Hologrammatica - Tom Hillenbrand

  • Warum dieses Buch nicht viel mehr gehypt wurde vor der Veröffentlichung, ist für mich fraglich - mal sehen, ob es ein Bestseller wird, ich könnte es mir vorstellen. Hillenbrand hat mit Hologrammatica meiner Meinung nach eines der spannendsten SciFi-Bücher der letzten Monate geschrieben – warum das so ist, möchte ich im Folgenden erläutern:


    Wir befinden uns im Jahr 2088. Die Technik ist enorm fortgeschritten, Hologramme verschönern alte, marode Innenstädte, lassen Wohnungen schöner wirken und schaffen es auch, Falten, Pickel und schiefe Zähne verschwinden zu lassen – ja sogar, falsche Gesichter wie Masken aufzusetzen – dies muss man dann allerdings kennzeichnen, damit jeder andere weiß, dass es sich um ein Hologramm handelt. Menschen sind desweiterenmittlerweile in der Lage, ihre Gehirne downzuloaden und in andere Körper hochzuladen. Je nach Reichtum ist es somit möglich, so auszusehen, wie man will – ob Mann oder Frau und das alles sogar ohne Kennzeichnung. Einige Einschränkungen haben diese Systeme dennoch und alle Sicherheitslücken sind auch noch nicht geklärt. Computerexpertin Juliette Perotte beschäftigte sich mit eben diesen Systemen, bis sie spurlos verschwand. Der Leser begleitet den Privatermittler Galahad Singh und während er Stück für Stück das Puzzle zusammensetzt, welches sich aus den einzelnen Anhaltspunkten, die er findet ergibt, begibt er sich selbst unbewusst in Gefahr und lernt selbst noch etwas über weiterentwickelte Technologien und die dunklen Seiten der Menschen, die sich bei solchen Technologien geradezu parallel entwickeln.


    Der Leser wird zu Anfang des Buches mit einer Vielzahl an futuristischen Dingen, Begriffen & Konzepten; sowie mit kurz eingeschobenen Informationen über politische und natürliche Ereignisse in der Vergangenheit bombardiert; die erst nach und nach erklärt und in den Gesamtzusammenhang gesetzt werden. So kann es vorkommen, dass erst mehrere 100 Seiten später ein Begriff oder eine Technologie erklärt und deren Ursprung beschrieben wird, mit der der Leser kontinuierlich seit der ersten Seite konfrontiert wird. Dies hat für mich den Lesefluss am Anfang etwas beschwerlich gemacht, denn man muss viele Informationen behalten, bis sie dann erklärt werden.


    Was für mich deswegen anfangs wie eine wahllose Ansammlung an Konzepten & Ideen gewirkt hat, nimmt dann im Laufe der Handlung immer mehr Gestalt an und zeigt, wie perfekt das alles ins Gesamtbild der Gesellschaft der Zukunft passt, die der Autor hier geschaffen hat. Zudem ist es eine interessante Art des Plot-Development, den Leser einfach so zu behandeln, als müsste er von allen Entwicklungen bis zum Jahr 2088 wie selbstverständlich wissen und erst, wenn es für den personalen Erzähler in seinen persönlichen Schlussfolgerungen in einigen Situationen wichtig ist, berichtet dieser wie nebenbei, woher Technologien bzw. gesellschaftliche Veränderungen kommen. Der Plot ist auch deswegen unglaublich geschickt aufgebaut, weil alles – wirklich alles – zunächst unauffällig und wenig bedeutsam erscheint, aber im Gesamtkonzept am Ende große Bedeutung hat –ein genaues, aufmerksames Lesen lohnt sich also im Besonderen.

    Auch der Hauptcharakter, der auf den ersten 60 Seiten eher ungewöhnlich, seltsam und (vermutlich deswegen) leicht unsympathisch wirkt, zeigt im Laufe der Handlung mehr Facetten und auch seine Vergangenheit wird mehr und mehr aufgedeckt, was ihn sympathischer werden lässt. Die sexuellen Anspielungen, die das Buch am Anfang enthält, muss man wohl einfach akzeptieren, zumindest sind sie nicht zu viele und nicht zu sehr detailliert (die Zielgruppe sind hier aber auch sicherlich Erwachsene, von daher ist das so in Ordnung) und letztendlich sind die involvierten Personen auch ziemlich entscheidend für den Plot.


    Die Handlung an sich geht erst langsam voran, besonders durch die oben erwähnten vielen unbekannten Begriffe, nimmt dann aber richtig an Fahrt auf und hält sich konstant auf einem hohen Level und das bis zum Ende. Als Leser kann man selbst die Komplexität des Verschwindens nicht durchschauen und auch Galahad Singh erfährt von ihm noch unbekannten Erfindungen oder Tendenzen von Menschengruppen erst im Verlauf des Buches. Insgesamt ist der gesamte Fall viel komplexer, als ihn der Klappentext oder meine kurze Zusammenfassung oben schildern können – aber deswegen hat das Buch auch über 550 Seiten – und diese werden in idealster Weise genutzt. Einen so gleichbleibend hoher Spannungsbogen habe ich bisher selten in einem Buch erlebt.

    Ich kann dieses Buch jedem Leser empfehlen, für den Zukunftsbücher nicht zwangsweise im Weltall spielen müssen und der sich einlassen möchte auf die komplexe Welt, die Hillenbrand in Hologrammatica schafft. Trotz des schwierigen Einstiegs bleibt die Handlung durchweg spannend, eröffnet moralische Dilemma und spannende Ideen rund um Technologie, wie sie in der Zukunft existieren könnte – oder es eben zumindest im fiktiven Hologrammatica tut.


    Von mir 9 von 10 Punkten!

  • Danke für diese aussagekräftige Buchvorstellung!

    Tom Hillenbrand lese ich total gerne (besonders die Xavier Kieffer Krimis), und habe mir auch eine Leseprobe zu diesem Thriller angeschaut. Und ich war mir nicht sicher, ob ich mit dem SciFi Anteil zurecht kommen würde.

    Aber jetzt werde ich es auf meine Merkliste nehmen.

    Ich kannte den Autor zuvor noch nicht. Also der SciFi Anteil ist insgesamt sehr hoch, aber nicht so abgehoben, dass man es sich nicht vorstellen kann. Es vertieft einfach nur, was wir heute schon haben, bzw. vermuten und ist insgesamt gut vorstellbar.

    Nur am Anfang ist es einfach viel neues, wie gesagt, man kommt aber rein. Würde mich freuen, dann zu hören, wie du es fandest.

    Das klingt, als wäre es anstrengend zu lesen, aber auch sehr interessant. Solche Visionen einer nahen Zukunft finde ich total spannend.

    Von Tom Hillenbrand kenne ich schon "Drohnenland", das ist auch so eine Zukunftsvision, hat mir super gefallen. Deswegen werde ich das hier auch mal auf meinen Zettel packen.

    Von "Drohnenland" hab ich jetzt auch mehrmals gehört, muss ich mal schauen, ob ich das irgendwoher bekomme - ich setze es mal auf meine Merkliste.

    So anstrengend ist das Buch gar nicht zu lesen. Ab Seite 60 war ich wirklich komplett gefangen und hätte am Liebsten komplett durchgelesen - doch das Bett hat gerufen.

  • Danke für die Rezi. Das klingt ja gut. Das Buch SuBt auch noch bei mir und ist als übernächstes an der Reihe. Von Tom Hillenbrand habe ich schon mal den Kieffer-Krimi "Gefährliche Empfehlungen" gelesen. Der konnte mich überhaupt nicht überzeugen. Aber weil dieses Buch ganz anders ist, möchte ich dem Autor nochmal eine Chance geben.

  • Wir schreiben das Jahr 2088: Der Londoner Quästor Galahad Singh bekommt den Auftrag nach der verschwundenen Progammiererin Juliette Perotte zu suchen.


    Tom Hillenbrand entwirft in Hologrammatica die Vision einer Welt, in der Risse und Flecken an Fassaden, Pickel und rote Nasen einfach mit darübergelegten Hologrammen kaschiert werden. Das Holonet ist der tägliche Begleiter der Menschen. Es ist möglich, seinen Verstand in andere Körper hochzuladen und so nahezu spurlos zu verschwinden.


    Singh hat als Quästor also keine leichte Aufgabe. Die Gegebenheiten in dieser Holo-Zukunft machen aus dem Thriller weit mehr als einen gewöhnlichen Vermisstenfall. Es ergeben sich einige überraschende Wendungen und es kommt zu spannenden Szenen.


    Nach den ersten Seiten konnte ich problemlos in die Geschichte und die Welt in 2088 eintauchen. Tom Hillenbrand ist es gelungen, eine gut verständliche und stellenweise amüsante Zukunftsvision zu entwerfen. Zwischendurch stimmt das Buch aber auch nachdenklich, zum Beispiel wenn es um das Hochladen in andere Körper oder um die Gefahren künstlicher Intelligenz geht. Am Ende des Buches gibt es ein Holonet-Lexikon, um die Bedeutung von Schlüsselbegriffen nachzuschlagen.


    Fazit:


    Ein gelungener Zukunftsthriller mit amüsanten und nachdenklichen Elementen, neun Eulenpunkte.

  • Wow – im wahrsten Sinne des Wortes ein „abgedrehtes“ Buch (und damit meine ich nicht das Cover). J;)Sondern der spannende Zukunftsthriller, den uns Tom Hillenbrand hier mit einer nachdenklich machenden Vision präsentiert.


    Auf den ersten Blick ist die Welt am Ende dieses Jahrtausends eine ganz andere geworden. Nur noch der schöne Schein zählt – über Möbel, Menschen und ganze Gebäude wird das perfekte Hologramm gelegt und alles ist zumindest auf den ersten Blick perfekt. Doch natürlich trügt diese Scheinwelt, denn die Menschen ändern sich nicht. Ich habe mich sehr schnell in diese „neuen“ Welt eingefunden, auch wenn anfangs viele ungewohnte Wörter den Lesefluss unterbrachen. Doch etliche werden erklärt und der Rest erschließt sich aus dem Kontext. Mir gefällt an den Hillenbrand-Büchern, dass die Zukunft zwar utopisch, aber durchaus denkbar geschildert wird. Außerdem macht die technische Entwicklung in manchen Gebieten zwar enorme Fortschritte, trotzdem bleibt es aber „realistisch“.


    Ohne große Vorrede beginnt die Haupthandlung des Buches. Der Quäker Galahad Singh wird beauftragt, nach der verschwundenen Computerexpertin Juliette Perotte zu suchen. Galahad ist eine sympathische Hauptperson. Kein „Hohlkopf“, sondern mit den Werten und Normen einer vergangenen Zeit ausgestattet sucht er mit analogen Methoden und nicht digital nach seinen Klienten. Auf seiner Suche lernen wir mit ihm die Möglichkeiten zunehmender Digitalisierung kennen: das Leben in Hologrammatica, den Gehirntransfer in ein „Gefäß“ und die Gefährlichkeit der KI. Mindestens genauso spannend wie die Suche nach der verschwundenen Programmiererin sind dabei die (technischen) Hintergründe.


    Das Buch wirft Fragen auf, denen wir uns als Menschen irgendwann stellen müssen. Was kann und darf künstliche Intelligenz? Wollen wir uns jederzeit so verändern könne, dass uns keiner mehr erkennt? Wie lösen wir das Klimaproblem? … Besonders faszinierend (wenn auch nicht nachahmenswert) fand ich die Idee, den Körper beliebig wechseln zu können. Ob Mann oder Frau, ob alt oder jung – all das ist dann (zumindest zunächst) nicht mehr bedeutsam. Deshalb hat es mir gerade Fran angetan, denn „es“ verkörpert sehr gut diesen „neuen“ Menschentypus.


    Es ist durchaus ein Buch, bei dem man mitdenken und dabeibleiben muss. Gerade gegen Ende stellte es meine Vorstellungsmöglichkeiten vor eine echte Herausforderung. Aber das macht nichts – die Kombination spannende Geschichte und Zukunftstechnik habe ich gerne gelesen und dafür auch gerne meine grauen Zellen angestrengt.


    Beim Cover bin ich echt hin- und hergerissen. Es ist – da sehr ungewöhnlich – ein echter Hingucker und passt wie die Faust aufs Auge zum Buch. Aber längere Zeit konnte ich es nicht anschauen, ohne dass mir schwindelig wird. Etwas unpraktisch beim Lesen. ;-)


    Fazit: Ein tolles, wenn auch etwas abgefahrenes Buch, zumindest zum Schluss. Aber für Leute, die gerne mal was „anderes“ lesen, perfekt! Deshalb 9 Punkte von mir.

    „Aber das macht unser Leben aus, nicht wahr? Dass wir durch Begegnungen zu dem werden, was wir schlussendlich sind.“ Michael Düblin, Der kalte Saphir, Seite 263

  • In Tom Hillenbrands "Hologrammatica" geht es um den Londoner Vermisstensucher Galahad Singh, der Ende des 21. Jahrhunderts versucht, eine verschwundene Computerexpertin wiederzufinden. Die Welt zu der Zeit hat sich allerdings sehr verändert: Der Klimawandel hat eine Völkerwanderung ausgelöst (viele Länder in Europa sind nur noch spärlich bewohnt, Sibirien ist inzwischen das angesagte Trend-Land), neuartige Techniken wie Holonet und Mind Uploading (digitale Gehirne, mithilfe derer man sich in andere Körper hochladen kann) ermöglichen es, die eigene Identität wie ein paar Schuhe zu wechseln. Sämtliche der Zukunftstechniken sind gut durchdacht, vieles davon sogar logische Folgen von Sachen, die wir heutzutage kennen.

    Die Geschichte in bester "Blade Runner" - Manier ist angenehm vielschichtig, kompakt und abwechslungsreich. Eine Sci-Fi-Story mit Elementen der Hardboiled-Krimis der 1940er Jahre. Bis zum Ende hin weiß man nie, was einen gleich als nächstes erwartet. Es geht auf verschiedene Kontinente und Bevölkerungsschichten, es geht um Verbrechen, Sex und Cyber-Kriminalität. Innerhalb der gerademal 560 Seiten erschafft der Autor quasi ein ganz eigenes lebendiges Universum. Hier muss ich nicht ganz ohne Neid zugeben, dass Tom Hillenbrand den SF-Roman geschrieben hat, den ich immer schreiben wollte. Ich bin tief beeindruckt.


    Für alle „Hologrammatica“-Fans, die nicht genug vom Roman bekommen, hat der Autor auch noch die Kurzgeschichte (bzw. Road Novella) „Crasher“ verfasst. Darin geht es um einen den PS-Verliebten Coupe, der von illegalen Rennen mit noch manuell gesteuerten Auto erfährt und unbedingt daran teilnehmen möchte.

  • Für alle „Hologrammatica“-Fans, die nicht genug vom Roman bekommen, hat der Autor auch noch die Kurzgeschichte (bzw. Road Novella) „Crasher“ verfasst. Darin geht es um einen den PS-Verliebten Coupe, der von illegalen Rennen mit noch manuell gesteuerten Auto erfährt und unbedingt daran teilnehmen möchte.

    Danke für diesen tollen Tipp!!! :wave Die würde ich gerne lesen, nachdem mir dieses ganze Umfeld so gut gefallen hat. Weißt du, wo man sie herbekommt?

    „Aber das macht unser Leben aus, nicht wahr? Dass wir durch Begegnungen zu dem werden, was wir schlussendlich sind.“ Michael Düblin, Der kalte Saphir, Seite 263