Et voilà! - Martine Lestrat

  • Martine Lestrat: Et voilà! Die Fortsetzung von Bonjour Deutschland!, Ahrensburg 2025, Elvea-Verlag, ISBN 978-3-911379-02-1, Softcover, 176 Seiten, Format: 12,85 x 0,97 x 19,84 cm, Buch: EUR 12,99, Kindle: EUR 2,99.


    Eine Französin in Deutschland


    Als Martine Lestrat vor über 40 Jahren von Frankreich nach Deutschland gezogen ist, hat sie noch keinerlei Deutschkenntnisse gehabt. Kein Problem für die offene und optimistische junge Frau, die Sprachen liebt. Sie ist sogar fasziniert von deren Grammatik, so komplex und unlogisch diese bisweilen auch sein mag. Beste Voraussetzungen dafür, unsere Sprache mit all ihren Ecken und Kanten zu meistern.


    Inzwischen denkt, träumt und schreibt sie auf Deutsch, hält Bücherlesungen und hat sogar ihr erstes Buch BONJOUR DEUTSCHLAND selbst als Hörbuch eingesprochen. Und seit März 2025 besitzt sie neben der französischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Da war es höchste Zeit für ein neues Buch mit ihren humorvollen, warmherzigen und stets autobiographisch geprägten Alltagsgeschichten. Sie beobachtet sehr genau, und wir werden uns und andere oft wiedererkennen!


    Aus dem Alltag einer Autorin


    Weil sie in ihren Lesungen immer wieder danach gefragt wird, erzählt sie uns in diesem Buch zunächst von ihrem Schreiballtag. Der wirkt recht entspannt. Wenn einer Autorin das Schreiben Bedürfnis und Vergnügen ist und es nicht zum hauptsächlichen Broterwerb dient, muss sie sich auch nicht an den Schreibtisch zwingen, wenn ihr gerade nichts einfällt. Und wer, wie sie, kein Problem damit hat, auch in turbulenter Umgebung kreativ zu sein, kann überall schreiben, selbst in der Bahn. Es wäre allerdings vorteilhaft, wenn man seine Umgebung dabei noch soweit wahrnähme, dass man an der richtigen Haltestelle aussteigt …


    „Sie sollen doch Ihre Hände ruhig liegen lassen.“ Ich antworte: „Das geht nicht. Ich bin Französin. Ich brauche sie zum Reden.“ (Seite 37)



    Deutsch, von außen betrachtet


    Hochinteressant fand ich auch, zusammen mit der Autorin quasi von außen auf die deutsche Sprache zu blicken. Als Muttersprachler hat man dazu kaum die nötige Distanz. Es ist alles, wie es ist, und man fragt nicht nach dem Warum.


    „[…] Ich schätze die Feinheiten der deutschen Sprache. Ihre Nuancen, die es ermöglichen, sich genau auszudrücken.“ (Seite 53)



    Beim Übersetzen steckt der Teufel oft im Detail. Da kommt es schnell zu Missverständnissen, und wenn man aus Unkenntnis eine falsche Sprachebene erwischt, hat man den Gesprächspartner ruckzuck unabsichtlich beleidigt („Die faux amis“, Seite 101).


    Dialekt oder Akzent?


    Bevor man sich als Muttersprachler darüber aufregt oder lacht, weil jemand Fehler macht, der Deutsch als Fremdsprache gelernt hat, sollte man sich erst einmal fragen, wie sattelfest man selbst ist. Ob man beispielsweise den Unterschied zwischen „Dialekt“ und „Akzent“ kennt. Dass das häufig verwechselt wird, ist mir auch schon aufgefallen. Dabei ist es gar nicht so schwer: Ein Dialekt ist eine regionale Sprachvarietät, ein Akzent bezieht sich lediglich „auf die phonologischen Charakteristiken der Aussprache.“ (Seite 57)


    Also spricht Martine mit französischem AKZENT. Allerdings ist sie in Deutschland ziemlich herumgekommen und hat als sprachinteressierte Person diverse regionale Formulierungen aufgeschnappt. Das ist dann wieder DIALEKT.


    Dass unsere geteilten Verben etwas Merkwürdiges sind, hat mir vor Jahren schon eine französische Kollegin erklärt. Von allein wäre ich da nie drauf gekommen! Wir finden nichts dabei, Wörter wie „stattfinden“ zu teilen: „Die Ateliertage FINDEN dieses Jahr am Samstag, 31. Mai und Sonntag, 1. Juni STATT.“ Ein Nichtmuttersprachler muss sich aber darauf konzentrieren, am Satzende den zweiten Teil des Verbs nicht zu vergessen. Vor allem, wenn zwischen Teil 1 und Teil 2 eine ganze Lebensgeschichte liegt. 😊


    Typisch deutsche Eigenheiten?


    Und was haben wir Deutschen sonst noch für Eigenheiten, die uns selbst gar nicht auffallen, und die Martine zum Teil inzwischen angenommen hat? Wir warten beispielsweise brav an einer Fußgängerampel, selbst wenn weit und breit kein anderer Verkehrsteilnehmer zu sehen ist. Und viele Deutsche legen mehr Wert auf ein schickes Auto als auf hochwertige Lebensmittel. Bei den Franzosen, sagt Martine, habe die Ernährung Priorität.


    Das ist eine wertfreie Feststellung, genau wie die Tatsache, dass unsere Traditionen, zum Beispiel, wie wir Weihnachten feiern, leicht voneinander abweichen. Martines Sohn – mit französischer und deutscher Familie – hat das aber unbeschadet überstanden. Ihre Beispiele für die kleinen Unterschiede sind ebenso unterhaltsam wie erhellend.


    Was passiert eigentlich mit der Muttersprache, wenn man sie kaum noch nutzt? Diese Sprachkenntnisse sind doch sicher so fest im Gehirn verankert, dass sie unmöglich „einrosten“ können … oder? Und was ist mit Themenbereichen, in die man sich erst im Ausland eingearbeitet hat? Da stellt man unter Umständen erst im Gespräch fest, dass einem die muttersprachlichen Fachbegriffe fehlen. Ich erlebe das bei mehrsprachigen Menschen aus meinem Umfeld und finde diese Phänomene ausgesprochen faszinierend!


    Französin, Deutsche oder unentschieden?


    Fühlt sich Martine Lestrat denn nun als Französin oder als Deutsche? Ändert sich das situationsbedingt oder kann sie das gar nicht so genau sagen? Ich denke, sie hat für sich inzwischen die perfekte Antwort gefunden.


    Ich mag es, wenn Menschen gekonnt mit Sprache jonglieren und mit einem Augenzwinkern den Alltag aufs Korn nehmen. Wir bekommen einen Spiegel vorgehalten, ohne dass wir dadurch beschämt werden. Wenn wir das eine oder andere Mal über unser Verhalten nachdenken und ein bisschen schmunzeln müssen, ist das doch wunderbar! Ich habe das Buch mit Freude gelesen.


    Die Autorin


    Die gebürtige Französin Martine Lestrat zog 1984 von Frankreich nach Deutschland. Warum? Die kurze Version ist: ... aus Liebe. Ihre damaligen deutschen Sprachkenntnisse? Gleich null. Aber dank eines Praktikums in einem Kindergarten lernte sie schnell die Sprache ihrer neuen Heimat und konnte ein Studium der Sozialpädagogik beginnen, das sie durch zahlreiche Jobs und Mitarbeit bei deutsch-französischen Begegnungen finanzierte. Sprache(n) und Schreiben haben sie damals schon begeistert. Nach ihrer Ausbildung zur Gesundheitsberaterin fing sie an, ihre Erfahrungen mit den Deutschen und der deutschen Sprache aufzuschreiben. Nach mehreren Umzügen innerhalb Deutschlands lebe die Autorin seit 1999 in Schleswig-Holstein, wo sie sich sehr wohl fühlt. Ihre Internetseite: www.bonjour-deutschland.eu


    ASIN/ISBN: 391137903X

    Und was die Autofahrer denken,
    das würd’ die Marder furchtbar kränken.
    Ingo Baumgartner