Beiträge von Idgie

    Breumel logische Fehler im Plot würden mich stören, aber ungelöste Fragen, die der Roman selbst gar nicht thematisiert, stören mich nicht. Es geht für mich nicht darum, was Tabea in den 10 Jahren gemacht hat, bis sie Alexander wieder trifft und warum. Die beiden haben sich wiedergefunden und entschieden, ihr Leben miteinander zu verbringen. Die Botschaft, dass die beiden sich lieben und miteinander glücklich sind, reicht mir als Info. Hauptthema ist ja nicht die lückenlose Lebensgeschichte der beiden, sondern Alexander Bengst bevorstehender 60. Geburtstag, der ihn etwas aus der Bahn seines ziemlich beschaulichen Lebens zu werfen droht. Die Bomben, die da nebenbei zu platzen drohen, sind mir auch nicht zu weit hergeholt. Sie sorgen für Spannung und haben mich neugierig gemacht, was da passiert und vor allem, wie Bengt damit umgeht. Seine Beichte bei seiner Verlegerin macht ihn für mich sympathisch, grade, weil er selbst Skrupel hat, an der Verfilmung der geklauten Idee zu verdienen, die vielleicht nicht mal so sehr viel mit der Ursprungsfassung gemein hat. Er hat eine Antenne für richtiges und falsches Verhalten und trennt das vom juristisch zulässigen Handeln.

    Ich war kurz auf einer falschen Fährte und hatte Ayksen Brahoon als Fahrer des Unfallwagens in Verdacht, der dann seine Tournee in Asien als Alibi braucht. Allerdings wäre das im Nachhinein sehr unlogisch gewesen, weil er die Tournee vor dem Unfall erwähnt hat. Ich brauche wiederum nicht die Antwort auf die Frage, warum Tabeas Eltern Rafael nicht adoptiert haben. Mir reicht, für die Entwicklung der Figuren von Tabea und Alexander, dass und wie sie Rafaels Forderungen akzeptieren. Ob Rafael das wusste oder nicht, ist für Alexander Bengts Leben und Gefühle und damit für die Story nicht wichtig und muss für mich nicht zwingend aufgeklärt werden. Für mich rundet es die Beschreibung von Tabeas und Alexanders Charakter ab. Die beiden brauchen einander, keine juristisch einwandfreie Klärung oder irgendeine Form von Genugtuung. Und am Ende erkennen sie wohl beide, wie wichtig das Leben in der Gegenwart ist. Das Aneurysma scheint für mich eine Richtschnur für die Konzentration auf die Wertschätzung jeden einzelnen Tages zu sein, statt auf den bangen Blick auf einen 60. Geburtstag und das vermeintlich nahe Lebensende.

    Ich hab die Abschnitte etwas durcheinander gebracht aber das macht ja nichts. Teil 4 des Buches beantwortet einige Fragen, aber nicht alle. Das macht aber nichts, denn hier passiert für meinen Geschmack genug. Da dürfen ein paar Fragen offen bleiben, z. B. wie viele Solarien es in Berlin geben muss, denn auffallend viele Akteure scheinen die Bodytoaster sehr intensiv zu nutzen.
    Was für eine Geburtstagsparty! Man wünscht sich, dabei zu sein. Die Wolken am Horizont lösen sich auf, es gibt sogar ein neues vielversprechendes Buchprojekt, vermutlich neue Songtexte mit Brahoon und als ob das nicht genug wäre, erfüllt sich Alexanders Jugendtraum. Aber bevor der Leser eine quietsch-rotgoldene Sonne über Kleinmachnow untergehen sieht, verlässt Gürsel die Bühne. So was muss wohl sein, damit die Leser keinen Happy-End-Zuckerschock erleiden. Am Ende wird also vieles wieder richtig gut und wie Tabea und Alexander das Rafael-Problem gelöst haben, finde ich richtig gut. Weil sie es gemacht haben, obwohl sie nicht mussten.


    Ich hab das Buch gelesen, weil ich neugierig war, wie der Protagonist diesen runden Geburtstag samt mulmiger Endzeitstimmung in den Griff kriegt. Als ich 30, 40, 50 wurde, hat das so gar nichts mit mir angestellt, aber diese 60 ist schon ein bisschen anders gewesen. Ich bin ja an diesem Tag, wie an jedem anderen Tag davor auch nur einen Tag älter geworden, aber trotzdem ist das was anderes. Vielleicht weil diese Zahl den Beginn einer ganzen Lebensphase und blöderweise der letzten einläutet und nicht einfach nur ein neues Lebensjahr. Es hat mich nicht so runtergerissen wie Alexander, aber einige Wochen beschäftigt. Kurz nach dem Geburtstag war der Spuk dann wieder vorbei.
    Meinen Kindern hab ich schon vor 20 Jahren erklärt, dass sie sich keine vorschnellen Hoffnungen auf's Erbe machen sollten, weil ich plane 96 zu werden. Sie haben gelacht und mein Jüngster hat nachgefragt, was ich denn mache, wenn ich 96 bin und immer noch lebe. Meine spontane Antwort war: "Neue Pläne." the idea is to die young as late as possible. :)

    Na ja, der Prolog deutet schon auf die erste Katastrophe hin. Die Lügenrezensionen und die abgekupferte Romanidee lassen zumindest ahnen, dass das auch entgleisen könnte. Lediglich die unsägliche Erbschaftssache war nicht so ganz vorhersehbar. Ein bisschen schon, wenn man aufmerksam gelesen hat, dass Tabea das Haus allein geerbt hat, weil der Bruder verschollen war. Verschollen ist aber nicht tot und damit raus aus dem Erbe. Wer nur vorübergehend weg ist, kann durchaus unter bestimmten Bedingungen trotzdem erben und dann hilft es auch nichts, wenn Jahre vorher alles anders verteilt wurde.

    In diesem Abschnitt realisiere ich, dass ich die Gegend, in der das Katapult lag, kenne. Der Mini-Idgie hat 2 Jahre in der Apostel-Paulus-Straße gewohnt, in den letzten zwei Jahren seines Studiums. Inzwischen lebt er in München, vermisst das Bayrische Viertel aber immer noch, weshalb er auch die Wohnung in Schöneberg noch nicht aufgegeben, sondern untervermietet hat.
    Dass Alexander da seinen alten Arbeitgeber Big G wieder findet, hilft ihm vermutlich, nicht total durchzudrehen. Das ist auch alles ein bisschen zu viel auf einmal. Auf so enormen Stress reagiert der Körper scheinbar immer noch ziemlich steinzeitlich, totstellen oder wegrennen. Alexander läuft weg, denkt erst mal nicht an seine Kinder, die ja auch Trost und Hilfe brauchen. Verübeln würde ich ihm das nicht allzusehr. Er ist ja keine Maschine, sondern ein Mensch, dem man aktuell ein paar Päckchen zuviel aufgeladen hat. Möglicherweise resetet er sich nach diesem Absturz ja wieder.

    Was gilt als richtig und falsch? Trump und seine Anhänger halten diesen Kerl für unfehlbar also so was wie den Papst. Viele andere beurteilen sein Verhalten nach anderen Maßstäben und können genau wie ich die Worte Trump und richtiges Verhalten absolut nicht in einen sinnvollen Zusammenhang setzen.

    Mein moralischer Kompass schlägt da nicht aus.

    Meiner durchaus. Alex wäre von allein nie auf diesen Plot gekommen und die Ähnlichkeit zum beschriebenen Original würde ich als deutlich bezeichnen. Dass der Autor tot ist und sein Roman nie veröffentlicht wurde, wäre nebensächlich. Klar, er hat nichts verbotenes getan, aber etwas moralisch sehr sehr fragwürdiges. In meinen Augen.

    Sicher!

    Ich meine das hier im Gegensatz zu den Möglichkeiten, die sie gehabt hätte, wenn ihr Probleme anderer wichtig wären - von Ärztin bis Politik (was Du eben alles aufgezählt hast).

    Warum sollten ihr die Probleme anderer wichtiger sein, als ihr eigenes Lebensglück? Siehst du sowas wie eine Verpflichtung aus ihrer Hochbegabung das Bildungsmaximum rauszuholen oder mindestens gesellschaftlich hochbewertete Berufe auszuüben?

    Ein Studium, und dann beispielsweise Ärztin oder Wissenschaftlerin werden. In die Forschung gehen. Oder mit ihrem Background in die Politik. Oder in einer Organisation wie Amnesty International arbeiten, für Menschenrechte, oder eine Umweltorganisation, oder eine humanitäre Organisation.

    Natürlich ist das nicht "wertvoller" als eine Kinderdorfmutter oder eine Altenpflegerin. Aber sie hatte Chancen und Möglichkeiten, die viele andere nicht haben, und ich frage mich was sie daraus gemacht hat.

    Ich scheine nicht richtig in Worte fassen zu können, worum es mir geht. Ich nehme an, sie hat das draus gemacht, dass für sie am besten gepasst hat. Im Roman wird ja erwähnt dass sie zwei Studiengänge abgeschlossen hat und auch in diesem Berufen gearbeitet hat, aber mit dieser Wahl nicht glücklich war.

    Für eine hochbegabte Diplomatentochter ist ein Yogastudio dann auch nicht wirklich eine erfolgreiche Karriere ...

    Genau das meinte ich in meinem vorherigen Beitrag mit der Einsortierung von Erfolg und gesellschaftlicher Stellung. Verkrachte Existenz war vielleicht ein bisschen hart ausgedrückt, aber wir bewerten und beurteilen danach, was ein Mensch im Leben erreicht hat, an eher finanziellem und beruflichem Erfolg und nicht so sehr nach privatem Glück und Zufriedenheit. Das zeigt sich ja auch im Roman an den Stellen, an denen beschrieben wird, dass Hochschulabsolventen bestimmter Studiengänge ihren Lebensunterhalt als Taxifahrer oder mit Aushilfsjobs bestreiten. Da schwingt immer ein wenig abfällig die Feststellung zumindest vergeudeter Fähigkeiten oder eben gescheiterter Lebensplanung mit. Ob die so beurteilten Personen für sich selbst ihr Leben aber als erfüllt betrachten, weil sie glücklich und zufrieden und großteils mit sich im Reinen sind, ist scheinbar egal. Ich vermute mal, dass so ein Denken geprägt ist durch Erziehung und ganz speziell die Generation der Kriegskinder und -enkel scheint dafür sehr empfänglich zu sein. Meine Eltern sind beide noch vor dem 2. Weltkrieg geboren und mein Vater kannte noch sehr deutlich die Entbehrungen und die sehr schwierigen Startbedingungen nach Flucht und Vertreibung. Da fiel auch in meiner Kindheit sehr häufig der Satz, dass die Kinder es mal besser haben sollten, vor allem wirtschaftlich und beruflich. Was Erfolg bedeutet, wurde an diesen Maßstäben gemessen und natürlich macht das was mit den Menschen.


    Ganz im Gegensatz zu dieser stereotypen Einordnung scheint die Generation der 2000er zumindest zum Teil ihr Leben zu planen und wird dafür von vielen Älteren als faul, absolut unbelastbar und im schlimmeren Fall als Sozialschmarotzer abgekanzelt, weil sie andere Wertmaßstäbe für das eigene Leben setzen. Jedenfalls nicht an vorderster Front die 40-Stundenwoche, mit Haus im Grünen, mehr Kohle als nötig, mindestens ein- oder mehrmals im Jahr Luxusurlaub und teuren Hobbys.


    Meinen Kindern habe ich versucht, mitzugeben, dass das Wichtigste im Leben sein sollte, dass man glücklich und zufrieden ist, mit dem was man tut, auch beruflich. Man sollte möglichst keine Existenzsorgen haben weil das dann mit Glück und Zufriedenheit kollidieren könnte. Und es ist wichtig für sich selbst festzulegen, was man im Leben erreichen möchte und das möglichst nach eigenen Maßstäben und nicht fremdbestimmt.

    So, wie ich das bei den Romanfiguren bisher verstanden habe, haben die das auch unabhängig von fremden Ansichten hinbekommen - zumindest bis zu diesem Teil des Romans.

    Hmm, ich merke beim Lesen der Kommentare, dass Alexander doch für einige eher als verkrachte Existenz rüberkommt. Was macht denn einen Menschen aus? Berufliche Erfolg, gehobener Lebensstil und passendes Umfeld? Oder doch eher Zufriedenheit und familiäres Glück? Bis auf das zugegebenermaßen manchmal ein wenig zu pessimistisches Jammern über sein Alter scheint er eher wenig damit zu hadern, dass er keine Mordskarriere hingelegt hat. Sein Glück mit Tabea an seiner Seite (und umgekehrt offensichtlich auch) ist ihm jedenfalls sehr bewusst und wichtig und die beschriebenen Familienrituale lassen drauf schließen, dass da jemand beschrieben wird, der wenig vermisst.

    Auf Seite 273 stelle ich mir erstmals die Frage, ob Ayksen Brahoon wirklich in Asien auf Tour und deshalb nicht erreichbar ist.


    Dass diese schreckliche Zugfahrt nach München und sämtliche Begleitumstände wie ein Armageddon über Alexander Bengt hereinbrechen, hat er bei all seinen verzeihlichen Fehlern nicht verdient. Auf der Rückfahrt hätte ich ihm einen TGV mit der aktuellen Höchstgeschwindigkeit gewünscht. Und trotz allem musste ich etwas grinsen, wie er den Typ am Telefon abserviert hat. Das möchte ich mir merken, so für alle Fälle.

    Mich bewegt in diesem Abschnitt die Geschichte um den K-K-Man und sein reales Vorbild. Das Internet hat so üble fiese Seiten, dass man es eigentlich verbieten müsste. Das Vorbild der Figur im realen Leben ist fast so bizarr, wie das jahrelange Verhalten seiner Hater. Wenn da schon die Erziehung im Elternhaus komplett versagt und solche Abgründe menschlichen Verhaltens zeigt, wünscht man sich einen wirksamen Straftatbestand, der einsetzt, bevor das so eskaliert. Mal sehen, wie es mit K-K-Man weitergeht.