Deborah Feldman: Unorthodox

  • Befreiungsschlag


    Diese "autobiografische Erzählung" liest sich über weite Strecken, als würde sie eigentlich am Anfang des vergangenen Jahrhunderts spielen, oder noch früher. Tatsächlich beginnt die Lebensgeschichte der jungen Frau, um die es hier geht, aber im Jahr 1986, also vor gut dreißig Jahren, und dass sich diese Geschichte so altertümlich anfühlt, so unmodern, so konservativ, oder eigentlich, um es auf den Punkt zu bringen, so reaktionär, das liegt daran, dass Deborah Feldman in eine Gemeinde orthodoxer Juden hineingeboren wurde - chassidischer Juden, die sich besonders fromm, traditionell und isolatorisch geben. Es handelt sich um Satmarer Chassiden, einen so genannten Hof, der vom Rabbiner Joel Teitelbaum gegründet worden ist. Deborah Feldmans kleiner Kiez, der Stadtteil Williamsburg in Brooklyn, New York, versammelt die weltweit größte Anhängerschaft Teitelbaums - knapp zehntausend davon nämlich.

    Zur Lehre des ultraorthodoxen Rabbiners und seines Erben Moshe gehört die strikte Ablehnung jedweder Modernisierung und kultureller Annäherung. Satmarer sollen unter sich bleiben, Kontakte mit anderen meiden, vor allem mit Gójim (Nichtjuden), die eigenen Traditionen akribisch pflegen, jederzeit dem Rabbi gehorchen, technisch abgenabelt bleiben und weiterhin daran glauben, dass einzig der Messias das Recht hätte, einen jüdischen Staat zu gründen. Letzteres ist aus Sicht der jungen Deborah eher uninteressant, aber die anderen Aspekte bestimmen ihr Leben ganz gehörig. Ein Leben ohne Körperlichkeit, mit strengen Kleidungs- und Verhaltensregeln, mit vielen absurden und teilweise entwürdigenden Ritualen, mit verkuppelten Ehen und ständiger Unterdrückung der Frauen und jedweder Weiblichkeit. Wenn eine Frau auf der Straße erscheint, müssen chassidische Männer den Gehsteig wechseln, verheiratete Frauen werden rasiert, mit Perücken und originellen Hüten ausgestattet, da höchstens noch der eigene Ehemann ihre Haare anschauen darf.

    Als Deborah mit siebzehn den ihr zugewiesenen Eli geheiratet hat und erstmals Geschlechtsverkehr zum Zweck der Reproduktion - ihre einzige Aufgabe ab sofort - haben soll, muss sie nach einigen sehr quälenden Erlebnissen feststellen (lassen), unter Vaginismus zu leiden, einer unter solchen Frauen nicht seltenen Muskelerkrankung, die damit zu tun hat, dass die Existenz der Geschlechtsorgane vor dem Tag der Eheschließung ein Tabu darstellt, sogar verneint wird. Tatsächlich glaubt die junge Frau auch zu diesem Zeitpunkt noch, "das da unten" selbst nicht zu besitzen.

    Aber sie beginnt schon vergleichsweise früh, ihr Umfeld, das gesellschaftliche Konstrukt und die über allem stehende Frömmigkeit, gar Gott selbst in Frage zu stellen. Sie besorgt sich heimlich englischsprachige Bücher, die den in ihr wachsenden Widerstand nähren, das Gefühl, nicht dazuzugehören, falsch zu sein, mindestens anders. Sie widerspricht stumm den Aussagen der Menschen, die sie umgeben, Menschen, die sie zwar weiterhin liebt, deren Weltanschauung und Lebensweise sie aber mehr und mehr in Zweifel zieht, doch erst mit der Geburt des Sohnes werden die Zweifel stärker als die Angst vor dem Verlust aller Bindungen.


    "Unorthodox" ist ein autobiografischer Sektenaussteiger-Roman, aber er unterscheidet sich in zwei Aspekten stark von seinen Vorbildern. Erstens gibt es bislang wenig Material dieser Art aus der Feder ehemaliger Chassiden, vor allem aber, zweitens, nicht so gutes. Deborah Feldman ist sehr talentiert, schreibt anschaulich, bildreich, einfühlsam und durchaus respektvoll, was vor dem Hintergrund ihrer Erlebnisse eine mehr als bemerkenswerte Leistung darstellt. Sie berichtet auch von den guten Seiten der ultraorthodoxen Gemeinschaft, von der Behaglichkeit und Sicherheit, und wenn sie zu recht darüber empört ist, wie mit großer Energie ungefragt in ihre Intimsphäre eingedrungen, ihre Privatheit zerstört wird, wenn sie davon berichtet, wie Missbrauch wird vertuscht und Täter geschützt werden, dann haftet selbst dieser Schilderung noch ein gewisses Verständnis, ein Mitgefühl an. Trotzdem ist der Befreiungsschlag am Ende ein mächtiger, auf den man als (nicht nur weltlicher) Leser auch hinfiebert, denn die Existenz solcher Gemeinden ist nicht nur ein Anachronismus, sondern eine fundamentale Verneinung aller gesellschaftlichen Werte, die in den letzten Jahrhunderten formuliert wurden. Dass diese Mikrokosmen noch geduldet werden, gleich welcher Religion sie entsprungen sind, ist zwar einerseits verständlich, weil die Religionsfreiheit - und natürlich auch die Freiheit von der Religion - unbedingt verteidigt werden muss, andererseits vor dem Hintergrund dessen, was gerade nachwachsenden Generationen dort angetan wird, kaum hinzunehmen.


    Ein auf leise Art sehr spektakuläres Buch, eine spannende, höchst interessante und sehr lehrreiche Lektüre, die zudem stilistisch brilliert - und großartig übersetzt ist.


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  • Autorin

    Deborah Feldman, geboren am 17.08.1986, ist eine US-amerikanisch-deutsche Autorin.

    In ihrem autobiografischen Debütroman Unorthodox beschreibt sie ihre Kindheit und Jugend in der ultraorthodoxen jüdischen Glaubensgemeinschaft der Satmarer im New Yorker Stadtteil Williamsburg.


    Klappentext

    Am Tag seines Erscheinens führte »Unorthodox« schlagartig die Bestsellerliste der New York Times an und war sofort ausverkauft. Wenige Monate später durchbrach die Auflage die Millionengrenze. In der chassidischen Satmar-Gemeinde in Williamsburg, New York, herrschen die strengsten Regeln einer ultraorthodoxen jüdischen Gruppe weltweit. Deborah Feldman führt uns bis an die Grenzen des Erträglichen, wenn sie von der strikten Unterwerfung unter die strengen Lebensgesetze erzählt, von Ausgrenzung, Armut, von der Unterdrückung der Frau, von ihrer Zwangsehe. Und von der alltäglichen Angst, bei Verbotenem entdeckt und bestraft zu werden. Sie erzählt, wie sie den beispiellosen Mut und die ungeheure Kraft zum Verlassen der Gemeinde findet – um ihrem Sohn ein Leben in Freiheit zu ermöglichen. Noch nie hat eine Autorin ihre Befreiung aus den Fesseln religiöser Extremisten so lebensnah, so ehrlich, so analytisch klug und dabei literarisch so anspruchsvoll erzählt.


    Meine Meinung

    Deborah wächst in einer absolut streng religiösen Gemeinschaft der chassidischen Juden auf, deren Ziel es ist, frommer zu sein als je ein Jude gewesen ist. Wie oft üblich wird gerade das Leben von Frauen und auch der Kinder abseits der Männerwelt (die natürlich auch ihre Regeln hat) in allen Bereichen, selbst den intimsten, streng reglementiert. Der Rebbe ersinnt immer neue Regeln, die der weiteren Unterwerfung der Frauen dienen. Natürlich gibt es keiner Aufklärung - weder für Männer noch für Frauen.

    Er hat auch entschieden, dass keine englischen Bücher gelesen werden dürfen.

    In der Schule lernen Mädchen Segensformeln und bekommen strenge Sittsamkeitsvorträge zu hören.


    Deborah hat bereits als Kind eine starke Persönlichkeit, sie fällt durch ihr oft nicht angemessenes Verhalten auf und wird als Außenseiterin betrachtet, auf die aufgepasst werden muss, auch, weil sie ohne Eltern aufwächst (Mutter hat die Gemeinschaft verlassen, Vater ist unfähig).

    Die Erziehung allgemein ist sehr streng, oft mitleidlos und auch von disziplinierenden Schlägen geprägt und vor allem nicht liebevoll und verständnisvoll.

    Sie liest heimlich englische Bücher, so dass die dann so gut Englisch kann, dass sie als einzige in der Schule sehr gut abschneidet und einen Job als Lehrerin findet. Den Englischunterricht gibt es auch nur, weil er staatlicherseits angeordnet ist.

    Frauen werden verheiratet, so auch Deborah. Ihr Mann erweist sich als schwach und jähzornig, die Ehe funktioniert schlecht.


    Deborah trägt sich schon lange mit dem Gedanken, auszusteigen, was heißt, ihr gesamtes bisheriges Leben hinter sich zu lassen. Ein Ereignis ist dann tatsächlich der auslösende Punkt, dass sie ihren Ausstieg durchzieht. Sie lässt sich scheiden, und ihr gelingt das Unglaubliche, dass sie das Sorgerecht für ihr Kind zugesprochen bekommt (ein Präzedenzfall).


    Fazit

    Das Leben der extrem ultraorthodoxen chassidischen Juden, bei denen Deborah aufwächst, besteht aus strengen Regeln (es ist durchreglementiert), Unmengen an Bräuchen und Verboten (überwiegend für Frauen, die sich strengstens daran halten müssen und nichts freiwillig tun dürfen).

    Immerhin steht es jedem aber frei, diese Gemeinschaft zu verlassen (auch ganz) und woandershin zu ziehen, wenn er will, das Gebiet ist nicht eingezäunt, und die Menschen sind nicht eingesperrt und werden nicht verfolgt. Ich empfinde das Leben der verheirateten Frauen als einförmig und austauschbar.


    Ich finde, es ist es ein unglaublich berührendes, gutes, authentisches Buch. Ich freue mich, dass sie inzwischen angekommen ist (in Berlin), dort Freunde und Angehörige gefunden hat.

    Gerne würde ich dieser Frau mal persönlich begegnen.

    Irrlicht und Hexe (7. Hexenregel: Unterschätze nie die Kraft des Wortes - es hat eine besondere Kraft, es kann befreien, anstoßen und verändern, aber auch verletzen und zerstören)

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  • Das Buch hat mich von der ersten bis zur letzten Seite in den Bann gezogen, vermutlich, weil es in einer Welt spielt, die einerseits durchaus erreichbar ist (ich war schon in Brooklyn), andererseits aber so fremd, dass ich beim Lesen öfter meinte, es mit einem Paralleluniversum zu tun zu haben.

    Im Vergleich sind mir die letzten Kapitel des Buches, in denen Deborah verheiratet ist (von "erwachsen" mag ich bei einer Siebzehnjährigen nicht sprechen), noch deutlich näher gegangen. Während der früheren Kapitel über Kindheit, Schule usw. geht es mehr um das Alltagsleben. Das war fremdartig, hat auch einige Male zu hochgezogenen Augenbrauen geführt, aber gut - andere Sitten eben. Doch je älter Deborah wird, umso mehr hinterfragt sie die Regeln der Gemeinschaft und zweifelt deren Richtigkeit immer öfter an. Naturgemäß nimmt sie auch mehr Dinge aus dem Umfeld auf, die sie als Kind vermutlich nicht mitbekommen hätte. Es bedarf einfach einer gewissen Reife, um schwere Straftaten an Kindern auch als solche wahrzunehmen.

    Und gerade das Hinnehmen und Vertuschen dieser Straftaten unter dem Deckmantel der Religiosität hat mir diese Sekte endgültig unsympathisch gemacht. Leider sind solche Vorkommnisse aber nicht auf Sekten beschränkt, wie der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche nur zu gut gezeigt hat.

    Das Gefühl am Ende des Buches ist positiv, schließlich ist Deborah auf einem guten Weg: Eingeschrieben am College, dank Buchvertrag und kostbarer Hochzeitsgeschenke arm, aber nicht völlig mittellos und gegen alle Wahrscheinlichkeiten des amerikanischen Rechtsystems gelingt es ihr, ihren Sohn mitnehmen zu dürfen.

    Es mag sein, dass Deborah Feldmann nach dem Verlassen der Satmarer nicht physisch verfolgt wurde. Nach allem, was ich dazu im Internet gefunden habe, wurde sie aber nach Erscheinen des Buches sehr wohl in Misskredit gebracht und psychisch sehr viel Druck auf die "Nestbeschmutzerin" ausgeübt.

  • Deborah Feldman nimmt uns in ihrer Biografie mit in die – zumindest für mich – unbekannte Welt der chassidischen Juden. Gemeinsam mit ihr erleben wir ihre Kindheit bei den streng gläubigen Großeltern, ihre verkuppelte Vermählung mit einem ausgesuchten jungen Mann und schließlich ihre Flucht aus dieser – für sie viel zu engen – Umgebung.


    Deborah Feldmans Leben und Erleben ist dabei sehr gut ge- und beschrieben. Trotz der vielen jüdischen Begriffe ist es eine leicht zu lesende Biografie, durch die detaillierte Beschreibung fühlte ich mich von Anfang an mitgenommen in diese fremde Welt. Die Autorin kann auf jeden Fall sehr gut schreiben, auch das macht die Lektüre so besonders und faszinierend.


    Für mich war es ein tolles Leseerlebnis, diese ganz andere Lebensweise aus „Insidersicht“ kennenlernen zu dürfen. Gut gefallen hat mir auch, dass die Autorin trotz der vielen Regeln und Einschränkungen sehr wertschätzend auf die Religion wie auch auf ihre Angehörigen blickt.


    Fazit: Ein sehr gelungenes Buch. Gut geschrieben und in eine fremde Welt entführend! Auf alle Fälle neun Eulenpunkte von mir!

    "Wir brauchen alle immer mal wieder Beschäftigungen, die uns eine Pause von uns selbst gönnen." Tracy Chevalier, Violet, Atlantik Verlag 2020