Beiträge von Brigitte H. H.

    Besonders gut hat mir Kap. 26 (Ein Wohltätigkeitsball) gefallen.


    Anders als Jane Austen beschreibt Gaskell Begebenheiten, die offenbar in der Zeit, als ihr Roman erschien, bereits in Vergessenheit geraten waren. (Bsp. Eine Sänfte wird von Raum zu Raum getragen.) Der Auftritt der Herzogin ohne Diamanten weist besonders komische Elemente auf.


    Herzhaft gelacht habe ich bei: :oha


    "Anders als Miss Piper hatte Lady Harriet nicht mehr Bedenken, allein den Saal zu durchqueren, als wenn alle Zuschauer Kohlköpfe gewesen wären;" (Ott, S.382)

    "Völlig unnötig ist es hingegen, in deinem Alter eine eigene Meinung zu haben und diese lauthals zu verkünden." (Ott, S.385)


    Lord Hollingford beim Tanz:

    "Er hielt beharrlich die falschen Hände fest und blieb ebenso beharrlich stehen, wenn er an seinen Platz zurückkehren sollte, nicht ahnend, daß gesellschaftliche Pflichten und Spielregeln verlangten, daß er weiterhüpfen mußte, bis er am unteren Ende des Saals angekommen war." (Ott, S.389) :tanz


    Übrigens frage ich mich immer wieder, wie man so einen langen Roman als Fortsetzungsgeschichte veröffentlichen konnte?! Das war damals wohl so üblich, aber dennoch.


    In Ermangelung eines TV-Gerätes in jenen Tagen würde ich solche Fortsetzungsromane mit den Serien unserer Jugend vergleichen, SiCollier. ;) Diese waren meist ein Projekt der ganzen Familie. Über den möglichen Fortgang der Geschichte sprach man miteinander.


    Ähnlich stelle ich mir die Leser jener Zeit vor. Die einzelnen Bände wurden im trauten Kreis der Familie vorgelesen, der Fortgang der Erzählung lebhaft diskutiert und dem nächsten Band (im besten Fall) entgegengefiebert.


    Das, was wir heute oft als zu langatmig empfinden, entsprach dem Tempo der Zeit, in der der Roman entstand. Ich mag die kleinen Andeutungen, die Gaskell streut. Hinweise, die zur ausführlichen Diskussion anregten, bis der nächste schmale Band mit den folgenden Kapiteln vorlag. Bis dahin wurden die wichtigen Passagen sicher mehrere Male vorgetragen, denn hinter jeder noch so feinen Nuance in der Stimme, jedem Erröten oder plötzlichem Erblassen konnten sich mögliche Hinweise verbergen.


    Und Mr. Gibson scheint es egal zu sein wie sich seine Tochter fühlt. :cursing:

    Neue Frau im Haus, alle Probleme gelöst. Wohl typisch Mann seinerzeit.


    In Anlehnung an ein altes Sprichwort: "Schnell gefreit - schnell gereut!"


    Mr. Gibson muss erkennen, dass seine überstürzte Heirat bald nicht mehr notwendig gewesen wäre.Der Großonkel von Mr. Coxe holt seinen Neffen als zukünftigen Erben zu sich. Fortan quält Mr. Gibson die Frage, wieso der alte Benson (besagter Großonkel) seine Absicht nicht früher bekanntgab. Ich kann mich eines Gefühls der ausgleichenden Gerechtigkeit nicht erwehren! :lache:lache:lache:lache:lache

    Die kranke Mrs. Hamley ist mir vom Film noch gut in Erinnerung. Vor allem, dass man nichts über ihre Krankheit erfährt. Deshalb habe ich beim Lesen besonders darauf geachtet, ob Gaskell uns etwas über diese mysteriöse Krankheit berichtet.


    Bis zum 11. Kapitel (weiter bin ich bisher nicht gekommen) gibt es nur die Hinweise, die Gaskell schreibt, als sie Mrs. Hamley in die Geschichte einführt.


    Mrs. Hamley wird als zarte, elegante Londoner Dame beschrieben, die in ihrer Ehe sehr glücklich war,

    "obwohl Mrs. Hamley wahrscheinlich nicht chronisch krank geworden wäre, wenn ihr Gatte sich ein wenig mehr für ihre verschiedenen Interessen hätte begeistern können oder ihr die Gesellschaft von Menschen zugestanden hätte, die sie mit ihr teilten." (Ott, S.54)


    Mr. Hamley fuhr nicht mehr nach London

    "und obwohl er ihr die Reise nicht verbot, zeigte er so wenig Anteilnahme, wenn sie von ihren Erlebnissen erfüllt heimkam, daß sie die Lust daran verlor." (Ott, S.54)


    Dann kommt noch Mr. Hamleys fehlende Bildung, die ihn die Gesellschaft meiden lässt. Daher verzichtete Mrs. Hamley auf London und jegliche gesellschaftliche Vergnügen.

    "Er liebte seine Frau um so inniger, weil sie ihm solche Opfer brachte, sie aber, der treibenden Kraft beraubt, fing an zu kränkeln - nicht Eindeutiges, sie war nur nie richtig gesund." (Ott, S.55)


    Wenn es keine weiteren Hinweise gibt, könnte man behaupten, Mrs. Hamley ist seelisch verkümmert.


    Ich denke eher, dass man es einfach auch oft gar nicht genau wusste...

    In dem Sinne von: ein Landarzt konnte vielleicht noch feststellen, dass die Nieren nicht mehr richtig arbeiten. Das Warum dürfte ohne heutige Untersuchungsmöglichkeiten aber fast immer im Dunkeln geblieben sein. (Nur, um ein beliebiges Beispiel zu nennen. Im Text wird nichts erwähnt)


    Da die Autorin ja eine Krankheit hätte erfinden können, wenn sie wollte - schließlich hat sie den Charakter erfunden - finde ich Deine Erklärung, Lorelle, sehr einleuchtend. Früher gab es nicht die vielfältigen Möglichkeiten eine Diagnose zu stellen. Die Menschen waren es wohl gewohnt, meist nicht zu wissen, woran jemand litt. Ein prominentes Beispiel ist Jane Austen. Die Diagnose ihrer tödlich verlaufenden Krankheit haben Ärzte im Nachhinein durch die Beschreibungen der Symptome zu ergründen versucht.

    Ich habe bis zu der Stelle gelesen, als Andrej sich dafür entschlossen hat, seinem Sohn einen Erzieher zu suchen und er selbst will ins Ausland reisen und die Welt entdecken; leben und glücklich sein.


    :gruebel Ich weiß noch nicht so ganz, was ich davon halten soll. Früher war das wahrscheinlich völlig normal, dass man sein Kind zurücklässt, um selbst zu leben und glücklich zu sein. Heute ist so etwas eher undenkbar. Allein schon, weil der Erziehungsberechtigte ja dann gar nicht da ist.


    Das ist ein Punkt, den wir heute nur sehr schwer nachvollziehen können. Aber die Erziehung der Kinder wurde - sofern man es sich leisten konnte - in die Hände von Profis gegeben. Und ein Gentleman gar, der eine Schwester hat, sollte sich um die Erziehung seines Sohnes kümmern?


    Hast Du gewusst, Sasaornifee, dass die Eltern von Jane Austen ihre Kinder das erste Lebensjahr in die Obhut einer Amme gegeben haben? Mit anderen Worten, ihre Kinder kamen erst im Alter von einem Jahr ins Elternhaus.