Anna Basener: Schund und Sühne

  • Mindestens furios, zuweilen genial


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    Seit ziemlich genau hundert Jahren gibt es hierzulande offiziell keinen Adel und damit auch keine Adelstitel mehr, aber immerhin dürfen einige Bezeichnungen wie „Prinzessin“ oder „Graf“ weiterhin als Namensbestandteile getragen werden. Dass die betroffenen Leute, die Von und Zus, dennoch so tun, als wäre alles mehr oder weniger wie früher, bevor durch die Weimarer Verfassung die Stände abgeschafft, Titel zu simplen Namen und Herrscherbezeichnungen wie „Fürst“ oder „König“ komplett beseitigt wurden, ist eine andere Geschichte. Die von Anna Basener in diesem, ihrem zweiten Roman, so ein ganz kleines bisschen erzählt wird. Aber nicht nur diese.


    Kat ist 36, umfassend ungebunden und hauptberufliche Heftromanautorin - im Rahmen ihrer Tätigkeit haut sie pro Woche einen Fürstenroman raus. Deshalb ist sie tendentiell verwundert darüber, als ihr das Literaturstipendium zugesprochen wird, für das sie sich eher aus Ulk beworben hatte. Doch der Hauptstipendiat ist ausgefallen, und also darf Kat ins Kavaliershaus von Schloss Rosenbrunn einziehen, um dort für ein paar Monate bei freier Kost und Logis an romantischen Geschichten zu arbeiten, die frei von weltlichen Konflikten, Politik, neumodischem Multikultigedöns, hüftnahem Körperflüssigkeitenaustausch und so genannten einfachen Menschen sind.


    Wie auch das Haus von Schell zu Ohlen, wie die ehemals adelige, gastgebende Familie heißt, bestehend aus der Oberhäuptin Follie, die nach wie vor als Fürstin bezeichnet wird, ihrer Schwester Gratzie, dem Hausherrn Ferdi und den erwachsenen Kindern Josephina, genannt Seph, und Valerius, genannt Valu. Auf denen die Hoffnungen vor allem des Clanchefs liegen, denn ohne Namenserben stirbt das Geschlecht und endet die Linie im „GHdA“, dem Genealogischen Handbuch des Adels. Aber die Zeichen für Nachwuchs stehen - aus sehr bürgerlichen Gründen - eher schlecht, was eigentlich das Ende bedeuten würde.

    Doch da ist auch noch Moritz, der schneidige Biologie, der die „Prinzessin Josephina“ gezüchtet hat, eine nach Seph benannte, pastellig-orangefarbene Edelrose. Moritz gefällt es nicht mehr, für einen industriellen Samenhändler zu arbeiten, der Nachhaltigkeit für ein albernes Modewort und Ökologie für eine asiatische Regierungsform hält. Und weil der Prinzessin seine Geschäftsidee gefällt, wird auch Moritz zum vorübergehenden Bewohner des Schlosses.


    Es wäre so einfach, diese Leute zu karikieren, die am Wochenende in ihre Jagdklamotten steigen, um Zwölfender abzuknallen, die keine Gardinen an den Schlossfenstern haben, weil die Fürsten nichts verbergen müssen, und die zu Ballkleidern millionenschweres Geschmeide tragen, während die familieneigenen Traditionsbetriebe der Zukunft hinterherhumpeln. Anna Basener skizziert diesen eigenartigen Mikrokosmos mit amüsiertem Respekt - man merkt deutlich, wie intensive Zuneigung auf den nicht weniger starken Wunsch prallt, dass auch diese Leute endlich im 21. Jahrhundert ankommen mögen.


    „Schund und Sühne“ stellt sich jedem Klischee, bricht oder erfüllt Erwartungen nach Lust und Laune, aber nie auf Kosten der Figuren, bietet hinreißende Dialoge und kluge Bonmots - und unterm Strich einfach beste Unterhaltung, die sich in keiner Genreschublade unterbringen lässt. Es ist anzunehmen, dass sich Anna Basener mit diesem Buch einen während der eigenen Arbeit als Fürstenromanautorin gewachsenen Wunsch erfüllt hat, zum großen Glück der Leser. Herausgekommen ist ein flottes, schlaues, lustiges, originelles und nur am Ende ein ganz klitzekleines bisschen ins Peinliche abdriftendes Buch, als die Autorin ein, zwei Schichten zu dick aufträgt und die Zügel nicht nur locker lässt, sondern einfach wegschmeißt. Bis dorthin ist „Schund und Sühne“ mindestens furios, und zuweilen genial.


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