Fantasy zwischen Flucht und Erfahrung – ein paar Überlegungen

  • Fantasy wird seit jeher ein Vorwurf gemacht, dass sie eskapistisch sei – und damit trivial, verharmlosend oder weltfremd.

    Ganz von der Hand zu weisen ist das nicht. Viele Fantasygeschichten arbeiten mit klaren Gegensätzen, mit Sinnstiftung, mit dem Sieg des Guten und einem Leiden, das am Ende „aufgeht“, das gerechtfertigt erscheint.

    Gleichzeitig gibt es aber auch eine lange Verteidigung des Genres. Tolkien etwa hat in seinem Essay On Fairy-Stories den berühmten Vergleich geprägt: Warum sollte man einen Gefangenen verachten, der von etwas anderem spricht als von Gitterstäben? Flucht sei nicht gleich Flucht – man müsse die Flucht des Gefangenen von der Flucht des Deserteurs unterscheiden.

    Was mich daran besonders interessiert: Eskapismus kann zweierlei bedeuten.

    Einerseits das notwendige Heraustreten aus einer bedrückenden Wirklichkeit, um überhaupt Luft zu holen. Andererseits aber auch das Verharren in der Flucht – das Einrichten in Welten, die zwar Sinn anbieten, aber keine Rückkehr mehr verlangen.

    Gerade viele aktuelle Fantasyangebote scheinen mir eher Letzteres zu bedienen. Die großen Verlage reagieren auf eine Welt, die sich überfordernd, starr und kaum veränderbar anfühlt, mit Geschichten, in denen Konflikte überschaubar bleiben, Lösungen erreichbar sind und Gerechtigkeit zuverlässig eintritt. Das kann entlasten – aber es kann auch dazu führen, dass die Leser:innen passiv bleiben, dass Fantasy eher verdeckt als den Blick zu weiten.

    Mich interessiert deshalb eine andere Möglichkeit von Fantasy:

    Fantasy als Erfahrung, nicht nur als Eskapismus.

    Eine solche Fantasy würde ihre Welten nicht vollständig schließen. Konflikte würden nicht restlos gelöst, Siege blieben ambivalent, Sinn wäre nicht fertig verteilt. Die Geschichte würde erst durch die Leser:innen vervollständigt. Nicht als bloßer Konsum, sondern als eigene gedankliche Arbeit.

    In diesem Sinn wäre das Lesen selbst eine Art Heldenreise – allerdings ohne garantiertes "Elixier". Man kehrt nicht mit einer fertigen Lösung zurück, sondern mit Fragen, mit Reibung, vielleicht mit einem geschärften Blick auf die eigene Wirklichkeit.

    Mich würde interessieren, wie ihr das seht:

    • Lest ihr Fantasy eher zur Entlastung – oder zur Konfrontation?
    • Habt ihr Bücher erlebt, die euch nicht nur unterhalten, sondern verändert haben?
    • Und wo liegt für euch die Grenze zwischen sinnvoller Flucht und bloßer Verdrängung?

    Ich bin gespannt auf eure Gedanken.