Dirk Steffens: Hoffnungslos optimistisch. Ein ziemlich wissenschaftlicher Blick in die Zukunft, München 2025, Penguin Verlag, ISBN 978-3-328-60469-3, Hardcover mit Schutzumschlag, 143 Seiten, Format: 13,3 x 1,8 x 20,6 cm, Buch: EUR 20,00, Kindle: EUR 17,99, auch als Hörbuch lieferbar.
„Optimismus ist keine Naivität – sondern oft nur die statistische Wahrheit. Und die lautet: Seuchen, Hunger, Gewalt, Ungleichheit, Armut nehmen nicht zu, sondern ab. Weil wir dazugelernt haben, weil wir unser Verhalten angepasst haben. Genau diese Fähigkeit brauchen wir jetzt wieder.“ (Seite 87)
Was wir glauben
Kriege, Klimawandel, Artensterben, Umweltverschmutzung, wirtschaftliche Probleme … Krisen gibt es allenthalben. Nachrichten zu konsumieren ist zu einer Mutprobe geworden. Sorgen, Ängste und Frustration wachsen. Aber steht der Weltuntergang wirklich unmittelbar bevor oder sehen wir zu schwarz?
Genau das tun wir, meint der Autor, weil wir vieles nur verzerrt wahrnehmen. Nicht, weil wir doof sind, sondern weil unsere paläolithischen Instinkte und Emotionen nicht zu unserem modernen Leben passen. Die Evolution hat uns auf ein nomadisches leben in der Savanne vorbereitet, und da hängen wir immer noch fest.
„In unseren Knochen stecken 10 000 Generationen als Jäger und Sammler, aber nur eine am Computer.“ (Seite 24) Und so fürchten wir uns oft vor den falschen Dingen: vorm Wolf, vorm Gewitter oder vor Haien, während wir in Wahrheit an Schokolade, Alkohol und Bewegungsmangel sterben. Und wenn wir vor den falschen Dingen Angst haben, priorisieren wir auch falsch.
Wir gewichten Negatives höher als Positives, auch wenn die Statistik was anderes sagt. Was wir häufig hören, halten wir für bedeutender und bedrohlicher als es wirklich ist. Spontane emotionale Reaktionen fallen uns leichter als intensives Nachdenken über abstrakte Sachverhalte. Auch das ist ein Überlebensmechanismus aus unseren Zeiten in der Savanne. Leider sind die aktuellen großen „Baustellen“ wie Klimawandel, Artensterben, soziale Ungerechtigkeit etc. abstrakter Natur. Da ist es einfacher, sich über Windräder, Wölfe und Gendersternchen aufzuregen als sich mit den komplexen Themen auseinanderzusetzen, was Populisten geschickt für ihre Zwecke auszunutzen wissen.
Es gibt noch viele weitere Wahrnehmungsverzerrungen, die eines gemeinsam haben: Wir suchen evolutionär bedingt beim Denken nach Abkürzungen und schnellen, einfachen Lösungen. Und wir sehen Muster, wo keine sind.
Aber es gibt „Werkzeuge“, mit denen wir unser verzerrtes Weltbild wieder gerade ziehen können, und das sollten wir auch tun. Denn eines ist klar: Rumsitzen, jammern und auf den Untergang warten bringt uns nicht weiter. Und auch, wenn keiner von uns im Alleingang die Welt retten kann: Es kann sich nur etwas bessern, wenn wir uns einbringen, engagieren, Verantwortung übernehmen und tun, was möglich ist.
Was wir wissen
Auch wenn es nicht allen Leuten passt: Wissenschaft schafft Wissen und Expert:innen haben tatsächlich für die Erde so eine Art „Krankenakte“ erstellt, die zeigt, welche biophysikalischen Grenzen nicht überschritten werden dürfen, wenn wir eine stabile und lebensfreundliche Umwelt haben wollen. Wir wissen also, wieviel wir kaputt machen dürfen, bevor wir aussterben. Zum Glück bleiben uns noch ein paar Jahrzehnte, um das Ruder herumzureißen. Doch wenn wir zu lange herumlabern und -trödeln, ist irgendwann Schluss.
Klug wäre es, wenn wir die drängendsten Probleme zuerst angingen: den Klimawandel und, weil alles mit allem zusammenhängt, das Artensterben. Wenn wir das nicht zeitnah auf die Reihe kriegen, brauchen wir uns mit den „Nebenkriegsschauplätzen“ gar nicht mehr zu befassen.
Was wir tun müssen, wissen wir. Aber wie bringt man das den Leuten bei? Umweltschutz klingt immer so nach Verzicht, Verteuerung, Verboten und Bevormundung, und das erzeugt Reaktanz, eine Art kindliches Trotzverhalten. Was wir bräuchten, ist eine mitreißende Vision, ein Narrativ, das uns Chancen und Möglichkeiten aufzeigt.
Was wir (tun) können
Der Homo sapiens ist ein recht resilientes Tier und kann ganz schön schlau sein. Er ist auch imstande, sich motivierende Narrative für seine Artgenossen auszudenken, wie der Autor anhand verschiedener Beispiele belegt. Die waren zwar nicht alle zum Wohle der Menschheit und manche kamen zur falschen Zeit, aber die Möglichkeit besteht.
Was wir nicht tun sollten: Sitzen und warten, bis andere etwas tun, weil wir ja für die Probleme nicht zuständig und „die da oben“ viel besser qualifiziert sind. „Wir dürfen nicht auf eine einzige Antwort hoffen, sondern müssen die sehr vielen [Antworten], die wir bereits kennen, konsequent anwenden und entwickeln.“ (Seite 89)
Weil der Mensch immer nach Lösungen sucht, gibt es eine verblüffende Vielzahl von Lösungsansätzen für die verschiedensten Umweltprobleme. Vieles davon funktioniert im KIeinen und ist relativ einfach und preisgünstig umzusetzen.
Von manchen Projekten, die Dirk Steffens in diesem Kapitel zusammengetragen hat, hat man schon gehört, anderes war mir zumindest völlig neu. Und der Autor hat sicher recht, wenn er sagt: „Die meisten Ideen werden scheitern, keine Frage. Aber da acht Milliarden Menschen jeden Tag unvorstellbar viele Ideen haben, bleiben immer genug übrig, die funktionieren.“ (Seite 101/102)
Und wenn wir nun nicht zu den Menschen gehören, die bahnbrechende Einfälle haben, die die Welt retten können? Dann können wir immer noch die guten Ideen anderer unterstützen und unser Verhalten im Rahmen unserer Möglichkeiten ändern.
Das mögen nur Kleinigkeiten sein. „Aber Millionen solcher Handlungen kippen Systeme. Märkte verändern sich, wenn Konsumenten es wollen. Politik verändert sich, wenn Wähler es wollen. Optimistische Narrative verstärken diese kollektive Dynamik.“ (Seite 136) Okay: Bevor wir resignieren, versuchen wir es eben so …
Das Buch ist unterhaltsam bis flapsig geschrieben und bietet eine Vielzahl von Informationen, Denkanstößen und Anregungen. Aber traue ich dem Homo sapiens jetzt zu, sich aus der Lage wieder herauszuwursteln, in die er sich selbst gebracht hat? Ideen hat er ja, nur an der Umsetzung hapert es. Dass ich jetzt weiß, warum das so ist, stimmt mich nicht unbedingt zuversichtlicher. Das Thema „verzerrte Wahrnehmung“ werde ich aber auf jeden Fall im Auge behalten. Wenn man sich von künstlich aufgeplusterten Scheinproblemen nicht ablenken lässt, fällt es womöglich leichter, sich auf das wirklich Wichtige zu konzentrieren.
PS: Mit der Aussage des Autors über die Selbstbeurteilung kämpfe ich noch ein bisschen: „[…] um zu beurteilen, ob ich in irgendwas begabt bin, muss ich genau darin begabt sein, weil ich sonst gar nicht beurteilen kann, ob ich begabt bin.“ (Seite 17) Äh … nö! Um beispielsweise festzustellen, dass ich unsportlich bin, nicht gut kochen oder singen kann, genügen meines Erachtens fünf Sinne und der gesunde Menschenverstand. Dazu braucht’s weiter kein Talent. 😊
Der Autor
Dirk Steffens ist einer der bekanntesten und renommiertesten Wissenschaftsjournalisten Deutschlands, spezialisiert auf Umwelt- und Naturthemen. Der Dokumentarfilmer, TV-Moderator und Buchautor arbeitet seit 2022 für die Film- und Print-Redaktionen von »GEO«. Für seine Arbeit wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. 2024 wurde er vom Club der Optimisten als »Optimist des Jahres« ausgezeichnet.
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ASIN/ISBN: 3328604693 |
