Commissario Giovanni Gelati jagt die Glasräuber

  • Diese Kurzgeschichte geht auf eine Begebenheit zurück, die in einem anderen Forum im dortigen Gegenstück zum hiesigen "Genervt"-Faden erzählt wurde. Eigentlich hatte ich für meine Antwort auf den Beitrag nur auf die Schnelle einen humorigen Titel gebraucht, aber das Ganze hat sich dann verselbständigt, und ich hab ein paar Tage später diese Geschichte geschrieben. Weil ich sie noch mal überarbeiten wollte, hat sie seitdem über ein Dreivierteljahr in der Schublade verbracht, heute darf sie raus.


    Commissario Giovanni Gelati jagt die Glasräuber

    Commissario Giovanni Gelati seufzte und schnippte die Euro-Münze über den Brunnenrand. Alles Aberglaube!, sagte er sich immer wieder, und doch kam er jedes Mal wieder zum Trevi-Brunnen und warf eine Münze hinein, wenn er mit einem Fall nicht weiterkam. Er warf ziemlich viele Münzen in letzter Zeit, das Verbrechen war nicht mehr das gleiche wie früher. Bankräuber brauchten heutzutage keine Pistole mehr, nicht mal ein Küchenmesser, und sie verschoben Beträge, von denen die Meister der alten Garde nur träumen konnten. Kein Wagen mit gefälschten Nummern mehr, der mit laufendem Motor vor der Bank wartete, keine halsbrecherischen Verfolgungsjagden, kein Großaufgebot der Polizei, das das Bandenversteck stürmte.

    Selbst Kleinganoven schmuggelten keinen geklauten Schnaps mehr am Ladendetektiv vorbei. Stattdessen verlegten sie sich aufs Internet, sie bestellten Waren und bezahlten dann nicht. Commissario Gelati versuchte ein ums andere Mal, die Betrüger zu überführen, und es klappte fast nie. Die gute alte Detektivarbeit mit Observierung und Fingerabdrücken war nicht mehr gefragt, und was die jungen Kollegen mit ihren Computern machten, ging ihm über den Verstand.

    Seit zwei Tagen schlug er sich mit einem Kerl rum, der einen Händler um exakt vier Biergläser betrogen hatte. Angeblich hatte er die zu wenig geliefert bekommen und forderte den Rest, während der Händler Stein und Bein schwor, er hätte genau die bestellte und bezahlte Anzahl geliefert. Natürlich war der Betrüger klug genug gewesen, die Ware nicht an seine eigene Adresse schicken zu lassen, sondern an ein Postamt. Commissario Gelati hatte die Beamtin schon befragt, die dort Dienst tat, aber die sah jeden Tag so viele Leute, dass sie jeden, der nicht gerade gelb-grün gestreifte Haare oder nur einen Arm hatte, sofort wieder vergaß.

    Für diesen Tag war dem Commissario die Lust vergangen. Er beschloss, noch ein Bier bei seinem Stammwirt Luigi zu trinken und dann nach Hause zu gehen. Morgen würde er sich dann mit frischer Kraft wieder auf den Fall stürzen.

    Als ihm der Padrone das Bier hinstellte, durchzuckte ihn eine Idee. Der Betrug mit den Gläsern war so clever aufgezogen, das war bestimmt nicht das erste Mal, dass der Täter das machte. Dahinter musste ein ausgebuffter Profi stecken, und der beschaffte sich die Gläser nicht für den Eigenbedarf. Er brauchte also einen Abnehmer, und wer kam dafür besser infrage als eine Kneipe?

    Er winkte den Padrone wieder heran. „Sag mal, Luigi, woher kriegst du eigentlich die ganzen Gläser? Billig sind die bestimmt nicht.“ „Du wirst lachen“, antwortete Luigi, „ich zahle keinen rostigen Cent dafür.“ Commissario Gelati musste wohl ziemlich dumm geguckt haben, denn Luigi grinste. „Ich schenke hier nur Pietra Vera aus“, erklärte er. „Dafür kriege ich von denen die Gläser und Tabletts und Bierdeckel. Und sogar das Schild draußen.“ Commissario Gelati nickte verstehend ­–­ schade, es wäre zu schön gewesen, wenn er hier die Spur hätte aufnehmen können!

    Der Rückschlag dämpfte seine Laune erheblich. „Immer noch die Gläser?“, erkundigte sich der Kollege am Empfang mitfühlend, als er am nächsten Morgen das Präsidium betrat. Commissario Gelati nickte und ging eilig zur Treppe. Schwer ließ er sich eine Minute später auf seinen Stuhl fallen. Was jetzt?

    Er überlegte eine Weile, dann griff er zum Telefon. Es dauerte ein paar Minuten, dann betrat einer der jungen Kollegen sein Büro. Fausto Furioso galt als Computergenie, und tatsächlich hatte er sofort eine Idee, als Commissario Gelati sein Problem geschildert hatte. „Suchen Sie den Namen doch mal im Telefonbuch!“, schlug er vor.

    Der Commissario schob ihm die Tastatur hin. „Machen Sie ruhig!“ Staunend verfolgte er, wie die Finger des jungen Kollegen über die Tastatur flogen. Es dauerte nicht mal eine Minute, da hatte Fausto Furioso schon die Adresse für ihn. „Gut, gut!“, freute sich Commissario Gelati, „sobald es dunkel ist, schlagen wir zu. Ich kümmere mich um den Beschluss. Möchten Sie dabei sein?“

    Der junge Kollege wollte, und Commissario Gelati teilte ihn als Führer der Gruppe ein, die durch die Hintertür kommen sollte. Der Commissario überließ nichts dem Zufall, fünf Mann an der Rückseite, sechs unter seiner Führung vorne, die Gläserbande sollte keine Chance haben, sich abzusetzen. Er warnte die Leute, dass mit erheblichem Widerstand zu rechnen war.

    Deshalb klopfte er auch nicht an, er wollte schließlich keinen Selbstmord begehen. Ein Mann, der sich damit auskannte, knackte in Sekundenschnelle das Schloss der Haustür, und die Polizisten sprangen in die Diele.

    Aus einer Tür direkt gegenüber kam ihnen ein junger Mann entgegen. „He!“, rief er. „Was...“

    Die Polizisten ließen ihm keine Zeit, eine Waffe zu ziehen oder sich im Nebenraum zu verschanzen. Einer der Männer, die der Commissario mitgebracht hatte, sprang vor, packte den Verbrecher und rang ihn zu Boden. Ein zweiter kam dazu, fixierte den Gangster mit Plastikfesseln und nahm ihm alles ab, was er in der Tasche hatte.

    Commissario Gelati vergewisserte sich, dass in der Diele keine Gefahr mehr drohte. Dann ging er weiter in den Raum, aus dem der Gangster gekommen war. Auch dort war ein kurzer, erschrockener Aufruf zu hören gewesen, dann Kampfgeräusche und schließlich Fausto Furiosos Ruf: „Gesichert!“

    Er erfasste die Lage mit einem Blick. Der Raum war die Küche, und die Truppe, die durch die Tür zum Hof gekommen war, hatte eine Gangsterbraut überrascht. Auch sie war zu Boden gebracht und gefesselt worden, offenbar keine Sekunde zu früh, denn nicht weit von ihr entfernt lag ein großes Küchenmesser. „Jemand verletzt?“, erkundigte Commissario Gelati sich bei Fausto Furioso. Der schüttelte den Kopf. „Keine Verletzten, alles glattgegangen.“

    Der Commissario nickte zufrieden. „Durchsucht das Haus!“, wies er die Männer an. „Passt auf dabei, nicht, dass sich noch einer von denen verschanzt hat!“ „Geht klar!“, antwortete einer der Männer. Mit wenigen Gesten teilte er die Leute ein.

    Commissario Gelati begann, sich in der Küche umzusehen. Sein Blick fiel auf ein Paket, das halb verdeckt unter der Eckbank lag. Wahrscheinlich hatte es auf dem kleinen Tisch gelegen und war heruntergestoßen worden, als die Gangsterbraut überwältigt worden war. Es war etwas deformiert, irgendwer schien draufgetreten zu sein, und das Packpapier war eingerissen, aber der Absender war noch zu lesen. Carlo Colone, war das nicht der Händler, den die Gangster betrogen hatten? Ja, genau, das war er, und der Commissario war stolz, dass er ihm die Beute bald wieder würde überreichen können.

    Als er das Paket einsteckte, hörte er ein leises Klirren. Na ja, so schlimm würde es schon nicht sein, das konnte man bestimmt wieder kleben. Und musste nicht jeder, dem so etwas passierte, dankbar sein, dass Leute wie er, Commissario Giovanni Gelati, mit all ihrem Können und all ihrer Erfahrung die Verbrecher zur Strecke und das gestohlene Gut zurückbrachten? Eben!