Beiträge von €nigma

    Kurzbeschreibung (Quelle: Verlagsseite)

    Als Gustav Heller, Kriminalrat der Königlichen Polizei in Dresden, den Sommertag 1879 mit einem Ausritt an der Elbe beginnen will, zerreißt ein infernalischer Knall die Stille. Auf dem Fluss ist der Kessel eines Frachtdampfers explodiert, Tote und Verletzte treiben im Wasser. Beherzt reitet Heller in den Fluss und zieht einen Schwerverletzten an Land. Der mutige Retter wird wenig später zum Ermittler in einem diffizilen Fall von Sabotage, Erpressung und Mord. Zwei Dampfschiffreedereien kämpfen erbittert um die königliche Schifffahrtslizenz auf der Elbe. Hellers hartnäckigen Nachforschungen erregen den Unwillen seines Vorgesetzten. Als auch seine Familie in Gefahr gerät, sucht Heller kurzerhand Hilfe beim sächsischen König …


    Autor (Quelle: Verlagsseite)

    Frank Goldammer, Jahrgang 1975, ist gelernter Handwerksmeister und begann schon früh mit dem Schreiben. Die Bände seiner historischen Kriminalromanreihe über den Dresdner Kommissar Max Heller landen regelmäßig auf den Bestsellerlisten. Goldammer lebt mittlerweile als freier Autor in seiner Heimatstadt Dresden.


    Allgemeines

    Erster Band einer neuen Reihe um Kriminalrat Gustav Heller

    Erschienen bei dtv am 16. Mai 2024 als TB mit 400 Seiten

    Gliederung: Roman in 24 Kapiteln – Leseprobe des Folgebandes „Haus der Geister“ (Frühjahr 2025)

    Erzählung in der dritten Person aus der Perspektive des Protagonisten Gustav Heller

    Handlungsort und -zeit: Dresden und Umgebung, 1879


    Inhalt

    Im Sommer 1879 konkurrieren zwei Unternehmer um die Konzession für die Dampfschifffahrt auf der Elbe: Freiherr von Kelb, ein alteingesessener Adeliger, und Alwin Engelbrecht, ein aus Hamburg zugezogener Bürgerlicher und erfolgreicher Selfmademan. Kriminalrat Gustav Heller ist zufällig in der Nähe, als es zu einer Kesselexplosion auf einem Dampfschiff des Freiherrn Kelb kommt, bei dem einige Besatzungsmitglieder ums Leben kommen oder schwer verletzt werden. Einen der Verletzten rettet Heller selbst aus dem Wasser und sorgt für dessen ärztliche Versorgung. Als er sich am nächsten Tag nach seinem Wohlergehen erkundigen will, stellt sich heraus, dass der Verletzte einen falschen Namen angegeben hat und nun verschwunden ist. Das macht Heller in Bezug auf den tragischen Unfall misstrauisch und er beschließt, in diesem Unfall oder vielleicht Sabotageakt zu ermitteln. Mit diesen Ermittlungen stößt er in ein Wespennest, da er auch vor hochgestellten Persönlichkeiten keinen übermäßigen Respekt hat und ohne Ansehen der gesellschaftlichen Stellung Verdächtige ins Visier nimmt, was ihn nicht nur Schmähungen – er sei nur auf den Adel neidisch oder sogar ein Sozialdemokrat – aussetzt, sondern ihn und seine Familie in Lebensgefahr bringt…


    Beurteilung

    Bei Kriminalrat Gustav Heller handelt es sich um den Großvater von Max Heller, der dem Leser aus der im Dresden der 1940er bis 1960er Jahre spielenden Reihe bekannt ist.

    In der neuen Reihe gibt der Autor einen Einblick in die im Wandel begriffene Gesellschaft des späten 19. Jahrhunderts, eine Zeit, in der sich das Leben der Menschen durch technischen Fortschritt (Fabriken, Dampfschifffahrt) verändert und auch die tradierten Privilegien des Adels immer mehr in Frage gestellt werden. Der härteste Vorwurf im Königtum Sachsen ist die Beschuldigung, ein Sozialdemokrat zu sein, der durchaus ernste Konsequenzen für die berufliche Karriere des Beschuldigten haben kann. König Albert von Sachsen wird aber in positivem Licht dargestellt.

    Gustav Heller ist ein äußerst integrer Mensch, der sich durch „höhergestellte“ Persönlichkeiten nicht einschüchtern lässt und es auch mit Kollegen und Vorgesetzten aufnimmt, wenn diese ihn daran hindern wolle

    ‎ 3423263857n, der Wahrheit und Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Dabei ist er aber kein perfekter Held, er sitzt Irrtümern auf und verhält sich manchmal unüberlegt und undiplomatisch.

    Die Handlung des Krimis ist intelligent konstruiert und glaubwürdig, der anschauliche Erzählstil versetzt den Leser ins ausgehende 19. Jahrhundert. Stellenweise kommt auch viel Spannung auf.

    Interessant ist auch die Schilderung von Ermittlungen in einer Zeit, als der Erkenntnisgewinn aus Obduktionen ohne moderne forensische Methoden noch überschaubar ist – diese Szenen werden detailliert und recht unappetitlich präsentiert.


    Fazit

    Ein vielversprechender Einstieg in eine neue Reihe um einen authentisch wirkenden, sympathischen Protagonisten – intelligente Unterhaltung!

    10 Punkte

    ASIN/ISBN: 3423263857

    Kurzbeschreibung (Quelle: Verlagsseite)

    Essen, 1882. Der begehrteste Junggeselle des Ruhrpotts heiratet eine alte Jungfer: Für Fritz Krupp und die gleichaltrige Margarethe ist es eine Liebeshochzeit, doch die feine Gesellschaft sieht in der Braut keine gute Partie. Margarethe beweist allerdings schnell, was in ihr steckt. Sie muss sich nicht nur um die wachsende Familie kümmern, sondern wiederholt für ihren kränklichen Gatten auch in beruflichen Belangen einspringen. Für sie ist völlig klar: Fritz ist ihr Seelenverwandter, für ihn würde sie alles tun. Gleichzeitig verlangen ihr Mann, das Unternehmen und die Krupp-Dynastie alles von ihr ab. Für Margarethe wird ihre Ehe zur Lebensaufgabe, Erfüllung und Herausforderung zugleich.


    Autorin (Quelle: Verlagsseite)

    Melanie Metzenthin wurde 1969 in Hamburg geboren, wo sie auch heute noch lebt. Als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie hat sie einen ganz besonderen Einblick in die Psyche ihrer Patienten, zu denen sowohl Traumatisierte als auch Straftäter gehören. Bei der Entwicklung der Figuren ihrer historischen Romane greift sie auf ihre beruflichen Erfahrungen zurück.


    Allgemeines

    Erschienen im Piper Verlag am 3. Mai 2024 als TB mit 416 Seiten

    Gliederung: Prolog – Roman in zwei Teilen mit insgesamt 41 Kapiteln – Nachwort

    Erzählung in der dritten Person aus der Perspektive von Margarethe Krupp

    Handlungsort und -zeit: größtenteils Essen, 1878 bis 1907 (Prolog 1931)


    Inhalt

    Der biographische Roman zeichnet das Leben der Margarethe Krupp (1854 – 1931) nach, wobei nicht ausschließlich ihre Ehe mit dem Unternehmer Friedrich Alfred Krupp (1854 – 1902), sondern auch Margarethes Leben vor der Eheschließung im Mittelpunkt steht.

    Margarethe ist eine starke Persönlichkeit. Als Tochter eines Freiherrn und einer Gräfin sollte sie eigentlich kein anderes Ziel als die Ehe mit einem standesgemäßen Mann erstreben, sie besucht jedoch das Lehrerinnenseminar und geht als Hauslehrerin bei einer wohlhabenden bürgerlichen Familie zunächst nach England und nimmt anschließend eine Stelle als Gouvernante in einem Adelshaus an. Erst mit 28 Jahren – zu dieser Zeit gilt man in diesem Alter bereits als „alte Jungfer“ - heiratet sie Friedrich Alfred Krupp, genannt Fritz, mit dem sie schon länger eine Freundschaft und „Seelenverwandtschaft“ verbindet. Das Ehepaar bekommt zwei Töchter, Bertha und Barbara; Margarethe beschränkt sich jedoch nicht auf den Haushalt und die Erziehung der Kinder, sondern unterstützt ihren Mann, wo sie kann. Die Krupps unterhalten gute Kontakte zum Kaiserhaus, geschäftliche Kontakte werden bei zahllosen großen von Margarethe organisierten Empfängen geknüpft.

    Fritz ist nicht sehr stressresistent, er entzieht sich seinen ehelichen und beruflichen Verpflichtungen immer mehr und verbringt viel Zeit auf Capri, wo er sich nicht nur der Meeresbiologie, sondern auch Vergnügungen hingibt, die dem Ansehen der Familie gefährlich werden.


    Beurteilung

    Wie die Autorin im Nachwort erläutert, hat sie sich beim Verfassen des Romans auf die Biographie der Margarethe Krupp von deren Urenkelin, Diana Maria Friz, gestützt. Herausgekommen ist ein sehr gut recherchierter biographischer Roman, über dessen viele faktengetreue und wenige fiktive Anteile im Nachwort informiert wird. Man merkt dem Werk an, dass Melanie Metzenthin Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie ist: Sehr einfühlsam stellt sie die Ehe des Unternehmerpaares und die zunehmende Entfremdung der Eheleute dar. Die Ausgestaltung der Charaktere der Hauptfiguren ist differenziert und vor dem Hintergrund der Zeit auch glaubwürdig, heute würde man Margarethe vielleicht als naiv oder sehr „realitätsverdrängend“ empfinden. Sie ist eine überaus interessante Persönlichkeit, einerseits eine kühle und rationale Geschäftsfrau, andererseits eine Frau mit sozialem Gewissen und großem Einfühlungsvermögen gegenüber Kindern. Im letzten Abschnitt kommt ihr Projekt Margarethenhöhe, ein von ihr initiiertes Wohnviertel mit sozialem Wohnungsbau für Arbeiter, zur Sprache.

    Der Roman gibt auch einen guten Einblick in gesellschaftliche und politische Verhältnisse und Entwicklungen im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert.

    Der anschauliche und einfühlsame Erzählstil vermittelt dem Leser das Gefühl, Margarethe persönlich kennengelernt zu haben.


    Fazit

    Ein gründlich recherchierter intimer Einblick in das Leben und die Ehe der Margarethe Krupp, uneingeschränkt empfehlenswert!

    10 Punkte

    ASIN/ISBN: 3492063977

    Kurzbeschreibung (Quelle: Amazon)

    London, 1847. In a quiet house in the countryside outside London, the finishing touches are being made to welcome a group of young women. The house and its location are top secret, its residents unknown to one another, but the girls have one thing in common: they are fallen. Offering refuge for prostitutes, petty thieves and the destitute, Urania Cottage is a second chance at life - but how badly do they want it?

    Meanwhile, a few miles away in a Piccadilly mansion, millionairess Angela Burdett-Coutts, one of the benefactors of Urania Cottage, makes a discovery that leaves her cold. Her stalker of ten years has been released from prison, and she knows it's only a matter of time before their nightmarish game resumes once more.

    As the women's worlds collide in ways they could never have expected, they will discover that freedom always comes at a price . . .


    Autorin (Quelle: Amazon)

    Stacey Halls was born in 1989 and grew up in Rossendale, Lancashire. She studied journalism at the University of Central Lancashire and has written for publications including the Guardian, Stylist, Psychologies, the Independent, the Sun and Fabulous. Her first book, The Familiars, was the bestselling debut hardback novel of 2019, won a Betty Trask Award and was shortlisted for the British Book Awards Debut Book of the Year. The Foundling, her second, was a Sunday Times bestseller, as was her third Mrs England. Mrs England was longlisted for the Portico Prize, the Walter Scott Prize and won the Women's Prize Futures Award.


    Allgemeines

    Erschienen bei Manilla Press am 11. April 2024 als HC mit 400 Seiten

    Gliederung: Roman in 20 Kapiteln – Historisches Nachwort – Danksagungen – Reading Group Questions – Brief der Autorin an die Leser

    Erzählung in der dritten Person aus wechselnden Perspektiven

    Handlungsort und -zeit: London und Umgebung, 1847


    Inhalt und Beurteilung

    Auf Initiative von Charles Dickens und Angela Burdett-Coutts wird 1847 das Urania Cottage eröffnet, ein Haus, in dem „gefallene“ junge Frauen (Prostituierte, Kleinkriminelle, alleinstehende Arme) Aufnahme finden und in Haushaltstätigkeiten, schulischen Grundfertigkeiten und Religion unterwiesen werden. Im Idealfall sollen die Frauen nach beendeter „Ausbildung“ nach Australien auswandern und sich dort ein ehrliches Leben aufbauen können.

    Unter der Aufsicht einer engagierten „Hausmutter“ leben die jungen Frauen im Urania Cottage zusammen, allerdings ist nicht jede von ihnen glücklich und einige verlassen ihren Zufluchtsort trotz der ungewissen Zukunft. Der Roman verfolgt die Lebensgeschichten einiger dieser Romanfiguren und thematisiert dabei gesellschaftliche Missstände im England des 19. Jahrhunderts. Dabei sticht besonders die Schutzlosigkeit und mangelnde soziale Absicherung der Arbeiterschicht, speziell der Frauen, ins Auge. Ohne Ausbildung und regelmäßiges Einkommen bleibt oft nur die Prostitution, um zu überleben, wobei manche Frauen nicht freiwillig, sondern durch Tricks und Täuschung in dieses Milieu geraten – ein zeitloses Phänomen! Auch junge Frauen, die eine Anstellung in einem Haushalt finden, sind nicht selten Ausbeutung ausgesetzt.

    Selbst eine reiche Erbin wie die Philanthropin Angela Burdett-Coutts ist als unverheiratete Frau von männlichem Schutz abhängig. Sie wird (in einem fiktiven Handlungsstrang) bereits seit zehn Jahren von einem besessenen Stalker verfolgt und benötigt Schutz durch einen Polizisten als „Bodyguard“ und einen befreundeten Duke.

    Der Roman, der in seiner anschaulichen Erzählweise und mit dem stetigen Perspektivwechsel zwischen den Protagonistinnen kurzweilig zu lesen ist, ist im Hinblick auf den Inhalt weitestgehend an den historischen Fakten orientiert. Über die fiktiven Ergänzungen gibt die Autorin in einem interessanten Nachwort Aufschluss. Wer sich für die gesellschaftlichen und sozialen Zustände in London um die Mitte des 19. Jahrhunderts interessiert, ist mit „The Household“ gut beraten.


    Fazit

    Ein weiterer sehr lesenswerter, auf historischen Fakten fußender Roman aus der Feder von Stacey Halls!

    9 Punkte

    ASIN/ISBN: 1838776818

    Kurzbeschreibung (Quelle: Verlagsseite)

    Die wilde Schönheit der Nordseeküste, ein geheimnisvolles Schiffswrack und zwei Frauen, verbunden durch das Meer

    St. Peter, 1955: Tillas Welt ist das Meer. Sie will nicht heiraten, sondern tauchen. Nicht eingeengt werden, sondern die Freiheit der Wellen spüren. Dabei entdeckt sie in der Tiefe der Nordsee ein altes Schiffswrack, von dem sich die Fischer seit Generationen Legenden erzählen. In Tilla wächst der unbändige Wunsch, seine Geheimnisse zu lüften.

    Auf einer Nordseeinsel, 1633: Die junge Nes sucht mit ihrer Mutter in einem Beginenkonvent Zuflucht vor ihrer Vergangenheit. Doch bald wenden sich die Inselbewohner gegen die Frauen und gefährliche Anschuldigungen machen die Runde. Zeitgleich taucht am Horizont ein geheimnisvolles Schiff auf, das Rettung oder Verderben bedeuten könnte ...


    Autorin (Quelle: Verlagsseite)

    Für Rebekka Frank steckt das Meer voller Geschichten. Wenn sie nicht gerade selbst in seinen Tiefen taucht, schreibt sie darüber. Sie hat Theaterwissenschaft und Germanistik studiert und lebt mit ihrem Mann und ihrem Hund auf dem Land in Nordhessen. Auf Instagram und TikTok ist sie unter @rebekka.mit.k zu finden.


    Allgemeines

    Erschienen bei ‎ FISCHER Krüger am 24.04.2024 als HC mit 576 Seiten

    Gliederung: Prolog – Roman in 65 Kapiteln – Nachwort – Danksagung

    Erzählung in der dritten Person aus wechselnden Perspektiven

    Handlungsort und -zeit: St. Peter, 1955 bis 1966 und Nordseeinsel Strand 1633 bis 1634


    Inhalt

    1955: Die Familie von Tilla Puls führt ein Restaurant in St. Peter am Strand. Ihre Großmutter erzählt ihr die Legende von einem Segelschiff, das vor Jahrhunderten in Küstennähe gesunken ist und dessen Glocke in Sturmnächten zu hören sein soll. Tilla, deren Vater im Krieg Kampftaucher war, wünscht sich nichts sehnlicher, als ebenfalls das Tauchen zu erlernen und nach dem Wrack zu suchen. Einige Jahre später studiert Tilla in Hamburg Vor- und Frühgeschichte und sie hofft, im Rahmen eines wissenschaftlichen Projekts das Wrack und die Geschichte seines mysteriösen Untergangs erforschen zu können.

    1633: Nach einer Familientragödie kommen die junge Nes Dorn und ihre Mutter auf der Insel Strand an und finden Unterschlupf in einem Beginenkonvent, der von Nes´ Großmutter Kreske geleitet wird. Auf der Insel verschwinden immer wieder auf unerklärliche Weise Kinder; die Inselbewohner verdächtigen die Beginen, die ihnen wegen ihres außergewöhnlichen Lebensmodells suspekt sind, etwas mit den Vermisstenfällen zu tun zu haben. Die unerschrockene Nes will die Beschuldigungen entkräften und beginnt selbst zu „ermitteln“. Ihr fällt auf, dass die Kinder teilweise vermisst werden, wenn ein Segelschiff, das Waren auf die Insel bringt, vor der Küste geankert hat…


    Beurteilung

    Die Handlung des Romans setzt sich aus zwei zeitversetzten Handlungssträngen zusammen, die einander kapitelweise abwechseln. Beiden Handlungssträngen gemeinsam sind die Thematisierung von Sturmflutkatastrophen (Burchardiflut von 1634, Sturmflut von 1962) sowie die Lebensschilderungen von zwei jungen Protagonistinnen, die zwar durch 300 Jahre getrennt sind, sich aber beide als entschlossene, mutige und unkonventionelle junge Frauen erweisen. Durch den stetigen Wechsel der Zeitebene gestaltet sich die Lektüre trotz des relativ großen Umfangs sehr kurzweilig und spannend.

    Der Handlungsstrang im 17. Jahrhundert erinnert nicht selten an einen Krimi und gibt auch interessante Einblicke in die Organisation eines Beginenkonvents. Die im 20. Jahrhundert spielende Geschichte schildert anschaulich – und teilweise in den Unterwasserszenen auch sehr spannend – die Fortschritte und Vorgehensweisen des Wracktauchens. Außerdem bietet sie einen Eindruck vom Studentenleben der 1960er Jahre und den Schwierigkeiten, denen sich weibliche Studenten zu dieser Zeit immer noch ausgesetzt sehen, sei es durch männliche Kommilitonen oder durch Dozenten, die Frauen für intellektuell studienuntauglich halten.

    Interessant sich auch die Einblicke in die Anfänge der Unterwasser-Archäologie, die durch verbesserte technische Fortschritte ermöglicht werden.

    Die Charaktere der Romanfiguren sind gründlich ausgearbeitet und weitgehend realistisch, Nes und Tilla verhalten sich allerdings manchmal zu irrational, bzw. leichtsinnig.

    Ein informatives Autorennachwort zu Fakten und Fiktion rundet den Roman ab.


    Fazit

    Ein überaus fesselnder historischer Roman auf zwei Zeitebenen, in dessen Mittelpunkt zwei mutige junge Frauen stehen, dessen Protagonistin aber auch die Nordsee ist!


    9 Punkte

    Kurzbeschreibung (Quelle: Verlagsseite)

    In jedem von uns steckt etwas Dunkles - was passiert, wenn es geweckt wird?

    Ex-Polizist Alex hat ein gutes Leben. Er hält seiner Frau in ihrem Job den Rücken frei, kümmert sich liebevoll um seine kleine Tochter. Bis ein mysteriöser Typ ihn unter Druck setzt. Alex soll einen Auftragsmord begehen. Sonst wird seiner Familie Schlimmes passieren. Alex beginnt ein verzweifeltes Spiel: er gibt vor, das zu sein, was er nie und nimmer ist: ein Killer. Aber die Gefahr weckt etwas Dunkles in ihm. Wird er Grenzen überschreiten? Zu was für Taten ist Alex wirklich fähig?


    Autor (Quelle: Amazon)

    Das Unbekannte in uns, die Abgründe ganz normaler Menschen haben Thrillerautor Max Reiter schon lange fasziniert. In »Erinnere dich!« ging es ihm um die Art, wie wir mit unserer Vergangenheit umgehen. Dies spielt auch in seinen Kriminalromanen aus dem München der 1950er Jahre, die er unter seinem richtigen Namen Andreas Götz veröffentlicht hat, eine wichtige Rolle. In »Der Killer in dir« folgt er dem Bösen im Alltäglichen mit höchster Thrillerspannung.


    Allgemeines

    Erschienen am 10.04.2024 als E-Book und am 24.04.2024 bei FISCHER Scherz als TB mit 320 Seiten

    Gliederung: Prolog in Briefform – Hauptteil in nach Monaten und Daten gegliederten Kapiteln – Epilog

    Größtenteils Ich-Erzählung des Protagonisten in Tagebuchform, Erzählung in der dritten Person aus der Perspektive des Protagonisten

    Handlungsort und -zeit: Berlin, in der Gegenwart (Mai bis Dezember)


    Inhalt

    Nachdem Alex, der früher beim LKA arbeitete, bei einem Einsatz einen Kriminellen in Notwehr erschießen musste, hat er seinen Beruf aufgegeben und sorgt nun als Hausmann für das Wohl seiner Frau Martha, die selbstständige Friseurmeisterin ist, und der gemeinsamen fünfjährigen Tochter Sonja.

    Eines Tages spricht ihn ein Mann namens Kurt Wonnegast in einem Café an. Wonnegast ist davon überzeugt, dass Alex kein harmloser Familienvater, sondern in Wirklichkeit ein „renommierter“ Auftragskiller ist. Da über diesen Killer außer seiner sauberen und präzisen Arbeitsweise nichts bekannt ist, wird er in kriminellen Kreisen einfach „der Ausputzer“ genannt.

    Wonnegast lässt sich nicht von seiner Theorie zum Ausputzer abbringen und fordert von Alex, in seinem Auftrag einen Menschen umzubringen – im Falle einer Weigerung oder einer Benachrichtigung der Polizei würde seine Familie den Preis zahlen…


    Beurteilung

    „Der Killer in dir“ beschreibt, wie ein liebevoller Familienvater durch die Bedrohung seiner Frau und seines Kindes erpresst und unter Druck gesetzt wird. Alex sieht sich mit zwei schrecklichen Szenarien konfrontiert, er kann entweder mit dem kriminellen Auftraggeber kooperieren und seine Familie schützen oder er wird zum „Ausputzer“, der er eigentlich nicht ist und kann weiter sein Familienleben genießen. Durch sein Dilemma verstrickt sich Alex immer mehr in ein Netz von Lügen und Täuschungen, was nicht nur sein Familienleben, sondern auch seine Freundschaft mit seinem Ex-Kollegen Bruckner beeinträchtigt. Bruckner ist ein penibler Polizist, der hartnäckig in den Kreisen ermittelt, in die Alex unfreiwillig geraten ist. Die Veränderung, die Alex im Laufe der Zeit durchmacht, wird sehr gut dargestellt, es kommt eine ungeahnt neue Seite an ihm zum Vorschein. Letztlich belügt er nicht nur Andere, sondern auch sich selbst.

    Die Thematik der Veränderung eines Menschen in einer Zwangslage ist durchaus fesselnd, jedoch lässt der Krimi in Bezug auf Realitätsnähe doch einiges zu wünschen übrig. Alex hätte eine dritte Option gehabt. Vor allem das Ende des Romans ist zwar überraschend, aber wenig glaubwürdig und wirkt recht konstruiert.


    Fazit

    Spannende Unterhaltung um die Veränderung eines Charakters unter großem psychischen Stress, in der Umsetzung jedoch nicht sehr realitätsnah!

    6 Punkte

    ASIN/ISBN: B0CL8FQX4P

    Kurzbeschreibung (Quelle: Verlagsseite)

    Ich habe mit dem Leben bezahlt. Mit deinem.

    Im Königswald wird eine bizarr arrangierte Leiche gefunden, halb Mensch, halb Tier. Art Mayer und Nele Tschaikowski identifizieren die Tote als Charlotte Tempel – eine gefeierte Wohltäterin, bei allen beliebt und für den wichtigsten Medienpreis des Landes nominiert.

    Schnell gerät Tempels einundzwanzigjährige Tochter unter Verdacht: Leo ist rebellisch, unberechenbar und zeichnet ein ganz anderes Bild ihrer Mutter. Doch Art Mayer zweifelt an ihrer Schuld.

    Bis eine zweite Frau aus dem Kreis der Nominierten stirbt. Zunächst deutet nichts auf Leo, doch dann taucht ein mysteriöses Tonband mit belastendem Inhalt auf. Wer ist Leo – ein Opfer der Umstände? Oder die jüngste Serientäterin von Berlin, unterwegs zu ihrem dritten Opfer?


    Autor (Quelle: Verlagsseite)

    Marc Raabe hat eine TV- und Medienproduktion aufgebaut, bevor er sich 2021 für ein Leben als Autor entschied. Zu diesem Zeitpunkt begann er mit der Art-Mayer-Serie. Raabes Bestseller erscheinen in mehr als zehn Sprachen. Sein Handwerkszeug sind filmisches Erzählen, Schnitttechniken, Cliffhanger und Psychologie. Das Ergebnis: ein rasantes Kopfkino mit Tiefe. So wie seine Ermittlerfiguren bricht auch Marc Raabe hin und wieder Regeln.


    Allgemeines

    Zweiter Band der Art Mayer- Reihe

    Erschienen am 27.03.2024 im Ullstein Verlag als TB mit 512 Seiten

    Gliederung: Prolog – 46 Kapitel – Epilog -Danksagung

    Erzählung in der dritten Person aus wechselnden Perspektiven, Tonaufzeichnungen auf Kassette als Ich-Erzählung

    Handlungsort und -zeit: Berlin, in der Gegenwart, mit Rückblenden um 22 Jahre


    Inhalt

    In einem Jagdgebiet im Wald wird die bizarr arrangierte Leiche der reichen Wohltäterin Charlotte Tempel aufgefunden, sie wurde an einen Baum gefesselt und an einem Hirschgeweih fixiert. Zwischen der Toten und ihrer 21-jährigen Tochter Leo kam es immer wieder zu Konflikten, Leo verachtete den luxuriösen Lebenswandel der Mutter und ist bei den Umweltaktivisten engagiert, wobei sie es mit den Gesetzen nicht immer genau nimmt. Aufgrund des schlechten Verhältnisses der beiden Frauen gerät Leo als Erste ins Visier der Polizei, Art Mayer ist allerdings nicht von ihrer Schuld überzeugt.

    Die Ermittlungen müssen ausgeweitet werden, als eine bekannte TV-Moderatorin, die – wie die ermordete Wohltäterin – ebenfalls für einen Medienpreis nominiert worden ist, auf ähnliche Weise umgebracht wird.

    Leo findet im Safe ihrer Mutter eine Hörkassette mit der Beschriftung „Für dich“, auf der eine unbekannte Schwangere, die sich „Bell“ nennt, mit ihrem ungeborenen Baby spricht. Sie erklärt, wie es dazu kommt, dass sie, eine noch minderjährige Schülerin, und ihr Freund „Bo“ das Baby nicht behalten dürfen und mit welchen rabiaten Mitteln dieser Verzicht durchgesetzt werden soll…


    Beurteilung

    Der zweite Teil der Reihe setzt inhaltlich den ersten in Bezug auf die Lebenswege von Art Mayer und seiner jungen schwangeren Kollegin Nele Tschaikowski fort. Deshalb ist es günstig, den ersten Teil „Der Morgen“ zuvor gelesen zu haben, es ist aber nicht unbedingt erforderlich, da der Kriminalfall in sich abgeschlossen ist.

    Vor einem zeitgeschichtlich sehr aktuellen Hintergrund (Aktionen der Klimakleber in Berlin) präsentiert der Autor einen spektakulären Kriminalfall, der ein wenig zu konstruiert ist, um völlig realistisch zu wirken, der aber reale Formen krimineller Machenschaften thematisiert. Durch Perspektivwechsel und Cliffhanger ist dieser anschaulich geschriebene Roman trotz des beachtlichen Umfangs sehr geschmeidig zu lesen und schwer aus der Hand zu legen. Die Spannung speist sich nicht nur aus den außergewöhnlich inszenierten Morden, sondern auch durch diverse Umstände im Leben der Protagonisten. Art Mayer ist Diabetiker, was ihn wiederholt in Lebensgefahr bringt und Nele Tschaikowski ist mit ihrer ungeplanten Schwangerschaft nicht völlig im Reinen. Sie weiß nicht, wie sie ihrem Lebensgefährten verständlich machen soll, dass sie ihre Arbeit bei der Polizei nicht aufzugeben gedenkt.

    Sehr fesselnd ist die Geschichte von „Bell und Bo“, die dem Leser einen Wissensvorsprung vor den Ermittlern verschafft. Das Schicksal einer schwangeren jungen Frau, die massiv unter Druck gesetzt wird, berührt sehr.


    Fazit

    Nicht in jeder Hinsicht realitätsnahe, aber sehr fesselnde Unterhaltung um zwei sympathische Protagonisten, die schon Vorfreude auf den dritten Band weckt!

    8 Punkte

    ASIN/ISBN: 3864932629

    Kurzbeschreibung (Quelle: Verlagsseite)

    Bacharach 1817. Die mittellose Waise Julie arbeitet als Magd im Gasthaus ihres Vormunds. Ein geheimnisvoller Zauber geht von ihr aus, und ihre außergewöhnliche Schönheit sorgt immer wieder für Eifersucht und Streit. Der Pfarrer fordert gar, dass sie den Ort verlässt.

    Auch Johann hat Eltern und Geschwister verloren. Er kehrt seinem Heimatdorf den Rücken, um in Karlsruhe bei der Rheinbegradigung sein Auskommen zu finden. Nach einem entsetzlichen Ereignis verlässt er die Großbaustelle und wird Schiffer auf dem breiten Fluss.

    Julie und Johann lernen sich kennen. Sie ahnen nicht, welche Schatten die Vergangenheit auf sie werfen wird. Am sagenumwobenen Loreley-Felsen nimmt das Schicksal seinen Lauf.


    Autorin (Quelle: Verlagsseite)

    Die Bestseller-Autorin Susanne Popp wurde in Speyer am Rhein geboren und ist im Südwesten Deutschlands mit Blick in die Rheinebene aufgewachsen. Der Rhein als Fluss der Mythen und Legenden, als Sehnsuchtsort der Romantik und als Transportweg von den Alpen bis zum Meer hat sie seit jeher fasziniert. In den Romanen rund um die Figur der Loreley finden sowohl überraschende historische Fakten als auch märchenhafte Elemente ihren Platz. Susanne Popp hat zuletzt mit »Die Teehändlerin«, eine Trilogie über das Familienunternehmen Ronnefeldt, zahlreiche Leserinnen begeistert. Sie lebt heute mit ihrem Mann am Zürichsee in der Schweiz.


    Allgemeines

    Erschienen im Fischer Verlag als E-Book am 1. März 2024 und als TB mit 464 Seiten am 27. März 2024

    Gliederung: Prolog - Hauptteile nach verschiedenen Jahren geordnet, mit nummerierten Kapiteln – Epilog – Nachwort – Danksagung

    Erzählung in der dritten Person aus wechselnden Perspektiven

    Handlungsort und -zeit: Bacharach und weitere Orte im Rheinland, 1817 bis 1828 (Prolog 1801)


    Inhalt

    Nachdem Julie zur Waise geworden ist, wird der Wirt eines Gasthauses in Bacharach ihr Vormund, in diesem Gasthaus muss sie hart für ihren Unterhalt arbeiten. Sie wird nicht besonders freundlich behandelt, doch das ist nichts gegen das Verhalten des Dorfpfarrers, der sie zu verabscheuen scheint, obwohl sie ein gehorsames und sehr hübsches Mädchen ist. Schließlich verlangt er sogar, dass Julie den Ort verlassen muss, ihr bleibt nur die Wahl, für einen Köhler zu schuften oder einen wesentlich älteren Fährmann zu heiraten.


    Johann gibt nach dem Tod seiner kleinen Schwester, die seine letzte Angehörige war, die Arbeit bei einem Bauern auf und will sich sein Geld auf den Baustellen der Rheinbegradigung 1817 verdienen. Da er lesen und schreiben kann, bleibt ihm die härteste Knochenarbeit erspart und er kann stattdessen seine Vorgesetzten unterstützen. Diese privilegierte Stellung verschafft ihm jedoch nicht nur Freunde. Nach einem traumatischen Ereignis und einem längeren Auslandsaufenthalt wird er Schiffer auf dem Rhein. Bei dieser Tätigkeit lernt er Julie kennen, die inzwischen eine Rheinfähre betreibt.


    Beurteilung

    Cover und Kurzbeschreibung suggerieren einen leichten Frauen- oder Liebesroman, es handelt sich bei „Loreley-Die Frau am Fluss“ jedoch um einen gut recherchierten historischen Roman vor dem Hintergrund der Rheinbegradigung von 1817 und dem Aufkommen der damals revolutionären Dampfschifffahrt auf dem Rhein. In diesem Zusammenhang begegnet der Leser historischen Persönlichkeiten wie dem Ingenieur Johann Gottfried Tulla, nach dessen Plänen die Rheinbegradigung gestaltet wurde und dem Unternehmer Peter Heinrich Merkens, unter dessen Leitung 1825 die Preußisch-Rheinische Dampfschiffahrt-Gesellschaft gegründet wurde. Elisabeth Merkens, über deren Leben es nicht allzu viele Informationen gibt, tritt im vorliegenden Roman als mütterliche Freundin von Julie auf, während ihr Mann Peter Johanns Arbeitgeber wird. Die Informationen zum Großbauprojekt und die Fortschritte bei der Konstruktion der Dampfschiffe – das erste von ihnen hatte nur 12 PS und kam nicht gegen die Strömung an – sind äußerst interessant.

    Erst etwa zur Hälfte des Romans begegnen Julie und Johann einander, jetzt kommen auch Liebe und Intrigen ins Spiel, Julie hat einen „Stalker“ der immer wieder für eine ansteigende Spannungskurve sorgt. Die letztlich ungeklärte Herkunft Julies bringt einen Hauch des Mysteriösen mit sich.

    Die Charaktere der Protagonisten sind gut ausgearbeitet, auch wenn bei Julie ihre Schönheit ein wenig zu stark betont wird. In ihrer perfekten Gestalt gleicht sie einer Frau, die der Pfarrer früher kannte und offenbar fürchtete, doch auch der Dichter Clemens Brentano, der zum Bekanntenkreis des Ehepaares Merkens zählt, trägt eine Zeichnung dieser unbekannten Frau mit sich herum.

    Ein Nachwort der Autorin mit Hintergrundinformationen und Literaturempfehlungen rundet diesen lesenswerten Roman ab und weckt Vorfreude auf den zweiten Band, der chronologisch vorher angesiedelt ist und sich mit Julies geheimnisvoller Herkunft befassen wird.


    Fazit

    Ein unterhaltsamer, aber auch informativer historischer Roman – empfehlenswerte Lektüre!

    9 Punkte

    ASIN/ISBN: B0CL7YTF38

    Kurzbeschreibung (Quelle: Amazon)

    Der Kunsthistoriker Benedikt Oswald wird von einem Freiburger Kollegen gebeten, in einem Schwarzwalddorf ein Gutachten über den Erhalt einer Kapelle zu erstellen. Doch es kommt anders. Vom Tag der Anreise an findet er sich einer seltsamen Welt gegenüber.

    Ereignisse aus ferner Vergangenheit werden lebendig, die Gegenwart verwirrt ihn. Die unscheinbare Kapelle mit der Statue der Heiligen Barbara öffnet ihm einen Weg, auf dem nichts ist, wie es scheint. Und dann gibt es die geheimnisvolle Witwe, mit der er sich auf unerklärliche Weise verbunden fühlt.


    Autor (Quelle: Amazon)

    Thomas Erle, in Schwetzingen geboren, verbrachte Kindheit und Jugend in Nordbaden. Nach dem Studium in Heidelberg zog es ihn auf der Suche nach Menschen und Erlebnissen rund um die Welt. Es folgten 30 Jahre Tätigkeit als Lehrer, in den letzten Jahren als Inklusionspädagoge. Parallel dazu entfaltete er ein vielfältiges künstlerisches Schaffen als Musiker und Schriftsteller. Seit Ende der 90er Jahre verfasste er zahlreiche Kurzgeschichten, von denen die erste 2000 veröffentlicht wurde. 2008 erschien sein erster Kurzkrimi. 2010 gehörte er zu den Preisträgern beim Freiburger Krimipreis, 2011 folgte die Nominierung zum Agatha-Christie-Krimipreis. Thomas Erle ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt am Rande des Schwarzwalds bei Freiburg.


    Allgemeines

    Erschienen am 10. Januar 2024 im ‎ Gmeiner-Verlag als TB mit 250 Seiten

    Gliederung: Roman in 8 Kapiteln – Epilog

    Ich-Erzählung von Benedikt Oswald

    Handlungsort und -zeit: Schwarzwald, in der Gegenwart


    Inhalt und Beurteilung

    Der Kunsthistoriker Benedikt Oswald erhält den Auftrag, im Schwarzwalddorf Todtnauberg eine alte Kapelle zu begutachten und ihren Erhaltungswert zu beurteilen. Diese Kapelle ist der Heiligen Barbara gewidmet, die künstlerisch wertvolle, im Mittelalter geschaffene Statue der Heiligen ist jedoch längst entfernt und in eine kunsthistorische Sammlung nach Karlsruhe gebracht worden. Die jetzt in der Kapelle ausgestellte Statue ist seelenlos und nicht von großem Wert. Die Bewohner des Ortes planen den Abriss der Kapelle und die Errichtung einer Touristenanlage.

    Während seines Aufenthalts in Todtnauberg wird Benedikt Oswald immer wieder von seltsamen, mit Schwindel einhergehenden Visionen / Halluzinationen heimgesucht. Er hört die (längst entfernte) Glocke der Kapelle, er sieht die mittelalterlichen Besucher in den Kirchenbänken und er „erlebt“ den Großbrand eines Bauernhofes, der vor ein paar Hundert Jahren dort stattgefunden hat.

    Außerdem begegnet er im Dorf einer aus der Dorfgemeinschaft ausgegrenzten jungen Witwe, zu der er sich extrem hingezogen fühlt.

    Alle diese Erlebnisse werden in durchaus anspruchsvoller und farbenprächtiger Erzählweise anschaulich geschildert, lassen aber irgendwie den roten Faden vermissen. Es bleibt unerklärlich, weshalb ausgerechnet der eigentlich faktenorientierte Kunsthistoriker „Einblick“ in vergangene Ereignisse erhält, zumal er zu dem Ort keinerlei Bezug hat. Auch die Beziehung zu der Witwe, die sich in zwei oder drei kurzen Begegnungen erschöpft, verläuft irgendwie sang- und klanglos im Sande.

    Selbst der anvisierte „Knalleffekt“ im Epilog verpufft ohne Nachhall und lässt den Leser mit der Frage zurück, was der Autor mit seiner Geschichte transportieren will.

    Das ist bedauerlich, denn der Erzählstil des Autors ist durchaus bestechend, es gelingt ihm eine überaus atmosphärische Darstellung der winterlichen Landschaft des Schwarzwälder Bergdorfes, die dem sehr schönen Cover des Romans entspricht.


    Fazit

    Eine thematisch ansprechende Geschichte, deren Potenzial nicht ausgeschöpft wurde und die manchen Leser ratlos zurücklassen dürfte – sprachlich jedoch sehr gelungen!

    6 Punkte

    ASIN/ISBN: 3839205808

    Kurzbeschreibung (Quelle: Verlagsseite)

    Auf einer Beerdigung steht Fallanalytiker Max Bischoff plötzlich einer Frau gegenüber, die seiner großen Liebe Jennifer Sommer zum Verwechseln ähnlich sieht. Aber Jennifer ist seit fünf Jahren tot. Und Max gibt sich noch immer die Schuld daran.

    Die Begegnung lässt ihm keine Ruhe, und er spricht die Unbekannte an. Sie ist ebenso erstaunt wie er, es gibt keine Verbindung zu Jennifer.

    Obwohl Max mit aller Macht versucht, das Vergangene ruhen zu lassen, gelingt es ihm nicht. Es ist alles wieder da, das alte Trauma, die inneren Dämonen.

    Nie wieder wird ein Mensch seinetwegen sterben. Das hat er sich geschworen. Und doch scheint sich genau das zu wiederholen. Denn nur kurze Zeit später verschwindet jemand aus seinem Umfeld. Und Max wird zurückkatapultiert in den Keller, in dem er einst Jennifer fand, und jede Hilfe zu spät kam.


    Autor (Quelle: Verlagsseite)

    Arno Strobel liebt Grenzerfahrungen und teilt sie gern mit seinen Leserinnen und Lesern. Deshalb sind seine Thriller wie spannende Entdeckungsreisen zu den dunklen Winkeln der menschlichen Seele und machen auch vor den größten Urängsten nicht Halt.

    Seine Themen spürt er dabei meist im Alltag auf und erst, wenn ihn eine Idee nicht mehr loslässt und er den Hintergründen sofort mit Hilfe seines Netzwerks aus Experten auf den Grund gehen will, weiß er, dass der Grundstein für seinen nächsten Roman gelegt ist. Alle seine bisherigen Thriller waren Bestseller.

    Arno Strobel lebt als freier Autor in der Nähe von Trier.


    Allgemeines

    Vierter Band der Reihe um den Fallanalytiker Max Bischoff

    Erschienen am 28. Februar 2024 im Fischer Verlag als TB mit 352 Seiten

    Gliederung: Prolog – 52 Kapitel – Epilog

    Erzählung in der dritten Person aus wechselnden Perspektiven

    Handlungsort und -zeit: Düsseldorf und Köln, in der Gegenwart


    Inhalt

    Auf der Beerdigung seines früheren Mentors Professor Bormann begegnet der Fallanalytiker Max Bischoff Dominique Klauber, die eine Zwillingsschwester seiner vor fünf Jahren brutal ermordeten großen Liebe Jennifer sein könnte. Als Max, der mit Dominique in ein Café gegangen ist, bemerkt, dass sie von ihrem eifersüchtigen Freund Sebastian Kernbach misshandelt wird, erwacht sein Beschützerinstinkt.

    Aus Aufzeichnungen, die der verstorbene Psychotherapeut Bormann Max hinterlassen hat, geht hervor, dass dessen ehemaliger Patient Kernbach ein Psychopath mit einem glühenden Hass auf Max Bischoff ist, „S.K.“ geht davon aus, dass Jennifer, die zuvor mit ihm zusammen war, ihn seinerzeit für Max verlassen hat. Offenbar will er sich jetzt rächen, indem er Max nahestehende Personen entführt und tötet. Zunächst wird ein befreundeter Kollege mit einem Hammer niedergeschlagen und schwer verletzt, dann wird Jana Brosius, eine junge Kommissarin, mit der Max eng verbunden ist, entführt. Um ihr Leben zu retten, macht er sich gemeinsam mit dem Psychologen Marvin Wagner auf die Suche nach dem untergetauchten Psychopathen.


    Beurteilung

    Der vierte Band um den Fallanalytiker Max Bischoff kann einzeln gelesen werden, idealerweise sollte man ihn aber erst im Anschluss an die anderen Bände lesen, da dort die Vorgeschichte der wichtigsten Romanfiguren entwickelt wurde.

    „Stimme der Angst“ ist ein äußerst spannender und wendungsreicher Kriminalroman, der von Perspektivwechsel und Cliffhangern geprägt ist. Hauptsächlich wird die komplexe Handlung aus den wechselnden Perspektiven von Max Bischoff und Marvin Wagner geschildert, es gibt jedoch auch eingeschobene Kapitel im Kursivdruck, die das Martyrium der entführten Jana Brosius darstellen. Trotz der erzeugten Spannung verzichtet der Autor auf reißerische und brutale Szenen. Stattdessen werden aktuelle technische Fortschritte wie KI und Deep Fakes und die mit ihnen verbundenen Gefahren thematisiert.

    Die Ausgestaltung der Charaktere ist differenziert und weitgehend realistisch, lediglich Max Bischoff selbst scheint gelegentlich etwas zu naiv.

    Wenig realitätsnah erscheint auch die Tatsache, dass der verstorbene Psychotherapeut Max durch ein Tagebuch Zugang zu vertraulichen Informationen über einen ehemaligen Patienten gewährt, selbst wenn er diesen nur mit den Initialen S.K. benannt hat; hier stellt sich die Frage von Datenschutz und Schweigepflicht.

    Dessen ungeachtet bietet der Krimi mit seinem anschaulichen Erzählstil jedoch überaus ansprechende und spannende Unterhaltung - ein Buch, das perfekt zur Entspannung geeignet ist.


    Fazit

    Wendungsreiche und (ent)spannende Unterhaltung – sehr lesenswert!

    8 Punkte


    ASIN/ISBN: 3596709210

    Kurzbeschreibung (Quelle: Verlagsseite)

    […] In 13 Prozessen aus Geschichte und Gegenwart begegnet Marion Gibson Menschen vom Rand der Gesellschaft, meist Frauen, die als böse und gefährlich abgestempelt, als Hexen angeklagt, verurteilt und nicht selten getötet werden. Die Geschichte hat sie zum Schweigen gebracht, Marion Gibson gibt ihnen ihre Stimmen zurück. Sie erforscht die Überschneidungen von Geschlecht und Macht, indigener Spiritualität und kolonialer Herrschaft sowie politischer Verschwörung und individuellem Widerstand – und zeigt, wie in jeder Epoche und an jedem Ort Angst als Waffe gegen unliebsame Menschen eingesetzt werden kann. Ein unglaublich wichtiges Buch in Zeiten, in denen die Rechte von Frauen weltweit wieder auf der Kippe stehen. […]


    Autorin (Quelle: Verlagsseite)

    Marion Gibson ist Professorin für Renaissance und magische Literaturen an der Universität von Exeter, UK. Sie denkt über Hexen in der Geschichte nach, seit sie ihren ersten Bericht über einen Hexenprozess in einem Buch las, das ihr an einem dunklen, regnerischen Nachmittag im November 1991 geliehen wurde. Sie war so begeistert von der Geschichte, dass sie vergaß, das Buch zurückzugeben. Heute, dreißig Jahre später, ist sie Autorin von neun Büchern über Hexen in Geschichte und Literatur.


    Allgemeines

    Titel der Originalausgabe: „ Witchcraft – A History in Thirteen Trials“, ins Deutsche übersetzt von Karin Schuler und Thomas Stauder

    Erschienen am 14.02.2024 im Aufbau Verlag als HC mit 465 Seiten

    Gliederung: Einleitung – drei Hauptteile mit nummerierten Kapiteln – Kurzkapitel „Zwischenakt“ nach den Teilen 1 und 2 – Epilog – Danksagungen – Anmerkungen (Fußnoten) – Abbildungsnachweis – Personenregister


    Inhalt und Beurteilung

    Nachdem die Autorin in der Einleitung zu (er)klären versucht hat, was man unter einer Hexe versteht und wie es überhaupt zu Vorstellungen über Hexen, bzw. Hexerei kam, beschäftigt sie sich im ersten Teil mit bekannten historischen Hexenprozessen nach dem klassischen Muster, wie man sie seit der Publikation des „Hexenhammers“ (Malleus Maleficarum) des Heinrich Krämer (Institoris) führte. Das erste Kapitel beschäftigt sich dementsprechend mit diesem selbsternannten misogynen und fanatischen Hexenjäger und einem Prozess, den er gegen Ende des 14. Jahrhunderts in Innsbruck führte. Nachdem er dort gescheitert war und die Stadt verlassen musste, setzte er sein verhängnisvolles Treiben an anderen Orten fort. Ausgehend von seiner Lehre kam es in den nächsten Jahrhunderten auch in anderen Ländern zu Hexenverfolgungen und zahllosen Prozessen, die für viele der meist weiblichen Angeklagten tödlich endeten. Die Autorin berichtet über berühmte Prozesse in North Berwick, Vardø, England und Nordamerika, u.a. die Prozesse von Salem. Der gemeinsame Nenner dieser Verfolgungswellen besteht darin, dass in Zeiten von Krisen oder tragischen Ereignissen als „Sündenböcke“ Menschen, meist Frauen, die Außenseiterinnen waren oder nicht gesellschaftskonform lebten, verantwortlich gemacht wurden.

    Im Laufe des 17. Jahrhunderts kamen Zweifel an den Lehren der Dämonologie auf, dennoch spielten Hexerei und Magie bis ins 20. Jahrhundert weiterhin eine Rolle in Prozessen. Im zweiten Teil geht es um Prozesse des 18. bis 20. Jahrhunderts, bei denen Menschen getötet wurden, weil man sie selbst des Schadenszaubers verdächtigte oder sich ihrer Körperteile für die Verwendung bei magischen Ritualen bemächtigen wollte – schockierenderweise geschah dies noch im 20. Jahrhundert. Auch Menschen, die als Wahrsager oder Medium tätig waren, wurden vor Gericht gestellt. Im Gegensatz zu den früheren Prozessen erfolgten aber keine Verurteilungen wegen Hexerei, sondern wegen Mordes oder Betrugs. Im südlichen Afrika sind der Glaube an Magie und die brutale Verfolgung und Ermordung vermeintlicher Hexen noch im 21. Jahrhundert an der Tagesordnung.

    Im letzten Teil wird die Verfolgung von Menschen in modernen „Hexenjagden“ thematisiert, hier handelt es sich um Beschuldigung, Diskriminierung und Vernichtung der Reputation, oft auch in sozialen Medien.

    Die Autorin gibt einen interessanten Überblick über die Geschichte der Hexenverfolgung seit dem 15. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Die Modalitäten haben sich gewandelt, es wird niemand mehr wegen Hexerei hingerichtet, aber bei den Persönlichkeiten der Verfolgten zeigen sich durch die Jahrhunderte erstaunliche Gemeinsamkeiten. Oft handelt(e) es sich um Frauen, die die ihnen zugewiesenen Rollen in der Gesellschaft nicht erfüll(t)en, indem sie religiöse Vorschriften nicht befolg(t)en, politisch subversiv auftraten oder ihre Sexualität frei ausleb(t)en.

    Der Text ist durch zahlreiche Illustrationen aufgelockert und wird durch Zusatzmaterial in Form von Anmerkungen, Abbildungsnachweisen und einem Personenverzeichnis abgerundet.

    Leider haben die Übersetzer in der deutschen Ausgabe gegendert, was den Lesefluss zuweilen erheblich einschränkt, vor allem bei Aufzählungen mehrerer mittels Doppelpunkte gegenderter Berufsbezeichnungen, was dann an einer Stelle im Wort „Pastor:innenen“ gipfelt.


    Fazit

    Ein flüssig und verständlich geschriebenes, informatives Sachbuch zur Geschichte der Hexenverfolgung, dessen Lesekomfort in der deutschen Ausgabe leider stellenweise durch Gendern beeinträchtigt wird.

    8 Punkte

    ASIN/ISBN: 3351042221

    Kurzbeschreibung (Quelle: Amazon)

    Island, ein abgelegener Fjord: An einem kalten Winterabend klopft ein Nachbar an das Haus einer Familie, von der es seit einer Woche kein Lebenszeichen mehr gibt. Er bemerkt Spuren, aber niemand öffnet. Als er ins Haus eindringt, sieht er, dass die ganze Familie ermordet wurde. Der Polizist Týr und die Gerichtsmedizinerin Iðunn werden an den Tatort gerufen, um das schreckliche Verbrechen zu untersuchen. Das Ermittlerteam erkennt dabei schnell, dass der Fall Verbindungen zu einer längst vergangenen Zeit aufweist, die alle von ihnen gern für immer vergessen würden. […]


    Autorin (Quelle: Amazon)

    Yrsa Sigurdardóttir, geboren 1963, ist eine vielfach ausgezeichnete Bestsellerautorin, deren Spannungsromane in über 30 Ländern erscheinen. Sie zählt zu den »besten Kriminalautoren der Welt« (Times). Sigurdardóttir lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Reykjavík. Sie debütierte 2005 mit »Das letzte Ritual«, einer Folge von Kriminalromanen um die Rechtsanwältin Dóra Gudmundsdóttir und begeisterte ebenso mit ihrer Serie um die Psychologin Freyja und Kommissar Huldar von der Kripo Reykjavík. Ihr Thriller »Schnee« verkaufte sich über 60.000 Mal und war monatelang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Zuletzt erschien von ihr der Thriller »Nacht«.


    Allgemeines

    Titel der Originalausgabe: „‎ LOK LOK OG LAES“, ins Deutsche übersetzt von Anika Wolff

    Erschienen am 30.08.2023 im btb-Verlag als TB mit 432 Seiten

    Gliederung: Roman in 33 Kapiteln, erzählt auf zwei Zeitebenen

    Erzählung in der dritten Person aus wechselnden Perspektiven

    Handlungsort und -zeit: ein Fjord zwischen Reykjavík und Akranes, ein Winter in der Gegenwart


    Inhalt

    Ein isländisches Ehepaar, das in den USA mit einer Computerfirma zu Geld gekommen ist, kehrt mit seinen beiden Töchtern nach Island zurück und schafft sich dort in einem abgelegenen Fjord ein luxuriöses Zuhause. Für den Hausunterricht der Töchter und Hilfe bei der Hausarbeit stellen sie die Studentin Sóldís ein. Vor ihr haben bereits zwei andere junge Leute auf dem Anwesen gearbeitet, dieses aber aus mysteriösen Gründen überstürzt verlassen.

    Eines Tages findet ein Nachbar, der einige Tage nichts von der Familie gehört hat, die vier Frauen bestialisch ermordet in dem Haus vor, vom Familienvater, der nach der Operation eines Hirntumors psychisch angeschlagen ist, fehlt vorläufig jede Spur.

    Der Reykjavíker Polizist Týr und seine Kolleginnen Karó und Iðunn müssen herausfinden, was auf dem Anwesen passiert ist – sollte der Familienvater seine Familie ausgelöscht haben…und warum? Sie arbeiten mit den Kollegen aus Akranes zusammen, hier darf man sich über ein Wiedersehen mit Saevar und Elma aus der Krimireihe von Eva Björg Ægisdóttir freuen; Yrsa Sigurðardóttir durfte sich, wie sie in ihrer Danksagung erläutert, ein paar Figuren aus Akranes von ihrer Kollegin „ausleihen“. ;)


    Beurteilung

    Das erste Kapitel stellt den Prolog dar und schildert, wie der Nachbar, der sich über eine nicht eingehaltene Verabredung wundert, die Leichen der Ermordeten auffindet. Die anschließenden Kapitel sind auf zwei einander abwechselnden Zeitebenen angesiedelt. Einer dieser Handlungsstränge schildert die Ermittlungen der Polizisten aus Reykjavík und Akranes, der andere ist jeweils mit „Vorher“ überschrieben und präsentiert eine über einige Wochen fortlaufende Handlung von der Anreise der Studentin Sóldís bis zur Mordnacht. Dabei gehen die Erkenntnisse der Ermittler Hand in Hand mit den vorherigen Ereignissen, sodass der Leser den Polizisten nicht viel im Voraus hat.

    Während Sóldís auf dem Hof arbeitet, ereignen sich immer mehr sonderbare und bedrohliche Vorfälle, die fast schon übernatürlich wirken und sie in Angst und Schrecken versetzen. Trotz aller Sicherheitsmaßnahmen scheint jemand oder etwas Zugang zum Haus zu haben, um Dinge zu verstecken oder mit Blut Botschaften ans Fenster zu schreiben. Sóldís misstraut dem psychisch instabilen Familienvater, doch dann geschehen auch bedrohliche Dinge, als dieser mit seiner Frau für zwei Tage verreist ist…

    Die Autorin versteht es ausgezeichnet, einen subtilen Grusel ohne reißerische Horror-Elemente zu erzeugen, sodass die Geschichte nicht unglaubwürdig wirkt. Auch die Charaktere der Romanfiguren sind realistisch ausgearbeitet, das gilt besonders für Sóldís, eine vernünftige junge Frau, die immer mehr zum Nervenbündel wird.

    Auch die beklemmende Atmosphäre eines abgelegenen Anwesens ohne Kontakt zur Außenwelt – die Netzverbindung wird vom Täter zerstört – wird sehr überzeugend transportiert.


    Fazit

    Ein unglaublich fesselnder Pageturner, der durch subtilen Grusel besticht, aber auch brutale Szenen präsentiert – ein Buch, das man schwer aus der Hand legen kann!

    9 Punkte

    ASIN/ISBN: 3442762413

    Kurzbeschreibung (Quelle: Verlagsseite)

    Berlin-Weißensee, 1948: Elisabeth „Lissi“ Vogel kann es kaum erwarten, als Assistenzärztin an der Kinderklinik Weißensee endlich in die Fußstapfen ihrer Tante Marlene zu treten. Doch der Klinikdirektor schätzt die begabte, junge Frau wegen ihres verformten Beines, das von einer überstandenen Kinderlähmung herrührt, gering. Außerdem legt er ihr immer neue Steine in den Weg. Aber Lissi lässt sich so schnell nicht einschüchtern, genauso wie ihre Tante Marlene. Die musste in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Westberlin fliehen und dort bei null anfangen. Als sich in Berlin Fälle von Kinderlähmung häufen, wird die frisch verliebte Lissi plötzlich mit ihrer größten Angst konfrontiert und verliert den Mut, für ihre kleinen Patienten und für den Mann ihres Herzens zu kämpfen.


    Autorin (Quelle: Verlagsseite)

    Antonia Blum lebte längere Zeit in Berlin, ohne den Weißen See dort je gesehen zu haben. Erst Jahre später, nachdem sie die Hauptstadt längst verlassen hatte, entdeckte sie durch einen Zufall die Ruine der einstigen Kinderklinik in Weißensee und kommt seitdem von dem Ort und seiner bewegten Geschichte nicht mehr los. Heute fährt Antonia nicht nur zum Spazierengehen immer wieder an den Weißen See, der dem Berliner Stadtteil seinen Namen gab. Sie ist überzeugt, dass dort ein Tor in die Vergangenheit existiert.


    Allgemeines

    Vierter Band (Abschlussband) der Reihe „Kinderklinik Weißensee“

    Erschienen am 1. Februar 2024 im Ullstein Verlag als TB mit 512 Seiten

    Gliederung: Roman in 32 Kapiteln – Nachwort – Literaturhinweise

    Erzählung in der dritten Person aus wechselnden Perspektiven

    Handlungsort und -zeit: Berlin, 1948 bis 1950


    Inhalt

    Die Handlung des Abschlussbandes der Tetralogie „Kinderklinik Weißensee“ ist um fast zwei Jahrzehnte später angesiedelt als die des Vorgängerbandes, hier steht mit Emmas Tochter und Marlenes Nichte Lissi bereits die nächste Generation im Mittelpunkt. Lissi möchte an der Kinderklinik Weißensee unter der Obhut ihrer Tante Marlene ihre Stelle als Assistenzärztin antreten, doch Marlene und ihr Mann Maximilian von Weilert müssen in den westlichen Teil Berlins fliehen, nachdem sie als Adelige von den sowjetischen Besatzern enteignet und zu Unrecht als Nazikollaborateure verdächtigt werden.

    Emma und ihre Familie bleiben im Osten, sie glauben an eine gerechtere Gesellschaft im sozialistischen Staat. Allerdings können sie nicht übersehen, dass es – nicht zuletzt durch die Unterstützung durch die Amerikaner, die Lebensmittel nach Westberlin einfliegen - in mancher Hinsicht um die Versorgungslage im westlichen Sektor Berlins besser bestellt ist. Als es zu einer Poliomyelitis-Epidemie („Kinderlähmung“) kommt, fehlen in der Klinik benötigte Therapiemittel. Auch Antibiotika gegen bakterielle Infektionen sind kaum zu bekommen.

    Lissi, die sich in einen Kollegen verliebt hat und dadurch teilweise von ihrer Arbeit abgelenkt ist, wird durch die Polio-Welle an die schwierigste Zeit ihrer Kindheit erinnert, als sie selbst an dieser Krankheit litt und sich mühevoll ins Leben zurück kämpfte…


    Beurteilung

    Auch wenn der Abschlussband chronologisch nicht unmittelbar an den vorherigen anschließt, ist es empfehlenswert, ihn erst im Anschluss an die drei Vorgängerbände zu lesen, da immer wieder auf die vorherige Lebensgeschichte der Protagonisten Bezug genommen wird.

    „Geteilte Träume“ thematisiert sehr interessante Aspekte der deutschen Geschichte der Nachkriegszeit. In politischer und gesellschaftlicher Hinsicht gibt die Autorin einen faszinierenden Einblick in die Jahre, in denen sich die beiden deutschen Staaten entwickelten. Die beiden Schwestern Emma und Marlene stehen hier für Ost und West und entzweien sich über ihre politischen Ansichten. Emma, die zunächst den Sozialismus für eine ideale Staatsordnung hält, muss bald erkennen, dass im Einparteiensystem die freie Meinung unterdrückt wird, was vor allem ihr Mann Kurt, ein kritischer Journalist, zu spüren bekommt. Auch die Versorgungslage mit Lebensmitteln und Konsumgütern im sowjetischen Sektor ist mangelhaft.

    In medizinhistorischer Sicht steht der Kampf gegen die Poliomyelitis im Mittelpunkt, eine furchteinflößende Krankheit, die seinerzeit nicht selten zum Tode durch Lähmung der Atemmuskulatur führte und erst ab der Mitte der Fünfzigerjahre durch eine Impfung zu verhindern war. Sehr eindrucksvoll schildert die Autorin die Behandlung der Erkrankten, die im schlimmsten Falle monatelang in einer Eisernen Lunge liegen mussten.

    Medizinhistorisch interessant sind auch neuartige Ansätze in der Pädiatrie, bei denen die Genesung der Patienten durch Tier- oder Musiktherapie gefördert werden soll, auch diese Ansätze kamen jedoch erst in den Sechzigerjahren zum Einsatz.

    Nicht vollständig gelungen ist in diesem Band die Ausgestaltung der Charaktere. Lissi, eine Ärztin Ende Zwanzig, benimmt sich im Umgang mit ihrem Kollegen wie eine verknallte Dreizehnjährige, ihr ganzes Denken kreist um einen Mann, sie wirkt oft unprofessionell – das scheint wenig glaubwürdig. Auch ihre Tante Marlene, die einen Schicksalsschlag verkraften muss, benimmt sich wie ein trotziges Kindergartenkind, das passt nicht zu ihrer Persönlichkeit aus den vorherigen Bänden.

    Sehr gelungen ist dagegen das informative Nachwort der Autorin, das zudem um eine Bibliographie ergänzt wird.


    Fazit

    Historisch und medizinhistorisch informative und fesselnde Unterhaltung mit einer etwas zu stark betonten Liebesgeschichte!

    8 Punkte

    ASIN/ISBN: 3548067964

    Kurzbeschreibung (Quelle: Verlagsseite)

    Nach dem Tod ihres Mannes findet Halla eine Pistole in einer Garage mitten in Reykjavík. Sie bringt sie zur Polizei. Als der pensionierte Kommissar Konráð davon erfährt, erinnert er sich, dass sein Vater eine ebensolche Waffe besaß. Ein Mitarbeiter der Spurensicherung findet zudem heraus, dass aus dieser Waffe der tödliche Schuss in einem anderen ungeklärten Fall stammt. Damals wurde ein Mann namens Garðar aus heiterem Himmel erschossen. Konráð nimmt nun privat Ermittlungen auf, weil er wissen will, was sein Vater mit den Verbrechen zu tun hat. Eine Spur führt zu Gústaf, einem Arzt, der wegen Kindesmissbrauchs im Gefängnis sitzt. Auch Konráðs Vater war damals mit diesem Arzt in Kontakt ...


    Autor (Quelle: Verlagsseite)

    Arnaldur Indriðason, 1961 geboren, graduierte 1996 in Geschichte an der University of Iceland und war Journalist sowie Filmkritiker bei Islands größter Tageszeitung Morgunbladid.

    Heute lebt er als freier Autor mit seiner Familie in Reykjavik und veröffentlicht mit sensationellem Erfolg seine Romane. Arnaldur Indriðasons Vater war ebenfalls Schriftsteller. […]


    Allgemeines

    Fünfter Band der Reihe um Kommissar Konráð

    Titel der Originalausgabe: „Kyrrþey“, ins Deutsche übersetzt von Freyja Melsted

    Erschienen bei Bastei Lübbe am 26.01.2024 als HC mit 368 Seiten

    Gliederung: Roman in 64 Kapiteln

    Erzählung in der dritten Person aus verschiedenen Perspektiven und auf unterschiedlichen Zeitebenen

    Handlungsort und -zeit: Reykjavík in der Gegenwart, mit Rückblenden auf die Mitte des 20. Jahrhunderts


    Inhalt

    Eine Frau namens Halla findet nach dem Tod ihres Mannes in dessen Garage eine alte Pistole der Marke Luger und gibt diese bei der Polizei in Reykjavík ab. Der längst pensionierte Kommissar Konráð, der immer noch Kontakte zu Mitarbeitern der Polizeibehörde pflegt, erfährt davon und ist elektrisiert. Eine solche Pistole hat sein 1963 ermordeter Vater Seppi ihm in den Fünfzigerjahren gezeigt. Wie sich herausstellt, wurde mit dieser Waffe seinerzeit ein junger Mann namens Garðar erschossen, der Fall wurde nie aufgeklärt. Konráð, der seit Jahren herauszufinden versucht, wer seinen Vater erstochen hat, fragt sich nun, ob dieser den jungen Mann umgebracht hat. Seppi war allerdings in verschiedene illegale Geschäfte verwickelt und verkehrte in kriminellen Kreisen – Kreise, mit denen auch Garðar unfreiwillig in Kontakt gekommen war…

    Mit seinen privaten Ermittlungen, die nicht nur der offiziell ermittelnden Kommissarin Marta ein Dorn im Auge sind, bringt Konrað nicht nur sich, sondern auch seine Schwester Beta in Gefahr.


    Beurteilung

    Der fünfte Band der Reihe setzt die Erzählung der vorherigen Bände nahtlos fort und bezieht sich nicht nur auf die seit Jahren andauernden hartnäckigen Nachforschungen des Protagonisten im Falle seines 1963 ermordeten Vaters, sondern auch auf die in den vorherigen Bänden thematisierten Kriminalfälle, die offensichtlich miteinander in Verbindung stehen. Einige schon bekannte Romanfiguren tauchen wieder auf, andere kommen neu dazu. Man sollte die Bände der Reihe unbedingt in der richtigen Reihenfolge lesen, da es ansonsten schwierig wäre, der komplexen Handlung zu folgen. Die Lektüre erfordert ohnehin ein gewisses Maß an Konzentration, da es nicht nur Perspektivwechsel, sondern auch Wechsel auf der Zeitebene gibt – leider werden diese Szenenwechsel nicht durch Zeitangaben in den Kapiteln kenntlich gemacht. Wenn man die vorherigen Bände kennt und sich für „Das dunkle Versteck“ Zeit nimmt, hat man einen äußerst fesselnden und stellenweise sehr spannenden Krimi mit Cliffhangern am Ende einiger Kapitel vor sich. Über die Vergangenheit von Konrað kommen weitere interessante Details ans Licht, die zeigen, dass er nicht immer eine „weiße Weste“ trug und auch jetzt noch eine gewisse Skrupellosigkeit bei seinem Vorgehen an den Tag legt.

    Der Autor behält souverän den Überblick über die unterschiedlichen Perspektiven und Zeitebenen, den der Leser erst am Ende erlangt.

    Auch im vorliegenden Band wird wieder ein kritischer Blick auf die isländische Gesellschaft geworfen.

    Das schon im letzten Band „Wand des Schweigens“ angesprochene Thema des Kindesmissbrauchs wird erneut – diesmal in einem anderen Kontext – angesprochen, zusätzlich wird ein Einblick in die Situation Homosexueller in der isländischen Gesellschaft Mitte des 20. Jahrhunderts gegeben, die nicht weniger von Repressalien und Heimlichtuerei geprägt war als in Kontinentaleuropa.


    Fazit

    Ein sehr lesenswerter Krimi mit einem komplex verschachtelten Plot, dessen Lektüre Konzentration und idealerweise Vorkenntnisse der Reihe erfordert, dann aber fesselnde Unterhaltung bietet!

    8 Punkte

    ASIN/ISBN: 3785700482

    Kurzbeschreibung (Quelle: Amazon)

    Oberschwaben im späten 19. Jahrhundert. Hochschwanger flieht die junge Magd Marie vom Gsellhuberhof und versucht verzweifelt, sich im See zu ertränken – denn ihr Geliebter Josef, der Hofbesitzer, soll an diesem Tag die reiche Fanny heiraten. Im letzten Moment wird Marie vom Tagelöhner Sebastian gerettet, der in einer kleinen Hütte im Wald lebt. Leidenschaftlich schwört der herzensgute Mann, dass er sich um sie und ihre neugeborene Tochter kümmern wird. Kann Marie es wagen, dem Leben noch eine Chance zu geben?


    Autorin (Quelle: Amazon)

    Irene Zimmermann, 1955 in Ravensburg geboren, arbeitete nach einem Germanistik- und Politikstudium als Lehrerin, zog zwei Kinder groß und verfasste ab Mitte der Neunzigerjahre viele Kinder- und Jugendbücher, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Ihre Inspirationsquelle ist 'das Leben an sich und im Besonderen', und so konnte es nicht ausbleiben, dass sie nun auch mit großem Vergnügen ihren ersten Frauenroman geschrieben hat.


    Allgemeines

    Erschienen am 1. September 2021 bei dotbooks als E-Book mit einem Umfang entsprechend 292 Seiten

    Gliederung: Roman in 20 Kapiteln – Nachwort

    Erzählung in der dritten Person aus wechselnden Perspektiven

    Handlungsort und -zeit: Oberschwaben – Ende des 19. Jahrhunderts bis 1902


    Inhalt und Beurteilung

    Ähnlich wie „Herbstmilch“ von Anna Wimschneider und „Heumahd“ von Susanne Betz schildert auch der vorliegende Roman das Leben einer einfachen Frau im bäuerlichen Umfeld des späten 19. Jahrhunderts. Die Autorin wurde durch das harte Leben ihrer Urgroßmutter zu diesem Roman inspiriert, wobei der historische Hintergrund nur als Anregung diente, der Roman aber fiktiv ausgestaltet wurde.

    Im Mittelpunkt steht die Magd Marie, die vom Großbauern Josef geschwängert wird. Obwohl dieser sie wirklich liebt, gibt er dem Druck seiner Vaters nach, die reiche Erbin Fanny zu heiraten, die ihm nicht einmal sympathisch ist. Marie will sich das Leben nehmen, wird aber von dem Tagelöhner Sebastian gerettet, der sich um sie und ihr Baby kümmert. Sebastian will sich nicht mit der „angeborenen“ Rolle des Habenichts aus der Unterschicht abfinden und hält es mit den Sozialdemokraten, was in seinem gesellschaftlichen Umfeld bereits ausreicht, um ins Zuchthaus zu kommen…


    Der Klappentext lässt einen gefühlsüberfrachteten Frauenroman erwarten, was sich als irrige Erwartung entpuppt. Die Liebesgeschichte kommt nicht „schmalzig“ daher und der historische Hintergrund in Bezug auf Politik und Gesellschaft ist gut recherchiert.

    Beeindruckend ist die differenzierte Ausarbeitung der Charaktere; besonders Josef ist kein schlechter Mensch, schafft es aber auch nicht, „gut“ zu sein – er ist ein schwacher Charakter und man wundert sich, weshalb Marie, eine vielleicht etwas zu starke Persönlichkeit, ihn so bedingungslos liebt. Interessant ist auch die Figur der verschmähten Ehefrau Fanny, die an ihrem Unglück keine Schuld trägt und dem Leser unweigerlich leidtut, auch wenn sie sich im Laufe der Jahre zur wenig sympathischen Egozentrikerin entwickelt.

    Einige Intrigen und kriminelle Machenschaften geben dem Roman zusätzliche Würze und ein gewisses Maß an Spannung.

    Die Stimmung des Romans ist eher melancholisch und deprimierend, es handelt sich nicht um einen „Wohlfühl-Roman“, dennoch ist die Beschreibung des harten bäuerlichen Lebens gegen Ende des 19. Jahrhunderts sehr atmosphärisch und eindrücklich, es handelt sich um ein Buch, das eine Weile im Gedächtnis haften bleiben wird.

    Das Nachwort der Autorin hätte gern ausführlicher sein dürfen.


    Fazit

    Eine beklemmende Schilderung des harten bäuerlichen Lebens im Oberschwaben des späten 19. Jahrhunderts, düster und eindrücklich!

    8 Punkte

    ASIN/ISBN: B09DYJDHQR

    Kurzbeschreibung (Quelle: Verlagsseite)

    Hamburg im Herbst 1911: Bei ihrer Arbeit am Hamburger Hafen wird Anne Fitzpatrick zunehmend mit Süchtigen konfrontiert. Sie beginnt, nach den Hintermännern zu suchen, und bringt sich damit unvermutet in Gefahr - doch auch ihre Freundin Ju lebt gefährlich. Die Chinesin gerät in den Dunstkreis eines Triaden und macht eine ungeheuerliche Entdeckung. Kommissar Berthold Rheydt ist währenddessen mit eigenen Problemen konfrontiert: Er glaubt, seine Frau Elisabeth, die mutmaßlich verstorben ist, gesehen zu haben. Die geplante Heirat mit Helene Curtius platzt daraufhin. Berthold muss sich auf eine schmerzhafte Reise in seine Vergangenheit begeben. Helene, deren erklärtes Ziel es ist, Psychologie zu studieren, merkt unterdessen, dass sie auf Schritt und Tritt beobachtet wird. Wer will ihr Schaden zufügen? Nicht nur ihr Leben scheint in Gefahr zu sein.


    Autorin (Quelle: Verlagsseite)

    Henrike Engel pendelte in ihrem Leben ständig zwischen Berlin und München, mit beiden Städten verbindet sie eine komplizierte Liebesbeziehung. Eines aber ist konstant geblieben: ihre Liebe zu Hamburg! Manche Träume jedoch müssen unerfüllt bleiben, und so hat die ehemalige Drehbuchautorin nicht ihren Wohnort in die Hafenstadt verlegt, sondern träumt sich lieber schreibend dorthin.


    Allgemeines

    Vierter Band der Reihe „Die Hafenärztin“

    Erschienen im Ullstein Verlag am 30.11.2023 als TB mit 432 Seiten

    Gliederung: Roman in 46 Kapiteln – Epilog

    Erzählung in der dritten Person aus verschiedenen Perspektiven

    Handlungsorte und -zeit: Berlin, Hamburg, Föhr- Herbst 1911 bis Januar 1912


    Inhalt

    In Hamburg werden einige Frauen aus der Arbeiterschicht tot aufgefunden, zunächst glaubt man an die Existenz eines (weiteren) Serienmörders. Bei den Obduktionen stellt es sich jedoch heraus, dass die Frauen an einem selbst verabreichten Cocktail aus Alkohol und Heroin verstorben sind. Während Berthold Rheydt und seine Kollegen von der Polizei herauszufinden versuchen, wer das Heroin an den normalen Erwerbswegen in den Apotheken vorbei herausgegeben hat, bemüht sich die Hafenärztin Anne van der Zwaan, die Menschen vor der unsachgemäßen Nutzung der Rauschmittel zu warnen. 1911 gilt Heroin als Mittel zur Suchtentwöhnung bei Alkoholikern beiderlei Geschlechts, es wird auch gegen Schmerzen eingenommen. Neu ist jedoch, dass die Patienten sich das Heroin nicht mehr in den Tee rühren, sondern es intravenös oder nasal zu sich nehmen, es also spritzen oder schnupfen. Dadurch erhöhen sich das Suchtpotenzial und die Gefahr von tödlichen Überdosierungen beträchtlich.

    Bertholds Verlobte und Annes Freundin Helene Curtius hat inzwischen ihr Herz für die Psychologie entdeckt, nach dem Besuch einer Tagung in Berlin ist es ihr Ziel, in Wien Psychologie zu studieren. Ihr psychologisches Geschick kann sie an ihrem Bruder Klaus testen, der als Rauschgiftabhängiger aus dem Ausland zurückgekehrt ist und nun in der Familie entwöhnt werden soll.


    Beurteilung

    Auch der vierte Band der Reihe greift diverse Handlungsstränge aus den vorherigen drei Bänden der Reihe auf, wobei auch die Namen der Mörder genannt werden. Aus diesem Grund und auch zum Verständnis des breiten Handlungsspektrums der Reihe ist es unbedingt anzuraten, die Bände in der korrekten Reihenfolge zu lesen.

    Das schon im dritten Band angesprochene Thema des naiven und leichtsinnigen Umgangs mit Heroin, Kokain und Morphium wird hier vertieft. Selbst Ärzte verschreiben zu Beginn des 20. Jahrhunderts bedenkenlos Heroin als Medikament gegen alle möglichen Beschwerden. Vor allem zur Bekämpfung anderer Süchte, wie z.B. des Alkoholismus wird Heroin verwendet. Anne ist erschüttert von den Zuständen in einer Trinkerheilanstalt für Frauen und beschließt, selbst eine solche zu leiten und die Frauen mit humaneren Methoden zu heilen, wobei auch psychologische Aspekte ins Spiel kommen.

    Berthold Rheydt, der erneut seine seit fünf Jahren vermisste und für tot erklärte Frau Elisabeth gesehen zu haben glaubt, begreift, dass er sich der Vergangenheit und seinem Trauma stellen muss, bevor er Helene heiraten kann. Er begibt sich an den Ort seiner Jugend, Föhr. Dieser Handlungsstrang ist eine perfekte Abwechslung zu den Vorgängen in Hamburg und macht die Lektüre noch kurzweiliger als sie aufgrund des ständigen Perspektivwechsels zwischen den Protagonisten ohnehin schon ist.

    Die Charaktere sind gründlich ausgearbeitet, nur der Ehemann von Helenes bester Freundin Paulina wird erneut extrem schurkig porträtiert.


    Fazit

    Ein weiterer unterhaltsamer Roman um die Hafenärztin Anne und ihre Freunde, der verschiedene Aspekte der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg beleuchtet und weitgehend realistisch anmutet, lediglich am Ende wird ein wenig zu viel „Heile Welt“ vermittelt!

    8 Punkte

    ASIN/ISBN: 3864932149

    Kurzbeschreibung (Quelle: Verlagsseite)

    Nachdem bei der Reichsmordkommission ein Kollege als Mörder entlarvt wurde, soll die Sondereinheit unter Leitung von Sebastians Tochter Vanja Lithner aufgelöst werden. Da erhält sie einen Anruf: Eine Frau wurde außerhalb von Västerås ermordet aufgefunden, in einem Schweinemastbetrieb. An die Stallwand hat jemand in blutroten Buchstaben geschrieben: «Löse den Fall, Sebastian Bergman!».

    Vanja trommelt die verbliebenen Mitglieder des Teams zusammen. Um jeden Preis will sie den Fall aufklären und den Ruf der Reichsmordkommission retten. Doch dazu braucht sie auch Sebastians Hilfe.


    Autoren (Quelle: Verlagsseite)

    Michael Hjorth ist ein erfolgreicher schwedischer Produzent, Regisseur und Drehbuchautor. Er schrieb u.a. Drehbücher für die Verfilmungen der Romane von Henning Mankell.

    Hans Rosenfeldt, Jahrgang 1964, ist einer der angesehensten Drehbuchautoren Schwedens und Schöpfer der bislang erfolgreichsten skandinavischen Serie «Die Brücke», die in über 170 Ländern ausgestrahlt wurde und zahlreiche Preise erhielt. […]


    Allgemeines

    Achter Band der Reihe um Sebastian Bergman

    Titel der Originalausgabe:“ ‎ Skulden man bär“, ins Deutsche übersetzt von Ursel Allenstein

    Erschienen am 28.11. 2023 bei Wunderlich als HC mit 480 Seiten

    Gliederung: Roman in Kapiteln ohne Nummerierung

    Erzählung in der dritten Person aus wechselnden Perspektiven

    Handlungsort und -zeit: Stockholm, Gegenwart


    Inhalt

    Nachdem ein sehr geschätzter Mitarbeiter der Reichsmordkommission Stockholm als Serienmörder enttarnt wurde, hat deren Ruf so sehr gelitten, dass eine Auflösung in Betracht gezogen wird. Doch dann werden Morde verübt, deren gemeinsamer Nenner darin besteht, dass alle Opfer mit Sebastian Bergman bekannt sind oder waren, an den Tatorten befinden sich Nachrichten, in denen Sebastian direkt aufgefordert wird, die Fälle aufzuklären. Deshalb muss er, obwohl er eigentlich nicht mehr mit der Reichsmordkommission zusammenarbeiten darf, erneut in die Ermittlungen eingebunden werden.

    Die Identität des Mörders scheint bald festzustehen, weitaus schwieriger ist es, seiner habhaft zu werden, denn er ist den Ermittlern immer um einen Schritt voraus.


    Beurteilung

    Im achten Band der Reihe um den Kriminalpsychologen Sebastian Bergman, der sich aus mehreren Handlungssträngen zusammensetzt, werden verschiedene Elemente aus den vergangenen Bänden wieder aufgenommen, sodass es dringend anzuraten ist, nicht mit diesem Roman in die Serie einzusteigen, sondern die Bände in der korrekten Reihenfolge zu lesen.

    Auch im vorliegenden Kriminalroman sind die Charaktere der Protagonisten gründlich und konsistent ausgearbeitet. Sebastian Bergman ist zwar immer noch egozentrisch, aber nicht mehr so egoistisch wie in den ersten Bänden. Dies liegt auch an den wohltuenden Gesprächen mit einem Patienten, der Sebastians Trauma, den Verlust seiner Familie im Tsunami von 2004, teilt. Der plötzliche Herztod dieses Patienten hat für Sebastian weitreichende Folgen.

    Neben dem aktuellen Fall spielt auch eine weitere Begebenheit aus Sebastians Vorleben eine unheilvolle Rolle, seine Stalkerin Ellinor ist nach einigen Jahren auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen worden. Ihr geistiger Zustand ist jedoch nach wie vor erratisch und sie denkt nicht daran, das Kontaktverbot einzuhalten, sondern lebt in ihrer eigenen, völlig realitätsentfremdeten Welt.

    Die unterschiedlichen Handlungsstränge sind zu einem abwechslungsreichen und spannenden Ganzen verwoben; es fällt schwer, die Lektüre zu unterbrechen.

    Die Handlung ist größtenteils glaubhaft und nachvollziehbar, lediglich bei zwei überraschenden „Knalleffekten“ zum Ende hin haben die beiden Autoren etwas zu dick aufgetragen. Man darf gespannt sein, ob und gegebenenfalls wie die Reihe fortgesetzt wird…


    Fazit

    Kurzweilige und spannende Lektüre, die man sich erst im Anschluss an die vorherigen Bände vornehmen sollte!

    9 Punkte

    ASIN/ISBN: 3805200943

    Kurzbeschreibung (Quelle: Verlagsseite)

    Berlin, 1930. Voller Zuversicht gehen die Töchter der berühmten Ärztin Ricarda Thomasius in das neue Jahrzehnt: Henny wird noch einmal Mutter und will gemeinsam mit ihrem Mann Victor und den beiden Kindern in Kalifornien leben. Die zehn Jahre jüngere Toni kehrt voller Tatendrang aus Afrika zurück, um die Praxis ihrer Schwester zu übernehmen und neues Glück in der Liebe zu finden. Ein Attentat auf Henny verändert mit einem Schlag alles. Die selbst zutiefst geschockte Toni muss ihrer Nichte Vicky beistehen.


    Autoren (Quelle: Verlagsseite)

    Helene Sommerfeld ist das Pseudonym eines in Berlin lebenden Autoren-Ehepaars. Ihre Trilogie um die Ärztin Ricarda Thomasius hat ihre Leser mitten ins Herz getroffen und erreichte Platz 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste.


    Allgemeines

    Zweiter Band der Reihe um die Thomasius-Schwestern

    Erschienen im dtv-Verlag am 16.11. 2023 als TB mit 496 Seiten

    Gliederung: Stadtplan von Los Angeles 1930 – Personenverzeichnis – Kapitel ohne Nummerierung, mit Überschriften und Zeitangaben

    Erzählung in der dritten Person aus wechselnden Perspektiven

    Handlungsort und -zeit: Berlin, München, Los Angeles in den Jahren 1929/1930


    Inhalt

    Antonia Thomasius kehrt aus Afrika zurück, sie möchte eigentlich ihre Dissertation zum Thema „Bilharziose“ schreiben, aber es besteht kein Interesse an einer Arbeit zu diesem „exotischen“ Thema.

    Ihre Schwester Henny, die ein zweites Kind bekommen hat, heiratet ihren früheren Ehemann Victor erneut und geht mit ihm und ihren Kindern nach Kalifornien, wo Victor im Filmgeschäft tätig ist. Da bietet es sich für Toni an, an Hennys Stelle gemeinsam mit der befreundeten Ärztin Celia Fahrland in der Praxis zu arbeiten, auch Tonis früherer Kommilitone Guntram steigt als Kinderarzt in die Gemeinschaftspraxis ein.

    In Deutschland verändert sich unterdessen das öffentliche Leben, die Inflation hat viele Haushalte ärmer gemacht und auf den Straßen werden Kämpfe zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten ausgetragen. Als Toni einen dunkelhäutigen Amerikaner, der sich bei den Kommunisten engagiert, kennenlernt, wird ihr bewusst, wozu die Nationalsozialisten fähig sind. Dass sich ihr Cousin Franz von Freystetten deren Partei angeschlossen hat, führt auch innerhalb der Familie zu Zerwürfnissen…


    Beurteilung

    Das dem Roman vorangestellte ausführliche Personenverzeichnis erleichtert die Orientierung, trotzdem ist es empfehlenswert, zuerst den ersten Band der Reihe um die Thomasius-Schwestern „Zeit der Sehnsucht“ zu lesen. Auf dessen Handlung wird wiederholt Bezug genommen und auch die Vorgeschichte um die Familien von Freystetten und Thomasius aus der Reihe um Hennys und Tonis Mutter Ricarda kommt zur Sprache.

    „Zeit der Hoffnung“ thematisiert die Situation in Deutschland um das Jahr 1930, die von wirtschaftlichen Problemen und politischer Unsicherheit geprägt ist. Straßenschlachten zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten sind in Berlin an der Tagesordnung, die Schlägertrupps der SA haben keine Hemmungen, „missliebige“ Menschen auf offener Straße zusammenzuschlagen. Die Polizei schaut bei solchen Taten nicht selten weg und ist bei der Strafverfolgung wenig engagiert.

    Weniger bedrückend ist der Handlungsstrang, der in Amerika spielt und einen interessanten Einblick in das damalige Filmgeschäft bietet. Hier trifft der Leser auf reale historische Persönlichkeiten, wie die Autorin Vicky Baum, deren Roman „Menschen im Hotel“ verfilmt werden soll, und die Schauspielerin Marlene Dietrich.

    Der Erzählstil ist abwechslungsreich und sehr anschaulich, er erzeugt bei der Lektüre ein farbenprächtiges „Kopfkino“. Die Romanfiguren sind gründlich individuell ausgearbeitet, jedoch – wie im vorherigen Band – gelegentlich etwas überzeichnet. Toni ist noch immer im Umgang mit Männern etwas inkonsequent und weiß nicht so recht, was sie will, sie erscheint wankelmütig. Ihre wilde Cousine Frieda von Freystetten macht eine Veränderung durch, die in dieser Form nicht realistisch anmutet.


    Fazit

    Ein farbenprächtiger Roman, der fesselnde Unterhaltung bietet!

    8 Punkte


    ASIN/ISBN: 3423218762