Beiträge von Dieter Neumann

    Voltaire wird schon recht haben mit seiner Analyse zu diesem Buch - ich werde es nicht lesen. Was ich darüber überall lese, reicht mir durchaus.


    Mir geht es bei all dem Hype und den mehr oder weniger berechtigten Kritiken an Greta Thunberg allerdings darum, auf den aus meiner Sicht wichtigsten Punkt hinzuweisen: Weder die idiotische Ikonisierung dieses sechzehnjährigen Mädchens, noch die teilweise ätzende Kritik an ihr sollten unseren Blick dafür verstellen, dass sie wie niemand anders bisher das wichtigste Gegenwartsthema, das existenzielle Menschheitsproblem der fortschreitenden Vernichtung unserer Erde ins Bewusstsein der Menschen gerückt hat. Um dieses Problem haben wir uns mit aller Kraft zu kümmern, nicht um tatsächliche oder vermeintliche Unzulänglichkeiten derjenigen, die es uns unausweichlich vor Augen führt.

    "Wende!", schrie die Stimme, "jetzt!"

    Sie klang dünn und blechern, die Stimme, denn sie kam aus zweitausend Fuß Höhe in den UKW-Empfänger, der in meiner Shorttasche steckte.

    "Moment", sagte ich ins Kehlkopfmikrofon, das mir den Hals einschnürte, dafür aber die Hände für Pollux´ lederbezogenes Steuerrad freiließ.


    Es war der 18. Januar 1990. Eine steife Brise, die bisweilen Sturmstärke erreichte, fegte mit schweren Regenschauern von Südwesten heran.

    Die Järnsvägsgatan, eine Straße am Hafen von Limhamn auf der schwedischen Seite des Sunds, lag verlassen da, nur ab und zu spiegelte sich das Scheinwerferlicht eines Autos in Schaufensterscheiben und lag glänzend auf dem nassen Asphalt.


    Sie hat sogar den Büchner-Preis bekommen (2005). Ein typisches Zitat von ihr, einer großen, ganz und gar vom Zeitgeist der flachen Anbiederungsliteratur unbeeindruckten Erzählerin:

    "Also von Literatur wirklich angezündet zu werden, das hat wahrscheinlich immer nur wenige Leute betroffen, aber es ist nicht ausgestorben."

    Wie sehr ist zu wünschen, dass sie mit Letzterem recht hatte. Manchen Zweifel daran aber hege ich.

    R.I.P.

    Hier ein Ausschnitt aus dem aktuellen "Prantls Blick" (Heribert Prantl, Süddeutsche Zeitung). Er bringt´s auf den Punkt - und entlarvt auch den ebenfalls hier von einem Forumsteilnehmer vorgebrachten Vorwurf der möglichen Unrechtmäßigkeit des Videos als das, was er ist: ein durchsichtiger Versuch, von den kriminellen, staats- und demokratiegefährdenden Machenschaften der rechten Brut abzulenken. Meuthen, der deutsche Rechtsnationale und AfD-Grande, hat Ähnliches ja schon gestern versucht.

    Man kann nur hoffen,dass Prantls letzter Satz aus diesem Auszug hier wirklich zutrifft ...


    Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht. Der Satz gilt auch für die Politik. Heinz-Christian Strache, Vizekanzler von Österreich, hat das nicht geglaubt. Er hat geglaubt, er könne sich alles erlauben. Er hat geglaubt, er könne den österreichischen Trump geben; er hat geglaubt, wer, wie er, in der braunen Soße gebadet hat, sei unverwundbar. Strache hat sich getäuscht. Man kann nicht, auch nicht in Österreich, den Saubermann spielen und dann Drecksreden führen, wie es stundenlang auf dem Ibiza-Video zu hören und zu sehen ist. Die Grundmechanismen der Politik funktionieren in Österreich. Es geht in Österreich viel, aber es geht nicht alles. Der Rücktritt von Strache ist eine Chance für das schöne Land im Herzen der EU. Dieser Rücktritt eröffnet die Chance der Rückkehr des Landes zu einer anständigen Politik.

    Notwehr und Nothilfe
    Der Strache-Skandal ist ein FPÖ-Skandal, es ist der Skandal einer Partei des populistischen Extremismus. Strache und der FPÖ-Fraktionschef im Nationalrat, Johann Gudenus, sind die Hauptfiguranten dieses Skandals. Es wird der FPÖ nicht gelingen, die angebliche Unrechtmäßigkeit des Videos zum Skandal zu machen. Die Publikation dieses Videos war demokratische Pflicht. Es ging und geht um die Aufdeckung von galoppierender Skrupellosigkeit und von Kriminalität. Die Publikation des Videos war und ist Notwehr und Nothilfe. Sie ist Notwehr gegen die Vergiftung des Staates durch die FPÖ-Führer; und sie ist Nothilfe für die österreichische Demokratie.

    Der erste Stein aus der Mauer
    Das Strache-Video, der Strache-Rücktritt - das verändert den Europawahlkampf, nicht nur in Österreich. Mit diesem Skandal, mit diesem Rücktritt bricht der erste große Stein aus der Mauer des populistischen Extremismus in Europa. Das Rumpeln und Krachen des stürzenden Steins hören nicht nur die Wählerinnen und Wähler in Österreich, sondern auch die in Deutschland, Frankreich und Italien.

    Aber die wirklich wichtig Frage ist doch, wieso wird ein solches Video erst kurz vor einer Wahl öffentlich gemacht.

    Das ist tatsächlich eine Frage, auf deren Antwort man gespannt sein darf - falls eine kommt.

    Dennoch : Die "wirklich wichtige Frage" ist dies keineswegs. Die wirklich wichtige Frage ist die, warum immer noch so viele Menschen auf diese rechten Lumpen hereinfallen. Dabei ist das, was der Herr Strache da so absondert, doch genau das, was wir sattsam von den Leuten gewohnt sind, die in der Maske der ehrlichen, gradlinigen Saubermänner einen verquasten "sauberen" Nationalismus vor sich her tragen: In Wirklichkeit ist ihnen - und das hatten wir alles schon mal - jedes Mittel zu einer Machtübernahme recht, von Korruption, Kollaboration mit dem organisisierten Verbrechen und Günstlingswirtschaft über die völlige Missachtung des geltenden Rechts bis hin zur Unterwanderung der Presse mit dem Ziel, sich diese gefügig zu machen. Man stelle sich nur mal vor, was dann wieder käme, wenn den Straches Europas nicht Einhalt geboten würde ...

    Die "wirklich wichtige Frage" ist also nicht, warum wir dieses Video erst nach zwei Jahren zu sehen bekommen, sondern wie es schon wieder passieren kann, dass sich Konservative (in diesem Falle Herr Kurz und seine Partei) allein zum Erlangen und zur Erhaltung ihrer Macht mit Rechten ins Bett legen, von denen jeder, der auch nur ein bisschen Geschichtsunterricht gehabt hat, genau weiß, dass ihre Lippenbekenntnisse zur Demokratie nicht weiter sind als hohle Phrasen.

    Hier, in diesem zweifellos unappetitlichen Video, blicken wir in die unverhüllte Fratze des Totalitarismus. Allein die Ausführungen des Herrn Strache dazu, wie er sich die führende Boulevardzeitung des Landes untertan zu machen gedenkt, sollte auch noch dem Letzten klar machen, was von diesen Leuten zu erwarten ist. Und sie unterscheiden sich darin keinen Deut von der AfD und deren Protagonisten hierzulande.

    Die "wirklich wichtige Frage" ist: Gelingt es uns diesmal, den Vormarsch dieser gewissenlosen Nationalisten, Rassisten und Demokratiefeinde zu bremsen?

    Für Eulen aus Kiel und dem Umland: Am Freitag, dem 10. Mai, komme ich nach Preetz. Um 19:30 Uhr lese ich in der dortigen Stadtbücherei (Gasstr. 5, 24211 Preetz) aus meinem Küstenkrimi "Blutmöwen" und nach der Pause die ShortStory "Dunkles Wasser", mit der ich den 1. Preis des NordMord Award gewonnen habe.

    Würde mich riesig freuen, die eine oder andere Eule dort begrüßen zu können!
    Weitere Infos unter https://www.hdieterneumann.de



    Wer, wie der unsägliche Herr Höcke, sowas sagt: „Christentum und Judentum stellen einen Antagonismus dar. Darum kann ich mit dem Begriff des christlich-jüdischen Abendlands nichts anfangen.“ oder auch: "Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.“ (Dresden, 17. Januar 2017, über das Holocaust-Denkmal in Berlin), ist ebenso ein Nazi wie Gauland, von dem der Satz stammt: "Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte" und von Storch ("Demokratie geht nur national.") oder Frohnmaier ("Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt, dann wird ausgemistet, dann wird wieder Politik für das Volk und nur für das Volk gemacht – denn wir sind das Volk.") - und viele andere.

    Es macht keinen Sinn, das schönzureden. Wer diese Leute wählt, sympathisiert mit Nazis. Weder Unzufriedenheit, noch persönliche Unfähigkeit oder Illusionsverluste, ja, nicht einmal gnadenlose Verblödung taugen als Entschuldigung. Es gibt so etwas wie "ein bisschen Nazi" nicht. Der unselige Geist lebt in breiten Teilen der AfD weiter. Daran sind weder Herr Schröder noch Frau Merkel schuld, sondern allein diejenigen, die in der AfD eine Plattform gefunden haben, ihre Nazigesinnung endlich wieder - oft nur mühsam getarnt - ausleben zu können.

    Jenseits aller Leichtfertigkeit


    Immer noch wird sie heftig geführt, die Debatte um "Stella", den zweiten Roman des jungen Takis Würger (Jg. 85). Zum Erscheinungsdatum am 11. Januar ging ein vielstimmiger Aufschrei durch den Blätterwald des Feuilletons. Hier ein paar Beispiele: "Ein Ärgernis, eine Beleidigung oder ein richtiges Vergehen?" (SZ), "ein Roman voller erzählerischer Klischees" (Zeit). "Leise, glaubwürdig und ja, auch schonungslos" nannte hingegen ausgerechnet die Jüdische Allgemeine das Buch, und für den Bonner General-Anzeiger ist es sogar „ein herausragender Roman“. Und während die Kulturredaktionen des NDR "Stella" zum "NDR-Buch des Monats" gewählt haben, war es für den Deutschlandfunk "eine kitschige Nazi-Schnurre mit Fertigfiguren". Kontrovers also, die Reaktionen der Kritiker, und darüber hinaus oft erstaunlich vehement. Schließlich sei noch erwähnt, dass es auch Rechtsstreitigkeiten zwischen den (mutmaßlichen) Inhabern der postmortalen Verwertungsrechte der Protagonistin und dem Hanser-Verlag gibt.


    „Stella“ ist ein Roman (wohlgemerkt, denn da beginnen schon die Verwirrungen mancher Kritiker: ein Roman!) mit der historischen Figur der Stella Goldschlag. Die ist 1942, im Jahr der Haupthandlung des Buches, gerade mal zwanzig Jahre alt, schön und lebenslustig, vor allem aber eine Jüdin, die Juden an die Nazis verrät – und zwar viele. Schwer gezeichnet, kann sie dem Folterkeller der Gestapo nur durch die Zusage entkommen, Juden, die sich verstecken, zu verraten. Zunächst tut sie dies, um ihre Eltern vor der Deportation zu bewahren, doch natürlich hält sich die Gestapo nicht an diese Zusage. Nach dem Tod ihrer Eltern jedoch macht sie weiter, ist bald als Greiferin unter allen Juden gefürchtet, die in Berlin im Untergrund leben. Nach dem Krieg – und das ist nicht mehr Gegenstand des Romans – verurteilt sie ein sowjetisches Militärtribunal zu zehn Jahren Haft. Nach ihrer Entlassung wird sie dann von einem deutschen Gericht nochmals zu zehn Jahren Haft verurteilt, die aber als bereits verbüßt gelten. Sie heiratet fünfmal - alle Ehen scheitern – und begeht 1994 Selbstmord.


    Takis Würger, Journalist und Redakteur beim Spiegel, hat also einen Roman um eine historische Persönlichkeit herum geschrieben. Das ist schon tausendmal geschehen und nichts Besonderes in der Belletristik. Warum also die Aufregung um dieses Buch? Nun, es geht, wie Birgit Walter in der Berliner Zeitung (16.1.2019) schreibt, um „die Klarstellung, wem die Deutungshoheit der Geschichte gebührt.“ Und die kommt offenbar aus Sicht mancher Kritiker diesem viel zu jungen Mann nicht zu. Birgit Walter sagt dazu: „Dieser Lebenslauf (der von Stella Goldschlag, Anm. d. V.) wie ein Paukenschlag wirft schon beim ersten Zuhören mehr Fragen auf, als je jemand beantworten könnte. Takis Würger kann es auch nicht, er versucht es nicht einmal. Er nähert sich von quasi neutraler Seite und nur für eine Momentaufnahme. Seine Hauptfigur, der Ich-Erzähler Friedrich, ist ein treuherzig-naiver Zwanzigjähriger, Sohn einer Deutschen und eines Schweizer Tuchhändlers. Vermögend, ziellos, neugierig auf die verruchte Nazi-Hauptstadt steigt er, Anfang Januar 1942 vom Genfer See anreisend, im Grand Hotel am Brandenburger Tor ab und bleibt ein Jahr. Will herausfinden, ob das Gerücht stimmt, dass Juden in Berlin nachts in Möbelwagen abgeholt werden. Er nimmt Zeichenunterricht, begegnet Stella als Akt-Modell, als Bar-Sängerin, auf Partys, in der Wohnung des SS-Mannes Tristan von Appen bei amerikanischem Jazz und französischem Roquefort, in seiner Hotel-Badewanne. Er verliebt sich. Ist in der Stadt, als Stella in Gestapo-Fänge gerät, ihre Identität preisgibt und ihre Greifer-Tätigkeit beginnt. Er denkt: „Ich weiß nicht, ob es richtig ist, einen Menschen zu verraten, um einen anderen zu retten.“


    Eine geradezu wahnwitzige Liebesgeschichte in Nazideutschland also, ein Projekt, an dem viele gescheitert wären. Takis Würger nicht. In makellosem Duktus und einer atemberaubend knappen, geradezu lapidaren Sprache, die gerade angesichts des immer wieder aufscheinenden Grauens überaus angemessen und im wahren Wortsinn eindringlich ist, hat er mit „Stella“ einen besonderen Roman geschrieben. Einen, der gleichermaßen mutig wie anspruchsvoll in die dunkle Welt des Jahres 1942 in Berlin eintaucht, der menschliche Zerrissenheit und Leidenschaft ebenso atmet wie die niemals zu fassenden historischen Wahrheiten jener Zeit. Ohne Pathos, ohne erhobenen Zeigefinger und jenseits aller Leichtfertigkeit - auch ein von der Kritik geäußerter Vorwurf übrigens. Dieser Roman maßt sich eben gerade keine Deutungshoheit an, in keiner Zeile. Und vielleicht ist es genau das, was manche Kritiker dermaßen auf die Palme bringt.


    Ein Leseereignis. Ein Buch, das ich dringend empfehle.

    So, diesmal habe ich auch ziemlich lange gebraucht. Lag aber nicht am Buch, sondern daran, dass ich vorgestern Abgabetermin für meinen neuen Roman beim Verlag hatte und nur zwischendurch mal kurze Passagen vom "Untertan" lesen konnte.


    Was soll ich noch sagen, was hier nicht schon vielfach gesagt wurde?

    Vielleicht erst einmal etwas Kritisches: Mir kam es so vor, als zöge sich die Geschichte doch arg hin auf den letzten hundert Seiten. Natürlich passiert ständig irgendetwas, aber eigentlich nichts wirklich Neues, eher immer dasselbe in anderen Szenen. Mir schien es, als sei die Botschaft, die Heinrich Mann im Kleid eines Entwicklungsromans vermitteln will - zweifellos eine fundamental wichtige und für ihre Zeit überaus mutige - nach etwa der Hälfte des Buches "auserzählt". Es kommen keine neuen, überraschenden Aspekte hinzu, weder, was das Bild betrifft, das sich der Leser vom miesen Charakter des Protagonisten schon längst gemacht hat, noch, was die Beschreibung des ekelhaft korrupten, dummen und ideologisch vernagelten Treibens der sogenannten besseren Gesellschaft im deutschen Kaiserreich angeht. Insofern fand ich es leidlich mühsam, mich bis zum Ende durchzukämpfen.


    Das aber ändert natürlich nichts an der Bedeutung dieses Romans, weder im Hinblick auf seine literarische Brillanz, noch als frühes Menetekel für das Grauen, das allzu bald kommen sollte. Es gibt wohl kein anderes Werk in der deutschen Literatur des frühen 20. Jahrhunderts, das dermaßen treffsicher und demaskierend all das vorführt, was damals wie heute Ursprung und Auslöser aller Kriege war und ist. "Der Untertan" ist somit weit mehr als das mutige Sittenbild einer Gesellschaft, die wenig später begeistert in die Hölle des 1. Weltkriegs gezogen ist - und die halbe Welt mit ihr - und die danach, wie wir lernen mussten, auch nichts dazugelernt hat. Es ist ein Buch, das man auch heute aufmerksam lesen sollte, wenn man etwas über Verblendung, über die unausrottbare menschliche Dummheit wissen will, welche allen Kriegen vorangeht, aber auch in unseren Zeiten Mehrheiten für gefährlichen politischen Irrwitz (wie beispielsweise den Brexit) ermöglicht.

    Nach all den Jahren, die seit meiner ersten Lektüre dieses Buches vergangen sind, kam es mir bei der Gerichtsverhandlung so vor, als wäre es erst gestern gewesen. Ein seltenes literarisches Juwel, die ganze lange Passage, in der es Heinrich Mann gelingt, diese Farce geradezu schamlos zu entlarven. Was hier gnadenlos offen gelegt wird, ist das Kernstück des Romans: Die völlige Gewissenlosigkeit der sogenannten Honoratioren in dieser Stadt steht aber nur beispielhaft für die gesamte Gesellschaft der Kaiserzeit, für ihre bigotte Moral, ihren rassistischen deutschen Dünkel, ihre erbärmliche Verlogenheit, vor allem aber für die dumme nationalistische Verblendung der "staatstragenden" Figuren. All das waren übrigens - abseits der weltpolitischen Lage - die tieferen sozialen und moralischen Ursachen für den Ersten Weltkrieg, der ja hier schon am Horizont aufdämmert. Diederich Heßling ist ein besonders schäbiger, charakterlich unsauberer und völlig unsicherer Mensch, ein Kriecher und Treter, ja, aber er ist auch nicht weniger als das kulminierte Ergebnis seiner Zeit.

    Ich verstehe das in dem Zusammenhang einfach als Schimpfwort und Herabwürdigung. Auch heutzutage wird "Jude" oder "Judas" ja leider immer noch als Schimpfwort verwendet, so wie "behindert" oder "schwul".

    So wird es hier im Buch ja auch noch öfter verwendet.

    Genauso ist es. Sagen wir heute zum Beispiel "versifft", hieß es früher "verjudet". Der Jude an sich war (und ist noch heute für nicht wenige Unbelehrbare) der Inbegriff für alles Schmutzige, Unmoralische, Schlechte. Noch meinen Eltern entfuhr angesichts wilder Unordnung im Kinderzimmer der Ausruf: "Hier sieht es ja aus wie in der Judenschule!". Weder hatten sie je eine solche von innen gesehen, noch überhaupt reflektiert, was für ekelhaft rassistisches Zeug sie da absonderten. Das war einfach drin - sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen. Schlimm, ja, aber leider wahr.

    Voltaire schrieb:

    Und es ist schon beschämend, dass man für einen durchschnittlichen Unterhaltungsroman wie die "Buddenbrooks" den Literatur-Nobelpreis bekommt.

    Ich versuche mal, nicht beleidigt zu sein, immerhin ist "Buddenbrooks" mein Lieblingsroman ...

    Gibt auch wirklich keinen Grund, beleidigt zu sein. Die Beurteilung von Büchern ist immer subjektiv. Und manch einer gefällt sich eben darin, ein Werk kleinzureden, für das sein Autor den Nobelpreis erhalten hat. Ist nicht weiter von Belang, denn der Stellenwert der "Buddenbrooks" in der Weltliteratur als erster bedeutender deutscher Gesellschaftsroman wird dadurch nicht einmal angetastet.

    Bevor wir hier in eine Diskussion über Sinn, Zweck oder Notwendigkeit von Streitkräften geraten, bleiben wir doch mal beim Buch, das ich vor ein paar Tagen endlich aus der Buchhandlung abgeholt habe und nun nach vielen Jahren erneut mit großer Begeisterung lese.

    Natürlich ist die Sprache genau diejenige, die der Handlungs- und Entstehungszeit des Buches entspringt, und damit ist sie heute ebenso selbstverständlich "altmodisch" und teilweise sogar schwer in ihrer Tiefe zu erfassen. Dennoch fügen sich Sprache und Inhalt in genialer Weise zu einem stimmigen Sittenbild des ausgehenden 19. Jahrhunderts in Deutschland, besser: in Preußen.

    Eines darf man bei diesem Entwicklungsroman keinesfalls vergessen: Er malt einerseits ein messerscharfes Bild der damaligen gesellschaftlichen, moralischen und politischen Verhältnisse im Obrigkeitsstaat, zeigt beispielsweise unbarmherzig die Unmenschlichkeit des allerorts praktizierten Erziehungssystems auf, andererseits aber macht Heinrich Mann den Kunstgriff, dies alles von einem Menschen mit besonders ekelhaftem Charakter erleben zu lassen. Beides gilt es gut auseinander zu halten.

    Die geltenden Normen und Werte der damaligen Zeit in Deutschland waren geradezu ideal für einen derart schwachen Mann wie Diederich, boten sie ihm doch die Chance, sich als jemand, der keinerlei eigene Überzeugungen, schon gar keine Durchsetzungskraft hatte und dem so etwas wie Individualismus geradezu als lebensbedrohlich galt, in immer wieder anderen "Gemeinschaften" aufzugehen (Schule, Verbindung, Militär), ohne jedoch deren spezifische Anforderungen überhaupt aus Überzeugung mittragen zu wollen. Der geborene "Untertan" also, anpassungsfähig wie ein Chamäleon, schleimig und liebedienerisch bis zum Selbstekel, aber anders wegen seiner völlig fehlenden Charakterstärke eben gar nicht lebensfähig. Aus diesem Holze waren zu aller Zeit und sind bis heute die gefährlichsten Zeitgenossen geschnitzt. Wehe, wenn sie sich in einer Machtorgansiation eine gewisse Position erschleimt haben: Dann werden sie zu Menschenschindern der übelsten Sorte. Aus den Heßlings dieser Welt wurden später die schlimmsten KZ-Schergen rekrutiert.

    Es gibt Menschen die erlauben sich eine andere Ansicht zu vertreten als dieser Magister Wigbold. Welch ein Vergehen! Naja - auch solche User muss man eben aushalten.....

    In die Debatte um den literarischen Wert Thomas Manns werde ich mich nicht einmischen. Was ich dem Literaturnobelpreisträger jedoch wirklich ankreide - und das wiederum hat etwas mit dem hier in Rede stehenden Buch "Der Untertan" seines Bruders zu tun -, ist, dass er diesem wörtlich „ruchlosen Ästhetizismus" vorgeworfen hat. Das war ein klares Fehlurteil - und boshaft obendrein.

    Ich persönlich bin der Ansicht, dass auch Weltliteratur Geschmackssache ist, die nicht jedem gefallen muss. Und wenn sie nicht gefällt, darf man das auch äußern.

    Natürlich ist alle Kunst auch Geschmackssache, liebe Saiya, und ebenso natürlich darf man das sagen. Nur bedeutet, dass jemandem etwas persönlich nicht "schmeckt", nicht gleichzeitig, dass es künstlerisch schlecht sei. Mit anderen Worten: Ich kann mit den Büchern von Ernest Hemingway nicht viel anfangen, dennoch sind sie natürlich Weltliteratur und ihr Autor ein großer Schriftsteller.


    Aber hier geht´s ja nicht um diesen Herrn - und übrigens auch nicht um Thomas Mann ... :)