Bret Easton Ellis: Weiß

  • Global Psycho


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    Wir leben in einer Zeit zweier seltsamer Extreme. Während auf der einen Seite Staatschefs (ehemals) zivilisierter Länder großmäulig sämtliche Tabus unterminieren, ganz offen lügen, aufhetzen, drohen und beleidigen, und mit sexistischen, rassistischen und asozialen Äußerungen nicht nur davonkommen, sondern sich sogar dafür feiern lassen, kann es einen Künstler, der in etwas unglücklicher Formulierung seine harmlose Meinung per Twitter kundtut, die Karriere kosten, weil die politisch korrekten Moralisten bei solchen Gelegenheiten hinter ihren Büschen hervorspringen, hinter denen sie sich vor den Trumps und Erdogans und Orbans und Straches dieser Welt zu verstecken versuchen, und kollektive Exempels statuieren. Das sozialnetzwerkende Meinungsvolk folgt ihnen dabei bereitwillig, und in der gemeinschaftlichen Vernichtungssucht ist ihnen niemand als Opfer zu schade.

    Aber was einem als Reaktion aufeinander vorkommt, als diametral, gehört tatsächlich zur gleichen Seite einer billigen Medaille. Selbstgerechtigkeit und Egoismus, Ausgrenzung und Gruppendenken, moralische Vorschriften und aggressive Zensur, vorauseilende Kategorisierung und die Bereitschaft zur Zerstörung anderer im vermeintlichen Interesse einer Idee - die vormals Liberalen haben sich längst das Arsenal der Populisten angeeignet, nur nennen sie es anders.


    Bret Easton Ellis hat zwei bemerkenswerte Romane geschrieben, nämlich "Unter Null", mit dem er seine Karriere begründete, und das Skandalbuch "American Psycho", das nach wie vor und selbst in unserer rasant verkürzten Kulturwahrnehmungszeit wie ein Monolith seinen Schatten aus den Achtzigern in die Gegenwart wirft. Ellis hat noch einiges mehr an Romanen geschrieben, die aber in diesem Buch, ihrer Rezeption entsprechend, nur beiläufig erwähnt werden. Ich fand seinen letzten, "Lunar Park", zwar schlicht großartig, aber es stimmt schon, dass die beiden zuvor genannten Bücher für Ellis' Werk stehen - das übrigens multimedial und sehr umfangreich ist, es reicht von Podcasts bis hin zu mehreren Spielfilm- und Serienproduktionen - und es irgendwie auch zusammenfassen. Vor allem aber stehen sie für die Wahrnehmung des Autors, besonders für die Verschmelzung von Werk und Autor in den Augen der Rezipienten. Und mit dieser räumt er in "Weiß" auf, jedenfalls mehr oder weniger. Unterm Strich geht es um die künstlerische Freiheit, die im Moment zweifelsohne auf dem Spiel steht, um die neuen, "sozialen" Medien, derer sich Ellis weidlich bedient, obwohl er ihre Wirkung nicht selten verachtet, ein bisschen geht es um den verblassenden Hollywood-Glamour und seine Stars, und es geht um Politik. Nicht um Parteipolitik, die Ellis weniger interessiert, sondern um politische Kultur.


    Er erzählt in dieser Sammlung von Statements ein bisschen von der Vorgeschichte, davon, wie er aufgewachsen ist, wie die Collegezeit verlief, aber es sind vor allem Filme - allen voran Horrorfilme -, die im ersten Teil des Buches eine Rolle spielen. Das dient aber nicht nur dazu, Ellis' Geschichte zu erzählen, sondern es skizziert den gravierenden paradigmatischen Unterschied, den die damalige zur heutigen Sozialisation aufweist. Den leistungsorientierten, hypereinfühlsamen Helikoptereltern von heute steht das extreme Laissez-faire von damals gegenüber, als man Kinder mehr oder weniger sich selbst überließ, ihnen - in einer reinen Erwachsenenwelt - viel mehr zutraute und, klar, auch zumutete. Folgerichtig sind die, die seinerzeit klein waren, etwas anders drauf als die Millenials, die Ellis der "Generation Weichei" zuordnet - teilweise scherzhaft, aber eben nicht nur. Die herangewachsene Generation ist weinerlich, auf eigenartige Weise unkritisch, manipulierbar, krisenscheu und kulturell ungebildet.


    Und diese Generation Weichei hat eine Kommunikationskultur etabliert, bei der es nur noch um positive Wahrnehmung geht, und darum, die Begeisterung der anderen auf sich zu ziehen, möglichst für harmlose oder/und konsensfähige Sachen. Diese Strukturen sind rund und plüschig und tun fast niemandem weh (höchstens intellektuell), aber sie dulden auch keinen Widerspruch, keine Rebellion, keinen Nonkonformismus. Sie stehen damit exemplarisch für die politische Kultur, die den gleichen Prozess vollzogen hat, die klar zwischen Gut und Böse unterscheidet und ebenso klare Stellungnahmen verlangt - und wenn diese ausbleiben, steht die Zugehörigkeit automatisch fest. Aus dem Diskurs ist reines Nachgeplapper geworden, ein Recht auf Standpunkte haben höchstens noch die Randgruppen, die Viktimisierten und ihre sich selbst inszenierenden Vertreter, und jeder Abweichler wird sofort geächtet, gebrandmarkt und entfreundet. Hat er das Pech, ein Künstler zu sein, der auf Wahrnehmung, Beliebtheit und die Treue seiner Produktionsfirma angewiesen ist, wird er möglicherweise an dieser Stelle das offizielle Ende der eigenen Meinungsfreiheit erleben. Das geschieht nicht nur in Amerika derzeit fast täglich.


    Bret Easton Ellis skizziert das alles äußerst eloquent und mit einer bestechend logischen, nachvollziehbaren Argumentation, die sich aber - auch in ihrer provokanten Lässigkeit - leider ein wenig abnutzt, weil zwischen dem etwas nostalgischen Blick auf die eigene Anfangszeit und die Zeit des Post-Empires vor allem nach dem Fall der WTC-Türme kein brauchbares Angebot für Alternativen vorzufinden ist. Ellis twittert selbst gerne (auch besoffen) nachts und freut sich dann am nächsten Morgen über die Wirkung seiner 140 persönlichen Zeichen, und nicht zuletzt deshalb wirbt er intensiv dafür, zu einer Unterscheidung zwischen Person und Meinung zurückzukehren, zu mehr Toleranz und entspanntem Umgang miteinander, aber wirklich überzeugend ist das nicht an jeder Stelle.


    „Weiß“ ist keine Hetzrede und wahrlich auch kein Pro-Trump-Manifest, wie hier und da behauptet wurde. Ellis erzählt sehr erfrischend davon, wie sein derzeitiger Lebenspartner, der sehr viel jünger als er selbst ist, seit Trumps Wahl quasi pausenlos unmittelbar vor dem Herzkasper steht, während Ellis dafür wirbt, etwas entspannter mit der Situation umzugehen, die nun einmal die ist, die sie ist - und die sich auch wieder ändern wird. Und selbst wenn er eindeutig für Trump wäre (was er nicht ist), so wäre er mir immer noch als Autor und Übersichselbsterzähler ungeheuer sympathisch, denn als Autor ist er ein Genie (und ein Künstler, der sowieso alles darf) - und als Übersichselbsterzähler dürfte er auch eine Meinung vertreten, die den politisch Korrekten zuwider ist, denn eine Meinung ist eine Meinung, und die Freiheit der Meinung ist ein sehr hohes Gut, das wir - so Ellis - in Zukunft wieder stärker schützen müssen, gerade auch im Interesse derjenigen, die nonkonformistisch unterwegs sind. Das würde ich auch unterschreiben, aber nicht nur das.


    „Weiß“ ist oft ziemlich klug, gelegentlich etwas eitel und nur manchmal ein kleines bisschen langweilig. Sehr lesbare und vergnügliche Lektüre, und für Leute, die endlich wissen wollen, wie viel Ellis in Bateman steckt (oder umgekehrt) sowieso ein Muss. Und übrigens wurde Donald Trump, der ein Idol von Patrick Bateman war, in „American Psycho“ ganze 42 Male erwähnt.


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