Beiträge von SiCollier

    Ja, ein Buch nach langer Zeit wieder zu lesen, kann Überraschungen bergen - in die eine wie die andere Richtung.


    Ich habe übrigens zwischenzeitlich in der Zeitschrift "Amerindian Research", Ausgabe 1/2024, den Artikel über Cynthia Ann Parker gelesen. (Auf der Webseite ist derzeit, wenn man die entsprechende Ausgabe anklickt, ein Teil des Artikels lesbar.) Das Buch hält sich ziemlich genau an die historisch überlieferten Geschehnisse.

    * pustet den Staub vom Thead * hust *


    Old Owl wußte tief im Innern, daß das Volk sich nicht mehr darauf verlassen konnte, daß die Welt so funktionierte, wie sie seit Urzeiten funktioniert hatte. (Seite 469)


    Meine Meinung


    Alles hat seine Zeit. Dieses Buch habe ich im November 2003 gekauft, weil ich es eigentlich gleich lesen wollte. Doch wie es so geht, es kam etwas dazwischen, und noch etwas - und das Buch blieb im Regal. Doch dann sah ich kürzlich eine Dokumentation über die Bisons in Nordamerika, in der mehrfach Quanah Parker erwähnt wurde. Da fiel mir dieser Roman wieder ein.


    Alles hat seine Zeit. Über zwanzig Jahre sind seit dem Kauf des Buches vergangen. Doch nun ist die Zeit für dieses Buch gekommen. Und ich bedaure sehr, es wirklich nicht gleich nach dem Kauf gelesen zu haben.


    Denn was die Autorin hier auf über achthundertfünfzig Seiten in geradezu epischer Breite erzählt, ist die Geschichte vom freien (aber sicher nicht unbeschwerten) Leben in den Plains und seinem Untergang durch das Fortschreiten der „Zivilisation“ - oder dem, was gemeinhin so bezeichnet wird. Es ist nicht der erste Roman, den ich gelesen habe, in dessen Verlauf der Begriff „Zivilisation“ in der Bedeutung, die man ihm normalerweise zuschreibt, ad absurdum geführt wurde und sich bei mir der Eindruck verfestigte, daß die Ureinwohner eher in einer Zivilisation gelebt haben denn die weißen Eindringlinge.


    Dabei gebührt der Autorin das große Verdienst, nichts beschönigt oder gar verklärt zu haben. Selten habe ich einen Roman gelesen, in dem die brutale Gewalt, die von beiden Seiten angewandt wurde, so offen thematisiert und beschrieben wurde. Die Schilderungen sind meist nicht sehr detailreich, vermitteln jedoch recht gut, was da den jeweils anderen angetan wurde. Diese Szenen sind gewißlich nichts für Menschen mit schwachen Nerven. Manches widerspricht dem, was ich in anderen Büchern gelesen habe - allerdings war das jetzt das erste Mal, daß es um die Comanchen ging. Und Robson hat einen ziemlich genauen Bericht gegeben, wie der Überfall und die Behandlung der dabei gefangen genommenen Weißen vonstatten ging. Und welche Grausamkeiten dabei verübt wurden. T. R. Fehrenbach hat in seinem Buch „Comanchen“* auch von den Ereignissen, die die Geschichte dieses Romans hier in Gang setzten, berichtet. Die Autorin hat sich eng an die historische Überlieferung gehalten.


    Das Buch ist in die Abschnitte „Frühling“, „Sommer“, „Herbst“ und „Winter“ eingeteilt. Dadurch hat man schon vor dem Lesen eine leichte Vorahnung, wie der Abschnitt stimmungsmäßig sein wird. Das unvermeidliche Ende kommt im „Winter“ - ich war dankbar, daß dies der kürzeste Abschnitt war. Etwas irritierend fand ich die Namensgebung für die Comanchen: manche hatten deutsche Namen, manche englische und manche solche in Comanchensprache. Bei der Vielzahl der auftretenden Figuren wäre auch ein Personenverzeichnis hilfreich gewesen. Neben einem Atlas habe ich öfters die hinten im Buch abgedruckte Landkarte zu Rate gezogen, die sich bei der geographischen Einordnung als sehr hilfreich erwiesen hat.


    Ich habe schon etliche Bücher über jene Zeit gelesen, aber in kaum einem wurde der Untergang der Indianer so nachvollziehbar, so wirklichkeitsnah dargestellt wie hier. Die Ausbreitung der Weißen nimmt den ursprünglichen Bewohnern mehr und mehr den Lebensraum und die Lebensgrundlagen. Hinzu kommen bewußt in Gang gesetzte Pocken- und Choleraepidemien mit ihren hohen Opferzahlen. Und immer wieder von seiten der amerikanischen Politiker Versprechungen und Zusagen, die bei erster Gelegenheit gebrochen werden. Kein Wunder, wenn es nie zu einem dauerhaften Frieden oder gar einem friedlichen Zusammenleben gekommen ist. Die Amerikaner hatten gar kein Interesse daran. Sie wollten das Land, sie betrachteten die Indianer als „Wilde“, die es auszurotten galt, nicht als Menschen. Hauptsache, sie verschwanden und machten der „Zivilisation“ Platz.


    Doch wenn die Bisons verschwinden konnten, dann war alles möglich, jeder Schrecken, jede Tragödie.“ Dieser Satz taucht zwar erst auf Seite 852 auf; hätte er zu Beginn gestanden, hätte der die Leser allerdings gut auf das, was im Buch zu erwarten ist, vorbereitet. Nach über achthundertfünfzig Seiten ist die Freiheit besiegt, die überkommene Lebensweise zerstört, eine Kultur am Ende.


    So bleibt am Ende nur noch mit lauter, klarer Stimme (den) Todesgesang anzustimmen:**


    Wohin ich auch gehe,

    Fürchtet man mich.

    Wohin ich auch gehe,

    Ist Gefahr.

    Wohin ich auch gehe,

    Ist der Tod.

    Doch jetzt werde ich

    Nicht mehr gehen. **


    Suvate. Es ist zu Ende.“***



    Mein Fazit


    Das Schicksal der Cynthia Ann Parker wird hier verwoben mit dem Untergang der Comanchen. Nichts beschönigend oder verklärend gibt die Autorin eine authentische Schilderung vom Leben und Untergang der Comanchen in den südlichen Plains. Erschütternd. Mitreißend. Großartig.




    * = T. R. Fehrenbach „Comanchen“, Fackelträger-Verlag Hannover 1974; vergleiche Seiten 229ff

    ** = S. 771 / *** = S. 853


    ASIN/ISBN: 3492228399

    Das Schicksal hat die Zeitpläne durcheinandergeschmissen. (Seite 277)


    Meine Meinung


    Es ist jetzt schon ein paar Tage her, daß ich dieses Buch beendet habe. Und wie so oft, wenn mir ein Buch gefallen hat, fällt es mir schwer, meine Gedanken dazu soweit zu sortieren, daß eine sinnvolle Meinungsäußerung dabei herauskommt.


    Der Roman hatte mein Interesse geweckt, auch wenn er für mich vom Thema genau genommen etwas zu spät kommt, da ich die „6“ bereits in der Zehnerstelle des Alters stehen habe. Nachdem mir aber das letzte Buch des Autors sehr gefallen hatte, wollte ich auch dieses lesen und wissen, wie der Protagonist hier damit klar kommt. Jedenfalls nicht so gut wie ich, denn manche seiner Befürchtungen und Ängste konnte ich eher wenig bis nicht nachvollziehen. Das mag auch daran liegen, daß mir der Wechsel von der „5“ zur „6“ nicht viel ausgemacht hat. (Wenn es zur „7“ geht, dürfte es dann allerdings schon ganz anders aussehen.)


    Viel interessanter (und wichtiger) fand ich den Aspekt des Buches, der sich mit dem Satz auf Seite 277 gut umschreiben läßt: „Das Schicksal hat die Zeitpläne durcheinandergeschmissen.“ In früheren Zeiten hätte man vielleicht so etwas wie „Der Mensch denkt und Gott lenkt“ gesagt; beides läuft letztlich auf das selbe hinaus: man kann zwar planen, aber ob das letztlich auch so geschieht, wie man es geplant hat, weiß man erst, wenn es soweit ist.


    Alexander hatte es sich im Leben gut und bequem eingerichtet, so hätte es weiter gehen können. Wenn nur diese ominöse „60“ als Zahl des nächsten Geburtstages nicht wäre. Seine Gedanken kreisen fast nur noch um diese Zahl, die für ihn eine Art Ende bedeutet - ab dann ist man alt. Aber bevor es soweit kommt, gerät sein Leben aus den Fugen; nach dem Motto „was schief gehen kann, geht auch schief“ bricht lawinenartig ein Unglück nach dem nächsten über ihn herein und alles, was bisher anscheinend felsenfest stand, ist plötzlich infrage gestellt.


    Man kann darüber streiten, ob hier des „Guten“ nicht zuviel geschehen ist, auf jeden Fall wird die Unsicherheit des Lebens mehr als überdeutlich vor Augen geführt - dem Protagonisten wie (und vor allem) auch dem Leser. Es wurde im Verlauf des Buches mehr als deutlich, daß die einzige Sicherheit im Leben die Unsicherheit ist. Und man immer der Tatsache gewärtig sein sollte, daß das Leben zu jeder Zeit zu Ende und damit jeder Tag der letzte sein kann. Dieses (wieder) bewußt zu machen, ist für mich das größte Verdienst dieses Buches und macht es alleine schon deswegen überaus lesenswert.



    Mein Fazit


    Ein Buch über das Älterwerden und vor allem die Unsicherheit des Lebens - lesenswert auch für Jüngere.

    und der Leser muss diese Wertungen ohne Beweise oder Hintergründe so übernehmen.

    Na ja, das hat Tom ja inzwischen erklärt: Alexander ist der Ich-Erzähler, und der kennt ja seine Gründe und wird sie nicht bei jeder Überlegung wiederholen. Pech für uns, daß wir ihn eben nur ein Stück weit begleiten, so daß manche Hintergründe nicht im Buch erklärt werden können.

    Die Frage ist lächerlich, bei allem Respekt.Warum weint jemand in einer extrem rührenden Situation?

    Da diese Diskussion nun schon eine Weile dauert, hatte ich viel Zeit, darüber nachzudenken und die verschiedenen Meinungen zu betrachten. Es sei zugegeben, daß auch mir in "extrem rührenden Situationen" schon mal die Tränen kommen, wobei Auslöser da sogar eigentlich harmlose Szenen in Büchern (oder Filmen) sein können, sofern die entsprechend geschrieben bzw. dargestellt sind. Jeder Mensch reagiert eben auf gleiche Situationen anders.


    Nach der langen Diskussion hier im Thread habe ich nun - so glaube ich zumindest - verstanden, wie die fragliche Szene im Buch gemeint war. Sollte ich das jetzt richtig verstanden haben, ergibt sie Szene Sinn.


    Das Problem ist die Kommunikation. Mir fällt da mein Deutschunterricht in der 8. oder 9. Klasse ein. Den hatten wir bei einer Referendarin, die frisch von der Uni kam - aber eine meiner besten Deutschlehrerinnen war. Kommunikation und Verständnis der Sprache war ein Thema. Ich kriege das im Detail nach deutlich über 45 Jahren nicht mehr hin, aber ich entsinne mich, daß Kommunkation voraussetzt, daß Sender und Empfänger sich verstehen können, also einen "Code" vereinbart haben, wie eine bestimmte Lautfolge zu verstehen ist. Denn das Wort "Baum" hat überhaupt nichts "baumiges" an sich - unsere Vorstellung entsteht erst dadurch, daß wir mit dieser Lautfolge die Pflanze "Baum" verbinden. Wenn also jemand für sich beschließt, die Lautfolge „Baum“ als „Wasser“ zu verstehen, haben Sender und Empfänger einen verschiedenen Code - und verstehen sich nicht mehr. (Das stark verkürzt der Inhalt mehrerer Deutschstunden.)


    Eine ähnliche Situation scheint hier auch gegeben zu sein: Sender (= Autor) und Empfänger (= Leser) verstehen unter dem Begriff „heulend“ etwas anderes, was die Konnotation betrifft (daß Tränen fließen, sollte unstrittig sein).


    Ich habe beim Lesen eine Situation, wie Breumel sie weiter oben geschildert hat, vermutet, und nicht eine Situation, in der einem aus tiefer innerer Rührung (oder Erschütterung), wie Tom oben geschrieben hat, die Tränen kommen.


    An diesem Mißverständnis, so will es mir inzwischen erscheinen, entzündet sich die ganze Diskussion, was eigentlich schade ist, weil das Buch, wie Maarten an anderer Stelle richtigerweise schrieb, viel mehr als Inhalt hat als diese (von der inhaltlichen Aussage her gesehen) eigentlich eher nebensächliche Szene.


    Wenn wir uns darauf einigen könnten, wäre vielleicht auch eine inhaltliche Diskussion über die eigentliche Thematik des Buches wieder möglich (ggf. im letzten Thread). Der von Maarten genannte Vergleich mit „Freitags bei Paolo“ ist mir in etwas anderer Form auch schon gekommen, da es in beiden Büchern um ernste Themen geht, die trotz aller Kritik und Mißverständnissen, für meine Begriffe sehr gut behandelt wurden (wobei ich für „Freitags bei Paolo“ anscheinend eine sehr ähnliche bis gleiche Meinung wie Maarten habe, aber das nur nebenbei, weil es hier eigentlich nicht hingehört).


    :wave



    Edit. Warum entdecke ich Tippfehler nicht beim Korrekturlesen sondern erst nach dem Posten?

    Es müsste theoretisch auch möglich sein, sich einen UK account anzulegen. Fragt mich aber nicht wie.

    Ich bin sowohl bei amazon.co.uk wie auch bei amazon.com angemeldet und habe bei beiden Amazons schon bestellt - ganz einfach mit den Anmeldedaten, die ich für amazon.de benutze (die haben auch bei amazon.fr schon funktioniert).


    Allerdings kann man digitale Produkte nur im eigenen Land kaufen. Ich wollte bei amazon.co.uk einen Film digital kaufen, da der nur in USA und UK zum streamen erhältlich ist (keine DVD) - aber bei der Zahlungseingabe hat die Bestellung gestoppt. Es muß eine UK-Anschrift im Konto vorhanden sein und die Kreditkarte muß von einer UK-Bank ausgegeben sein, will man digitale Produkte bei amazon.co.uk erwerben. Schade - geht also nicht. Ob das anders wäre, wenn UK noch in der EU wäre, weiß ich nicht.

    So, und wo genau ist jetzt die dramaturgische Lücke?

    Tja, so gesehen klingt das logisch. Mein Problem ist, ich wiederhole mich, ist schlicht und einfach der Begriff "heulend". Der impliziert für mich, daß konkret etwas Schlimmes passiert ist (dirket vor ihrer Ankunft, vor dem sie eventuell wegläuft?). Wie früher geschrieben, hätte sie beim Öffnen der Tür einen Satz wie "Habe ich dich endlich gefunden!" gesagt, wäre ich über die Stelle überhaupt nicht gestolpert.



    Ist das wirklich auszuschließen, dass es Leute gibt, die schon mit achtzehn oder so derjenigen Person begegnen, die ihr Leben ausfüllen könnte wie niemand sonst?

    Ähm, wenn es auszuschließen wäre, gäbe es mich nicht. Meine Mutter war 14, als sie meinen Vater kennenlernte; mein Vater starb kurz nach der Goldenen Hochzeit.




    Wenn man jetzt genau von dieser großen Liebe schreiben möchte, die meinetwegen eine Anomalie ist.

    Von mir aus darf es in fiktionalen Romanen (also nicht unbedingt in historischen Romanen) Anomalien und Ungewöhnliches geben, solange es innerhalb der erzählten Geschichte folgerichtig und stimmig ist. Oder anders: für mich muß eine erzählte Geschichte in sich stimmig sein ohne Rücksicht darauf, ob das in Realiter auch so sein könnte - wenn es eben in der Welt des Buches zusammen paßt.

    So, am 1. Juni habe ich den letzten Satz der Nachbemerkungen und damit das Buch ausgelesen. ;-) Ist schon dumm, wenn in einem Monat gleich zwei Leserunden zu guten Büchern sind und man nur ein Monatshighlight nennen darf... ;-)


    Insgesamt hat mir das Buch gefallen, allerdings nicht alle meine Erwartungen erfüllt. Das könnte allerdings an mir liegen. Die "60'" hat mir mental keine großen Probleme bereitet, weshalb ich so manche Überlegung von Alexander nicht so ganz nachvollziehen konnte. Vielleicht sollte ich das Buch in ein paar Jahren lesen, wenn bei meinem Geburtstag die "7" in der Zehnerstelle auftaucht. Das gibt dann einen Zehnerstellenwechsel, der für mich möglicherweise ähnlich problematisch wird wie der hier im Buch für Alexander. Falls mir vorher der Himmel nicht auf den Kopf fällt, werde ich es dann ja wissen. ;-)


    Sehr gut ist das Buch jedenfalls, um einem bewußt zu machen, daß man nichts (vor allem nicht die Dauer des eigenen Lebens) für sicher nehmen sollte. Ich habe selbst vor fünf Jahren einen recht deutlichen Hinweis von "allerhöchster Stelle" bekommen, daß das Leben endlich ist. Aber im "normalen Tageslauf vergißt man das leicht wieder. Dieses Bewußtmachen ist für mich der wichtigste Aspekt an diesem Buch. Denn dabei fiel mir eine Erfahrung von vor sehr vielen Jahren ein, daß man auch mit 30 nicht wissen kann, wie viel Zeit man noch hat. Insofern wäre die Thematik auch für jüngere Leser interessant - aber in dem Alter will man davon noch nichts wissen.

    Tom und Maarten Danke! So, wie die Diskussionen in den Threads gelaufen sind, war ich mir wirklich unsicher geworden.


    Ich habe Deutschunterricht - insbesondere Interpretation - richtig gehasst, es geradezu als traumatisch empfunden.

    :write Ich entsinne mich, daß wir von Alfred Andersch "Sansibar oder der letzte Grund lesen" mußten. Ans Buch habe ich keine Erinnerung mehr, an meine Reaktion schon: das Buch hätte mir eigentlich ganz gut gefallen, aber die dauernde "interpretiererei" hat mich dermaßen geärgert, daß mir jede Freude und jedes Interesse verleidet wurde. Noch krasser war es bei "Berlin Alexanderplatz" von Alfred Döblin. Da habe ich mich (als einziger in der Klasse) schlicht geweigert, das auszulesen. Meine Meinung zu dem Buch kann ich auch in einem öffentlichen Forum nicht kund tun. Jedenfalls habe ich seither eine Aversion gegen moderne Literatur. Wie ich es allerdings geschafft habe, im Jahreszeugnis in Deutsch eine "1" zu erhalten, weiß ich nicht mehr (ist auch schon über 45 Jahre her).



    Statt einem 'Richtig verstehen' scheint es mir eher ein unterschiedlich tiefes Eintauchen in ein Buch zu geben, was letzten Endes eine sehr persönliche Sache ist.

    :write Das habe ich schon öfters festgestellt, daß viele Bücher auf mich ganz anders wirken als auf die meisten anderen Leser.


    Theoretisch hätte auch dieses Gefühl beabsichtigt sein können.

    :grin Stimmt - dann hättest Du das Ziel mit voller Punktzahl erreich. ;-)

    Mit ebooks scheint das nicht zu funktionieren. Ich habe mich bei amazon.co.uk eingeloggt und mir Kindle-Bücher anzeigen lassen. In jedem Fall hieß es "nicht zu kaufen", es wurde geraten, die Ländereinstellung zu prüfen und ggf. zu ändern. Ausgeloggt wurden mir die Kindle-Ausgaben angezeigt, sobald ich mich eingeloggt habe, war die Kindle-Ausgabe nicht mehr verfügbar.

    Ich bin inzwischen überhaupt nicht mehr sicher, ob ich in der LR etwas schreiben sollte - oder ob ich das Buch überhaupt richtig verstanden habe.


    Maarten , ich bewundere Deine Interpretationen. Ich schätze, da würde ich auch mit viel Überlegen nicht drauf kommen. (Allerdings: ich habe schon in der Schule im Deutschunterricht Interpretationen vielleicht nicht gerade gehaßt, aber - oder, wenn ich recht nachdenke, ich habe sie gehaßt und sie haben mir sogar Bücher, die mir eigentlich gefallen hätten, verleidet).



    als hätte man einfach lieber einen Fitzek gelesen.

    Wenn auf dem Buchcover Fitzek (oder ein anderer "einschlägiger" Thrillerautor steht), fasse ich das Buch in der Regel nicht mal an, weil ich weiß, daß ich das nicht lesen will.



    dass es tatsächlich irritieren kann, wenn stattdessen hier darüber diskutiert wird, was nicht in diesem Roman steht.

    Ich hatte am Wochenende (offline) ein Post begonnen, das eigentlich im "Fragen-Thread" antworten sollte; ich hänge es jetzt hier an, weil es zu deiner zitierten Bemerkung paßt:

    Es spielt unterm Strich überhaupt keine Rolle, was Tabea während dieser zehn Jahre genau gemacht hat; (...) Es spielt dramaturgisch keine Rolle, es hat auch keine ausschlaggebende Persönlichkeitsveränderung gegeben, aber sie ist nach zehn Jahren zurückgekommen. Die drängende Frage nach den genauen Hintergründen entzaubert das.

    Es stimmt absolut, daß dieses „Loch“ von zehn Jahren dramaturgisch überhaupt keine Rolle spielt. Aber - so habe ich es empfunden - durch die Art, wie Tabea (mit verheultem Gesicht) wieder aufgetaucht ist, hatte ich die ganze Zeit über das Gefühl, daß mir irgendeine Information fehlt. Hätte Sie Alex mit einem Satz wie etwa „Habe ich dich endlich gefunden“ begrüßt, hätte das für mich impliziert, daß sie ihn schon länger gesucht hat, seit sie von ihren Eltern weg durfte, und ihn nun endlich gefunden hat. Da wären die zehn Jahre für mich kein Thema (kein „Loch“) mehr gewesen, aber so hatte ich das Gefühl, als ob diese zehn Jahre wie ein schwarzes Loch sind. Schwarze Löcher sind faszinierende Erscheinungen, ich lese da immer mal darüber. Allerdings beschäftigen sich diese Bücher dann entweder mit Astronomie oder werden der Science Fiction zugerechnet.

    Danke für die "Erweiterung" zum Buch. Und auch den Hinweis, daß du das heute erst geschrieben hast. Ich hatte schon überlegt, ob das vom Lektorat herausgenommen worden war, etwa "um das Tempo zu erhöhen". Das ist eine gute Erzänzung, die die Geschichte sehr schön abrundet. :-)

    Wer Entscheidungen fällt, muss bereit sein, die Konsequenzen zu tragen. (Seite 67f)


    Meine Meinung


    Nachdem ich eine Weile überlegt habe, wie ich denn meine Rezension zu diesem Buch beginnen soll und mir so gar nichts einfiel, fing ich an, im Buch zu blättern. Und bin an einem Satz hängengeblieben: „Wir können nicht allen helfen, und wenn wir helfen, müssen wir schauen, dass die Hilfe bei denjenigen ankommt, die auch in der Lage sind, sie anzunehmen.“ (S. 356) Im Buch fiel er in einer Szene im Jahr 1903. Aber wenn man darüber nachdenkt, könnte er auch im Jahr 2024 mit fast noch größerer Berechtigung gesagt werden. Vielleicht ist dies ein (oder der) Schlüssel dazu, weshalb mir dieses Buch so ungemein gut gefallen hat. Weil vieles, was in diesem Roman auftaucht, zeitlos ist und für unsere geschichtsvergessene Zeit ein Vorbild sein könnte.


    Natürlich stehen hier privilegierte Menschen im Vordergrund, kein Zweifel. Sei es der Adel, aus dem Margarethe kommt, sei es der „Geldadel“ der Krupps. Aber am Ende kommt es darauf an, wie man damit umgeht, was man daraus macht und inwieweit man selbst sich korrumpieren läßt - oder nicht. Und genau in dieser Hinsicht könnte Margarethe Krupp für die heutige Zeit ein gutes Beispiel geben: indem sie neben ihren Verpflichtungen und privaten Interessen sehr viel für arme und benachteiligte Menschen getan hat unter dem Gesichtspunkt, daß ihre Hilfe bei den Betroffenen auch wirklich ankommt. Was bedeutet, daß das Prinzip „Gießkanne“ eher kontraproduktiv ist.


    Bis zu diesem Buch habe ich mit „Krupp“ eigentlich nur Stahlwerke verbunden, ohne daß ich mich je näher dafür interessiert hätte. Über die Geschichte der Krupp-Werke weiß ich nun auch nach der Lektüre dieses Buches nicht allzuviel, aber das war auch nicht zu erwarten, handelt es sich doch eben nicht um eine Wirtschaftsgeschichte, sondern um den „Roman einer Ehe“. Und genau dieses bietet die Autorin und zwar so gut, daß ich daß Gefühl habe, selbst als Zeuge der Ereignisse dabei gewesen zu sein.


    Wie erwähnt, verband ich zu Lesebeginn weder den Krupp-Werken noch der dahinter stehenden Familie mehr als eben den Begriff „Krupp“. Von den Krupp-Werken ist im Roman eher wenig zu lesen, die sind auch nicht Gegenstand der Handlung, aber die Familie Krupp hat die Autorin zum Leben erweckt. „Ich wollte die Personen als leibhaftige Menschen mit Stärken und Schwächen darstellen (…)“, schreibt die Autorin im Nachwort. Und genau dies ist ihr auf erstaunlich gute, eigentlich vollkommene Weise gelungen. Aus Namen und trockenen Zahlen werden Menschen aus Fleisch und Blut, die ihr Leben mit Höhen und Tiefen leben müssen - und meist auch wollen.


    Zugute kommen der Autorin ihre Kenntnisse und Erfahrungen als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, wodurch man als Leser auch einen Einblick in die „Seelenwelt“ der Figuren und die tieferen menschlichen Hintergründe bekommt. Das erinnerte mich manchmal an die völlig anderen Bücher von Don Coldsmith, wenn es dort um Krankheiten oder gar Tod ging: auch diese wurden von einem Arzt geschrieben, der sein Fachwissen an geeigneter Stelle hat einfließen lassen. Jedenfalls hatte ich nicht in zu vielen Büchern das Gefühl, auch die seelischen und psychischen Hintergründe des Denkens und Handelns der Figuren so gut zu verstehen und nachvollziehen zu können wie hier.


    Ganz besonders erwähnen, weil das heute leider nicht mehr selbstverständlich ist, will ich das wunderschön geschriebene, geschliffene Deutsch, in dem das Buch verfaßt ist. Die ausgefeilte Sprache macht Lust auf Lesen und das Buch alleine schon deswegen überaus lesenswert.


    Das war mein erstes Buch dieser Autorin, aber es hat mir dermaßen gut gefallen, daß ich, obwohl die eher außerhalb meiner üblichen Leseinteressen liegen, weitere Romane von ihr lesen werde. Ich habe eine neue Autorin für mich entdeckt, wünsche ihrem Buch eine große Verbreitung und freue mich auf etliche (für mich) neue Bücher.



    Mein Fazit


    Ein herausragender Roman über Friedrich Alfred und Margarethe Krupp, ihr Leben, ihre Arbeit und ihre Ehe. Sehr lesenswert.

    Hallo Tom,


    wie gesagt, war ich mir bis zum Ende nicht sicher, wie die Geschichte mit Tabea ausgehen würde. Im Hinblick auf die Grundthematik des Buches wäre ihr Tod mMn aber eigentlich unnötig gewesen. Denn der nötige Denk- und Veränderungsprozeß wurde durch den Unfall angestoßen. Ihr Tod hätte sogar zur völligen Katastrophe führen können - indem Alex „abstürzt“ und die Kinder nicht nur Halbwaisen, sondern am Ende sogar Vollwaisen geworden wären. Das hätte die eigentliche Idee des Buches konterkarieren können, denn dann wäre ja kein Lernprozeß eingetreten.


    Mir fällt da ein vor vielen Jahren gelesenes Buch von Marion Zimmer-Bradley aus der Darkover-Serie ein, in der eine der Figuren stirbt und es darob einen gewaltigen Aufschrei der Leserschaft gab. Die Autorin hat später selbst sinngemäß gesagt, daß sie diesen Tod bereut hat, weil er dramaturgisch nicht notwendig und eigentlich sinnlos war (aus dem Gedächtnis zitiert). So ähnlich hätte ich das hier auch empfunden.


    Aneurysma. Kenne ich aus dem ganz normalen Leben, kam im Bekanntenkreis und in der Verwandtschaft vor. Vermutlich ist mein Schwiegervater an einem geplatzten Aneurysma, ähnlich wie das hier im Buch beschriebene, verstorben. Das würde jedenfalls die plötzlich eingetretene riesige Gehirnblutung, die zu seinem Tod geführt hat, erklären. Und seine Mutter ist einige Jahrzehnte früher vermutlich auch an einem solchen verstorben. Übrigens sind beide über 80 Jahre alt geworden.


    Die Kernaussage des Buches hast Du sehr schön zusammengefaßt:


    Möglicherweise sollte jeder Mensch immer so leben, als hätte er ein inoperables Aneurysma im Kopf, das jederzeit eine Ruptur bekommen kann


    Genau dieses „Mensch, bedenke dein Ende“ hat mir das Buch wieder bewußt gemacht. Und den vor rund fünf Jahren gefaßten Vorsatz, so zu leben, der im Laufe der Jahre bzw. des täglichen Trotts etwas in Vergessenheit geraten ist, wieder ins Gedächtnis gerufen. Denn ich habe ja schon einmal miterlebt, wie schnell sich alles ändern kann. Umfallen - ein paar Stunden Koma - tot.


    Ich denke, daß das Buch genau diese Reaktion beim Leser hervorrufen und das Bewußtsein dafür schärfen kann, daß die einzige Sicherheit im Leben die Unsicherheit ist, so daß man darob das wirklich Wichtige nicht aus den Augen verliert und die Prioritäten richtig setzt.


    Ich hoffe, daß ich auch daran denke, wenn bei mir die „7“ in der Zehnerstelle ansteht, denn die 70 könnte für mich das sein, was die 60 für Alexander war.


    Das für jetzt. Gute Nacht.

    "Im wechselnden Licht der Jahre" ist kein Thriller oder Whodunnitkrimi, bei dem es im Kern darum geht, irgendeinen Mörder mit irgendeinem Motiv ausfindig zu machen oder irgendwelche Rätsel zu lösen, sondern eine Geschichte über jemanden, eine Erzählung über einen Mann, dessen Art, dem Leben zu begegnen, auf eine, wie ich finde, recht harte Probe gestellt wird. Es geht um Sorgen und Erwartungen und um Glück, um Werte und, vor allem anderen, die richtige Art, miteinander umzugehen.

    Und es geht darum, sich bewußt zu machen, daß sich das Leben, das man führt, von einem auf den anderen Tag, von einer Sekunde zur anderen, drastisch verändern - und dies sogar das Ende beinhalten kann. Für dieses Bewußtmachen, das ich etwas aus den Augen verloren hatte, bin ich dankbar.

    Im letzten Abschnitt löst sich dann langsam Eines um das Andere. Und zwar ziemlich viel. Darauf bezog sich meine Bemerkung im vorigen Thread, da konnte ich darauf noch nicht eingehen. Ich bin ein „harter Happy End Fan“ für Bücher und für Filme. Ausnahmen bestätigen die Regel (das hängt vom Inhalt ab - und manchmal ist sogar der Tod das „Happy End“). Hier sind so viele „Lawinen“ (um dabei zu bleiben) abgegangen, die nun eine um die andere aufgelöst und unschädlich gemacht werden, daß es selbst mir fast zu viel, weil fast schon unglaubwürdig, wird.


    Auf S. 317 gibt es eine interessante Betrachtung über den Lauf der Zeit. Ich entsinne mich, vor vielen Jahren über das Thema mit einem Künstler diskutiert zu haben. Und bis heute ist mir dessen Erklärung, weshalb die Zeit im Leben anscheinend unterschiedlich langsam bzw. schnell verläuft, die Einleuchtendste geblieben. Wenn ein Baby, das einen Tag alt ist, den zweiten Tag gelebt hat, hat es seine Lebenszeit verdoppelt. Wenn ein einjähriges Kind ein weiteres Jahr lebt, hat es seine Lebenszeit verdoppelt. Wenn ein Mensch mit vierzig ein weiteres Jahr lebt, hat er seiner Lebenszeit nur ein vierzigstel hinzugefügt. In der Relation zum bisherigen Leben ist ein Jahr also deutlich weniger Lebenszeit als für ein Kleinkind. Mit sechzig entsprechend. Die verfließende Zeit entspricht also anteilmäßig immer weniger in Relation zur bisher gelebten Zeit - und scheint damit immer schneller zu verfliegen, obwohl ein Jahr objektiv immer gleich lang ist.


    Als Big G. wieder auftauchte und Alex sich daran erinnerte, daß er sich vor fast vierzig Jahren bei ihm beworben hatte, hatte ich das Gefühl, als ob ich diese vierzig Jahre selbst mit durchlebt hatte. Will sagen, aus eine fast schon unheimliche Art habe ich das Gefühl, als ob die erzählte Zeit der verflossenen entspricht.


    Sehr zutreffend seine Beschreibung der „Kellertreppe“, die man langsam, Stufe für Stufe, hinabschreitet (S. 329), ich könnte da auch das eine oder andere Beispiel beisteuern. Und ach ja. Fuchsberger, Kulenkampff, Rudi Carrell und natürlich Peter Alexander - die habe ich vor einer halben Ewigkeit auch immer im Fernsehen gesehen - live. Tempi passati.


    Auf den restlichen Seiten des Buches löst sich dann (fast) alles mehr oder weniger in Wohlgefallen auf. Schön fand ich die Entwicklung mit seinen Waschbärbüchern. Er hat also gar nicht „geklaut“, sondern aus (um es so auszudrücken) zwei, drei Motiven eigene Geschichten entwickelt. Da kann der Film ja kommen!


    Tabea erwacht aus dem Koma und wird weitgehend wieder. Ich hatte zwar darauf gehofft, war mir bis zum Ende aber nicht sicher, da ich Tom in der Hinsicht als Autor nicht einschätzen konnte.


    Makabererweise wurden die ganzen Geschehnisse letztlich nur in Gang gesetzt, weil Tabea eine riesen Geburtstagsfeier für Alexander organisieren wollte. Ohne das kein Unfall - und wohl auch kein Buch. ;-)


    Mit ein paar Vermutungen lag ich deutlich falsch, manche Dinge, die mich interessiert hätten (etwa wo Tabea die zehn Jahre war und weshalb sie in diesem Zustand plötzlich aufgetaucht ist), wurden nie wieder erwähnt.


    Ob allerdings der Schlußsatz mit dem Hinweis auf das Aneurysma am Ende noch sein mußte, darüber kann man vermutlich streiten. Meiner Meinung nach hätte er nicht sein müssen, denn es wurde im Verlauf des Buches mehr als deutlich, daß die einzige Sicherheit im Leben die Unsicherheit ist. Und man immer der Tatsache gewärtig sein sollte, daß das Leben zu jeder Zeit zu Ende sein kann.



    PS. Was ich vergessen habe: ich wäre nicht so einfach auf die Forderung von Rafael eingegangen. Nicht nach der Art, wie der sie gestellt hat und durchsetzen wollte.

    In dem Abschnitt kommt es ja rundum knüppeldick. Erst die „Beichte“ beim Verlag und die Ungewissheit, wie das weiter geht und was da an möglichen Folgen kommt. Dann erreicht Alex im Zug die Mitteilung von Tabeas Unfall. Und noch ein Anruf wegen der Fake-Rezensionen (die Reaktion von Alexander auf den zweiten Anruf fand ich genial - jedenfalls für mich zum Lesen). Aller guten Dinge sind drei - aber das Schicksal meint es „gut“ mit Alex, und es kommt noch mehr. Die Erbforderung von Rafael. Der K-K-Man wird quasi „belagert“. Fehlt noch was? Ich habe etwas den Überblick verloren. Das Gesetz der größten Gemeinheit und das, wenn etwas schief gehen kann, geht es auch schief, haben sich hier anscheinend verbündet. Mir ist schon klar, das es dramaturgisch um eine Katastrophe, also eine richtig kräftige, geht. Ob allerdings alle Lawinen, die los gehen könnten, dies auch im exakt selben Moment tun sollten, ist eine andere Frage.


    Oder anders: S. 277: „Das Schicksal hat die Zeitpläne durcheinandergeschmissen.“ Das ist ja quasi das Motto bzw. das Kernthema des Buches. Vielleicht hätte sich das Schicksal mit etwas weniger begnügen können, denn schon das etwas weniger wäre ziemlich viel gewesen.