Beiträge von Lese-rina

    Ich empfinde das gar nicht so, dass das Dorf Marret ablehnt, eher im Gegenteil. Die Dorfgemenschaft nimmt sie hin, lässt Marret in ihren Küchen sitzen, durch die Gärten streifen. Über alle "normalen" 17-jährigen schwangeren Mädchen hätte man ebenfalls getuschelt, vor allem wissen wollen, wer der Vater ist. Heute wahrscheinlich auch noch.

    Ja. Geredet wird immer, wenn es irgendwas außergewöhnliches gibt und das ist eine Schwangerschaft ohne festen Partner auf jeden Fall. Egal, ob es eine 13-, 17- oder 40-jährige ist. Nachdem Marret ja eh schon immer "anders" war, war es bei ihr vielleicht sogar leichter, diese Schwangerschaft zu "akzeptieren". Ich finde, die Familie geht erstaunlich souverän damit um, gerade im Hinblick auf die Handlungszeit.

    So ist es. Auch die Zeit spielt eine Rolle, wie es vor 30/40 Jahren war ist es heute nicht mehr. Durch die vielen neuen Baugebiete haben sich die Dorfstrukturen und somit auch die meisten Dörfler verändert.

    Da hast du auf alle Fälle recht Findus. Man kann das Dorfleben, so wie es im Buch beschrieben wird, nur noch sehr bedingt mit dem heutigen vergleichen. Ich danke euch sehr für eure ganz persönlichen Eindrücke, für mich bereichert das die Leserunde ungemein :knuddel1. Jeder empfindet da ganz unterschiedlich, das war mir zwar vorher auch klar, aber es so zu Lesen ist dann doch nochmal was anderes.


    Was mir mittlerweile noch dazu eingefallen ist: neben den eigenen Erwartungen dazu spielt wohl auch die Freiwilligkeit eine ganz große Rolle. Jemand, der sich bewusst dafür entscheidet, aufs Land zu ziehen oder dort zu bleiben wird wohl eher Anschluss suchen (und damit auch finden) als jemand, der nur wegen Wohnungsnot/Partner/finanzielle Gründe ... mehr oder weniger unfreiwillig dort landet. Dann ist natürlich alles blöd. Umgekehrt gilt beim Stadtleben natürlich das Gleiche.

    Das liegt daran, dass die Autorin sich entschieden hat, die Geschichte vom Untergang des Dörflichen zu erzählen. Ein Ende zu erleben, zu akzeptieren ist nun einmal per se schwer. Das Dorf musste an sein Ende kommen, damit Raum geschaffen wird für Bildung, für Fortschritt, für Gleichberechtigung, für Emanzipation. Von all dem erzählt Hansen ja auch. Ich sehe auch ganz viel positive Entwicklung in diesem Buch.

    Ja, die sehe ich auch. Aber erst ganz zum Ende, denn dann kommt das jetzige, durchaus positive Dorfleben endlich auch einmal zum Vorschein. Von daher kann ich auch sehr gut die Meinung von hollyhollunder nachvollziehen. Lange Zeit ist das Buch durchaus "schwer". Du hast das toll beschrieben Regenfisch , mit den tiefen, aber notwendigen Wunden - das ist für mich ein sehr passendes Bild. Mir hat das Buch auch sehr gut gefallen, trotzdem hätte ich mir gewünscht, es wäre auch schön früher etwas mehr "Lebensfreude" spürbar gewesen. Deswegen hat mir persönlich auch Altes Land besser gefallen, da gab es auch ganz tiefe Einblicke in menschliches Leid, aber immer verbunden mit einer gewissen Leichtigkeit und auch humorvollen Episoden.


    Es ist eine Gradwanderung, was die Autorin betonen möchte: die schmerzvollen Veränderungen oder vielleicht doch die Lust am (Weiter-)Leben. Ich bin schon sehr gespannt auf das nächste Buch der Autorin, hoffe aber, es wird nicht noch melancholischer.


    Intuitiv merkt Ingwer, dass er offen nichts über seine Mutter und schon gar nichts über seinen Vater erfährt. Ein Kind akzeptiert das, das finde ich sehr glaubwürdig. Nur Gönke, die Unangepasste, klärt ihn auf. Das genügt ihm. Hätte Hansen mehr über diesen Handlungsstrang geschrieben, wäre es leicht kitschig oder gefühlsduselig geworden. So lässt sie Ingwer lieber schweigen, sich in sein Schicksal fügen als in diesen Fettnapf zu treten. Eine große Stärke des Buches.

    Ja, ich finde auch, Ingwer passt das, was er weiß. Ein anderes Kind hätte vielleicht versucht, mehr über seine Herkunft herauszufinden, aber Ingwer braucht das wohl nicht. Er hatte seine Eltern in Form von Ella und Sönken Überhaupt Ella - ich finde, sie ist eine ganz eigene, sehr interessante und starke Frau. Schade, dass sie und ihre Beweggründe nur immer so am Rande auftauchen, aber für mich hat sie die ganze Konstellation überhaupt erst zusammengehalten.


    Es ist ein Buch über den Wandel, den von Menschen und ihren Lebensumständen und wie sie damit umgehen.

    Das finde ich sehr gut zusammengefasst! :anbet Der Wandel geschieht aber nicht von heute auf morgen, sondern ganz schleichend und allmählich und deshalb passt für mich auch Ingwer in seiner Zögerlichkeit da sehr gut rein.


    Mich hat der letzte Abschnitt voll und ganz überzeugt. Ich finde, er hat das ganze Buch wunderbar abegerundet. Ja, viele Enden bleiben lose, aber vieles braucht auch Zeit und ich bin sehr froh, dass die Autorin hier kein rosarotes Ende hingezauber hat, sondern ihrer Linie treu bleibt. Irgendwer - ich glaube es war Clare - hat in einem Abschnitt geschrieben, so ist die Realität. Das kann ich nur unterstreichen: es ist realistisch, dass manche Sachen im unklaren bleiben oder erstmal eine behutsame Richtungsänderung geschieht und nicht von heute auf morgen alles anders ist. Von daher past es für mich. Anfänge sind für Ingwers Weiterentwicklung gemacht, er wird sich mit Annalena treffen und dann wird er sehen, ob das passt. Oder mit deutlich offeren Augen in Zukunft durchs Leben gehen - Stichtwort: Auch einmal Jäger sein, nicht nur Bauer. :) Ich bin sehr zuversichtlich, dass er es hinkriegt.


    Als Sönke so ganz leise und unerwartet stirbt, musste ich ein paar Tränchen wegwischen. Das passiert mir selten beim Lesen und ist dann doch ein deutliches Zeichen, dass mich das Buch sehr berührt hat. Auch von daher fand ich es rund, denn die Geschichte von Ella und Sönke ist damit abgeschlossen. Und es wird im letzten Abschnitt noch einmal sehr viel aufgedeckt: die Treue, die Ella ihrem Christian hält und die große Geduld, die Sönke dafür aufbringen musste; der Konkurrenzkampf der beiden "Opas" um den jungen Ingwer und warum Sönke so extrem gegen die höhere Schule war. Das bisherige Bild wird damit vervollständigt.


    Rund fand ich außerdem die Weiterentwicklung des Dorfes. Da gibt es endlich auch einmal viel Positives zu berichten - die Bemühungen, alte Sünden auszumerzen z. B. oder den Umbau des maroden Gasthofes. Ja, es ändert sich viel - aber es geht weiter.

    Finde ich auch. Gesucht haben sie ja schon, aber intensiv genug? Ich weiß nicht...Irgendwie sträubt sich bei mir da alles. Sicher, da wir nicht wissen, wo sie abgeblieben ist, stehen alle Wege offen, aber so geht das für mich nicht. Wenn sie eine Spur hinterlassen hätte, dass sie noch lebt und fortgegangen ist, würde ich es noch einsehen, aber so?

    Merrets Verschwinden passt für mich sehr gut zum Gesamtbild - so wie das "alte" Dorf verschwindet auch sie. Von daher hat mich das gar nicht gewundert, sondern es hat sich fast so ergeben. Ich nehme mal an, dass da schon intensiver nach ihr gesucht wurde, nur ist das halt nicht Thema des Buches. Ihr Verschwinden fällt ja in eine Zeit, die nur noch sehr knapp erzählt wurde, kein Raum also für lange Suchaktionen.


    Ich kann eure ganzen Kritikpunkte nachvollziehen und teile sie auch teilweise. Ja, auch ich hätte gern erfahren, was aus Gönke geworden ist, und sei es durch ein kurzes Gespräch beim Bäcker. Aber letztlich rückt das alles in den Hintergrund und mir bleibt es wohl als ein nicht einfaches, aber auf alle Fälle lohnenswertes Buch in Erinnerung. :thumbup:

    „Ein neues Blau“ hat eine ganz eigene, für mich sehr ungewohnte, aber sehr wohltuende Atmosphäre. Ich habe es als „stilles“ Buch empfunden, da immer wieder ganz bewusst die leisen Momente im Leben von Lili, der Hauptperson, betont werden. Und das, obwohl Lili zwischen den beiden Weltkriegen geboren wird und so in einer sehr ereignisreichen, „lauten“ Zeit lebt. Ich finde es toll, dass der Autor dazu (wohl ganz bewusst) einen Gegensatz setzt und der Text oft ganz leise Töne anschlägt. Damit verbunden ist auch eine gewisse Entschleunigung. Bei bestimmten Schilderungen wie z. B. der japanischen Teezeremonie ist mir aufgefallen, dass ich automatischer langsamer und bewusster lese. Dazu passen auch die kurzen, lesefreundlichen Kapitel, die mich am Ende immer wieder innehalten und meinen eigenen Gedanken nachhängen ließen.


    Im Gegensatz zu der Stille ist das Buch aber inhaltlich enorm vielseitig und bringt ganz unterschiedliche Themen zusammen. Japanische, jüdische und deutsche Traditionen treffen aufeinander, Tee und Porzellan spielen eine große Rolle, zeitgenössische Kunst und natürlich auch die Politik finden ihren Platz. Das Buch wirkt dadurch aber nicht überladen, sondern fügt die unterschiedlichen Themen wunderbar zueinander, denn im Mittelpunkt steht immer das junge Mädchen Lili und ihr Aufwachsen. Oft steht in Büchern in diesem Handlungszeitraum der aufkommende Nationalsozialismus im Mittelpunkt. Ich fand es sehr wohltuend, dass es hier nicht so ist, sondern sich die politische Situation in das Gesamtbild einfügt, nicht aber vorherrschend ist.


    Daneben gibt es eine Rahmenhandlung, die im Jahr 1985 spielt und in der Lili auf Anregung der Schülerin Anja auf ihr Leben zurückblickt. Auch diese Geschichte rahmt sich wieder perfekt in die Gesamtkomposition ein und ich finde die enge Verzahnung beider Teil am Ende wirklich toll. Ebenso positiv empfand ich die große Tiefe, die das Buch gegen Ende erhält – ein wichtiges Thema ist dabei (vermeintliche) Schuld. Die beiden Zeitebenen und auch die darin enthaltenen Zeitsprünge erfordern aber eine gewisse Aufmerksamkeit, so dass das Buch zum gedankenlosen Lesen nichts ist. Für mich war es auch wichtig, das Buch langsam zu lesen, denn es stecken sehr viele schöne, poetische Sätze und Gedankenanstöße darin.


    Nahezu nebensächlich webt der Autor immer wieder sehr viele Informationen in seinen Text ein. Die vielen Themen werden nicht nur angesprochen, sondern es wird auch viel dazu erklärt. Manchen mag dieses Info-Dumping vielleicht stören, ich lerne gern beim Lesen so „nebenbei“ dazu und so fand ich diese Zusatzinformationen immer sehr interessant.


    Ein toll komponiertes Buch - einen großen Kritikpunkt habe ich aber dennoch. Für mich bleibt die Beziehung zu Lili etwas auf der Strecke. Man erlebt sie in ihrem Aufwachsen und begleitet sie, doch emotional entsteht wenig Bindung. Mit fehlt dabei vor allem das Innenleben Lilis, es wird alles aus einer äußeren Erzählersicht sehr distanziert geschildert. Dass der Autor es auch anders könnte, zeigen die Kapitel der Rahmenhandlung, denn hier erzählt Anja als Ich-Erzählerin sehr direkt, authentisch und empathisch von ihrem Erleben.


    Fazit: Ein schönes, wohltuendes Buch, in dem leider die Emotionalität etwas zu kurz kommt. Trotzdem vergebe ich gerade noch 9 Eulenpunkte, weil der Autor es ganz unaufdringlich geschafft hat, sehr viele unterschiedliche Themengebiete perfekt miteinander zu verweben.

    Für mich stehen nicht so sehr die Beschreibungen des Dorfes und seiner Bewohner und Besonderheiten im Vordergrund, sondern Ingwer und seine Veränderung, sein Weg dahin. Es ist eigentlich schon eine Art Lebenskrise, dieses "War das denn alles?", dieses Gefühl, etwas Entscheidendes verpasst zu haben.


    Lehrer Steensen ist Marrets Vater. Zu ihm ist Ella all die Jahre immer wieder mal verschwunden, währen Sönke so tat, als wisse er von nichts. Auf ihn hätte ich nicht getippt.

    Ingwer ist für mich auch die eigentliche Hauptperson, aber er rückt (leider) immer wieder in den Hintergrund, weil sich die Vergangenheitskapitel dazwischenschieben. Zwar finde ich diesen Strang mittlerweile auch interessant und vor allem sehr vielseitig, trotzdem hätte ich gern mehr von Ingwer und seinem jetzigen Leben gelesen.


    Auf Lehrer Steensen als Vater von Ingwer wäre ich nicht gekommen, macht aber durchaus Sinn. Beide (Ella und Steensen) werden ja - in unterschiedlicher Weise - als Eigenbrötler beschrieben.

    Aber ich finde auch, dass den trübselig deprimierenden Aspekte in dieser dörflichen Chronik sehr viel mehr Raum gegeben wird als den glücklich positiven.

    Und ich bin relativ sicher, dass es davon mehr gegeben hat als hier zur Sprache kommt. Man muss diese Momente suchen wie Perlen, die in die hinteren Ecke gerollt sind (um bei der bildhaften Sprache von Dörte Hansen zu bleiben :grin)

    Wunderbar formuliert! :anbet Und auch in der Sache kann ich nur zustimmen: das Buch ist teilweise schon sehr melancholisch und ich hätte mir auch mehr positive Momente gewünscht. Sie kanns ja, die Autorin - das zeigt sie immer wieder wie z. B. in der schon angesprochenen Szene, als sich Ingwer an seinem Kollegen "rächt". Da steckt so viel drin und ist doch so leicht erzählt. Aufgefallen ist mir da z. B. auch der kurze Abschnitt über die Dauerdoktorandin Winter. Nur ein paar Sätze, aber es erzeugt sofort ein Bild und erzählt eine ganze Geschichte. Gönke fand ich auch ganz herlich. :lache Ich kann mir schon vorstellen, wie sie in einer Hand das Buch hält und mit der anderen bedient. Solche Szenen hätte ich mir mehr gewünscht.


    Ganz nahe ging mir das Kapitel mit den Kastanien, die zuerst umgeschnitten wurde und dann auch noch der Tod des kleinen Jungen. ;( Das sind ganz hart die negativen Seiten der Moderne.



    Mir ging es darum, dass ich das traurig finde und mir für beide gewünscht hätte, es wäre anders gelaufen.

    Jein. Natürlich hätte man den beiden eine schönere Zeit gewünscht. Aber ich finde, sie haben das Beste aus der Situation gemacht. Und ich finde, sie wirken zwar nicht glücklich, aber auch nicht unglücklich miteinander. Sie haben sich durch ihr Leben gekämpft und es gemeistert - vielleicht ist zufrieden ein passendes Wort? Immer wieder gibt es kleine Gesten der Zuneigung - sicher ist/war es nicht die große Liebe, aber vielleicht wäre die ja auch irgendwann verflogen? Ob sie mit einem anderen Lebensweg glücklicher geworden wäre ist reine Spekulation und muss nicht unbedingt so sein.


    Jetzt gehts auf zum Endspurt! :) Nachdem ihr euch wohl alle schon im letzten Abschnitt tummelt, werde ich mich mal sputen. Heute ist es etwas ruhiger und bestes Herbstlesewetter, also perfekt umd draußen die Sonnenstrahlen und das Buch zu genießen!

    Ja, da kann ich Zwergin nur zustimmen. (Abgesehen davon, dass man heute eher komisch angeguckt wird, wenn man gläubig ist. ;)) Nur bleiben die negativen Erfahrungen hängen und man schleppt sie lang mit sich, auch wenn sich mittlerweile doch vieles geändert hat.


    Was ich mir gestern überlegt habe: Wenn man aufs Dorf zieht, haben viele das Bedürfnis, zur empfundenen Dorfgemeinschadt dazuzugehören. Aber wer in der Stadt lebt, hat diese Gemeinschaft doch auch nicht und vermisst anscheinend auch nichts. Warum diese Diskrepanz?

    Ich weiß glaube ich, was Du meinst. Ingwer hat so eine Geduld und ja, auch Liebe zu den Beiden, nimmt Rücksicht auf ihre Gefühle, hat eine Selbstverständlichkeit mit ihren Gebrechen und Schnurren umzugehen,dass ich mich am Anfang richtig schlecht gefühlt habe, weil mir das sehr selten gelingt.

    :knuddel1Ingwer ist halt doch eine Romanfigur und tut sich da leichter als wir Menschen. ;)Was trotzdem sicher eine Rolle spielt: er hat durch sein Sabbatjahr viel Zeit und keine weiteren Verpflichtungen. Keine eigene Familie, die Aufmerksamkeit fordert; kein eigener Haushalt, der auch irgendwann getan werden will; kein Job, kein Ehrenamt, kein gar nichts. Das macht es sicher einfacher, da er sich auf seine Großeltern fokussieren kann. Abgesehen davon steht trotzdem in vielen Nebensätzen, dass er sich eine Zigarette Auszeit gönnt oder seinen Kaffee draußen trinkt, weil er schon so genervt ist. Nur steht das nicht so im Mittelpunkt.

    Machen wir. Ich glaube so ein Austausch hilft ungemein. Wenn man schon merkt, man ich nicht alleine und bei anderen ist es ähnlich. :knuddel

    Irgendwie habe ich aber das Gefühl, das Buch hilft mir, die Belastung aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

    Ich stell dann auch mal einen Aufnahmeantrag! ;) Was du in deinem zweiten Satz feststellst, Findus, empfinde ich auch so. Ich habe kurz vorher ein weiteres Buch gelesen, das von der Thematik ähnlich war (Mädelsabend) und es tut gut, wenn man liest, dass manche Probleme und Verhaltensweisen von Älteren und älteren Ehepaaren "ganz normal" sind. Und hilft, sich in seiner Situation zu überleben, wie und wo man sich abgrenzen kann. Das hilft nicht in Stresssituationen, aber vielleicht in "ruhigen" Zeiten.


    Ingwer hat so sehr versucht, ein Anderer zu werden, dazu zu gehören, das Dorf und seine eigene Dörflichkeit abzuschütteln, nur um mit 48 Jahren festzustellen, dass das nicht gelungen ist.

    Ja. Wobei dieses Abschütteln nie funktionieren wird, schließlich ist es ein Teil seiner Persönlichkeit. Ich hoffe sehr, dass ihm dieses Jahr "back to the roots" hilft, sich diesem Teil von ihm selbst zu öffnen und es als positive Erfahrung anzunehmen. Schließlich wäre er ein (ganz) anderer, wenn er diese Wurzeln nicht hätte.


    Aber die Schilderungen sind so real, so authentisch, da muss man der Autorin ein großes Lob aussprechen.

    Auch hier: ja! Dieses ganz genaue Hinsehen im kleinsten Detail finde ich soooo klasse! Und dann ganz knapp das Wichtigste auf einen Punkt bringen. Punktlandungen! Das tröstet mich auch immer wieder über die oft sehr melancholische Stimmung hinweg.

    Ihr hab recht, in der Stadt gibt es mehr Möglichkeiten, sich aus dem Weg zu gehen. Das hat sich mit zunehmender Mobilisierung aber auch auf dem Land geändert, heutzutage hat nahezu jeder ein Auto und kann sich so im größeren Umfeld bewegen. Zur Handlungszeit des Buches war das auf alle Fälle noch problematischer.


    Zum Geratsche: Geratscht wird überall, über alles und jeden (notfalls wird halt was erfunden:lache) und man muss sich halt überleben, wie sehr dass das eigene Leben beeinflussen soll/kann/darf.

    Ansonsten lebe ichs ehr gut nach dem Motto "Ist der Ruf erst ruiniert ..." :lache

    :writeOder um es mit den Ärzten zu sagen: Lass die Leute reden und hör ihnen nicht zu ...


    Ich fands toll, welche Gedanken Sönke sich dazu macht, so sehe ich das auch. Das kommt aber erst im zweiten bzw. dritten Abschnitt.


    Anpassung ist aber nur soweit gut, wie man sich nicht verbiegen muss. Und in einer Dorf- oder sonstigen Gemeinschaft geschnitten zu werden, weil man nicht dem Schema entspricht, ist, auch wenn man sich markige Sprüche vorsagt, auf Dauer deprimierend.

    Da hast du natürlich recht, nur frage ich mich jetzt wirklich, was man anstellen muss, um dauerhaft geschnitten zu werden. Nur nicht "dem Schema" (welchem?) entsprechen? Ich kenne das eigentlich schon so, dass - wenn jemand Kontakt möchte - das an sich kein Problem ist - auch nicht auf dem Land. Natürlich muss man dazu aber auch rausgehen, offen auf Menschen zugehen und darf nicht in seiner Bude hocken und warten, bis jemand kommt - dann wird es natürlich schwierig. Aber auch das ist wohl überall so.

    Hallo AngelikaLauriel,


    ja - los ist immer was. :grin Ich bin ja selbst ewig hinterhergehinkt, so ist das Leben nun mal. Aber wohl immer noch besser als zu langweilig, oder? ;) Schön, dass du dich noch gerührt hast!

    Eine Frage habe ich noch: Gibt es nicht einen eigenen Thread, in dem alle Rezensionen stehen? Oder habe ich ihn einfach noch nicht gefunden?

    Meinst du alle Rezensionen zu diesem Buch? Der wäre hier: klick


    Oder meinst du die neu eingestellten Rezensionen zu allen Büchern? Da gab es mal einen Thread, der wurde aber wieder gelöscht, als die Amazon-Verlinkung wieder funktionierte. :wave

    Ich bin noch mitten in diesem Leseabschnitt und habe deswegen auch eure Kommentare noch nicht gelesen, aber schleiche mal kurz rein, um meine Begeisterung für Kapitell 11 - Heart of Gold loszuwerden.


    Endlich kommt mal etwas Bewegung in die Sache (und damit meine ich nicht nur Ingewers rasante Einkaufswagen-Tour :-]), endlich nach all den schwierigen Kapiteln mit Marrets Schwangerschaft, der Pflegebedürftigkeit von Ulla und Sönke in der Gegenwart und Ingwers Unzufriedenheit mit seinem Leben endlich etwas Rebellion, Zukunftspläne und auch der augenzwinkernde trockene Humor, den ich bei Altes Land schon so mochte. Wie Ingwer wutschnaubend im Kopf seine ganz persönliche AUF-KEINEN-FALL-Liste zusammenstellt, fand ich einfach köstlich. :lache


    Dabei wird aber (ganz nebenbei) von Ingwers Innenleben ganz viel sichtbar. Meiner Meinung nach hat er seinen Platz im Leben noch nicht gefunden. Er gehört nicht (mehr) zum Dorf, fühlt sich aber auch in seinem jetzigen Leben nicht dazugehörig. Midlife-crisis. Er hat wohl auch Minderwertigkeitskomplexe, die objektiv gesehen natürlich überhaupt nicht berechtigt sind, schließlich musste er sich alleine durchboxen und dadurch mehr lesiten als z. B. "Richtersohn und Diplomatentochter" (wobei die natürlich auch ihr eigenes, anderes Päckchen zu tragen haben). Aber mit Objektivität kommt man in einer solchen Frage nicht weiter, auch hier ist die persönliche Wahrnehmung entscheidend.


    Ich hoffe, er kann das Jahr Auszeit aus seinem "normalen" Leben nutzen, um sich über seine Stärken klarzuwerden und darüber, was er eigentlich aus sich machen will. Und diesen Weg dann auch konsequent gehen.

    Ich sehe sie auch eher als etwas neben der Spur. Sie wird nicht gerade gebogen. Aber gefördert wird sie auch nicht wirklich. Hingenommen aber von der Mutter nicht wirklich geliebt, denke ich. Damals war das mit solchen "Auffälligkeiten" ja noch nicht so, dass man darauf eingegangen wäre.

    Ja, du hast recht - gefördert im heutigen Sinn wird sie nicht. Wobei das Einbeziehen in die Tätigkeiten, die sie kann, ja auch eine Art der Förderung sind (auch wenn es sicher mehr dem Zweck geschuldet war als Marrets Förderung) bzw. sie kann ja auch ihre Stärken (Singen) ausleben und hat zumindest in diesem Teilbereich Erfolg und Anerkennung. Ich weiß leider überhaupt nicht, ob und wie woanders in den 50er Jahren auf besondere Menschen wie Marret eingegangen wurde. Und ob man da schon soweit war, diese gezielt zu unterstützen und nicht nur aufzubewahren oder wegzuschließen.


    Ich meine aber, sie wurde von ihrer Mutter schon geliebt. Allerdings war es sicher schwierig mit einem solchen Kind, das sie auch nicht an sich herangelassen hat.

    Das sehe ich ähnlich. Ella kann halt auch nicht aus ihrer Haut und ihre Gefühle zeigen, geschweige denn in Worte fassen. Dass sie Marret nicht geliebt hat, möchte ich ihr deshalb nicht unterstellen. Überhaupt sind große Zuneigungsbekundungen generell in der Zeit und diesem Umfeld wohl eher selten - sowohl zwischen Eltern und Kindern als auch zwischen Ehepartnern.


    Ella ist ja überhaupt auch eine sehr eigene Person. Von ihr habe ich noch gar kein rechtes Bild.

    Die Beziehung zwischen Ingwer und dem Großvater sehe ich anders. Klar hatte der wenig Zeit. Aber er war mordsmäßig stolz auf ihn, hat ihn herumgetragen. Es war eben seine Form, Liebe und Zuneigung zu zeigen.

    Auch das sehe ich so wie Rumpelstilzchen. Natürlich hatte Sönke nicht viel Zeit - aber die Kinder im Dorf sind wahrscheinlich alle so automatisch mitgelaufen. Und ob sie dabei auch nur halb so viel Liebe abgekriegt haben wie Ingwer?

    In dem Abschnitt hat sich für mich das Buch ganz deutlich gedreht - viel mehr als um die Landschaft geht es jetzt um die Menschen (auch wenn ich alle Dorfbewohner außer dem Lehrer und dem Pastor nicht auseinanderhalten kann). Ich bin dem Buch jetzt deutlich nähergekommen, besonders den Vergangenheitskapiteln.


    Vor allem im ersten Kapitel dieses Abschnitts (6 - Kuckuck, Kuckuck, ruft´s aus dem Wald) hat sich das für mich gezeigt, denn da kann man meiner Meinung nach sehr viel über die Gefühle von Marret, Sönke und Ella herrauslesen. Wie sie sich in ihrem Leben eingerichtet haben, weit über die aktuelle Situation hinaus.


    Was mir noch auffällt: die Vergangenheit wird ausführlich und chronologisch geschildert. In der Gegenwart gibt es immer wieder einzelne Szenen, woraus sich dann das Gesamtbild erschließt z. B. die Line-Dance-Gruppe im Saal oder die Situation beim Waschen/Frühstücken. Ich frage mich, ob das Absicht ist und warum. :gruebel


    Ingwer bewundere ich. Er hätte nicht zurückkommen müssen. Die beiden Alten mit so viel liebevoller Geduld trotz allen Gemeckers zu pflegen und ihnen ihre Würde zu lassen - Hut ab! :anbet


    Interessant, dass Ingwer da überhaupt noch rausfindet. Die drei in der WG haben sich miteinander so fest und verwoben eingerichtet, ohne wirkliche Nähe und trotzdem nicht ganz allein, auch ohne an einer wirklichen Beziehung arbeiten zu müssen, dass man sich da bestimmt nur schwer aufraffen, befreien kann.

    Da hast du recht. Ich sehe deutliche Parallelen zum Leben von Sönke. Auch er muss sich seine Frau mit einem anderen Mann teilen - (und jetzt zitiere ich Clare): ohne wirklich Nähe und trotzdem nicht ganz allein. Vielleicht ist das die Krux des Lebens: dass sich manche Geschichten immer wieder wiederholen - egal in welcher Zeit oder an welchem Ort. Ich denke, auch Ingwer wird sich seiner Einsamkeit dadurch bewusst.


    Ich mache mir immer mal Gedanken darüber, was wohl mit Marret ist. Ein Down-Syndrom Kind?

    Ich hätte eher an eine Form von Autismus gedacht. Down-Syndrom-Kinder sind ja meist sehr sonnige und anhängliche Wesen - das passt für mich jetzt weniger zur Beschreibung von Marret. Interessant finde ich, dass sie nicht in irgendeine Schublade gesteckt wird oder gar geradegebogen werden soll, sondern so hingenommen wird, wie sie ist. In erster Linie von Ella, damit auch von Sönke und wenn man sich das erste Kapitel durchliest, auch von der ganzen Dorfgemeinschaft.

    Ich nehme mir allerdings die Freiheit, auch wenn die Autorin etwas neutral schildert, meine eigene Wertung dessen, was ich da wahrgenommen habe, zu schildern. Und auch wenn ein Autor noch so neutral schreibt - neutral lesen ist fast unmöglich, weil man immer durch die Brille seiner eigenen Persönlichkeit, geprägt durch seine eigenen Erfahrungen liest, denke ich.

    Da hast du natürlich recht und ich nehme mal an, ein Autor/eine Autorin will ja, dass sich die Leser/innen eigene Gedanken dazu machen. Die dann natürlich nicht neutral sind. Ich finde aber, dass geht besser, wenn im Buch nicht eine Richtung vorgegeben ist, sondern so wie hier es eben neutral bleibt. Oder was meint ihr?


    Wenn man sich den Thread hier durchliest kommt in den Beiträgen immer wieder durch, dass Dörte Hansen nicht einfach nur eine Geschichte erzählt, sondern (wohl auch durch ihre ganz besondere Erzählweise) ganz tief im Inneren, an persönlich Erlebten, an ganz tief sitzenden Gefühlen kratzt. Clare hat ja schon geschrieben:

    Das Buch macht mich sehr nachdenklich, was ja nichts Schlechtes ist, im Gegenteil.

    Das kann ich nur :write.


    Erstaunt nehme ich wahr, dass viele von euch Leben im Dorf als sehr beengt wahrgenommen haben oder noch wahrnehmen. Das hat mich dann zum Nachdenken angeregt :-] und ich empfinde gerade große Dankbarkeit, dass das bei mir nie der Fall war und ist. Warum kann ich aber nicht sagen, vielleicht, weil in meiner Kindheit die Welt dann doch schon eine andere war (was 15 - 20 Jahre manchmal ausmachen), vielleicht, weil ich die Freiheit hatte wegzugehen (und wiederzukommen) und vielelicht auch, weil ich nicht die Enge des Dorfes, sondern die endlose Weite der Landschaft sehe. Solche Gefühle haben ja auch viel mit persönlicher Wahrnehmung zu tun und die ist bei jedem komplett anders.


    Ein großartiges Buch, ich bekomme fast Lust, es nochmal zu lesen.

    Na dann - worauf wartest du? :grin Wäre doch jetzt DIE perfekte Gelegenheit.