Hier kann zu den Seiten 57 – 108 (Kapitel 5 – 9) geschrieben werden.
'Treppe aus Papier' - Seiten 057 - 108
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In diesem Abschnitt bewegen wir uns mehr in der Jetztzeit, beschäftigen uns aber immer intensiver mit der Vergangenheit. Mit einer Vergangenheit für die die Bewohner des Hauses keine Sprache mehr haben, eine Vergangenheit die nicht nur mit goldener Tapete oder Blümchentapete überkleistert wurde. Nele reisst längst vernarbtes, längst vergessenes auf. In wie vielen Haushalten wird ehrfürchtig Omas gutes Geschirr weitervererbt ohne zu wissen, wo Oma das her hat? Der heilge Familienschmuck, die Kristallgläser, die niemand mehr nutzt, alles ist zu Eigen geworden.
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Nele versucht mit ihren Eltern zu besprechen, was deren Eltern während der Nazizeit gemacht haben, ob sie beteiligt waren, was wahrscheinlich ist, wenn ihr Opa bei der Polizei war. Ihr Vater Thomas versucht es zu beschönigen, dass der Opa Leuten geholfen hat und Flüchtlinge aus der Stadt gebracht hat, während ihre Mutter Martina darüber gar nicht reden will und sich damit herausredet, dass ihre Eltern noch klein und es schlimme Zeiten waren.
Interessant, dass Martina später doch reden will, es dann aber wieder Streit gibt, wenn Nele zu deutliche Fragen stellt.
Teilweise habe ich hier Begriffe nachgeschlagen, denn Porajmos und die Abkürzung RSHA sagten mir nichts (S.73)
Das 6. Kapitel hat eine Überschrift statt nur Nummerierung: „Auf den Stufen“ und handelt vom Hausmeister Torsten. Interessanter Charakter, ich bin gespannt, welche Rolle er noch spielt.In Kapitel 7 erleben wir die Reichspogromnacht aus Sicht des Hauses. Wie brutal das Borgehen war und für das Haus immer noch ist, fand ich bedrückend und eindrücklich beschrieben.
Wie Irma und Nele miteinander sprechen, finde ich sehr eindringlich. Die persönlichen Erfahrungen, die Irma teilt, machen die Vergangenheit für Nele greifbarer. Erschreckend, was Irma sagt, warum die Menschen nicht mehr Widerstand geleistet haben. Da fragt man sich, wie hätte man selbst damals gehandelt. Und reicht das, was wir heute tun, aus, damit es nicht wieder soweit kommt.
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. Und reicht das, was wir heute tun, aus, damit es nicht wieder soweit kommt.
Ganz offensichtlich nicht. Wenn selbst du das Reichssicherheitshauptamt nicht kennst. Was soll man dann von Menschen (also nicht dir) erwarten, die ihre Bildung aus Nius oder Telegram beziehen?
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Bis kurz vor Ende des zweiten Abschnitts war ich überzeugt, daß es in diesem Buch um Vergangenheitsbewältigung, um das "Wie konnte das passieren" bis zum Totschweigen der dunkelsten Jahre gehen würde, immer wieder mit dem Blick in die Gegenwart. Und obwohl ich auch jetzt noch davon überzeugt bin, daß dies den Mittelpunkt des Buches bildet, entsteht auf den letzten paar Seiten des zweiten Abschnitts eine weitere Geschichte, die zumindest ich absolut nicht kommen sehen habe.
Einigermaßen verwirrend finde ich das Verhalten von Neles Eltern bei den Nachfragen zu den Großeltern. Auf Neles Zeitstrahl, wer zu welchem Zeitpunkt wie alt war, dürften sie ja theoretisch erst in der Zeit der RAF Anschläge überhaupt geboren worden sein, also ähnlich wie ich erst nach 1968. Was für ein großes Geheimnis gibt es in ihrer Familie, daß sie rund 80 Jahre nach dem Krieg bereit sind, das Verhalten ihrer Großeltern so sehr vor ihrer Tochter zu verschweigen? Aber vielleicht ist auch mein Zeitstrahl falsch. Der Opa war im Krieg schon Polizist, wurde also offenbar schon vor 1930 geboren.
Und welche außergewöhnliche Rolle spielt Wotan? Seine (beginnende) Geschichte ist bis jetzt das einzige Kapitel, das nicht mit einer Kapitel-Nr, sondern mit Worten überschrieben ist.
Von der Sprache des Buches bin ich weiterhin sehr beeindruckt und lese dieses Buch alleine deshalb schon mit sehr großem Vergnügen.
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Ich habe in diesem Abschnitt zwei Probleme unterschiedlicher Art:
1. Mich macht die ständige Verwendung des Verbs "erinnern" ohne Reflexivpronomen einfach kirre. Das scheint aktuell in Mode zu sein, ich kann mich da aber noch nicht richtig dran gewöhnen.
2. Nele ist 15 und wir schreiben das Jahr 2024 (das ist jedenfalls das Jahr, das auf den Wandkalendern in der Buchhandlung steht). Nele ist also 2009 oder vielleicht auch schon 2008 geboren. Dass die Eltern ihrer Eltern die NS-Zeit als Zeitzeugen miterlebt haben sollen, erscheint mir äußerst unwahrscheinlich. In ihren Überlegungen will sie ihre Großeltern fragen, ob diese auch Hitler gewählt haben - dazu hätten diese aber ja vor 1933 20 Jahre alt sein müssen. Meines Erachtens fehlt hier mindestens eine Generation.
Und welche außergewöhnliche Rolle spielt Wotan? Seine (beginnende) Geschichte ist bis jetzt das einzige Kapitel, das nicht mit einer Kapitel-Nr, sondern mit Worten überschrieben ist.
Bei Torsten denke ich, dass er ein Neonazi ist bzw. ein Aussteiger, der vielleicht noch mal eine andere Sichtweise reinbringt, wie sich menschenunwürdige Ansichten begründen und verfestigen und vielleicht auch wie Gruppendynamiken hierbei eine Rolle spielen.
Nele reisst längst vernarbtes, längst vergessenes auf.
Ich finde es großartig, wie Nele das macht. Sie ist angemessen neugierig, möchte mehr über die Vergangenheit rausfinden und scheut auch vor umfangreicher "Recherchearbeit" nicht zurück. Das Dilemma: Sie stößt auf den gleichen Widerstand bei ihren Fragen zur eigenen familiären Vergangenheit wie die direkte Nachkriegsgeneration bei ihren Eltern.
Bei der Szene, die Nele in ihrem Zimmer mit aufgeschlagenem Geschichtsbuch beschreibt, und in der zeitgleich die kleine Ruth daneben Wäsche faltet und eigentlich nur den Kopf drehen müsste, um zu sehen, was sie noch erwartet - da ist mir regelrecht ein Schauer den Rücken runtergelaufen.
Die Geschichten sind durch diese permanente Gleichzeitigkeit der Ereignisse total verwoben. Aber eben nicht so, wie man das aus anderen Romanen vielleicht kennt. Eine sehr spezielle, aber äußerst interessante Herangehensweise und Umsetzung.
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LeseBär mich nervt die Verwendung von Erinnern ohne Reflexivpronomen auch, scheint aber wirklich in den letzten Jahren so in die deutsche Sprache übernommen worden zu sein.
Nele mag ich sehr in ihrer Hartnäckigkeit.
Zu 2.: Ich weiß nicht, wie alt Neles Eltern sind, aber bei mir ist die Konstellation ähnlich. Meine Eltern sind Jahrgänge 1934 und 1936, waren also Kinder bzw. jugendliche zur Nazizeit, aber keine Erwachsenen, die als Täter aktiv gehandelt haben könnten. Und meine Eltern waren schon alt, als sie mich bekamen und ich war auch nicht die Jüngste, als ich mein Kind bekam.
Du hast Recht, dass das vielleicht nicht ganz logisch ist. Andererseits können Männer natürlich auch sehr viel älter sein als Frauen, die Kinder gebären. -
... Und meine Eltern waren schon alt, als sie mich bekamen...
Die Eltern des Autoren sind Jahrgang 1942 und 1943, dies hat er auf dem "Blauen Sofa" bei den Jüdischen Kulturtagen erwähnt, er ist 1988 geboren.
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LeseBär mich nervt die Verwendung von Erinnern ohne Reflexivpronomen auch, scheint aber wirklich in den letzten Jahren so in die deutsche Sprache übernommen worden zu sein.
Das hab ich noch im Duden nachgeschlagen, weil mich das einfach interessiert hat, ob ich einfach nicht mitbekommen habe, dass man das Reflexivpronomen einfach weglassen kann.
Standardsprachlich kann man es nicht. Es ist natürlich Sache des Autors, wie er Wörter verwendet. In der ansonsten so schönen Sprache springt mich das jedoch direkt an und stört mich. Aber auch ich werde mich irgendwann noch an diesen Anglizismus gewöhnen.Zu 2.: Ich weiß nicht, wie alt Neles Eltern sind,
Das wird, glaub ich, auch nicht genau gesagt. Zu ihrem Opa und ihrer Oma wird erwähnt, dass diese ein Jahr vor und ein Jahr nach Irma geboren sind, also 1932 der Opa und 1934 die Oma (das war, glaub ich, an der Stelle, als Nele bewusst wird, wie alt Irma tatsächlich ist). Das ist im Rahmen des Möglichen (meine Oma väterlicherseits und mich trennen auch 71 Jahre). Ich würde aber jemandem, der zum Zeitpunkt des Kriegsbeginns gerade mal fünf oder sieben Jahre alt war, absprechen, eine Verantwortung in der NS-Zeit übernehmen zu müssen.
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Meine Mutter war Jahrgang 1922, meine Großeltern habe ich auch noch erlebt. Opa PG mit niederer Mitgliedsnummer, Mutter straffes deutsches Mädel im BDM, Aber bei uns wurde offen mit der Vergangenheit umgegangen und das Opa jüdisches Vermögen über die Zeit aufbewahrt hat und sich nicht daran bereicherte und auch seine Motive Kommunisten das Leben zu retten indem er sie uk erklären hat lassen wurden offen diskutiert. Ich scheine da Glück gehabt zu haben. Auch mochte mein Großvater den heute so gehypten Gustav Heinemann nicht, weil er ihn in der NS Zeit erlebt hat. Aber es gab da auch den Onkel der T4 zum Opfer fiel und an Lungenentzündung starb, die Rechnung an die Schwester, meine Oma, habe ich noch gesehen. Wie das ging mit der Lungenentzündung, das kenne ich erst von Inge Löhnig, aka Ellen Sandberg.
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Wir wissen ja nicht, wie alt Neles Eltern sind. Aber Die Großeltern sind unterschiedlich alt. Thomas spricht über seinen Vater, der Polizist in der Nazizeit gewesen sei, da wird aber nicht genauer gesagt, ob es Anfang der 30er oder schon die 40er waren - und das Polizist kam ausweichend, kann also jede mögliche Position gewesen sein. Martina sagt, ihre Eltern seien noch sehr klein gewesen, "den Vater im Krieg verloren, die Mutti musste die Familie durchbringen". Auch das ist ja schwammig erzählt, und auf das Thema Verdrängung, und das eine falsche Erinnerung im Kopf zur wahren Erinnerung wird, ist ja Thema von diesem Abschnitt.
Durch das unterschiedliche Alter der Großeltern (wo die Eltern von Martina sind bzw. wann sie gestorben sind, ist gar nicht mehr Thema, oder?) und einen möglichen Altersunterschied von Thomas und Martina finde ich den Zeitstrahl in Ordnung, mir fehlt da keine Generation.
Ich bedauere beim Lesen des Buches sehr, nicht wie Nele nachgehakt zu haben zu Hause, das Thema zweiter Weltkrieg war kein Thema. Die beiden Großeltern, die ich kennen gelernt habe, wohnten im gleichen Haus, geredet wurde viel, aber nicht über die Vergangenheit. Obwohl oder gerade weil mein Opa ein Bein im Krieg verloren hat. Aber auch über meine schon vor meiner Geburt verstorbene Tante wurde nie viel geredet, und es hat bis in meine 30er gedauert, bis ich mehr erfahren habe. Kommunikation in Familien kann schwer sein, daher finde ich das Buch gerade so beeindruckende.
Bis kurz vor Ende des zweiten Abschnitts war ich überzeugt, daß es in diesem Buch um Vergangenheitsbewältigung, um das "Wie konnte das passieren" bis zum Totschweigen der dunkelsten Jahre gehen würde, immer wieder mit dem Blick in die Gegenwart. Und obwohl ich auch jetzt noch davon überzeugt bin, daß dies den Mittelpunkt des Buches bildet, entsteht auf den letzten paar Seiten des zweiten Abschnitts eine weitere Geschichte, die zumindest ich absolut nicht kommen sehen habe.
Mich hat es überhaupt nicht überrascht und ich habe damit gerechnet, das hatte sich für mich abgezeichnet. Ich fand es nur recht "direkt", aber das finde ich positiv, denn wenn es da Unsicherheiten, Zweifel gegeben hätte, würde es vom eigentlichen Schwerpunkt ableiten. So freue ich mich einfach für Nele

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Ich bedauere beim Lesen des Buches sehr, nicht wie Nele nachgehakt zu haben zu Hause, das Thema zweiter Weltkrieg war kein Thema. Die beiden Großeltern, die ich kennen gelernt habe, wohnten im gleichen Haus, geredet wurde viel, aber nicht über die Vergangenheit.
Ich hatte wohl auch in dieser Hinsicht Glück mit meiner Großmutter. Sie hat sehr viel und sehr offen mit mir über die Zeit geredet. Ich war extrem überrascht, als ich später in der Schule feststellte, dass das in den allermeisten Familien ganz anders war.
In wie vielen Haushalten wird ehrfürchtig Omas gutes Geschirr weitervererbt ohne zu wissen, wo Oma das her hat? Der heilge Familienschmuck, die Kristallgläser, die niemand mehr nutzt, alles ist zu Eigen geworden.
Vielleicht gar nicht so schlecht, dass es sowas bei uns nicht gibt. Meine Familie kam nur mit wenigen Koffern in der BRD an, in denen sie nichts mitnehmen konnten, was darauf hin gedeutet hätte, dass sie nicht nach einer Woche brav zurück in die DDR wollten.
Ich fand vor ein paar Jahren diese Geschichte interessant und irgendwie auch schön
Traurig, dass die Kommentarfunktion deaktiviert werden musste.
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Ich fand vor ein paar Jahren diese Geschichte interessant und irgendwie auch schön
An den Bericht habe ich auch schon häufiger zurück gedacht.
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Diese Gleichzeitigkeit der Dinge spürte ich zu Beginn dieses Abschnitts ganz besonders: Neles Zimmer, das einst Ruths Zimmer war, nachdem diese aus dem 1. OG vertrieben wurden. Das Schlafzimmer der Familien...
Spannend fand ich die Bonusaufgabe bei Neles Geschichtsklausur und auch, wie sehr ihr Interesse an dieser Zeit geweckt wurde. Der Same keimt... sie denkt über die eigene Familie nach.
Viel weiß man noch nicht: die Eltern reagieren ablehnend und gereizt, wie soviele Nachkommen der Kriegsgeneration.
Thomas' Vater war damals auch bei der Polizei, aber war er einer von den Guten oder den Bösen? Die beiden Äußerungen „Er hatte auch Ärger, weil er denen geholfen hat“ und „Er hat einige Flüchtlinge eingesammelt und sie aus der Stadt gefahren“ muss man nicht zwingend in die Richtung deuten, dass er Juden geholfen hat.
Auch Martina ist zuerst sehr kühl bei dem Thema, kommt aber dann doch ins Grübeln. Ihr Vater fiel im Krieg, die Mutter musste die Familie durchbringen, man hatte Angst vor den Russen. Martinas Opa, der von den Russen erschossen wurde. Doch sie denkt auch an ihre Mutter, die in ihrem Verhalten gegenüber der kleinen Nele unnötiges Verhätscheln sieht.
Ich denke, zumindest bei Martina kommt ebenfalls ein Prozeß in Gang: „Sie denkt an ihre Eltern, ihre Großeltern. Die Briefe, die Fotos, das Schweigen.“
Hausmeister Torsten kann ich nicht richtig einschätzen: er hat früher Parolen an Wände geschrieben und bereits dies nun. "Die Summe seiner Lebensentscheidungen distanziert ihn von den meisten Menschen". Er hat keinen Kontakt mehr zu seiner Tochter und überstochene Tattoos. Alles an ihm deutet auf einen Aussteiger aus der Naziszene hin, doch dann schreibt er etwas über ehemalige Kollegen. Doch war er zu dieser Zeit auch Polizist?
Und auch bei Irma kommt meines Erachtens etwas in Gang. Ich denke, sie sinniert darüber, ob sie die Vorkommnisse, die den Sternheims widerfahren sind, wirklich in Vergessenheit geraten sollen.
Die Kommode ist wie so vieles Raubgut und ich denke, dass auch heute noch in ganz vielen Familien Geschirr und Mobiliar (sicher teils auch unwissend) weiter vererbt wird, das jüdischen Familien geraubt wurde.
In der Gegenwart steht Nele auf Laura - auch diese Entwicklung scheint interessant zu werden.
Genau das waren auch meine Gedanken: wieviel Familien Geschirr etc. besitzen, auf das sie eigentlich kein Anrecht haben. Wobei ich mir denke, oft – wenn auch nicht immer - haben die heutigen Besitzer keine Ahnung von der unrechtmäßigen Herkunft der Sachen.
Ich gebe ja zu, die Abkürzung RSHA sagte mir erst mal auch nichts (mehr), beim Nachschlagen wußte ich dann natürlich wieder Bescheid.
Porajmos sagte mir auch nichts und auch Parsiphae musste ich nachschlagen.
Viele Menschen wollen einfach nicht (oder nicht mehr) über diese Zeit sprechen. Sie haben Verluste erlitten und Not, sie haben den Krieg miterlebt und Menschen verloren. Sie hatten Hunger, sie hatten Angst... und ja, leider haben auch ganz viele Menschen Schuld auf sich geladen. Sei es durch aktives Tun oder auch durch aktives Wegsehen.
Wer spricht schon gerne über schmerzvolle Zeiten? Die einen würden das Thema gerne vermeiden, weil sie die Erinnerung schmerzt und die anderen, weil sie tonnenweise Dreck am Stecken haben. Das ist -leider- nur menschlich.
Und doch ist das Erinnern und darüber reden wichtig, leider auch heutzutage wieder ganz besonders
Bei uns wurde auch nicht allzuviel darüber geredet, weil mein Opa immer meinte, das wäre eine ganz schlimme und finstere Zeit gewesen und er schlage jeden Tag drei Kreuze, dass diese Zeit vorüber ist. Ich weiß auch, dass sie keine Nazis und auch nicht in der NSDAP waren.
Ich habe mir mal, was die Zeit angeht, so pi mal Daumen ausgerechnet. Mal sehen, ob ich damit so halbwegs hinkomme:
ca. 2009 – Geburt Nele Bittner
ca. 1970 – Geburt der Eltern Martina und Thomas Bittner
1932/1934 - Geburt von Martinas Eltern/Neles Großeltern
(allerdings grüble ich hier noch, wie „den Vati im Krieg verloren, die Mutti musste uns allein durchbringen“ hier reinpasst)
ca. 1920 – Geburt von Thomas' Vater?
Ich würde ihn hier zeitlich „einsortieren“. Da könnte er gerade noch während der Nazizeit (junger) Polizist gewesen sein, könnte aber mit einer entsprechend jüngeren Frau aber eben durchaus Anfang der 70er Vater geworden sein.
ca. 1910 – Geburt von Martinas Großeltern/Neles Urgroßeltern
(würde zeitlich auch dazu passen, dass Martinas Opa von den Russen erschossen wurde)
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Viele Menschen wollen einfach nicht (oder nicht mehr) über diese Zeit sprechen. Sie haben Verluste erlitten und Not, sie haben den Krieg miterlebt und Menschen verloren. Sie hatten Hunger, sie hatten Angst... und ja, leider haben auch ganz viele Menschen Schuld auf sich geladen. Sei es durch aktives Tun oder auch durch aktives Wegsehen.
Wer spricht schon gerne über schmerzvolle Zeiten? Die einen würden das Thema gerne vermeiden, weil sie die Erinnerung schmerzt und die anderen, weil sie tonnenweise Dreck am Stecken haben. Das ist -leider- nur menschlich.
Und doch ist das Erinnern und darüber reden wichtig, leider auch heutzutage wieder ganz besonders
Ich stimme Dir voll und ganz zu - soweit es Neles Großeltern betrifft. Hier geht es aber um das Gespräch der Generation der nach 1968 geborenen mit ihrem (nach 2000 geborenen) Kind und da galten aus meiner Sicht oben genannte Gründe in der Regel nicht mehr. Sicher, das ist auch heute (zum Glück) noch kein Thema, das man als nette Anekdote in heiterer Runde erzählt, aber wenn das 15jährige Kind 80 Jahre nach Kriegsende im engsten Familienkreis beginnt, Fragen zu stellen und man sich immer noch weigert, zuzugeben, daß es auch in der eigenen Familie Nazis gegeben hat, dann stimmt doch gewaltig was nicht.
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Ich habe in den Büchern von Sabine Bode sehr viel gelernt über das Schweigen in Familien und Kriegstraumata, die generationsübergreifend weitergegeben werden und neue auslösen.
Gespräche sind wichtig - aber in meiner Jugend habe ich festgestellt, dass Schweigen der Normalfall ist. Kaum jemand in meinem Freundeskreis oder in meinen Klassen hat mit seinen Großeltern über die Zeit sprechen können.
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Sicher, das ist auch heute (zum Glück) noch kein Thema, das man als nette Anekdote in heiterer Runde erzählt, aber wenn das 15jährige Kind 80 Jahre nach Kriegsende im engsten Familienkreis beginnt, Fragen zu stellen und man sich immer noch weigert, zuzugeben, daß es auch in der eigenen Familie Nazis gegeben hat, dann stimmt doch gewaltig was nicht.
Diese Generation will nicht zugeben- offiziell als 68er Rebellen- dass der Mut fehlte Papa und Mutti zu fragen. Schon gar nicht solche Respektspersonen wie Opa und Oma. Wobei zu berücksichtigen ist, dass viele Ahnen den Krieg nicht überlebt haben und deshalb auch nicht befragt werden konnten.
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Ich habe in diesem Abschnitt zwei Probleme unterschiedlicher Art:
1. Mich macht die ständige Verwendung des Verbs "erinnern" ohne Reflexivpronomen einfach kirre. Das scheint aktuell in Mode zu sein, ich kann mich da aber noch nicht richtig dran gewöhnen.
Mich stört am heutigen Sprachgebrauch noch viel mehr.
1. Die inflationäre Verwendung des Worts "tatsächlich". In jeden blöden Satz wird das eingestreut. Völlig überflüssig und nervig. Manchmal wird das auch noch in der Form "tatsächlich wirklich" verwendet. Teilweise schalte ich im Fernsehen auf einen anderen Kanal, wenn ich davon zu genervt bin.
2. Die Formulierung "..., weil ich kann das nicht" statt "..., weil ich das nicht kann." Nach weil folgt im Deutschen eigentlich kein Hauptsatz, deklinieren und konjugieren sind aber wohl zu schwierig.
Beides sind Übernahmen aus der englischen Sprache "actually" und "because I can't", die völlig unreflektiert übernommen werden. Gestern Abend auch in der Talkshow "3 nach 9" von einer ehemaligen Schulleiterin, die sich für ein besseres Schulsystem aussprach.
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Ich habe in diesem Abschnitt zwei Probleme unterschiedlicher Art:
2. Nele ist 15 und wir schreiben das Jahr 2024 (das ist jedenfalls das Jahr, das auf den Wandkalendern in der Buchhandlung steht). Nele ist also 2009 oder vielleicht auch schon 2008 geboren. Dass die Eltern ihrer Eltern die NS-Zeit als Zeitzeugen miterlebt haben sollen, erscheint mir äußerst unwahrscheinlich. In ihren Überlegungen will sie ihre Großeltern fragen, ob diese auch Hitler gewählt haben - dazu hätten diese aber ja vor 1933 20 Jahre alt sein müssen. Meines Erachtens fehlt hier mindestens eine Generation.
Auch da bin ich bei Dir. Man kann natürlich die Generationen sehr weit strecken, damit das irgendwie hinkommt, normal sind aber eher ca. 30 Jahre pro Generation. Meine Oma wurde 1920 geboren und hat 1933 sicherlich noch niemanden gewählt. Und wenn Nele meine Tochter wäre, hätte ich als Vater auch schon sehr alt sein müssen. Alles möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich.
Also ist das für mich eher ein Ausdruck der künstlerischen Freiheit. Es klingt halt spannender und dichter, wenn Nele etwas über ihre Großeltern erfahren möchte als über ihre Urgroßeltern.
Irma ist hier im Buch auch schon 90 und war in der Nazizeit selbst ein Kind. Auch ein Indiz dafür, dass eine Generation fehlt.
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Ich fand das Verhalten von Neles Eltern seltsam. Anstatt sich zu freuen, dass ihre Tochter interessiert nachfragt und nicht an der Oberfläche stecken bleiben will, wird sie angeraunzt. Vielleicht klärt sich ja noch auf, warum auch die Eltern traumatisch reagieren, aber erstmal wirkte es auf mich unpassend.
Auch das Nele fragen muss, ob sie Besuch empfangen darf oder dass sie erst die Küche aufzuräumen hat, bevor sie für ihre Matheklausur üben darf, fand ich befremdlich.