Beiträge von made

    Da mir die Leseabschnitte zu lang sind, poste ich hier in kleineren Häppchen.


    Kap. 6 – 9


    Livia tut mir leid. Sie ist unsterblich verliebt, weiß aber, dass sie Felix verlieren wird. Mit ihrer Antwort auf den telegrafischen Heiratsantrag gibt sie Felix alle Hoffnung ohne ihn zu irgendetwas zu verpflichten.

    Vielleicht hat sie doch noch ein Fünkchen Hoffnung auf ein Happy End. Es wäre schön, wenn man später noch von ihr lesen würde. Ich vermute aber eher nicht.


    Und zum anderen finde ich, dass der Autor die Stimmung auf dem Schiff und auf der Reise nach Wien richtig gut eingefangen hat. Wie alle zu Beginn richtig euphorisch und ausgelassen sind. Und wie schnell das aber auch kippen kann, als das Schiff auf irgendetwas aufläuft und kurzfristig Panik ausbricht. Der Autor erzeugt für mich eine echte Atmosphäre.

    Das hat mir auch sehr gut gefallen. Zuerst Felix' Euphorie, dann die Angst der Passagiere bei dem Vorfall, von dem man nicht erfährt, was es war. Die Situation beruhigt sich zwar schnell.

    „Nichts Schlimmes war geschehen, trotzdem war der freie Atem weg.“

    Dieser Satz hat mich sehr berührt, denn ich stelle mir vor, wie bei vielen Passagieren alte Ängste bedingt durch Krieg, Verfolgung etc. hochkommen. Ängste, die sie dann in Amerika womöglich nur schwer loswurden und plötzlich wieder hochkommen.


    Geschockt war ich über Viktorias Reaktion auf den Mann mit dem Päckchen, der vergeblich nach seiner Tochter schrie, die er acht Jahre nicht gesehen hatte. (S. 58)

    „Das alles sind keine Katastrophen.“


    Und ich verstehe nicht, was gemeint ist, als beim Anblick der zerstörten Stadt Le Havre jemand sagt: (S.59)

    „Recht geschieht ihnen!“

    Wer ist „ihnen“ und warum geschieht es ihnen recht? Was meint Viktoria mit dem Satz:

    „An die musst du denken, die dort zusammenstehen und sagen: 'Recht ist ihnen geschehen!' Wir gehören zu ihnen ...“

    Wer ist mit „ihnen“ gemeint?

    S. 25: „Du musst dich entschließen, Felix. Nicht weil du heut etwas unterschrieben hast, sondern weil du sonst nicht weiterkannst.“

    Über den Satz werde ich wohl noch eine Weile nachdenken.

    Für mich heißt das, dass eine Unterschrift oder auch ein Pass nur eine Formalie ist. Wichtiger ist die innere Einstellung, die maßgeblich daran beteiligt ist, wie man die Weichen für sein weiteres Leben stellt. Kaufe ich mir in meiner neuen Heimat eine Immobilie oder gehe ich in Miete, weil im Hinterkopf der Gedanke an eine Rückkehr schwebt? Unternehme ich Anstrengungen, um beruflich weiterzukommen, oder begnüge ich mich mit einfachen Jobs, da sich der Aufwand nicht lohnt?


    Felix hängt irgendwie noch zwischen den Stühlen. Sein Seelenfrieden kehrt erst wieder ein, als seine Großmutter ihm den Vorschlag macht, Österreich zu besuchen. Und ich frage mich, ob es ihm wirklich darum geht, einen Schlussstrich unter Österreich zu ziehen oder einfach nur darum, wieder in der Heimat zu sein.


    Erstaunlich finde ich, dass Felix' Mutter als einzige in Österreich geblieben ist.

    Felix' Verhalten bei der Bürgerbefragung ist bemerkenswert. Er gibt ganz offen zu, dass er sein Visum über Beziehungen erhalten hat und dass er die USA anfangs unerträglich fand. Ist das naiv oder Berechnung?


    Wieso zögert Felix bei der Unterschrift bei dem Wort "von"? Weil nach dem Ersten Weltkrieg Adelstitel in Österreich verboten waren?

    Wenn jetzt Felix sich dafür entscheidet, den alten Namen "von Geldern" anzunehmen, dann frage ich mich, ob er innerlich nicht doch noch sehr an Österreich und der Vergangenheit hängt.

    Mir geht es bezüglich der Wortwahl wie euch. Ist das altes Deutsch oder Österreichisch? Beim Wort "Neger" allerdings gibt es mir jedesmal einen Stich. Dabei kann ich mich schon noch daran erinnern, dass dieser Ausdruck für mich als Kind völlig neutral war.


    Felix Verhältnis zu Livia verstehe ich noch nicht so ganz. Einerseits denkt er schon von ihr als seine Ehefrau, andererseits sprechen sie sich noch mit "Sie" an und sie scheint ihm dann doch nicht so wichtig zu sein.

    Das ist schon seltsam. Felix sagt bzw. denkt ja mehrfach, dass er sie gern hat. Aber Gernhaben scheint mir für eine Ehe zu wenig. Ich hatte den Eindruck, dass Felix in einer Ehe die Möglichkeit sah, sich noch stärker an die USA zu binden. Und da er sonst keine andere Frau zum Heiraten hat und Livia sich ihm fast aufdrängt, liegt diese Ehe nahe.

    Vielleicht ist er ja noch so aufgewachsen, dass es nicht unbedingt eine Liebesheirat sein muss.


    Wie alt ist Felix eigentlich?



    Fazit:


    Ein tolles Buch, das ich sehr gerne gelesen habe, manche Abschnitte auch zwei- oder dreimal. Eine wunderbare Sprache und die überspitzten Formulierungen des Lord Henry machen Freude. Es entsteht ein Bild der damaligen Gesellschaft, das fast eine Karikatur ist.


    Ich habe meine Zweifel, dass die Seele einem im Gesicht geschrieben steht, wie Basil sagt. Und genau darum geht es in dem Buch. Ich will das aber im übertragenen Sinn sehen. Es geht wohl darum, wie andere mich sehen und wie sehr mich das bei meinen Handlungen beeinflusst. Es ist wohl unbestreitbar, dass man einiges, was man gerne tun möchte, bleiben lässt, um nicht „sein Gesicht zu verlieren“.

    Dorian konnte sein wahres Gesicht und mit ihm auch sein Gewissen „auslagern“. Somit konnte er „die Sau rauslassen“, ohne sein Ansehen zu verlieren.


    Offen bleiben allerdings einige Fragen. Bis zu welchem Grad formt das Umfeld eines Menschen sein Gewissen oder wie weit ist es angeboren? Wie weit kann man sich ändern? Es heißt nicht umsonst, man kann nicht aus seiner Haut. Warum will man sich ändern? Wie frei ist der Wille?

    20. Kapitel


    Was für ein Ende!


    Damit habe ich ja nie gerechnet. Dass Dorian am Ende des Buches nicht mehr lebt, ist jetzt nicht so ganz überraschend. Ich habe erwartet, dass er entweder von einem anderen umgebracht wird, er sich selbst umbringt, im Gefängnis landet etc., aber nicht, dass er sich unabsichtlich selbst tötet.


    Sicher war es für Dorian ein Schock, als das Bild ihm zeigte, dass sein Wunsch gut zu werden nur von Eitelkeit und Heuchelei herrührte. Um für die Zukunft seinen Frieden zu finden, muss er dieses Bild, das ihm wie ein Gewissen war, zerstören.


    Aber was ist eigentlich passiert, als Dorian sein Bild zerstörte? Ist seine Seele zu ihm zurückgekehrt, und ist er deshalb alt geworden? Und gleichzeitig mit der Seele hat er sich selbst getötet?

    19. Kapitel


    Dorian will jetzt also gut werden. Haben ihn die letzten Ereignisse aufgerüttelt? Oder ist es so, dass ihn eher die Hässlichkeit als die Schlechtigkeit seiner Seele stört?

    Will Dorian nur deshalb gut werden, weil es gut rüberkommt? Ich glaube fast, ja. Basils Ermordung jedenfalls scheint ihn nicht mehr sehr zu berühren.


    Dorian tastet sich bei Lord Henry heran, wie der dazu stehen würde, dass er Basil umgebracht hat. Zuerst dachte ich, das soll das eine Beichte werden. Wars wohl aber nicht. Vielleicht wollte er nur imponieren.

    Für eine Beichte hätte er sich auch den Falschen ausgesucht. Lord Henry ist kein Freund, mit dem man über die Dinge reden, die einen belasten.

    Für Lord Henry ist ja auch alles ganz einfach: Es gibt keinen Willen, alles wird von Zellen und Nerven bestimmt.

    Dabei hätte er merken müssen, dass etwas an Dorian nagt.

    Ich habe den Eindruck, er hat irgendetwas vor.


    Ich glaube, zum Nachdenken hat ihn Lord Henrys Aussage gebracht, dass ein Mensch, der einmal getötet hat, es noch einmal tun könnte.

    18. Kapitel (2. Teil)


    Doch Dorian beruhigt sich.


    Dann kommt die Szene mit dem Hasen. Dorian will verhindern, dass der erschossen wird. Da dachte ich mir für kurze Zeit: Endlich zeigt er Empathie! Die Ernüchterung kam schnell, ihn beeindruckt nur die „graziöse Bewegung des Tieres“. Wieder einmal geht es ihm nur um Schönheit.


    Aber schon wieder ist es mit der Ruhe vorbei. Es wird ein Mann erschossen (wie hässlich!). Dorian hat wieder Todesangst.

    Doch es stellt sich heraus, dass ausgerechnet James Vane der Tote ist. Dorian ist gerettet.


    Dieser außergewöhnliche Zufall wirkt auf mich, als ob hier von einem Wesen außerhalb unserer Welt etwas inszeniert wird und Dorian eine Figur aus einem Theaterstück ist, das da gerade gezeigt wird. Wer ist der Autor?


    Lord Henrys Äußerung zu dieser Tötung ist haarsträubend:

    Zitat

    „Wenn nun aber Geoffrey es absichtlich getan hätte, wie interessant wäre er! Ich möchte gern jemanden kennen, der einen wirklichen Mord begangen hat.“

    18. Kapitel (1. Teil)


    Das ist wieder ein tolles Kapitel. Dorian durchlebt eine Achterbahn der Gefühle!


    Zuerst hat ihn eine „wilde Angst vor dem Tod“ gepackt, es ist von vergeblichen Vorsätzen und wilder Reue die Rede.

    Aber schon setzt eine Abwehrreaktion ein. Er fragt sich, ob er sich das nur eingebildet hat. Ich denke, das ist eine ganz normale Reaktion bei so heftigen Ereignissen. Man zweifelt seine eigenen Sinne und Verstand an, denkt, es ist alles nur ein böser Traum, aus dem man gleich aufwachen werde.


    Der Leser bekommt diesen wunderschönen Satz geschenkt:

    Zitat

    „Die Phantasie hetzte den Gewissensbiss gegen die flüchtigen Füße der Sünde.“


    Da kommt mir eine Schlange vor mein inneres Auge.


    Ich finde es typisch für Dorian: Obwohl er mittlerweise überzeugt ist, dass ihm die Phantasie einen Streich gespielt hat, ist er so verzweifelt, dass er herzzerbrechend weint, aber nicht aus Reue, sondern nur aus Angst, dieses „schreckliche Hirngespinst“ werde ihn für den Rest seines Lebens verfolgen. Es geht wieder einmal nur um ihn, er hat sich überhaupt nicht geändert.

    17. Kapitel


    Eine Woche später scheint sich Dorian von dem Schrecken erholt zu haben, er gibt eine Gesellschaft. Wobei ich eher vermute, er hat dies getan, um sich abzulenken, und das scheint auch gut zu funktionieren.


    Dieses Wortgeplänkel zwischen Lord Henry und der Herzogin nervt mich. Ja, es ist ein Spiel zwischen ihnen, und wenn man sonst keine geistigen Herausforderungen hat, macht es eben Spaß.


    Aber dann der Schock: Sibyls Bruder James taucht auf.

    Ich frage mich, wie er ihn gefunden hat.

    16. Kapitel


    Was für ein Umschwung!


    Dorian erkennt, dass seine Seele „krank zum Tode“ ist und dass Vergebung unmöglich ist. Es bleibt für ihn nur das Vergessen.

    Ich glaube nicht, dass Dorian Reue empfindet und das Unrecht einsieht, das er getan hat. In seinen Gedanken heißt es nicht: Oh, Gott! Was hab ich getan! Ich habe Basil getötet.

    Da heißt es nur: „Unschuldiges Blut war vergossen worden.“ Und außerdem sei ja Basil selbst Schuld daran. Mit welchem Recht habe er so zu ihm gesprochen. Auch an Sibyls Tod fühlt er sich nicht schuldig.


    Und jetzt schlägt er ins völlige Gegenteil um. Es ergreift ihn eine Sucht zu leben. Während er früher die Hässlichkeit abgelehnt hat, „weil sie die Dinge wirklich machte“, will er jetzt genau diese Wirklichkeit. Das ist das wahre Leben.

    Aber ist denn nicht die echte Wirklichkeit beides, Schönheit und Hässlichkeit?


    Ich frage mich, wer die Frau ist, die Sibyls Kosenamen für ihn, „Prinz Wunderhold“, erwähnt. Woher kennt sie diesen Namen? Zuerst dachte ich, es wäre Sibyls Mutter. Aber ich verstehe James so, dass sie nicht mehr lebt.


    Am Ende war es ziemlich knapp für Dorian, als James ihn umbringen wollte. Dass ihm dieser rettende Gedanke kam! Erstaunlich in dieser Situation, finde ich. Oder war gerade diese lebensbedrohende Situation der Auslöser für diesen Gedankenblitz?


    Es wird auch eine psychologische Erklärung für die Ursache von Sünde geliefert: der wilde Trieb hemmt den freien Willen, tötet das Gewissen oder spornt zur Auflehnung an.

    15. Kapitel


    Zitat

    Vielleicht sieht man nie so ruhig aus, als wenn man eine Rolle zu spielen hat.


    Möglicherweise ist das die Erklärung für meine Frage im vorigen Kapitel, warum mir Dorians Gefühle so fern sind.


    Im Laufe des Abends bei Lady Narborough wird offensichtlich, dass Dorian ein Problem hat.



    Was es mit dieser „grünen Paste“ auf sich hat, habe ich in der Leserunde zu diesem Buch entdeckt.

    14. Kapitel


    Nach all diesen Ereignissen schläft Dorian friedlich. Nicht zu fassen. Erst allmählich fällt ihm wieder ein, was passiert ist und

    Zitat

    alles, was er gelitten hatte

    Es ist hier mindestens das zweite Mal, dass Dorian sagt oder denkt, dass er gelitten hat. Das erste Mal war nach Sibyls Tod. Als Leser kann ich das in der Schilderung der Ereignisse der letzten Nacht nicht nachempfinden. So wie die Gefühle Dorians beschrieben werden, berührt es mich kaum. Warum ist das so?


    Dennoch bezeichnet er das, was er getan hatte, als eine Sünde, die

    Zitat

    „man erwürgen musste, damit sie einen nicht erwürgte.“

    Hat er doch noch ein Gewissen oder hat er eher Angst, dass er für seine Tat zur Rechenschaft gezogen werden würde?


    Und in einem Anflug von lyrischen Empfindungen hat er Mitleid mit Basil.

    Zitat

    „Armer Basil! Wie furchtbar so zu sterben!“

    Aber vielleicht ist das auch nur seine Sicht als Zuschauer eines Theaterstücks.


    Das Warten auf Alan Campbell ist schier unerträglich. Das ist so großartig beschrieben, dass ich hier tatsächlich Dorians Gefühle nachvollziehen kann.

    Zitat

    „Dann blieb plötzlich die Zeit für ihn stehen. Ja, die blinde, langsam atmende Zeit rührte sich nicht mehr, und, da sie tot war, jagten entsetzlich Gedanken mit furchtbarer Schnelligkeit über ihn hin und wühlten eine grässliche Zukunft aus ihrem Grab und zeigten sie ihm.“


    Diese „Anwandlung von Feigheit“ ist jedoch schlagartig zu Ende, als Alan ankommt.

    Als Dorian ihn um Hilfe bittet, war mir schon klar, dass er ihm gegenüber ein Druckmittel hat.