Beiträge von Regenfisch

    Ich muss gestehen, ich lese lieber über Walser als Texte von Walser.

    Ich durfte ihn bei einer Lesung erleben. Ein sehr charismatischer Mann, der so spricht, wie er schreibt. Das hat mich sehr beeindruckt. Auf jeden Fall ein großer Schriftsteller.


    Vielen Dank, Herr Palomar, für die Information. :wave

    Ich denke auch, dass Giulia gar nicht wirklich zurück wollte, ihr Sohn denkt wahrscheinlich ihr mit dieser Reise einen Gefallen zu tun, aber ob das stimmt bezweifle ich noch.

    Den Blick zurück hat sie jahrelang getreu ihrem Motto " immer vorwärts" vermieden.

    Auf mich wirkt es so, als habe sie sich schon relativ leicht überreden lassen. Wahrscheinlich hätte sie ohne Michaels Aufforderung diese nie gemacht, aber ich empfinde schon, dass sie diese Reise für sich noch einmal tun musste. Mal sehen, so ganz lässt sie sich ja nicht in die Karten gucken.

    Auch in Pietros Berichten liegt viel Nüchternheit. Man spürt die Kälte, den Schlamm. Trotzdem kommt mir das leider nicht so nahe, wie ich es erwartet habe. Ich bin ja eigentlich nicht so die Gefühlsduselige, aber hier wäre für mich etwas mehr gut gewesen.

    Das erging mir anders. Mich hat das Buch in diesem Kapitel das erste Mal emotional gepackt. Von Pietro haben wir bisher ja noch nicht viel erfahren. Aus der Sicht seiner Vorgesetzten ist er ein guter Soldat, tut, was er tun muss. Auf der anderen Seite ist er einfühlsam, ich empfinde ihn als sehr sensibel.

    Mir war das Gefühl genug.

    Was verspricht Giulias sich davon, ihre Vergangenheit zu suchen? Muss man etwas, was so schmerzlich für einen war, wieder aufleben lassen, Aufarbeitung hin oder her? Es ist so lange vorbei, also was soll es bringen...

    Sie geht zurück zu ihren Wurzeln. Ich finde es verständlich, dass sie wissen möchte, was aus ihren Freunden geworden ist, wie ihre Mutter verstorben ist. Ich denke, nur so kann sie wirklich abschließen.

    Vielleicht hofft sie ja auch, eine Bestätigung zu finden, dass ihre Flucht nach Amerika die richtige Entscheidung war. Das wird sie sich wahrscheinlich im Laufe ihres Lebens oft gefragt haben.

    ...

    Von Anita und Pietro ist bisher nur in der Vergangenheit die Rede.

    Und Pietro ist am Ende von Kapitel 3 tot.

    Mir war der Anfang dieses Abschnittes ja zu glatt. Die Stimmung ändert sich im dritten Kapitel schlagartig. Jetzt finde ich gut, dass Romagnolo zunächst den Leser etwas einlullt und dann knallhart von Pietros Erlebnissen an der Front berichtet.

    Seine Zerissenheit, was er Anita wirklich schreiben soll, ist für mich beklemmend zu lesen. Hätte er Anita seine wahren Gedanken schreiben sollen? Wäre das für sie wichtig gewesen? Oder war es richtig, sie "zu schonen"?

    Ich habe vor einiger Zeit ein Sammlung von Briefen aus beiden Weltkriegen gelesen, gesammelt von Karasek, und mich manchmal gewundert, wie banal und alltäglich die Nachrichten sind.

    Natürlich wären deutliche Briefe zensiert worden. Hier wirken Pietros Postkarten mit den Gedichten wie ein Pflaster auf den Kriegswunden.

    Die Vergangenheit gibt es nicht, denkt Mrs. Giulia Masca vor dem verrammelten Palazzo Reale. Dasselbe hatte sie gedacht, als sie sich nach dem Verlassen ihrer Kabine auf dem Erste-Klasse-Deck unvermittelt in der Umarmung des weitläufigen, unübersichtlichen Hafens von Genua wiederfand, weiß von Licht und schwarz von Ruß.

    Lieber nicht auf das Gedächtnis bauen, es hatte schon den Weg von der Stadt ins Dorf ganz falsch in Erinnerung: die Mole, die Gebäude, die Straße, die die Hügel hinaufführt, die Höhenlinie, das schwammige Grün der Kastanien, die schiefen Rebenreihen, dann die düstere Silhuette von Borgo di Dentro, die Gasse, den Geruch und nun auch das Tor.

    Ich kann dir auch sehr den Film empfehlen. Nach der Lektüre des Buches. großartige Schauspieler und sehr gut umgesetzt, wie ich finde.

    Ich finde vor allem mutig, dass sie sich so einfach, oder auch nicht einfach, auf den Weg macht, nicht nur in eine andere Stadt, sondern ein anderes Land, einen anderen Kontinent, wo sie garantiert keiner finden wird.

    Das Buch liest sich gut, keine Frage. Mir sind das ein bisschen zu viele Zufälle und zu viel "Vernunft".

    Zufällig findet Guilia die Annonce mit dem Angebot, nach Amerika auszuwandern. Zufällig sieht sie Pietro und Anita bei einem innigen Kuss, wo sich beide doch so große Mühe geben, ihre Liebe geheim zu halten. Zufällig ist Guilia gleich nach ersten Verkehr schwanger und zufällig verliebt sich Libero gleich in sie. Es kommen doch viele Mädchen in seinem Laden vorbei. Die so garstige Mutter entdeckt auch nicht, dass sie so viel Geld zur Seite schafft. Das war doch eine ganze Menge. Und natürlich entdeckt sie niemand, sie wird auch nicht ausgeraubt oder auch nicht krank. Außerdem wiessen wir jetzt schon, dass sie eine erfolgreiche Geschäftsfrau wird. Mmh. :gruebel Das ist mir bisher zu glatt.


    Mutig ist Guilia sicherlich, aber elender leben kann man ja kaum. Ich finde bewundernswert, dass sie einen Ausweg sucht, sei es Heirat oder die Flucht nach Amerika. Sie nimmt ihr Leben in die Hand. Das finde ich gut. Wenn sie nicht so berbittern will wie ihre Mutter, ist sie damit auch gut beraten.