Beiträge von Dieter Neumann

    (...) "Abschied von Chautauqua" verfügt über eine Dichte und Wahrhaftigkeit, die unvergleichlich ist. (...)

    Gleichermaßen fasziniert wie verstört von Sätzen wie dem obigen zu diesem Buch, das ich wegen der positiven Urteile einiger Eulen erwartungsvoll erworben habe, klappe ich gerade den Buchdeckel zu und atme tief durch.

    Eine 700 Seiten währende Qual hat endlich ihr Ende genommen. Noch einmal blicke ich auf die Rückseite des Umschlags und lese das reißerische Zitat aus der TAZ: "Das wirkliche Leben findet in diesem Roman statt." Nun, wenn das tatsächlich zuträfe, wäre ein rascher Freitod der einzige Ausweg.

    Mehrere Male war ich versucht, die Lektüre dieses durch und durch belanglosen Romans abzubrechen, habe mich gezwungen dranzubleiben, um vielleicht doch noch zu erfahren, was manchen von euch an diesem stinklangweiligen Werk so ausnehmend gut gefallen hat.

    Ich habe nichts gefunden.

    Und so habe ich mich ächzend durch die ständig abrupt, nicht selten von einem Satz zum nächsten wechselnden Erzählperspektiven gekämpft, eine Manie des Autors, um auch noch die allerletzten Ödnisse in den Hirnen aller in diesem Ferienhaus versammelten Personen breit auswalzen zu können.

    In diesem Roman ist Belanglosigkeit Programm, Langeweile der Leitgedanke.

    Er besteht, zusammengefasst, aus einer Aneinanderreihung alltäglicher Nichtigkeiten, aus der minutiösen Beschreibung eines in seiner Durchschnittlichkeit fast absurden Familienlebens. Als wollte der Autor trotzig beweisen, dass man sich in epischer Breite auch über Figuren auslassen kann, die rein gar nichts erleben, was jemanden außerhalb ihrer kleinen Welt interessieren, geschweige denn gar berühren könnte. Es passiert nichts Erwähnenswertes, es fehlt jegliche Tiefe, es gibt kein wirkliches Leid, kein menschliches Drama, keine schicksalhaften Wendungen, keine Prüfungen - rein gar nichts außer seichter Oberflächlichkeit. Die Sorgen dieser Leute - einer klassischen amerikanischen Familie der unteren Mittelschicht - kreisen um solche Fragen wie die, wie lange Kinder mit dem Gameboy spielen dürfen und welche Maissorten man grillen solle.

    Belanglosigkeit als Programm, Langeweile als Leitgedanke.

    Die wirren Gemütszustände pubertierender Mädchen werden seitenweise ausgewalzt, die kleinen Boshaftigkeiten der egozentrischen Großmutter wieder und wieder bis ins kleinste Detail auserzählt, die kindlichen Ängste kleiner Jungen bis zum Überdruss thematisiert, und über die kleinlichen Zickigkeiten der Erwachsenen wird wortreich schwadroniert.

    Kurz gesagt: Die Handlung, falls man von einer solchen sprechen kann, ist an Bedeutungslosigkeit nicht zu überbieten.

    Wer sich jedoch für den Hausrat eines alten Ferienhauses begeistern kann, kommt allerdings voll auf seine Kosten: In lächerlicher Akribie werden jeder Löffel, jedes Messer, alle Gläser, der Mülleimer, die gesamte marode Möblierung mitsamt dem Inhalt der Schränke, sogar der vergammelte Schrott in der Garage seitenlang und entnervend redundant beschrieben. Vor allem das WC hat es dem Autor angetan, und das stinkende Wasser, die Fliegen und der Fledermauskot hinter den morschen Sperrholzwänden finden ebenfalls ausführliche Erwähnung.

    Dabei bleibt die Erwähnung der Empfindungen und Gefühle der Personen (wenn die überhaupt solche haben) meist oberflächlich. So fordert eine Ehefrau tagsüber ihren Gatten auf, abends mit ihr zu schlafen. Sie erwägen, wo sie den Akt vollziehen wollen und einigen sich auf den Steg am See. Wir erfahren aber weder von ihr noch von ihm etwas über Lust, nichts von Erwartung, schon gar nichts von Erregung (oder dem Fehlen einer solchen) - nichts, was auch nur ansatzweise erkennen ließe, was es beispielsweise in dem Mann auslöst, dass seine Frau ausdrücklich Geschlechtsverkehr mit ihm verlangt, wir lesen nur, dass er vorsorglich eine Decke bereitlegt, damit der Koitus auf den Stegbrettern nicht zu unbequem wird. Als die Gattin das bemerkt, stößt die ein neckisches „Du bist so raffiniert!“ aus – Grundgütiger, geht´s noch?

    Das Wasser stinkt und stinkt und stinkt – und nichts von Bedeutung geschieht. Und das 700 Seiten lang. Flüssig geschriebene, aber grauenvoll langweilige Prosa.


    Nie wieder Stewart O‘Nan, egal was er noch geschrieben haben mag.

    Hab das Interview gerade angehört. Sehr sympathisch und interessant!


    Kommst Du auch mal in den Süden (Stuttgart) zu Lesungen?

    Danke für das Lob!

    Derzeit versucht PIPER, mein neuer Verlag, für mich eine Lesereise in Süddeutschland zu organisieren. Mal sehen, welche Ort dabei herauskommen. Wird wohl aber erst Frühjahr 2021 werden.

    Taschenbuch: 144 Seiten, 15,00 €

    Verlag: Das Neue Berlin, Juni 2020

    ISBN: 978-3360013620


    Tief beunruhigend


    Er ist jung und eifrig. Er ist stolz auf sich und auf die große Zeitung, bei der er arbeiten darf. Er genießt es, die Dinge kühl und gegebenenfalls scharf niederschreiben zu dürfen, er genießt es umso mehr, da es in seinem vorherigen journalistischen Leben nicht möglich war; er ist der erste Ostler in der Redaktion. Zunächst arbeitet er im Sportressort, dann als Reporter. Über Jahre geschieht und gelingt alles wie selbstverständlich, weit ist diese Welt hier und offen – bis das Vorherige, das Bedrängende von Neuem aufscheint, in eleganterer Form, mit dramatischen Folgen … (Klappentext)


    Birk Meinhardt, geboren 1959 in Berlin-Pankow, studierte Journalistik an der Karl-Marx-Universität Leipzig und war Sportjournalist bei der »Wochenpost«, der »Jungen Welt«, dem »Tagesspiegel« und von 1992 bis 1996 bei der »Süddeutschen Zeitung«. Für Letztere arbeitete er von 1996 bis 2012 als Reporter. Seitdem lebt er als Schriftsteller am Rande Berlins. Er erhielt den Kisch-Preis 1999 und 2001 sowie den Stahl-Literaturpreis 2013. Im selben Jahr war er für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Zuletzt erschienen von ihm die Romane »Brüder und Schwestern. Die Jahre 1973 bis 1989« sowie »Brüder und Schwestern. Die Jahre 1989 bis 2001«. (Autorenportrait Eulenspiegel-Verlagsgruppe)


    Gerade eben erschienen, ist "Wie ich meine Zeitung verlor" nicht nur das tief beunruhigende Dokument der Verzweiflung eines Spitzenreporters am wuchernden Gesinnungsaktivismus seines einst als intellektuell vielseitig und journalistisch grundsolide geltenden Blattes, sondern vielmehr, wie Knut Cordsen vom Bayerischen Rundfunk es ausdrückt, "ein Buch über das, was falsch läuft im Journalismus". Meinhardt zeigt eindringlich, wie sich langsam, zunächst nur als kleinere Verstörungen in seiner Arbeit wahrgenommen, ein Paradigmenwechsel in einer der führenden Tageszeitungen Deutschlands vollzieht - durch einen Journalismus des "ständigen Weglassens und Hervorhebens", wie Meinhardt sagt. Er erfährt das am eigenen Leibe, als schließlich sogar Reportagen von ihm nicht in die Zeitung genommen werden - von den Zeitungschefs abgelehnt, weil sie angeblich "die falschen Signale aussenden". Das erträgt er nicht, denn: "Die Realität, wenn es denn eine harte ist, muss geschildert werden, und diese Schilderung soll nicht weichgespült und schon wieder halb zurückgezogen werden durch allseits opportune Relativierungen. Wenn es denn weh tut, die Stücke zu lesen, liegt es nicht an den Stücken, sondern daran, was darin abgebildet wird“.


    Meinhardt sieht, dass die - beileibe nicht nur in der Süddeutschen - sich manifestierende Form eines durchgängigen Haltungsjournalismus stark zur Polarisierung in unserer Gesellschaft beiträgt. Und so kehrt er der einstmals von ihm so verehrten, ja geradezu als journalistische Verheißung für einen jungen, aus dem Osten kommenden Reporter erstrahlenden Zeitung den Rücken. Zweifellos ist er verbittert, das merkt man gegen Ende des Buches seinen oftmals arg eifernden Formulierungen an. Und doch hat er natürlich recht mit seiner Erkenntnis: “Der Journalismus trägt meines Erachtens eine Riesenschuld an der Verhärtung der Fronten, die er selber beklagt. Er bringt sie maßgeblich mit hervor und er beklagt sich danach.“


    Lesenswert.




    ASIN/ISBN: 336001362X

    Ich rufe die Büchereulengruppe bei Facebook immer mal wieder auf, weil ich da wenigstens finde , welche Klarnamen sich hinter bestimmten Nicknames verbergen. Sowas habe ich hier nirgends gefunden, Klappt aber natürlich nur bei den wenigen Eulen, die in der fb-Gruppe sind. Ansonsten ist da tatsächlich nicht viel los - muss ja auch nicht, schließlich ist unser Nest ja hier!

    Dass das nicht immer hohe Literatur ist, ist für mich eigentlich normal.

    Da liegt der Hase im Pfeffer: Was ist "hohe Literatur"?

    Ich bekomme - nicht zuletzt bei gewissen Veranstaltungen zu Literaturpreisen - zunehmend den Eindruck, abgehobene Literaturkritiker hielten das für "hohe Literatur", was möglichst weit von dem entfernt ist, was gern gelesen wird.

    Wohlgemerkt: Es wird unglaublich viel Schund an Büchern produziert - und auch gekauft und gelesen. Aber es gibt eben auch in der viel geschmähten Genreliteratur echte Perlen, die es dennoch nie z. B. ins Literarische Quartett schaffen.

    Denis Scheck ist da eine löbliche Ausnahme, er bespricht und empfiehlt auch schon mal z. B. gute Sci-Fi- oder Kriminalromane (ohne sich jedoch zu scheuen, den sprachlichen Müll eines gewissen Thrillerautors auch einen solchen zu nennen).