'Mittagsstunde' - Seiten 076 - 155

  • So schön die Art der Autorin zu schreiben auch ist: Das Buch deprimiert mich, auch wenn mich die Handlung noch so sehr interessiert und ich den Figuren folgen will und folge.

    Der graue, schwere Himmel über dem Dorf erdrückt mich, genauso wie alles Erzählte, was halt so ist und wozu man im Dorf besser nichts sagt (Eheleute schlagen nicht nur einander, sondern auch Väter ihre Kinder, auffällig, für alle sichtbar etc.).


    Ich mag Ingwer immernoch, wie er da im grauen, verstaubten Tanzsaal steht, selber angestaubt und grau und übrig geblieben, unendlich einsam. Wie er den Großvater wäscht und an seinen Zivildienst denkt...Ich kann es alles beinahe vor mir sehen, riechen...Das hat etwas unheimlich erschöpftes und liebevolles, Geduld geboren aus Mitgefühl.


    Marrets Schwangerschaft und die Geburt waren sicher zu viel für das ohnehin schon zerrüttete Mädchen. Inzwischen denke ich auch, dass sie nicht mehr lebt in der Gegenwart, denn weder kommt sie vor noch spricht oder denkt Ingwer von ihr. So viel Tragik...

  • Marrets Schwangerschaft und die Geburt waren sicher zu viel für das ohnehin schon zerrüttete Mädchen. Inzwischen denke ich auch, dass sie nicht mehr lebt in der Gegenwart, denn weder kommt sie vor noch spricht oder denkt Ingwer von ihr. So viel Tragik...


    Ich finde die Geschichte um Marrets Schwangerschaft furchtbar. Das arme Mädchen, das überhaupt nicht verstanden hat, was da mit ihr passiert.

    "Do is wat...un dat geiht nich weg"

    Kann es etwas Schlimmeres geben?


    Immerhin hat sie - im Rahmen ihrer Möglichkeiten - liebevolle Eltern, die sich um sie kümmern.


    Und Sönke, nach Jahren in Kriegsgefangenschaft kommt er nach Hause. Und Ella ist schwanger, das Kind, Marret zieht er als sein Kind auf.

    Wie häufig mag das vorgekommen sein? Vermutlich wusste Ella gar nicht, dass ihr Mann überhaupt noch lebt.


    Was hatten die beiden für eine Jugend? Gar keine.


    Ingwer in seinem verstaubten Tanzsaal habe ich gar nicht als übrig geblieben empfunden. Er hat eine ungewöhnliche Entscheidung getroffen. Sich ein freies Jahr gegönnt und "zahlt" seine Schulden. Für mich ein bisschen eine Wiedergutmachtung, dass er so etwas nutzloses wie ein Studium und eine Unikarriere angefangen hat.


    Und alles wird ganz ohne Wehleidigkeit erzählt. Mit einer selbstverständlichen Beiläufigkeit. Ich bewundere diese Art zu schreiben - sonst wäre es kaum zu ertragen.


    Was ich kaum ertragen kann ist die Duldsamkeit gegen den gewalttätigen Vater. Das Schweigen, wenn ein Junge blau geschlagen in die Schule kommt. Weil der Vater einer aus dem Dorf ist.

    Da möchte ich dreinschlagen. Und weiß, genau so ist es gewesen.

    Gewalt in den Familien war völlig normal und die Stellung vieler Väter und Ehemänner eher die von Sklavenhaltern.


    Immerhin - da gibt es Besserung.

  • Ingwer in seinem verstaubten Tanzsaal habe ich gar nicht als übrig geblieben empfunden.

    Hier beziehe ich mich auch eher auf seine, wie er es nennt,Beziehungsstatus. Anfangs dachte ich, dass er in seiner WG aus Bequemlichkeit oder Nostalgie so lange, überlange geblieben ist, aber es ist zum großen Teil Ragnhild, die ihn nicht loslässt, an die er auf eine seltsam verträumte Art gebunden ist, auch wenn ihre intimen Begegnungen immer seltener vorkommen. Das meine ich mit "übrig geblieben". Er hängt in einer Endlosschleife fest, obwohl er sich auch durchaus eine Beziehung, Ehe, Liebe vorstellen kann, eine Frau, die ohne Peinlichkeit ihn "meinen Mann" nennen könnte (frei zitiert).


    Was ich kaum ertragen kann ist die Duldsamkeit gegen den gewalttätigen Vater.

    Das finde ich wirklich sehr schwer auszuhalten. Und da hilft mir leider auch nicht die distanzierte Art darüber zu schreiben.

  • Das finde ich wirklich sehr schwer auszuhalten. Und da hilft mir leider auch nicht die distanzierte Art darüber zu schreiben.


    Es wird durch die Art der Schilderung eher noch verstörender und das ist sicher Absicht.


    Das meine ich mit "übrig geblieben". Er hängt in einer Endlosschleife fest, obwohl er sich auch durchaus eine Beziehung, Ehe, Liebe vorstellen kann, eine Frau, die ohne Peinlichkeit ihn "meinen Mann" nennen könnte (frei zitiert).


    Ich finde, die ganze WG ist "übrig geblieben" - etwas, das in der Luft hängt, weder echte Nähe noch Distanz bietet. Irgendwie wird Ingwer ganz schön ausgenutzt und er lässt es einfach geschehen.

    Insofern ist seine Rückkehr nach Brinkebüll schon fast ein Akt von Befreiuung, denn hier sind zwei Menschen, die ihn wirklich brauchen.


    Kapitel 9 zeigt diese Gemengelage ganz deutlich. Dieser Großvater, der sich nicht waschen lassen will, schon gar nicht mit warmem Wasser und gleichzeitig sein Wunsch "selbst ergriffen" zu werden, nicht mehr auf die "Kraniche....Die Vögel des Glücks" wie ein Fallensteller zu warten.


    Ich kann mich da nur wiederholen, für mich ist dieses direkte Nebeneinander großartig.

  • Es wird durch die Art der Schilderung eher noch verstörender und das ist sicher Absicht.

    Da hast du sicher Recht.

    Ich will auch gar nicht sagen, dass irgendetwas schlecht wäre, im Gegenteil: Ich finde es großartig geschrieben. Ich kann das zur Zeit einfach nur schwer aushalten.


    Ich finde, die ganze WG ist "übrig geblieben" - etwas, das in der Luft hängt, weder echte Nähe noch Distanz bietet. Irgendwie wird Ingwer ganz schön ausgenutzt und er lässt es einfach geschehen.

    Insofern ist seine Rückkehr nach Brinkebüll schon fast ein Akt von Befreiuung, denn hier sind zwei Menschen, die ihn wirklich brauchen.

    Interessant, dass Ingwer da überhaupt noch rausfindet. Die drei in der WG haben sich miteinander so fest und verwoben eingerichtet, ohne wirkliche Nähe und trotzdem nicht ganz allein, auch ohne an einer wirklichen Beziehung arbeiten zu müssen, dass man sich da bestimmt nur schwer aufraffen, befreien kann.


    Kapitel 9 zeigt diese Gemengelage ganz deutlich. Dieser Großvater, der sich nicht waschen lassen will, schon gar nicht mit warmem Wasser und gleichzeitig sein Wunsch "selbst ergriffen" zu werden, nicht mehr auf die "Kraniche....Die Vögel des Glücks" wie ein Fallensteller zu warten.

    Ich finde diesen einsamen Sönke, mag er auch nicht immer in seinem Leben nett gewesen sein, der nun mit einer hochgradig verwirrten Ehefrau zusammenlebt, so treffend und verstörend beschrieben, dass es schon weh tut. Ingwers Hilflosigkeit als Helfender ist so echt, dass die Autorin entweder eigene Erfahrungen in der Richtung hat oder einfach nur eine geniale Beobachterin ist.


    Ich glaube, ich muss mich etwas mehr emotional aus dem Buch zurücknehmen, sonst lese ich es nicht zu Ende.

  • Ich glaube, ich muss mich etwas mehr emotional aus dem Buch zurücknehmen, sonst lese ich es nicht zu Ende.


    Das geht mir auch so.

    Gerade am Ende des Kapitels, als Ella ihrer Tochter zeigen will, was da mit ihr passiert, dass in ihrem Bauch ein Kind wächst und herauskommen wird, das hat etwas sehr Anrührendes.


    Ich mache mir immer mal Gedanken darüber, was wohl mit Marret ist. Ein Down-Syndrom Kind?

  • Oh ja, ich kämpfe auch darum, etwas Abstand zu gewinnen.


    Gerade die Geschichte mit Marret geht mir sehr nahe - mein Pflegekind war auf einer Förderschule und ich habe einige Jahre im Schulvorstand mitgearbeitet. Diese Schule ist nicht nur für unsere Kleinstadt, sondern auch für die umliegenden Dörfer zuständig. Was man da von verzweifelten Eltern manchmal über die Grundschulen hört, ist echt nicht ohne. Natürlich gibt es den "Dorftrottel" heute nicht mehr so - aber ganz verschwunden ist das Gedankengut immer noch nicht.


    Diese Einsamkeit, das nicht helfen wollen kenne ich aus meiner Jugend nur zu gut. Vieles hinter vordergründig heiler Fassade habe ich erst deutlich später begriffen.

  • Meinst du nicht, dass da schon irgendeine Bemerkung zum Beispiel durch die Dorfbewohner gefallen wäre? Beim Down-Syndrom gibt es ja auch einige optische Besonderheiten.


    Marrets Äußeres wird eigentlich nirgends beschrieben und bei manchen Kindern sind die Merkmale nicht besonders ausgeprägt.

    Ich weiß auch nicht, ob man damals einen Namen für die betroffenen Menschen hatte oder ob die, im besten Falle als seltsam und schrullig, im schlechten als "Dorfdepp" bezeichnet wurden.

    Und bei Marret gab es ohnehin genug, worüber man sich das Maul zerreißen konnte.

  • In dem Abschnitt hat sich für mich das Buch ganz deutlich gedreht - viel mehr als um die Landschaft geht es jetzt um die Menschen (auch wenn ich alle Dorfbewohner außer dem Lehrer und dem Pastor nicht auseinanderhalten kann). Ich bin dem Buch jetzt deutlich nähergekommen, besonders den Vergangenheitskapiteln.


    Vor allem im ersten Kapitel dieses Abschnitts (6 - Kuckuck, Kuckuck, ruft´s aus dem Wald) hat sich das für mich gezeigt, denn da kann man meiner Meinung nach sehr viel über die Gefühle von Marret, Sönke und Ella herrauslesen. Wie sie sich in ihrem Leben eingerichtet haben, weit über die aktuelle Situation hinaus.


    Was mir noch auffällt: die Vergangenheit wird ausführlich und chronologisch geschildert. In der Gegenwart gibt es immer wieder einzelne Szenen, woraus sich dann das Gesamtbild erschließt z. B. die Line-Dance-Gruppe im Saal oder die Situation beim Waschen/Frühstücken. Ich frage mich, ob das Absicht ist und warum. :gruebel


    Ingwer bewundere ich. Er hätte nicht zurückkommen müssen. Die beiden Alten mit so viel liebevoller Geduld trotz allen Gemeckers zu pflegen und ihnen ihre Würde zu lassen - Hut ab! :anbet


    Interessant, dass Ingwer da überhaupt noch rausfindet. Die drei in der WG haben sich miteinander so fest und verwoben eingerichtet, ohne wirkliche Nähe und trotzdem nicht ganz allein, auch ohne an einer wirklichen Beziehung arbeiten zu müssen, dass man sich da bestimmt nur schwer aufraffen, befreien kann.

    Da hast du recht. Ich sehe deutliche Parallelen zum Leben von Sönke. Auch er muss sich seine Frau mit einem anderen Mann teilen - (und jetzt zitiere ich Clare): ohne wirklich Nähe und trotzdem nicht ganz allein. Vielleicht ist das die Krux des Lebens: dass sich manche Geschichten immer wieder wiederholen - egal in welcher Zeit oder an welchem Ort. Ich denke, auch Ingwer wird sich seiner Einsamkeit dadurch bewusst.


    Ich mache mir immer mal Gedanken darüber, was wohl mit Marret ist. Ein Down-Syndrom Kind?

    Ich hätte eher an eine Form von Autismus gedacht. Down-Syndrom-Kinder sind ja meist sehr sonnige und anhängliche Wesen - das passt für mich jetzt weniger zur Beschreibung von Marret. Interessant finde ich, dass sie nicht in irgendeine Schublade gesteckt wird oder gar geradegebogen werden soll, sondern so hingenommen wird, wie sie ist. In erster Linie von Ella, damit auch von Sönke und wenn man sich das erste Kapitel durchliest, auch von der ganzen Dorfgemeinschaft.

    „Aber das macht unser Leben aus, nicht wahr? Dass wir durch Begegnungen zu dem werden, was wir schlussendlich sind.“ Michael Düblin, Der kalte Saphir, Seite 263

  • Interessant finde ich, dass sie nicht in irgendeine Schublade gesteckt wird oder gar geradegebogen werden soll, sondern so hingenommen wird, wie sie ist. In erster Linie von Ella, damit auch von Sönke und wenn man sich das erste Kapitel durchliest, auch von der ganzen Dorfgemeinschaft.


    An Versuchen hat es ja nicht gefehlt, aber Ella und Sönke waren klug genug einzusehen, dass es gar keinen Sinn macht und haben sie gewähren lassen. Das ist natürlich in der überschaubaren Welt des Dorfes einfacher gewesen.

    Ich bin gespannt, wie viel man noch davon hört, wie es ihr in der Schule erging.

  • So schön die Art der Autorin zu schreiben auch ist: Das Buch deprimiert mich, auch wenn mich die Handlung noch so sehr interessiert und ich den Figuren folgen will und folge.

    Der graue, schwere Himmel über dem Dorf erdrückt mich, genauso wie alles Erzählte, was halt so ist und wozu man im Dorf besser nichts sagt (Eheleute schlagen nicht nur einander, sondern auch Väter ihre Kinder, auffällig, für alle sichtbar etc.).

    Mich schreckt eher dieser Stagnation, der auch Ingwer anheim gefallen ist. Ich spüre keinerlei Ehrgeiz oder Elan, alles geht gleichförmig seinen Gang, alles wird hingenommen (früher sagte man da gottgewollt). Keiner Rebellion, kein frischer Wind. Ich kann verstehen, dass Marret einem der Auswärtigen erlegen ist. Die haben sie ja fasziniert, weil sich da endlich etwas tat im Dorf.

    Ingwer bewundere ich. Er hätte nicht zurückkommen müssen. Die beiden Alten mit so viel liebevoller Geduld trotz allen Gemeckers zu pflegen und ihnen ihre Würde zu lassen - Hut ab!

    Ich hatte den Eindruck, das war für ihn der willkommene Anlass ENDLICH mal etwas in seinem Leben zu ändern. Auch wenn es auf den ersten Blick eher ein Schritt zurück ist, wenigstens steht er jetzt nicht mehr vor Ragnhilds verschlossener Türe. Das fand ich schon ein sehr trauriges Bild und ich hätte Ingwer schon ein paar Mal gerne in den Hintern getreten., sorry. Wie er die Alten pflegt - ja, das ist sicher bewundernswert aber ich sehe sein Zurückkommen auch als Flucht, weil er ehrlich zu sich war und von sich selber und seiner grauen Existenz erschrocken ist.

  • Ich hätte eher an eine Form von Autismus gedacht. Down-Syndrom-Kinder sind ja meist sehr sonnige und anhängliche Wesen - das passt für mich jetzt weniger zur Beschreibung von Marret. Interessant finde ich, dass sie nicht in irgendeine Schublade gesteckt wird oder gar geradegebogen werden soll, sondern so hingenommen wird, wie sie ist. In erster Linie von Ella, damit auch von Sönke und wenn man sich das erste Kapitel durchliest, auch von der ganzen Dorfgemeinschaft.

    Ich sehe sie auch eher als etwas neben der Spur. Sie wird nicht gerade gebogen. Aber gefördert wird sie auch nicht wirklich. Hingenommen aber von der Mutter nicht wirklich geliebt, denke ich. Damals war das mit solchen "Auffälligkeiten" ja noch nicht so, dass man darauf eingegangen wäre. "Hinter vorgehaltener Hand" hat man sicher über Marret den Kopf geschüttelt und gerade die jungen Leute haben sie wohl links liegen lassen. Da ist sie auf den ersten reingefallen, der lieb zu ihr war.

    Und Ingwer wurde vom Großvater, der wohl kaum Zeit hatte für ein kleines Kind, einfach überall hingestellt und eingewiesen, wo man ihn brauchen konnte. Ingwers Rebellion war dann das Steine ausgraben. Aber immer noch hat er einen Tresen zwischen sich und der Welt - das fand ich ein sehr eindringliches Bild.

  • Da hast du recht. Ich sehe deutliche Parallelen zum Leben von Sönke. Auch er muss sich seine Frau mit einem anderen Mann teilen

    Diese Parallele habe ich nicht gesehen, aber es kann schon sein. Hängt davon ab, was das eigentlich ist zwischen Claudius, Ragnhild und ihm. Eine Art Nähe schon, aber wirklich Beziehung? Ich sehe es eher als Zweckgemeinschaft von drei Leuten, die sich verstehen und miteinander arrangiert haben. Wirkliche Freundschaft und Nähe sehe ich nicht, eher eine Art Abhängigkeit, um nicht allein sein zu müssen.

    Mich schreckt eher dieser Stagnation, der auch Ingwer anheim gefallen ist. Ich spüre keinerlei Ehrgeiz oder Elan, alles geht gleichförmig seinen Gang, alles wird hingenommen (früher sagte man da gottgewollt). Keiner Rebellion, kein frischer Wind. Ich kann verstehen, dass Marret einem der Auswärtigen erlegen ist. Die haben sie ja fasziniert, weil sich da endlich etwas tat im Dorf.

    Die Bilder vom Dorf und Ingwers derzeitigem, festgefahren Leben gleichen sich, das habe ich auch so gesehen. Allerdings glaube ich nicht, dass Marret einem Auswärtigen bewusst erlegen ist, weil sie aus der Enge und Gleichförmigkeit ausbrechen wollte. Das bewusst zu entscheiden übersteigt vielleicht doch ihre Möglichkeiten. Sie empfindet, glaube ich, das Dorf nicht als eng, sondern als vertraute Heimat, wo sie alles kennt und sie jeder mehr oder weniger kennt und in Ruhe sein lässt.

  • Aber immer noch hat er einen Tresen zwischen sich und der Welt - das fand ich ein sehr eindringliches Bild.

    Das trifft es wirklich sehr gut. Mich bedrückt beim Lesen dieses Romans gar nicht so sehr die Enge und Grauheit des Dorfes, sondern Ingwers Geschichte, sein Stillstand und Resignation gegenüber dem Leben, die er gerade aufbricht.

  • Allerdings glaube ich nicht, dass Marret einem Auswärtigen bewusst erlegen ist, weil sie aus der Enge und Gleichförmigkeit ausbrechen wollte. Das bewusst zu entscheiden übersteigt vielleicht doch ihre Möglichkeiten. Sie empfindet, glaube ich, das Dorf nicht als eng, sondern als vertraute Heimat, wo sie alles kennt und sie jeder mehr oder weniger kennt und in Ruhe sein lässt.

    Ob bewusst, hmm, das will ich nicht behaupten. Aber sie hat die Männer beobachtet. Sie haben sie fasziniert. Wie sie da in der Sonne lagen und rot wurden. Sie hat gespürt, dass die aus der "Außenwelt" kamen und anders waren als die Jungs, die im Dorf waren. Die waren ja wie ihre Väter ohne "Perspektiven". Auch die Lieder, die sie gesungen hat, die alten Schlager. Die von Liebe, Freiheit und Abenteuer handelten. Ich denke, irgendwie hat sie unbewusst eine Sehnsucht gehabt. Etwas, was sie nicht ausdrücken konnte, außer beim Singen. Wenn sie jemand an die Hand genommen hätte, vielleicht hätte sie sich getraut, auszubrechen aus der Enge. Aber alle haben geglaubt, sie wäre zu dumm dafür.

  • Die von Liebe, Freiheit und Abenteuer handelten. Ich denke, irgendwie hat sie unbewusst eine Sehnsucht gehabt. Etwas, was sie nicht ausdrücken konnte, außer beim Singen. Wenn sie jemand an die Hand genommen hätte, vielleicht hätte sie sich getraut, auszubrechen aus der Enge. Aber alle haben geglaubt, sie wäre zu dumm dafür.


    Das glaube ich auch, dass sie, wie übrigens fast alle Jugendlichen, eine unbestimmte Sehnsucht hatte und gar nicht wusste, wonach.

    Und sie diese drei Männer mit der seltsamen Tätigkeit interessant fand. Schlimm genug, dass die Kerle sie so ausgenutzt und missbraucht haben. Anders kann man das gar nicht nennen.


    Ich meine aber, sie wurde von ihrer Mutter schon geliebt. Allerdings war es sicher schwierig mit einem solchen Kind, das sie auch nicht an sich herangelassen hat.

    Und es war niemand da, der den Eltern mal einen Rat hätte geben können, wie sie mit diesem Kind umgehen sollen.



    Und Ingwer wurde vom Großvater, der wohl kaum Zeit hatte für ein kleines Kind, einfach überall hingestellt und eingewiesen, wo man ihn brauchen konnte. Ingwers Rebellion war dann das Steine ausgraben. Aber immer noch hat er einen Tresen zwischen sich und der Welt - das fand ich ein sehr eindringliches Bild.



    Die Beziehung zwischen Ingwer und dem Großvater sehe ich anders. Klar hatte der wenig Zeit. Aber er war mordsmäßig stolz auf ihn, hat ihn herumgetragen. Es war eben seine Form, Liebe und Zuneigung zu zeigen.


    Ich sehe in Ingwers Wesensart auch einen Anflug vom Wesen seiner Mutter. Sie war immer ein wenig von den anderen getrennt, lebte in einer anderen Welt und interessierte sich eher für Dinge als für Menschen.

    Da sind sich Mutter und Sohn sehr ähnlich.

  • Die Beziehung zwischen Ingwer und dem Großvater sehe ich anders. Klar hatte der wenig Zeit. Aber er war mordsmäßig stolz auf ihn, hat ihn herumgetragen. Es war eben seine Form, Liebe und Zuneigung zu zeigen.

    Der wohl eindringlichste Moment zwischen Ingwer und Sönke ist für mich, als Sönke das schreiende Baby unter sein Hemd nimmt und es tage-, vielleicht wochenlang überall mit rumträgt. Sönke liebt seinen Enkel. Er ist stolz auf ihn, auch wenn er nicht alles, was der später macht, gut findet, ja vielleicht auch enttäuscht ist. Er ist für ihn wie ein Sohn.

  • Ich sehe sie auch eher als etwas neben der Spur. Sie wird nicht gerade gebogen. Aber gefördert wird sie auch nicht wirklich. Hingenommen aber von der Mutter nicht wirklich geliebt, denke ich. Damals war das mit solchen "Auffälligkeiten" ja noch nicht so, dass man darauf eingegangen wäre.

    Ja, du hast recht - gefördert im heutigen Sinn wird sie nicht. Wobei das Einbeziehen in die Tätigkeiten, die sie kann, ja auch eine Art der Förderung sind (auch wenn es sicher mehr dem Zweck geschuldet war als Marrets Förderung) bzw. sie kann ja auch ihre Stärken (Singen) ausleben und hat zumindest in diesem Teilbereich Erfolg und Anerkennung. Ich weiß leider überhaupt nicht, ob und wie woanders in den 50er Jahren auf besondere Menschen wie Marret eingegangen wurde. Und ob man da schon soweit war, diese gezielt zu unterstützen und nicht nur aufzubewahren oder wegzuschließen.


    Ich meine aber, sie wurde von ihrer Mutter schon geliebt. Allerdings war es sicher schwierig mit einem solchen Kind, das sie auch nicht an sich herangelassen hat.

    Das sehe ich ähnlich. Ella kann halt auch nicht aus ihrer Haut und ihre Gefühle zeigen, geschweige denn in Worte fassen. Dass sie Marret nicht geliebt hat, möchte ich ihr deshalb nicht unterstellen. Überhaupt sind große Zuneigungsbekundungen generell in der Zeit und diesem Umfeld wohl eher selten - sowohl zwischen Eltern und Kindern als auch zwischen Ehepartnern.


    Ella ist ja überhaupt auch eine sehr eigene Person. Von ihr habe ich noch gar kein rechtes Bild.

    Die Beziehung zwischen Ingwer und dem Großvater sehe ich anders. Klar hatte der wenig Zeit. Aber er war mordsmäßig stolz auf ihn, hat ihn herumgetragen. Es war eben seine Form, Liebe und Zuneigung zu zeigen.

    Auch das sehe ich so wie Rumpelstilzchen. Natürlich hatte Sönke nicht viel Zeit - aber die Kinder im Dorf sind wahrscheinlich alle so automatisch mitgelaufen. Und ob sie dabei auch nur halb so viel Liebe abgekriegt haben wie Ingwer?

    „Aber das macht unser Leben aus, nicht wahr? Dass wir durch Begegnungen zu dem werden, was wir schlussendlich sind.“ Michael Düblin, Der kalte Saphir, Seite 263