Beiträge von Tom

    Das war ja völlig banane gestern. :pille Vollgepumpt mit dusseligen Militärklischees, lahmen Verschwörungstheorien und halbgaren wissenschaftlichen Adaptionen, dazu ein dramaturgischer Überbau, der hinten und vorne nicht funktionieren wollte - und eine völlig überflüssige Nebenhandlung mit der angedeuteten Affäre zwischen Furtwängler und dem Mann ihrer Partnerin. Das ganze steril (in Alufolie) verpackt. Sensationell unglaubwürdig das Ad-hoc-Ausprobieren des (geheimen?) Manipulationshelms nebst CGI-Selbstverstümmelung. Grausig.

    Wo sich zwei Wege kreuzen, entstehen zwei Abzweigungen


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    Als der Stapel bislang ungelesener Bücher allmählich abgetragen war, fiel mir dieser Roman in die Hände, den ich vor plusminus zwei Jahren aufgrund des Klappentextes als Urlaubslektüre gekauft, dann aber immer wieder vor mir hergeschoben habe, weil ich Cover und Titel doch eher unspannend fand. Der Roman heißt im Original allerdings „Commonwealth“, also sinngemäß „Gemeinwesen“ – der deutsche Titel „Die Taufe“ fokussiert lediglich auf das Ereignis, mit dem die Geschichte beginnt. Hier werden zwar sämtliche Voraussetzungen für die folgenden Ereignisse geschaffen, aber die Taufe selbst ist für den Rest der Story belanglos. Anders gesagt: Es geht nicht um eine Taufe in „Die Taufe“.


    Im Jahr 1964 feiern die Keatings – der Polizeidetective Fix und seine hinreißend schöne Frau Beverly – besagte Taufe ihrer zweiten Tochter Frances, genannt Franny. Das Haus ist voll, viele Nachbarn, Freunde, Verwandte und Arbeitskollegen sind gekommen. Und irgendwann am frühen Nachmittag klingelt Albert Cousins an der Tür, bewaffnet mit einer großen Flasche Gin als für eine solche Gelegenheit eher ungewöhnliches Mitbringsel. Der gutaussehende stellvertretende Bezirksstaatsanwalt, der selbst Familienvater ist, ist zwar nicht eingeladen, aber der Tag ist heiß und man ist gesellig. Aus der Feier wird ab diesem Punkt eine Party, die Nachbarn schaufeln frisch gepflückte Orangen herbei (dieser Anfang spielt in Los Angeles), dazu Tequila und Wodka - und was sonst noch so in den Hausbars herumsteht. Aber daran liegt es nicht, dass sich der ungebetene Besucher und die Mutter des Täuflings irgendwann heimlich sehr intensiv küssen. In der Folge zerbrechen zwei Ehen, aber es entstehen neue Verbindungen und Verstrickungen. Die Taufe ist der Ausgangspunkt einer Vielzahl von Geschehnissen, Wendungen und Begegnungen, die es allesamt nicht gegeben hätte, wenn Albert „Bert“ Cousins nicht einer Laune nachgegeben und diese Feier aufgesucht hätte.


    Der Roman endet viele Jahre später fast in der Jetztzeit, aber dazwischen hat er es wahrhaftig in sich. Ann Patchetts Erzählstil und ihre Sprache sind zum Niederknien – von wuchtiger Präzision, zugleich aber auch hinreißend schön, sehr bildhaft, und über die Maßen zwingend. Wenn man sich an ihre Eigenart gewöhnt hat, Rückblenden und (jeweilige) Gegenwartshandlung sehr abrupt zu mischen, entfaltet sich eine starke, beeindruckende, spannende und vielschichtig aufgebaute Erzählung, die ohne Zweifel als „Great American Novel“ bezeichnet werden kann, als einer jener (wenigen) Romane also, die es schaffen, das Wesen der amerikanischen Gesellschaft anhand einiger Schicksale nachzuzeichnen und exemplarisch für alles Mögliche zu stehen. Und sozusagen den Stand der Dinge, was die literarische Qualität anbetrifft, abzubilden.


    Vor allem aber macht es großen Spaß, die oft tragische, jedoch sehr optimistisch erzählte Geschichte von Franny und ihren Geschwistern, Ehegatten, Kindern, Eltern, Verwandten und Freunden zu lesen, von Begegnungen, die große Wirkung in der Zukunft haben, und anderen, die es nie gegeben hätte, wenn nicht vor langer Zeit irgendwas Bestimmtes geschehen wäre. Ann Patchett zeichnet das Leben ihrer Figuren als ein Geflecht von Pfaden, die sich gekreuzt haben, und jede der sich daraus ergebenden Abzweigungen hätte in ein anderes Leben geführt als dasjenige, von dem wir hier zu lesen das Vergnügen haben (oder umgekehrt). Es ist, einfacher gesagt, eine Geschichte darüber, wie sehr ein Leben das andere beeinflussen kann.


    Ich freue mich über die späte Zufallsentdeckung und habe sofort „Bel Canto“ – für den die Autorin den PEN/Faulkner Award erhalten hat – auf die Leseliste genommen. Ann Patchett gehört für mich in eine Reihe etwa mit Annie Proulx und John Updike.

    Einmalhandschuhe sind m.E. bislang nicht das Problem. Und das mit den Atemschutzmasken und dem Desinfektionsmittel ist auch nahe vor einer Lösung.

    Wehmütige Erinnerungen


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    Ich habe mich lange dagegen gesträubt, dieses Buch in die Hand zu nehmen, weil ich mir einfach nicht vorstellen konnte, wie eine Fortsetzung des kongenialen „Der Report der Magd“ funktionieren sollte (womit ich den Roman meine – und nicht etwa die Fernsehserie). Aber tatsächlich ist „Die Zeuginnen“ keine Fortsetzung, was Botschaft, Duktus, Erzähltechnik und Aufbau anbetrifft. Die beklemmende dystopische Erzählung aus Sicht der Magd „Desfred“ wird mit diesem Buch fast 35 Jahre später um ein Sequel ergänzt, um eine Rahmengeschichte, die anderen Prinzipien und Paradigmen folgt.


    Wir befinden uns einige weitere Jahre in der Zukunft. Das Land Gilead, das offenbar einen Großteil der Fläche der ehemaligen U.S. of A. einnimmt, ist eine extrem konservative, strikt patriarchalische, archaisch und brutal agierende Theokratie, basierend auf einem fundamentalistischen, bibeltreuen Christentum. Das Sagen haben die männlichen „Kommandanten“, denen die Frauen als Marthas (Gehilfinnen) dienen, als Mägde (Leihmütter) zugeordnet oder als Ehefrauen versprochen sind, und meistens wird schon geheiratet, wenn die Mädchen gerade die Pubertät erreichen. Alte, mächtige und meistens unansehnliche Männer werden mit blutjungen Frauen vermählt, und wenn sie später dann mehr oder weniger zufällig Witwer werden, bekommen sie eben neue. Die meisten Frauen sind aufgrund der einige Jahrzehnte zurückliegenden atomaren Katastrophe unfähig, Kinder zu gebären, oder wenigstens gesunde Kinder - deshalb die Mägde, bei denen die Herkunft egal ist, im Gegensatz zu den Ehefrauen.


    Die weibliche Sphäre des Landes wird von den sogenannten Tanten kontrolliert und organisiert, die - anders als die anderen Frauen - des Schreibens und Lesens mächtig sind. Geführt werden diese von Tante Lydia, die vor der Staatsgründung Juristin war und die anschließende gnadenlose Säuberung nicht nur überstanden, sondern zu ihrem Vorteil genutzt hat; der geneigte Atwood-Leser kennt sie aus „Der Report der Magd“. Die kluge, machtbewusste und zielgerichtete Frau ist jedoch keineswegs, wie alle glauben, eine vorbildliche und gottesfürchtige Beschützerin des Landes. Und außerdem ist da noch die „kleine Nicole“, die vor Jahren als Baby aus Gilead entführt wurde und nach der alle auf der Suche sind, nicht zuletzt, um die vom benachbarten Kanada aus operierenden Fluchthelfer moralisch in die Knie zu zwingen.


    Margaret Atwood lässt in diesem Buch drei Frauen ihre Geschichten erzählen – jene Tante Lydia, außerdem die junge Frau, die sich später als Nicole entpuppt (was für den Leser keine Überraschung ist) und eine werdende Tante, die auf diesem Weg eben noch so dem Schicksal als Gattin eines widerwärtigen, alten Kommandanten entkommen ist. „Die Zeuginnen“ besteht aus dem heimlich verfassten Geständnis von Tante Lydia und den späteren Zeugenaussagen der beiden anderen Frauen, weshalb schnell klar ist, dass zumindest sie die Geschichte überleben werden. Das nimmt ein wenig Spannung aus diesem Roman, bei dem es überraschenderweise tatsächlich vor allem um Spannung geht. Margaret Atwood bedient sich einiger Mittel und manchmal drastischer Effekte, um den Leser bei der Stange zu halten; „Die Zeuginnen“ ist beinahe ein Thriller, wenn auch ein verlangsamter.


    Leider aber auch ein ziemlich unlogischer und oft recht holpriger. Feministische, gesellschafts-, religions- und sozialkritische Aspekte, die u.a. „Der Report der Magd“ ausgemacht haben und hier durchaus auch nachdrücklich formuliert werden, leiden unter dem Versuch, ein spannendes, aber doch ziemlich vorhersehbares und manchmal ganz schön wackliges Handlungsgerüst um Elemente zu stricken, die man überwiegend bereits kennt oder in dieser Weise erwartet. Das Schicksal der drei Frauen bleibt dabei fast auf der Strecke, wird immer uninteressanter, zumal die ganze Geschichte wenig stimmig und die Motivationen der Figuren kaum überzeugend sind. Dazu kommen technische, medizinische und evolutionsbiologische Ungereimtheiten, die sich zuweilen nur schwer aushalten lassen. Die stilistische Schlichtheit einiger Abschnitte tut das ihrige - das Lesevergnügen hält sich oft in Grenzen.


    „Die Zeuginnen“ ist weder ein Pageturner, noch ein flammendes Manifest, dafür ist das Setting auch viel zu überzogen und klischeegeflutet. Es ist meistens ein recht lesbares Buch, das wehmütige Erinnerungen an einen der besten dystopischen Romane des vergangenen Jahrhunderts - nämlich „Der Report der Magd“ - wachruft, aber weder erzählerisch, noch dramaturgisch oder politisch auch nur entfernt anknüpfen kann.

    Auch all die Virologen haben mit dieser Art von Ausbruch und Verbreitung bislang nur wenige oder keine Erfahrungen, und auch für sie ist dieses Virus weitgehend neu. Es kann aber kaum falsch sein, die jeweils strikteste Warnung und Handlungsanweisung zu beherzigen. Lieber einmal zu oft die Hände gewaschen und lieber einen Meter mehr Abstand gehalten als unbedingt nötig. Lieber einen Tag länger zu Hause geblieben. Usw.


    Anders verhält es sich mit den Horrorszenarien und düsteren Prognosen. Da sollte man auf der optimistischeren Seite bleiben, aus Gründen der emotionalen Hygiene.

    Es wird sich eine Klopapier- und Nudelsättigung einstellen, wenn alle genug Vorräte haben. Quasi eine Herdensättigung. Und dann normalisieren sich Nachfrage und Angebot auch wieder halbwegs, hoffentlich. Jedenfalls ist weder die Produktion von Klopapier, noch die von Nudeln bisher gefährdet oder sogar eingestellt.


    magister wigbold : Danke für die Erläuterungen. Ich meinte damit, dass der Virus "neu" ist, auch überwiegend, dass er neu an und für Menschen ist.