Der Büchereulen-Adventskalender 2011

  • 20. Dezember 2011 von Babyjane



    Ich habe gar keine Geschichte!


    Ok, ein Text für die Büchereule. Ein Adventstext.


    Weihnachtlich, besinnlich, zuckrigsüß, ein wenig mit Moral von der Geschicht, ein bißchen ethiisch, pädagogischwertvoll, angefüllt mir Nächstenliebe,. ein wenig christlich, irgendwie sowas wird mir doch einfallen, schließlich hatte ich so gute Ideen.


    Der Geschenkekrieg jedes Jahr mit meinen Geschwistern, darum wer den Neffenkindern das geilste, beste, schönste, teuerste und abgefahrenste Geschenk schenkt, wäre doch was. Lernen wir doch seit Neustem schon in der Werbung, Weihnachten wird unterm Baum entschieden!! Da könnte ich doch was zu schreiben, wie wir uns alljährlich die Hacken abrennen, damit die Blagen, sich dann lieber mit dem Geschenkpapier beschäftigen, als unsere grandiosen Geschenkergüsse zu würdigen.


    Oder gar in dieser Woche im Dienst, der Junkie, den wir zur Methadonausgabe fahren, der mir die Ohren voll heult, daß er Weihnachten nicht im Knast sein will und bei dessen Genöhle ich beide Ohren auf Durchzug stelle und daran denke, daß die Damen und Herren, deren Autos er kurz vorher aufgebrochen hat, sicherlich auch ein schöneres Weihnachtsfest ohne seine Beschaffungsmaßnahme gehabt hätten. Das wäre doch was gewesen, hartherzige Kriminalbeamtin bringt Kleindieb kurz vor Weihnachten in den Bau. Am Besten frickel ich da aber noch ein Happy End rein, ich könnte ihn ja mal besuchen gehen und ein Stückchen Weihnachtsgans mitnehmen oder so. Vielleicht erscheint ihm auch in der Zelle das Christkind und heilt ihn von seiner Sucht… eigentlich eine Wahnsinnsidee.


    Ich denke, so was würde den Eulen gefallen, wo ich doch schon keine Plätzchenrezepte als Beitrag posten darf, da wäre so etwas doch sicher genau das Richtige. Außerdem ja dann auch typisch Babyjane, eine Bullettengeschichte.


    Will ich aber nicht. Weder will mir was weihnachtlich besinnliches aus den Fingern fließen, noch was moralisches, geschweige denn was zuckersüßes, eigentlich blinkt die ganze Zeit nur vor meinen Augen eine große Werbetafel auf der die Worte: „Du darfst nicht schimpfen, nicht fluchen und nicht Arschl…. sagen, sonst gibbet von Wolke was auf den Deckel.“ Das hemmt, ehrlich, das läßt mich nicht so locker sein, auf einmal fallen mir nur lustige Geschichten ein, bei denen es darum geht, daß die glückliche Familie sich unterm Weihnachtsbaum ordentlich an die Gurgel geht, weil die Gans nicht durch ist, der Gatte eigentlich lieber bei seiner Sekretärin wäre und die Kinder statt, der gewünschten Wii ausgerechnet ein Buch bekommen haben.


    Dazu hält mich ja noch so viel anderes vom Schreiben ab, zum Einen freue ich mich immer noch wie ein Schnitzel über die Druckfahnen, die ich eben an den Droemer Knaur Verlag zurück gesendet habe, zum anderen wäre noch so viel im Haus zu tun. Vorsichtig schiebe ich eine Staubfluse unter den Schreibtisch. Dazu verlangt die Killerkatze nach Aufmerksamkeit und tapst über die Tastatur. Kein Schreiben möglich, kein klarer Gedanke. Jetzt kommt auch noch der Mr. angeschlichen. „Was machst du da? Schreiben?“ „Nein, ich brate mir auf der Tastatur ein Omlett!“ Zack ist auch der Mr wieder weg und von Besinnlichkeit immer noch keine Spur. Ich denke also, sorge ich mal rasch für die richtige Stimmung, greife mir zwei Lichterketten und schmücke das Fenster, erst als ich fertig bin, fällt mir auf, daß mich im hellerleuchteten Fenster jeder in Slip und BH bei meinen Dekoversuchen beobachten konnte. Was solls, hatten die Nachbarn halt mal einen wirklichen Weihnachtsengel im Blick, nur bin ich immer noch nicht in Stimmung für eine Weihnachtsgeschichte und außerdem bin ich total nervös, weil in diesem Jahr Weihnachten ja ganz anders wird als sonst. Wir schießen uns nicht alle in die glitzerndsten Klamotten, düsen aus allen Himmelsrichtungen zu unseren Eltern, schlagen uns den Bauch mit Sauerbraten, Hasenrücken, Gänsekeule und Klößen voll.


    Oh NEIN! In diesem Jahr hat nämlich Frau Jane die Schnauze so richtig ordentlich voll genommen und die Ganze Sippschaft zu sich nach Hause eingeladen. Schwiegereltern inklusive. Mir bricht der Schweiß aus, wenn ich auch nur daran denke, daß mein Tisch eigentlich viel zu klein ist, meine Stühle zu unbequem und meine Kochkünste vielleicht nicht ausreichend. Ich atme dreimal tief durch und unterdrücke das Hyperventilieren, von links blickt der Mr mich fragend an: „Vorweihnachtspanik?“ Das „Schon wieder?“ oder gar das „Du bis doch bekloppt!“ sagt er nicht, sehe ich ihm aber an der Nasenspitze an. Ich haue also weiter in die Tasten, hier wird doch eine Geschichte zu finden sein, eine Gute. Eine Schöne… Ach Mist, warum hab ich mir eigentlich nicht früher Gedanken gemacht? Mich gekümmert? Mich vorbereitet, Ideen gesammelt?


    Weil der letzte Drücker mir sonst immer den Schub gibt, den ich brauche. Ist auch bei den Weihnachtsgeschenken so. Die genialsten Ideen hab ich am 24. Dezember um 16:30 h. 30 Minuten bevor alle Läden schließen renne ich wild gehetzt durch die Innenstadt und stopfe wahllos die beklopptesten Dinge in meinen Beutel, beschwert hat sich noch keiner. Ok, meine Schwester hat das Set aus Waschlappen mit aufgedruckten Nikoläusen und Zimtduft bei einer Badtasteparty verwichtelt, aber hey, das war da DER KNALLER!


    Mal schnell Wörter zählen, reicht das schon? Sollte ich noch mehr?


    Vielleicht noch was zum Jesuskindchen und Maria und Josef? Heute hab ich mich zum Beispiel in der Innenstadt zu Tode erschrocken, ich marschierte strammen Schrittes an der Krippe vorm Cafe Reichhard vorbei, als plötzlich, die Maria umfiel. Ehrlich, ich hab nichts gemacht, nicht umgeschubst, nicht angefaßt, nicht mal angepustet. Zack, lag sie da und ich stand davor, ratlos, was tun? Die Puppe ist zwei Köppe größer als ich, allein beim Versuch sie aufzuheben hätte ich vermutliche Esel, Ochs und das Christkind abgeräumt. Zwei Chinesen haben sich erbarmt und Maria wieder hingestellt, dabei konnte ich einen Blick unter ihren Rock werfen, also den von Maria, nicht von den Chinesen. Maria von der Krippe vorm Cafe Reichhard, trägt keine Unterwäsche, so viel zum Thema unbefleckte Empfängnis und Tugendhaftigkeit und allem drum und dran. Vielleicht liegt es auch daran, daß sich die Weihnachtsstimmung nicht so recht einstellen will. Ich mein, ich hab der heiligen Jungfrau untern Rock gesehen, da muß doch Strafe her, oder?


    „Was kicherst du denn so?“ Der Mr schielt auf den Laptop und blickt mich tadelnd an. „Du kannst doch keine Geschichte über die fehlende Unterwäsche von Maria schreiben! Für einen Adventskalender? JANE!“


    „Kann ich wohl! Siehste!“ Fast schon hab ich auf Senden gedrückt, da fällt mir noch was ein…


    Ob ich wohl gescholten werde, wegen der Schimpfwörter, des mangelnden Junkiemitgefühls, der mariäschen fehlenden Unterbuxe, des fehlenden roten Fadens? Spannungsbogen gleich null. Vielleicht holt gar wer den Caipi raus und schreit DKZV-Machwerk, höchstens Bezahlverlagsniveau. Da sind wir von der Jane aber Besseres gewohnt.


    Was soll ich sagen, Eulen, ihr habt Recht, aber wenn mich Dori, Nicole C.Vosseler, die Batcat und Bouqui mit ihren Postings dann auch noch ans Facebook fesseln, was soll denn da schon an tollem Text zustande kommen? Immer wieder muß ich den Eingang checken, die Neuigkeiten überprüfen und 16 Tage ohne Internet zu Hause aufholen, Weihnachtsbäume aus Büchern kommentieren, Youtube Jahresendvideos gucken und mich in Feststimmung versetzen. Feststimmung, ach ja, da ist sie wieder, die Panik. Die Gans wird verbrennen, mein Vater und der Schwiegerpapa sich vielleicht über die richtige Art und Weise einen Nagel in die Wand zu hauen in die Haare kriegen, meine Mutter statt unterm Baum zu sitzen, lieber mein Bad putzen und meine Geschwister könnten in diesem Jahr eventuell den Geschenkewettlauf gewinnen….. HORROR!


    Und eine Geschichte hab ich immer noch nicht, JA KRUZIFIX NOCHEINMAL, was mach ich denn jetzt?

  • 21. Dezember 2011 von SteffiB



    SOPHIES FLUCHT


    So schlimm hatte ich es mir nicht vorgestellt. Ein eisiger Wind trieb die letzten vertrockneten Blätter des Herbstes vor sich her und mir die Tränen in die Augen. Oder weinte ich etwa meinen Kameraden nach, jenen Freunden aus der Zeit der Gefangenschaft, die ich nun sehenden Auges ins Unglück rennen ließ?


    Nun ja, ihr Schicksal war besiegelt, aber sie wollten nichts davon wissen, obwohl ich es ihnen immer wieder in aller Dringlichkeit vor Augen geführt hatte. Unsinn, hatten sie mich verhöhnt, du willst bloß stänkern. Solange, bis ich es vorzog, meinen Schnabel zu halten. Wachsam blieb ich trotzdem, ließ mich nicht einlullen vom guten Essen und beheizten Gemeinschafts- und Schlafsälen. Ich belauschte die Aufseher, wann immer sich eine Möglichkeit bot, bemüht, Sinn in die erhaschten Gesprächsfetzen zu bringen, und fand endlich die Lücke in der eigentlich lückenlosen Überwachungsmaschinerie.


    Und hier stand ich nun, besser, ich kauerte in einer Ackerfurche, und überlegte meine weiteren Schritte. Noch immer peitschte der Wind übers Feld. Die Kälte fuhr mir in die Glieder und drohte meinen Geist einzufrieren, der mich mit Bildern von einem kuschelig warmen Lager, von harmlosem Geschnatter unter Freunden und einem nahr- und schmackhaften Teller Frühstück verhöhnte. Ich sah über die Schulter, zurück zum Hochsicherheitstrakt, und diesmal rührte mein Schaudern nicht von der Kälte her. Wie riesige Urzeittiere dräuten die Gebäude in der Morgendämmerung, lauernd lauschten sie in die einsame Stille der umliegenden Felder und Wälder. Nicht umsonst hatte man diesen Ort des Schreckens hier errichtet, weitab von allem Leben. Und von allen, die Fragen stellen konnten.


    Orangefarbenes Licht über den Baumwipfeln jenseits des Feldes brachte mich zurück in die Wirklichkeit. Die Sonne ging auf, und mit ihr würden Aufseher und Gefangene erwachen. Ich musste übers Feld und zum Waldsaum, bevor mein weißes Kleid mich im Tageslicht verriet.


    Gedacht, getan. Ich raste über den gefrorenen Acker, so schnell mein viel zu beleibter Körper es zuließ, hinein in den Wald und weiter, immer weiter, bis ich schließlich erschöpft am Fuße einer Buche zusammenbrach. Es dauerte lange, bis ich wieder zu Kräften kam. Hunger rumorte in meinen Eingeweiden, aber ich wusste, dass ich diesbezüglich zumindest vorerst nichts zu befürchten hatte. Zum ersten Mal in meinem Leben kam mir mein Übergewicht zugute. Ich konnte lange davon zehren, bevor es mich dahinraffte. Ich sah mich um. Bäume, nur Bäume überall, dazwischen waberte Nebel. Meine Phantasie ging mit mir durch, überall sah ich Geister und Gespenster. Mein Magen knurrte erneut.


    Mein Magen? Panisch spähte ich in die dämmrige Dunkelheit des Unterholzes. Da, da stand einer der Walddämonen! Rotbepelzt, mit geblecktem Gebiss. Wollte er mich angreifen? Mein Herz pochte bis zum Hals. Nur langsam beruhigte ich mich. Ein Fuchs war es, ein junger Fuchs, viel kleiner als ich. Ich erhob mich und zischte ihm zu, er solle sich trollen. Was er prompt tat. Plötzlich fühlte ich mich unverwundbar: Meine Flucht war geglückt, hier, im tiefen Wald, würde mich niemand finden. Ich brauchte fürs Erste nur einen geschützten Schlafplatz, um die kommende Nacht zu überstehen, aber das sollte kein Problem sein. Ich wagte einen Schritt in die Richtung, die mein Instinkt mir vorschrieb, dann noch einen, und noch einen, und plötzlich wurde mir das Herz so leicht. Hocherhobenen Hauptes stapfte ich hinein in mein neues, selbstbestimmtes Leben. Mich kriegten sie nicht.


    Mich nicht.


    Und meine Leber schon gar nicht.



    dpa, 21.12.2011


    Problemgans Sophie erneut gesichtet


    Haselmück. Seit ihrer geglückten Flucht aus einer Gänsemästerei in Niedersachsen hält Sophie ganz Deutschland in Atem. Vor einer Woche machte sie erstmals von sich reden, als sie vom Besitzer eines einsam stehenden Hauses beim Ausräumen seines Vogelhäuschen erwischt wurde. Horst G., der beim anschließenden Kampf mit dem wehrhaften Vogel einige Biss- und Schürfwunden davontrug, befindet sich auf dem Weg der Besserung. In einem Interview ließ er verlauten, die Gans hätte ihn sehr beeindruckt, und er sei bereit, ihr Asyl zu gewähren; dies sei seine gute Tat zu Weihnachten. Gestern gegen Mittag wurde die Weihnachtsgans in der Nähe eines Ententeichs gesichtet, wo sie sich erneut allen Fangversuchen entzog und in den Tiefen des Haselmücker Forsts untertauchte.

  • 22. Dezember 2011 von Wiebke



    Eine Weihnachts-Liebes-Geschichte von Wiebke Lorenz


    Weihnachten war auch nicht mehr das, was es einmal war. Das wußte Gesa spätestens seit Drei Nüsse für Aschenbrödel für Kevin - Allein zuhaus von seinem Sendeplatz im ersten Programm weichen mußte. Wie ein Schlag hatte es sie im letzten Jahr getroffen, als sie Heiligabend um Viertel nach Acht den Fernseher einschaltete und statt der vertrauten Bilder von Liebe, Zauber und märchenhafter Harmonie eine bunte Hollywood-Geschichte über die Mattscheibe flimmerte. Spätestens da hatte sie es gewußt - gewußt, daß mit dieser kleinen Programmänderung das endgültige Aus ihrer unbeschwerten Kindheitstage eingeläutet wurde.
    Kindheitstage war vielleicht nicht der richtige Begriff, schließlich war Gesa damals schon 24 Jahre alt gewesen. Aber trotzdem schien es ihr, als hätte mit einem Mal all das, woran sie sich mit glühendem Kinderherzen erinnerte, an Gültigkeit verloren: Maronen und heiße Schokolade auf dem Weihnachtsmarkt, strahlende Lichterketten in den Schaufenstern, selbstgebastelte Lebkuchenhäuser mit Zuckerguß, gähnende Münder in der Christmette um Mitternacht. Und in jedem Jahr hatte darüber ein goldener Schimmer von Heimat und Geborgenheit gelegen. Damals, als sie Heiligabend noch völlig hingerissen die Geschichte von Aschenbrödel und ihrer bösen Stiefmutter verfolgte, hatte sie daran geglaubt, daß es für immer so bleiben würde. Heute, am 10. Dezember, zwei Wochen vor Weihnachten, war Sehnsucht das einzige, was von dieser Zeit übriggeblieben war.


    Während Gesa jetzt im Dunkeln über den knirschenden Schnee von der Universität nach Hause stapfte, mußte sie wieder daran denken, daß Weihnachten in diesem Jahr noch viel trauriger als im letzten werden würde. Sie würde den Heiligen Abend alleine in ihrer kleinen 1-Zimmer-Wohnung verbringen, denn sie war erst vor zwei Monaten nach Hamburg gezogen und kannte niemanden. Zwar saß sie jeden Tag mit hunderten von anderen Studenten in ihren Seminaren, aber angesprochen hatte sie bisher noch keinen von ihnen.
    Gern wäre sie jetzt nicht nach Hause, sondern auf den Weihnachtsmarkt gegangen, wo ihre Kommilitonen sich nach den Vorlesungen zum Glühweintrinken trafen. Sie hätte sich einfach auch eine Tasse Punsch geholt und sich dazu gestellt. Aber sie traute sich nicht. Vermutlich war sie deshalb so schüchtern, weil sie das Gefühl gehabt hätte, in eine zusammengehörige Gruppe einzubrechen. Die meisten der Studenten kannten sich seit dem ersten Semester, sie hingegen hatte das Grundstudium noch in ihrer Heimatstadt absolviert.
    Einer ihrer Kommilitonen gefiel Gesa besonders gut. Er war ihr in einem Seminar über den Dichter Walt Whitman aufgefallen. Ebenso wie sie sprach er nie mit einem der anderen Studenten. Er saß immer nur still auf seinem Platz, hörte aufmerksam zu und machte sich Notizen. Immer erschien er allein zu den Veranstaltungen, immer saß er danach allein in der Cafeteria, trank einen Kaffe und verschwand dann in einem der Hörsäle zu seiner nächsten Veranstaltung. Sie fragte sich oft, ob er vielleicht genau so einsam war wie sie, und obwohl Gesa ihn überhaupt nicht kannte, mochte sie ihn, fühlte sich fast mit ihm verbunden. Aber natürlich brachte sie auch nicht den Mut auf, sich in der Cafeteria zu ihm zu setzen.


    Aus der Entfernung bemerkte Gesa, daß der Vorplatz der alten Grundschule, die schräg gegenüber ihrer Wohnung lag, hell erleuchtet war. Davor herrschte reges Treiben, zahllose Menschen schleppten irgendwelche Gegenstände, die Gesa nicht erkennen konnte, zu ihren Autos, warfen sie in den Kofferraum und fuhren davon.
    Als sie sich näherte, erkannte sie, daß dort ein Verkaufsstand für Weihnachtsbäume eröffnet worden war. Der Stand war kreisförmig und mit Maschendraht eingezäunt, durch den Draht hatte man mehrere Lichterketten gezogen, die den Platz jetzt in ein warmes, weihnachtliches Schimmern tauchten.
    Obwohl sie schon sehr fror, ging Gesa zu dem Stand hinüber. Die glitzernden Lichter, der Klang der Weihnachtsmusik, die aus einem Lautsprecher am Eingang des Stands zur ihr herüberwehte, zogen sie wie magisch an. Sie wollte nur eine Weile zusehen, wie fröhliche Menschen sich einen Baum für das Fest aussuchten und voller Vorfreude nach Hause fuhren, um ihn gemeinsam mit der Familie zu schmücken.
    Gesa trat ganz dicht vor den Maschendraht und warf einen Blick ins Innere des Standes. Ringsum im Kreis standen Weihnachtsbäume in den unterschiedlichsten Größen, mal mit und mal ohne Stumpf. Mehrere Leute wanderten von Baum zu Baum, begutachteten die Ware kritisch, ehe sie einen herauszogen und zu dem Verkäufer, der in der Mitte des Standes neben der Netzmaschine stand, brachten. Er wuchtete die Bäume in die Maschine, zog sie durch, so daß die Äste von einem weißen Netz zusammengehalten wurden. Gesa wußte selbst nicht, was sie daran so faszinierte, aber länger als eine Stunde sah sie dabei zu, wie ein Weihnachtsbaum nach dem anderen verkauft wurde.
    Als sie merkte, daß ihre Füße und Hände schon taub waren, beschloß sie, sich loszureißen und nach Hause zu gehen. Noch einmal fiel ihr Blick auf den Verkäufer, der die schweren Tannenbäume durch die Netzmaschine zog. Irgend etwas an dem Mann kam ihr seltsam bekannt vor. Seine Gestik schien ihr vertraut, aber sie wußte nicht, woher. Doch eine dicke Mütze und ein Schal verdeckten sein Gesicht vollständig, Gesa hätte ihn unmöglich erkennen können. Und es war ja ohnehin ausgeschlossen, daß sie hier in dieser fremden Stadt überhaupt jemanden treffen könnte, den sie kannte.
    Trotzdem steuerte Gesa den Eingang des Stands an und ging hinein. Als würde sie auch einen kaufen wollen, schlenderte sie von einem Weihnachtsbaum zum anderen und versuchte dabei, ein paar unauffällige Blicke auf den Verkäufer zu erhaschen. Aber es war zwecklos. Sie müßte sich ganz dicht vor ihn stellen, um sein Gesicht sehen zu können. Kurzentschlossen griff sie nach einem der Bäume und zog ihn hinter sich her auf den Verkäufer zu.
    Der Mann kam ihr zur Hilfe und nahm ihr den Baum ab. Als er sie freundlich anlächelte und "Der kostet fünfzig Euro" sagte, wußte sie, wer er war: Der Student aus ihrem Whitman-Seminar, daher war er ihr so bekannt vorgekommen. Noch nie war sie ihm so nah gewesen, und jetzt traf sie ihn ausgerechnet hier, direkt vor ihrer eigenen Wohnung.
    Schnell kramte Gesa das Geld aus ihrer Tasche und reichte es dem jungen Mann. Er bedankte sich, wuchtete den Baum in die Maschine, zog ihn durch und stellte ihn dann wieder vor Gesa hin.
    "Danke sehr", sagte Gesa und machte sich daran, den schweren Tannenbaum hinauszuschleifen. Eigentlich hatte sie ihren Kommilitonen ansprechen wollen, vielleicht mit einem "Kennen wir uns nicht von der Uni?". Aber in letzter Sekunde hatte sie der Mut verlassen, und außerdem hätte er ja auch sie erkennen können. So zerrte Gesa ihren Weihnachtsbaum quer über die Straße zu ihrem Wohnhaus und ließ in anschließend im Hinterhof gegen die Hauswand fallen. Für ihre kleine Wohnung wäre er ohnehin zu groß gewesen, außerdem hatte Gesa wenig Lust, ihn die drei Etagen durchs Treppenhaus hochzutragen.


    Am nächsten Abend ging Gesa wieder zu dem Stand und beobachtete, wie ihr Kommilitone Weihnachtsbäume verkaufte. Sie überlegte, ob sie ihn nicht jetzt einfach einmal ansprechen sollte, vielleicht könnte sie ihm anbieten, ihm eine heiße Tasse Kaffee vorbeizubringen. Bestimmt würde er sich freuen, wenn er in der Kälte etwas Warmes zu trinken hatte.
    Entschlossen ging Gesa auf ihn zu, mehr als ablehnen konnte er ihr Angebot nicht. Doch kurz bevor sie ihn erreichte, verließ sie wieder der Mut. Sie machte einen Schritt rückwärts und wollte den Stand verlassen, als der junge Mann plötzlich den Kopf hob und sie direkt ansah. Gesa fühlte sich ertappt, sie spürte, wie ihr Herz heftig schlug und ihr die Röte ins Gesicht schoß. Hastig tastete sie nach einem der Bäume neben sich, erwischte einen und umklammerte ihn wie einen Rettungsring. Der junge Mann sah Gesa noch immer fragend an. Freundlich nickte sie und zog den Baum in Richtung Netzmaschine
    Diesmal kostete der Baum nur dreißig Euro, er war ein wenig kleiner als der erste. Trotzdem ließ Gesa ihn wieder im Hinterhof stehen, für sie allein war er noch immer zu schwer. Außerdem hatte sie ja nie vorgehabt, einen Weihnachtsbaum zu kaufen, schon gar nicht zwei. Sie hatte schließlich niemanden, mit dem sie sich am Heiligen Abend davorsetzen und die bunten Lichter betrachten konnte.
    Während Gesa die Treppenstufen zu ihrer Wohnung hinaufstieg, fragte sie sich, ob der junge Mann überhaupt bemerkt hatte, daß sie gestern schon einmal einen Baum gekauft hatte. Vermutlich nicht, dachte sie. Wahrscheinlich war sie ihm auch zuvor noch nie aufgefallen, sonst hätte er doch sicherlich etwas gesagt!
    Als sie sich später in ihr Bett kuschelte, nahm sie sich fest vor, daß sie es bis Weihnachten schaffen würde, ihm endlich aufzufallen. Schließlich mußte es doch einen Grund geben, daß er ausgerechnet hier, vor ihrer Haustüre, Weihnachtsbäume verkaufte. Gesa entschloß sich, es Schicksal zu nennen. Und sie hatte bis Heilig Abend noch genau zwei Wochen Zeit, dem Schicksal auf die Sprünge zu helfen.


    In den nächsten Tagen ging Gesa jeden Abend an dem Stand vorbei. Und jedesmal nahm sie sich vor, ihren Studienkollegen anzusprechen - und jedesmal machte sie sich danach mit einem Weihnachtsbaum im Schlepptau auf den Weg nach Hause. Mittlerweile stapelten sich im Hinterhof ihres Wohnhauses neun Weihnachtsbäume, ihr Kontostand näherte sich bedrohlich den roten Zahlen, aber noch immer hatte Gesa nichts erreicht. Bis Heilig Abend blieben ihr nur noch fünf Tage, danach würde der Verkaufsstand mitsamt Verkäufer verschwinden. Nur noch ein paar heruntergefallene Tannennadeln, die der Wind quer über den Vorplatz der Schule wehte, würden sie an ihn erinnern.


    Diese Vorstellung rief sie sich immer wieder ins Gedächtnis, als Gesa am nächsten Abend erneut das Innere des Standes betrat. Diesmal würde sie sich trauen, diesmal würde sie nicht wieder wortlos einen Baum kaufen und nach Hause gehen.
    Er hatte ihr den Rücken zugewandt und war in ein Gespräch mit einem der Käufer vertieft. Ungeduldig wartete Gesa darauf, daß der Kunde endlich verschwand und sie zu ihrem Kommilitonen gehen konnte. Ganze zehn Minuten diskutierten die beiden über irgend etwas, das Gesa nicht verstehen konnte. Langsam verlor sie die Geduld, ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Wenn der nicht gleich geht, traue ich mich heute wieder nicht, dachte sie und kaute nervös auf ihrer Unterlippe herum. Weitere fünf Minuten später verschwand der Kunde doch noch, Gesa atmete auf.
    "Entschuldigung", sagte sie und zupfte ihren Kommilitonen am Ärmel. Er drehte sich um und lächelte sie an. Er war es nicht! Bewegungsunfähig starrte Gesa den etwa 50jährigen Mann an. "Was kann ich für Sie tun?"
    "Ähm", stotterte Gesa, "ich wollte eigentlich zu dem anderen Verkäufer", brachte sie schließlich hervor. "Der, der hier sonst immer arbeitet."
    "Ach, Sie meinen Moritz", sagte der Mann. "Das tut mir leid, der ist krank und kommt nicht mehr. Hat sich wohl eine Erkältung geholt."
    "Ach so", meinte Gesa und versuchte, die Enttäuschung in ihrer Stimme zu verbergen.
    "Keine Sorge", beruhigte sie der Mann, "der ist schnell wieder gesund." Gesa bedankte sich und machte sich auf den Weg nach Hause. Sie war zu spät gekommen. Sie wußte nicht, ob sie ärgerlich oder traurig war, wahrscheinlich war es eine Mischung aus beidem. Da hatte sie endlich allen Mut zusammen genommen, und jetzt war er nicht mehr da. Und sie hatte keine Ahnung, wann sie das nächste Mal so eine gute Möglichkeit bekommen würde. An der Uni wäre er wieder nur einer von vielen Kommilitonen, nicht mehr der nette Weihnachtsbaumverkäufer um die Ecke.

  • Heilig Abend saß Gesa traurig in ihrer Küche und trank eine Tasse heiße Schokolade. Voller Hoffnung hatte sie sich morgens eine Fernsehzeitung besorgt, um nachzusehen, ob nicht vielleicht doch Drei Nüsse für Aschenbrödel lief. Aber sie hatte kein Glück. Zwar wurde der Film gezeigt, aber nur auf einem Regionalsender, den sie mit ihrer Zimmerantenne nicht empfangen konnte. Das restliche Fernsehprogramm interessierte sie nicht sonderlich, an Weihnachten wollte sie diesen Film sehen oder gar keinen.
    Sie warf einen Blick aus dem Fenster auf die Tannen im Hof. Ihr gesamtes Geld hatte sie dafür ausgegeben, und jetzt stapelten sie sich nutzlos auf dem verschneiten Asphalt. Über kurz oder lang würde ihr Vermieter von ihr verlangen, daß sie die Bäume fortschaffte. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, wie sie das anstellen sollte, sie hatte ja noch nicht einmal ein Auto. Kein Geld, kein Auto - aber jede Menge Weihnachtsbäume. Sie mußte gegen ihren Willen lächeln, das Leben war wirklich komisch.

    Es klingelte an der Tür. Für einen kurzen Augenblick hoffte Gesa, daß es vielleicht ihre Eltern waren, die ihr einen Überraschungsbesuch abstatten wollte. Aber das war ausgeschlossen, sie verbrachten Weihnachten auf Gran Canaria, und Gesa hatte noch zwei Stunden zuvor mit ihnen telefoniert.
    "Entschuldigen Sie die Störung." Es war Gesas Nachbar, der verlegen lächelnd vor ihrer Tür stand. "Aber die Weihnachtsbäume, die da unten im Hof stehe, sind das Ihre?" Gesa nickte. "Ich wollte Sie fragen, ob Sie mir wohl einen verkaufen würden, ich habe ganz vergessen, einen zu besorgen."
    "Sicher", antwortete Gesa. Sie war froh um jeden Baum, den sie sich vom Hals schaffen könnte.
    "Vielen Dank!" Der Mann freute sich. "Wissen sie", erklärte er ihr, als sie zusammen in den Hof gingen, "jedes Jahr ist es das gleiche, immer fällt mir auf den letzten Drücker ein, daß ich noch gar keinen Christbaum habe. Meinem Schwager geht das genauso."
    "Aha", meinte Gesa, während sie die 50 Euro entgegennahm, die der Mann ihr in die Hand drückte.
    "Also, vielen Dank noch einmal", meinte der Mann und machte sich mit seinem Baum auf den Weg nach oben.
    Das war die Lösung! Wenn ihr Nachbar noch am 24. Dezember einen Weihnachtsbaum brauchte, dann würde es sicher noch anderen so gehen. Vielleicht könnte sie die Tannenbäume loswerden und ihr Konto wieder aufpäppeln.
    Im Laufschritt stürmte Gesa in ihre Wohnung. Fünf Minuten später lief sie mit einem großen Pappschild, das sie aus einem ihrer Umzugskartons gebastelt hatte, wieder hinunter. Mit ein bißchen Draht befestigte sie das Schild draußen am Eingangstörchen. "Weihnachtsbäume!! Last-Minute-Verkauf!!" hatte sie mit einem dicken Filzstift darauf geschrieben. Jetzt mußte sie nur noch warten, ob noch ein paar Leute auf der Suche nach einem Christbaum waren.


    Keine Stunde später hatte Gesa tatsächlich alle bis auf einen Baum verkauft. Und dabei hatte sie sogar finanziell noch ein kleines Plus gemacht, viele der Leute gaben ihr mehr, als sie für einen Baum haben wollte. Nur ein ganz kleiner war übrig geblieben, den wollte Gesa nicht verkaufen, sondern sich selbst in die Wohnung stellen. Der Verkauf der Bäume hatte ihre Stimmung schlagartig gehoben, und immerhin war ja schließlich Weihnachten! Und wenn sie diesen Heiligen Abend schon ohne Familie, Freunde oder Drei Nüsse für Aschenbrödel verbringen mußte, dann wollte sie wenigstens ihren ersten eigenen Weihnachtsbaum haben! Zwar hatte Gesa weder Lichterketten noch Lametta, um ihn zu schmücken, aber wenn sie sich recht erinnerte, hatte sie noch eine Packung Luftschlangen in einem ihrer Umzugskartons vergraben.
    Gesas Hände waren von der Kälte klamm, und sie hatte einige Schwierigkeiten, das Plakat am Gartentor wieder abzumontieren. Zehn Minuten lang nestelte sie daran herum, aber der eng gezwirbelte Draht ließ sich nicht entfernen.
    "Gibt es keine Bäume mehr?" Die Stimme ließ Gesa herumfahren. Vor ihr stand Moritz, der junge Mann aus ihrem Seminar und sah sie fragend an. Dann grinste er breit. "He, ich kenn dich doch!" meinte er. "Du hast mit mir zusammen ein Seminar an der Uni belegt!" Er schien sich zu freuen. "Und außerdem hast du mir ungefähr zehn Weihnachtsbäume abgekauft", fügte er hinzu und grinste noch ein bißchen breiter. Gesa war sprachlos. Er wußte es. Er wußte, daß sie zusammen studierten, und er hatte sehr wohl bemerkt, daß sie sich mehrere Weihnachtsbäume gekauft hatte. Warum hatte er nie etwas gesagt?
    "Du fragst dich jetzt wahrscheinlich, warum ich dich nicht schon vorher angesprochen habe", beantwortete er ihre stumme Frage. "Ganz einfach: ich hab' mich nicht getraut. Aber es würde mich natürlich schon rasend interessieren, weshalb du erst so viele Christbäume kaufst, um sie dann wieder zu verkaufen. Finanzierst du dir damit dein Studium?" Gesa schüttelte den Kopf.
    "Nein", sagte sie und merkte im gleichen Augenblick, wie sie rot anlief. Sie konnte ihm doch nicht sagen, daß sie allein wegen ihm ihr gesamtes Vermögen für Weihnachtsbäume ausgegeben hatte.
    "Na ja, geht mich ja auch nichts an", winkte Moritz ab. "Was ist denn nun?" wollte er dann wissen.
    "Was soll sein?"
    "Hast du jetzt noch einen Baum für mich, oder nicht?"
    "Ach so! Nein, tut mir leid, die sind alle weg. Ich hab' nur noch einen, und den wollte ich selbst behalten."
    "Schade", meinte Moritz. "Dabei hab' ich heute morgen noch die letzte Lichterkette im Baumarkt ergattert, und jetzt habe ich keinen Baum! Der Stand, bei dem ich gearbeitet habe, hat schon heute morgen seinen letzten verkauft. Und als ich das Schild hier sah, habe ich gehofft -" Er machte eine bedauernde Geste. "Da kann man wohl nichts machen. Dann noch ein frohes Fest!" Er wandte sich zum Gehen.
    "Frohes Fest", erwiderte Gesa. Sie blickte ihm nach, wie er die Straße hinunter zu seinem Auto ging. Plötzlich wußte Gesa, was sie tun sollte. Sie überlegte nicht lange. So schnell sie konnte, lief sie ihm nach.
    "He!" rief sie, "warte mal einen Moment!" Moritz drehte sich zu ihr um. Völlig außer Atem blieb sie vor ihm stehen.
    "Sag mal, mit wem feierst du eigentlich Weihnachten?" Moritz zuckte mit den Schultern.
    "Alleine", antwortete er, "ich kenne hier noch niemanden, ich bin erst vor kurzem nach Hamburg gezogen."
    "Ich hätte vielleicht eine Idee."
    "Die wäre?"
    "Na ja, du hast eine Lichterkette, aber keinen Baum. Und ich, ich hab einen Baum, aber gar keine Weihnachtsdekoration dafür. Wir könnten doch die beiden Dinge miteinander kombinieren und zusammen Weihnachten feiern?" Gesa konnte es kaum glauben, daß sie ihm tatsächlich diesen Vorschlag machen. Vor ein paar Tagen hatte sie noch nicht einmal den Mut gehabt, ihn anzusprechen, und jetzt fragte sie ihn, ob er nicht Heilig Abend mit ihr zusammen verbringen wollte. Wenn er jetzt "nein" sagte, würde sie auf der Stelle im Erdboden versinken.
    "Das ist eine gute Idee", sagte er und lächelte. "Vorausgesetzt, bei dir gibt es heiße Schokolade." Gesa lachte.
    "Keine Sorge, die gibt es."
    "In Ordnung, dann fahre ich schnell nach Hause und hole die Lichterkette. Laß den Baum ruhig unten stehen, den trage ich dann nachher rauf."
    "Ok. Meine Klingel ist die oberste auf der linken Seite, steht kein Name drauf. Ich warte dann auf dich."
    "Wie heißt du denn eigentlich?" Stimmt, sie hatten sich ja noch gar nicht vorgestellt.
    "Gesa."
    "Ich heiße Moritz."
    "Ich weiß." Im gleichen Augenblick hätte sich Gesa am liebsten auf die Lippe gebissen. Jetzt mußte er doch glauben, daß sie sich schon über ihn erkundigt hatte. Moritz grinste wieder breit.
    "Also gut, ich geb's zu: Ich wußte auch schon vorher, wie du heißt." Für einen Augenblick schwiegen beide, aber es war kein unangenehmes Schweigen. Sie standen einfach nur da, draußen in der Kälte, und sahen sich an.
    "Gut", meinte Moritz dann, "ich fahr jetzt los."
    "Bis gleich", sagte Gesa. Moritz stieg in sein Auto uns ließ den Motor an. Dann kurbelte er noch einmal sein Fenster herunter.
    "Hast du eigentlich einen Fernseher und einen Videorekorder?"
    "Fernseher schon, aber keinen Rekorder", antwortete Gesa.
    "Dann bringe ich meinen mit. Und einen Film. Drei Nüsse für Aschenbrödel, den kennst du doch bestimmt auch? Ich finde, ohne diesen Film ist Weihnachten irgendwie nicht Weihnachten." Er fuhr los. Gesa blickte dem Wagen nach, bis er um eine Ecke verschwand. Moritz hatte recht. Ohne Drei Nüsse für Aschenbrödelwar Weihnachten irgendwie nicht Weihnachten.

  • 23. Dezember 2011 von Tom



    Die Predigt, die Pfarrer Fyrcht am Heiligen Abend gerne gehalten hätte


    Pfarrer Gottfried Fyrcht saß im Vorbereitungszimmer hinter der Kapelle und sah den tanzenden Schneeflocken zu, die im spärlichen Licht, das aus dem Zimmer nach draußen drang, zu erkennen waren. Wunderbarerweise hatte es pünktlich um sechzehn Uhr zu schneien begonnen, was, wie Pfarrer Fyrcht vermutete, nein, wusste, nicht wenige dazu gebracht hatte, gen Himmel zu schauen und dem Herrn zu danken. Als würde Er es absichtlich am Heiligen Abend schneien lassen. Als hätte Schnee irgendwas mit Christi Geburt zu tun.
    Er schloss die Augen und lauschte dem Knistern des Kaminfeuers, roch das Aroma des Earl Grey, den er in den Händen hielt, spürte die wohlige Wärme, die unter anderem dem teuren Kashmir-Pullover zu verdanken war, den er sich - ausnahmsweise - zu Weihnachten spendiert hatte. Es war ein Moment der Ruhe und eigentlich auch ein Moment der Besinnlichkeit, gar des Genusses, aber in Pfarrer Fyrcht rumorte es. Die Uhr zeigte 23.45, noch fünfzehn Minuten bis zum Beginn der Mitternachtsmesse, aber anders als in den Jahren zuvor freute er sich nicht darauf. Wenn er ehrlich zu sich war, hatte diese Freude von Jahr zu Jahr abgenommen, und heute war ein Punkt erreicht, an dem aus der abnehmenden Freude eine Last geworden war. Er seufzte, öffnete die Augen wieder und fixierte den kleinen Papierstapel auf dem Tisch vor ihm - die Notizen für seine Predigt.


    Die Kirche war gut gefüllt, sogar überfüllt; die Menschen drängten sich auf den Bänken, es roch nach Feuchtigkeit und Muff, nach Matsch, Schweiß und allen Sorten von Deodorants und Duftwässerchen. Einige elektronische Geräte sprenkelten Quietsch- und Fiepgeräusche in das Gemurmel, schon beim Betreten des Kirchenschiffs hatte Pfarrer Fyrcht ein paar Kinder ausgemacht, die energisch auf ihre portablen Spielkonsolen und multifunktionalen Mobiltelefone eintippten. Mit dem Auftritt des Pfarrers gingen zehn, zwanzig Hände in die Höhe, die Digitalkameras und Fotohandys hielten. Ein paar Male blitzte es. Gottfried Fyrcht zwinkerte und unterdrückte den Impuls, auf die Kamerabesitzer zuzugehen und ihnen die Geräte zu entreißen. Er spürte, wie er in eine gefährliche Stimmung geriet. Dabei war der Raum festlich geschmückt; die Kerzen strahlten, eine dezent geschmückte Tanne beherrschte den Eingangsbereich, und auf dem Podium neben der kleinen Kanzel standen die Konfirmanden bereit, die am heutigen Abend den Chor bildeten. Sie trugen weiße Hemden und schwarze Hosen oder Röcke, was aus der Ansammlung von durch die Bank gottlosen Adoleszenten, die unter anderem das hier nur taten, um im Frühjahr, bei der Konfirmation, dicke Kohle einzustreichen, noch lange keine christliche Gesangsgruppe machte. Pfarrer Fyrcht zwang sich ein Lächeln ins Gesicht und trat hinter die Kanzel. Die Blicke der Anwesenden huschten zur Tafel mit den Liedern, die abzusingen geplant war, und dann griffen sie nach den Gesangsbüchern, denn traditionell wurde am Anfang eben gesungen. Es wurde etwas ruhiger, aber das Geräuschniveau der elektronischen Spielzeuge sank nur unwesentlich.


    Er räusperte sich, nickte wie zur Selbstbestätigung. Durch den Chor ging ein Ruck, die schlaffen Körper der McDonald’s-geschwächten Pubertanden spannten sich, soweit möglich, aber der Wunsch der Jugendlichen, woanders zu sein - vorzugsweise zu Hause, vor der Playstation oder dem Rechner -, war nahezu greifbar.
    "Es wäre reizend, wenn Sie mit dem Fotografieren aufhören und die elektronischen Geräte abschalten könnten", sagte Fyrcht relativ leise, was ihn einiges an Mühe kostete. Wie eine ironische Quittung gab es Gemurmel, dazu schnellten Dutzende weiterer Hände in die Höhe, die Fotoapparate hielten und umgehend auslösten, als hätte Fyrcht mit seiner Bitte eine Frist verbunden. Ein Mann in der vierten Reihe, ein fetter, rotgesichtiger Glatzkopf im webpelzbesetzten Wintermantel, stand sogar auf und zückte die Videokamera. Dabei schien er zu nicken, als würde er stumm "Action!" rufen und den Pfarrer dazu auffordern, im Programm fortzufahren.


    Das war wohl der Moment, in dem es geschah.


    Gottfried Fyrcht nahm das Manuskript mit der Predigt, das er vor sich abgelegt hatte, und zerriss es ostentativ. Ein Teil der Versammlung reagierte überrascht, aber nur wenige schienen die Geste zu verstehen. Der Geräuschpegel stieg vorübergehend wieder an, der Konfirmandenchor entspannte sich und tuschelte.


    "Lassen wir den Gesang vorerst weg", erklärte Fyrcht in die Unruhe. Er pausierte und musterte die Versammlung lange und ausgiebig, was einiges an Nervosität auslöste. Ein paar Leute, die er direkt ansah, rutschten vor- und rückwärts auf der Bank, als könnten sie seinem Blick dadurch ausweichen - zur Seite war kein Platz. Er gab sich Mühe, so gut wie jeden kurz zu fixieren, aber seine fragile Geduld reichte nicht für alle.
    "Mehr als neunzig Prozent von euch sehe ich heute zum ersten, günstigstenfalls zum zweiten Mal in diesem Jahr. Ich schätze, für euch ist das hier eine Art Show, etwas, das die Geschenkeorgie und die Fresserei auf gesellige Weise vervollständigt. Ihr seid nicht hier, weil ihr dem Herrn danken wollt und mit dem beginnenden Fest eine spirituelle Verbindung spürt, weil ihr also die Geburt des Heilands feiern wollt, sondern weil ihr das irgendwie gemütlich findet - und authentischer als das spätabendliche Fernsehprogramm. Gehe ich recht mit dieser Annahme?"
    Der Geräuschpegel stieg kurz an, tatsächlich schienen ein paar Anwesende halblaut Antworten zu murmeln.
    "Das war eine rhetorische Frage. Ich weiß, dass es so ist. Ihr kommt ein-, zweimal im Jahr in die Kirche, aber nicht, weil ihr Christen seid, sondern weil keine Kneipe des Ortes etwas Ähnliches anbietet. So ein bisschen Gesang mit betulichen Worten, Bibelzitaten, die man bei etwas gutem Willen auch für sich akzeptieren kann, ohne ihren Sinn zu verinnerlichen, gemeinschaftlichem Weintrinken und einer Form von Besinnlichkeit, die ihr, wenn ihr ehrlich seid, zwischen Plätzchenbacken, Baumkauf und Geschenkeverpacken bis jetzt nicht gefunden habt. Ein Gottesdienst aus Ausgleich für den Konsumwahnsinn und endlosen Stress, der Weihnachten für euch ist, ein beschaulicher Ausklang nach all der Geldausgeberei und den paar flink unterzeichneten, steuerabsetzbaren Spendenüberweisungen, die ihr zur Gewissensberuhigung in letzter Minute online abgenickt habt. Die Mitternachtsmesse rundet das Fest gefällig ab, bevor ihr die beiden eigentlichen Feiertage dafür nutzen könnt, euch die Wänste zu füllen und pausenlos fernzusehen. Die Ouvertüre zur nachweihnachtlichen Diät in den meisten Fällen."
    Erstaunlicherweise war es ziemlich still, als Pfarrer Fyrcht jetzt die Hände auf die Kanzel stützte und einen Moment lang schwieg. Sogar die Digitalfotografierer hatten ihre Betätigung eingestellt.
    "Ein Gottesdienst ist aber keine Darbietung. Er ist auch keine Versicherung, also keine Veranstaltung, die den Herrn gutwillig stimmt, den ihr ihn sonst aus eurem Leben verbannt habt, als würde man die Prämie für Hausrat zufällig am Tag vor dem Einbruch zahlen, obwohl man bis zu diesem Zeitpunkt notorisch säumig war. So funktioniert das nicht. Gottesdienste feiert man nicht - obwohl sie so heißen -, um einen Dienst zu leisten, also in irgendeiner Weise Bonuspunkte zu sammeln, sondern weil man ein inneres Bedürfnis dazu verspürt. Ein Gottesdienst ist keine Pflicht, der man nachkommt, um etwas nach außen zu unterstreichen und dafür später - sehr viel später - honoriert zu werden, sondern ein gemeinsames Fest des Glaubens. Wer nicht glaubt, der feiert nicht mit, und dabei spielt auch keine Rolle, wie viel er der Kollekte beisteuert oder wie energisch er die Lieder mitsingt und die Gebete mitspricht." Pfarrer Fyrcht räusperte sich abermals.


    Jemand in der fünften Reihe sagte etwas, ein schmaler, auffällig teuer gekleideter Mann, neben dem eine aufgedonnerte Blondine in den späten Dreißigern und zwei gelangweilte Teenager-Mädchen saßen, die Kopfhörer trugen und autistisch zu einem Rhythmus nickten, den nur sie wahrnahmen.
    "Bitte?", fragte Fyrcht und sah den Mann direkt an.
    "Unverschämtheit", wiederholte der und stand dabei auf. Er sah sich um, nickend, um die anderen für sich zu gewinnen, und sagte abermals: "Das ist eine Unverschämtheit."
    Der Pfarrer lächelte und nickte ebenfalls. "Da hast du recht. Das ist eine Unverschämtheit. Eine Unverschämtheit der Gemeinde und dem Herrn gegenüber. Danke für diese Anmerkung."
    "Wie anmaßend", sagte der Mann.
    "Und auch das", bestätigte Fyrcht und lächelte zum ersten Mal, ohne sich dazu zwingen zu müssen.
    "Ich zahle Kirchensteuern. Ich bin Gemeindemitglied. Meine Frau hilft dabei, die Osterauktionen zu organisieren. Wir sind nicht hier, um uns von ihnen beschimpfen zu lassen."
    "Ich beschimpfe euch nicht. Kirchensteuern sind kein Ablass, der dir den Wohlwollen des Herrn oder den Zugang zur Nachwelt garantiert. Mitgliedschaft bedeutet nichts, wenn man nicht versteht, was sie bedeutet. Und Engagement ist hilfreich und unverzichtbar, aber auch kein Handel, der mit einer Gegenleistung verknüpft ist. Wenn Gott nicht in deinem Herzen ist, spielt keine Rolle, was du nach außen tust."
    "Und das haben sie zu entscheiden?", rief der Mann zornig.
    "Es geht nicht um Entscheidungen, mein Sohn. Es geht nur um dich. Darum, weshalb du am heutigen Abend hier bist und meinst, ein Fest mit uns feiern zu dürfen, obwohl es dir, mit Verlaub, absolut nichts bedeutet, von einer Gehaltszulage und ein paar freien Tagen abgesehen. Du beleidigst uns durch deine Anwesenheit - mich, diejenigen hier, für die es sehr wohl eine große Bedeutung gibt, und den Herrn."
    Der Mann setzte zu einer Gegenrede an, wobei er seine Frau ansah, die langsam den Kopf schüttelte. Die Töchter hatten ihre Kopfhörer abgenommen und musterten ihren Vater grinsend, der sich setzte und dabei wütend vor sich hinmurmelte.
    Pfarrer Fyrcht atmete tief durch.
    "In die Kirche sollte man aus Überzeugung, mit Freude im Herzen kommen, und nicht aus Gründen des Amüsements, oder weil man das für eine lästige Pflicht hält", fuhr er fort. "Man tut Gott keinen verdammten Gefallen damit, zweimal im Jahr mehr schlecht als recht das "Vater unser" mitzunuscheln und sich genervt den Leib Christi ins nach fettem Braten stinkende Maul zu schieben. Der Herr ist kein alter Kumpel, den man gelegentlich anruft, obwohl man längst keine Lust mehr dazu hat, den man aber irgendwann vielleicht noch anpumpen möchte, weshalb wohl oder übel man in den sauren Apfel beißt."
    Nach diesen Worten kam es beinahe zum Tumult. Einige Leute erhoben sich und riefen etwas, und diejenigen, die sitzen geblieben waren, sprachen erregt miteinander. Nur die letzten beiden Reihen, wo vor allem die Menschen saßen, die Pfarrer Fyrchts Messen regelmäßig besuchten, blieben ruhig. Diese Menschen lächelten. Nickten. Zwinkerten ihrem Pfarrer zu.
    Der hob die Hände, aber die Geste blieb wirkungslos. Deshalb brüllte er energisch: "RUHE!"
    Umgehend wurde es still.
    "Ich möchte jetzt diejenigen von euch, die an diesen Tagen nicht mit frohem Herzen die Geburt des Herren feiern möchten, eindringlich bitten, meine Kirche umgehend zu verlassen, auf dass diejenigen, die den Christtag begehen möchten, dies ohne eure Belästigung, eure Anmaßung, eure heuchlerische Blasphemie tun können. Gemeinsam mit jenen werde ich in der Zeit, die ihr benötigt, für euch beten."
    Er faltete die Hände und senkte den Kopf, den er auch nicht wieder anhob, als es jetzt abermals ziemlich laut wurde. So stand er, eine Minute, zwei Minuten, fünf Minuten. Die ersten erhoben sich, drängelten an anderen vorbei, und schließlich leerte sich die Kirche unter viel Lärm. Als Pfarrer Fyrcht nach fast zehn Minuten den Kopf hob, waren insgesamt nur noch vier Bänke besetzt.
    "Lasst uns nun die Geburt des Herrn feiern", sagte er lächelnd.


    Es klopfte. Gottfried Fyrcht erwachte, blinzelte, sah sich um.
    "Herr Pfarrer, die Messe!", rief eine Stimme von draußen.
    Er sah auf die Uhr. Kurz vor Mitternacht. Pfarrer Fyrcht sprang auf.
    Die Kirche war gut gefüllt, sogar überfüllt, und festlich geschmückt; die Kerzen strahlten, eine dezent geschmückte Tanne beherrschte den Eingangsbereich, und auf dem Podium neben der kleinen Kanzel standen die Konfirmationsschüler bereit, die am heutigen Abend den Chor bildeten. Begleitet vom Klicken und Blitzen der Digitalkameras betrat Pfarrer Gottfried Fyrcht lächelnd die Kanzel.
    "Wir singen Lied Nummer 9, Strophen eins bis sechs, Nun jauchzet, all ihr Frommen", sagte er, nickte kurz in Richtung Chor und stimmte gemeinsam mit den Jugendlichen in den Gesang ein.

  • 24. Dezember 2011 von churchill



    Der vernünftige Hirte



    Engel an Hirten


    Ihr seid die ärmsten, dreckigsten Gesellen.
    Ihr stinkt nach Schafen. Keiner kann euch leiden.
    Treibt euch herum auf Feldern und auf Weiden.
    Und nichts will eure Dunkelheit erhellen.


    Bis jetzt. Denn nun spürt ihr das warme Strahlen
    des Sterns. Die Nacht wird hell. Das alte Leben,
    es ist gelebt. Es wird ein neues geben.
    Ihr braucht nicht länger harte raue Schalen.


    Habt keine Angst! Ihr seid nicht mehr verloren.
    Nehmt eure Schafe! Macht euch auf die Socken!
    Wollt ihr denn ewig hier im Dunkeln hocken?


    Nach Bethlehem wird euch der Stern nun bringen,
    wir werden unterwegs Choräle singen.
    Jetzt aber los! Ein Kind ist euch geboren.




    Und sie sprangen auf und gingen los. Nein, sie gingen nicht, sie rannten geradezu. Ruben und Samuel vorneweg, Aaron direkt hinterher, die anderen drei schlossen sich an. Die meisten Schafe ließen sich nicht dazu bringen, sich zu bewegen. Den Hirten war es egal. Sie gingen und ließen die Schafe zurück. Und ihn. Levi, Hirte auf Zeit. Er stammte aus Samaria und war seit zwei Jahren hier auf den Weiden. Ein Aufgabe, die keiner gern übernahm. Außenseiter-Tätigkeit. Wer Hirte war, war unten. Da hatten sie ja recht, diese seltsamen Stimmen.


    Levi war stolz darauf, freiwillig Hirte zu sein. Nur so lange, bis er das Geld zusammen hatte, um zu heiraten. Rebecca wartete auf ihn, das hatte sie ihm versprochen. Auch wenn es mit ihm alles andere als einfach war. Ja, er war ein Hitzkopf, widersprach ständig und hatte wenig Respekt vor den Oberen. Er war stolz, und stolz zu sein, konnte wehtun.


    Die anderen Hirten waren ziemlich beschränkt. Wie kann man sich einfach so auf den Weg machen, losrennen, ohne die Pflicht zu erfüllen. Ein Kind ist geboren. Na schön, kommt regelmäßig vor. In einer Krippe soll es liegen. Geniale Perspektive. Aus dem wird was werden. Wie soll ein armes Kind Frieden in die Welt bringen? Geht das? Nach menschlichem Ermessen nicht. Und ein anderes Ermessen haben Menschen nicht.


    Levi tat seine Pflicht und glaubte keinen Sprüchen und Gesängen irgendwelcher Lichtgestalten. Irgendwann am frühen Morgen kehrten die Hirten zu ihm zurück, mit Glanz in den Augen und offensichtlich verwirrten Gedanken. Ein Stern war über dem Stall. Klar, irgendwo ist immer ein Stern. Und was hat das für uns zu bedeuten, fragte Levi? Was hat das für mich zu bedeuten? Hatten seine Kollegen irgendein Kraut gegessen oder was war hier los?


    Die Nacht verging ebenso wie viele weitere Nächte. Das Kind war bald kein Thema mehr. Levi tat noch zwei Jahre seinen Dienst und hatte dann genug. Genug von den Hirten und genug Geld, um zu heiraten. Rebecca hatte gewartet, sie heirateten und waren sich fremd.
    Kinder bekamen sie nicht und auch Dinah und Leah, die er später nahm, schenkten ihm keinen Sohn. Er schickte sie fort und blieb allein. Hier und da arbeitete er ein bisschen und fragte sich, warum und für wen. Hier und da halfen ihm Freunde und er konnte ihnen nicht genug zurückzahlen. Hier und da nahm er sich, was er als Mann brauchte. Irgendwann wurde er krank. So krank, dass Haut und Gliedmaßen verfaulten. So krank, dass er aus der Stadt geworfen und wieder zum Außenseiter wurde. Ein aussätziger ausgesetzter Außenseiter.


    Es gab keine Hoffnung. Es war das Ende. Als dieser Wanderprediger kam. Zu zehnt standen sie da. Levi rief mit den anderen: „Meister, erbarme dich unser“ und hoffte gegen alle Hoffnung. Die Aufforderung dieses Mannes, sich den Priestern zu zeigen, war unsinnig. Nach menschlichem Ermessen. Levi und die anderen zeigten sich und waren geheilt und die Heilung wurde ihnen bestätigt. Eine neue Chance. Die anderen konnten es genauso wenig begreifen. Aber sie waren sofort wieder im Alltag angekommen. Eben noch aussätzig, jetzt wieder mittendrin.


    Levi aber sah den Stern und hörte die singenden Stimmen und die Verheißung vom Frieden auf Erden und er lobte Gott in der Höhe und ging zurück zum Wanderprediger. Er dankte diesem Jesus und holte nach, was er vor dreißig Jahren aus vernünftigen Gründen unterlassen hatte. Spät war er auf das Kind in der Krippe zugegangen. In einer ausweglosen Situation hatte er diesen nach menschlichem Ermessen sinnlosen Schritt gewagt. Und war heil. Nicht „wieder heil“. Sondern „endlich heil“.


    Und er sang.


    Hirte an Engel


    Ich glaubte nichts, ihr seltsamen Gestalten.
    Ein Scharlatan kann auch mit Lichtern spielen,
    ein Nichtsnutz mit Gesang Erfolg erzielen.
    Was sollte ich von solchem Zauber halten?


    Und doch hab ich die Klänge nie vergessen.
    Sie waren tief in mir. Fast ganz verborgen.
    Sie schwiegen lange während aller Sorgen.
    Sie waren da. Ich hab sie nie besessen.


    Was ich nicht sah, das konnte ich nicht glauben.
    Bis ich ganz unten war. Und ganz weit draußen.
    Dann glaubte ich und hoffte nicht vergebens.


    Ich hörte jenen schönsten Klang des Lebens.
    Aus tiefstem Innern drängte er nach außen.
    Nichts kann mir diesen Hoffnungsklang mehr rauben.