Das Kaffeehaus - Bewegte Jahre von Marie Lacrosse

  • Titel: Das Kaffehaus Bewegte Jahre

    Autorin: Marie Lacrosse

    erschienen am: 28.09.2020

    Seitenzahl: 736

    Verlag: Goldmann Taschenbuch

    ISBN: 978-3442205974


    Über die Autorin:

    Marie Lacrosse hat in Psychologie promoviert und arbeitete viele Jahre hauptberuflich als selbstständige Beraterin überwiegend in der freien Wirtschaft. Ihre Autorentätigkeit begann sie unter ihrem wahren Namen Marita Spang und schrieb erfolgreich historische Romane. Heute konzentriert sie sich fast ausschließlich aufs Schreiben. Ihre Trilogie »Das Weingut« wurde zu einem großen Spiegel-Bestseller. Die Autorin lebt mit ihrem Mann in einem beschaulichen Weinort.


    Kurzbeschreibung:

    Wien in den 1880er-Jahren: Die junge Sophie von Werdenfels flüchtet aus der tristen Atmosphäre ihres Elternhauses so oft wie möglich in die Pracht des Kaffeehauses ihres bürgerlichen Onkels. Dort lernt sie Richard von Löwenstein kennen, einen persönlichen Freund des Kronprinzen Rudolf. Während sich die beiden verlieben, schwärmt Sophies beste Freundin Mary für den verheirateten Kronprinzen. Ungeachtet aller Warnungen Sophies, lässt sich Mary sogar auf eine Affäre mit Rudolf ein. Und niemand ahnt, dass dadurch das Kaiserreich in seinen Grundfesten erschüttert wird …


    Meine Meinung:

    Das Buch ist mit seinen 736 Seiten anfangs ein ganz schöner Wälzer, aber ein Wälzer der jeden Histo-Leser erfreuen wird. Anfangs sind es noch sehr viele Fakten, die hier niedergeschrieben sind, aber von Teil zu Teil wird es mehr Handlung und die Protagonisten fangen an, einem ans Herz zu wachsen.

    Anfangs wurde der Lesefluss durch Sätze gestört, die enden, obwohl sie noch nicht enden und somit noch keine Aussagekraft haben. Mit der Zeit werden diese Sätze weniger.


    Kronprinz Rudolf ist der einzige Protagonist, der mir einfach bis zum Ende fremd und kaltherzig erschienen ist. Für ihn konnte ich mein Herz nicht erwärmen. Sein Handeln und Tun war stets egoistisch und nur mit dem Hintergrund, wie ist es für ihn selbst am besten. Ob dann Familien oder Menschen leiden, dass scheint ihm egal zu sein.

    Marie Louise Larisch ist ebenfalls eine egoistische Person, die auch stets nur an ihr Wohl denkt. Ihr wird hier eine sehr spezielle Rolle auferlegt. Und diese Rolle passt sehr gut zu ihr und ihrem Charakter, doch für mich erschien auch an ihr manches fragwürdig bzw. nicht nachvollziehbar. Einfach, weil ihr Leben nicht genügend beleuchtet wurde, um beispielsweise zu erklären, woher denn ihre Schulden kommen.

    Stephan Danzer ist in diesem Buch der männliche, einfühlsame, vernünftige Charakter, den jeder gern als Onkel hätte. Oft zeigt er Verständnis, hat stets ein Auge auf die ihm anvertrauen Personen und steht mit Rat und Tat zur Seite. Er und das Kaffeehaus kommen leider zu kurz.

    Mary Vetsera ist eine Rebellin ihrer Zeit. Auch wenn sie oft Dinge tut, die man nicht nachvollziehen kann, mochte ich sie sehr gern. Mary ist auch ein wenig egoistisch, wie so viele Charaktere der gehobenen Wiener Gesellschaft. Sie werden in das Egoistisch-Sein hineingeboren. Wie kommt man am besten zu seinem Ziel und das auch gerne mit Schubsen und Ellenbogen ausfahren.

    Sophie von Werdenfels ist hier der weibliche Gegenpart zu ihrem Onkel Stephan Danzer. Sie ist fleißig, hilfsbereit und fügt sich - sie ist keine Rebellin wie ihre Freundin Mary. Sophie ist ein sehr sympathischer Charakter, dem in diesem Buch zu wenig Raum gegeben wird. Dem Ende nach zu urteilen, ändert sich dies mit Band 2.

    Und dann gibt es noch Richard von Löwenstein - ein Soldat, Kämpfer, Mann seiner Zeit. Ich denke, dass er sein Herz am rechten Fleck trägt und wenn er liebt, dann aus tiefstem Herzen. Er ist Freund, Helfer und Liebhaber.


    Insgesamt hat mir das Buch sehr gut gefallen, es kommt mit bösartigen, liebevollen, starken und schwachen Charakteren daher. Mir persönlich waren es anfangs zu viele geschichtliche Fakten. Das ist nicht so meins - andere Histo-Fans möchten genau diese Fakten zwischen der Handlung. Ich hingegen möchte Handlung und zwischendurch mal ein paar Fakten.

    Das Buch liest sich sehr gut weg und die Abschnitte / Teile sind stets mit einem spannenden Ende versehen, so dass man einfach weiterlesen will / muss.

    Irreführend empfand ich dennoch den Titel des Buchs, denn das Kaffeehaus ist mir persönlich doch zu wenig Schauplatz der Geschehnisse, als dass man es als Titel verwenden sollte.

    Trotzdem konnte mich das Buch überzeugen und ich werde auch die anderen Bände lesen.


    Ich vergebe 7 von 10 Eulenpunkten und danke auch der Autorin für das Begleiten der Leserunde.


    ASIN/ISBN: 3442205972

  • Wien, in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Sophie von Werdenfels hat zu Hause nach dem Tod des Vaters nicht viel zu lachen, ihr Stiefvater macht der Familie das Leben eher zur Hölle. So nutzt sie alle Gelegenheiten, um der vergifteten Atmosphäre zu Hause zu entkommen. Einmal bietet das Kaffeehaus des Onkels einen willkommenen Rückzugsort und auch die Freundschaft zu Mary Vetsera eröffnet so manche Gelegenheit, um an gesellschaftlichen Anlässen teilzunehmen. Dabei lernt sie auch Richard von Löwenstein kennen und schätzen, der auch ein Freund des Kronprinzen Rudolfs ist

    Die Freundschaft zu Mary zieht sie dann auch hinein in das Geschehen, das die österreichische Monarchie zutiefst erschüttern wird.


    Marie Lacrosse liefert mit ihrem Roman ein detailliertes Bild der österreichischen KuK-Monarchie und Kaiser Franz-Joseph und seiner Frau, der berühmten Sisi. Man erfährt sehr viel vom Verhältnis Rudolfs zu seinen Eltern und bekommt so die Hintergründe für die letztendlich tragisch endende Geschichte des Kronprinzen erläutert. Man hat am Ende definitiv das Gefühl, so hätte es sein können.


    Mich hat das Ganze allerdings nicht richtig mitgenommen. Was definitiv nicht an der Art und Weise liegt, wie die Geschichte erzählt wird. Ich hatte nur relativ schnell genug von der Scheinheiligkeit und Verlogenheit der adeligen Gesellschaft der damaligen Zeit. Leider konnte das auch der Handlungsstrang um das Kaffeehaus nicht richtig ausgleichen, den ich sehr gelungen fand und über das ich definitiv gerne mehr gelesen hätte.


    Für mich war es daher eher nichts, aber ich kann das Buch all denen empfehlen, die sich für die gehobene Gesellschaft in Österreich am Ende des 19. Jahrhunderts interessieren. Da kann man sich ein wirklich gutes Bild machen.


    7 von 10 Punkte

  • Sophie liebt das Wiener Café ihres Onkels und würde am liebsten jeden Tag dort arbeiten. Aber ihre adlige Herkunft lässt dies nicht zu. Auch fordert ihre Freundin Mary immer mehr von ihrer Zeit ein, als Mary sich unsterblich in den Kronprinzen Rudolf verliebt. Mary versucht alles, um seine Aufmerksamkeit auf sich zuziehen - ungeachtet jeglicher Konventionen - während Sophie und Rudolfs Freund Richard versuchen diesem Einhalt zu gebieten.


    Dieser Roman ist wesentlich komplexer vom Inhalt her, so dass ich mich relativ schwer tu, die Handlung in drei Sätzen zusammenzufassen.

    Wir haben die adlige Sophie, die gerne im Café ihres bürgerlichen Onkels aushilft und auch ansonsten eher wenig mit der adligen Gesellschaft anfangen kann, bis ein Adliger ihre Aufmerksamkeit erregt und ihr Herz einen Strich dadurch macht. Auch ihre Mutter, die sich aus den adligen Kreisen immer mehr zurückgezogen hat, wird durch ihren neuen Mann gedrängt, wieder die Kontakte zu intensivieren, die sie eigentlich abbrechen möchte.


    Dann gibt es Mary, die dem Traumgespenst in Gestalt von Kronprinzen Rudolf hinterher jagt und wie ein Groupie anschmachtet. Auch Rudolfs Perspektive wird in dem Roman geschildert und wir bekommen einen Einblick in das Leben der Kaiserfamilie mit Kaiserin Sisi an der Spitze, auch wenn diese in diesem Roman wenig Raum einnimmt. Daneben gibt es dann noch den verarmten aus dem Hochadel entstammenden Richard von Löwenstein, aus dessen Sicht man den Hochadel mit all den Schattenseiten erlebt.


    Als das zusammen ergibt einen spannenden Roman, der ausgehend von dem schönen heimligen Café Prinzess den Kronprinzen Rudolf und sein Schicksal in den Mittelpunkt stellt. Marie Lacrosse weiß es dabei, das Wien des 19. Jahrhunderts so schön und bildhaft zu beschreiben, dass man sich nahezu in diese Zeit hineinversetzt fühlt und die Mokkaprinzentorte auf der eigenen Zunge schmeckt.


    Ich persönlich habe jede Seite des Buches mit Freude gelesen und freue mich sehr auf die Fortsetzung, auch wenn das Buch erstmal an sich abgeschlossen ist. Doch das Ende bietet einen Ausblick, was in Band 2 passieren wird, den ich wahnsinnig spannend finde!

  • Die junge Komtess Sophie von Werdenfels verbringt ihre Zeit am liebsten im Kaffeehaus ihres Onkels. doch kann sie das nur, wenn ihr Stiefvater im Ausland weilt, da er dies für eine junge Adlige unpassend findet.

    So verbringt sie Zeit mit ihrer Freundin Mary und beide bereiten sich darauf vor, in die Gesellschaft eingeführt zu werden.


    Sophie lernt Richard von Löwenstein kennen, der sich ja einigen Jugendsünden doch als sympathischer Mann entpuppt. Mary dagegen schwärmt schon lange für den viele Jahre älteren Kronprinzen Rudolf und was als jugendliche Schwärmerei begann entwickelt sich schon bald zu einer Besessenheit, gegen die keiner mehr ankommt. Der kranke und depressive Rudolf nutzt diese Schwärmerei dann für seine eigenen Zwecke.


    Nach Titel und Klappentext hatte ich erwartet, dass Sophie und das Kaffeehaus die Hauptrolle im Buch spielen würden und die Story um Mary und Rudolf (und nein, ich kannte sie zuvor nicht) nur ein zusätzlicher Handlungsstrang wäre. Doch es war genau andersherum. Sophie und das Kaffeehaus waren kurze Ruhepausen im fesselnden Sog der tragischen Liebe zwischen Mary und Rudolf. Ich hatte nicht mit einem Drama im Hochadel gerechnet, aber es hat mich dennoch gefesselt und die Seiten flogen nur so dahin.

    Doch der durchgeknallte und zickige Hochadel kann auf der Dauer anstrengend sein. So habe ich die Szenen im Kaffeehaus immer am meisten genossen!


    Anfangs habe ich ein Weilchen gebraucht, bis ich so richtig im Buch angekommen war. Zu Beginn gab es sehr viele Infos über Verwandschaftsbeziehungen und familiäre Verwicklungen. Vielleicht waren da auch ein paar der Dinge versteckt, die nun rückblickend für mich noch unklar sind (z.B. wofür die Kupplerin Marie Louise so viel Geld braucht) und ich habe sie einfach nicht so wahgenommen.


    Toll fand ich das ausführliche Nachwort! Und das Tortenrezept!


    Alles in allem: völlig anders als erwartet, aber fesselnd und informativ!

  • „Was für ein denkwürdiger Abend!“, raunte die Gräfin Wilczek. Sie hatte angeboten, Henriette und Sophie in ihrer Kutsche nach Hause zu bringen. „Den werden wir alle so schnell nicht vergessen.“ (Seite 544)



    Meine Meinung


    Kronprinz Rudolf, Selbstmord in Mayerling. Das sind Schlagworte, die mir zwar ein Begriff waren, mit denen ich allerdings bisher nicht viel mehr verbunden habe, als daß in jenem Jagdschloß der Kronprinz Rudolf mit seiner Geliebten Suizid begangen hat. Die Vorgeschichte spielte zwar in einem anderen Roman schon eine Rolle, war dort aber nur handlunganstoßendes Nebenthema. Hier jedoch sind diese Begebnisse das Hauptthema.


    Womit ich bei meinem - einzigen wirklichen - Kritikpunkt bin. Erwartet hatte ich auf Grund der Covergestaltung sowie des Verlagswerbetextes eine Geschichte, die im Wien jener Tage vor allem eben im namengebenden Kaffeehaus angesiedelt ist zu der Zeit, in der eben der Kronprinz Selbstmord begeht. Dabei ist es genau andersherum: die Entwicklungen hin bis zur Tragödie von Mayerling sind das Hauptthema, während das Kaffeehaus und seine Menschen eher eine Nebensache sind. Diese durch den Verlag geweckten nicht ganz zutreffenden Erwartungen waren mit ein Grund, weshalb ich eine zeitlang brauchte, bis ich mit dem Buch warm geworden bin.


    Sobald ich mich jedoch mit dieser veränderten Perspektive angefreundet hatte, las sich das Buch ausnehmend gut und entwickelte einen Sog, der es mir oft schwer machte, es aus der Hand zu legen. Vor allem auch, da mir bewußt war, wie sehr sich die Autorin bemüht hat, die damaligen Ereignisse zu rekonstruieren; im Nachwort geht die Autorin ausführlich auf Fakt und Fiktion ein. In ausnehmend gekonnter Form wurden in die historische Handlung fiktive Figuren eingefügt, so daß es schwer fällt zu glauben, daß diese eben genau das sind: fiktiv.


    Das titelgebende Kaffeehaus bildet dabei quasi den Rahmen, der alles zusammen hält. Für Sophie, die unter den Allüren und dem strengen Regiment ihres Stiefvaters zu leiden hat (vor allem in den Zeiten, da er zuhause ist), ist das Kaffeehaus ihres Onkels ein Ort der Ruhe und des Rückzugs, wobei Ruhe hier nicht wörtlich zu nehmen ist. Gerne hilft sie mit aus und hätte nichts dagegen, ganz im Kaffeehaus zu sein und zu arbeiten, wenn dem nicht der Standesdünkel ihres Stiefvaters entgegen stehen würde. Hier lernt sie auch Richard von Löwenstein kennen, woraus sich im Weiteren eine schwierige Beziehung entwickeln wird. Und hier trifft sie sich auch immer wieder mit ihrer Freundin Mary Vetsera, die so sehr für den Kronprinzen schwärmt, daß sie auch einen Skandal riskiert.


    Auf rund siebenhundert Seiten zeichnet die Autorin ein Bild des Wien der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts, daß man meint, selbst zu der Zeit dort gewesen zu sein. Vor allem wirft sie einen deutlichen Blick hinter die glänzenden Kulissen der Gesellschaft - und da tun sich dann Abgründe auf, die letztlich nur zu einer Katastrophe führen können. Ich glaube, ich werde nie mehr einen Film ansehen können, in dem Kaiser Franz Joseph als „guter alter Mann“ charakterisiert wird, wie das in manchen älteren Filmen der Fall ist, denn wenn er eines wohl nicht war, dann ein „guter alter Mann“. Viel erschreckender ist jedoch die im Buch geäußerte Vermutung, weshalb Kronprinz Rudolf unbedingt seine Geliebte mit in den Tod nehmen wollte. Erschreckend vor allem auch deshalb, weil mir diese Interpretation überaus überzeugend erscheint.


    Nicht bewußt war mir, wie stark der latent bis offene Antisemitismus in der damaligen Zeit war; die Bestrebungen „Heim ins Reich“ waren neu für mich, jedenfalls zu der Zeit, in welcher die Handlung spielt. Eine Recherche mittels einer bekannten Suchmaschine brachte jedoch ans Tageslicht, daß die Autorin sich sehr gut an die überlieferten Fakten gehalten und diese in den Roman eingearbeitet hat. Dies fand ich um so erschreckender, als daß dieses Gespenst sich dieser Tage wieder erhebt und seine gräßliche Fratze zeigt. Man hat doch gesehen, wohin das führt - lernt der Mensch denn wirklich nichts aus der Geschichte?


    Eingebettet in die historischen Ereignisse gibt es noch die Entwicklung einer möglichen Beziehung zwischen Sophie und Richard. Aber sollte aus diesen beiden in den Folgebänden etwas werden, müßte vor allem Richard noch viel dazulernen und sich entwickeln. Das Potential dazu ist vorhanden, ob die Autorin ihn es nutzen läßt, bleibt abzuwarten. Jedenfalls fand ich diesen Handlungsstrang nachvollziehbar entwickelt, die Figuren in sich glaubwürdig. Was nicht bedeutet, daß mir alle sympathisch wären. Mir fallen da einige ein, die ich auf einer Bösewichtsskala ziemlich weit oben einordnen würde.


    Insgesamt hat mir, trotz der anfänglichen Irritation, das Buch ausnehmend gut gefallen, und eine schon seit Wochen andauernde Leseflaute beendet. Der Roman hat Lust auf mehr gemacht, was nichts anderes bedeutet, daß ich den Folgeband recht bald und den dritten gleich nach Erscheinen lesen werde. Denn die Autorin hat einen historischen Roman vorgelegt, wie ich ihn mir vorstelle: eine fesselnde Geschichte, die in die historischen Fakten so eingewoben ist, daß man die Trennlinie zwischen Fakt und Fiktion kaum erkennen kann. Neben einer spannenden Romanhandlung erhält man also zusätzlich noch lebendigen Geschichtsunterricht. Besser geht es eigentlich nicht.



    Mein Fazit


    Ein historischer Roman, wie er sein sollte: glaubwürdige fiktive Figuren eingewoben in ein überliefertes Geschehen. Beim Lesen meint man, mitten drinnen dabei zu sein, und gelangt mehr und mehr zu der Überzeugung: genau so ist es gewesen. Damals in Mayerling und Wien. Ganz große Klasse.

    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895, aus "Die verlorene Handschrift")

  • 1879 Wien, Kaiser Franz Joseph I. und seine Frau Elisabeth, genannt Sisi, regieren in Österreich. Die K.u.K. Monarchie und das Leben in und um die adelige Gesellschaft sind ein zentrales Thema in diesem ersten Band der Kaffeehaus-Trilogie „Bewegte Jahre“. Die Mehrzahl der Haupt- und Nebendarsteller sind sogenannte „Von und Zu`s“. Eine keineswegs ehrenwerte Gesellschaft mit verkrusteten Moralvorstellungen, veraltetem Ehrenkodex, männlichem Machtgehabe und aus heutiger Sicht sicher erschreckend unsozial und unmoralisch. Genau dieser Blick ist es, den uns Marie Lacrosse mit ihrem Buch gestattet. Als promovierte Psychologin und leidenschaftliche Geschichte-Erzählerin nimmt die Autorin sich rund 700 Seiten Zeit um zum einen die fiktive Figur Komtess Sophie von Werdenfels und ihre erwachende Zuneigung zu dem Offizier Richard von Löwenstein zu entwerfen und andererseits die real passierte Affäre des verheirateten Kronprinzen Rudolf zu der blutjungen Komtesse Mary von Vetsera in Szene zu setzen.


    Sowohl Sophie als auch Richard sind typische Vertreter ihrer Zeit und ihres Standes. Ihr Verhalten muss man also mit einem milden Auge betrachten und darf die jungen Leute nicht nur an heutigen Maßstäben messen. Die dramatisch-tragische Affäre Mayerling wird sehr detailgenau und erschreckend realistisch geschildert und endet in einem auch heute noch erschütternden Finale.


    Eine große Stärke dieses Romans war für mich, dass die Figuren – egal ob fiktive oder historische – mit all ihren Facetten und Unebenheiten geschildert werden. Die Psychologie spielt eine große Rolle. Außerdem agieren alle in einem Umfeld, welches über 100 Jahre zurückliegt und deshalb fremd und damit aus heutiger Sicht ungewöhnlich wirkt. Mit der Zeit bekommt man einen guten Eindruck, wie denn diese gesellschaftlichen Strukturen der gehobenen Gesellschaft funktioniert haben, wie finanzielle Probleme und heimliche Liebschaften den doch sehr gelangweilten und von großem Dünkel durchsetzten Adel zu Lug und Betrug, zu unromantischen Ehearrangements und auch zu Selbstmorden trieb.


    Ein gehaltvolles Buch, welches einiges an Informationen und Einblicken bereithält. (Also keine profane seichte Geschichte mit ein wenig Geschichte.) Das namentlich im Reihentitel erwähnte Kaffeehaus spielt in diesem Band noch keine große Rolle, ist aber der Rahmen für einige sehr entscheidende Szenen im Roman. Da es sich um eine Trilogie handelt gibt dieser Auftaktband am Ende auch einen spannenden Ausblick auf die nächsten Entwicklungen im zweiten Teil.


    Hervorheben möchte ich noch die schöne Ausstattung.

    Landkarten und ausführliches Personenregister, ein aufschlussreiches Nachwort der Autorin und als Zuckerl ein leckers Tortenrezept.

    Hollundergrüße :wave



    :lesend

    Des Menschen Flügel - Andreas Eschbach


    (Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, daß er tun kann, was er will, sondern daß er nicht tun muß, was er nicht will - Jean Rousseau)

  • Ein spannender, sowie hochinteressanter historischer Roman, da er unter anderem ein Thema behandelt, das mich schon immer interessiert hat.

    Den Skandal um den einzigen Sohn Kaiserin Elisabeths - Kronprinz Rudolph und seine "Geliebte" Mary Vetsera.


    Die Hauptperson des Buche - Sophie von Werdenfels entflieht ihrem tristen Alltag so oft wie möglich, indem sie das Kaffeehaus ihres Onkels Stefan Danzer aufsucht.

    Nicht nur zum verweilen, auch zum mitarbeiten, da sie die Herstellung der süßen Leckereien liebt. Zudem ist ihr Onkel Stefan einer der wenigen Menschen, die sie verstehen und vor allem ihre traurige Lage, die nach der erneuten Heirat ihrer Mutter mit einem ehrgeizigen Diplomaten begann, da es unter seiner Herrschaft im Haus keinerlei Vergnügen, Spaß oder vernünftiges Auskommen miteinander, gibt.


    Die Freundschaft zu Mary Vetsera entwickelt sich für Sophies mit dem Älterwerden immer intensiver und so erlebt sie sozusagen live mit, wie Mary den Kronprinzen Rudolph verehrt, ja nahezu besessen von ihm ist.



    Nebenbei erfährt der Leser auch, wie es damals in den Adligen Kreisen zu ging, welche, bzw. wie wenig Rechte Frauen hatten.

    Ebenso sehr vieles über Kaiserin elisabeth, ihre Marotten, ihr Verhalten und ihre Umgebung.


    Gerade der geschichtliche Aspekt gefiel mir ausnehmend gut. Zwar habe ich vor Jahrenden mal eine Biographie über Elisabeth gelesen, so daß ich doch einiges über sie wußte - aber besonders das Verhältnis ihrem Sohn gegenüber hat hier einen besonderen Stellenwert, der viel über Rudolph verrät.


    Auch die fiktive Figuren, wie eben Sophie, ihre Mutter, ihr Onkel sind wunderbar in den geschichtlichen Rahmen eingepaßt und es wirkt alles sehr realistisch - so hätte es tatsächlich sein können.


    Der Schreibstil ist so gut und flüssig, daß er mich das Buch hat sehr schnell lesen lassen - schon einfach auch daher, weil ich so unbedingt immer wissen wollte, wie es weitergeht.


    Mir hat das Buch das Gefühl vermittelt, mittendrin dabei zu sein, mit Marie zu leiden, über Mary den Kopf zu schütteln, sich über Rudolph, noch mehr über seine Mutter, aufzuregen.

    So mag ich das - sozusagen richtig in ein Buch eintauchen zu können.


    Nun wirds Zeit für den nächsten Teil, auf den ich schon warte, bzw. auf die Leserunde dazu - da das gemeinsame Lesen gerade hier noch einmal besonders ist.


    Fazit

    Ein sehr interessanter historischer Roman über eine Epoche im 19. Jahrhundert, die fast schon an einen Krimi anmutet.

    Den "Skandal des österreichischen Kaiserhauses" aufarbeitet und dieses den Leser mit einer gut dargestellten Hauptfigur erleben läßt.

    Sehr zu empfehlen für Interessierte des Kaiserhauses von Österreich zur Zeit von Kaiserin Elisabeth.