Die Schneiderei in der Fliedergasse - Große Träume - Katharina Oswald

  • Klappentext (Amazon):


    Frühling, 1977: Susanne und Leonard stecken in der Zwickmühle. Leonard studiert Jura, und Susanne soll die familieneigene Schneiderei übernehmen. Dabei ist es Susanne, die ihrem Bruder heimlich mit den Studienarbeiten hilft, während Leonard fürs Theater schwärmt und gerne Kostüme näht. Doch ihre vorherbestimmten Wege waren der letzte Wunsch ihres sterbenden Vaters. Als die Schneiderei in finanzielle Schwierigkeiten gerät, müssen die Geschwister zusammenhalten. Das ist gar nicht so einfach, denn sie sind in denselben Mann verliebt ...



    Meine Rezension:


    Zwillinge


    Kurz vor seinem Tod nimmt Hubert Körber seinen 13-jährigen Zwillingen ein Versprechen ab: Leonard soll Jura studieren, um gegen Krieg und Unrecht anzukämpfen, während Susanne eine kaufmännische Ausbildung anstreben und die familiengeführte Schneiderei übernehmen soll. Sieben Jahre später merken die beiden jungen Menschen, dass sie in vertauschten Rollen agieren – Leo plagt sich mit den trockenen Texten, die seine Schwester im Nu durchschaut, dafür ist Susanne in der Berufsschule ganz und gar nicht ausgelastet und sitzt nur der Pflicht halber an der Nähmaschine. Aber aufgrund von strengen Vorgaben zum Erhalt der Altstadt muss die finanzielle Lage des Betriebs rasch verbessert werden, um Haus und Schneiderei nicht zu verlieren. Haben da eigene Träume überhaupt noch Platz?


    Tübingen in den 1970er-Jahren ist der Schauplatz dieser überaus liebenswerten Geschichte, in die ich mich rasch hineinversetzen kann. Herkömmliche Rollenbilder für Mann und Frau, rechtsorientierte Burschenschafter und wilde Hausbesetzer, Frauenstreiks und Vorbehalte gegen Homosexualität – in vielerlei Hinsicht sind zu dieser Zeit eigene Zukunftsvorstellungen nicht so einfach gegen die vorherrschenden Konventionen durchzusetzen. Immer ist man auf der Hut, was andere sagen könnten und natürlich ist der Wunsch des Vaters vor seinem Tod auch jetzt noch präsent, kann man diesen auch posthum nicht einfach ignorieren.


    Das Autorenduo Andrea Bottlinger und Claudia Hornung, welches sich hinter dem Namen Katharina Oswald verbirgt, vermag es blendend, seine Figuren überaus realitätsnah darzustellen und ihre Dilemmata und widerstreitenden Gefühle herauszuarbeiten. Insbesondere die Liebe der Zwillinge für ein und denselben Mann ist ein sehr spezielles Thema, das hervorragend in die Geschichte eigeflochten und höchst einfühlsam geschildert wird. Ein Wunsch, den ich recht rasch beim Lesen verspürt habe, ist dann auch tatsächlich in Erfüllung gegangen und genau nach meinen Vorstellungen im Laufe der Handlung umgesetzt worden. Die Freude am Buch ist aber auch deshalb so groß, da mich viele Details an meine eigene Kindheit erinnern, so zum Beispiel die blauen Matrizen, Vorläufer der späteren Fotokopien, welche ich im Gegensatz zu Susanne mit einem herrlichen Duft verbinde. Plötzlich ist die Zeit vor fünfzig Jahren wieder ganz nah und durch die bildhaften Beschreibungen sind das auch die meist sehr sympathischen Figuren im Roman. Ich habe direkt das Gefühl, dass ich ebenfalls neue Freundschaften schließe, freue mich über die bisherige Entwicklung des Geschehens – zumindest über die positiven Ereignisse – und bin natürlich mehr als gespannt, wie es mit dem Wohnhaus und der Schneiderei im Erdgeschoss weitergeht.


    So wie Katharina Oswald mit ihrem zauberhaften Schreibstil von ihnen erzählt, sind mir Susanne und Leonard sehr schnell ans Herz gewachsen, sodass ich diese Buch all jenen empfehle, die Spaß haben an der Geschichte der 1970er-Jahre und einem Zwillingspärchen, welches sich mutig den Herausforderungen der Zeit stellt.



    Titel Die Schneiderei in der Fliedergasse - Große Träume

    Autor Katharina Oswald

    ASIN B0DK3ZFVYX

    Sprache Deutsch

    Ausgabe ebook, ebenfalls erhältlich als Taschenbuch (320 Seiten, ET 25. Juni 2025)

    Erscheinungsdatum 1. Juni 2025

    Verlag S. Fischer


    ASIN/ISBN: B0DK3ZFVYX

  • Ein flotter Rückwärtssalto in die 70er Jahre ...

    Ich freue mich ja immer Bücher lese zu dürfen, die nahe an meinem eigenen Wohnort liegen und zu denen ich dadurch eine Beziehung habe. So habe ich es genossen, mit den Zwillingen Leonard und Susanne ein wenig durch Tübingen zu spazieren, obwohl ich die Umstände eher als – nun suche ich nach einem Wort – eigennützig bezeichnen würde. Eigennützig nicht von mir aber von dem Vater, der seinen Zwillingen quasi auf dem Totenbett das Versprechen abnimmt, dass Leo Jura studieren wird und Susanne die Belange der familieneigenen Schneiderei durch eine kaufmännische Ausbildung im Griff behalten soll. Dabei haben die Beiden ihre eigenen Ambitionen! Doch als die Existenz der Schneiderei in Gefahr gerät, trauen sich weder Leo noch Sanne der Mutter damit entgegenzutreten. Als dann aber auch noch ihrer beider Liebesleben eine Eigendynamik entwickelt, der sie sich schwer entziehen können, merken sie, dass es so nicht mehr weitergehen kann …

    Das charmante Autorinnenduo Andrea Bottlinger und Claudia Hornung, das sich hinter dem Pseudonym Katharina Oswald verbirgt, entführt mich in die 1970er Jahre und führt mir mal wieder vor Augen, dass sich in den letzten fünfzig Jahren doch so einiges getan hat. Längst sind heute die Rollenbilder von Mann und Frau in keinem solch rigiden Schema mehr angesiedelt und auch die gleichgeschlechtliche sexuelle Orientierung wird heute nicht mehr strafrechtlich verfolgt und Gott sei Dank weitestgehend akzeptiert. Die Autorinnen schaffen es spielend die damalige Atmosphäre der 70er einzufangen, eine Zeit, in der ich selbst Kind war und noch herrliche Erinnerungen daran habe.

    Susanne und Leonard könnten damals genauso existiert haben wie im Buch dargestellt und machen richtig Lust auf mehr … mehr zu erfahren, wie es mit der Schneiderei und natürlich vor allem mit den Zwillingen weitergehen wird. Authentische Darstellungen, Charaktere, die man schnell liebgewinn und natürlich viel Lokalkolorit verschafften mir viele vergnügliche Lesestunden. Liebe Andrea, liebe Claudia … schon heute freue ich mich auf den Folgeband rund um Leo und Sanne in Tübingen. Ich vergebe sehr gerne glitzernde vier Sterne verbunden mit einer Leseempfehlung an alle, die sich einfach mal lesenderweise fallen lassen möchten.