Beiträge von Dieter Neumann

    Ein LKA-Mann in herausgehobener Stellung, dem beim Notruf in Kenntnis seines fast leeren Handyakkus zweimal hintereinander keine präzisere Beschreibung von Ort und Lage einfällt als "Wir sitzen hier fest!", ein junges Mädchen, das wenige Minuten nachdem es den blutigen Mord an seinem Vater miterlebt hat, schon wieder lächelnd und geradezu unbeschwert herumläuft, Polizisten, die in einem völlig frei stehenden Gebäude ausschließlich eine Seite desselben im Blick haben, ein Wachmann, der sich genau in die Schusslinie stellt, um die Handybergung des ferngesteuerten Panzers zu beobachten, Angreifer, von denen bis zum Ende niemand erfährt, was für eine paramilitärische Truppe sie eigentlich sind, und die höflich mit dem finalen Angriff warten, bis die verwirrten Hausinsassen sich fertig organisiert haben, ein Mann, der - völlig unbemerkt von den anderen - einen Betonboden aufstemmt, ein mannsgroßes quadratisches Loch hineinmeißelt (mit einstiegsfreundlich abgeflachten Kanten), eine dämliche Polizistin, die lieber von ihren Fähigkeiten, ein Radio zum Morsefunk umzurüsten erzählt, statt auf die Idee zu kommen, genau das auch mit dem längst mehrfach gezeigten dort vorhandenen Radio zu tun (was ihr erst am Ende des "Dramas" einfällt), ein psychopathischer Mehrfachmörder, der zum Kumpel wird und unbeschwert mit allen möglichen Waffen herumläuft, ein ... ach, es gäbe noch viele solche Zumutungen zu nennen.

    Ein totaler Schuss in den Ofen, eine reißerische Aneinanderreihung von Peinlichkeiten, das Ganze.

    Da setzt man sich mal wieder vor die Kiste, weil der erste dieser Tukur-Tatorte seinerzeit hervorragend war, und dann das: Der mit weitem Abstand schlechteste Kriminalfilm seit Jahren in der sowieso schlimmen Tatort-Reihe. Der Plot von Anfang bis Ende unrealistisch, die Handlung voller unglaublicher Logikfehler und übler kriminailsitischer Schnitzer, die Figuren albern bis klischeehaft, die Dialoge flach, unglaubwürdig und teilweise unerträglich schwulsttriefend. NICHTS an diesem Machwerk war glaubwürdig. Eine Zumutung, die vermutlich irrwitzige Summen verschlungen hat.

    Danke, Didi. Aber es stimmt nicht. Mein bester ist der nächste. Das ist immer so. ;)

    Bei meinen persönlichen Favoriten liegt "Nachttankstelle" einen Hauch vor "Sommerhit", aber das hat vor allem etwas mit Sprache und Bildhaftigkeit zu tun.

    zu 1: Klar, das mit dem nächsten sagen wir Schreiberlinge immer gern. Da spielt eben auch viel Hoffnung mit ... :lache


    zu 2: Was Duktus und Stilistik angeht, magst du sogar recht haben. Ich erinnere mich, dich nach der Lektüre von "Nachttankstelle" als "Meister der brillanten Metaphern" bezeichnet zu haben. Dem Buch kommt dennoch - immer nur aus meiner Sicht! - nicht ganz dieselbe literarische Bedeutung zu wie "Sommerhit", das einer der herausragenden Wendezeitromane - und damit ein sehr wichtiges Buch deutscher Zeitgeschichte - ist und immer bleiben wird.

    (Und ich merke gerade wieder, wie ungeheuer wichtig mir dieser Roman nach wie vor ist, auch acht Jahre nach dem Erscheinen und neun Jahre nach seiner Fertigstellung.)

    Das sollte er auch sein. Es ist dein bester. :wave


    „Sommerhit“ schimmert als Perle zwischen den wenigen bedeutenden Werken der aktuellen deutschen Gegenwartsliteratur hervor, ist anrührende (nicht rührselige) personalisierte Zeitgeschichte, dabei gnadenlos präzise analysierend, nichts verklärend, sensibel beobachtend, nie aufdringlich, nie betroffenheitsschwanger, voll Melancholie, mit feinsinnigem Humor, mitreißend, vor allem aber, ja!, liebevoll geschrieben." (Aus meiner Eulen-Rezi von 11/2012)

    Bei den geforderten Summen frage ich mich, ob sich der ganze Aufwand für die Kriminellen überhaupt lohnt. Für weniger als 7000 Euro den Tod von vier Gästen in Kauf zu nehmen ist schon krank.

    Wenn du weiterliest, liebe wampy, wirst du erfahren, warum sich das lohnt. Ich will hier nichts verraten, aber die relativ niedrigen Summen machen durchaus Sinn - jedenfalls für diese spezielle Sorte von Kriminellen. Ich hoffe, dir gefällt das Buch auch weiterhin wenigstens "ganz gut". ;)

    Das ist sowieso eines der Dinge, die ich an Helene mag. Sie registriert auch kleine Dinge, die nichts mit ihrer Arbeit zu tun haben, macht sich Gedanken. Das macht es mir als Leserin sehr leicht, ihr zu folgen und gibt dem lieben Dieter natürlich die Möglichkeit so etwas wie die Historie des Flensburger Kommissariatsgebäudes einzustreuen. Das ist immer wieder interessant.

    Ach ja, liebe Saiya, dir fallen diese Passagen eben immer auf - zu meiner großen Befriedigung. :anbetVielleicht geht es auch anderen LeserInnen so, aber der Erwähnung wert finden es auch in den "Profi-Rezensionen", z. B. in der Presse, die wenigsten. Ich versuche in meinen Kriminalromanen immer, einen logischen Spannungsbogen aufzubauen, diesem und einem vordergründigen Schaudern der Leserschaft jedoch nie den Anspruch zu opfern. Und das bedeutet für mich eben, stets Bezüge zur Zeitgeschichte und / oder zu wichtigen Gegenwartsthemen herzustellen. Ich denke, für jeden Menschen, der ein fühlendes Herz und ein denkendes Hirn hat, ist es zum Beispiel geradezu unvermeidlich, sich mit der düsteren Geschichte des Gebäudes zu beschäftigen, in dem er täglich seine Arbeit verrichtet.

    Mein persönliches Highlight ist Nuri. Ach, und ich warte natürlich auf den großen Auftritt des Grauen.

    Kommt, Saiya, kommt. Zwar ziemlich spät, dafür aber gewaltig ... :lache


    Inzwischen habe ich schon neun Lesungen mit dem Buch gehalten (obwohl es gerade erst vier Wochen auf dem Markt ist), und jedesmal ist das Kapitel, in dem der Graue auftritt, das Highlight. Keine Ahnung, warum ... ;)