Beiträge von Tom

    Es ist aber auch viel in Bewegung, und ich bin mir sicher, Andreas würde den Roman heute etwas anders schreiben und besetzen. Das hat er u.a. in "NSA" auch getan, allerdings vor einem anderem Hintergrund.


    Denkt mal an die Indiana Jones-Reihe und daran, wer da was gespielt hat. Daran, dass "Tomb Raider" als Spiel mit einer weiblichen Heldin erst 1996 Zeichen setzte, indem es mit (aber auch längst nicht mit allen) Rollenklischees brach - und trotzdem erfolgreich war, in einem fast vollständig von Männern (als Kunden, wohlgemerkt) besetzen Konsumsegment. Was natürlich auch daran lag, wie Lara Croft gestaltet worden war. ;)


    Ich find's ein bisschen ärgerlich, einem Autor vorzuwerfen, dass er vor zwanzig Jahren noch nicht absehen konnte, wie seine Leser heute auf etwas reagieren würden, das eben vor zwanzig Jahren dem Standard entsprach. Gerade Abenteuerromane und SF (da ist es immer noch so), aber auch Thriller und andere Genres haben Rollenbilder transportiert, nicht zuletzt, weil kaum ein Verlag dabei mitgemacht hätte, damit zu brechen. Und die Leser haben das auch erwartet. Selbst weibliche.

    Hey, Faraday.


    Freut mich sehr, dass Dir das Buch gefallen und Dich so berührt - sogar umgehauen - hat. Das ist ein Buch, das mir vor allem thematisch besonders viel bedeutet.

    Im November bin ich zu einer Lesung an einer Schule in Berlin-Treptow eingeladen, und dort werde ich dann auch aus "Sommerhit" vorlesen, weil es einfach gut passt und ein Thema bearbeitet, das nach wie vor aktuell ist. Zu diesem Roman hatte ich auch gerade von Schülern und aus Deutschkursen bislang die meisten Rückmeldungen. Er ist verblüffend und beglückend oft Thema an Schulen, insbesondere in den Sekundarstufen.

    Das war zwar kein "Tatort" gestern Abend, sondern ein "Polizeiruf 110", aber es war fantastisch, oder? :anbet Okay, auch hier musste man gelegentlich das eine oder andere Logikloch überhüpfen, und die Psychotherapeutin und Hypnoseexpertin, die mit mir geschaut hat, hat das eine ums andere Mal die Augenbrauen skeptisch schmunzelnd hochgezogen, aber davon abgesehen hat ein tolles, originelles Team mit einer spektakulären, spannenden, bravourös inszenierten Darbietung die Nachfolge von Matthias Brandt alias Hanns von Meuffels in sehr würdevoller Weise angetreten. Besonders beeindruckend war die Leistung von Dennis Doms, der das Missbrauchsopfer Polou spielte. Ein guter Krimiabend. So darf das weitergehen.

    Als vor sieben, acht Monaten die Ankündigung hereintrudelte, John Cleese würde sein Soloprogramm "Last Time To See Me Before I Die" in eine weitere Verlängerung schicken und es gäbe u.a. einen erneuten Termin in Berlin, habe ich keine Sekunde gezögert, obwohl die Karten fast 90 Euro kosteten. Cleese ist ein Urgestein der Comedy, war Mitglied der erst im Jahr 2014 - nach 45 Jahren - offiziell aufgelösten Komikertruppe "Monty Python" (fünf der sechs Pythons leben noch), aber auch für unglaublich viele andere, witzige Dinge zuständig, von "Ein Fisch namens Wanda" bis hin zu "Fawlty Towers".


    Er ist achtzig. Deshalb hängen im Zuschauerraum drei riesige Fernseher, die als Teleprompter dienen, die aber auch von vielen Zuschauern genutzt werden, um zu verstehen, worum es gerade geht. Man muss schon ganz schön sattelfest im Alltagsenglischen sein, um jeden Gag zu kapieren.

    Aber von vorne.


    Das Publikum ist mittelalt bis recht alt, aber es sind auch viele jüngere Nerds darunter, offenbar sehr viele Briten, der Frauenanteil ist niedrig, vielleicht bei 25 Prozent. Die schöne Location ist ausverkauft. Irgendwo habe ich Oliver Kalkofe gesehen, und noch ein paar andere, relativ bekannte Gesichter.

    Auf der Bühne steht ein Bistrotisch, daneben ein Barhocker, dahinter eine Leinwand mit einem Foto von Cleese und dem Namen des Programms. Und einem Grabstein: "John Cleese - 1939 - 201?". Daran erkennt man, dass das Programm schon ein paar Jahre läuft. Falls es noch eine Verlängerung gibt, muss der Grabstein ausgewechselt werden.

    Während des Programms darf nicht fotografiert werden, und alle halten sich daran. Auf den Fotos würde man einen John Cleese sehen, der etwas älter ist als der auf der Leinwand. Er trägt Turnschuhe, Jeans, ein labbriges Poloshirt und eine Art Sakko. Seine Bauchkugel ist gut zu erkennen, vor allem bei Verbeugungen.


    Er spricht schnell und nicht immer gut verständlich, er ist sehr sympathisch, aber auch ein Vollprofi. Das wird sich gleich zeigen. Ganz am Anfang erzählt er kurz davon, wie es ist, berühmt zu sein. Zuerst, wenn man es noch liebt, wenn man angesprochen wird, was man später dann nicht mehr so toll findet, bis es einem irgendwann auf den Zeiger geht und man die Leute zum Teufel wünscht, die Selfies machen wollen. Damit wir das alle hinter uns haben, sprechen wir im Chor einen Text mit, der auf der Leinwand angezeigt wird. Wir erklären, wie toll wie es finden, Cleese zu sehen, und dass wir seine größten Fans sind und so weiter. Das endet natürlich mit einer Pointe, und ist irgendwie ganz witzig.

    Dann kommt ein bisschen Standup. Cleese liest von den Promptern ab, aber er kann das so gut, dass es recht spontan rüberkommt. Leider versagen die Prompter. Erst flackert es, dann kehren die Texte zurück, Cleese macht weiter, dann bricht es wieder zusammen. Der Mann nimmt es mit Fassung, improvisiert ein bisschen, erzählt davon, wie er in Australien mal eine Pause überbrücken musste, und die hat er genutzt, um Publikumsfragen zu beantworten. Eine Frau hat ihn mit der absolut ernstgemeinten Frage überrascht, welches Teil eines Flugzeugs er gerne wäre, wenn er sich das aussuchen könnte. Nach einer Weile des Überlegens lautete die Antwort: Der Joystick im Cockpit.

    Aber die Prompter fangen sich nicht wieder, und er kann nicht ohne sie, erklärt er, weil er eben schon achtzig ist und alles vergisst, nur den Namen "Alzheimer" nicht. Die Techniker übernehmen, das Programm wird für eine Viertelstunde unterbrochen. Cleese entschuldigt sich und verschwindet, Kabel werden neu verlegt, dann geht es an der gleichen Stelle weiter.


    Das Programm dauert netto zwei Stunden. Cleese erzählt, wie Monty Python entstand, wie die Ideen entwickelt wurden, welche Rolle die BBC gespielt hat. Er erzählt davon, wie "Life of Brian" geboren wurde, und dass der Film eigentlich nicht die Religionen kritisiert, sondern ihre Anhänger, die sich jeden Scheiß verkaufen lassen, von Leuten, die Scheiß verkaufen, im Namen der Religion. Es gibt immer wieder Einspieler, mal ganz lustige, mal etwas angestaubte, aber das hier ist ja auch kein normales Comedyprogramm, sondern eine Huldigung. Deshalb verzeiht man auch, dass einige Witze schon ein paar Tage auf dem Buckel haben und dass es an Spontanietät fehlt, von der Zwangspause am Anfang abgesehen.


    Cleese ist für sein Alter immer noch sehr fit, er bewegt sich vergleichsweise viel auf der Bühne, bleibt auch, wenn längere Einspieler laufen. Er ist charmant und sehr britisch, er war ein Revolutionär. Ich mag - von all den Dingen, die er für die Komik geleistet hat, abgesehen - vor allem sein energisches Eintreten gegen die politische Korrektheit in der Kunst (ich habe das kürzlich fürs "Literaturcafé" thematisiert - bitte nicht die Kommentare lesen!), aber ich bin natürlich hier, um eine lebende Legende zu sehen, bevor sie tatsächlich stirbt. Das Programm endet auch mit dem Thema "Tod", und Cleese erzählt ganz zum Schluss davon, wie die verbliebenen Pythons zehn Jahre nach dem Tod von Graham Chapman (der 1989 im Alter von nur 48 Jahren starb) zu einem Festival in Aspen, Colorado eingeladen waren. Er berichtet, dass sie Graham unbedingt dabeihaben wollten, also haben sie bei seinem Ex-Freund die Urne mit der Asche geholt. Bei der Talkrunde in Aspen stand sie auf dem Tisch - und was dann passierte, kann man ab ungefähr 8:50 in diesem Video sehen.


    Der Applaus am Ende war lang und herzlich. Das war ein sehr persönlicher Applaus. Das Programm selbst war, na ja, okay. Routiniert, sicher, freundlich, unspektakulär, manchmal ein bisschen altbacken. Eine - durchaus sehr schöne - Fanveranstaltung eben. Aber es haben auch einige im Publikum deutlich gezuckt, als Cleese Juden- und Schwarzenwitze erzählte, zwischen Franzosen-, Italiener-, Briten-, Deutschen- und Griechenwitzen. Witze, die sich über Klischees lustig machen und niemanden diskriminieren oder diskreditieren. Diese Situation zeigte deutlich, in welche grundfalsche Richtung unser Vorsichtsdenken gerade geht.

    Ich würd's mir nicht noch einmal antun, aber es war erhaben, feierlich, und auf dezente Weise selbstironisch.

    Ich habe schon viele Bücher verschickt, aber nur selten als Büchersendung, weil da in einem Zeitraum zwischen Morgen und Weihnachten 2024 alles als Zustellzeitpunkt eintreten konnte. Die vier Werktage, die die Post da zusichert, habe ich noch nie erlebt.


    Aber es ist tatsächlich schade, wenn das für gebrauchte Bücher so teuer wird, dass es sich kaum noch lohnt. Die Büchersendung war ja gerade für diesen Zweck gedacht.

    Lesenswert, aber nicht immer gelungen


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    Elwood Curtis wurde von seinen Eltern verlassen und lebt bei der Großmutter, er jobbt in einem kleinen Laden und träumt vom Highschoolabschluss. Er würde außerdem gerne mal ins Kino gehen oder in einem dieser Restaurants, die er für schick hält, wenigstens ein Glas Limo bestellen, aber solche Dinge sind ihm verwehrt, denn Elwood ist schwarz und dies sind die südlichen U.S. of A. Anfang der Sechzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts. Die sogenannten Jim-Crow-Gesetze gelten noch, die die Rassentrennung festschreiben, und nach denen man beispielsweise fürs versehentliche Anrempeln eines Weißen hart bestraft wird, wenn man selbst nicht weiß ist. Doch Reverend Martin Luther King macht von sich reden, und das Civil Rights Movement verzeichnet erste, kleine Siege.


    Elwood jedoch hat großes Pech im kleinen Glück. Eine Highschool bietet ihm ein Stipendium an, aber auf dem Weg dorthin trampt der Junge unwissentlich in einem gestohlenen Auto. Im Ergebnis wird er im „Nickel“ kaserniert, einer Besserungsanstalt für Jungen. Dort gibt es zwar keine Bildung und auch nicht wirklich Besserung, dafür aber beispielsweise das „Weiße Haus“, einen weißlackierten Lagerschuppen, in dem ein mächtiger Industrieventilator hängt, der die Geräusche übertönt, wenn dort ein Junge ausgepeitscht wird. Weiter hinten auf dem Gelände stehen zwei mächtige Eichen mit Ketten und Eisenringen daran, und wer dort einmal festgemacht wird, kehrt nicht lebend in sein Wohnheim zurück. So ergeht es dem jungen Boxtalent, das sich bei den Runden verzählt und deshalb die Wetten des Anstaltsleiters ruiniert. Die Aufseher sind Sadisten und Klan-Mitglieder, und das halbwegs gute Essen, das die Jungs eigentlich bekommen sollten, wird nachts an die Restaurants der benachbarten Kleinstadt verscherbelt. Den Schülern auf dem südlichen Teil des Geländes geht es deutlich besser, aber die sind ja auch weiß.


    Der Roman, der auf der Geschichte einer Einrichtung basiert, die es (wie viele sehr ähnliche) tatsächlich gegeben hat, beginnt damit, dass Archäologiestudenten die beiden Friedhöfe der seit ein paar Jahren geschlossenen Anstalt ausheben, den offiziellen und einen zweiten, auf dem offenbar die Jungs landeten, die man nach einem Besuch bei den Eichen oder einer zu intensiver Bestrafung im Weißen Haus oder ähnlichen Geschehnissen in der „Lover’s Lane“ als vermisst gemeldet hat. Dann erzählt Colson Whitehead davon, wie Elwood praktisch unschuldig im „Nickel“ landet, relativ schnell auch das Weiße Haus kennenlernt und von den Methoden dort und vom allgegenwärtigen Rassismus gebrochen wird. Am Ende kehrt der Roman in die Jetztzeit zurück, aber das Ende ist ein wenig verwirrend und dramaturgisch nicht ganz nachvollziehbar.


    Dies gilt leider auch für weite Strecken der Erzählung, die fulminant beginnt, aber dann seltsam unentschlossen weitergeht. Whitehead scheint sich nicht so recht entscheiden zu können, wie und von wem er im Kern erzählen will, er springt nach der gelungenen Eröffnung plötzlich zwischen seinen Figuren, zu denen er eine Form von Distanz aufbaut, die die sachliche, nüchterne Erzählweise steigert, so dass die Emotionalität oft auf der Strecke bleibt. Der Autor will offensichtliche alle Wertung dem Leser überlassen und ihn nicht zu Urteilen drängen, er versagt seinen Protagonisten deshalb starke Gefühle oder Gefühlsäußerungen, und wenn derlei unvermeidlich zu werden scheint, wechselt er das Thema oder die Perspektive. Das funktioniert leider nicht immer gut, und manchmal sogar so schlecht, dass die Story zu versanden droht, weshalb sie an Dringlichkeit und Macht einbüßt.


    Aber „Die Nickel Boys“ ist trotzdem sehr lesenswert. Das ist alles noch nicht sehr lange her, und wie so viele dunkle Kapitel der menschlichen Geschichte, von denen es unterm Strich deutlich mehr als helle zu geben scheint, ist höchstens halbherzig aufgearbeitet, wovon da Mitte der Sechziger das Ende eingeläutet wurde, das noch längst nicht erreicht ist. Die Opfer und Überlebenden mussten sich damit zufriedengeben, dass immerhin die Gesetze geändert wurden, dass gleiche Rechte fortan zumindest theoretisch galten, aber tiefere, weitgehende Untersuchungen, gar Wiedergutmachungen blieben überwiegend aus, um die Gesellschaft nicht fundamental zu erschüttern. Es gelingt Whitehead gut, diesen Aspekt herauszuarbeiten, ohne das in (berechtigten) Zorn umschlagen zu lassen, aber erzählerisch und dramaturgisch hat die eigentlich packende, hochdramatische und tieftraurige Geschichte von Elwood und seinen Leidensgenossen noch eine Menge Luft nach oben.


    (Weil er oben fehlt, hier noch der Buchlink:)

    ASIN/ISBN: 3446262768

    In einer Vorabkritik, die ich am Freitag irgendwo gelesen hatte, schrieb der Kritiker sinngemäß, Ulrike Folkerts agiere auch im dreißigsten Jahr ihrer "Tatort"-Kommissarenlaufbahn immer noch wie eine Laiendarstellerin. Aber nicht nur das war beim gestrigen Krimi aus Ludwigshafen vergurkt, der sich mit dem Transhumanismus beschäftigt hat, also der Idee davon, Menschen und Maschinen auf eine Weise zu verschmelzen, die das beste beider Welten enthält (und - natürlich - Unsterblichkeit). Sebastian Bezzel als verlodderter Chefarzt war hinreißend, aber die Tuningjungs erfüllten jedes völlig überzogene Klischee, und von Spannung konnte nicht wirklich die Rede sein. Selbst mir, der gerne mal drüber hinwegschaut, wenn die Ermittlerrealität zu Gunsten des Plots gebeugt wird, sind der "Durchsuchungsbefehl" und die eigenartigen Fragen des grausig angelegten Staatsanwalts an seine Chefermittlerin, was nun wohl angeklagt würde (dabei macht er das), unangenehm aufgefallen. Oder die Tatsache, dass ständig die Rede davon war, "Platinen" einzupflanzen (selbst der abgedrehteste Frankenstein würde keine verdammten Platinen in ein Hirn einsetzen - das ist ein Trägerelement für elektronische Bauteile). Ziemlich trashig insgesamt, Ulrike Folkerts ist auch ohne Andreas Hoppe (der nun wirklich zu den untalentiertesten Schauspielern Westeuropas gehört) schwer auszuhalten, und insgesamt - nicht erst seit den beiden mehr als grenzwertigen Impro-Folgen - ist der "Tatort" aus Ludwigshafen kaum noch zu ertragen.

    In Annie Proulx' letztem Roman "Aus hartem Holz" gibt es auch keine Hauptfigur(en) im klassischen Sinn. Der Roman umspannt mehrere Jahrhunderte, und es stehen zwar zwei Familien drei, vier Zentimeter vom Mittelpunkt entfernt, aber die führenden Figuren wechseln häufig. Es gibt sicher noch viele weitere Beispiele, aber das kommt mir besonders anschaulich vor. Ich käme als Autor (vorläufig) nicht auf die Idee, ohne Hauptfigur(en) zu arbeiten, weil ich die Geschichten von Leuten erzähle, aber vielleicht ändert sich das ja mal.


    ASIN/ISBN: 3630872492

    Perfekt. Mit Welle


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    Sportarten, die mich nie interessiert haben, sind Gewichtheben (ich verspüre Phantomschmerz beim Zuschauen), Eistanz, Gummistiefelweitwurf und ein paar Dutzend weitere - und außerdem alles, was mit Motorenlärm einhergeht. Ach, und das Surfen. Ich habe einmal auf so einem Brett gestanden und die Erfahrung in einer Rubrik verbucht, deren interne Bezeichnung ich lieber nicht verrate.


    Ich käme auch nicht auf die Idee, die Autobiografie eines Profisurfers zu lesen. Oder überhaupt die Biografie irgendeines Sportlers, wenn sich diese hauptsächlich eben um den Sport dreht. Aber William Finnegan ist hauptberuflich ein ziemlich berühmter Journalist und preisgekrönter Buchautor, der allerdings die meiste seiner wachen Zeit mit dem Surfen verbracht hat - Wellenreiten, wie es hierzulande mal hieß: Leute paddeln auf schmalen Brettern in die gefährliche Brandung, versuchen dann, sich eine Welle zu schnappen, und kommen auf der Seite der Welle, die dem Ufer zugewandt ist, sozusagen in einer stark verlängerten Abwärtsbewegung zurück zum Strand, wenn da welcher ist. Den Sport gibt es schon seit einer ganzen Weile - er ist auf Hawaii erfunden, dort aber von den Missionaren zurückgedrängt worden -, doch erst seit den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts handelt es sich um eine Massenbewegung. An den sogenannten Spots überall auf der Welt warten Menschen in Neoprenanzügen und mit Leashes an den Fußgelenken auf perfekte Wellen, in denen sie den Ritt ihres Lebens machen können, irgendwo im „Face“ oder in der „Barrel“ oder auf der Lippe oder so. Jedenfalls rasant, elegant, riskant und megamegacool. Und immer noch irgendwie irgendwo zu toppen, ganz egal, wie spektakulär es gerade war.


    Bill kam als kleiner Junge mit seiner Familie - der Vater produzierte die Fernsehserie „Hawaii Five-O“ - nach Hawaii, und landete an einer öffentlichen Schule, weil die Eltern nicht wussten, dass man die auf Hawaii meidet, wenn man es sich leisten kann. Der junge William geriet deshalb schon früh in ethnische Konflikte, prügelte sich oft, lernte, sich durchzusetzen, aber auch, die Menschen aufgrund anderer als ihrer vermeintlich offensichtlichen Merkmale zu unterscheiden. Außerdem entzündete sich seine Leidenschaft für das Surfen.


    In diesem 560 Seiten starken Buch passiert unterm Strich nahezu überhaupt nichts - es ist eine lange Sammlung von Episoden, die sich überwiegend um die Surferei drehen, aber auch um Familie, Freundschaft - Finnegan ist ein sehr anhänglicher Freund - und die Liebe. William Finnegan reist als junger Mensch mit sehr wenig Geld in der Tasche um die Welt, um neue Spots zu finden, jobbt und lebt monatelang in ärmlichen Verhältnissen, weil er das Meer lesen möchte, er wartet auf „Swells“, auf ablandigen Wind, auf Stürme weit draußen, die das Wasser in Bewegung versetzen. Nebenbei lernt er die Menschen kennen. Er lebt in Australien, auf den Fidschi-Inseln, lange Zeit auf Hawaii, kehrt nach Kalifornien zurück und ist in den Achtzigern Lehrer in Südafrika, noch zur Zeit der Apartheit, aber an einer Schule für Schwarze. Über diese Zeit gibt es ein gesondertes Buch, leider - deshalb vermisst man hier viele Details. Aber ganz egal, wo er ist, es geht immer ums Surfen, um diesen verrückten Sport, um Boardgrößen, um die „Locals“, die einheimischen Surfer, um sanfte Rivalitäten, um Idole und Vorbilder, um Kommerz, aufkommenden Massentourismus - und um eine Leidenschaft, die so stark ist, dass sie selbst Leute wie mich mitreißt, die sich Wellen am liebsten im temperierten Erlebnisbad stellen.


    Die Surfleidenschaft, die nie in eine Sportlerkarriere mündet - Finnegan surft nicht, um darin besser als andere zu sein, und Wettbewerbe sind ihm zuwider -, ermöglicht es dem Amerikaner, die Welt auf besondere eine Weise kennenzulernen. Er ist ein früher Botschafter der Achtsamkeit und des Respekts, er sieht aber auch einiges Leid und viel Ungerechtigkeit. Finnegan wird schließlich Journalist, auch Kriegsberichterstatter, und selbst heute noch, mit über sechzig, stürzt er sich in jede Gefahr, ob in Form einer Welle oder in Form einer Protestbewegung, die sich gegen Machtmissbrauch stellt. Die Welle, nach der er lange sucht, und die er irgendwann vor Madeira gefunden haben wird, ist aber keine Metapher. „Barbarentage“ erzählt von zwei Leidenschaften, nämlich der einen für das Wellenreiten, und der anderen für eine bessere Welt. Es macht Spaß, diesen Mann durch sein Leben zu begleiten, der so aufmerksam und begeisterungsfähig ist, der so genau beobachtet und so klug erzählen kann. „Barbarentage“ hat den Pulitzer Preis verdient. Kein Pageturner, sondern ein Buch mit ganz eigener - perfekter - Geschwindigkeit.


    ASIN/ISBN: 3518469606


    Edit: ISBN auf die 10er geändert, damit die Verlinkung funktioniert. LG Wolke

    Ich habe mir drei Folgen von "Fleabag" angeschaut, einer ... frechen, feministischen Comedyserie der BBC, die oft sehr witzig ist und mit nicht wenigen Tabus bricht, aber sich, wie ich finde, sehr schnell im Kreis zu drehen beginnt - und Auswege meidet, die sich fast schon aufdrängen. Phoebe-Waller Bridge, die die Hauptfigur spielt, hatte auch die Idee zur Serie, die bereits für elf Emmys nominiert war, und von der es bislang zwei Staffeln mit insgesamt zwölf Folgen gibt. Ich weiß noch nicht, ob ich weiterschauen will. Einiges gefällt mir exzellent, aber andere Dinge sind auch mit einigem Fremdschampotential ausgestattet (und das ist nicht im spießigen Sinne gemeint). Die Serie ist aber ohne jeden Zweifel sehr, sehr originell und ziemlich weit vom Mainstream entfernt.


    Außerdem habe ich mit "The Crossing" angefangen. Die Serie wurde im Jahr 2018 produziert und von der abc nach nur einer Staffel - 11 Folgen - abgesetzt. Sie erzählt von einer amerikanischen Kleinstadt, an deren Strand plötzlich 400 Menschen gespült werden, von denen die meisten tot sind - nur 47 überleben. Die erzählen, dass sie aus der Zukunft kommen, wo in 180 Jahren Krieg herrscht, zwischen den "Apex", genetisch hochgezüchteten Supermenschen, und den Normalen. Der zauselig-sympathische Steve Zahn spielt eine der Hauptrollen. Die ersten vier Folgen fand ich ganz nett, aber die Serie endet wohl in Folge 11 mit einem Cliffhanger, dessen Auflösung nicht mehr bekanntgegeben wird.


    Edit: Beides bei Prime Video.