Beiträge von Tom

    Hallo, SiColliert.


    Jetzt geht es um die Verwendung des Begriffs als negatives Prädikat.


    Einerseits. Ein solcher Begriff verliert seinen Schrecken und seine Wirkung, wenn man ihn inflationär einsetzt, das stimmt.


    Andererseits. Wenn man zu zaghaft ist, dehnt man möglicherweise die ohnehin weit in ehemalige Tabugebiete hineinreichende Zone nochmals deutlich aus. Man muss eine Grenze setzen, und den Leuten klarmachen, was es bedeutet, sich hinter dieser Grenze zu befinden. Ich hielte es übrigens für absolut zulässig, sehr viele Mitglieder und Anhänger der AfD dort anzusiedeln, weil das, was sie tun und favorisieren und propagieren, ganz eindeutig in diese Richtung weist, aber es gibt keine "Nazis light", so, wie man niemanden wirklich halbtot schlagen kann. Wer zündelt, riskiert immer das ganz große Feuer.


    Aber das ist ein Exkurs. Ansonsten - siehe Klarstellung von weiter oben. ;)


    Schöne Ostern!

    Hallo, SiCollier.


    Du hast mich missverstanden. Es ging mir nicht darum, wen man wann als Nazi bezeichnen sollte oder nicht, sondern schlicht um die Beantwortung von Voltaires Frage, ob man "gleich" ein Nazi ist, wenn man, wie der "völkische Flügel der AfD" "weit nach rechts abdriftet", und die Antwort auf diese Frage ist ein schlichtes, klares, sehr, sehr großes JA. MAN IST. Wenn man die Definition des Begriffs auf die (und ähnliche) Leute eindampft, die Voltaire da aufgezählt hat, stellt man denen, von denen die Gefahr ausgeht, einen absurden Freibrief aus.


    Im Übrigen gehe ich nach allem, was ich von den Kollegen so wahrnehmen durfte und musste, davon aus, dass sich Höcke & Co. sehr gerne im Dritten Reich wiederfänden; also wäre hier sogar Heitmeiers Anweisung befolgt. Die ja nur seine Meinung wiedergibt, und keine axiomatische Regel, der alle zu folgen haben.

    Zitat

    Aber ist man dann gleich ein Nazi?


    Ganz klares Ja. Und man ist nicht "gleich" ein Nazi, als wäre das irgendwie ein Etikett, das man eben mal so an jemanden ranpappt und das derjenige dann nicht mehr abkriegt. Nazi ist man, wenn man die Rassentheorie verinnerlicht hat, wenn man Menschen aufgrund ihrer Herkunft und/oder Ethnie für unterschiedlich wertig hält, wenn man Bodenansprüche formuliert und Menschenrechte für Blödsinn hält, wenn man gewalttätig gegen andere vorzugehen bereit ist, die nicht der bevorzugten Gruppe angehören, wenn man Sätze mit "Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber" beginnt - und so weiter und so fort. Nazi ist man nicht, weil einen andere so nennen, sondern weil man sich bewusst dafür entscheidet - genau so, wie ein Gutteil der führenden AfDler das getan haben, und sehr viele Anhänger dieser Partei.

    Dieses Verniedlichende, Verharmlosende, das mit einer solchen Frage einhergeht, das ist die eigentliche Gefahr - und nicht etwa "Merkels Sozialdemokratisierung der CDU". Solche Positionen leisten den neuen Nazis Vorschub und legitimieren sie, und nicht einer der wenigen wirklich integeren Politiker, die derzeit in Europa ein Land führen.


    Zitat

    Jemand der mit Himmler, Goebbels und Hitler in einen Topf geschmissen werden kann?


    Noch klareres Ja. Außerdem, mit Verlaub, waren die drei nicht die einzigen Nazis ihrer Zeit.

    Lahme, schlecht erzählte Dystopie


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    In einer vermutlich nicht sehr weit entfernten Zukunft ist die britische Hauptinsel von einer zehntausend Kilometer langen Betonmauer umgeben, fünf Meter hoch und drei Meter breit. Sie hält nicht nur das Wasser ab, dessen Oberfläche seit dem "Wandel", einem offenbar klimatischen Großereignis vor einigen Jahren, stark angestiegen ist, sondern vor allem die so genannten Anderen, die ins Land wollen, aber nicht dürfen. Um das auch aktiv zu verhindern, muss jeder Brite für zwei Jahre Verteidigungsdienst auf dem Bauwerk leisten, es sei denn, er gehört zur regierenden Elite oder er ist Fortpflanzer. Das sind die wenigen Leute, die noch Kinder in diese feindliche Welt setzen wollen, und die dafür Sondervergütungen erhalten, sozusagen ab dem ersten Sex. Warum man nicht einfach ein paar dieser Anderen reinlässt, um die Bevölkerungszahl zu stabilisieren, erklärt der Autor nicht. Wer es reinschafft und erwischt wird, wird übrigens entweder wieder aufs Meer geschickt oder versklavt, kann sich das aber immerhin selbst aussuchen.


    Joseph Kavanagh ist Anfang zwanzig und muss jetzt auch hoch, in die Kälte, von der es zwei Typen gibt, nämlich kalt und sehr kalt. Aber die Kälte ist nicht das Hauptproblem, sondern die Langeweile. Um das zu veranschaulichen, ist der Roman in besonders einfacher Sprache und besonders langweilig erzählt. Dieser Ansatz, der auch noch mit fehlender Logik gepaart wurde, funktioniert gut; die Langeweile dringt einem beim Lesen quasi in die Knochen, wie das die Kälte bei den Verteidigern schafft. Die aber neben Kälte und Langeweile noch ein weiteres Problem haben: Wenn es Anderen gelingt, die Mauer zu überwinden, muss je Eindringling, der es reingeschafft hat, ein Bewacher raus, ganz egal, ob dieser Bewacher Schuld am Eindringen trägt oder nicht. Diese etwas absurd anmutende, zutiefst ungerechte und selbstzerfleischende Regelung soll die Wachsamkeit der Verteidiger aufrechterhalten.


    Der Klappentext verweist Parallelen zu Brexit und aktuellen Migrationsströmen, aber das ist, wenn man so will, populistischer Blödsinn, denn der Roman ist im Kern völlig unpolitisch, oder höchstens auf ziemlich naive Weise ein ganz klein wenig politisch, etwa wie Bürgerinitiativen von Leuten, die gegen eine Bebauung sind, weil sie dann keine so hübsche Aussicht mehr haben. Die Hauptfigur, die als Ich-Erzähler agiert, ist jedenfalls nicht schlau genug angelegt, um etwas Kluges zu relevanten Themen sagen zu können, weshalb der Autor auch darauf verzichtet hat, ihm derlei in den Mund zu legen. Dasselbe gilt für das restliche Romanpersonal - auch die ihn umgebenden Figuren sind nur stereotype, konturlose Pappkameraden. Selbst der Mann aus der Elite, der zweimal auftaucht, redet ausschließlich Stuss.


    Hiervon abgesehen ist "Die Mauer" erschütternd erzählt, zerbröselt das bisschen Spannung, das gelegentlich aufgebaut wird, gleich wieder in einem Halbsatz, und tötet den letzten Nerv mit langen Abhandlungen über haarsträubende Belanglosigkeiten. Die drei, vier Ereignisse, die Meilensteine der Geschichte markieren, werden sprichwörtlich im alles umgebenden Meer versenkt, und am Schluss ist man fast froh, dass diese ausgewalzte Story, die nur auf einer guten Idee zu fußen scheint, auch noch so endet, wie sie die ganze Zeit über war, nämlich völlig belanglos.

    Zwanzig Watt


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    Der Psychologiedoktorand Fitz, seine Frau Joanie und der gemeinsame Sohn Corey leben in Cambridge. Fitz hat ein Harvard-Stipendium und Joanie hat nach der frühen Heirat und der kurz darauf erfolgten Geburt des Sohnes diverse Jobs angenommen, um den Mann zu unterstützen. Inzwischen arbeitet sie in einer Bibliothek. Das Paar verfügt über wenig Geld, die Ehe hat ihre Höhen und Tiefen, aber sie hoffen gemeinsam auf die gute Zeit, die nach der Dissertation kommen wird, einfach kommen muss. Wir schreiben die Sechzigerjahre.


    An der psychologischen Fakultät von Harvard ist schon seit einiger Zeit ein gewisser Timothy Leary beschäftigt, ein vielbeachteter Psychologe, der im Rahmen seiner Forschungsprojekte mit bewusstseinserweiternden Drogen - vor allem Psilocybin und LSD-25 - experimentiert. Fitz gerät gegen eigenen anfänglichen Widerstand in dessen Umfeld und dringt schließlich sogar in den inneren Kreis vor, doch auch Joanie ist von Tim Leary und seinen Ideen angetan, hauptsächlich aber von der Hoffnung, auf diesem Weg dem ermüdenden, anstrengenden Alltag entkommen zu können.

    Als die Versuche und die allwochenendlichen LSD-Partys im Hause Leary auf immer mehr Unmut bei der Universitätsleitung stoßen, verlegt der Psychologe die Experimente zunächst nach Mexiko und dann auf ein großes Anwesen in New Jersey, wo fortan regelmäßig das "Sakrament" konsumiert und die freie Liebe praktiziert wird. So weit, so vorhersehbar und, leider, so langweilig.


    Boyle erzählt hier im Prinzip seinen Roman "Dr. Sex" (OT: "The Inner Circle", 2004) rund um den Sexualforscher Albert Kinsey noch einmal, nur eben mit Leary und mit Drogen. Wie Kinsey im älteren Buch bleibt Leary in "Das Licht" eine Hintergrundfigur, oder eben das Zentrum, um das alle kreisen, ohne es je wirklich zu erreichen. Dieser Kunstgriff, biografische Romane indirekt, aus der Sicht einer Nebenfigur zu erzählen, ist nicht neu, aber bei Boyle konnte man sich bislang halbwegs darauf verlassen, dass das Ergebnis interessant, lesbar, erhellend, möglicherweise sogar spannend ausfallen würde. "Das Licht" allerdings ist so interessant und erhellend wie eine klassische 20 Watt-Glühbirne, deren Leuchtkraft gerade mal für einen Besenschrank ausreichte. Und das nach einem wirklich furiosen Prolog, der vermutlich Jahre vor dem Hauptwerk verfasst wurde - so jedenfalls fühlt es sich an.


    Das Bewusstsein von Fitz erweitert sich erwartungsgemäß irgendwann so sehr, dass es nicht mehr in die Person passt. Während Joanie nebst Sohn noch den Absprung schafft, verstrickt sich der Doktorand nach fast 300 ziemlich vorhersehbaren Seiten in eine etwas krude Liebesgeschichte und verliert die Bodenhaftung vollständig. Interessant bei dieser zäh geratenen Erzählung sind einzig Boyles Versuche, die LSD-Erlebnisse anschaulich wiederzugeben, ansonsten passiert fast nichts in diesem Buch, das vor dreißig Jahren aufgrund der Thematik vielleicht eine kleine Sensation gewesen wäre, aber im Jahr 2019 doch sehr angestaubt, altbacken und konventionell daherkommt. Die Naivität im Umgang mit LSD, die pädagogisch fragwürdige Nachlässigkeit im Umgang mit den eigenen Kindern, die eigentümlichen Praktiken der Psychologen damals und ein paar andere Elemente verleihen der Geschichte zwar eine gewisse Würze, aber nicht genug davon, um die farblosen Figuren und das weitgehend spannungsfreie Geschehen schmackhaft zu gestalten. Von Boyle früherem Witz und seinen Ambitionen spürt man in diesem steril komponierten, lieblos heruntererzählten Roman wenig. Ein Buch wie ein vernieselter Herbstnachmittag: Man bringt ihn - also es - möglichst schnell hinter sich und vergisst das ganze sofort wieder.

    Man hat eine riesige Auswahl an Serien auf Netflix, bei Amazon Prime und in der Mediathek und was macht man, man staubt das Regal ab und kramt eine Lieblingsserie auf DVD raus. Everwood :-)

    Kennt die jemand? Ich finde die Serie klasse. Ist von 2003 :-)

    Auch die "Friends"-Box mit allen 10 Staffeln durchzuschauen schadet praktisch nie. ;)

    Ich bin eher zufällig auf einen Film gestoßen, den ich ob des bescheuerten deutschen Titels nie auf dem Schirm gehabt hätte, nämlich "Wild Tales - Jeder dreht mal durch!", der im Jahr 2014 jede Menge Preise gewonnen hat, bei Filmfestivals minutenlange Ovationen generiert hat und für den Auslandsoskar nominiert war. Der Episodenfilm stammt aus Argentinien und ist dort der erfolgreichste Film der bisherigen nationalen Filmgeschichte. Der spanische "Kultregisseur" Pedro Almodóvar hat ihn mitproduziert.


    Ich habe mich äußerst amüsiert. In sechs echt haarigen, überraschenden und fantastisch inszenierten Episoden geht es um Gewalt, um Rache, um das sprichwörtliche überlaufende Fass. Sehr genial, sehr lustig, sehr makaber. Und mit dem Ende der letzten Episode hätte ich echt nicht gerechnet. Anschauen!


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    Gestern habe ich - ebenfalls eher zufällig - den letzten Luc Besson-Film angeschaut, die offenbar bislang teuerste Filmproduktion, die je in der EU hergestellt wurde, und der man auch jeden Cent ansieht: "Valerian - die Stadt der tausend Planeten" (die Stadt heißt übrigens überhaupt nicht so, sondern die Hauptfigur des Films). Ein Fest für die Augen und die Ohren, unglaubliche Bilder, unfassbare Effekte und beeindruckende Szenen. Der feuchte Traum jedes SF-Enthusiasten. Handlung - na ja. Vorhersehbar, voller Klischees, ziemlich unspannend. Aber die tolle Machart und die Besetzung gleichen das wieder aus.


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    Nun, wenn ein Buch nicht verstanden werden will, gar verstanden werden soll - warum schreibt man es dann? Und warum liest man es? Wenn es bei jedem Leser ganz unterschiedliche Eindrücke gibt, dann ist das, ja, zweifelsohne eine gute Anregung für einen Diskurs, aber das ist das Wetter letztlich auch.


    Ich mag Inger-Maria Mahlke als Autorin eigentlich recht gerne, aber ich finde, dass "Archipel" bei aller Mühe nicht so richtig funktioniert. Eigentlich überhaupt nicht. Ich war auch irritiert, dass der Titel den Buchpreis bekommen hat, was vielleicht ein Ausdruck der Ratlosigkeit der Jury (und der Schwäche der Konkurrenz) war. Das Buch ist schwergängig, unhandlich, sprachlich überdreht, oft ziemlich langweilig und nicht selten von seiner Form erdrückt. Um eine Lektüre noch genießen zu können, darf und muss es Hindernisse geben, aber wenn aus kleinen Stöckchen zwischen die Speichen ganze Baumstämme werden, endet der Spaß.


    Ich fand's nicht gut im Sinne von "gutes Buch". Aber es ist gut gemacht im Sinne von "die kann was".

    Bitte nicht vom Titel abschrecken lassen


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    Schon der frühe Morgen dieses 15. April 2015 deutet dem britischen Beamten Jonathan gegenüber an, wie der restliche Tag verlaufen wird. Beim Blumengießen auf dem Balkon der verurlaubten Exfrau kackt ihm eine Amsel auf die Anzughose. Jon, der in einem Ministerium - vermutlich im Innenministerium - arbeitet, ist jedoch niemand, der in einer auf solche Weise verunstalteten Hose herumlaufen würde, denn Stil und Äußeres sind nicht nur ihm wichtig, sondern essentiell in der Londoner Finanz-, Wirtschafts- und Politikwelt. Wenigstens perfekte Kleidung muss sein, da sein Job in der Hauptsache darin besteht, Fakten auf beschönigende Weise zu verdrehen. Jon hat ein großes rhetorisches Talent, er ist prädestiniert für diese Form der Öffentlichkeitsarbeit, aber er hasst sie - sie bereitet ihm körperliches Unbehagen. Zum Ausgleich, aber auch, weil er die Liebe vermisst und ein Romantiker ist, schreibt der Neunundfünfzigjährige in seiner Freizeit Liebesbriefe an einsame Frauen, die auf seine Annoncen reagiert haben - und ihn für diesen Service bezahlen. Im Ministerium hat man davon Wind bekommen, Jon gilt dort seither als Frauenheld, dabei ist er alles andere als das. Er ist unsicher, frustriert, unglücklich. Er würde lieber in einer sehr viel besseren Welt leben.


    Eine von diesen Frauen, denen Jon professionell schreibt, ist die Mittdreißigerin Margaret, genannt Meg, die früher Wirtschaftsprüferin war, bis ihr Leben aus den Fugen geriet und der Alkohol die Kontrolle übernahm. Heute, an diesem 15. April, ist Meg seit genau einem Jahr trocken, und zur Feier dieses Tages wird sie Jon treffen, den sie als Corwynn August aus seinen hinreißenden Briefen kennengelernt hat. Die beiden haben sich schon zweimal kurz getroffen, nachdem ihn Meg ausfindig gemacht hat, und sie waren sich sympathisch, doch heute soll es endlich ein richtiges Date geben. Die durchaus hübsche, aber etwas zerzauste Meg, die inzwischen in einer Tier-Auffangstation arbeitet, ist aufgedreht, erwartungsvoll, aber auch extrem selbstkritisch, verletzlich und eingeschüchtert. Ihr Leben ist eine Gratwanderung, und beiderseits des Grats wartet das Ungeheuer Ethanol. Sie hofft deshalb auf Stabilität, aber fast noch wichtiger wäre ihr das Ende der Einsamkeit - allerdings nicht um jeden Preis.


    Doch der Tag, dieser Freitag im April 2015, macht es den beiden nicht leicht. Jons Planung wird immer wieder unterbrochen, weil ein zwielichtiger Journalist auf ein Leak gestoßen ist, aber auch seine erwachsene Tochter hat Probleme, die sich ohne Papa nicht lösen lassen. Das Date mit Meg muss warten, und während der Leser mit diesem Paar, das noch keines ist, ebenfalls darauf wartet, dass geschehen wird, worauf alle hoffen, bewegt sich die genau genommen unspektakuläre, aber in zwischenmenschlicher Hinsicht fundamentale Handlung durch dieses London, das schon seit Jahren keine Stadt mehr ist, sondern ein Disneyland für Superreiche, ein Denkmal für eine Macht, die längst vergangen ist, eine absurd teure Kulisse für ein armseliges Schauspiel.


    „Süßer Ernst“, diese unglaubliche Roman mit dem kaum begreifbar dämlichen Titel (im Original „Serious Sweet“ - auch nicht besser), erzählt nur von diesem einen Tag, und auch wenn die Lektüre der gut 560 Seiten mehr als 24 Stunden in Anspruch nehmen mag, funktioniert es. Im Wechsel aus der Sicht beider Hauptfiguren lässt die schottische Autorin, die auch meiner Meinung nach zu den wichtigsten, stärksten, ausdrucksvollsten Stimmen der britischen Literatur gehört, diesen einen Tag vergehen, der es offenbar weder Jon, noch Meg gestatten will, zum Ziel zu kommen, einander zu finden - eher im Gegenteil. Währenddessen lernt der Leser die beiden sehr gut kennen, weil Alison Louise Kennedy äußerst kunstvoll komplexe Gedankenwelten, Handlung und Umweltgeschehen miteinander verwebt. Dazu gehören auch die grotesken Vorgänge in der britischen Politik der Prä-Brexit-Ära, in diesem England, das seit der Amtszeit der anderen Margaret, dieser elf Jahre zwischen 1979 und 1990, die wie kaum eine andere Epoche nicht nur die britische Gegenwart geprägt haben, kein Land für Mitgefühl, Glück und Gemeinsamkeit mehr zu sein scheint. Und dann sind da noch diese kleinen, sehr nüchtern und sachlich erzählten, dennoch sehr emotionalen Episoden zwischen den Kapiteln, die von Menschen in Alltagssituationen berichten, von Achtsamkeit, Glücksmomenten, dem Dasein im Jetzt. Erst ganz am Ende klärt Kennedy auf, was es mit diesen Geschichten auf sich hat.


    Wie „Alles was du brauchst“, meiner ersten Begegnung mit A. L. Kennedy, wird auch dieser wieder ein Roman sein, der lange nachwirkt, der zu einer emotionalen Erinnerung wird, die sich einbrennt und festhält. Auch wenn die Verlangsamung manchmal etwas überzogen wirkt, auch wenn am Ende etwas dick aufgetragen wird, um den Kontrast zur Welt draußen zu verstärken, liest sich „Süßer Ernst“ einfach großartig. Kennedy schreibt äußerst eindringlich und anschaulich, findet gerade für die eher abstrakten Dinge ganz präzise die genau richtigen Worte, gibt beiden Figuren gleich viel und damit genug Raum. „Süßer Ernst“ ist eine Liebesgeschichte, ja, aber in einem ganz anderen Sinn als im üblichen. Es ist außerdem ein sehr politisches Buch - eines, das sich von dieser Illusion namens „Großbritannien“ verabschiedet, während viele, die Bestandteil dieser Illusion sind, noch nicht mitbekommen zu haben scheinen, dass es sich um eine handelt.

    Nur dieser Titel. Auch wenn er zutrifft - er lockt wahrscheinlich die falschen Leser an und schreckt die richtigen ab.


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