Beiträge von harimau

    Bella Ciao ist ein Roman, und die Hauptfiguren sind frei erfunden. Geschöpfe aus Papier, die vom Sturm der italienischen Geschichte zwischen dem Anfang des 20.Jahrhunderts und dem Zweiten Weltkrieg gebeutelt wurden. Hinter Phantasie und Fiktion steht ein halbes Jahrhundert, das den harten und drängenden Schritt eines Epos hat.


    Mit diesen Worten beginnt Raffaella Romagnolo ihr Nachwort zu Bella Ciao, und in diesen Sätzen werden ungewollt zwei grundlegende Schwächen des Romans angesprochen.


    Zum einen gelingt es der Autorin nur selten, den Figuren Leben einzuhauchen, ihnen die nötige Schwere, die Substanz zu verleihen, um aus dem Stadium von Papiergestalten hinauszuwachsen und echtes Interesse zu erwecken. Vor allem die mutmaßlich wichtigste Protagonistin Giulia bleibt, von einer gelungenen Beschreibung ihrer furchtbaren Kindheit abgesehen, blass bis gesichtslos. Der größere Teil ihres Lebens ist so langweilig und von unglaubwürdigen Glücksfällen gelenkt, dass man ihm eigentlich nicht folgen mag. Selbst die Konklusion, auf die der Roman mit offensichtlicher Unvermeidbarkeit zusteuert, ist banal und nur deshalb nicht enttäuschend, weil man als Leser eigentlich nicht mehr erwartet. Die zweite, sich durch die Geschichte ziehende Hauptfigur Anita ist etwas vielschichtiger angelegt, handelt aber an manchen Stellen einfach zu inkonsequent und sprunghaft, um charakterlich glaubhaft zu bleiben. Gute Ansätze gab es bei diversen Nebenfiguren, die aber jedesmal in dem Moment, da sie Tiefe entwickelten, dahinschieden, als ob die Autorin sich davor gefürchtet hätte, sie weiter auszubauen und ihnen den Platz einzuräumen, den sie stattdessen an diverse weitere, oft unnötige Nebendarsteller verschwendet.


    Der zweite Kritikpunkt lauert im oben genannten Hinweis auf ein Epos. Überwältigt von der Fülle und der Dramatik des thematischen Angebotes, versucht die Autorin sich daran, den großen italienischen Roman des 20.Jahrhunderts zu schreiben, statt sich zugunsten einer bescheideneren, aber umsetzbaren Themenauswahl in der Breite zu beschränken. Frau Romagnolo versucht zuviel auf einmal zu bewältigen - und verhebt sich gehörig daran. Den inhaltlichen Ansätzen ergeht es ähnlich wie den Figuren, denn sobald sie sich wirklich spannend entwickeln, wie beispielsweise die Streiks der Spinner, der erste Weltkrieg oder der drohende Faschismus, lässt die Geschichte sie angerissen zurück und eilt gnadenlos weiter. Das ist, angesichts der zweifelsohne vergeben Chancen, für mich als Leser schon recht frustrierend.


    Was für den Roman spricht und mich neben dem schmalen Trost, dass das riesige Potenzial der Geschichte wenigstens gelegentlich umgesetzt wurde, bei der Stange gehalten hat, ist die wirkich sehr schöne Sprache. Selbst Passagen, die mich inhaltlich nicht zufrieden stellten, wirkten oft trotzdem einen Zauber, was vielen, auch besseren Büchern, so nicht immer gelingt. Immerhin. Ich denke, ich würde der Autorin eine weitere Chance geben.


    Vielen Dank an Wolke und den Diogenes Verlag, dass ich das Buch zur Verfügung gestellt bekam und lesen durfte. :)

    Im Original heißt es übrigens "Destino" (Schicksal). Ich denke schon, dass der Titel gewählt wurde, auch aufgrund des letztjährigen Sommerhits im deutschsprachigen Raum. Das weckt halt Assoziationen u. ä.

    Wenn das so ist, hast du vermutlich recht. Beschämend ist das. :(

    Dann kann man von allein also nicht drauf kommen?

    In Deutschland nicht unbedingt, aber in Italien gehört das Lied zum allgemeinen Kulturgut, das jedes Kind kennt. Ich glaube nicht, dass die unsägliche Dumpfversion des letzten Sommers den Buchtitel mitgeprägt hat. Hoffe ich zumindest. ;)

    Ich habe es als Perspektivwechsel gesehen: Giulia passt nicht mehr zu diesen einfachen Leuten; mit ihrer Kleidung fällt sie deutlich aus der dörflichen Gesellschaft und wird als Fremde betrachtet.

    Ich weiß nicht. Wäre es dann nicht passender gewesen, sie gleich mit ihrer Rückkehr als "die Amerikanerin" zu bezeichnen? Danach nähert sie sich doch eher wieder an, explizit geschehen auf dem Fest. :gruebel

    Ich finde auch nicht, dass Anita zerbricht, nicht endgültig, denn sie steht wieder auf, soweit es ihr möglich ist.

    Sie steht wieder auf, als es der Autorin opportun erscheint, behaupte ich mal ganz ketzerisch. ;) Zuvor wird sie beschrieben, als hätte sie sich aus dem Leben verabschiedet.

    Ich habe das Buch nicht mehr hier, aber ich glaube, dass ich da wohl nicht aufmerksam gelesen habe.

    War das echt :unverstandenein junger Mann?

    Ich muss das Alter wohl überlesen haben. Ich weiß sogar noch, dass ich in der Straßenbahn saß, als es zur ersten "Annäherung" kam, also war ich wohl abgelenkt.

    Für mich war er älter, jünger als Giulia wohl, aber auf keinen Fall ein Jüngling. Tja...

    Auf Seite 286 fragt Giulia sich, wie alt er wohl sein mag. Fünfunddreißig? Vierzig? Er war also schon deutlich jünger, aber in der Tat kein Jüngling.

    Auch Adelaide empfinde ich bisher nicht unbedingt als stark. Sie erlebt ihre "Abenteuer" innerhalb der ihr gesteckten Grenzen. Okay, der Ausflug zur der Demo war schon mutig oder naiv oder unüberlegt, je nachdem, wie man es sieht. Aber sie hat es als Privilegierte ja auch leicht, sich freier zu bewegen. Ich denke nicht, dass sie mit Nico durchgebrannt wäre oder diese Beziehung durchgekämpft hätte.

    Ja, ich weiß, wäre, wäre, Fahrradkette. :grin

    Ich bezog mich vor allem auf die Adelaide des letzten Abschnitts. Das konntest / solltest du aber noch gar nicht wissen. :schaem