Der kalte Traum - Oliver Bottini

  • Ganz liebenswerterweise hat mercymelli ihr Exemplar von "Der kalte Traum" wandern lassen - siehe hier - und ich habe jetzt über eine Woche noch über das Buch nachgedacht, alles sacken lassen und versuche nun mal, meine Gedanken aufzuräumen...


    DAS BUCH (amazon.de)
    Rottweil, eine idyllische Stadt in Schwaben: Sasa Jordan steht vor dem Hof der Familie Bachmeier und wartet. Sie sehen ihn von drinnen. Aber er wartet ab. Er hat Zeit. Zeit ist alles, was er braucht, bis sie zermürbt sind bis sie ihm freiwillig geben, was er will.
    Thomas Cavar war Deutscher. Gerade hatte er sein Abitur bestanden, die Zukunft wirkte vielversprechend. Doch dann kam der Krieg, der alles änderte: War nicht Kroatien seine richtige Heimat? Musste er nicht kämpfen für die Unabhängigkeit? Thomas Cavar kämpfte und fiel. Jetzt, fünfzehn Jahre später, tauchen plötzlich Fragen zu seinem Tod auf: Yvonne Ahrens, Journalistin in Zagreb, stößt auf Hinweise zu kroatischen Kriegsverbrechen und auf einen Soldaten, der daran beteiligt gewesen sein soll. Richard Ehringer, Ex-Politiker, bittet seinen Neffen bei der Polizei in Berlin, mehr über Cavars Kriegseinsatz herauszufinden. Und Sasa Jordan, kroatischer Geheimdienstler, forscht in Rottweil nach. Dort, wo alles begann. Irgendjemand muss etwas über Cavar wissen, zum Beispiel, ob er noch lebt. Eine kaltblütige Hetzjagd beginnt.


    DER AUTOR (amazon.de)
    Oliver Bottini, geb. 1965 in Nürnberg, Studium der Literaturwissenschaft und Psychologie, Ausbildung zum Kung-Fu- und Qi-Gong-Meister. Seit vielen Jahren widmet er sich dem Studium des Buddhismus und hat bereits mehrere Arbeiten zum Thema publiziert. Als Krimi-Autor wurde er mit der Kommissarin Louise Bonì-Reihe mehrfach mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet und für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert. Er lebt als Redakteur und Buchautor in München.



    MEINE MEINUNG
    Mercymelli hatte mich schon "vorgewarnt", dass es sich bei dem Buch um keine leichte Kost handelt, und ich kann ihr hier nur absolut zustimmen.


    Man liest "Der kalte Traum" nicht einfach so nebenbei, das würde der durchaus komplexen und auch manchmal komplizierten Geschichte (vor allem mit den für die meisten mitteleuropäischen Augen doch eher gewöhnungsbedürftigen Namen der Kroaten, Serben und sonstigen handelnden Personen aus der Balkan-Region) nicht gerecht werden und auch nicht den notwendigen Respekt zollen.


    Für mich war der Start ins Buch sehr verworren, auch fast in der Mitte des Buches war ich immer noch am überlegen, wie denn nun alles miteinander verwoben ist, wie welche Erzählperspektive nun in das "große Ganze" hineinpasst.
    Toll fand ich die Schilderungen über ganz Europa verteilt: Die Sicht von der Journalistin Yvonne Ahrens in Zagreb genauso wie die fast schon Roadmovie-ähnliche Tour von Richard Ehringer durch Deutschland. Beide stochern in einen scheinbar toten Ameisenhaufen, und erleben mehr oder weniger ihr blaues Wunder, was da doch noch für Leben, Trubel und Intrigen vorhanden sind.


    Oft wirkte für mich die Geschichte um Thomas Cavar fast schon in den Hintergrund gerückt, da Oliver Bottini auch viel Hintergrundwissen um den Balkankonflikt (und nicht nur um den letzten Krieg dort) mit verarbeitet hat. Manche Stellen im Buch musste ich also gut und gerne doppelt lesen, um überhaupt noch zu wissen, was denn nun genau noch mal wo passiert war, um zu verstehen, warum denn nun etwas genau so passiert ist, wie es passierte.


    Und ja - das Ende... (nein, kein Spolier!)
    Mein erster Gedanke war: Tja, so kanns gehen. Aber gleich hinterher schoss mir die Idee durch den Kopf, dass mit einer anderen Auflösung - egal wie diese nun ausgesehen hätte - das Buch nicht so zum Nachdenken angeregt hätte, wie es denn nun der Fall war.


    Es ist ein wunderbares Buch über die Sinnkrise "Heimat", aber auch über die oft sinnlosen Versuche, eine Parallelheimat aufzubauen, oder eine Heimat zu sehen, wo eigentlich keine mehr ist. Oliver Bottini hat mir klar gemacht, dass es oft einfach nur noch Heimat in den Köpfen gibt, und dass das Festhalten an Althergebrachtem eben nicht zwangsläufig das Beste ist, auch wenn dieser Loslösungsprozess mehr als schmerzhaft ist. Und ich habe eindeutig viel über eine Region gelernt, die mir bislang nur als Urlaubsziel bekannt war...

  • Sehr schöne Rezi dafür. Scheint ja kein 08/15-Krimi zu sein. Ich werde mir den Titel mal notieren und ihm den Rang eines "Kandidaten für die Wunschliste" verleihen. In jedem Falle hast du mich neugierig gemacht.

    Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst. (Evelyn Beatrice Hall) ich wünsche allen einen schönen Tod und eine geruchslose Verwesenung.


    Allenfalls bin ich höflich - freundlich bin ich nicht.

  • Dankeschön, Voltaire :blume


    08/15 definitiv nicht!!! Eher: Krimi mit politischem Hintergrund - aber auch nicht zu sehr in Richtung Politik mit dem Verständnis "Politiker" sondern "Geschichte", aber nicht trocken, sondern menschlich weil anhand der Geschichte von Thomas Cavar....


    Lange Rede, kurzer Sinn, Lesen lohnt sich, und eine Verlängerung der Wunschliste auch :-)

  • Vielen Dank für die schöne Beschreibung dschaenna, vielleicht wage ich mich demnächst auch mal ran, ein paar Zeilen zu verfassen. :wave


    Zitat

    Original von verena
    Danke für diese wunderbare Rezi - hört sich wirklich interessant an.


    verena : Das Buch habe ich bei den Wanderbüchern eingestellt, du kannst dich gerne noch anschließen :wave

  • Ich habe schon einmal bezweifelt, ob man ein Buch von Oliver Bottini als Krimi bezeichnen kann. Nur weil ein Polizist irgendeine Rolle spielt oder eine investigative Journalistin. Das Buch ist ein zeitgenössischer Roman, ein Roman über Heimat und Heimatlosigkeit, über Vaterland und Krieg, über Friedenssehnsucht und Liebe, über Hass und Kriegsverbrechen, über Hoffnung und Verzweiflung, über Folter, Mord und Gleichgültigkeit. Eine Erzählung über Ereignisse die sich mitten unter uns zugetragen haben und zutragen, über Erignisse, die wir sehen und doch nicht wahrnehmen. Ein grandioses Buch.

    Nemo tenetur :gruebel


    Ware Vreundschavt ißt, wen mahn di Schreipfelerdes andereen übersiet :grin


    :lesend Ungläubiges Staunen- Über das Christentum Navid Karmann :lesend

  • Das Buch werde ich auch lesen, weil es in der ZEIT so gelobt wurde.
    Mal gucken, was der Autor aus seinen Quellen so "gezaubert" hat.

    "Literatur ist die Verteidigung gegen die Angriffe des Lebens."


    "...if you don't know who I am - then maybe your best course would be to tread lightly."

  • Ich fand es auch am Anfang sehr verwirrend wer mit wem. Am Ende des Buches gibt es aber ein Glossar, welches mir ein wenig geholfen hat die Fragezeichen zu entwirren.


    Erschreckend das es wohl wirklich so gewesen ist.


    Mich hat das Buch sehr nachdenklich zurückgelassen.