Andrea Hirata: Die Regenbogentruppe

  • Andrea Hirata: Die Regenbogentruppe
    Hanser Berlin 28.1.2013. 272 Seiten
    ISBN-13: 978-3446241466. 19,90€
    Originaltitel: Lakar Pelangi (2005)
    Übersetzer: Peter Sternagel


    Verlagstext
    Wenn der Morgen auf Belitung, Indonesien, graut, kann nichts sie aufhalten. Die Schüler der „Regenbogentruppe“ – Söhne und Töchter von Fischern und Minenarbeitern – wollen nicht eine einzige Unterrichtsstunde verpassen, denn für sie ist die Schule die einzige Möglichkeit, der Armut zu entkommen. Da ist zum Beispiel Lintang, das mathematische Genie, oder Mahar, der Künstler und angehende Schamane. Und Ikal, der seinen Weg macht: von der Armenschule über das Studium in Paris und London zum gefeierten Schriftsteller. Wie Khaled Hosseini in „Drachenläufer“ verarbeitet Andrea Hirata zugleich seine eigene bewegende Geschichte und eröffnet uns dabei tiefe Einsichten in ein zerrissenes Land.


    Der Autor
    Andrea Hirata wurde auf der Insel Belitung, Indonesien, geboren, wo er auch heute lebt. Er absolvierte ein Wirtschaftsstudium an der University of Indonesia und setzte seine Ausbildung mit einem Stipendium in Paris und Sheffield fort. Mit Die Regenbogentruppe wurde er zum meistgelesenen Schriftsteller Indonesiens. Der Roman wurde 2008 in Indonesien verfilmt und in 25 Sprachen übersetzt.


    Inhalt
    Andrea Hirata hatte als Kind zwei Träume, er wollte entweder ein erfolgreicher Badminton-Spieler oder ein berühmter Autor werden. Nur bei der Post arbeiten wollte der Autor dieses biografischen Romans nie; denn er fand, dass der Postbeamte seines Dorfes auf der Insel Belitung zu viel arbeitete. Ikal, Hiratas Icherzähler, wird mit nur acht Mitschülern und einer Mitschülerin in einer winzigen muslimischen Dorfschule eingeschult. Die Mindestschülerzahl für die Klasse kommt nur zustande, weil mit den Kindern der 15-jährige geistig zurückgebliebene Harun eingeschult wird. Unterrichtet wird in einem wackeligen Schuppen von einem berufserfahrenen Lehrer und der 15-jährigen Muslimah Hafsari, die selbst gerade erst die Schule abgeschlossen hat. Ikal erfährt erst viel später, dass das junge Mädchen, achtungsvoll "Bu Mus"genannt, ohne Bezahlung arbeitet. Beide Lehrer sind ihren Schülern Vorbild und Inspiration; sie fühlen sich nicht nur der Bildung, sondern auch der Erziehung ihrer Schüler verpflichtet.


    Mit Stolz auf die Reichtümer der Natur und mit erstaunlicher Selbstsicherheit, die ihm die lange Geschichte der Malaien gibt, berichtet Ikal von seiner Heimatinsel. Der Reichtum der Zinnminen nutzte in erster Linie den niederländischen Kolonialherren, die außer Zinn weitere Bodenschätze abbauten. Als die Kolonialherren die Insel verlassen, bleibt die feudale Kasteneinteilung der Bevölkerung. Die Bewohner der Insel arbeiten im Bergbau oder als Fischer ohne eigenes Boot. Traditionell werden Kinder von Kulis wieder Hilfsarbeiter ohne Schulbildung, weil die Familien den Verdienst ihrer Kinder zum Leben brauchen. Bildung scheint sich nicht zu lohnen, wenn selbst ein Lehrer weniger verdient als ein Hilfsarbeiter. Im Rückblick wirkt es wie ein Wunder, dass im Jahr von Ikals Einschulung gleich mehrere dieser einfachen Familien ihre Kinder in der Schule anmelden. Andrea Hirata widmet jedem seiner Mitschüler und dessen Zukunftsträumen ein eigenes Kapitel. Besonders beeindruckt ist der lockenköpfige Erzähler Ikal von seinem Mitschüler Lintang, der jeden Tag kilometerweit zur Schule radelt, an Mangrovensümpfen entlang, in denen mannsgroße Krokodile leben. Lintang verblüfft die anderen Kinder nicht nur durch seine ungewöhnlich Intelligenz, sondern stärker noch durch seine Liebenswürdigkeit und seine respektvolle Haltung anderen gegenüber. Wie viele der Mitschüler ist Lintang das erste Kind in seiner Familie, das Lesen und Schreiben lernt. Bedeutungsvoll für Andrea Hiratas Jahrgang ist in mehrerlei Hinsicht das auf dem Titelbild des Buches zu sehende Fahrrad, mit dem zwei Schüler vom Kreidekaufen im Dorfladen zurückkehren. Ikals Zusammentreffen mit A Ling, der Tochter des chinesischen Kaufmanns, in deren sorgfältig manikürte Fingernägel er sich spontan verliebt, bringt dem Jungen seine erste Begegnung mit einem Roman: "Der Doktor und das liebe Vieh". Was wie ein Märchen begann, trifft spätestens dann auf die harte Realität, als Bu Mus Schüler noch vor dem Ende ihrer Schulzeit zum Lebensunterhalt ihrer Familien beitragen müssen.


    Fazit
    Der Erfindungsreichtum mit dem eine junge indonesische Lehrerin die unterschiedlichen Persönlichkeiten und Talente ihrer Schüler fördert, wird kaum einen Leser unberührt lassen. Andrea Hirata schildert auf verschmitzte Art das Zusammenleben der Malaien, Chinesen und Sawang auf seiner Heimatinsel, wo jede Volksgruppe ihren Individualismus und ihren Glauben bewahrt. Durch ein Stipendium der EU wird schließlich aus dem lernbegierigen Erstklässler Ikal der inzwischen in mehrere Sprachen übersetzte Autor, dem wir ein trauriges wie ermutigendes Buch über den unstillbaren Hunger nach Bildung verdanken.


    9 von 10 Punkten

  • Die Regenbogentruppe - Andrea Hirata
    ISBN: 3446241469


    Verlag: Hanser Berlin, 2013
    Gebundene Ausgabe: 272 Seiten



    Mein Eindruck:
    In einem Dorf einer kleinen indonesischen Insel schaffen es zwei ambitionierte Lehrer mit nur 10 Schülern eine Schule zu bilden.
    Der Autor war einer der 10. Er schreibt aber nicht nur über sich sondern auch über seine Mitschüler, er stellt sich selbst dabei nicht unbedingt in den Vordergrund, das hat mir gut gefallen.
    Unter seinen Mitschülern ragt der aus einer armen Familie stammende Lintang heraus. Er ist sehr intelligent und wird sofort Klassenbester. Dabei ist er derjenige, der den weitesten und beschwerlichsten Weg zur Schule hat. 40 km fährt er auf seinem Fahrrad, dabei steht auch schon einmal ein Krokodil auf dem Weg.
    Eine schillernde Figur ist auch Mahar, der künstlerisch veranlagt ist.
    Sahara ist zunächst das einzige Mädchen in der Klasse, später kommt die aufsässige Flo hinzu.
    Ann noch der starke Borek und Kukai, de Klassensprecher, schon als Kind ein kleiner Politiker. Das diese Klasse bestehen darf, verdanken sie Harun, der geistig behindert ist und doch der 10 Schüler, den die Klasse braucht. Mit weniger Schülern hätten sie nicht starten dürfen.
    Doch es folgen weitere Schwierigkeiten durch Schließungsabsichten der einen Schulkontroller und durch Baufirmen, die das Gelände wollen.


    Das Buch lässt sich gut lesen, an die malaiischen Namen gewöhnt man sich schnell.
    Zudem ist der Erzähler auch westlich geprägt. Er liebt Fernsehsendungen wie „Unsere kleine Farm“ oder Bücher wie „Der Doktor und das liebe Vieh“.


    Das Buch liest sich so, wie man es sich schon vom Cover her vorstellt. Tatsächlich ist das auch eine Szene aus der Handlung, als der Lockenkopf Ikal und sein Freund auf dem Fahrrad in die nächste Stadt zum Kreidekaufen fahren.


    Es ist ein Entwicklungsroman und zugleich eine literarische Autobiographie.


    Sehr sympathisch geschrieben. Charismatisch und warmherzig. Und überwiegend positiv, ohne die Probleme und Schwierigkeiten der armen Schüler je herunterzuspielen.

  • Auf der Verlagshomepage gelesen:


    Zitat

    Der indonesische Schriftsteller Andrea Hirata wird für seinen autobiographischen Roman “Die Regenbogentruppe” mit dem ITB Book Award 2013 ausgezeichnet. Er erhält den Preis in der Kategorie Destination Awards Indonesien/Literatur Indonesiens. Indonesien ist in diesem Jahr das offizielle Partnerland der weltweit größten Tourismusmesse, die vom 6.-10. März in Berlin stattfindet.

  • Einleitung/ Info


    "Die Regenbogentruppe" von Andrea Hirata hat mich gleich angesprochen und ich war gespannt auf die Erlebnisse der zehnköpfigen Schulklasse und ihren Lehrern.


    Handlung


    Andrea Hirata erzählt in seinem autobiographisch geprägten Buch, wie er als Kind auf der Insel Belitung in Indonesien unter sehr ärmlichen Bedingungen aufwuchs. Er ist einer der Regenbogentruppe und wird Ikal genannt, was „Lockenkopf“ bedeutet. In seiner Klasse und damit in der Regenbogentruppe sind anfangs noch acht weitere Jungen und ein Mädchen.
    Die Muhammadiyah, wie die Schule genannt wird, ist ein heruntergekommener alter „Schuppen“, der vorwiegend von einem großen Holzfeiler getragen wird, das Gebäude ist windschief, löchrig und alt, aber für die Schüler ist es sehr wertvoll, weil sie in diesem Gebäude die Chance auf Bildung und ein anderes Leben bekommen.
    Sie haben zwei Lehrer Pak Harfan, der Rektor und Bu Mus eine anfangs fünfzehnjährige Lehrerin. Die zwei Lehrer brennen für ihren Beruf und erklären jedes Unterrichtsfach mit Hingabe und Enthusiasmus. Sie wissen es den Wissensdrang ihrer Schüler zu wecken.
    Das Buch erzählt vom Werdegang der Regenbogentruppe von ihrem ersten Schultag bis ins Jetzt hinein.


    Covergestaltung und Buchtitel


    Das Cover gefällt mir sehr gut. Diese Leichtigkeit, die typisch für die Welt von Kindern ist, das viele grün, die zwei Jungs auf dem Fahrrad, Freiheit, Frohsinn, Abenteuerlust. Ich finde das Cover ausgesprochen gelungen. Vorallem weil genau diese Szene auch im Buch vorkommt. Auch der Titel ist passend zu der Geschichte, nannte Bu Mus die Kinder doch immer "Die Regenbogentruppe", weil sie jedes Mal, wenn es einen Regenbogen gab auf den Filicium geklettert sind und ihn von dort betrachtet haben.


    Positives


    Das Buch ist leicht und schnell zu lesen. Mir haben auch der Schreibstil und die kurzen Kapitel gefallen. Hirata erzählt mit Leichtigkeit und Tiefe von seiner Kindheit und den Erlebnissen und Bedingungen in Belitung. Die Quintessenz des Buches zeigt sich wohl darin, dass Hirata versucht zu vermitteln, dass Schule ein Ort ist, um den Charakter zu bilden. Dass Wissen ein Wert an sich ist und man durch Freude am Lernen zu Würde und Selbstachtung gelangt. Die Schule vermittelt für ihn die Werte der Humanität und ist nicht bloß dazu da um ausgebildet zu werden um einen guten Job zu bekommen.
    In jeder Zeile von Hiratas Beschreibungen erahnt man, wie viel die Schule ihm gelehrt und gebracht hat, wie sehr seine Lehrer ihn geprägt haben und wie wichtig auch ein gutes Klassenklima ist. Er zeigt auf, dass unterschiedliche Charaktere, der geniale Lintang, der künstlerisch-exzentrische Mahar, der geistig zurückgebliebene Harun und all die anderen gut zusammenleben und sich ergänzen können, wenn sie richtig angeleitet werden und mit den richtigen Werten aufwachsen.
    Hirata schafft es wundervoll vor dem geistigen Auge von jedem einzelnen seiner Klassenkameraden ein feines Bild zu zeichnen, welches sich immer mehr verdichtet, sodass am Ende jeweils ein ganz eigener und besonderes Charakter herauskommt mit Eigenschaften und Wesenszügen, die sonst kein anderer inne hat.


    Negatives


    Ich hatte sehr lange das Gefühl, dass ich in der "Einführung" der Geschichte bin. Hirata hat sehr viele Seiten gebraucht alle seine Klassenkameraden vorzustellen, zu erläutern wie das typische Leben dort ist, wie ihr Alltag aussah. Es hat dadurch recht lange gedauert, bis die Geschichte ein bisschen Fahrt aufgenommen hat. Andererseits muss ich im Nachhinein aber sagen, dass es eben genau darum in dem Buch geht: Um die unterschiedlichen Charaktere, um die Personen der Regenbogentruppe ansich und ihr Leben und ihren Tagesablauf. Im Nachhinein hat mir Einführung gut gefallen.


    Fazit


    Ein gelungenes autobiografisch geprägtes Buch mit einer schönen und heutzutage umso bedeutenderen Moral. Sehr empfehlenswert. Außerdem das erste Buch in indonesischer Originalsprache, welches ich gelesen habe, wodurch ich persönlich auch einen anderen Blickwinkel bzw. einen tieferen Eindruck von dem Land bekommen habe.
    Glatte neun Eulenpunkte. :-)

  • Mein erster Eindruck hat mich wirklich nicht getrogen. Dieses Buch ist seine volle Punktzahl mehr als wert! Ich möchte gerne öfter solche Bücher lesen - erstens ist es (zumindest halb) ein Sachbuch, und zweitens entführt es den Leser in ein fernes, armes, aber dennoch prallvoll lebendiges Land, in dem noch andere Werte zählen. In dem Freundschaften über ganze Lebensläufe entscheiden können. In dem Bildung noch kostbar ist. Und in dem ein Kind an nichts mehr hängt, als an seinen Träumen...


    Andrea Hirata, gebürtiger Malaie aus Indonesien, hat in diesem Buch seiner ehemaligen Dorfschullehrerin, Bu Mus, ein liebevolles Denkmal gesetzt. Aber gleichzeitig hat er noch andere Dinge erschaffen: ein farbiges Panorama seiner eigenen Kindheit, ein Plädoyer für das Recht auf mehr Bildung für die Armen, einen Reiseführer Indonesien, und eine kulturhistorische Abhandlung über diesen Lebensraum. Man kann wirklich nicht sagen, wie der Umschlag behauptet, es handele sich hier um einen "Roman". Das Buch hat viele Anteile, und gerade das machte für mich den unwiderstehlichen Reiz bei der Lektüre aus!


    "Die Regenbogentruppe", die dem Buch seinen Namen gab, das waren die zehn Schüler (darunter unser Autor), die nötig waren, um den Erhalt der Dorfschule in Belitung zu sichern. Der Autor verfremdet die Geschichte seiner Schuljahre etwas. So nennt er sich selber im Buch "Ikal". Manche Episoden haben außerdem geradezu märchenhafte und fantastische Untertöne - da gibt es schwebende Heilige, Krokodilmenschen, unheilvoll dräuende Gewitter, und Vorhersagen. Sehr unorthodox und lebendig! Außerdem gibt es erste Liebschaften, Rivalitäten, und soziale Umwälzungen. Auch Anklänge an bekannte Autoren findet man - ich persönlich zumindest habe mich u. a. an Salman Rushdie ("Mitternachtskinder") oder das "Fliegende Klassenzimmer" von Erich Kästner erinnert gefühlt. Doch dies nur als Hinweis an zukünftige Leser, womit sie eventuell zu rechnen haben.


    Aus dem Gesagten wird ersichtlich, dass man auf keinen Fall einen "Roman" nach westlicher Machart erwarten darf! Viele Episoden bleiben auch ein wenig in der Schwebe, oder werden nur angerissen. Für mich hat das den Charme des Ganzen noch unterstrichen, da es eben nicht um Logik und letztes Hinterfragen ging.


    Beinahe wäre ich über den Schluss ein wenig unglücklich gewesen. Denn die eigentliche Schilderung der Schuljahre endet ein wenig abrupt, und es folgt ein zurückblickender Teil "12 Jahre später". Und nicht alles ist gut ausgegangen... und nicht jeder hat aus der schwer erkämpften Schulbildung etwas machen können. Doch nach etwas Bedenkzeit finde ich, das ist wieder eine typisch westliche Denkart. Man erwartet ein "schönes Buch", eine stringente Erzählung, ein durchgestyltes literarisches Werk. Doch aus diesem Buch spricht vor allem nur eines: Ehrlichkeit. Und die Liebe zu den ehemaligen Freunden, und der Lehrerin.


    Abschließend möchte ich das Buch sehr gerne weiterempfehlen. An Menschen, die sich noch gut an ihre eigene Kindheit und Schulzeit erinnern. An literarische Weltenbummler. Und an Leser, die sich für das Ungewöhnliche begeistern können.

  • Ein wirklich berührendes Buch! Unglaublich, welche Anstrengungen Eltern, Schüler und Lehrer auf sich nehmen, damit die Kinder lernen können.


    Ein Zitat über den Schulleiter der Dorfschule:
    ... der davon überzeugt war, dass Wissen einen Wert an sich darstellt, dass unsere Erziehung eine Pflicht ist, die wir dem Schöpfer gegenüber schuldig sind. Und dass Schule nicht immer mit dem Ziel verbunden sein darf, Titel zu erwerben, Geld zu verdienen und reich zu werden. Vielmehr soll Schule Freude am Lernen schaffen, das Licht der Zivilisation verbreiten, zu Würde und Selbstachtung führen, die Werte der Humanität vermitteln. Aber Schule ist heutzutage nicht mehr der Ort, den Charakter zu bilden, sondern ein Element des kapitalistischen Systems, das darauf ausgerichtet ist, Reichtum und Macht zu erwerben.