immer noch) die SPD mit den Grünen.


    Patzelt sieht wenig Sinn in einem pausenlosen AfD-Bashing, vielmehr fordert er eine echte politische Auseinandersetzung mit dieser rechtspopulistischen Partei. Statt sie in eine Märtyrerrolle zu drängen, sollte man sie argumentativ „bearbeiten“. Und man sollte auch nicht vergessen, dass diese Partei demokratisch in den Bundestag gewählt wurde. Dort muss man sie mit Argumenten angreifen, statt sie zu ignorieren, denn es sollte ein Leichtes sein, den Unsinn den die AfD überwiegend von sich gibt argumentativ zu widerlegen.


    Und Patzelt wehrt sich auch gegen die Meinung, die AfD wäre ein Nazi-Partei. Wer das behauptet, habe von dem was Nazis getan haben offensichtlich keine Ahnung. Patzelt ist aber auch der Ansicht, dass der völkische Flügel der AfD (Höcke und Kumpanen) sehr weit nach Rechts driftet. Aber ist man dann gleich ein Nazi? Jemand der mit Himmler, Goebbels und Hitler in einen Topf geschmissen werden kann?


    Für das starke Aufkommen der AfD sieht Patzelt ein Großteil Schuld auch bei der CDU. Durch die Strategie Merkels, die CDU zu „sozialdemokratisieren“ haben sich viele Menschen bei der Union politisch nicht mehr zuhause gefühlt. Man erinnere sich nur daran, wie die SPD nach wie vor unter den GRÜNEN und der LINKEN leidet. Auch in der SPD haben sich viele Menschen politisch nicht mehr wiedergefunden. Patzelt macht deutlich, dass dieses Land zwei große Volksparteien braucht, die sich auf Augenhöhe begegnen.

    Schröder, vor allen Dingen aber Merkel haben dafür gesorgt, das dieses Gleichgewicht mehr als ins Rutschen gekommen ist.


    Ein sehr informatives und lesenswertes Buch, ein Buch ohne Demagogie oder tumbe Besserwisserei, ein Buch sehr sachlich und faktenorientiert. Sehr lesenswert. 8 Eulenpunkte.

    Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst. (Evelyn Beatrice Hall) ich wünsche allen einen schönen Tod und eine geruchslose Verwesenung.

  • Zitat

    Aber ist man dann gleich ein Nazi?


    Ganz klares Ja. Und man ist nicht "gleich" ein Nazi, als wäre das irgendwie ein Etikett, das man eben mal so an jemanden ranpappt und das derjenige dann nicht mehr abkriegt. Nazi ist man, wenn man die Rassentheorie verinnerlicht hat, wenn man Menschen aufgrund ihrer Herkunft und/oder Ethnie für unterschiedlich wertig hält, wenn man Bodenansprüche formuliert und Menschenrechte für Blödsinn hält, wenn man gewalttätig gegen andere vorzugehen bereit ist, die nicht der bevorzugten Gruppe angehören, wenn man Sätze mit "Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber" beginnt - und so weiter und so fort. Nazi ist man nicht, weil einen andere so nennen, sondern weil man sich bewusst dafür entscheidet - genau so, wie ein Gutteil der führenden AfDler das getan haben, und sehr viele Anhänger dieser Partei.

    Dieses Verniedlichende, Verharmlosende, das mit einer solchen Frage einhergeht, das ist die eigentliche Gefahr - und nicht etwa "Merkels Sozialdemokratisierung der CDU". Solche Positionen leisten den neuen Nazis Vorschub und legitimieren sie, und nicht einer der wenigen wirklich integeren Politiker, die derzeit in Europa ein Land führen.


    Zitat

    Jemand der mit Himmler, Goebbels und Hitler in einen Topf geschmissen werden kann?


    Noch klareres Ja. Außerdem, mit Verlaub, waren die drei nicht die einzigen Nazis ihrer Zeit.

  • Danke Voltaire für die Buchvorstellung; das Buch wird bald bei mir einziehen, nur werde ich aus persönlichen Gründen die nächsten Wochen kaum dazu kommen, es zu lesen.


    Die „Sozialdemokratisierung der CDU durch Angela Merkel“ hat massiv zum Schrumpfen der CDU und dem Verlust vieler Stammwähler beigetragen. Daran kann kein Zweifel bestehen. Als Folge ist die AfD gewachsen (denn rechts der Union ist extrem viel Platz frei geworden, das war zu Zeiten des oben erwähnten Franz Josef Strauß ganz anders, da hätte die AfD keine Chance gehabt), und es wird zunehmend schwieriger, eine Regierung zu bilden.


    Probleme habe ich mit Toms Definition und Ausführung zu „Nazi“. Denn danach

    wenn man gewalttätig gegen andere vorzugehen bereit ist, die nicht der bevorzugten Gruppe angehören,

    wären auch die Linken, die zum Hamburger G7-Gipfel 2017 Randale gemacht haben, Nazis. Was ich jedoch stark bezweifeln möchte.


    Zum Thema „Wer ist ein Nazi“ hier zwei Links von hoffentlich unverdächtigen Seiten, in denen mein Bauchgrummeln recht gut beschrieben wird:


    Warum ich aufhören muss, ständig Leute als Nazis zu bezeichnen
    Zum Thema Rassist und Nazi: Ich bin kein Rassist, aber...

    (eine Webseite von Spiegel Online)


    Oder hier: 2018 müssen wir lernen, das Wort „Nazi“ richtig zu verwenden

    Denn wer mit diesem Begriff um sich wirft, entzieht ihm die Wirkung – und befeuert Rechtsradikalismus
    (ein Produkt der Süddeutschen Zeitung)


    Um nicht mit dem Urheberrecht in Schwierigkeiten zu kommen, zitiere ich daraus nur einen Absatz des Soziologen Wilhelm Heitmeier (Uni Bielefeld):

    "Deshalb ist es wichtig, den Begriff Nazi nur auf Menschen anzuwenden, auf die er tatsächlich passt: Also solche, die sich gerne im Dritten Reich wiederfänden. In jedem anderen Fall ist der Gebrauch des Wortes gefährlicher Missbrauch. Denn rechte Politik hat viele Gesichter – und auch die muss man sich trauen, anzuschauen."

    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895)

  • Hallo, SiCollier.


    Du hast mich missverstanden. Es ging mir nicht darum, wen man wann als Nazi bezeichnen sollte oder nicht, sondern schlicht um die Beantwortung von Voltaires Frage, ob man "gleich" ein Nazi ist, wenn man, wie der "völkische Flügel der AfD" "weit nach rechts abdriftet", und die Antwort auf diese Frage ist ein schlichtes, klares, sehr, sehr großes JA. MAN IST. Wenn man die Definition des Begriffs auf die (und ähnliche) Leute eindampft, die Voltaire da aufgezählt hat, stellt man denen, von denen die Gefahr ausgeht, einen absurden Freibrief aus.


    Im Übrigen gehe ich nach allem, was ich von den Kollegen so wahrnehmen durfte und musste, davon aus, dass sich Höcke & Co. sehr gerne im Dritten Reich wiederfänden; also wäre hier sogar Heitmeiers Anweisung befolgt. Die ja nur seine Meinung wiedergibt, und keine axiomatische Regel, der alle zu folgen haben.

  • Hallo Tom,


    danke für Deine Erklärung. Anscheinend habe ich Dich tatsächlich mißverstanden, tut mir leid. Bei Höcke und seinesgleichen würde ich allerdings auch, nach dem was ich so mit bekommen habe, Dir zustimmen.


    Mein Problem besteht im Wesentlichen im inflationären Gebrauch des Begriffs „Nazi“ und den sich daraus ergebenden Folgen, wie sie in den von mir oben verlinkten Artikeln gut beschrieben werden. Denn meistens ist das eine „Totschlagskeule“, die jede weitere Diskussion abwürgt. Und vor allem jede inhaltliche Auseinandersetzung zum Erliegen bringt. Womit die so Bezeichneten in eine Opferrolle kommen - und noch mehr Zulauf erhalten.


    Was durchaus zu Sorgen Anlaß gibt, denn so manche Entwicklung in Deutschland (und Europa) kann man nur als beunruhigend, manchmal schon beängstigend beschreiben. Entwicklungen, wie wir sie schon einmal hatten und ich nicht in meinen kühnsten Träumen erwartet hätte, selbst zu erleben. Da das ja ein Bücherforum ist: in diesem Roman wird diese Entwicklung vor 1933 in Österreich (vermutlich) sehr realitätsnah beschrieben:

    Der Engel mit der Posaune - Ernst Lothar

    Es kann einem Angst und Bange werden. Denn über die Anfänge sind wir schon hinaus.


    Gerade darum halte ich inhaltliche Auseinandersetzungen für wichtig.

    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895)

  • Hallo, SiColliert.


    Jetzt geht es um die Verwendung des Begriffs als negatives Prädikat.


    Einerseits. Ein solcher Begriff verliert seinen Schrecken und seine Wirkung, wenn man ihn inflationär einsetzt, das stimmt.


    Andererseits. Wenn man zu zaghaft ist, dehnt man möglicherweise die ohnehin weit in ehemalige Tabugebiete hineinreichende Zone nochmals deutlich aus. Man muss eine Grenze setzen, und den Leuten klarmachen, was es bedeutet, sich hinter dieser Grenze zu befinden. Ich hielte es übrigens für absolut zulässig, sehr viele Mitglieder und Anhänger der AfD dort anzusiedeln, weil das, was sie tun und favorisieren und propagieren, ganz eindeutig in diese Richtung weist, aber es gibt keine "Nazis light", so, wie man niemanden wirklich halbtot schlagen kann. Wer zündelt, riskiert immer das ganz große Feuer.


    Aber das ist ein Exkurs. Ansonsten - siehe Klarstellung von weiter oben. ;)


    Schöne Ostern!

  • Ich denke, man sollte unterscheiden zwischen

    Nazi = Anhänger des dritten Reiches

    und

    Nazi = Nationalsozialist


    Beides schlimm, aber aus meiner Sicht ist ersteres noch eine Spur schlimmer. Dafür ist letzteres leider inzwischen wieder weit verbreitet. Sprachlich lässt es sich dummerweise nicht mehr so richtig differenzieren, deshalb finde auch ich, dass man mit dem Begriff vorsichtig sein sollte. Rechtsradikaler trifft es meines Erachtens besser.

    Linksradikale halte ich auch nicht für besser - sie sind nur derzeit noch weniger gefährlich, da die meisten so fanatisch sind, dass man sie leichter erkennt. Mit subtiler Beeinflussung halten die sich nicht auf. Aber genau diesen Einfluss auf Stammtisch-Ebene finde ich beängstigend.

    “You can never get a cup of tea large enough or a book long enough to suit me.” :lesend

    C.S. Lewis

  • Wer, wie der unsägliche Herr Höcke, sowas sagt: „Christentum und Judentum stellen einen Antagonismus dar. Darum kann ich mit dem Begriff des christlich-jüdischen Abendlands nichts anfangen.“ oder auch: "Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.“ (Dresden, 17. Januar 2017, über das Holocaust-Denkmal in Berlin), ist ebenso ein Nazi wie Gauland, von dem der Satz stammt: "Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte" und von Storch ("Demokratie geht nur national.") oder Frohnmaier ("Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt, dann wird ausgemistet, dann wird wieder Politik für das Volk und nur für das Volk gemacht – denn wir sind das Volk.") - und viele andere.

    Es macht keinen Sinn, das schönzureden. Wer diese Leute wählt, sympathisiert mit Nazis. Weder Unzufriedenheit, noch persönliche Unfähigkeit oder Illusionsverluste, ja, nicht einmal gnadenlose Verblödung taugen als Entschuldigung. Es gibt so etwas wie "ein bisschen Nazi" nicht. Der unselige Geist lebt in breiten Teilen der AfD weiter. Daran sind weder Herr Schröder noch Frau Merkel schuld, sondern allein diejenigen, die in der AfD eine Plattform gefunden haben, ihre Nazigesinnung endlich wieder - oft nur mühsam getarnt - ausleben zu können.