Beiträge von Dieter Neumann

    So, diesmal habe ich auch ziemlich lange gebraucht. Lag aber nicht am Buch, sondern daran, dass ich vorgestern Abgabetermin für meinen neuen Roman beim Verlag hatte und nur zwischendurch mal kurze Passagen vom "Untertan" lesen konnte.


    Was soll ich noch sagen, was hier nicht schon vielfach gesagt wurde?

    Vielleicht erst einmal etwas Kritisches: Mir kam es so vor, als zöge sich die Geschichte doch arg hin auf den letzten hundert Seiten. Natürlich passiert ständig irgendetwas, aber eigentlich nichts wirklich Neues, eher immer dasselbe in anderen Szenen. Mir schien es, als sei die Botschaft, die Heinrich Mann im Kleid eines Entwicklungsromans vermitteln will - zweifellos eine fundamental wichtige und für ihre Zeit überaus mutige - nach etwa der Hälfte des Buches "auserzählt". Es kommen keine neuen, überraschenden Aspekte hinzu, weder, was das Bild betrifft, das sich der Leser vom miesen Charakter des Protagonisten schon längst gemacht hat, noch, was die Beschreibung des ekelhaft korrupten, dummen und ideologisch vernagelten Treibens der sogenannten besseren Gesellschaft im deutschen Kaiserreich angeht. Insofern fand ich es leidlich mühsam, mich bis zum Ende durchzukämpfen.


    Das aber ändert natürlich nichts an der Bedeutung dieses Romans, weder im Hinblick auf seine literarische Brillanz, noch als frühes Menetekel für das Grauen, das allzu bald kommen sollte. Es gibt wohl kein anderes Werk in der deutschen Literatur des frühen 20. Jahrhunderts, das dermaßen treffsicher und demaskierend all das vorführt, was damals wie heute Ursprung und Auslöser aller Kriege war und ist. "Der Untertan" ist somit weit mehr als das mutige Sittenbild einer Gesellschaft, die wenig später begeistert in die Hölle des 1. Weltkriegs gezogen ist - und die halbe Welt mit ihr - und die danach, wie wir lernen mussten, auch nichts dazugelernt hat. Es ist ein Buch, das man auch heute aufmerksam lesen sollte, wenn man etwas über Verblendung, über die unausrottbare menschliche Dummheit wissen will, welche allen Kriegen vorangeht, aber auch in unseren Zeiten Mehrheiten für gefährlichen politischen Irrwitz (wie beispielsweise den Brexit) ermöglicht.

    Nach all den Jahren, die seit meiner ersten Lektüre dieses Buches vergangen sind, kam es mir bei der Gerichtsverhandlung so vor, als wäre es erst gestern gewesen. Ein seltenes literarisches Juwel, die ganze lange Passage, in der es Heinrich Mann gelingt, diese Farce geradezu schamlos zu entlarven. Was hier gnadenlos offen gelegt wird, ist das Kernstück des Romans: Die völlige Gewissenlosigkeit der sogenannten Honoratioren in dieser Stadt steht aber nur beispielhaft für die gesamte Gesellschaft der Kaiserzeit, für ihre bigotte Moral, ihren rassistischen deutschen Dünkel, ihre erbärmliche Verlogenheit, vor allem aber für die dumme nationalistische Verblendung der "staatstragenden" Figuren. All das waren übrigens - abseits der weltpolitischen Lage - die tieferen sozialen und moralischen Ursachen für den Ersten Weltkrieg, der ja hier schon am Horizont aufdämmert. Diederich Heßling ist ein besonders schäbiger, charakterlich unsauberer und völlig unsicherer Mensch, ein Kriecher und Treter, ja, aber er ist auch nicht weniger als das kulminierte Ergebnis seiner Zeit.

    Ich verstehe das in dem Zusammenhang einfach als Schimpfwort und Herabwürdigung. Auch heutzutage wird "Jude" oder "Judas" ja leider immer noch als Schimpfwort verwendet, so wie "behindert" oder "schwul".

    So wird es hier im Buch ja auch noch öfter verwendet.

    Genauso ist es. Sagen wir heute zum Beispiel "versifft", hieß es früher "verjudet". Der Jude an sich war (und ist noch heute für nicht wenige Unbelehrbare) der Inbegriff für alles Schmutzige, Unmoralische, Schlechte. Noch meinen Eltern entfuhr angesichts wilder Unordnung im Kinderzimmer der Ausruf: "Hier sieht es ja aus wie in der Judenschule!". Weder hatten sie je eine solche von innen gesehen, noch überhaupt reflektiert, was für ekelhaft rassistisches Zeug sie da absonderten. Das war einfach drin - sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen. Schlimm, ja, aber leider wahr.

    Voltaire schrieb:

    Und es ist schon beschämend, dass man für einen durchschnittlichen Unterhaltungsroman wie die "Buddenbrooks" den Literatur-Nobelpreis bekommt.

    Ich versuche mal, nicht beleidigt zu sein, immerhin ist "Buddenbrooks" mein Lieblingsroman ...

    Gibt auch wirklich keinen Grund, beleidigt zu sein. Die Beurteilung von Büchern ist immer subjektiv. Und manch einer gefällt sich eben darin, ein Werk kleinzureden, für das sein Autor den Nobelpreis erhalten hat. Ist nicht weiter von Belang, denn der Stellenwert der "Buddenbrooks" in der Weltliteratur als erster bedeutender deutscher Gesellschaftsroman wird dadurch nicht einmal angetastet.

    Bevor wir hier in eine Diskussion über Sinn, Zweck oder Notwendigkeit von Streitkräften geraten, bleiben wir doch mal beim Buch, das ich vor ein paar Tagen endlich aus der Buchhandlung abgeholt habe und nun nach vielen Jahren erneut mit großer Begeisterung lese.

    Natürlich ist die Sprache genau diejenige, die der Handlungs- und Entstehungszeit des Buches entspringt, und damit ist sie heute ebenso selbstverständlich "altmodisch" und teilweise sogar schwer in ihrer Tiefe zu erfassen. Dennoch fügen sich Sprache und Inhalt in genialer Weise zu einem stimmigen Sittenbild des ausgehenden 19. Jahrhunderts in Deutschland, besser: in Preußen.

    Eines darf man bei diesem Entwicklungsroman keinesfalls vergessen: Er malt einerseits ein messerscharfes Bild der damaligen gesellschaftlichen, moralischen und politischen Verhältnisse im Obrigkeitsstaat, zeigt beispielsweise unbarmherzig die Unmenschlichkeit des allerorts praktizierten Erziehungssystems auf, andererseits aber macht Heinrich Mann den Kunstgriff, dies alles von einem Menschen mit besonders ekelhaftem Charakter erleben zu lassen. Beides gilt es gut auseinander zu halten.

    Die geltenden Normen und Werte der damaligen Zeit in Deutschland waren geradezu ideal für einen derart schwachen Mann wie Diederich, boten sie ihm doch die Chance, sich als jemand, der keinerlei eigene Überzeugungen, schon gar keine Durchsetzungskraft hatte und dem so etwas wie Individualismus geradezu als lebensbedrohlich galt, in immer wieder anderen "Gemeinschaften" aufzugehen (Schule, Verbindung, Militär), ohne jedoch deren spezifische Anforderungen überhaupt aus Überzeugung mittragen zu wollen. Der geborene "Untertan" also, anpassungsfähig wie ein Chamäleon, schleimig und liebedienerisch bis zum Selbstekel, aber anders wegen seiner völlig fehlenden Charakterstärke eben gar nicht lebensfähig. Aus diesem Holze waren zu aller Zeit und sind bis heute die gefährlichsten Zeitgenossen geschnitzt. Wehe, wenn sie sich in einer Machtorgansiation eine gewisse Position erschleimt haben: Dann werden sie zu Menschenschindern der übelsten Sorte. Aus den Heßlings dieser Welt wurden später die schlimmsten KZ-Schergen rekrutiert.

    Es gibt Menschen die erlauben sich eine andere Ansicht zu vertreten als dieser Magister Wigbold. Welch ein Vergehen! Naja - auch solche User muss man eben aushalten.....

    In die Debatte um den literarischen Wert Thomas Manns werde ich mich nicht einmischen. Was ich dem Literaturnobelpreisträger jedoch wirklich ankreide - und das wiederum hat etwas mit dem hier in Rede stehenden Buch "Der Untertan" seines Bruders zu tun -, ist, dass er diesem wörtlich „ruchlosen Ästhetizismus" vorgeworfen hat. Das war ein klares Fehlurteil - und boshaft obendrein.

    Ich persönlich bin der Ansicht, dass auch Weltliteratur Geschmackssache ist, die nicht jedem gefallen muss. Und wenn sie nicht gefällt, darf man das auch äußern.

    Natürlich ist alle Kunst auch Geschmackssache, liebe Saiya, und ebenso natürlich darf man das sagen. Nur bedeutet, dass jemandem etwas persönlich nicht "schmeckt", nicht gleichzeitig, dass es künstlerisch schlecht sei. Mit anderen Worten: Ich kann mit den Büchern von Ernest Hemingway nicht viel anfangen, dennoch sind sie natürlich Weltliteratur und ihr Autor ein großer Schriftsteller.


    Aber hier geht´s ja nicht um diesen Herrn - und übrigens auch nicht um Thomas Mann ... :)

    Ihr Lieben,


    es fasziniert mich, was ihr hier alles so schreibt. Ich bekam Lust, das Buch mal wieder zu lesen und hier in der Runde dabei zu sein. Wie Voltaire, habe ich also in meinem Fundus gegraben und - wie er auch - nicht gefunden. Muss es irgendwann mal jemandem geliehen haben. Nicht das erste Werk, das auf diese Weise meine Regale auf Nimmerwiedersehen verlassen hat ... :rolleyes


    Habe es also gerade bestellt. Kann es Anfang d. Woche abholen und steige dann ein, wenn ihr mich noch dazu nehmt. :wave

    Alleine diese Titulierung finde ich völlig daneben. Primitiv - danke, dann lese ich halt sehr gerne Primitiv-Bücher.

    Okay, das wusste ich nicht.

    Aber mir ging es auch nicht um die LeserInnen bestimmter Bücher - und mit keinem Wort habe ich ein Urteil über diese abgegeben! -, sondern um deren (der Bücher) Eignung oder eher Nichteignung für Leserunden. Und das war´s auch schon.

    DAS finde ich nun einen sehr gewagten Ausspruch.... und sehr arrogant !

    Tatsächlich? Das ist lediglich eine Tatsachenfeststellung - und ich habe kein Buch explizit angesprochen. Sieh dir einfach mal die Liste der Belletristik-Neuerscheinungen 2018 an.

    Manch einer hat auch einen Krimi/Thriller schon als Trivialliteratur betitelt, weil da auch IMMER jemand mordet und die Charaktere sehr eindeutig mit Gut und Böse verteilt sind.

    Das stimmt. Triviale Literatur gibt´s in jedem Genre, auch bei Kriminalromanen - da sogar häufig. Aber es gibt auch solche, in denen keineswegs die Charaktere sehr eindeutig mit Gut und Böse verteilt sind. Das sind dann diejenigen, die auch in einer Leserunde genügend Stoff für guten Gedankenaustausch bieten.

    Auch bei einem eher leichten Roman finden sich genügend Punkte, um darüber zu diskutieren, wenn man denn möchte.

    Sicherlich. Man kann schließlich über alles reden, wenn man partout will. ;)

    Danke Mariion , ich kann mich deinem Beitrag nur anschließen!

    Ihr Lieben, ihr wollt das doch wohl nicht ernsthaft bestreiten:

    Der Markt wird überschwemmt mit Massen von anspruchslosen, glatt gelutschten, weich gespülten Büchern ohne Ecken und Kanten,

    oder?

    Und je weniger ein Buch zu Interpretationen herausfordert, desto weniger ist es eben für Leserunden geeignet, finde ich. DAS habe ich gesagt, und daran ist m. E. nichts auszusetzen.

    Bei Leserunden mit Autorenbegleitung bin ich mir noch nicht so ganz sicher, was ich davon halten soll, da hatte ich auch erst zwei. Einerseits hat es schon Spaß gemacht und war auch sehr intensiv und informativ, andererseits empfand ich diese beiden LR doch irgendwie als "Lesen unter verschärfter Beobachtung", und das behagt mir nicht. Vielleicht muss man sich aber auch erst daran gewöhnen, dass der Verfasser des Textes dabei ist ... da zu kommentieren ist doch etwas anderes, als unter Nur-Lesern, so habe ich das jedenfalls empfunden.

    Deine Bedenken sind verständlich, aber du macht dir da unnötige Gedanken, finde ich. Denk einfach mal daran, dass Autoren ja ständig mit Kritiken leben müssen (zumindest, wenn sich ihre Bücher einigermaßen verkaufen), und die kommen aus allen möglichen Ecken: von Kritikern, von geschulten oder weniger geschulten Rezensenten, von kenntnisreichen oder eingebildeten Journalisten, von Bloggern - und auch von LeserInnen. Da ist es - und das habe ich oben in meinem Beitrag zu erläutern versucht - geradezu eine Erholung, sich einmal in kuscheliger Forumsrunde mit seinen LeserInnen austauschen zu können.


    Autoren sind doch keine Zensoren, die über Gut oder Schlecht eines Leserbeitrags zu befinden hätten! Autoren schreiben Bücher - that´s it -, und die einzige Instanz, die für sie wirklich von Bedeutung ist, sind die LeserInnen. Umso schöner, hin und wieder die Gelegenheit zu bekommen, in einer Leserunde mit VertreterInnen dieser höchsten Instanz in engen Kontakt zu treten und ihre WIRKLICHE Meinung zum Buch zu erfahren.

    Natürlich freut man sich über begeisterte Reaktionen, das ist doch sonnenklar, aber wenn´s nicht gefällt, wäre falsche Rücksichtnahme völlig fehl am Platze, denn der Autor begibt sich freiwillig in eine solche Leserunde. Und bei den Eulen weiß er, dass hier nicht alles weichgespült wird. Was gut ist.

    Möglicherweise gibt es aber heute auch zu viele Bücher, die an und für sich nicht so sehr leserundengeeignet sind? Ein Auto, dessen Karosserie sich nur nach dem CW-Wert richtet, bietet dem Wind kaum noch Angriffsfläche. Ein Buch, das nach den (angeblichen?) Lesegewohnheiten ausgerichtet und darauf zugeschnitten wird, demgemäß kaum noch "Angriffspunkte" für Diskussionen? Manchmal will es mir so scheinen.

    Da kann ich dir nur zustimmen!

    Der Markt wird überschwemmt mit Massen von anspruchslosen, glatt gelutschten, weich gespülten Büchern ohne Ecken und Kanten. Natürlich gibt´s dafür ein Publikum, keine Frage, sonst würde dieses Zeug sich ja nicht verkaufen, aber für lebendige Leserunden ist solcherlei oberflächliche Primitivliteratur nicht geeignet. Was sollte man denn auch Erhellendes, Konstruktives oder gar Tiefsinniges darüber austauschen? Da bleibt eben nur die Flucht in "finde die Protagonistin sehr nett", "der Sowieso ist mir aber unsympathisch" oder ähnlich belangloses Geschwafel.

    Die Frage, ob Leserunden noch zeitgemäß seien, beantworte ich, naturgemäß aus der Sicht eines "Eulenautors", mit einem klaren JA.


    Ein paar Gedanken dazu:

    Wenn ein neues Buch von mir in einer Leserunde gelesen wird, ist das für mich so etwas wie eine virtuelle Buchlesung. Ich halte ziemlich viele Lesungen mit meinen Büchern, nicht nur in Buchhandlungen und Bibliotheken, sondern am liebsten an außergewöhnlichen Orten wie z. B. auf historischen Schiffen, in alten Gemäuern oder in Museen.

    Die gemeinsame Lesung in einer virtuellen Runde ist für mich nichts anderes als ein Austausch mit den LeserInnen, wobei hier noch der große Vorteil hinzukommt, dass diese auch untereinander viel intensiver diskutieren können, als dies auf einer Lesung möglich wäre. Das Zuhören bei diesem Austausch ist für mich als Autor meistens ungemein erhellend und hat Einfluss auf meine Arbeit am nächsten Buch.

    Den möglichst intensiven Kontakt mit seinen LeserInnen kann nämlich NICHTS ersetzen, wenn man als Autor hautnahes, aufrichtiges Feedback erleben will. Leserunden ermöglichen diesen - und deshalb mag ich sie.


    Allerdings halte ich nichts davon, kostenlose Leseexemplare auszuloben, damit man Leute für eine solche Runde gewinnt. Wer meine Bücher lesen will, soll sie kaufen. Wer nicht, soll´s lassen. Für mich wäre das vergleichbar mit der seuchenartig um sich greifenden Unsitte gewisser Selfpublisher, ihre Werke zum Preis einer Aldi-Gurke anzubieten. Das finde ich auch abstoßend.


    Des Weiteren glaube ich nicht an allzu viele Vorschriften, z. B. was den Umfang und die Art der Meinungsäußerungen angeht. Oder dass jeder, der an einer Leserunde teilnimmt, eine Rezension zu verfassen habe. Auch hier der Vergleich zu "normalen" Lesungen: Es gibt immer wieder Leute im Publikum, die Fragen stellen, Anmerkungen machen und sich intensiv an der Diskussion mit dem Autor beteiligen, aber eben auch solche, die sich ungern in coram publico äußern. So what?


    Und ein letztes Wort zu Kritiken: Natürlich hat jedes literarische Genre seine LeserInnen. Ich würde mich z. B. nie an einer Leserunde für eines dieser ...äh, na, nennen wir mal einfach einen Titel, um zu verdeutlichen, was ich meine: "Die kleine Bäckerei am Ende des Strandwegs" - oder so ... beteiligen.

    Wer aber ein Buch aus einem ihm genehmen Genre gekauft und es im Rahmen einer Leserunde gelesen hat, hat alles Recht der Welt, seinen Unmut kund zu tun, wenn es ihm nicht gefallen hat. Der Autor, der das nicht verträgt (egal, ob Eule oder "Fremder"), sollte Vogelhäuschen für den eigenen Garten basteln, aber die Öffentlichkeit nicht mit Büchern belästigen. :)


    In diesem Sinne: Es leben die Eulen-Leserunden! :dafuer

    Dörte Hansen - „MITTAGSSTUNDE“


    Die Wucht einer großen norddeutschen Erzählung


    Genau ein halbes Jahrhundert hat es gedauert, bis jemandem eine gleichwertige erzählerische Glanzleistung gelungen ist wie Siegfried Lenz mit seinem Meisterwerk „Deutschstunde“. Dörte Hansen ist so etwas wie Lenz´ kongeniale Muse der Gegenwart. Dabei macht sie nicht etwa stilistische Anleihen beim Altmeister – im Gegenteil: Ihr betörender Duktus und ihre ausgefeilte Erzählstruktur sind ein ganz eigenständiges literarisches Erlebnis. Mit Lenz aber teilt sie eine originelle, traumwandlerisch sichere und dennoch sparsame Sprache und die in jeder Zeile spürbare Liebe zu allem, was sie zu erzählen hat.

    Und was ist das nun in der „Mittagsstunde“? Der Verlag sagt dazu:


    Die Wolken hängen schwer über der Geest, als Ingwer Feddersen, 47, in sein Heimatdorf zurückkehrt. Er hat hier noch etwas gutzumachen. Großmutter Ella ist dabei, ihren Verstand zu verlieren, Großvater Sönke hält in seinem alten Dorfkrug stur die Stellung. Er hat die besten Zeiten hinter sich, genau wie das ganze Dorf. Wann hat dieser Niedergang begonnen? In den 1970ern, als nach der Flurbereinigung erst die Hecken und dann die Vögel verschwanden? Als die großen Höfe wuchsen und die kleinen starben? Als Ingwer zum Studium nach Kiel ging und den Alten mit dem Gasthof sitzen ließ? Mit großer Wärme erzählt Dörte Hansen vom Verschwinden einer bäuerlichen Welt, von Verlust, Abschied und von einem Neubeginn.


    Alles richtig, und dennoch erzählt uns das Buch viel mehr. „Mittagsstunde“ ist vordergründig ein Roman über den unaufhaltsamen Wandel des dörflichen Lebens im rauen Land des Nordens. Es ist jedoch noch viel mehr: Dörte Hansen spannt einen packenden historischen Bogen – kenntnisreich, liebevoll, aber niemals rührselig – vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis in die Gegenwart, schildert einen Ausschnitt deutscher Nachkriegsgeschichte mit feiner Ironie, jedoch messerscharf, legt dabei auch das Innerste ihrer Figuren bloß, ohne sie aber zu verletzen.

    Tatsächlich geht es hier um den Untergang überkommener dörflicher Wirtschafts- und Sozialstrukturen, aber ohne diese auch nur ansatzweise zu verklären oder den Wandel gar zu beweinen. Vielmehr zeigt Dörte Hansen schonungslos die Beschränktheit der über Generationen in dörflicher Isolation lebenden Menschen auf, erzählt von deren erschreckender Bildungsfeindlichkeit und legt gnadenlos die archaischen Regeln des Zusammenlebens in diesem Mikrokosmos offen.


    Ein in jeder Hinsicht beeindruckender Roman über menschliche Schwächen, über Fatalismus, über Schuld und Schulden, aber auch über die Lust am Leben und die Macht der Duldsamkeit. Dörte Hansen erzählt uns etwas über Vergänglichkeit, vorgeführt an den Menschen im fiktiven Brinkebüll, ein nordfriesisches Dorf, das genauso gut die ganze Welt sein könnte.


    Literatur zum Niederknien. „Mittagsstunde“ trifft mit der Wucht der großen Erzählung und berührt tief.

    Ihr Lieben, ich steh auf dem Schlauch. Gern würde ich wieder einmal eine Rezension einstellen, aber mir wird einfach nicht klar, wie das inzwischen funktioniert. In den Anweisungen (die allerdings noch aus 2006 stammen) steht etwas davon, die ISBN in ein "dafür vorgesehenes Feld" einzutragen. Ja. so kannte ich das auch bisher, aber so ein Feld finde ich nicht mehr. Überhaupt: Inzwischen sehe ich zu einem Buch, das rezensiert wurde, immer zwei Post, einen mit dem Text und einen anderen mit der ISBN. Verwirrend. Muss man das jetzt so machen? Und wo kommt denn sonst der Link zum entsprechenden Buch bei Amazon hin, wenn es dafür gar kein Feld mehr gibt. Das ist alles furchtbar unübersichtlich, finde ich, so dass ich erst mal aufgegeben habe.