Die Brandung: Nebelschwester - Karen Kliewe

  • Karen Kliewe: Die Brandung – Nebelschwester. Ein Ostsee-Krimi, München 2025, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-26418-1, Klappenbroschur, 381 Seiten, Format: 13,6 x 3,15 x 21 cm, Buch: EUR 16,00, Kindle: EUR 12,99, auch als Hörbuch lieferbar.


    „Holt eure Umhänge, es wird Zeit! Mit der Macht dieser Verbündeten“, sie präsentierte den Schädel reihum, „unserer magischen Schwester, die uns zu sich gerufen hat, werden wir jetzt das Seidr-Ritual durchführen, und herausfinden, was Donnerstagnacht passiert ist.“ Ihre Stimme schwoll an. „Und was Christian zugestoßen ist.“ (Seite 225)


    Fria Svensson: Archäologin und Polizei-Beraterin


    Das ist der dritte Fall für den wortkargen deutschen Hauptkommissar Ohlsen von der Kripo Flensburg/Außenstelle Norgaard und die dänische Archäologin und Museumsleiterin Fria Svensson (40). Sie entstammt einer Familie aus Polizisten und Juristen, hat jedoch ihre Polizeiausbildung zugunsten des Archäologiestudiums aufgegeben, ist aber immer wieder als Polizeiberaterin beiderseits der Grenze tätig.


    Das Ermitteln findet die impulsive Fria deutlich spannender als beispielsweise das Organisieren von Ausstellungen, und so geschieht es immer wieder, dass sie ihre Arbeit im Museum sträflich vernachlässigt, sobald sie es mit einem kniffligen Kriminalfall zu tun bekommt.


    Was hat Poul zu verbergen?


    Wenn gerade kein Fall in Sicht ist, dann konstruiert sie sich einen. Derzeit spioniert sie Poul, dem neuen Freund ihres Mitbewohners Marten, nach. Der Däne kommt daher wie ein Rocker, hat sogar eine entsprechende Kutte im Schrank, führt aber ein Leben, das gar nicht dazu passt.


    Doch dann muss sie andere Prioritäten setzen: Grabräuber machen sich über ihre aktuelle Ausgrabungsstätte her und am Strand unterhalb des Holnis-Kliffs (der Steilküste auf der Halbinsel Holnis bei Glücksburg an der Flensburger Förde) wird eine bewusstlose Frau gefunden, unbekleidet und blutbeschmiert.


    Das Opfer einer Wikinger-Sekte?


    Raphael Meurer, ein Mitarbeiter des Naturschutzbunds, hat die Frau auf einem seiner Kontrollgänge gefunden. Er weiß, dass sich an diesem Strand immer wieder Esoteriker treffen und dort irgendwelche Wikinger-Zeremonien abhalten. Doch auch ohne Meurers Hinweis schreit der Fundort „heidnische Rituale!“, schon allein aufgrund der Auffindesituation des Opfers und wegen des großflächig verteilten Menschenbluts. Das stammt von einem unbekannten Mann, von dem jede Spur fehlt. Wer die Frau ist, weiß man auch noch nicht, weil weder Kleidung, Papiere noch ihr Handy gefunden werden. Und als sie im Krankenhaus zu sich kommt, reagiert sie auf keine Ansprache.


    Erst als eine selbsternannte Seherin und Totengöttin bei der Polizei in Norgaard erscheint und ein Mitglied ihrer Wikingersekte als vermisst meldet, kommt Bewegung in die Sache:


    Die Sektierer schweigen. Fria handelt …


    Wie kommt man dieser störrischen Gruppierung bei? Archäologin Fria Svensson hat eine Idee: Ohne sich mit jemandem abzusprechen, schleicht sie sich Undercover in diesen esoterischen Zirkel ein. Das läuft zunächst ganz gut, doch als sie zum ersten Mal zu einem der Rituale mitgenommen wird, erlebt sie eine unliebsame Überraschung. Und jetzt wird’s mordsgefährlich …!


    Die Kombination „polizeiliche Ermittlungen und archäologische Forschungen“ funktioniert wirklich gut! Der grummelige und extrem einsilbige Kommissar Ohlsen nutzt aber auch jede Gelegenheit, mit der quirligen dänischen Archäologin zusammenzuarbeiten, auch wenn er eigentlich bei der reise- und abenteuerlustigen Industriekletterin Lies in festen Händen ist. Irgendwie hat der introvertierte Mann ein Faible für Frauen, die ihn komplett überfordern.


    Viele Personen, leider kein Verzeichnis


    Nicht über- aber doch herausgefordert fühlte ich mich von der Anzahl der hier agierenden Personen. Es ist eine Weile her, dass ich Band 1 und 2 gelesen habe und so musste ich mich erst mal wieder orientieren bezüglich Namen, Funktionen, Eigenheiten und Beziehungen.


    Der Fall: ungewöhnlich, spannend und verzwickt


    Der Kriminalfall ist ungewöhnlich, spannend und verzwickt – und zum Glück nicht allzu unappetitlich. Ohlsens soziale und kommunikative Defizite bringen die Leser:innen immer wieder zum Schmunzeln. Das ist gut, denn ohne das wäre die Geschichte doch sehr bedrückend.


    Was die Menschen in diesem Roman antreibt, ist stets nachvollziehbar, auch wenn manche recht schräg drauf sind. Durch die Nebenfigur Antje Binder erfahren wir viel über das Opfer, das sich ja selbst nicht äußert.


    Die etwas schrulligen Romanfiguren mag ich und auch die bildhafte Art, in der die Autorin die Szenen beschreibt. Ich denke, da merkt man, dass sie aus dem visuellen Bereich kommt (Fotografie, Grafik). Wenn sie eine Szenerie vor Augen hat, haben wir Leser:innen das auch.


    Ich bin schon jetzt neugierig auf den Folgeband. Nicht nur, weil ich wissen will, wie die Beziehungsgeschichten weitergehen und was Martens Lebensgefährte Poul zu verbergen hat …


    Die Autorin


    Karen Kliewe, Jahrgang 1970, hat als Fotografin, Illustratorin und Grafik-Designerin gearbeitet, bevor sie das Krimi-Schreiben entdeckte. Sie lebt mit ihrer Familie im Westfälischen.


    ASIN/ISBN: 3423264187

    Und was die Autofahrer denken,
    das würd’ die Marder furchtbar kränken.
    Ingo Baumgartner