Beiträge von made

    3. Tag, Morgen - Taunton, Somerset


    96 – 98


    Ich fass es nicht! Stevens trainiert „scherzhafte Bemerkungen“ an Hand geeigneter Radiosendungen und selbstgestellten Übungsaufgaben. In einem Gasthaus bietet sich die Gelegenheit praktische Erfahrung an Einheimischen zu sammeln. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll.


    99 - 105


    Noch am Tag vorher hat sich Stevens vergeblich Gedanken über den Grund seiner Verleugnung Lord Darlingtons gemacht. Jetzt hilft ihm ein Zufall, um über den Umweg über das Thema Silberputzen endlich auf den Grund dieser Verleugnung, nämlich auf die Beziehung zwischen seinem Dienstherrn und Ribbentrop zu kommen.

    Jetzt kann ich mir vorstellen, worauf Stevens mit „törichten Geschwätz“ angespielt hat. Und ich verstehe auch, dass sich Stevens nicht mit fremden Leuten über Lord Darlington unterhalten will.


    Das Silberputzen ist dann auch die gedankliche Überleitung zu Ms. Kenton. Stevens bekommt immer mehr Zweifel, ob sie überhaupt zurückkommen will.

    Wird eigentlich erwähnt, aus welchem Grund sie überhaupt diesen Brief an Stevens geschrieben hat? Wenn sie sich an ihre früheren Dialoge erinnert, wird ihr klar sein, dass er versteckte Hinweise suchen wird.

    2. Tag, Nachmittag – Mortimer's Pont, Dorset

    85 – 95


    Ich gebe zu, ich war etwas genervt, als es schon wieder um das Thema „Großer Butler“ ging. Aber dann war es doch nicht so schlimm. Da zu einem großen Butler Verbundenheit mit einem vornehmen Haus gehört, erklärt Stevens, was er unter einem vornehmen Haus versteht. Ich finde es positiv, dass es für ihn nicht so sehr um die Abstammung geht, sondern um das moralische Format des Dienstherrn.


    Und dann ist von zwei Episoden die Rede, in denen Stevens seinen früheren Dienstherrn verleugnet hat. Da war ich aber verblüfft. Ich hätte eher erwartet, dass er sich ganz im Gegenteil stolz zu ihm bekennen würde. Er spricht auch von törichten Geschwätz über Lord Darlington. Sehr rätselhaft. Es klingt, als ob er ihn in Schutz nehmen wollte.

    Auch Stevens weiß nicht, warum er das getan hat. Ich vermute, da stecken verdrängte Ereignisse dahinter. Ich wundere mich, dass er auch den Gästen Mr. Faradays gegenüber seinen Dienst bei Lord Darlington abstreitet. Hätte er nicht voraussehen müssen, dass er damit peinliche Situationen herrufen könnte? Ich würde sagen, das war nicht professionell.

    Etwas irritiert bin ich, dass der Autor in die Beschreibung der dramatischen und tragischen Ereignisse zwei Szenen einbaut, die doch erheiternd sind.


    Einmal ist es der Auftrag, den Stevens von Lord Darlington erteilt bekommt, den jungen Reginald mit den „Bedingungen des Daseins“ :grinvertraut zu machen (62), bevor er heiratet.


    Die Szene in 83/84 finde ich krass, als Stevens sich zwingt, mit Reginald zu lachen, obwohl ihm zum Weinen zumute ist. Da ist mir ein Schauer über den Rücken gelaufen.

    Und kurz darauf besucht er seinen Vater und stellt fest, dass Ms. Mortimer Fettflecken im Gesicht hat, als habe sie sich für eine Variete-Vorführung geschminkt. Und deshalb hat es nach Bratenfleisch gerochen.


    In solchen Ausnahmesituationen sind wohl alle Sinne aufs äußerste angespannt.

    Manchmal bedaure ich ihn sehr, denn tatsächlich ist er kein kalter oder gefühlloser Mensch. Er hat sie nur so tief in seinem Inneren verborgen, dass er nur in besonderen Situationen Zugang dazu findet. Wie jetzt auf seiner Reise.

    Ich stelle fest, dass ich anfange, ihn trotz allem zu mögen.

    Mich wundert übrigens immer, wie so ein "erstklassiger Butler" überhaupt zu einem Privatleben und einem Kind kommen konnte.

    Vielleicht war ja so ein erstklassiger Butler nicht von Anfang an ein erstklassiger Butler. Vielleicht hatte er als junger Mann mehr Privatleben. Aber sicher leidet früher oder später die Familie darunter.

    Ähnlich geht es heute doch auch diesen Karrieretypen.

    Mal schauen, vielleicht erfährt man noch etwas mehr über Stevens Jugend.

    53 – 84


    Im folgenden beschreibt Stevens die Vorbereitung und Durchführung der Konferenz vom Mai 1923. Er tut das in aller Ausführlichkeit, um die Wichtigkeit der Konferenz darzulegen. Das ist ihm wichtig, um dem Eindruck entgegenzuwirken, er hätte seinen Vater „schonungslos behandelt“.

    Es klingt so, als ob er ein schlechtes Gewissen gegenüber seinem Vater hat.


    Es ist manchmal schwer erträglich, zu lesen, wie schlecht es Stevens Vater geht, während sein Sohn ihm keine Zeit widmet.

    Es wird aber deutlich, dass Stevens ganz in Sinne seines Vaters gehandelt hat, der es vor seinem Tod noch schafft, seinem Sohn zu sagen, dass er stolz auf ihn ist. Ich kann mir vorstellen, wie wichtig das für beide war. Ich denke schon, dass Stevens Vater ein Vorbild für Stevens ist.

    Leider kann Stevens die Frage seines Vater, ob er ein guter Vater gewesen war, nicht mit „Ja“ beantworten. Was hat sich Stevens in dem Moment gedacht? „Nein, du warst kein guter Vater. Du warst nie für mich da.“ Oder: „Du hast getan, was möglich war.“? Weiß Stevens überhaupt, was ein guter Vater ist. Er scheint ja keine Familie zu haben.

    Das stimmt, doch geht es ihm um die Würde der früheren beruflichen Stellung seines Vaters.

    Ganz sicher.


    Ich habe mich auch gefragt, welche Gefühle Stevens seinem Vater gegenüber hatte. Ganz sicher Achtung und Respekt vor seiner Lebensleistung. Aber mehr?

    Doch, ich glaube schon. Schließlich rollen ihm beim Dinner der Konferenz Tränen über das Gesicht und er schämt sich nicht dafür.

    Mir kommt es so vor, als sei Stevens zwar um seinen Vater besorgt, aber eher deshalb, weil er das Funktionieren des Haushalts sicherstellen will.

    Das habe ich mich auch gefragt. Aber die Tatsache, dass er beharrlich darauf besteht, dass Ms. Kenton seinen Vater nicht mit dem Vornamen anredet und somit ein Abweichen von den üblichen Regeln fordert, zeigt, dass es Stevens nicht nur um das Funktionieren des Haushalts geht. Ich glaube, es geht ihm auch um die Würde seines Vaters.


    Ich werde später noch etwas dazu schreiben.

    51 – 52


    Ach, ist mir warm ums Herz geworden. Stevens begegnet auf seiner Reise einer Bäuerin, deren Huhn er beinahe überfahren hätte. Ihre Einladung zum Tee hat er leider nicht angenommen. Einem Gespräch zwischen ihnen hätte ich sehr gern zugehört.

    Es freut mich zu hören, wie diese Begegnung seine Stimmung verbessert und dass er dies auch zulässt.

    „Irgendetwas an dieser Episode hatte mich in eine sehr gute Stimmung versetzt“. Und er sieht sogar mit Hochstimmung seinen weiteren Unternehmungen entgegen.


    Es ist so wohltuend, dass hier in der sonst permanent unterkühlten Stimmung plötzlich Wärme auftritt.

    Und schon zu viel verraten.

    Sorry

    Kein Problem.


    45 – 50


    Ich war erstaunt, als Stevens hier seine eigenen Erinnerungen in Frage stellte. Normalerweise sind in Romanen die Rückblenden immer unzweifelhaft. Ich denke, das soll Stevens Korrektheit ausdrücken. Er will einfach keinen Fehler machen und niemandem Unrecht tun.


    Fast erschrocken war ich über das distanzierte Verhältnis zwischen Stevens und seinem Vater. Er spricht ihn in der 3. Person an! Doch woher sollte auch ein enges Verhältnis kommen. Vermutlich hatte Stevens Vater kaum Zeit für seinen Sohn. Und als sich dann ihre Wege trennten: wie oft sahen sie sich privat? Und jetzt sind auch noch die Hierarchien vertauscht, Stevens ist der Vorgesetzte seines Vaters! Eine ganz schwierige Situation.


    Trotz allem merkt man, dass Stevens sein Vater nicht egal ist. Er setzt sich für ihn ein, er meint, ihn gegen Ms. Kenton in Schutz nehmen zu müssen. Ihm fällt dessen winzige Kammer negativ auf. Er konnte wohl kaum etwas dagegen unternehmen.

    made, ich finde Stevens gar nicht komisch, sondern eine wirklich tragische Person.

    Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich bei einigen wenigen Szenen in meinem Kopf Bilder habe, die aus einem nicht gerade erstklassigem Schwarz-Weiß-Film stammen könnten, in denen ein immer strenger Butler sagt: Sehr wohl, Sir!


    Ich schließe jetzt aus deinem Satz, dass das Buch kein gutes Ende hat.

    2. Tag, Morgen - Salisbury


    35 – 44


    Stevens erinnert sich an die Dialoge mit Ms. Kenton über seinen Vater, die wohl schon mehr als 30 Jahre zurückliegen.


    Es war sehr amüsant mitzuverfolgen, wie beide mit äußerster Höflichkeit versuchen, sich gegen den anderen durchzusetzen.

    Es ist unglaublich, wie sie um den heißen Brei herumredet, um ihn darauf hinzuweisen, dass sein Vater überfordert ist. Und weil Stevens, wie ich vermute, das einfach nicht wahrhaben will, muss sie sich immer neue Dinge einfallen lassen.


    Was für ein Aufwand! Immerhin zog sich das Ganze über Wochen hin. Einmal erwägt Stevens, diese äußerst korrekte Autoritätsperson, sogar, regelrecht vor Ms. Kenton über die Veranda zu fliehen. Aber er verwirft den Gedanken, weil ja irgendwer die Tür schließen muss. :lache

    Ich denke, das hat was mit Gesichtwahren zu tun. Als Deutsche können wir das vielleicht noch viel weniger verstehen. Uns wird ja nachgesagt, wir seien viel zu direkt.


    Ich frage mich, warum Stevens sich jetzt ausgerechnet an diese Episoden erinnert. Ist es deshalb, weil er in letzter Zeit an sich selbst solche kleinen Fehler wahrgenommen hat, wie sie seinem Vater unterlaufen sind? Sieht er Parallelen zwischen sich und seinem Vater?

    21 – 34


    Und jetzt zu der weltbewegenden Frage: Was ist ein großer Butler?


    Diesen Abschnitt fand ich weitgehend zäh und langweilig. Aber inzwischen ist mir klar geworden, dass es so sein muss, um Stevens zu verstehen.


    Immerhin gibt es anschauliche Beispiele eines großen Butlers. Die Story in Indien mit dem Tiger unter dem Esstisch erfüllt jedes Klischee eines Engländers im Allgemeinen und eines Butlers im Besonderen.:grin


    Stevens wird für mich immer mehr zur tragikomischen Figur.

    Dass die Gespräche über „den großen Butler“ mit einem „Amtskollegen“ zu Stevens besten Erinnerungen gehören, finde ich traurig. Anscheinend gibt es in seinem Kopf nicht viel anderes als seinen Beruf.


    Und nach langen Ausführungen erfahre ich endlich: Die berufliche Identität eines großen Butlers ist wie ein Anzug, den man erst ablegt, wenn man allein ist.


    Immer wieder bin ich hin- und hergerissen, ob ich das alles hier traurig finden soll oder eher komisch. Und manchmal frage ich mich, ob es ernst gemeint ist oder doch gewaltig überspitzt.


    Stevens Ansicht, dass nur Engländer die emotionale Zurückhaltung aufbringen, die zu einen guten Butler gehört, ist dann schon wieder eher erheiternd.

    habe kurz entschlossen noch einmal mit diesem begonnen.

    Super!

    Betroffen machte mich, dass er einen großen Teil seiner Ersparnisse aufwenden muss, um ein Mal im Leben eine bescheidene Reise zu machen.

    Ich habe mich auch gefragt, wieviel so ein Butler damals verdient hat.


    1. Tag abends - Salisbury

    16 - 20

    Ich fand das zunächst auch traurig, wie wenig Stevens in seinem Leben herumgekommen ist. Allerdings ist das vielleicht im Jahr 1956 eher normal.


    Es gefällt mir, wie Stevens beschreibt, wie er seine gewohnte Umgebung verlässt und dann zu dem Aussichtpunkt kommt. Er lässt sich sogar zu der Aussage hinreißen: "Es war ein schönes Gefühl."

    Wow, wie emotional!


    Ich habe mich gewundert, dass für Stevens ausgerechnet die englische Landschaft die bewegenste der Welt ist, dass sie Größe hat.

    Nun ja. Da er, wie er erklärt, unter Größe Ruhe und Zurückhaltung versteht, mag er recht haben.

    Anscheinend überträgt der die Anforderungen an einen guten Butler auf die Landschaft. :lache

    Andere Dienstboten haben sicher auch mal Privates besprochen. Stevens aber sicher nicht, darauf kommen wir noch zurück.

    Es war sicher nicht so einfach, sich ein Stück Privatsphäre zu bewahren. Aber gerade, dass da Menschen teilweise über Jahrzehnte sehr eng zusammen lebten, sind doch bestimmt Freundschaften und Ersatzfamilien entstanden.

    Aber es gab auch Hierarchien innerhalb der Angestellten. Und Stevens hatte da wohl eine besondere Stellung.

    13 - 15

    Und dieses Problem mit dem "scherzenden Ton" lässt ihm keine Ruhe. Er würde es gern mit anderen Kollegen besprechen. Leider ergibt sich keine Gelegenheit. Schade! Es wäre sicher interessant gewesen, einem Dialog zwischen zwei Butler über dieses Thema zuzuhören. :lache


    Allerdings erfährt man bei der Gelegenheit, wie es zumindest früher im Dienstbotenzimmer zugegangen ist. Mir klingt das alles zu fachbezogen. Haben die nicht auch mal etwas Privates besprochen?

    Ich werde im folgenden die Nummer des Hörabschnitts dazufügen. Insgesamt sind es 179.


    1 - 11

    Mir gefällt es sehr gut, gerade diese beschauliche und verschlungene Art des Erzählens.

    Sie passt ja wunderbar zu dem Butler Stevens. Da kommt sehr gut rüber, wie er tickt. Ob es die Reisevorbereitungen sind oder das umständliche Vergewissern, ob das Angebot seines Dienstherrn Farraday bezgl. des Autos noch gilt.

    Und es entbehrt nicht einer gewissen Komik, wie Stevens völlig sachlich und ausführlichweit sein Problem mit Farradays "scherzendem Ton" beschreibt. Wie soll er darauf reagieren? Er lächelte "in korrekter Weise". :lache

    ASIN/ISBN: B077S3B57R


    Vor ein paar Tage habe ich angefangen, dieses Buch zu hören. Allerdings habe ich jetzt den Eindruck, dass ich es nur zu Ende bringen werde, wenn ich mich hier ab und zu dazu äußere.

    Durch diese Pausen hoffe ich in die Langsamkeit hineinzugeraten, die dieses Buch braucht.


    Ich habe gesehen, dass es dazu schon eine Leserunde gegeben hat. Da werde ich mal hineinlesen. Mehr später.

    Da mich das erste Buch, das ich von Jenny Erpenbeck las, „Gehen, ging, gegangen“, sehr beeindruckte, war es selbstverständlich, dass ich um dieses Hörbuch keinen Bogen machte, als ich zufällig darauf stieß.


    Der Titel der ersten Erzählung „Eisland“ passt nicht nur zur ersten Geschichte, die in Island spielt, er passt auch zu den beiden anderen, in denen es um Gefühlskälte geht.


    Es passiert nicht viel. Dennoch fesselt dieses Buch. Distanziert und mit genauester Beobachtung erzählt die Autorin vom Leben der Hauptpersonen. Es werden keine Gefühlswelten ausgebreitet. Allein die Beschreibung der Umgebung, Vorgänge und Gedanken strahlen Eiseskälte und Einsamkeit aus.

    Und irgendwann wurde mir bewusst, wie dieses Eisland auch in meinem Innersten hochkroch.


    Großartig!


    ASIN/ISBN: 382185460X