'Mit der Faust in die Welt schlagen' - Seiten 001 - 120

  • Ich bin noch nicht ganz durch mit dem Abschnitt, aber ich weiß schon mal, dass ich nicht an diesem WE weiterlesen werde.

    Was wir aus den Kindheitsepisoden von Philipp und Tobi erfahren, deprimiert mich, greift mich mit der nüchternen Sprache an.


    So viele abgewürgte, zerschnittene Lebensläufe...

    Besonders Uwe muss da sicher genannt werden, Trinker, keiner mit dem man arbeiten will. Die frau abgehauen, verklagt ihn nun. Er war in Bautzen, sagt er, nicht ob er nur da arbeitete oder im berüchtigten politischen Knast einsaß. Außerdem wird gemunkelt, er wäre bei der Stasi gewesen und hätte seine Frau bespitzelt.


    Die Kinder sind, ich kann es nicht anders nennen, angebremst, gehemmt. Woher kommt das Geld für den Hausbau, worüber die Leute tuscheln?


    Die Fragen werde ich mir erst nach dem WE beantworten lassen.

    Ich brauche etwas Positives gerade.

  • Hab dann gestern doch noch weiter gelesen.:grin


    Tobias ist ein stilles, verschrecktes Kind, schon als Baby war er das, immer vorsichtig, immer mit einer leisen Angst im Kopf. Es fällt auf, dass ihm komplett das Ausgelassene, das Laute der meisten Kinder fehlt. Er ist in sich gekehrt, beobachtend, und schon jetzt bauscht sich das, was er von den Erwachsenen hört und beobachtet, in seinem Kopf zu düsteren Ahnungen und Szenarien, die er aber noch nicht fassen kann. Seine Mutter ist ihm mit Sätzen wie "Du bist halt nirgends mehr sicher!" keine Hilfe.

    Überhaupt empört mich, wie wenig die Eltern auf die Ereignisse des 9.11. eingehen, mit den Kindern reden. Selbst als Erwachsener hatte man Angst an diesem Abend. Wie muss es da erst in den Kindern ausgesehen haben...


    Die Entwurzelung der Elterngeneration spiegelt sich in den Kindern wieder. Man staunt über das fehlende Geschichtsbewusstsein. Kennt Philipp echt nicht das Hakenkreuz, das in der Schule angeschmiert worden ist?


    Es werden ganz schön viele Baustellen aufgemacht in diesem Roman. Das ist definitiv kein Buch, das um Sympathie für den Osten wirbt. Hier wird gewarnt, was da für Entwicklungen stattfinden und warum. Definitiv, und das ist gut so, kein Ostalgiebuch! Rietzschel ist nach den Wende geboren, hat also keine verklärten Erinnerungen an die DDR und beleuchtet seine Heimat schonungslos.

    Wirklich interessante Lektüre!

  • Ich bin gerade mal zur Hälfte durch mit dem Abschnitt. Es fällt mir echt schwer. Dieses düstere, schwermütige Bild, dazu die fast emotionslose Familie, die mit ihren Gefühlen allein gelassenen Kindern, das macht das Lesen nicht leicht. Ich frage mich ja, was es mit diesem Balkon, den die Kinder suchen und der Block, an dem die Großeltern immer so schnell vorbei fahren, auf sich hat. Es muss etwas Schlimmes sein. Vielleicht etwas, was diese ganze Stimmung herauf beschworen hat?

    Ob Uwe sich nach dem abgeschlagenen Hilferuf auf irgend eine Art rächen wird? Ich lese mal weiter.

    [SIZE=7]"Leute die Bücher lesen, sind einfach unberechenbar." Spruch aus "Wilsberg " [/SIZE]

  • Den ersten Teil habe ich jetzt auch beendet. Clare, du hast es gut formuliert, ein interessantes Buch. Und genau die Stellen, die du genannt hast, sind mir auch richtig aufgefallen. Der Umgang mit dem Hakenkreuz, allerdings zu beiden Seiten: Der Unglauben, dass es nicht erkannt wird, und die Hilflosigkeit, mit der der Direktor es bedecken möchte und die Schüler von niemanden Antworten bekommen. Ähnlich wie bei der Szene mit dem Jude und wie die Großmutter nicht damit umgehen kann. Eindeutige Geschichtsverdrängung.


    Ähnlich wie der Autor habe ich keine Erinnerung an das geteilte Deutschland, mit meinem 87er Jahrgang sind wir nicht weit auseinander. Gerade so Punkten wie der Milchdienst erinnert mich selber so an die Grundschule, und andererseits ist es so ein distanzierter Schreibstil und eine emotionslose Familie, das es ganz weit weg wirkt.

  • Auf mich wirkt alles so trostlos. Die Gegend, die Häuser, das Leben, die Leute. Irgendwie abgestorben. Sicher, sie feiern, trinken vor allem, tanzen, aber ich habe das Gefühl, sie sind nicht mit dem Herzen dabei. Sie genießen nicht.

    [SIZE=7]"Leute die Bücher lesen, sind einfach unberechenbar." Spruch aus "Wilsberg " [/SIZE]

  • Ich habe vorhin erst angefangen, weil ich länger für den 1000-Seiter gebraucht habe, als ich dachte.


    Mein erster Eindruck: Es ist ziemlich beklemmend. Wenn man ein Haus baut bzw. neu einzieht, freut man sich doch eigentlich und bei seiner Einschulung auch. Ich bin sehr gespannt, wie es weiter geht.

    "Monsters are real, and ghosts are real, too. They live inside us, and sometimes, they win."

    (Stephen King)

  • Dieses düstere, schwermütige Bild, dazu die fast emotionslose Familie, die mit ihren Gefühlen allein gelassenen Kindern, das macht das Lesen nicht leicht.

    Das ist es auch, was mich am meisten belastet beim Lesen.


    Ich frage mich ja, was es mit diesem Balkon, den die Kinder suchen und der Block, an dem die Großeltern immer so schnell vorbei fahren, auf sich hat.

    Mehr erfährt man dazu aber nicht.Es geht bei dem gemeinten Ereignis um die Eskalation der fremdenfeindlichen Übergriffe in Hoyerswerda, kannst du überall im Netz noch nachlesen. Der Balkon ist noch geschwärzt vom Feuer...

  • Den ersten Teil habe ich jetzt auch beendet. Clare, du hast es gut formuliert, ein interessantes Buch. Und genau die Stellen, die du genannt hast, sind mir auch richtig aufgefallen. Der Umgang mit dem Hakenkreuz, allerdings zu beiden Seiten: Der Unglauben, dass es nicht erkannt wird, und die Hilflosigkeit, mit der der Direktor es bedecken möchte und die Schüler von niemanden Antworten bekommen. Ähnlich wie bei der Szene mit dem Jude und wie die Großmutter nicht damit umgehen kann. Eindeutige Geschichtsverdrängung.

    Ich habe das Glück, dass die Wende für mich genau zum richtigen Zeitpunkt kam. Ich hatte eben mein Studium begonnen, stand also am Anfang oder erst vor meinem Berufsleben. Glück gehabt.

    Ich finde die Entwurzelung so schrecklich, die Perspektivlosigkeit, die nicht daraus resultiert, dass man keine Möglichkeiten hat, sondern dass man nicht weiß, wie man sie nutzen soll oder nicht mehr die Kraft, den Elan dazu.

    Stellenweise habe ich gedacht: Och, bitte, nicht noch eine Baustelle aufmachen! Aber genau das finde ich inzwischen wichtig und am Platze: auf den Tisch damit, mit allem.


    Der Roman ist bis jetzt der wohl am wenigsten ostalgische Roman, den ich bisher über den Osten gelesen habe. Schonungslos, schmerzhaft, trostlos, zumindest bis jetzt (bin mit dem 2. Abschnitt fertig).

  • Ich habe vorhin erst angefangen, weil ich länger für den 1000-Seiter gebraucht habe, als ich dachte.


    Mein erster Eindruck: Es ist ziemlich beklemmend. Wenn man ein Haus baut bzw. neu einzieht, freut man sich doch eigentlich und bei seiner Einschulung auch. Ich bin sehr gespannt, wie es weiter geht.

    Ich gebe dir recht: es ist beklemmend und grau. Das Thema, um das es noch gehen wird, ist ja auch beklemmend, insofern finde ich es sehr passend. Die Braunkohleregion ist nicht mehr so dreckig, wie sie zu DDR-Zeiten war, aber irgendwie grau ist sie immer noch, finde ich.


    Weil du die Einschulung ansprichst:

    Tobi ist für mich ein Kind, was ich noch nicht komplett durchschaue, und das is vielleicht auch das Problem der Anderen, auch der Eltern. Ich glaube, sie merken gar nicht, was für ein Kind sie da haben und wie viel Mühe es ihren Sohn kostet, sie zufrieden zu stellen, zu funktionieren und klarzukommen.


    Und ich bin auch gespannt, wie sich alles weiter entwickelt, besonders Tobias.

  • Mehr erfährt man dazu aber nicht.Es geht bei dem gemeinten Ereignis um die Eskalation der fremdenfeindlichen Übergriffe in Hoyerswerda, kannst du überall im Netz noch nachlesen. Der Balkon ist noch geschwärzt vom Feuer...

    Ach, daran kann ich mich noch gut erinnern.


    Die Entwurzelung der Elterngeneration spiegelt sich in den Kindern wieder. Man staunt über das fehlende Geschichtsbewusstsein. Kennt Philipp echt nicht das Hakenkreuz, das in der Schule angeschmiert worden ist?

    Das hat mich auch verwundert. Schlimmer noch fand ich aber die Reaktion der Lehrer. Das wäre doch eine Möglichkeit Aufklärungsarbeit zu leisten. Haben die alle Angst?

    [SIZE=7]"Leute die Bücher lesen, sind einfach unberechenbar." Spruch aus "Wilsberg " [/SIZE]

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  • Das wäre doch eine Möglichkeit Aufklärungsarbeit zu leisten.

    Auch die Lehrer sind zunächst überfordert. Obwohl sie nach den Vorfällen der 90er Jahre - neben Hoyerswerda gab es ja noch viel mehr Übergriffe: Rostock, Mölln, Solingen... - eigentlich nicht zum ersten Mal mit nationalsozialistischen Themen in Kontakt kommen.


    Findus Mit Deinen weiteren Worten spoilerst Du übrigens, das gehört schon zum nächsten Abschnitt.


    Bislang finde ich das Buch noch recht langweilig. So eine quälende, unemotionale Schreibweise hatte ich gerade beim letzten Buch und bin davon noch etwas genervt. Ich befürchte aber, dass dieses Buch hier noch etwas dramatischer wird.

  • Ich bin noch ganz am Anfang, aber der Schreibstil gefällt mir sehr. Ich finde diese unemotionale, distanzierte, eher beobachtende Sprache sehr passend zu dem, was Rietzschel erzählen möchte. Mich lässt das nämlich nicht kalt, aber im Moment möchte ich auch als Leserin auf Distanz zu den Figuren bleiben.

    Diese graue Trostlosigkeit ist wie ein Schlag, alles wirkt wie in der Luft hängend, etwas Bodenständiges bzw. Halt fehlt den Menschen. Ich finde das sehr authentisch und passend zu dem, was ich in letzter Zeit über das Thema gelesen habe.

  • Ich finde den Erzählstil fürchterlich, aber zu dem Buch passt es gut bzw. ist es wohl besser, dass so erzählt wird. Ich muss mich irgendwie in Bücher fallen lassen können um sie tatsächlich lieben zu können. Ich kann die Charaktere meist nicht wirklich fassen, wenn alles so unemotional geschrieben ist. Ich würde doch gerne ein wenig mit Tobi oder mit Philipp mitfühlen können.


    Aber langweilig, wie xexos sagt, finde ich es nicht. Im Gegenteil. Ich möchte schon wissen, wie es jetzt weiter geht.


    Die Ereignisse, die stattgefunden haben bzw. wahrscheinlich im Laufe des Buches noch stattfinden werden, habe ich alle gar nicht mehr so auf dem Schirm (z. B. Hoyerswerda). Was nicht an mangelndem Interesse liegt, sondern eher daran, dass es schon ne Weile her ist und ich das irgendwie auch zeitlich nicht mehr hinbekomme, was jetzt genau wo passiert ist. Ich kann mich nur noch an Rostock erinnern, weil ich kurz danach meine Cousine da besucht habe und mit eigenen Augen den Schauplatz aus dem Bus oder der Bahn gesehen habe. Aber da weiß ich auch nicht mehr das Jahr. :gruebel

    "Monsters are real, and ghosts are real, too. They live inside us, and sometimes, they win."

    (Stephen King)

  • Findus Mit Deinen weiteren Worten spoilerst Du übrigens, das gehört schon zum nächsten Abschnitt.


    Bislang finde ich das Buch noch recht langweilig. So eine quälende, unemotionale Schreibweise hatte ich gerade beim letzten Buch und bin davon noch etwas genervt. Ich befürchte aber, dass dieses Buch hier noch etwas dramatischer wird.

    Habs gespoilert. Ist das echt schon im nächsten Abschnitt? Und was genau?


    Also langweilig finde ich es nicht, nur eintönig, aber das spiegelt für mich eben genau die Atmosphäre wider, in denen die Protagonisten alle leben.

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  • Ja, genau das. Eintönig. Da bin ich vorhin nicht drauf gekommen.

    Ich habe das auch öfter. Manchmal habe ich ein wunderbares Wort um zu beschreiben was ich meine und im Moment, wenn ich es schreiben will, ist es weg. :rolleyes:


    Ich glaube, den zweiten Teil meines spoilers könnte ich weglassen. Habe die Szene Anfang des zweiten Teils nicht gefunden. Allerdings weiß ich nicht, wie ich das rückgängig machen kann.

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  • Quälende, unemotionale Schreibweise trifft es recht gut. Ich habe mich jetzt durch diesen Abschnitt gequält und frage mich bei quasi allen Figuren, warum sie so abgestumpft, so gefühlskalt und gleichgültig wirken. Auf der anderen Seite erlaubt mir das natürlich als Leserin, das Geschehen auf Distanz zu halten, wie Saiya schon schreibt. Aber mir ist die Distanz eigentlich zu groß, ich will mich ja auf das Buch einlassen, in die Figuren einfühlen, schaffe es aber nicht.


    Die Geschichte mit dem Hakenkreuz (und dem Wort Jude) kaufe ich dem Autor aber nicht ab. Nicht in dem Alter, nicht in Deutschland. Dabei will ich gar nicht mal auf den Osten abzielen, auch hier sieht man regelmäßig mal irgendwo von Deppen eingeritzte oder aufgesprühte Hakenkreuze. Das Wissen würde sich, wenn schon nicht durch die Schule, wo es zu dem Zeitpunkt bereits mindestens 1-2mal in irgend einem Fach Thema gewesen wäre (wenn die Lehrpläne sich nicht drastisch von denen hier in Niedersachsen unterscheiden), wie ein Lauffeuer unter den Kindern und Jugendlichen verbreiten, schon allein, weil man damit ja schockieren kann.


    Diese Unwissenheit habe ich bei normal intelligenten Kindern (sowohl meinen eigenen, als auch dessen Freunden, als auch davor in Kindergärten/Horten/Kinder- und Jugendgruppen) wirklich noch nie erlebt.

  • Ich bin gerade mal zur Hälfte durch mit dem Abschnitt. Es fällt mir echt schwer. Dieses düstere, schwermütige Bild, dazu die fast emotionslose Familie, die mit ihren Gefühlen allein gelassenen Kindern, das macht das Lesen nicht leicht.

    Genauso geht es mir auch.

    Eigentlich geht es der Familie ja nicht schlecht, Eigenheim, beide arbeiten, die Jungs können von den Großeltern mitbetreut werden, wäre da nicht diese Eiseskälte, die dieses Familienleben zu prägen scheint ...


    Das Spiel im Hort fand ich jetzt nicht erschreckend, typisches Jungsspiel, machen meine auch ständig, genauso wie aus jeden Stock ein Gewehr wird ...:rolleyes