Florian Schroeder: Happy End. Warum Du ohne Glück glücklicher bist, München 2025, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-28507-0, Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 336 Seiten, Format: 15 x 3,8 x 21,8 cm, Buch: EUR 24,00, Kindle: EUR 19,99.
„Glück hat zwei Dimensionen. Auf der einen Seite ist das Moment des Schicksalhaften, des Zufälligen und des für uns nicht Beeinflussbaren. Das ist gemeint, wenn wir davon sprechen, dass wir Glück hatten oder haben. […] Ich werde mich in erster Linie mit der zweiten Bedeutung des Glücks beschäftigen. Mit dem Teil, von dem wir uns einreden, ihn erreichen zu können, wenn wir uns anstrengen.“ (Seite 12/13)
Dauerhaft glücklich?
Ich bin ja der Ansicht, dass das Leben Höhen und Tiefen hat, durch die man sich irgendwie wursteln muss. Dass man ständig glücklich sein kann oder gar MUSS und ich eine Versagerin bin, wenn mir das nicht gelingt, lasse ich mir nicht einreden. Ich versuche lediglich, möglichst kluge Entscheidungen zu treffen um in keinen Schlamassel zu geraten, aber mehr ist nicht drin.
Der Autor lässt sich diesbezüglich ebenfalls nichts vormachen. „Glücksterror“ und „Glücksdiktatur“ gehen ihm gegen den Strich. Es gibt jedoch genügend Menschen, die meinen, dem Glück verzweifelt nachjagen zu müssen. Und das ruft dann Leute auf den Plan, die ihnen gerne dabei „helfen“ wollen – natürlich gegen saftiges Entgelt.
In diesem Buch geht der Autor der Frage nach, wo Menschen überall ihr Glück suchen, und ob das, was sie an diesen Orten finden, sie tatsächlich glücklich(er) macht. Dazu besucht, begleitet und befragt er ganz unterschiedliche Personen und führt diverse Selbstversuche durch. Für uns Leser:innen vergnüglich, für ihn … na, geht so. 😊
Zwei Schwierigkeiten hatte ich beim Lesen dieses Buchs: 1. Der Autor ist wesentlich gescheiter als ich, und ich bin nicht sicher, ob ich ihn stets richtig verstanden habe. 2. Wenn er zu Testzwecken etwas tut, das nie für introvertierte Skeptiker wie ihn gedacht war, kann er hinterher nur sagen, dass ihm das nicht gefallen hat. Wie das Angebot auf Personen wirkt, die anders ticken als er, kann er nicht wissen. Oder?
Also: Was tut sich der arme Autor für dieses Buch alles an?
Coaching: In der Hölle der Löwen
Florian Schroeder bucht einen Kurs bei einem Lifecoach und fragt sich, wo er da gelandet ist. Bei einem Vorstellungsgespräch mit ihm als Bewerber? Bei einer Castingshow mit Recall? Oder gar in einer Sekte?
Geschäftsgebaren und Veranstaltung sagen ihm nicht zu. Kein Wunder: Laut Experten ist nur rund jeder 5. Coach qualifiziert ausgebildet und seriös. Der Rest versucht, anderen beizubringen, was er selbst nicht kann. Nee, also glücklich werden hier nur die Coaches, weil sie gut verdienen. - Wie sein Fazit wohl ausgefallen wäre, wenn er einen seriösen Coach erwischt hätte?
Fandom: Allein unter Swifties
Der Autor fragt sich, was Taylor-Swift-Fans so happy macht und interviewt einige bei einem Konzertbesuch. Die können ihm genau sagen, was sie an der Künstlerin schätzen,
und sie betrachten ihre Konzerte als safe space: „Ein Ort, an dem es möglich ist, ohne Angst für ein paar Stunden die Kontrolle loszulassen und glücklich zu sein.“ (Seite 57). Mit safe spaces hat der Autor zwar ein Problem, aber das Fandom an sich scheint ein harmloses Vergnügen zu sein. Es gibt Schlimmeres.
Gesundheit und Ernährung
Gesundheitsapostel und Biomoralisten genießen beim Autor kein hohes Ansehen. Seines Erachtens erheben sich da manche Leute über andere, weil sie – im Gegensatz zu DENEN - auf Tierwohl, Klima und Fitness achten.
Für manche Menschen haben Gesundheit und Ernährung sogar den Status einer Ersatzreligion mit Geboten, Verboten, Sünden und Buße. Genuss, Sinnlichkeit und Lust sind dabei tabu. Und wenn’s in Richtung „Longevity“ geht, wird’s richtig extrem, skurril und anstrengend. Klingt für ihn nicht gerade glücksfördernd.
Liebe, S*x und Partnerschaft
Hier bin ich ausgestiegen. Offenbar sind Partnerschaft und Familie ebenfalls ungeeignet, um das Glück zu finden, ich habe jedoch nicht so recht kapiert, warum. Aber Schroeders Erfahrungen bei der „Kuschelparty“ sind sehr speziell und für den Leser ausgesprochen amüsant.
Im Rausch der Droge
Der Autor traut sich was!
In einem psychedelischen Retreat nimmt er unter Aufsicht L S D. Angeblich ermöglicht diese Substanz, sich schmerzvollen Erinnerungen und Emotionen zu stellen, ohne davon überwältigt zu werden. Macht diese Erfahrung glücklich? Na ja: Die Gruppenarbeit hätt’s jetzt nicht gebraucht …
Auswandern?
Findet man vielleicht sein Glück im Ausland? Nicht, wenn man es so naiv angeht wie die Leute in den einschlägigen TV-Dokus!
Aber ein Professor, der nach Finnland zieht, das im World Happiness Report auf Platz 1 ist, könnte es doch schaffen! Der Autor besucht und befragt ihn und erhält interessante Einblicke. Seine eigene böse Theorie (auf Seite 161) ist aber auch nicht von der Hand zu weisen …
Macht Geld glücklich?
Bei Pferdewetten macht Schroeder Bekanntschaft mit der „intermittierenden Verstärkung“, die das Glücksspiel zur Sucht machen kann. Doch ein Zocker wird er sicher nie. Im Dunstkreis von Geld und Zufriedenheit präsentiert er uns den Neid als mächtige Triebfeder. Das hat mich überrascht. Und ich stimme ihm zu, wenn er sagt: „Neid war schon immer das Krebsgeschwür des Glücks“ (Seite 208).
Aberglaube und Esoterik
Sein Selbstversuch führt ihn hier auf eine Esoterikmesse. Wenn man diese mit der Einstellung „Guck mal, die Bekloppten!“ besucht, ist es unwahrscheinlich, dass man zu dem Schluss kommt, das hier Gebotene könne glücklich machen. Uns Skeptiker natürlich nicht!
Und sonst so?
Der Autor fragt sich, ob denn Demokratien heute noch glücklich machen, stehen sie doch allenthalben unter Beschuss. Er begleitet Politiker verschiedener Parteien und präsentiert uns ein paar Ideen, mit denen man die Bürger zumindest ein wenig zufriedener machen könnte. Wenn man allerdings so komprimiert liest, was Libertäre mit dem Staat vorhaben, wird einem angst und bange. – Ach ja: Religion und Social Media stünden für die Jagd nach dem Glück auch noch zur Debatte.
Nachdem der Autor nun alle erdenklichen Glücks-Jagdgründe für uns erforscht hat, kann sich jeder Leser selbst aussuchen, ob er sich diesem Stress aussetzen möchte. Also, ich nicht! Ich bin sowieso eher im Team „Resilienz“. Das erscheint mir realistischer als die Suche nach anhaltendem Glück:
„Resilienz ist […] so etwas wie der flexible Umgang mit Unwägbarkeiten und Unsicherheiten. […] Gewappnet zu sein für das Unabwendbare. Mit allem rechnen, ohne dabei zu kapitulieren und zugrunde zu gehen.“ (Seite 315/316)
Auch wenn mir manches zu hoch war – ich habe NICHT Philosophie studiert -, fand ich Florian Schröders sarkastische Glückssuche überaus erhellend und unterhaltend. Und ich habe hier Zusammenhänge begriffen, die mir noch nie jemand so kompakt und griffig erklärt hat. Dass ich ihm nicht in allen Einzelheiten folgen konnte, ist sicher nicht schlimm: Ich muss ja nichts tun, sondern nur was unterlassen.
Der Autor
Florian Schroeder (Jahrgang 1979) hat Germanistik und Philosophie studiert. Schon zu Studienzeiten begann er seine Bühnenkarriere als Kabarettist und Parodist, sammelte Erfahrungen als Radio- und Fernsehmoderator und erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Heute brilliert er mit seinen Bühnenprogrammen. Seit 2015 bloggt er für «Psychologie heute«.
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ASIN/ISBN: 3423285079 |
