Jahreswertung 2015

  • Liebe Eulen,


    die Regelungen der Jahreswertung unseres Schreibwettbewerbs entsprechen denen der Vorjahre.


    Zugelassen für die Jahreswertung werden alle Beiträge, die in den einzelnen Monatsrunden auf dem Treppchen landeten, also die Plätze 1, 2 oder 3 erreichten.


    Die Abstimmung beginnt wieder bei Null. Alle Texte haben unabhängig von ihrer Monatsplatzierung die gleiche Chance auf den Jahresgewinn. Die Wertung findet wie in den Monatsrunden verdeckt statt und läuft vom 01. – 15. Dezember 2015.
    Am 16. Dezember werden die Wertungen veröffentlicht und der Jahressieger / die Jahressiegerin 2015 bekannt gegeben.


    Der Verfasser / die Verfasserin des Gewinnertextes erhält einen Büchergutschein im Wert von 25.- €.


    Viel Erfolg!

  • "Meine Masken"
    Thema: Wer bin ich?
    Autor: Marlowe
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    Zehn Masken habe ich
    in meinem Schrank
    nach Bedarf sortiert
    ein elfter Haken ist leer
    diese Maske
    trage ich vor meinem Gesicht


    Es ist die
    die ich am häufigsten trage
    die mit dem besten Sitz
    und ohne Frage
    ihr nehmt sie mir ab


    Mein Gesicht zu verlieren
    kenne ich nicht
    alles nur Maske
    so sehr mein Gegenüber
    sich auch bemüht
    er erkennt mich nicht


    Zehn Masken habe ich
    in der Tasche
    durcheinander
    gut gemischt
    ich greife zu
    setze auf
    angepasst jeder Lage
    wie ein Chamälion


    Zuweilen wirft mir jemand
    eine Maske zu
    ich fange sie
    setze sie auf meine
    gebe ihm das Gefühl
    mich zu kennen
    doch nehme ich beide ab
    Gott was wird der rennen


    Ich lache in mich hinein
    in meinen inneren Spiegel
    und ernst schaue ich aus

  • "Tasmanische Hommage"
    Thema: Wer bin ich?
    Autorin: Johanna
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    Ich war ein Haudegen.


    Durfte die schönsten Frauen lieben und diese mich. Um die schönste und liebste beneidet mich noch heute der bekannteste Buchhändler der Republik.


    So verwunderlich war das aber nicht, konnte doch kaum eine meinem Charme, meinem Aussehen, vor allem meinem Lächeln, diesem betörenden Lächeln, widerstehen.


    Ich hatte sie alle, indische Prinzessinnen die nicht genug von mir bekamen und noch einen und noch einen wollten, Piratinnen fühlten sich mir zugeneigt. Edle Damen, Sängerinnen, Rinderzüchterinnen und königliche Mündel waren darunter.


    Na gut, einmal trug mein kleiner Bruder den Sieg davon, aber das ist nebensächlich. Der wahre Held war ich.


    Meist war mir ein gutes Ende beschieden, aber manchmal mußte ich auch unbequeme Tode sterben.


    Elendig ließ man mich einmal in meinen Stiefeln verrecken. Unzumutbar, kann ich nur sagen. Jedenfalls war ich ein Held dabei, wenigstens etwas.


    Beruflich war ich ziemlich aktiv, war ich doch ein berühmter Boxer, der auch dabei seine Manieren nie vergaß, Gouverneur war auch mal eine Arbeit, die ich mir redlich verdiente, besser gesagt, erkämpfte. Prinz war ich zudem natürlich auch einmal.


    Selbst das berühmteste Schiff, dem ein lapidarer Schokoriegel seinen Namen verdankt, durfte ich steuern, nachdem ich einfach die Rolle des Kapitäns übernahm. Ok, war jetzt nicht die feine Art, aber dafür hab ich ihm ein Rettungsboot spendiert.


    Die englische Geschichte habe ich maßgeblich beeinflußt, indem ich den kleinen Bruder im Zaun hielt und dem Älteren zu seinem Recht verhalf, und somit auch ein ganzes Volk von Ungerechtigkeit befreite.


    Später, viel später hatte ich eine Liaison mit seiner Nachfolgerin, ob sie platonisch blieb, verrate ich hier als wahrer Gentleman natürlich nicht.


    Aber auch die spanische Königin, war mir, dem Frauenhelden, nicht abgeneigt.


    Dagegen verblaßt natürlich das Zusammentreffen mit einem der bekanntesten amerikanischen Präsidenten.


    Gerne mochte ich den kleinen Jungen, der mich tatkräftig in meiner Tätigkeit unterstützte und mir beim spionieren half.


    Und die beiden „Zwillinge“, die mal eben die Rollen tauschten, konnte dank meiner Hilfe glücklich mit ihrer jeweiligen Bestimmung weiterleben und ich verdiente so damit mein Sitzrecht auf Lebenszeit.


    Auch dem ärgsten Feind des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten, war ich sehr zugetan und sorgte auf meine Weise dafür, dass die Menschen dies aus meiner Sicht kennenlernen durften.


    Blöd nur, dass ich später dem Alkohol so zugeneigt war, böser Fehler. Nun ja, man kann nicht alles haben.


    Aber eines ist mir auf jeden Fall vergönnt. Ich bin unsterblich geworden. Ich habe nie aufgehört, die Säbel zu schwingen, die Menschen zu erfreuen und die Frauen zu betören und werde es wohl auch niemals tun.

  • "Amnesie um vier"
    Thema: Wer bin ich?
    Autor: Inkslinger
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    Das Licht ist viel zu grell. Ich kneife meine Augen zu. Ich hätte sie doch noch nicht öffnen sollen. Wo ist die angenehme, traumlose Schwärze, in der ich noch vor wenigen Augenblicken geschwommen bin? Es war irgendwie beruhigend, nichts zu hören und nichts zu sehen außer den eigenen Gedanken.


    Ich hebe mühsam meinen Arm, schirme die Augen mit der Hand ab und unternehme einen neuen Versuch. Jetzt geht es schon etwas besser. Meine empfindlichen Pupillen stumpfen langsam ab. Ich zähle bis siebenundfünfzig. Plötzlich kommt eine weißgekleidete Furie ins Zimmer.


    „Och, Hallöchen! Sind wir aufgewacht? Na, das ist ja fein.“
    Wo bin ich hier bloß gelandet?
    „Sie sind im Krankenhaus. Scheint ja eine wilde Nacht gewesen zu sein, mein Bester.“
    Meine Zunge ist bleischwer und pelzig. Sie nimmt den ganzen vorhandenen Platz in meinem Mund ein. Ich schiebe sie zur Seite und murmel: „Wie bin ich hierher gekommen? Wieso bin ich hier?“


    Die flotte Karin (Danke Gott für Namensschilder!) scheint Erfahrung im Umgang mit dem Wollsocken-Zungen-Syndrom zu haben, denn sie hat mich verstanden.
    „Mit'm Taxi. Der Fahrer hat Sie letzte Nacht auf'm Bordstein gefunden. Verwirrt und verunreinigt. Sie hatten keinen Ausweis bei sich, deswegen sind Sie hier.“


    Mein zermartertes Gehirn spuckt einen Gedanken aus.
    „Ich werde wegen Ausweis-Vergessens behandelt?“
    Ein hässliches, röhrendes Lachen bringt die Stille zum Platzen.
    „Oh Mann, was sind Sie denn für ein Vogel? Komiker oder was?“
    Nachdenklich lege ich den Kopf schief.
    „Keine Ahnung. Kann mich nicht erinnern.“


    Karin haut mir kumpelhaft auf den Oberschenkel.
    „Ach, das wird schon wieder. Einer der Ärzte, die hier letzte Nacht Dienst hatten, hat sie erkannt und auf unsere Spezialstation verlegen lassen.“
    Sie kringelt sich fast vor meinem Krankenbett.
    Bin ich hier in einer Irrenanstalt gelandet, wo das Personal mit den Patienten um den Titel der Miss und Mister Crazy wetteifert?
    „Reden Sie mit den anderen Patienten, dann kommt es Ihnen schon noch.“
    Schon ist sie wieder verschwunden.


    Ich liege rum und überprüfe meine Beschwerden. Alles scheint intakt zu sein. Außer mein Kopf, der tut höllisch weh und ist total leer. Vereinzelte Fragmente fegen hindurch. Klassenräume, Frauen in Leidenschaft um mich geklammert, Bars mit bärigen Kerlen. Bin ich etwa ein Lehrer?
    Ich wühle in dem Schutt meines Gehirns nach meinem Namen oder irgendetwas anderem, was mich ausmacht. Aber ich finde nichts.


    Irgendwann döse ich ein und als ich wieder aufwache stehen zwei langhaarige Zombies neben meinem Bett.
    „Mmmmpfl Dummpl, hä?“
    Na toll, noch eine Wollsocken-Zunge.
    Der zweite Besucher erklärt: „Er hat gesagt, er findet dich endgeil. Durch dich ist er an die Musik gekommen. Du bist sein Idol, Mann!“
    Interessant.
    „Wer bin ich denn?“


    Die beiden gucken sich mit großen Augen an.
    „Also ist es wahr, was sie im TV sagen! Der Rockgott Furby hat gestern den Rekord gebrochen! Fünfundzwanzig Bars mit einem Mindestverzehr von drei Drinks in einer Stunde!“
    Grinsend hebt er seine Hand, sowohl Zeige- und kleiner Finger ausgestreckt. Dazu schüttelt er sein strähniges Haar und grölt: „Metal!“

  • "Sekundenbruchteile"
    Thema: "Oh Gott" oder (für Atheisten) "Stoßseufzer"
    Autorin: Suzann
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    „Alter, das war geil! Warum machen wir das nicht öfter?“ Sein bester Kumpel Eric, der mit zwei anderen auf der Rückbank saß, lehnte sich zwischen den Vordersitzen nach vorne und lallte Lukas seine Begeisterung ins Ohr. „Weil du die meiste Zeit zockst und deinen Arsch nicht aus der Hütte bekommst“, konterte er kurz, da er sich bei 180 Sachen nicht gerne ablenken ließ. „Schnall dich an, du Homo“, schnauzte er, als er bei einem schnellen Blick in den Rückspiegel bemerkte, dass Erics vorgebeugter Oberkörper gurtlos war.


    Der metallicblaue BMW mit seinen satten 170 Pferdestärken war neu und die Erfüllung eines lang gehegten Wunsches, daher machte es ihm nichts aus, dass er heute als Fahrer hatte nüchtern bleiben müssen. Seine Freundin Sophia warf ihm vom Beifahrersitz aus einen genervten Blick zu. Das Basketballspiel hatte ihr gefallen, aber sie wäre lieber alleine mit ihm dort gewesen. Außerdem mochte sie es nicht, wenn er so schnell fuhr. Der BMW schnurrte über die fast leere Autobahn und sein Fuß sackte noch ein wenig schwerer auf das Gaspedal. Er hätte ewig so über die Überholspur fliegen können.


    Er kam gerade aus einer langgezogenen Linkskurve und sein Blick öffnete sich wieder in die Ferne, als er im Zwielicht der späten Abendstunde ungläubig die Szenerie registrierte, die sich ein paar hundert Meter vor ihm auftat. Ein Wagen war am linken Fahrbahnrand liegen geblieben. Es dampfte aus der geöffneten Motorhaube. Auf gleicher Höhe stand ein zweites Auto auf dem Standstreifen und zwischen den beiden Fahrzeugen liefen Leute. Sophia und Eric kreischten um die Wette. Er stampfte auf die Bremse und merkte, dass das Heck seines Wagens im Begriff war auszubrechen. Dann hielt die Zeit an.


    Sie schleudern in die Unfallstelle. Zwei Gestalten versuchen panisch auszuweichen. Ein dumpfer Schlag. Noch einer. Das Fahrzeug trifft auf ein Hindernis. Sein Kopf wird brutal vor und zurück geschleudert. Ein Airbag knallt. Glas splittert. Schreie, Blut, Schmerzen.


    Sekundenbruchteile später war Lukas wieder in der Realität. Ohne sich bewusst dazu entschlossen zu haben, nahm er seinen Fuß wieder von der Bremse und fixierte das Lenkrad mit durchgedrückten Armen. Seine Finger wurden weiß vor Anspannung. Der schlingernde BMW stabilisierte sich und Augenblicke später hatten sie die ungesicherte Unfallstelle erreicht. Die Idioten auf der Fahrbahn waren gerade noch aus der Gefahrenzone gestolpert. Ihre Gestalten waren nur verwischte Schemen, als er zwischen den beiden stehenden Autos hindurch schoss.


    Während sein Herz wie wild klopfte, wurde er sich langsam wieder seiner Umgebung bewusst. Adrenalin pumpte durch seine Adern. Sophias Hand hatte sich schmerzhaft in seiner Schulter verkrallt. Eric auf der Rückbank kotzte sich Bier in den Schoß und auch die beiden anderen konnten sich gar nicht beruhigen.


    „Alter, war das knapp!“
    „Hast du das gesehen?“
    „Hast du das gesehen!“


    Bei der nächsten Ausfahrt verließ Lukas die Autobahn, um zur Unfallstelle zurückzukehren und während im Auto alle wild durcheinander schnatterten, kreiste in seinem Hirn ein Satz in Dauerschleife:
    „Scheiße, was für ein Dusel.“

  • "Himmelfahrt"
    Thema: "Oh Gott" oder (für Atheisten) "Stoßseufzer"
    Autorin: Rumpelstilzchen
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    In einem etwas heruntergekommenen, früher sicher prächtigen Wohnzimmer bearbeitet eine Frau einen Sessel mit Bürste und Polsterschaum.


    „Das nutzt jetzt auch nichts mehr, Hera“, spottet eine junge Frau und wirft einer auf einer Stange hockendenden Eule eine tote Maus zu. Die Eule öffnet kurz das rechte Auge, reagiert aber sonst nicht.


    „Hätte dein Vater nicht die blödsinnige Idee gehabt, vom Olymp herabzusteigen, bloß weil er hoffte, die Nähe ihrer Götter würde die Opferbereitschaft der Menschen wieder erhöhen, müssten wir hier nicht würdelos hausen“, schimpft Hera.


    Durch die offene Terrassentür schwebt ein gutaussehender junger Mann herein, faltet sorgfältig die Flügel unter den Mantel, verbeugt sich ein wenig übertrieben vor Hera, gießt aus einer Amphore eine goldenen Flüssigkeit in einen Becher und trinkt durstig.


    „Köstlich, welch eine Wohltat. Die göttlichen Botschaften, die ich der Regierung überbracht habe, wurden nicht eben gut aufgenommen. Genau genommen hat man mich davongejagt. Kapitalistenknecht und europäisches Imperialistenschwein haben sie mich geschimpft. Mich, den Götterboten. Keine Ehrfurcht mehr vor den Göttern. Nur noch dieser verfluchte Euro“.


    „Ach, der Euro. Wenn es weiter nichts wäre.“ Ein großer, muskulöser Mann mit Schwert und Schild stürmt ins Zimmer, gefolgt von einem zerrupften Geier, der sich auf die tote Maus stürzt und sie verschlingt.


    „He, Ares, dass wir dich auch mal wieder zu sehen kriegen. Dir müsste es doch gefallen, überall Kriege, Massaker, Gemetzel. Hübsch blutig und grausam. Sowas magst du doch?“ Athene geht auf ihn zu und küsst ihn auf die linke Wange, was den Kriegsgott entsetzt zurückfahren lässt.


    „Früher, da haben die Menschen Kriege geführt, weil sie das Land oder die Frauen oder das Vieh ihrer Nachbarn haben wollten. Danach haben sie uns schöne Opfer gebracht – ach die wunderbaren Rinder und Schafe, die sie uns zu Ehren verbrannt haben“. „Die Weinopfer nicht zu vergessen“, wirft Hermes schwärmerisch ein. „Ja, ja, aber lenk nicht ab. Heute, heute ziehen sie mordend und plündernd durch die Welt zur höheren Ehre des eifersüchtigen Gottes, den dieses Wüstenvolk vor einer Weile eingeführt hat. DU SOLLST KEINE ANDEREN GÖTTER NEBEN MIR HABEN. Nichts als Unglück hat dieser unsichtbare Gott gebracht. Kein einziges Laster. Keine Frauengeschichten, Saufen tut er auch nicht. Und uns, uns haben sie völlig vergessen. Unsere Tempel sind verfallen, Touristen rennen in den Trümmern herum und werfen Kaugummipapiere und Bierdosen in die Ecken. Bierdosen!“ die Stimme des mächtigen Kriegsgottes wird schrill und er scheint den Tränen nah.


    Da fährt ein gewaltiger Blitz vom Himmel, ein Donner lässt das Haus erbeben und Göttervater Zeus betritt das Haus.


    „Genug geklagt. Seit Jahrhunderten sinne ich auf Abhilfe und heute endlich bringe ich gute Nachricht. Andere Planeten voller Leben soll es in den Weiten des Weltalls geben, mit Wesen, denen Götter völlig unbekannt sind. Wir ziehen um. Hermes, du bestellst die anderen Götter hierher. Heute Abend ziehen wir aus. Alle zusammen.“


    Am Abend bestaunen die Menschen ein eigenartiges Spektakel. Wie Sternschnuppen, die zum Himmel zurückkehren, gleiten helle Lichterscheinungen in die Höhe und verlieren sich in der Ferne.

  • "Halt die Liane"
    Thema: "Oh Gott" oder (für Atheisten) "Stoßseufzer"
    Autorin: Marlowe
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    „Also, Frau Weber, dann erzählen Sie doch mal, wie genau ist das passiert?“
    Frau Weber schluchzte laut auf. „Mein Mann und ich sind begeisterte Nacktwanderer und machten diese schöne Wandertour durch das Fichtelgebirge. Es war ein so wunderbarer Tag, warm und sonnig, ein paar Freunde gingen mit und wir waren ungefähr in der Mitte des Aufstiegs, als mein Horst an den Steilhang trat und die Arme ausbreitete und laut rief, er wäre der König der Welt!“
    „Gut, Frau Weber und dann?“
    „Als er sich umdrehte, rutschte er mit einem Fuß ab, schwankte kurz und suchte nach seinem Gleichgewicht, aber er schaffte es nicht. Als er nach hinten fiel, packte ich kurz entschlossen zu und hielt ihn fest.“
    „Also nochmal ganz genau, Sie hielten ihn an seinem Glied fest. Richtig?“
    „Genau, es war das Einzige, was ich gerade noch packen konnte, er fiel zwar, aber ich konnte ihn halten, er baumelte jetzt direkt über dem Abgrund. Meine Freundin Christine kam dazu und fragte mich, was ich da mache und ich sagte ihr: ‚ich kriege ihn nicht hoch. Bitte hilf mir.‘“
    „Aha, Sie sagten ihr, Sie kriegen ihn nicht hoch und sie soll Ihnen dabei helfen!“
    „Genau, sie hielt mich fest und wir versuchten ihn gemeinsam hoch zu bekommen, aber seine Beine hatten sich irgendwo im Fels verhakt, so sehr ich auch zog und zerrte, ich bekam ihn nicht hoch. Horst schrie wie am Spieß und dann, und dann,“ sie schluchzte wieder laut auf.
    „Ja, und dann?“
    „Na ja, dann riss er ab und Horst fiel hinunter.“


    „Frau Weber, wir sind hier aber in Ihrem Schlafzimmer, Ihr Horst liegt eingeklemmt unter dem zusammengekrachten Bett, in der Hand halten Sie immer noch Horsts Willi. Soweit so gut, ihre Freundin Christine, die nebenan wohnt, hat den Notruf gewählt und uns verständigt, sie sagte aber, sie höre schreckliche Schreie aus der Wohnung hier. Ich wiederhole, hier aus Ihrem Schlafzimmer, wir sind nicht im Fichtelgebirge!“
    „Sie meinen, wir sind..., das war...?“ Sie blickte sich verwirrt um. „Das war nur ein Albtraum? Oh mein Gott!“


    Oberkommissar Freudentaler betrat das Schlafzimmer.
    „Na, Heiner, was haben wir denn hier?“
    „Tja, Bert, wenn Du mich fragst, ein wahrer Albtraum-Unfall. Aber ganz sicher bin ich mir nicht.“

  • "Die Vormacher"
    Thema: Schein und Sein
    Autorin: Marlowe
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    In dem kleinen Bistro herrschte eine fröhliche Atmosphäre. Lydia war zum ersten Mal hier, aber schon nach fünf Minuten fühlte sie sich geborgen und angenommen. Neben ihr stand Holger, er war direkt nach ihr gekommen, hatte sich neben ihr an die Bar gesetzt und sich höflich vorgestellt, nachdem er sie gefragt hatte, ob dort noch frei wäre.
    Innerhalb kürzester Zeit unterhielten sie sich angeregt über Literatur, kamen dadurch dann auf Kino und welche Art von Filmen sie bevorzugten, und so vergingen die Stunden mit interessanten Themen und einem unterschwelligen Flirten, dass beide sehr genossen.
    Gegen Mitternacht sagte sie dann, sie müsse jetzt leider nach Hause, denn am nächsten Morgen wäre frühes Aufstehen angesagt. Er bot sich an, sie nach Hause zu begleiten, und dieses Angebot nahm sie gerne an.
    Auch während des Heimweges unterhielten sie sich, und als sie endlich vor ihrem Wohnblock angekommen waren, hätte ihn Lydia gerne gefragt, ob er noch “auf einen Kaffee“ mit raufkommen wolle und sagte ihm das auch. Betonte aber gleichzeitig, dass das eben nicht ginge, weil sie nur zur Untermiete wohnte. Bis sie etwas Eigenes gefunden hätte, schob sie dann noch hinterher.
    Das Problem kenne er nur zu gut, hatte er geantwortet, bei ihm sei es ähnlich. Also verabredeten sie sich für den kommenden Samstag wieder im Bistro.
    Lydia betrat ihre Wohnung, schlängelte sich durch den langen Flur zwischen Kisten, Kartons, Tüten und Säcken und schlüpfte in ihr Badezimmer. Das einzige Zimmer, in dem kein Chaos herrschte, in dem Platz war und das so ordentlich war, wie Lydia eigentlich die ganze Wohnung haben wollte. Aber sie schaffte es einfach nicht, sie konnte sich von nichts trennen, alles in ihrer Wohnung hatte für sie einen Wert. Sie wusste es nur zu gut, sie war ein Messie. Sie nahm sich vor, ab morgen etwas zu ändern, zog sich um und legte sich seufzend im Schlafzimmer zwischen Pappkartons und gestapelten Büchern auf eine Matratze. Sie weinte still vor sich hin, weil sie wusste, sie würde auch morgen wieder nichts ändern.
    Holger, endlich auch zu Hause angekommen, schlich in den Keller, den er seit zwei Monaten heimlich bewohnte, sah sich kurz um und stöhnte leise. Er wusste, er musste da so schnell wie möglich wieder raus. Irgendwann würde man ihn entdecken. Morgen fange ich an, sagte er sich, ganz bestimmt. Dann legte er sich in seinen Schlafsack und träumte sich aus dem Keller hinaus.

  • "Verkehrte Welt"
    Thema: Schein und Sein
    Autorin: Johanna
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    Wir spielen heut verkehrte Welt.
    Ein Spiel, das Kindern sehr gefällt.
    Mal sehen, wie sich das Leben dann verhält,
    wirds anders, besser, vielleicht sogar erhellt?



    Wir schicken alle Aktionäre,
    weit weg, gen Stratosphäre.
    Wir wollen sie nicht, die Funktionäre,
    es zählt nicht mehr das Monetäre.



    Geld und Macht die gibt’s nicht mehr,
    die sind nur hohl und machen leer.
    So müssen andre, bessre Werte her,
    Menschlichkeit als wichtigstes Begehr.



    Fort die Sucht nach aufgesetztem Schein,
    ersetzt durch ein tatsächlicheres Sein.
    Das kann für viele dann ganz ungemein,
    das eigne Leben wunderbar befreien.



    Ein jeder wird bewertet nach Talent,
    sein Dasein wird sein Fundament.
    Gegen Macht und Habgier resistent,
    das wäre doch ein Argument.



    Heut wird das Ganze noch verlacht,
    noch hats auch nicht genug gekracht.
    In Zukunft vielleicht angedacht,
    da kommt „das Spiel“ dann in Betracht.

  • "Kuchen"
    Thema: Schein und Sein
    Autorin: Sinela
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    Aufgeregt schwirrte Emma durch das Fenster der leerstehenden Garage, in der das Wespennest an der Decke hing. Völlig außer Atem flog sie hinein und rief:
    „Ich … habe … Essen … gefunden. Viel Essen!“
    Sofort war sie von den Mitgliedern ihres Volkes umringt, die noch halbwegs bei Kräften waren.
    „Essen?“
    „Wo?“
    „Reicht es auch für uns alle?“
    „Ja, es ist genügend da, davon können wir tagelang leben.“
    „Auf was warten wir dann noch? Lasst uns schnell hinfliegen!“
    Wie auf Kommando formierten sich die Wespen, verließen das Nest und die Garage und folgten Emma in den sonnigen Spätsommertag hinaus.



    „Herzlich willkommen zu unserem Ernährungsseminar.“
    Sieglinde Schubert ließ ihren Blick über die anwesenden Frauen schweifen. Wieder einmal waren alle Plätze belegt, dieses Seminar war wirklich eine Goldgrube.
    „Da die Sonne es heute nochmal gut mit uns meint, habe ich alles, was wir brauchen, draußen aufbauen lassen. Bitte folgen Sie mir hinaus in den Garten.“
    „Wow, das ist ja gigantisch! So viele leckere Sachen, da bekomme ich ja Hunger.“
    Staunend schauten die Frauen auf das Essen, das auf den Tischen stand.
    „Dann wollen wir mal beginnen ...“



    „Da unten, seht ihr: Kuchen,Torten, Muffins, Kekse, Fleisch, Wurst, Käse und und und – das muss das Schlaraffenland sein.“
    Emma drehte sich beifallheischend um, doch ihre Schwestern hatten nur Augen für das viele Essen. In den letzten kühlen Oktobertagen hatten sie hungern müssen, doch heute, nein heute würden sie satt schlafen gehen. Im rasanten Flug stürzten sich die Wespen auf die Tische, was hysterische Schreie und letztendlich eine Massenflucht bei den dort anwesenden Frauen verursachte. Rasch waren alle Leckereien auf den Tischen vor Wespen nicht mehr zu sehen.
    „Was ist das denn?“
    „Das riecht ja nach gar nichts.“
    „Ich kann da nicht reinbeißen, der Kuchen ist total hart.“
    Frust breitete sich aus, gefolgt von Wut.
    „Jetzt habe ich die Faxen dicke, du mistiges Ding.“
    Zack, der Stachel saß. Emma holte erneut aus.
    „Lass dass!“, rief die Wespe neben ihr.
    „Pah, du kannst mich mal“, pampte Emma ihre Freundin Sina an.
    Ein neuer Stich, ein Knall – der Kuchen explodierte und schleuderte alles in Reichweite von dannen. Emma fand sich auf der grünen Wiese wieder; ihre Freundin lag völlig benommen neben ihr, genau wie viele andere der Wespen.
    „Was war das denn?“
    Sina rappelte sich mühsam auf.
    „Du dumme Nuss, das war kein richtiges Essen, das war mit Luft gefüllter Gummi, der das Aussehen von Kuchen und dem anderen Zeug hatte!“
    Emma ließ den Kopf hängen. Was für ein Reinfall. Sie war für alle Zeiten blamiert. Völlig geknickt flog sie den anderen Wespen, die sich wieder erholt hatten, hinterher. Hier gab es nichts für sie zu holen.