Beiträge von made

    Fazit:


    Ein tolles Buch, das ich sehr gerne gelesen habe, manche Abschnitte auch zwei- oder dreimal. Eine wunderbare Sprache und die überspitzten Formulierungen des Lord Henry machen Freude. Es entsteht ein Bild der damaligen Gesellschaft, das fast eine Karikatur ist.


    Ich habe meine Zweifel, dass die Seele einem im Gesicht geschrieben steht, wie Basil sagt. Und genau darum geht es in dem Buch. Ich will das aber im übertragenen Sinn sehen. Es geht wohl darum, wie andere mich sehen und wie sehr mich das bei meinen Handlungen beeinflusst. Es ist wohl unbestreitbar, dass man einiges, was man gerne tun möchte, bleiben lässt, um nicht „sein Gesicht zu verlieren“.

    Dorian konnte sein wahres Gesicht und mit ihm auch sein Gewissen „auslagern“. Somit konnte er „die Sau rauslassen“, ohne sein Ansehen zu verlieren.


    Offen bleiben allerdings einige Fragen. Bis zu welchem Grad formt das Umfeld eines Menschen sein Gewissen oder wie weit ist es angeboren? Wie weit kann man sich ändern? Es heißt nicht umsonst, man kann nicht aus seiner Haut. Warum will man sich ändern? Wie frei ist der Wille?

    20. Kapitel


    Was für ein Ende!


    Damit habe ich ja nie gerechnet. Dass Dorian am Ende des Buches nicht mehr lebt, ist jetzt nicht so ganz überraschend. Ich habe erwartet, dass er entweder von einem anderen umgebracht wird, er sich selbst umbringt, im Gefängnis landet etc., aber nicht, dass er sich unabsichtlich selbst tötet.


    Sicher war es für Dorian ein Schock, als das Bild ihm zeigte, dass sein Wunsch gut zu werden nur von Eitelkeit und Heuchelei herrührte. Um für die Zukunft seinen Frieden zu finden, muss er dieses Bild, das ihm wie ein Gewissen war, zerstören.


    Aber was ist eigentlich passiert, als Dorian sein Bild zerstörte? Ist seine Seele zu ihm zurückgekehrt, und ist er deshalb alt geworden? Und gleichzeitig mit der Seele hat er sich selbst getötet?

    19. Kapitel


    Dorian will jetzt also gut werden. Haben ihn die letzten Ereignisse aufgerüttelt? Oder ist es so, dass ihn eher die Hässlichkeit als die Schlechtigkeit seiner Seele stört?

    Will Dorian nur deshalb gut werden, weil es gut rüberkommt? Ich glaube fast, ja. Basils Ermordung jedenfalls scheint ihn nicht mehr sehr zu berühren.


    Dorian tastet sich bei Lord Henry heran, wie der dazu stehen würde, dass er Basil umgebracht hat. Zuerst dachte ich, das soll das eine Beichte werden. Wars wohl aber nicht. Vielleicht wollte er nur imponieren.

    Für eine Beichte hätte er sich auch den Falschen ausgesucht. Lord Henry ist kein Freund, mit dem man über die Dinge reden, die einen belasten.

    Für Lord Henry ist ja auch alles ganz einfach: Es gibt keinen Willen, alles wird von Zellen und Nerven bestimmt.

    Dabei hätte er merken müssen, dass etwas an Dorian nagt.

    Ich habe den Eindruck, er hat irgendetwas vor.


    Ich glaube, zum Nachdenken hat ihn Lord Henrys Aussage gebracht, dass ein Mensch, der einmal getötet hat, es noch einmal tun könnte.

    18. Kapitel (2. Teil)


    Doch Dorian beruhigt sich.


    Dann kommt die Szene mit dem Hasen. Dorian will verhindern, dass der erschossen wird. Da dachte ich mir für kurze Zeit: Endlich zeigt er Empathie! Die Ernüchterung kam schnell, ihn beeindruckt nur die „graziöse Bewegung des Tieres“. Wieder einmal geht es ihm nur um Schönheit.


    Aber schon wieder ist es mit der Ruhe vorbei. Es wird ein Mann erschossen (wie hässlich!). Dorian hat wieder Todesangst.

    Doch es stellt sich heraus, dass ausgerechnet James Vane der Tote ist. Dorian ist gerettet.


    Dieser außergewöhnliche Zufall wirkt auf mich, als ob hier von einem Wesen außerhalb unserer Welt etwas inszeniert wird und Dorian eine Figur aus einem Theaterstück ist, das da gerade gezeigt wird. Wer ist der Autor?


    Lord Henrys Äußerung zu dieser Tötung ist haarsträubend:

    Zitat

    „Wenn nun aber Geoffrey es absichtlich getan hätte, wie interessant wäre er! Ich möchte gern jemanden kennen, der einen wirklichen Mord begangen hat.“

    18. Kapitel (1. Teil)


    Das ist wieder ein tolles Kapitel. Dorian durchlebt eine Achterbahn der Gefühle!


    Zuerst hat ihn eine „wilde Angst vor dem Tod“ gepackt, es ist von vergeblichen Vorsätzen und wilder Reue die Rede.

    Aber schon setzt eine Abwehrreaktion ein. Er fragt sich, ob er sich das nur eingebildet hat. Ich denke, das ist eine ganz normale Reaktion bei so heftigen Ereignissen. Man zweifelt seine eigenen Sinne und Verstand an, denkt, es ist alles nur ein böser Traum, aus dem man gleich aufwachen werde.


    Der Leser bekommt diesen wunderschönen Satz geschenkt:

    Zitat

    „Die Phantasie hetzte den Gewissensbiss gegen die flüchtigen Füße der Sünde.“


    Da kommt mir eine Schlange vor mein inneres Auge.


    Ich finde es typisch für Dorian: Obwohl er mittlerweise überzeugt ist, dass ihm die Phantasie einen Streich gespielt hat, ist er so verzweifelt, dass er herzzerbrechend weint, aber nicht aus Reue, sondern nur aus Angst, dieses „schreckliche Hirngespinst“ werde ihn für den Rest seines Lebens verfolgen. Es geht wieder einmal nur um ihn, er hat sich überhaupt nicht geändert.

    17. Kapitel


    Eine Woche später scheint sich Dorian von dem Schrecken erholt zu haben, er gibt eine Gesellschaft. Wobei ich eher vermute, er hat dies getan, um sich abzulenken, und das scheint auch gut zu funktionieren.


    Dieses Wortgeplänkel zwischen Lord Henry und der Herzogin nervt mich. Ja, es ist ein Spiel zwischen ihnen, und wenn man sonst keine geistigen Herausforderungen hat, macht es eben Spaß.


    Aber dann der Schock: Sibyls Bruder James taucht auf.

    Ich frage mich, wie er ihn gefunden hat.

    16. Kapitel


    Was für ein Umschwung!


    Dorian erkennt, dass seine Seele „krank zum Tode“ ist und dass Vergebung unmöglich ist. Es bleibt für ihn nur das Vergessen.

    Ich glaube nicht, dass Dorian Reue empfindet und das Unrecht einsieht, das er getan hat. In seinen Gedanken heißt es nicht: Oh, Gott! Was hab ich getan! Ich habe Basil getötet.

    Da heißt es nur: „Unschuldiges Blut war vergossen worden.“ Und außerdem sei ja Basil selbst Schuld daran. Mit welchem Recht habe er so zu ihm gesprochen. Auch an Sibyls Tod fühlt er sich nicht schuldig.


    Und jetzt schlägt er ins völlige Gegenteil um. Es ergreift ihn eine Sucht zu leben. Während er früher die Hässlichkeit abgelehnt hat, „weil sie die Dinge wirklich machte“, will er jetzt genau diese Wirklichkeit. Das ist das wahre Leben.

    Aber ist denn nicht die echte Wirklichkeit beides, Schönheit und Hässlichkeit?


    Ich frage mich, wer die Frau ist, die Sibyls Kosenamen für ihn, „Prinz Wunderhold“, erwähnt. Woher kennt sie diesen Namen? Zuerst dachte ich, es wäre Sibyls Mutter. Aber ich verstehe James so, dass sie nicht mehr lebt.


    Am Ende war es ziemlich knapp für Dorian, als James ihn umbringen wollte. Dass ihm dieser rettende Gedanke kam! Erstaunlich in dieser Situation, finde ich. Oder war gerade diese lebensbedrohende Situation der Auslöser für diesen Gedankenblitz?


    Es wird auch eine psychologische Erklärung für die Ursache von Sünde geliefert: der wilde Trieb hemmt den freien Willen, tötet das Gewissen oder spornt zur Auflehnung an.

    15. Kapitel


    Zitat

    Vielleicht sieht man nie so ruhig aus, als wenn man eine Rolle zu spielen hat.


    Möglicherweise ist das die Erklärung für meine Frage im vorigen Kapitel, warum mir Dorians Gefühle so fern sind.


    Im Laufe des Abends bei Lady Narborough wird offensichtlich, dass Dorian ein Problem hat.



    Was es mit dieser „grünen Paste“ auf sich hat, habe ich in der Leserunde zu diesem Buch entdeckt.

    14. Kapitel


    Nach all diesen Ereignissen schläft Dorian friedlich. Nicht zu fassen. Erst allmählich fällt ihm wieder ein, was passiert ist und

    Zitat

    alles, was er gelitten hatte

    Es ist hier mindestens das zweite Mal, dass Dorian sagt oder denkt, dass er gelitten hat. Das erste Mal war nach Sibyls Tod. Als Leser kann ich das in der Schilderung der Ereignisse der letzten Nacht nicht nachempfinden. So wie die Gefühle Dorians beschrieben werden, berührt es mich kaum. Warum ist das so?


    Dennoch bezeichnet er das, was er getan hatte, als eine Sünde, die

    Zitat

    „man erwürgen musste, damit sie einen nicht erwürgte.“

    Hat er doch noch ein Gewissen oder hat er eher Angst, dass er für seine Tat zur Rechenschaft gezogen werden würde?


    Und in einem Anflug von lyrischen Empfindungen hat er Mitleid mit Basil.

    Zitat

    „Armer Basil! Wie furchtbar so zu sterben!“

    Aber vielleicht ist das auch nur seine Sicht als Zuschauer eines Theaterstücks.


    Das Warten auf Alan Campbell ist schier unerträglich. Das ist so großartig beschrieben, dass ich hier tatsächlich Dorians Gefühle nachvollziehen kann.

    Zitat

    „Dann blieb plötzlich die Zeit für ihn stehen. Ja, die blinde, langsam atmende Zeit rührte sich nicht mehr, und, da sie tot war, jagten entsetzlich Gedanken mit furchtbarer Schnelligkeit über ihn hin und wühlten eine grässliche Zukunft aus ihrem Grab und zeigten sie ihm.“


    Diese „Anwandlung von Feigheit“ ist jedoch schlagartig zu Ende, als Alan ankommt.

    Als Dorian ihn um Hilfe bittet, war mir schon klar, dass er ihm gegenüber ein Druckmittel hat.

    Ich denke, dass man hier das Alter beachten muss. Lord Henry ist älter, hat schon reichlich Lebenserfahrung. Dorian ist jung, am Anfang seines Erwachsenenlebens, und er wird um das Staunen und Scheitern gebracht. Das kann nicht gut sein für eine Persönlichkeitsentwicklung!

    Ja, das leuchtet mir ein. Das Alter spielt hier sicher eine Rolle.

    Und genau das ist das Problem: keine Höhen, keine Tiefen und erst recht keine Freude daran, kein Schmerz des Scheiterns und kein Wachsen daran. Das ist kein Leben!

    Und Grund, sich noch mehr in Genuss zu flüchten.


    Ich denke gerade darüber nach, wie es für Dorian gewesen wäre, wenn es nicht dieses Zusammentreffen der Philosophie Lord Henrys, also Zuschauer seiner selbst zu sein, mit dem Bildnis, das anstatt seines Gesichtes die Rolle des Spiegels seiner Seele übernommen hat, gegeben hätte.

    Ohne Bildnis hätte Dorian bald seine Ausstrahlung verloren und ohne die passive Rolle als Zuschauer hätte sein Gewissen manches verhindert.

    Es musste also beides zusammentreffen, damit es zu Katastrophe kommt.

    13. Kapitel


    Was für ein Kapitel! Es fängt an in der Stimmung einer Geisterstunde, dann kommt Blitz und Donner, und es kehrt wieder Ruhe ein.


    Puh, damit hätte ich nie gerechnet, dass Dorian Basil umbringt! Ich habe eher erwartet, dass Basil psychisch zu Grunde gehen würde, wenn er das Geheimnis des Bildes erfahren sollte.


    Ich verstehe Dorian nicht. Er hat auf mich all die Jahre gewirkt, als ob er ganz gut mit seinem Leben klar kommt: Keine Gewissensbisse, eine Sicht auf sich selbst wie ein Zuschauer.

    Und genauso wird es in diesem Kapitel auch beschrieben: „kein wirklicher Schmerz und keine wirkliche Freude. Es war nur die Leidenschaft des Zuschauers“.


    Aber dann seine Aussage, das Bild hätte ihn zerstört. Und dann weint er. Das Schlimme ist, dass er keinen Ausweg sieht. Er sagt, es ist zu spät. Anscheinend hat er schon früher versucht, sich dem Einfluss des Bildes zu entziehen. Hat er womöglich gewaltige innere Kämpfe ausgefochten, von denen der Leser bisher gar nichts mitbekommen hat? Vielleicht hat die Erfolglosigkeit dieser Kämpfe gerade einen Kreislauf in Gang gesetzt, sich noch mehr abzulenken, noch mehr Gier auf Erlebnisse und Genuss erzeugt.


    Dorian zeigt Basil dessen Denkfehler: Es gibt keinen idealen Menschen.

    Zitat

    „Jeder von uns hat Himmel und Hölle in sich, Basil!“

    Und in Dorian hat die eine Seele die Kontrolle über die andere übernommen.


    Es überkommt ihn unbändiger Hass auf Basil, und er tötet ihn.

    Anschließend ist er wieder genauso ruhig wie vorher. Er bezeichnet Basils Leiche als „Ding“!=O

    12. Kapitel


    Mittlerweile sind ungefähr 20 Jahre vergangen. Erst jetzt redet Basil Dorian ins Gewissen. Hat es tatsächlich solange gedauert, bis er gemerkt hat, dass etwas nicht stimmt? Klar wollte er den Gerüchten um Dorian nicht glauben. Schließlich ist er sein Freund und außerdem ist er der Überzeugung:

    Zitat

    Die Sünde ist etwas, was sich einem Menschen aufs Gesicht schreibt.

    Ist das tatsächlich so?


    Basil merkt nur indirekt, dass etwas mit Dorian nicht stimmt, nämlich an dessem Umfeld.

    Zitat

    „Man hat ein Recht, einen Menschen nach der Wirkung zu beurteilen, die er auf seine Freunde übt.“


    Und auf einmal hat Dorian keine Hemmungen mehr, Basil sein Bildnis sehen zu lassen. Und Dorian ist sich bewusst, dass Basil, als Schöpfer dieses Porträts, schwer daran tragen würde. Er scheint sich darüber sogar zu freuen.

    Ich fürchte, für Basil geht das nicht gut aus.

    11. Kapitel


    Offensichtlich sind mehrere Jahre vergangen. Eigentlich scheint für Dorian alles gut zu laufen. Er ist in der Gesellschaft beliebt, bei den Jungen eine Art Stilikone. Er möchte einen neuen Plan der Lebensführung erstellen, der zur „Vergeistigung der Sinne“ führen soll. Ich weiß nicht, was ich mir darunter vorstellen soll. Ist das die intensive Beschäftigung mit Düften, Musik, außergewöhnlichen Juwelen und Stoffe, die in diesem Kapitel sehr ausführlich beschrieben wird?


    Wenn da nicht das Bild und sein Geheimnis wäre und die immense Angst, dass sein Geheimnis entdeckt wird.


    Dorians Bildnis ist gealtert und zeigt Spuren „der Verderbnis seiner eigenen Seele“. Es erzeugt in ihm ambivalente Gefühle. Der Gegensatz zu seiner unveränderten Schönheit regte sein Lustgefühl an. Es gibt aber Augenblicke,

    Zitat

    wo er mit Mitleid … an das Verderben dachte, das er über seine Seele gebracht hatte


    Offensichtlich bereut er nichts. Er hat nur gelegentlich Mitleid mit seiner Seele und Angst, dass alles auffliegt.


    Ich frage mich, was das für ein Verderben ist. Es wird nur angedeutet, indem von einem schmutzigen Zimmer in einer berüchtigten Kneipe die Rede ist, von geheimnisvoller längerer Abwesenheit, von Angst, Erniedrigung seines Lebens, scheußlichen Orten, Gerüchten über Diebe und Falschmünzer.


    Ein großer Genuss war mir zu lesen, wie Wilde das Erwachen vor Tagesanbruch beschreibt.

    Zitat

    Langsam schieben sich weiße Finger zwischen den Vorhängen durch und scheinen zu zittern. In schwarzen verzerrten Formen kriechen lautlose Schatten in die Zimmerecken und bleiben da hocken...

    :anbet

    10. Kapitel


    Dorian scheint mir zwiegespalten zu sein. Seine Leidenschaften bereichnet er als „Schatten des Bösen“, er spricht von „furchtbaren Wegen“. Er ist heilfroh, als sein Bildnis, „das Grauenhafte“ und Ausdruck „seine Schande“, endlich weggesperrt ist.


    Aber gleichzeitig ist da noch etwas ihm. Er denkt an Rettung und Läuterung.


    Basil und Lord Henry sind die Verkörperung dieser zwei Strömungen in ihm. Mit Basil verbindet er Begriffe wie Rettung und Liebe, mit Lord Henry Seelengift.


    Er entschließt sich für das Gift, d. h. für den Weg der Leidenschaften. Ich denke, sein Satz über das Buch, das Lord Henry ihm zu lesen gegeben hat, trifft auch auf sein künftiges Leben zu:

    Zitat

    „Ich sagte nicht, dass es mir gefällt, Harry. Ich sagte, es bezauberte mich. Das ist ein großer Unterschied.“

    9. Kapitel


    Basil ist entsetzt darüber, dass Dorian Sibyls Tod so schnell abgehakt hat.

    Dorian:

    Zitat

    "Ein Mensch, der Herr über sich selbst ist, kann einem Schmerz so leicht ein Ende machen, wie er einen Genuss finden kann."

    Zitat

    „Sie lebte ihre schönste Tragödie … spielte sie schlecht, weil sie die Liebe als Wirklichkeit kennengelernt hatte. Als sie ihre Unwirklichkeit kennenlernte, starb sie … Sie floh wieder ins Land der Kunst.“


    Ich gestehe, dass ich das immer noch nicht ganz begreifen kann. Sieht Dorian Sibyl als Figur der Kunst? Bevor sie ihn kennengelernt hatte, war für sie Theater Wirklichkeit. Sie stellte sich das reale Leben und vor allem die Liebe so vor, wie in den Stücken, die sie spielte. Und er hat sich nicht in Sibyl verliebt, sondern in die Gesamtheit der Figuren, die sie verkörperte.

    Als dann die Wirklichkeit dazwischen kam, passte alles nicht mehr zusammen. So ist es nach Dorians Meinung besser, sie kehrt zur Kunst zurück und handelt, wie sie es von dort kennt.

    Zitat

    „Die künstlerische Seelenverfassung … gilt mir noch mehr.“

    Ihren Abgang fand er großartig. Vorhang runter, das Spiel ist aus.

    Zitat

    „Zuschauer seines eigenen Lebens werden, wie Harry sagt, heißt dem Leiden des Lebens entrinnen.“


    Aber heißt es nicht auch, sich in Distanz zu begeben? Kann man die Freuden des eigenen Lebens genießen, wenn man es als Zuschauer beobachtet? Man stellt sich damit automatisch außerhalb. Lord Henry scheint eher ein Zuschauer des Lebens der anderen zu sein. Weil er schon alles kennengelernt hat, wie er im 6. Kapitel gesagt hat?


    Übrigens habe ich mich schon im vorigen Kapitel gefragt, ob auch andere Betrachter außer Dorian die Veränderung in seinem Bild wahrnehmen können.