Beiträge von Dieter Neumann

    Hier ein Ausschnitt aus dem aktuellen "Prantls Blick" (Heribert Prantl, Süddeutsche Zeitung). Er bringt´s auf den Punkt - und entlarvt auch den ebenfalls hier von einem Forumsteilnehmer vorgebrachten Vorwurf der möglichen Unrechtmäßigkeit des Videos als das, was er ist: ein durchsichtiger Versuch, von den kriminellen, staats- und demokratiegefährdenden Machenschaften der rechten Brut abzulenken. Meuthen, der deutsche Rechtsnationale und AfD-Grande, hat Ähnliches ja schon gestern versucht.

    Man kann nur hoffen,dass Prantls letzter Satz aus diesem Auszug hier wirklich zutrifft ...


    Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht. Der Satz gilt auch für die Politik. Heinz-Christian Strache, Vizekanzler von Österreich, hat das nicht geglaubt. Er hat geglaubt, er könne sich alles erlauben. Er hat geglaubt, er könne den österreichischen Trump geben; er hat geglaubt, wer, wie er, in der braunen Soße gebadet hat, sei unverwundbar. Strache hat sich getäuscht. Man kann nicht, auch nicht in Österreich, den Saubermann spielen und dann Drecksreden führen, wie es stundenlang auf dem Ibiza-Video zu hören und zu sehen ist. Die Grundmechanismen der Politik funktionieren in Österreich. Es geht in Österreich viel, aber es geht nicht alles. Der Rücktritt von Strache ist eine Chance für das schöne Land im Herzen der EU. Dieser Rücktritt eröffnet die Chance der Rückkehr des Landes zu einer anständigen Politik.

    Notwehr und Nothilfe
    Der Strache-Skandal ist ein FPÖ-Skandal, es ist der Skandal einer Partei des populistischen Extremismus. Strache und der FPÖ-Fraktionschef im Nationalrat, Johann Gudenus, sind die Hauptfiguranten dieses Skandals. Es wird der FPÖ nicht gelingen, die angebliche Unrechtmäßigkeit des Videos zum Skandal zu machen. Die Publikation dieses Videos war demokratische Pflicht. Es ging und geht um die Aufdeckung von galoppierender Skrupellosigkeit und von Kriminalität. Die Publikation des Videos war und ist Notwehr und Nothilfe. Sie ist Notwehr gegen die Vergiftung des Staates durch die FPÖ-Führer; und sie ist Nothilfe für die österreichische Demokratie.

    Der erste Stein aus der Mauer
    Das Strache-Video, der Strache-Rücktritt - das verändert den Europawahlkampf, nicht nur in Österreich. Mit diesem Skandal, mit diesem Rücktritt bricht der erste große Stein aus der Mauer des populistischen Extremismus in Europa. Das Rumpeln und Krachen des stürzenden Steins hören nicht nur die Wählerinnen und Wähler in Österreich, sondern auch die in Deutschland, Frankreich und Italien.

    Aber die wirklich wichtig Frage ist doch, wieso wird ein solches Video erst kurz vor einer Wahl öffentlich gemacht.

    Das ist tatsächlich eine Frage, auf deren Antwort man gespannt sein darf - falls eine kommt.

    Dennoch : Die "wirklich wichtige Frage" ist dies keineswegs. Die wirklich wichtige Frage ist die, warum immer noch so viele Menschen auf diese rechten Lumpen hereinfallen. Dabei ist das, was der Herr Strache da so absondert, doch genau das, was wir sattsam von den Leuten gewohnt sind, die in der Maske der ehrlichen, gradlinigen Saubermänner einen verquasten "sauberen" Nationalismus vor sich her tragen: In Wirklichkeit ist ihnen - und das hatten wir alles schon mal - jedes Mittel zu einer Machtübernahme recht, von Korruption, Kollaboration mit dem organisisierten Verbrechen und Günstlingswirtschaft über die völlige Missachtung des geltenden Rechts bis hin zur Unterwanderung der Presse mit dem Ziel, sich diese gefügig zu machen. Man stelle sich nur mal vor, was dann wieder käme, wenn den Straches Europas nicht Einhalt geboten würde ...

    Die "wirklich wichtige Frage" ist also nicht, warum wir dieses Video erst nach zwei Jahren zu sehen bekommen, sondern wie es schon wieder passieren kann, dass sich Konservative (in diesem Falle Herr Kurz und seine Partei) allein zum Erlangen und zur Erhaltung ihrer Macht mit Rechten ins Bett legen, von denen jeder, der auch nur ein bisschen Geschichtsunterricht gehabt hat, genau weiß, dass ihre Lippenbekenntnisse zur Demokratie nicht weiter sind als hohle Phrasen.

    Hier, in diesem zweifellos unappetitlichen Video, blicken wir in die unverhüllte Fratze des Totalitarismus. Allein die Ausführungen des Herrn Strache dazu, wie er sich die führende Boulevardzeitung des Landes untertan zu machen gedenkt, sollte auch noch dem Letzten klar machen, was von diesen Leuten zu erwarten ist. Und sie unterscheiden sich darin keinen Deut von der AfD und deren Protagonisten hierzulande.

    Die "wirklich wichtige Frage" ist: Gelingt es uns diesmal, den Vormarsch dieser gewissenlosen Nationalisten, Rassisten und Demokratiefeinde zu bremsen?

    Für Eulen aus Kiel und dem Umland: Am Freitag, dem 10. Mai, komme ich nach Preetz. Um 19:30 Uhr lese ich in der dortigen Stadtbücherei (Gasstr. 5, 24211 Preetz) aus meinem Küstenkrimi "Blutmöwen" und nach der Pause die ShortStory "Dunkles Wasser", mit der ich den 1. Preis des NordMord Award gewonnen habe.

    Würde mich riesig freuen, die eine oder andere Eule dort begrüßen zu können!
    Weitere Infos unter https://www.hdieterneumann.de



    Wer, wie der unsägliche Herr Höcke, sowas sagt: „Christentum und Judentum stellen einen Antagonismus dar. Darum kann ich mit dem Begriff des christlich-jüdischen Abendlands nichts anfangen.“ oder auch: "Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.“ (Dresden, 17. Januar 2017, über das Holocaust-Denkmal in Berlin), ist ebenso ein Nazi wie Gauland, von dem der Satz stammt: "Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte" und von Storch ("Demokratie geht nur national.") oder Frohnmaier ("Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt, dann wird ausgemistet, dann wird wieder Politik für das Volk und nur für das Volk gemacht – denn wir sind das Volk.") - und viele andere.

    Es macht keinen Sinn, das schönzureden. Wer diese Leute wählt, sympathisiert mit Nazis. Weder Unzufriedenheit, noch persönliche Unfähigkeit oder Illusionsverluste, ja, nicht einmal gnadenlose Verblödung taugen als Entschuldigung. Es gibt so etwas wie "ein bisschen Nazi" nicht. Der unselige Geist lebt in breiten Teilen der AfD weiter. Daran sind weder Herr Schröder noch Frau Merkel schuld, sondern allein diejenigen, die in der AfD eine Plattform gefunden haben, ihre Nazigesinnung endlich wieder - oft nur mühsam getarnt - ausleben zu können.

    Jenseits aller Leichtfertigkeit


    Immer noch wird sie heftig geführt, die Debatte um "Stella", den zweiten Roman des jungen Takis Würger (Jg. 85). Zum Erscheinungsdatum am 11. Januar ging ein vielstimmiger Aufschrei durch den Blätterwald des Feuilletons. Hier ein paar Beispiele: "Ein Ärgernis, eine Beleidigung oder ein richtiges Vergehen?" (SZ), "ein Roman voller erzählerischer Klischees" (Zeit). "Leise, glaubwürdig und ja, auch schonungslos" nannte hingegen ausgerechnet die Jüdische Allgemeine das Buch, und für den Bonner General-Anzeiger ist es sogar „ein herausragender Roman“. Und während die Kulturredaktionen des NDR "Stella" zum "NDR-Buch des Monats" gewählt haben, war es für den Deutschlandfunk "eine kitschige Nazi-Schnurre mit Fertigfiguren". Kontrovers also, die Reaktionen der Kritiker, und darüber hinaus oft erstaunlich vehement. Schließlich sei noch erwähnt, dass es auch Rechtsstreitigkeiten zwischen den (mutmaßlichen) Inhabern der postmortalen Verwertungsrechte der Protagonistin und dem Hanser-Verlag gibt.


    „Stella“ ist ein Roman (wohlgemerkt, denn da beginnen schon die Verwirrungen mancher Kritiker: ein Roman!) mit der historischen Figur der Stella Goldschlag. Die ist 1942, im Jahr der Haupthandlung des Buches, gerade mal zwanzig Jahre alt, schön und lebenslustig, vor allem aber eine Jüdin, die Juden an die Nazis verrät – und zwar viele. Schwer gezeichnet, kann sie dem Folterkeller der Gestapo nur durch die Zusage entkommen, Juden, die sich verstecken, zu verraten. Zunächst tut sie dies, um ihre Eltern vor der Deportation zu bewahren, doch natürlich hält sich die Gestapo nicht an diese Zusage. Nach dem Tod ihrer Eltern jedoch macht sie weiter, ist bald als Greiferin unter allen Juden gefürchtet, die in Berlin im Untergrund leben. Nach dem Krieg – und das ist nicht mehr Gegenstand des Romans – verurteilt sie ein sowjetisches Militärtribunal zu zehn Jahren Haft. Nach ihrer Entlassung wird sie dann von einem deutschen Gericht nochmals zu zehn Jahren Haft verurteilt, die aber als bereits verbüßt gelten. Sie heiratet fünfmal - alle Ehen scheitern – und begeht 1994 Selbstmord.


    Takis Würger, Journalist und Redakteur beim Spiegel, hat also einen Roman um eine historische Persönlichkeit herum geschrieben. Das ist schon tausendmal geschehen und nichts Besonderes in der Belletristik. Warum also die Aufregung um dieses Buch? Nun, es geht, wie Birgit Walter in der Berliner Zeitung (16.1.2019) schreibt, um „die Klarstellung, wem die Deutungshoheit der Geschichte gebührt.“ Und die kommt offenbar aus Sicht mancher Kritiker diesem viel zu jungen Mann nicht zu. Birgit Walter sagt dazu: „Dieser Lebenslauf (der von Stella Goldschlag, Anm. d. V.) wie ein Paukenschlag wirft schon beim ersten Zuhören mehr Fragen auf, als je jemand beantworten könnte. Takis Würger kann es auch nicht, er versucht es nicht einmal. Er nähert sich von quasi neutraler Seite und nur für eine Momentaufnahme. Seine Hauptfigur, der Ich-Erzähler Friedrich, ist ein treuherzig-naiver Zwanzigjähriger, Sohn einer Deutschen und eines Schweizer Tuchhändlers. Vermögend, ziellos, neugierig auf die verruchte Nazi-Hauptstadt steigt er, Anfang Januar 1942 vom Genfer See anreisend, im Grand Hotel am Brandenburger Tor ab und bleibt ein Jahr. Will herausfinden, ob das Gerücht stimmt, dass Juden in Berlin nachts in Möbelwagen abgeholt werden. Er nimmt Zeichenunterricht, begegnet Stella als Akt-Modell, als Bar-Sängerin, auf Partys, in der Wohnung des SS-Mannes Tristan von Appen bei amerikanischem Jazz und französischem Roquefort, in seiner Hotel-Badewanne. Er verliebt sich. Ist in der Stadt, als Stella in Gestapo-Fänge gerät, ihre Identität preisgibt und ihre Greifer-Tätigkeit beginnt. Er denkt: „Ich weiß nicht, ob es richtig ist, einen Menschen zu verraten, um einen anderen zu retten.“


    Eine geradezu wahnwitzige Liebesgeschichte in Nazideutschland also, ein Projekt, an dem viele gescheitert wären. Takis Würger nicht. In makellosem Duktus und einer atemberaubend knappen, geradezu lapidaren Sprache, die gerade angesichts des immer wieder aufscheinenden Grauens überaus angemessen und im wahren Wortsinn eindringlich ist, hat er mit „Stella“ einen besonderen Roman geschrieben. Einen, der gleichermaßen mutig wie anspruchsvoll in die dunkle Welt des Jahres 1942 in Berlin eintaucht, der menschliche Zerrissenheit und Leidenschaft ebenso atmet wie die niemals zu fassenden historischen Wahrheiten jener Zeit. Ohne Pathos, ohne erhobenen Zeigefinger und jenseits aller Leichtfertigkeit - auch ein von der Kritik geäußerter Vorwurf übrigens. Dieser Roman maßt sich eben gerade keine Deutungshoheit an, in keiner Zeile. Und vielleicht ist es genau das, was manche Kritiker dermaßen auf die Palme bringt.


    Ein Leseereignis. Ein Buch, das ich dringend empfehle.

    So, diesmal habe ich auch ziemlich lange gebraucht. Lag aber nicht am Buch, sondern daran, dass ich vorgestern Abgabetermin für meinen neuen Roman beim Verlag hatte und nur zwischendurch mal kurze Passagen vom "Untertan" lesen konnte.


    Was soll ich noch sagen, was hier nicht schon vielfach gesagt wurde?

    Vielleicht erst einmal etwas Kritisches: Mir kam es so vor, als zöge sich die Geschichte doch arg hin auf den letzten hundert Seiten. Natürlich passiert ständig irgendetwas, aber eigentlich nichts wirklich Neues, eher immer dasselbe in anderen Szenen. Mir schien es, als sei die Botschaft, die Heinrich Mann im Kleid eines Entwicklungsromans vermitteln will - zweifellos eine fundamental wichtige und für ihre Zeit überaus mutige - nach etwa der Hälfte des Buches "auserzählt". Es kommen keine neuen, überraschenden Aspekte hinzu, weder, was das Bild betrifft, das sich der Leser vom miesen Charakter des Protagonisten schon längst gemacht hat, noch, was die Beschreibung des ekelhaft korrupten, dummen und ideologisch vernagelten Treibens der sogenannten besseren Gesellschaft im deutschen Kaiserreich angeht. Insofern fand ich es leidlich mühsam, mich bis zum Ende durchzukämpfen.


    Das aber ändert natürlich nichts an der Bedeutung dieses Romans, weder im Hinblick auf seine literarische Brillanz, noch als frühes Menetekel für das Grauen, das allzu bald kommen sollte. Es gibt wohl kein anderes Werk in der deutschen Literatur des frühen 20. Jahrhunderts, das dermaßen treffsicher und demaskierend all das vorführt, was damals wie heute Ursprung und Auslöser aller Kriege war und ist. "Der Untertan" ist somit weit mehr als das mutige Sittenbild einer Gesellschaft, die wenig später begeistert in die Hölle des 1. Weltkriegs gezogen ist - und die halbe Welt mit ihr - und die danach, wie wir lernen mussten, auch nichts dazugelernt hat. Es ist ein Buch, das man auch heute aufmerksam lesen sollte, wenn man etwas über Verblendung, über die unausrottbare menschliche Dummheit wissen will, welche allen Kriegen vorangeht, aber auch in unseren Zeiten Mehrheiten für gefährlichen politischen Irrwitz (wie beispielsweise den Brexit) ermöglicht.

    Nach all den Jahren, die seit meiner ersten Lektüre dieses Buches vergangen sind, kam es mir bei der Gerichtsverhandlung so vor, als wäre es erst gestern gewesen. Ein seltenes literarisches Juwel, die ganze lange Passage, in der es Heinrich Mann gelingt, diese Farce geradezu schamlos zu entlarven. Was hier gnadenlos offen gelegt wird, ist das Kernstück des Romans: Die völlige Gewissenlosigkeit der sogenannten Honoratioren in dieser Stadt steht aber nur beispielhaft für die gesamte Gesellschaft der Kaiserzeit, für ihre bigotte Moral, ihren rassistischen deutschen Dünkel, ihre erbärmliche Verlogenheit, vor allem aber für die dumme nationalistische Verblendung der "staatstragenden" Figuren. All das waren übrigens - abseits der weltpolitischen Lage - die tieferen sozialen und moralischen Ursachen für den Ersten Weltkrieg, der ja hier schon am Horizont aufdämmert. Diederich Heßling ist ein besonders schäbiger, charakterlich unsauberer und völlig unsicherer Mensch, ein Kriecher und Treter, ja, aber er ist auch nicht weniger als das kulminierte Ergebnis seiner Zeit.

    Ich verstehe das in dem Zusammenhang einfach als Schimpfwort und Herabwürdigung. Auch heutzutage wird "Jude" oder "Judas" ja leider immer noch als Schimpfwort verwendet, so wie "behindert" oder "schwul".

    So wird es hier im Buch ja auch noch öfter verwendet.

    Genauso ist es. Sagen wir heute zum Beispiel "versifft", hieß es früher "verjudet". Der Jude an sich war (und ist noch heute für nicht wenige Unbelehrbare) der Inbegriff für alles Schmutzige, Unmoralische, Schlechte. Noch meinen Eltern entfuhr angesichts wilder Unordnung im Kinderzimmer der Ausruf: "Hier sieht es ja aus wie in der Judenschule!". Weder hatten sie je eine solche von innen gesehen, noch überhaupt reflektiert, was für ekelhaft rassistisches Zeug sie da absonderten. Das war einfach drin - sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen. Schlimm, ja, aber leider wahr.

    Voltaire schrieb:

    Und es ist schon beschämend, dass man für einen durchschnittlichen Unterhaltungsroman wie die "Buddenbrooks" den Literatur-Nobelpreis bekommt.

    Ich versuche mal, nicht beleidigt zu sein, immerhin ist "Buddenbrooks" mein Lieblingsroman ...

    Gibt auch wirklich keinen Grund, beleidigt zu sein. Die Beurteilung von Büchern ist immer subjektiv. Und manch einer gefällt sich eben darin, ein Werk kleinzureden, für das sein Autor den Nobelpreis erhalten hat. Ist nicht weiter von Belang, denn der Stellenwert der "Buddenbrooks" in der Weltliteratur als erster bedeutender deutscher Gesellschaftsroman wird dadurch nicht einmal angetastet.

    Bevor wir hier in eine Diskussion über Sinn, Zweck oder Notwendigkeit von Streitkräften geraten, bleiben wir doch mal beim Buch, das ich vor ein paar Tagen endlich aus der Buchhandlung abgeholt habe und nun nach vielen Jahren erneut mit großer Begeisterung lese.

    Natürlich ist die Sprache genau diejenige, die der Handlungs- und Entstehungszeit des Buches entspringt, und damit ist sie heute ebenso selbstverständlich "altmodisch" und teilweise sogar schwer in ihrer Tiefe zu erfassen. Dennoch fügen sich Sprache und Inhalt in genialer Weise zu einem stimmigen Sittenbild des ausgehenden 19. Jahrhunderts in Deutschland, besser: in Preußen.

    Eines darf man bei diesem Entwicklungsroman keinesfalls vergessen: Er malt einerseits ein messerscharfes Bild der damaligen gesellschaftlichen, moralischen und politischen Verhältnisse im Obrigkeitsstaat, zeigt beispielsweise unbarmherzig die Unmenschlichkeit des allerorts praktizierten Erziehungssystems auf, andererseits aber macht Heinrich Mann den Kunstgriff, dies alles von einem Menschen mit besonders ekelhaftem Charakter erleben zu lassen. Beides gilt es gut auseinander zu halten.

    Die geltenden Normen und Werte der damaligen Zeit in Deutschland waren geradezu ideal für einen derart schwachen Mann wie Diederich, boten sie ihm doch die Chance, sich als jemand, der keinerlei eigene Überzeugungen, schon gar keine Durchsetzungskraft hatte und dem so etwas wie Individualismus geradezu als lebensbedrohlich galt, in immer wieder anderen "Gemeinschaften" aufzugehen (Schule, Verbindung, Militär), ohne jedoch deren spezifische Anforderungen überhaupt aus Überzeugung mittragen zu wollen. Der geborene "Untertan" also, anpassungsfähig wie ein Chamäleon, schleimig und liebedienerisch bis zum Selbstekel, aber anders wegen seiner völlig fehlenden Charakterstärke eben gar nicht lebensfähig. Aus diesem Holze waren zu aller Zeit und sind bis heute die gefährlichsten Zeitgenossen geschnitzt. Wehe, wenn sie sich in einer Machtorgansiation eine gewisse Position erschleimt haben: Dann werden sie zu Menschenschindern der übelsten Sorte. Aus den Heßlings dieser Welt wurden später die schlimmsten KZ-Schergen rekrutiert.

    Es gibt Menschen die erlauben sich eine andere Ansicht zu vertreten als dieser Magister Wigbold. Welch ein Vergehen! Naja - auch solche User muss man eben aushalten.....

    In die Debatte um den literarischen Wert Thomas Manns werde ich mich nicht einmischen. Was ich dem Literaturnobelpreisträger jedoch wirklich ankreide - und das wiederum hat etwas mit dem hier in Rede stehenden Buch "Der Untertan" seines Bruders zu tun -, ist, dass er diesem wörtlich „ruchlosen Ästhetizismus" vorgeworfen hat. Das war ein klares Fehlurteil - und boshaft obendrein.

    Ich persönlich bin der Ansicht, dass auch Weltliteratur Geschmackssache ist, die nicht jedem gefallen muss. Und wenn sie nicht gefällt, darf man das auch äußern.

    Natürlich ist alle Kunst auch Geschmackssache, liebe Saiya, und ebenso natürlich darf man das sagen. Nur bedeutet, dass jemandem etwas persönlich nicht "schmeckt", nicht gleichzeitig, dass es künstlerisch schlecht sei. Mit anderen Worten: Ich kann mit den Büchern von Ernest Hemingway nicht viel anfangen, dennoch sind sie natürlich Weltliteratur und ihr Autor ein großer Schriftsteller.


    Aber hier geht´s ja nicht um diesen Herrn - und übrigens auch nicht um Thomas Mann ... :)

    Ihr Lieben,


    es fasziniert mich, was ihr hier alles so schreibt. Ich bekam Lust, das Buch mal wieder zu lesen und hier in der Runde dabei zu sein. Wie Voltaire, habe ich also in meinem Fundus gegraben und - wie er auch - nicht gefunden. Muss es irgendwann mal jemandem geliehen haben. Nicht das erste Werk, das auf diese Weise meine Regale auf Nimmerwiedersehen verlassen hat ... :rolleyes


    Habe es also gerade bestellt. Kann es Anfang d. Woche abholen und steige dann ein, wenn ihr mich noch dazu nehmt. :wave

    Alleine diese Titulierung finde ich völlig daneben. Primitiv - danke, dann lese ich halt sehr gerne Primitiv-Bücher.

    Okay, das wusste ich nicht.

    Aber mir ging es auch nicht um die LeserInnen bestimmter Bücher - und mit keinem Wort habe ich ein Urteil über diese abgegeben! -, sondern um deren (der Bücher) Eignung oder eher Nichteignung für Leserunden. Und das war´s auch schon.

    DAS finde ich nun einen sehr gewagten Ausspruch.... und sehr arrogant !

    Tatsächlich? Das ist lediglich eine Tatsachenfeststellung - und ich habe kein Buch explizit angesprochen. Sieh dir einfach mal die Liste der Belletristik-Neuerscheinungen 2018 an.

    Manch einer hat auch einen Krimi/Thriller schon als Trivialliteratur betitelt, weil da auch IMMER jemand mordet und die Charaktere sehr eindeutig mit Gut und Böse verteilt sind.

    Das stimmt. Triviale Literatur gibt´s in jedem Genre, auch bei Kriminalromanen - da sogar häufig. Aber es gibt auch solche, in denen keineswegs die Charaktere sehr eindeutig mit Gut und Böse verteilt sind. Das sind dann diejenigen, die auch in einer Leserunde genügend Stoff für guten Gedankenaustausch bieten.

    Auch bei einem eher leichten Roman finden sich genügend Punkte, um darüber zu diskutieren, wenn man denn möchte.

    Sicherlich. Man kann schließlich über alles reden, wenn man partout will. ;)

    Danke Mariion , ich kann mich deinem Beitrag nur anschließen!

    Ihr Lieben, ihr wollt das doch wohl nicht ernsthaft bestreiten:

    Der Markt wird überschwemmt mit Massen von anspruchslosen, glatt gelutschten, weich gespülten Büchern ohne Ecken und Kanten,

    oder?

    Und je weniger ein Buch zu Interpretationen herausfordert, desto weniger ist es eben für Leserunden geeignet, finde ich. DAS habe ich gesagt, und daran ist m. E. nichts auszusetzen.

    Bei Leserunden mit Autorenbegleitung bin ich mir noch nicht so ganz sicher, was ich davon halten soll, da hatte ich auch erst zwei. Einerseits hat es schon Spaß gemacht und war auch sehr intensiv und informativ, andererseits empfand ich diese beiden LR doch irgendwie als "Lesen unter verschärfter Beobachtung", und das behagt mir nicht. Vielleicht muss man sich aber auch erst daran gewöhnen, dass der Verfasser des Textes dabei ist ... da zu kommentieren ist doch etwas anderes, als unter Nur-Lesern, so habe ich das jedenfalls empfunden.

    Deine Bedenken sind verständlich, aber du macht dir da unnötige Gedanken, finde ich. Denk einfach mal daran, dass Autoren ja ständig mit Kritiken leben müssen (zumindest, wenn sich ihre Bücher einigermaßen verkaufen), und die kommen aus allen möglichen Ecken: von Kritikern, von geschulten oder weniger geschulten Rezensenten, von kenntnisreichen oder eingebildeten Journalisten, von Bloggern - und auch von LeserInnen. Da ist es - und das habe ich oben in meinem Beitrag zu erläutern versucht - geradezu eine Erholung, sich einmal in kuscheliger Forumsrunde mit seinen LeserInnen austauschen zu können.


    Autoren sind doch keine Zensoren, die über Gut oder Schlecht eines Leserbeitrags zu befinden hätten! Autoren schreiben Bücher - that´s it -, und die einzige Instanz, die für sie wirklich von Bedeutung ist, sind die LeserInnen. Umso schöner, hin und wieder die Gelegenheit zu bekommen, in einer Leserunde mit VertreterInnen dieser höchsten Instanz in engen Kontakt zu treten und ihre WIRKLICHE Meinung zum Buch zu erfahren.

    Natürlich freut man sich über begeisterte Reaktionen, das ist doch sonnenklar, aber wenn´s nicht gefällt, wäre falsche Rücksichtnahme völlig fehl am Platze, denn der Autor begibt sich freiwillig in eine solche Leserunde. Und bei den Eulen weiß er, dass hier nicht alles weichgespült wird. Was gut ist.

    Möglicherweise gibt es aber heute auch zu viele Bücher, die an und für sich nicht so sehr leserundengeeignet sind? Ein Auto, dessen Karosserie sich nur nach dem CW-Wert richtet, bietet dem Wind kaum noch Angriffsfläche. Ein Buch, das nach den (angeblichen?) Lesegewohnheiten ausgerichtet und darauf zugeschnitten wird, demgemäß kaum noch "Angriffspunkte" für Diskussionen? Manchmal will es mir so scheinen.

    Da kann ich dir nur zustimmen!

    Der Markt wird überschwemmt mit Massen von anspruchslosen, glatt gelutschten, weich gespülten Büchern ohne Ecken und Kanten. Natürlich gibt´s dafür ein Publikum, keine Frage, sonst würde dieses Zeug sich ja nicht verkaufen, aber für lebendige Leserunden ist solcherlei oberflächliche Primitivliteratur nicht geeignet. Was sollte man denn auch Erhellendes, Konstruktives oder gar Tiefsinniges darüber austauschen? Da bleibt eben nur die Flucht in "finde die Protagonistin sehr nett", "der Sowieso ist mir aber unsympathisch" oder ähnlich belangloses Geschwafel.

    Die Frage, ob Leserunden noch zeitgemäß seien, beantworte ich, naturgemäß aus der Sicht eines "Eulenautors", mit einem klaren JA.


    Ein paar Gedanken dazu:

    Wenn ein neues Buch von mir in einer Leserunde gelesen wird, ist das für mich so etwas wie eine virtuelle Buchlesung. Ich halte ziemlich viele Lesungen mit meinen Büchern, nicht nur in Buchhandlungen und Bibliotheken, sondern am liebsten an außergewöhnlichen Orten wie z. B. auf historischen Schiffen, in alten Gemäuern oder in Museen.

    Die gemeinsame Lesung in einer virtuellen Runde ist für mich nichts anderes als ein Austausch mit den LeserInnen, wobei hier noch der große Vorteil hinzukommt, dass diese auch untereinander viel intensiver diskutieren können, als dies auf einer Lesung möglich wäre. Das Zuhören bei diesem Austausch ist für mich als Autor meistens ungemein erhellend und hat Einfluss auf meine Arbeit am nächsten Buch.

    Den möglichst intensiven Kontakt mit seinen LeserInnen kann nämlich NICHTS ersetzen, wenn man als Autor hautnahes, aufrichtiges Feedback erleben will. Leserunden ermöglichen diesen - und deshalb mag ich sie.


    Allerdings halte ich nichts davon, kostenlose Leseexemplare auszuloben, damit man Leute für eine solche Runde gewinnt. Wer meine Bücher lesen will, soll sie kaufen. Wer nicht, soll´s lassen. Für mich wäre das vergleichbar mit der seuchenartig um sich greifenden Unsitte gewisser Selfpublisher, ihre Werke zum Preis einer Aldi-Gurke anzubieten. Das finde ich auch abstoßend.


    Des Weiteren glaube ich nicht an allzu viele Vorschriften, z. B. was den Umfang und die Art der Meinungsäußerungen angeht. Oder dass jeder, der an einer Leserunde teilnimmt, eine Rezension zu verfassen habe. Auch hier der Vergleich zu "normalen" Lesungen: Es gibt immer wieder Leute im Publikum, die Fragen stellen, Anmerkungen machen und sich intensiv an der Diskussion mit dem Autor beteiligen, aber eben auch solche, die sich ungern in coram publico äußern. So what?


    Und ein letztes Wort zu Kritiken: Natürlich hat jedes literarische Genre seine LeserInnen. Ich würde mich z. B. nie an einer Leserunde für eines dieser ...äh, na, nennen wir mal einfach einen Titel, um zu verdeutlichen, was ich meine: "Die kleine Bäckerei am Ende des Strandwegs" - oder so ... beteiligen.

    Wer aber ein Buch aus einem ihm genehmen Genre gekauft und es im Rahmen einer Leserunde gelesen hat, hat alles Recht der Welt, seinen Unmut kund zu tun, wenn es ihm nicht gefallen hat. Der Autor, der das nicht verträgt (egal, ob Eule oder "Fremder"), sollte Vogelhäuschen für den eigenen Garten basteln, aber die Öffentlichkeit nicht mit Büchern belästigen. :)


    In diesem Sinne: Es leben die Eulen-Leserunden! :dafuer