Beiträge von Dieter Neumann

    Ein schmales Büchlein, nur 90 Seiten, und dennoch wiegt es schwer wie ein Ziegelstein - allerdings nicht in der Hand.

    Ein junger niederländischer Schriftsteller, Jahrgang 1986, auf schicksalhafte Weise mit Opfern des Holocaust verbunden, besucht Auschwitz 70 Jahre nach dessen Befreiung. Was er uns zu sagen hat, sagt er nachdenklich, zuweilen vorsichtig, tastend gar, aber dennoch mit machtvollen Worten. Am Ende kommt er zu dem Schluss: "Gedenken ist keine Pflicht. Es ist viel wichtiger als eine Pflicht. Es ist Ehrensache."

    Einem Menschen, der jünger ist als meine Kinder und solche Worte findet, zolle ich großen Respekt und habe dem denn auch nichts hinzuzufügen, außer einen Dank an Voltaire, der mir dieses Buch besorgt und geschickt hat, das leider nur Mitglieder der Büchergilde Gutenberg bestellen können.

    Um aufkommende Missverständnisse zu beseitigen: Ich bin inzwischen Autor bei PIPER. Es handelt sich NICHT um eine Gefälligkeitsrezi für meinen ehemaligen Verlag. Der hier empfohlene Roman hätte IRGENDWO erscheinen können - es hätte keinen Einfluss auf das gehabt, was ich schrieb. :wave

    Bis an die Schmerzgrenze


    Mitten in Zeiten der Pandemie herauszukommen, ist so ziemlich das Übelste, was einem Buch widerfahren kann: Die Buchläden geschlossen, der Onlinehandel mit Gedrucktem eingeschränkt, die Menschen an Klopapier deutlich stärker interessiert als an neuen Büchern. Doch genau jetzt ist ein neuer Kriminalroman von Martin Calsow erschienen, der auf keinen Fall übersehen werden darf: „Kill Katzelmacher!“

    Der Ort, die Zeit, die Figuren und nicht zuletzt der Fall – alles an diesem Kriminalroman ist ungewöhnlich. Wer Spannungsliteratur liebt, aber der Flut belangloser, nicht selten auf dem Niveau von Schulaufsätzen daherkommender Mainstream-Krimis ebenso überdrüssig ist wie anspruchsloser Gewaltpornos, die sich „Thriller“ nennen, wird dieses wuchtige Leseerlebnis schätzen. Fesselnd bis zur letzten Zeile erzählt Calsow eine aufwühlende Kriminalgeschichte, die im Nachkriegsmünchen von 1948 spielt, wo die amerikanische Besatzungsmacht gerade versucht, eine funktionierende Polizeibehörde aufzubauen. Ausgerechnet ein jüdischer US-Offizier und ein ehemaliger Wehrmachtssoldat müssen gemeinsam einen Fall lösen, der beide an ihre menschlichen Grenzen führt. Die Zerrissenheit der Figuren, ihre Lebens- und Kriegserfahrungen, ihre Persönlichkeitsentwicklung in gänzlich unterschiedlichen Welten und Werten, das alles ist historisch gründlich recherchiert und stilistisch gekonnt erzählt – psychologisch einfühlsam und authentisch bis zur Schmerzgrenze.

    Calsow beweist mit diesem Buch, welchen literarischen Wert gute Spannungsromane haben können.

    Ein großer Wurf – unbedingte Leseempfehlung!


    ASIN/ISBN: 3894256753


    Martin Calsow: „Kill Katzelmacher!“

    Grafit Verlag 2020, 13,00 € (Taschenbuch), 9,99 € (Ebook)

    ISBN: 978-3894256753



    Danke, Voltaire!

    Meine Frau und ich waren letztes Jahr für zwei Tage dort. Wir hatten vor vielen Jahren schon Bergen-Belsen und auch Dachau besucht. Auschwitz ist dennoch etwas völlig anderes, in der Monstrosität der hier begangenen Menscheitsverbrechen mit nichts Anderem zu vergleichen. Wir reden noch jetzt immer wieder von unserem Besuch dort und sind uns absolut sicher, dass es für uns wichtig war, dort persönlich gewesen zu sein.


    "Es unglaublich wichtig, dass wir Auschwitz immer in Erinnerung behalten – gerade auch die noch folgenden Generationen sollten sich nicht um das Erinnern drücken dürfen – auch sie müssen Auschwitz als Verpflichtung annehmen.", schreibst du völlig zu Recht. Deshalb sind solche Bücher wie das von dir hier besprochene so wichtig, geradezu unverzichtbar. Ich habe zwei Meter Literatur über jene Zeit hier stehen, aber dieses Buch noch nicht. Habe es mir soeben bestellt.


    Nachtrag: Eben stelle ich fest, dass man Büchergilde-Mitglied sein muss, um das Buch bestellen zu können. Woanders gibt es das leider nicht. Sehr schade!

    Ein LKA-Mann in herausgehobener Stellung, dem beim Notruf in Kenntnis seines fast leeren Handyakkus zweimal hintereinander keine präzisere Beschreibung von Ort und Lage einfällt als "Wir sitzen hier fest!", ein junges Mädchen, das wenige Minuten nachdem es den blutigen Mord an seinem Vater miterlebt hat, schon wieder lächelnd und geradezu unbeschwert herumläuft, Polizisten, die in einem völlig frei stehenden Gebäude ausschließlich eine Seite desselben im Blick haben, ein Wachmann, der sich genau in die Schusslinie stellt, um die Handybergung des ferngesteuerten Panzers zu beobachten, Angreifer, von denen bis zum Ende niemand erfährt, was für eine paramilitärische Truppe sie eigentlich sind, und die höflich mit dem finalen Angriff warten, bis die verwirrten Hausinsassen sich fertig organisiert haben, ein Mann, der - völlig unbemerkt von den anderen - einen Betonboden aufstemmt, ein mannsgroßes quadratisches Loch hineinmeißelt (mit einstiegsfreundlich abgeflachten Kanten), eine dämliche Polizistin, die lieber von ihren Fähigkeiten, ein Radio zum Morsefunk umzurüsten erzählt, statt auf die Idee zu kommen, genau das auch mit dem längst mehrfach gezeigten dort vorhandenen Radio zu tun (was ihr erst am Ende des "Dramas" einfällt), ein psychopathischer Mehrfachmörder, der zum Kumpel wird und unbeschwert mit allen möglichen Waffen herumläuft, ein ... ach, es gäbe noch viele solche Zumutungen zu nennen.

    Ein totaler Schuss in den Ofen, eine reißerische Aneinanderreihung von Peinlichkeiten, das Ganze.

    Da setzt man sich mal wieder vor die Kiste, weil der erste dieser Tukur-Tatorte seinerzeit hervorragend war, und dann das: Der mit weitem Abstand schlechteste Kriminalfilm seit Jahren in der sowieso schlimmen Tatort-Reihe. Der Plot von Anfang bis Ende unrealistisch, die Handlung voller unglaublicher Logikfehler und übler kriminailsitischer Schnitzer, die Figuren albern bis klischeehaft, die Dialoge flach, unglaubwürdig und teilweise unerträglich schwulsttriefend. NICHTS an diesem Machwerk war glaubwürdig. Eine Zumutung, die vermutlich irrwitzige Summen verschlungen hat.

    Danke, Didi. Aber es stimmt nicht. Mein bester ist der nächste. Das ist immer so. ;)

    Bei meinen persönlichen Favoriten liegt "Nachttankstelle" einen Hauch vor "Sommerhit", aber das hat vor allem etwas mit Sprache und Bildhaftigkeit zu tun.

    zu 1: Klar, das mit dem nächsten sagen wir Schreiberlinge immer gern. Da spielt eben auch viel Hoffnung mit ... :lache


    zu 2: Was Duktus und Stilistik angeht, magst du sogar recht haben. Ich erinnere mich, dich nach der Lektüre von "Nachttankstelle" als "Meister der brillanten Metaphern" bezeichnet zu haben. Dem Buch kommt dennoch - immer nur aus meiner Sicht! - nicht ganz dieselbe literarische Bedeutung zu wie "Sommerhit", das einer der herausragenden Wendezeitromane - und damit ein sehr wichtiges Buch deutscher Zeitgeschichte - ist und immer bleiben wird.

    (Und ich merke gerade wieder, wie ungeheuer wichtig mir dieser Roman nach wie vor ist, auch acht Jahre nach dem Erscheinen und neun Jahre nach seiner Fertigstellung.)

    Das sollte er auch sein. Es ist dein bester. :wave


    „Sommerhit“ schimmert als Perle zwischen den wenigen bedeutenden Werken der aktuellen deutschen Gegenwartsliteratur hervor, ist anrührende (nicht rührselige) personalisierte Zeitgeschichte, dabei gnadenlos präzise analysierend, nichts verklärend, sensibel beobachtend, nie aufdringlich, nie betroffenheitsschwanger, voll Melancholie, mit feinsinnigem Humor, mitreißend, vor allem aber, ja!, liebevoll geschrieben." (Aus meiner Eulen-Rezi von 11/2012)

    Bei den geforderten Summen frage ich mich, ob sich der ganze Aufwand für die Kriminellen überhaupt lohnt. Für weniger als 7000 Euro den Tod von vier Gästen in Kauf zu nehmen ist schon krank.

    Wenn du weiterliest, liebe wampy, wirst du erfahren, warum sich das lohnt. Ich will hier nichts verraten, aber die relativ niedrigen Summen machen durchaus Sinn - jedenfalls für diese spezielle Sorte von Kriminellen. Ich hoffe, dir gefällt das Buch auch weiterhin wenigstens "ganz gut". ;)