Beiträge von Eskalina

    Ich denke, ich werde auch Band vier lesen, aber es ist schade, wenn das Gasthaus in dem Band keine Rolle spielt. Der vierte Band hat ja schon etwas auf sich warten lassen und ich fürchte, bis Band 5 kommt, habe ich die ganzen Zusammenhänge wieder vergessen.

    Naja, dann muss ich eben wieder mit Band 1 anfangen. ;)

    ASIN/ISBN: 3608504214

    Ein Maskenball, ein abgelegenes Anwesen und ein mysteriöser Todesfall- Diese Zutaten klingen schon sehr klassisch und tatsächlich ist auch dieses Buch wie ein Klassiker geschrieben. Vor Jahren wurde der Sohn der Familie Hardcastle ermordet und Evelyn, die Tochter des Hauses gibt sich eine Mitschuld an seinem Tod. Jahrelang wurde das Haus nicht bewohnt, doch zum Todestag des Sohnes soll nun ein Maskenball stattfinden. Familie Hardcastle lädt alle damals Anwesenden erneut in das Haus ein. Am Abend des Balls verlieren sie nun auch noch Evelyn unter ungeklärten Umständen…


    „Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“ ist auf den ersten Blick ein typischer Whodunit – ein Verbrechen wird nach und nach aufgeklärt. Dieses Konzept wird sehr oft in Krimis verwendet und ist nicht neu. Neu in diesem Buch ist die Sicht auf den Fall, denn die findet zwar immer von einer Person (Aiden Bishop) statt, doch erwacht sie jeden Tag in einem anderen Körper. Mehrere Gäste des Maskenballs aber auch der Butler dienen ihm als Wirt und er muss in ihren Körpern und mit ihren Gegebenheiten ein und denselben Tag immer und immer wieder erleben, bis er den Fall gelöst hat – oder bis es einer seiner Konkurrenten getan hat, denn auch anderen Gästen ergeht es so. Nur derjenige, der den Mörder entlarvt, kann aus dieser Endlosschleife entkommen und so setzt Aiden alles daran, diese furchtbare Zeit endlich hinter sich zu lassen und vor allem, herauszufinden, welche Person hinter dem Ganzen steckt.


    Die Grundidee zu diesem Krimi ist genial. Auch die Umsetzung ist gelungen. Die Sprache ist sehr klassisch und ich war erstaunt, dass das Buch 2018 mit einem Preis ausgezeichnet wurde und dass der Autor noch lebt, denn dieses Buch könnte, was Sprache und Stand der geschilderten Technik betrifft, auch bereits 1920 erschienen sein. Trotz der guten Idee bin ich nicht so ganz warm damit geworden, doch das ergeht mir bei vielen Whodunits so. Die Ermittlungen ziehen sich einfach zu lang hin, und ein und denselben Tag immer wieder, wenn auch aus anderen Blickwinkeln zu betrachten, war ein wenig mühsam, zumal man immer auch die Sicht der Dinge vom Tag davor und dem Tag davor usw. in Erinnerung behalten musste. Das machte auch den Wiedereinstieg sehr schwer, wenn man das Buch ein oder zwei Tage aus der Hand legen musste.


    Insgesamt bietet das Buch aber eine gute solide Krimikost für Fans des klassischen Krimis. Schreibstil, Figuren und Idee sind sehr gut gemacht, es fehlt ein wenig an Spannung und die Länge sowie die Fülle an Informationen waren mir persönlich zu viel.

    Wir von der anderen Seite

    Anika Decker

    Ullstein Hardcover

    ISBN: 978-3550200373

    384 Seiten, 20 Euro


    Über die Autorin: Anika Decker, geboren 1975 in Marburg, lebt und arbeitet als Drehbuchautorin und Regisseurin in Berlin. 2007 gelang ihr mit ihrem Drehbuchdebüt Keinohrhasen der Durchbruch, der Film zählt zu den 15 erfolgreichsten deutschen Filmen aller Zeiten. Danach folgte das Drehbuch zu RubbeldieKatz, was auch ein großer Publikumserfolg war. 2015 debütierte Anika Decker als Regisseurin, der Film Traumfrauen nach eigener Vorlage war eine der erfolgreichsten Kinoproduktionen des Jahres. Darauf folgte ihre zweite Regiearbeit High Society, die auf Anhieb auf Platz eins der Kinocharts landete. Wir von der anderen Seite ist Anika Deckers erster Roman.


    Rahel Wald erwacht und muss mitansehen, wie ein abgemagerter und knochiger Körper gewaschen wird. Als sie sich angeekelt wegdrehen will, begreift sie, dass es ihr Körper ist, der gerade von einer Pflegekraft mit einem Waschlappen bearbeitet wird. Extrem langsam reihen sich Bruchstücke der letzten Zeit aneinander; Rahel hatte aufgrund eines Ärztefehlers ein Multiorganversagen, lag im Koma und gehört zu den wenigen Patienten, die so etwas gut überstanden haben. „Gut“ – das ist allerdings nur die Meinung ihrer liebenswert chaotischen Familie, denn Rahel fühlt sich alles andere als gut; sie bekommt in ihrem Krankenzimmer regelmäßig Besuch von einem winkenden und tanzenden Eichhörnchen, ihr Lebensgefährte ist irgendwie komisch drauf und ihr Körper ist auch nicht mehr das, was er einmal war…


    Rahel erkämpft sich den Weg zurück ins Leben und in ihre Unabhängigkeit. Über das Thema ließe sich ein weiterer langweiliger Roman über eine „starke Frau“ auf einem Selbstfindungstrip schreiben, doch Anika Decker hat diesen Stoff so humorvoll umgesetzt, dass man trotz des eigentlich traurigen Themas das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht bekommt. Der Stoff wird so realistisch erzählt, dass man beim Lesen alle Figuren vor sich sehen kann und schnell ahnt, dass die Autorin eigene Erfahrungen mit Koma, Klinik und Ärzten eingebracht hat. 2010 ist ihr genau das passiert, was nun Rahel im Roman zustößt. Zufälligerweise hat Rahel auch denselben Beruf wie Anika und so bekommt man nebenbei noch einen kleinen Einblick, wie es bei einer Drehbuchautorin so zugeht.

    Selten habe ich mich bei einem Roman so amüsiert, wie bei „Wir von der anderen Seite“. Anika Decker trifft genau meinen Humor und ich hoffe, dass dieses Buch nur das erste von vielen weiteren Büchern sein wird. Danke für dieses intensive, traurige, urkomische und absolut unterhaltsame Leseabenteuer.


    »Pass auf, ich habe einen mexikanischen Schamanen für dich aufgetrieben, der hat aber nur heute Zeit! Ich schick dir gleich die Adresse, wo du ihn abholen musst.« »Ist der diplomierter Hexer, oder wie? Auf gar keinen Fall mach’ ich das!« »Klar machst du das! Du brauchst noch neunzigprozentigen Alkohol, destilliertes Wasser, eine weiße Blume und ein Ei. Habe ich dir alles besorgt, bring’ ich vorbei.« Dann legt er auf, um eine Minute später noch mal anzurufen. »Bist du noch nicht weg? Beeil dich, du kannst einen Schamanen nicht warten lassen!« Ich sehe ein, dass ich keine Wahl habe, und kämpfe mich vom Sofa hoch. An der Bushaltestelle steht ein hübscher, schmaler Mann mit Zöpfen und einer bestickten Jacke mit einem Hirsch drauf, die aus mindestens zwanzig verschiedenen Farben besteht. Ich tippe mal, dass das mein Mann ist. Er folgt mir hinunter in den U-Bahn-Schacht und stellt sich auf Englisch als Jesus vor. Wie auch sonst."

    Der zweite Teil von Frost&Payne, „Die mechanischen Kinder“, gönnt dem Leser keinen seichten Einstieg; es geht so rasant weiter, wie man es vom ersten Teil um die beiden „Detektive“ Lydia Frost und ihren Partner Jackson Payne gewohnt ist. Sie werden nicht nur von Scotland Yard verfolgt, sondern auch noch von einer geheimnisvollen Scharfschützin, deren Auftraggeber vorerst im Dunkeln bleiben. Eine Einladung zu einem großen Fest artet zu einer Geiselnahme aus und immer wieder sind Lydia und Jackson mittendrin satt nur dabei.


    Man sollte unbedingt den ersten Teil dieser Reihe gelesen haben, um die Hauptpersonen und ihre Hintergründe kennenzulernen, denn jeder hat eine ganz besondere Vergangenheit und eine ganz eigene Motivation, um bestimmte Dinge voranzutreiben. Der Handlungsort ist für Steampunk-Fans ein viktorianisch angehauchtes London, eine Stadt, die hochtechnisiert scheint, deren Technik allerdings etwas anders funktioniert, als wir das bisher kennen. Man lernt nebenbei die technischen Gegebenheiten kennen, taucht tief ein in diese Steampunk-Welt und wird keine Sekunde gelangweilt, denn es geht rasant und actionreich von einem Abenteuer zum anderen.


    Es gibt die Guten und die richtig Bösen aber auch einen Graubereich und in dem bewegen sich Frost&Payne. Die beiden sind wie füreinander gemacht und ergänzen sich sehr gut. Sie erleben viele aufregende Abenteuer, die hauptsächliche Geschichte rückt dabei manchmal sogar ein wenig in den Hintergrund. Es geht immer noch um die Suche nach dem Mann, der Kinder gefangen hält und ihnen mechanische Organe oder Gliedmaßen transplantiert; und als sie ihm gefährlich nahekommen, überschlagen sich die Dinge. Immer wenn man denkt, es könne keine weitere Steigerung von Spannung und Action geben, wird noch etwas mehr Gas gegeben und man mag das Buch nicht aus der Hand legen, bis man endlich weiß, ob alles so wird, wie man es erahnt. Ich habe auch diesen zweiten Teil sehr gern gelesen und freue mich auf die nächsten Teile dieser Serie.


    Mein Fazit: Frost&Payne ist leichte Kost, lässt sich flüssig und schnell lesen und macht Lust auf mehr. Wer Steampunk, Detektivgeschichten und Action mag, dem wird diese Serie sicherlich gefallen.

    Lydia Frost hat genug von ihrer Vergangenheit als Diebin und eröffnet eine Agentur in London. Ihr Versprechen: Verlorenes und Vermisstes aufzuspüren und zurückzubringen. Dazu gehören auch verschwundene Ehemänner, wie einer ihrer Aufträge lautet. Tatsächlich stolpert sie sozusagen über den Vermissten, den ehemaligen amerikanischen „Pinkerton“ Jackson Payne und bringt ihn seiner Frau zurück. Doch Paynes Verschwinden hatte eine Ursache; die Suche nach seiner verschwundenen Tochter und er hat sich geschworen, sie aufzuspüren. Untätig zuhause zu warten, ist nicht seine Sache und so wird er Partner von Frost. Gemeinsam stolpern sie in jede Menge Abenteuer in einer Stadt in der das Verbrechen jeden Schritt der beiden zu kennen scheint…


    Als Steampunk-Fan hat mich der Auftakt zu der Serie gereizt. Die Handlung spielt in einem viktorianisch angehauchten London, einer Stadt, die hochtechnisiert scheint, deren Technik allerdings etwas anders funktioniert als wir das bisher kennen. Man lernt nebenbei die technischen Gegebenheiten kennen, taucht tief ein in diese Steampunk-Welt und wird keine Sekunde gelangweilt, denn es geht rasant und actionreich von einem Abenteuer zum anderen.


    Es gibt die Guten und die richtig Bösen aber auch einen Graubereich und in dem bewegen sich Frost&Payne. Dieser erste Band ist zum Kennenlernen der beiden wichtig und man sollte ihn unbedingt lesen, wenn man in die Serie einsteigen möchte. Hier lernt man beide Hauptfiguren und ihre Lebensumstände besser kennen, durchschaut Beziehungen und erfährt etwas über ihre Vergangenheit, die für künftige Begegnungen wichtig sein wird. Beide haben ihre Geheimnisse, die immer wieder angedeutet werden und die nur in winzigen Bruchstücken ans Licht kommen und in Zukunft hoffentlich noch kommen werden.


    Dazu kommt immer wieder Action und die Handlung schreitet rasant voran. Kaum denkt man, dass die beiden Partner nun etwas zur Ruhe kommen, geht es weiter zum nächsten Abenteuer. Das hat mich sehr gut unterhalten. Frost&Payne ist leichte Kost, lässt sich flüssig und schnell lesen und macht Lust auf mehr. Wer Steampunk, Detektivgeschichten und Action mag, dem wird diese Serie sicherlich gefallen.

    Licht und Schatten

    Zoran Drvenkar

    ISBN: 978-3407754622

    Beltz&Gelberg

    584 Seiten, 19,95 gebundenes Buch

    18,99 Kindle


    Amazon über den Autor: Zoran Drvenkar wurde in Kroatien geboren und zog im Alter von drei Jahren mit seinen Eltern nach Berlin. Seit über 20 Jahren arbeitet er als freier Schriftsteller und schreibt Romane, Gedichte und Theaterstücke über Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Zoran Drvenkar wurde für seine Bücher mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Mehr Informationen finden sich unter http://www.drvenkar.de. Seine Thriller »Sorry« und »Du« wurden in in 14 Sprachen übersetzt, 2010 wurde »Sorry« mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet. Unter dem Pseudonym Victor Caspak & Yves Lanois schrieb er die Bestsellerreihe »Die Kurzhosengang«. Zoran Drvenkar lebt in der Nähe von Berlin in einer alten Kornmühle.


    Kurzbeschreibung: Es ist der Winter 1704 und der Tod sitzt auf dem Wipfel einer Tanne und wartet geduldig auf die Geburt eines Kindes. Er ist nicht der einzige – ein Raunen wandert um die Welt und die Schatten lauschen mit gespitzten Ohren.


    Schon in jungen Jahren macht sich Vida auf den Weg, um die Wahrheit zu finden. Sie hört den Ruf der Toten und begegnet ihrer eigenen Zukunft. Mit dreizehn lehren ihre Tanten sie die Mudras der Verbannung und sich ohne Waffen zu verteidigen. Denn Vida wurde geboren, um das Licht auf die Welt zurückzubringen. Aber niemand rechnet damit, dass sie ihren eigenen Weg geht und selbst dem Tod die Stirn bietet.




    Ein Kind bei dessen Geburt der Tod in den Wipfeln einer Tanne geduldig wartet – was soll nur aus solch einem Kind werden? Das fragt man sich als Leser bereits nach den ersten Seiten und schnell wird klar, dass dieses Kind, dessen Name Vida lautet, ein ganz besonderes Kind ist. Nur Vida kann das Licht in die Welt bringen - eine Welt, die zerrissen ist von Kriegen, Hass und Leere. Sie kann mit den Toten sprechen und sie ins Licht führen, doch auch diese Gabe beschert ihr mächtige Feinde, die ihr nach dem Leben trachten. Sie wächst geliebt und behütet von ihrem Vater und ihren Tanten auf und ahnt früh, dass sie anders ist als die anderen Kinder in dem kleinen abgelegenen Dörfchen, das so weit weg vom Rest der Welt liegt. Es scheint, als ob sie dort niemand entdecken kann, doch das Böse ist ihr längst auf der Spur…


    Ich habe mich bereits bei der Leseprobe in das Buch verliebt. Es ist eine märchenhafte Welt, in der Vida lebt und so erinnert die Sprache, mit der der Autor Vidas Geschichte erzählt, an alte Märchen, die ich in meiner Kindheit geliebt habe. Es gibt die Guten, die hoffentlich am Ende siegen werden, und die abgrundtief Bösen; beide lernt man im Verlauf der Geschichte näher kennen und ahnt bereits früh, dass es auf einen erbitterten Kampf hinauslaufen wird. Die märchenhafte, poetische Sprache und die latente Spannung bleiben die ganze Zeit über erhalten. Es gibt Sätze, die man mehrmals liest, weil sie sich so gut als Zitat zu diesem Buch eignen, doch irgendwann sind es zu viele Sätze, die Auswahl zu groß.


    Zoran Drvenkar hat seinen Figuren Charakter gegeben und lässt zudem seinen auktorialen Erzähler immer wieder mit feinem Humor einen Blick auf die Handlung werfen. Er spricht den Leser an, entschuldigt sich für manche Dinge, weckt Ahnungen und wirkt immer auch wie ein Erwachsener, der sich zu uns Lesern beugt, uns das Märchen vorliest und uns dadurch wieder ein wenig zu Kindern werden lässt. Trotzdem würde ich diese Geschichte nicht für Kinder empfehlen, denn es geht zeitweise doch ganz schön grausam zu. Es wird gemordet, gestorben, verwest und geblutet und es ist lange Zeit überhaupt nicht klar, warum wir glauben, dass uns der Autor ein harmonisches Ende schuldet. Dazu verrate ich nichts; nur das: es ist so ungewöhnlich wie die gesamte Geschichte, die mich immer noch beschäftigt, weil ich alles an ihr geliebt habe: die poetische Sprache, die ungewöhnlichen Figuren, die spannende, manchmal brutale, oft traurige Handlung und die bleibende Erinnerung, ein ganz besonderes Buch gelesen zu haben.


    ASIN/ISBN: 3407754620

    Mitternacht – Christoph Marzi

    Piper

    ISBN: 978-3492280907

    320 Seiten

    Taschenbuch 15 Euro, Kindle 12,99 Euro


    Über den Autor: Christoph Marzi, Jahrgang 1970, wuchs in Obermending nahe der Eifel auf, studierte in Mainz und lebt heute mit seiner Familie im Saarland. Mit dem sensationellen Erfolg seiner Trilogie um die Uralte Metropole ("Lycidas", "Lilith" und "Lumen") hat er sich einen festen Platz als deutscher Fantasy-Autor erobert.


    Amazon Kurzbeschreibung: Es gibt einen Ort, an dem die Geister leben, eine Welt, die unsere berührt, eine Stadt, in der mit Geschichten und Albträumen Handel getrieben wird. Ein Missgeschick lässt Nicholas James, den alle nur den »gewöhnlichen Jungen« nennen, diese Welt betreten – und alles ändert sich: Peter Chesterton, ein reisender Geist, nimmt sich seiner an. Das Findelgeistmädchen Agatha stiehlt sein Herz. Und etwas, das im Dunkeln lauert, gewinnt an Macht. Die Wege, die Nicholas beschreitet, führen ihn dorthin, wo alle Hoffnungen geboren und alle Träume gestorben sind, an einen Ort, den die Geister voller Ehrfurcht »Mitternacht« nennen. Eine Geschichte von der Macht der Bücher und der Gefahr des Vergessens, in einer Welt der Geister.



    Ich habe bisher alle Bücher von Christoph Marzi gelesen. In der Vergangenheit habe ich ihm oft vorgeworfen, dass seine Anleihen bei anderen Autoren wie z.B. Dickens und Rowling mir etwas zu viel waren. Und trotzdem habe ich ihn gelesen, obwohl ich mich oft ein wenig darüber geärgert habe, aber beherrscht es einfach, das Schreiben und fängt mich mit seiner Sprache immer wieder ein.

    Mit „Mitternacht“ habe ich mich nun etwas länger auseinandergesetzt, denn eigentlich müsste man hier sagen, dass eine Bewertung zu diesem Buch nicht ganz fair wäre, doch der Reihe nach: Es beginnt wie es oftmals beginnt; in London. Und auch dieses London ist sozusagen zweigeteilt. Es gibt das London, das wir alle kennen und es gibt ein London der Geister. Genau das erfährt der junge Autor Nicholas James, der durch Zufall erkennen muss, dass er zwischen beiden Städten hin und her wechseln kann. Es wartet die Liebe auf ihn, aber natürlich gibt es auch hier diverse böse Mächte, die ihn bedrohen und denen er besser aus dem Weg gehen sollte.


    "Alle Bücher träumen von Geschichten" - schon der erste Satz reichte aus, um sofort in die Handlung einzutauchen. Die Erzählstimme hat immer etwas märchenhaftes, abgeklärtes und wirkt so poetisch, als stamme sie aus einer längst vergangenen Epoche. Marzis Handlungsorte wirken atmosphärisch und wunderbar geheimnisvoll. Davon kann ich nicht genug bekommen. Ich verrate nichts von der Handlung, die auch in diesem Buch wieder extrem spannend ist. Doch dann, als ich das Gefühl hatte, die Geschichte sei erst halb erzählt, ergab sich ein Bruch. Im Zeitraffer raste plötzlich alles dem Ende entgegen und es war, als habe der Autor seine Figuren im Stich gelassen. Ich war total enttäuscht und wütend, aber dann las ich das Nachwort, in dem Marzi erklärte, dass er einen schweren Schlaganfall hatte und das Buch danach nur mit Mühe weiterschreiben konnte. Diesen Bruch merkt man sehr deutlich und vielleicht hätte Christoph Marzi sich und dem Buch mehr Zeit geben sollen, und sich erst einmal auf seine Gesundheit konzentrieren sollen, bevor er solch ein abruptes Ende zulässt.



    Insgesamt ist „Mitternacht“, ein opulenter, spannender und atmosphärisch dichter Roman, dem ich ein anderes Ende wünschen würde. Trotzdem ist er sehr lesenswert und vielleicht kommt ja noch eine Fortsetzung, die Christoph Marzi bei hoffentlich wieder besserer Gesundheit und in alter Form schreiben kann.Die Geschichte um Nicholas schreit nach einer Fortsetzung und warum nicht das Buch mit einer zweiten Variante beginnen? Dort, kurz vor dem Bruch, könnte es einfach nochmal neu beginnen. Das darf man sich als Autor der Phantastik ruhig erlauben. Alles Gute, lieber Christoph Marzi!

    Ich wusste bisher zwar schon ein paar historische Fakten über das Leben der Eleanor Roosevelt, habe aber nach dem Lesen dieses Romans versucht, noch mehr über sie zu erfahren. Das Netz ist voll von interessanten Berichten über sie und da es in dem Buch um die „Geliebte“ der First Lady geht, lässt sich schnell herausfinden, dass sich bis heute Historiker darüber streiten, ob Eleanor Roosevelt und Lorena Hickok tatsächlich eine lesbische Beziehung unterhielten. So viel zu der Beschreibung „Eine wahre Geschichte“. Bekannt ist allerdings, dass sie eine sehr enge und intensive Freundschaft verband.


    Der Roman dürfte die enttäuschen, die nun eine chronologisch erzählte Lebens- und Liebesgeschichte um die beiden Frauen erwarten, denn der Reihe nach geht hier gar nichts. Erzählstimme ist Lorena, die die meiste Zeit gedanklich Monologe an Eleanor richtet. Sie springt in den Zeiten hin und her und setzt beim Leser teilweise ein Wissen voraus, das man sich erst einmal erarbeiten muss. Sie nimmt Bezug auf Zeitungsartikel über Eleanor und sie, berichtet von Partys im Weißen Haus, von Gästen des Präsidenten und seiner Frau und von ihren Reisen mit Eleanor. Lorena beschreibt bestimmte Personen im Umfeld des Präsidentenpaares sehr genau, übernimmt auch den Klatsch und Tratsch, der um diese teilweise berühmten Persönlichkeiten rankt und wird trotzdem selten konkret, wenn es um Eleanor und sie geht.


    Sie erklärt Eleanor immer wieder in Gedanken ihre Gefühle und Eindrücke. Selten geht sie ins Detail, häufig reißt sie bestimmte Szenen nur an , all das scheint eher, als seien die Zeilen nur für Eleanor bestimmt. Als nicht eingeweihte Leserin durfte ich zwar einen Blick in diesen Mikrokosmos der beiden werfen, doch die Art, wie Amy Bloom ihre Erzählerin agieren lässt, gab mir beim Lesen das Gefühl, ich würde in fremden Leben stöbern, intimes Wissen recherchieren, das mich nichts angeht. Das Bild einer Liebesgeschichte zwischen Eleanor und Lorena muss man sich aus den Andeutungen und Ahnungen, einzelnen nur grob skizzierten Szenen selber zusammensetzen und normalerweise ärgere ich mich, wenn mir als Leserin überlassen wird, aus derart unkonkreten Angaben etwas zusammenzureimen.


    Das war anfangs auch hier der Fall, doch dann hat mich der ungewöhnliche Schreibstil am Buch gehalten. Amy hat ihre Lorena mit großer Intelligenz, scharfer Beobachtungsgabe und einem großartigen Sinn für Humor ausgestattet. Zudem sehe ich das Buch im Nachgang als eine einzige Liebeserklärung, deren wunderbare Bilder und kluge Sätze mich über teilweise langatmige Beschreibungen uninteressanter Personen, über unverständliche Zeit- und Gedankensprünge hinwegsehen lassen und mich das Buch in Erinnerung behalten lassen, wie es Lorena – pardon – Amy gemeint haben könnte; als Stimme einer Liebenden, die ihre Liebe niemals öffentlich leben durfte. Mich hat der Stil versöhnt und so beeindruckt, dass ich dem Buch 9 Pünktchen gebe.

    Spricht man heute über die Mondlandung, so hat man automatisch das Bild oder auch die Namen der drei Astronauten vor sich, die damals als erste die lange Reise zum Mond geschafft haben. Ziemlich unbekannt dürfte sein, dass es in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein privat finanziertes Programm namens Mercury 13 gab, in dem Frauen auf ihre Weltraumtauglichkeit getestet wurden.


    Junis Mutter floh vor den Nazis über Köln und Frankreich nach New Orleans und tat alles, um dem Mädchen ein sorgloses Leben in der neuen Heimat zu ermöglichen. Die Teilnahme am Mercury 13 Programm ist alles, was sich die junge Pilotin Juni schon immer gewünscht hat. Ihren Traum vom Fliegen hat sie schon in jungen Jahren wahr gemacht und die Begeisterung für das Fliegen begleitet sie ihr ganzes Leben. Als Juni nun mit einigen anderen Pilotinnen zum Programm eingeladen wird, setzt sie ihre ganze Hoffnung in ein Bestehen der Tests und sieht sich schon im All, doch das Frauenbild zu ihrer Zeit und einige missgünstige Menschen versuchen ihr Steine in den Weg zu legen.


    Ich habe diesen Roman sehr gerne gelesen. Er bietet einen spannenden Blick in die damalige Zeit. Ihrer fiktiven Hauptfigur Juni hat Maiken Nielsen ein spannendes Leben gegeben. Zuerst die Flucht der Mutter aus Nazi-Deutschland, dann der Start als junge Pilotin in einer von Männern geprägten Gesellschaft, die Teilnahme am Mercury-Programm und nicht zuletzt der Bezug der Raumfahrt zu der umstrittenen Persönlichkeit Wernher von Braun, der indirekt auch mit Junis Geschichte verknüpft ist.


    Der Schreibstil ist sehr flüssig und lässt sich gut lesen, die mitwirkenden Personen sind so gut skizziert, dass es ist, als kenne man sie schon lange Zeit. Es gibt Höhen und Tiefen in Junis Leben und die erlebt man hautnah mit. Man bangt mit ihr und um sie und am Ende hätte ich dem Buch noch wesentlich mehr Seiten gewünscht, nicht zuletzt auch, weil ich mir einige Szenen ausführlicher ausgearbeitet gewünscht hätte. Es bleibt aber trotzdem eine Leseempfehlung für einen Roman, der sich mit einem weitgehend in Vergessenheit geratenem Astronautenprogramm beschäftigt und der mit sympathischen Figuren und einer spannenden Handlung ein interessantes Leseabenteuer bietet.

    Endlich hatte ich genug Lesezeit um das Buch zu beenden. Juni und Martha haben sich wieder versöhnt - ich hatte beim Lesen das Gefühl, dass das ein wenig zu kurz kam. Genauso die Zeit von Juni im Krankenhaus. Erst bangen alle um sie und dann ist sie wieder gesund und versöhnt mit ihrer Mutter. Gerade wo dieser Bruch zwischen den beiden so heftig war, wäre eine Aussprache zwischen den beiden für mich als Leserin wichtig gewesen. So kam es mir vor, als habe man mir etwas Wichtiges vorenthalten.


    Als Juni und Martha Pläne für die Zukunft geschmiedet haben, wusste ich, dass Martha das nicht mehr erleben würde. Das war mir zu offensichtlich.

    Der letzte Abschnitt wirkt sehr komprimiert, als solle noch schnell so viel wie möglich hineingepackt werden. Das Buch hätte ruhig länger sein können, die Aufmerksamkeit von uns Leserinnen war ja da. ;)

    Insgesamt habe ich das Buch gern gelesen. Die Geschichte um das "Raumfahrtprogramm" für die Frauen hat mir gut gefallen und war sehr interessant. Gern hätte ich mir einige Passagen noch ausführlicher ausgearbeitet gewünscht, wie die Gesundung von Juni und die Versöhnung mit ihrer Mutter.

    Letztlich bleibt Ethel Herbert in diesem Abschnitt ja ein wenig auf der Strecke. Zum Glück, denn wenn sie sich nun auch noch eingemischt hätte, um Juni ihr Glück zu verderben, wäre das zu viel gewesen.


    Die Tests, denen sich die Frauen unterziehen müssen, sind krass. Wie hast du sie recherchiert? Besonders die Bluttests würden mich interessieren, denn ich habe beruflich damit zu tun. Ich hätte gar nicht gedacht, dass man damals schon Antikörper-Tests durchführen konnte.


    Bei dem Schwindeltest haben mir die Kandidatinnen leid getan. Ich musste vor einiger Zeit auch einen durchstehen. Der wurde allerdings mit lauwarmem Wasser gemacht. Das wurde in die Ohren gegossen und dann bekam ich eine riesige Brille auf und die Assistentin zählte, wie oft und wie lange sich meine Augen drehten...<X


    Dass weitere Tests einfach so abgesagt wurden, zeigt, dass die männliche Welt noch nicht dazu bereit war. Dr. Lovelace hat noch nicht mal den Mut, es den Frauen persönlich zu sagen.

    Waren echt einige Frauen so euphorisch und haben ihren Job gekündigt? Gerade in dieser Zeit, in der die ja tägloich erleben mussten, wie viel weniger Wert sie in den Augen vieler Männer waren, hätten sie da doch vorsichtiger sein müssen...:gruebel

    Oh ja .... Ich habe den nächsten Teil auch schon hier liegen, hab aber noch nicht angefangen. Vielleicht nächstes Jahr ...

    So geht es mir auch. :wave

    Damals als ich die begeisterte Rezi geschrieben habe, konnte ich es nicht abwarten, den nächsten Band zu lesen, doch als sich die Zeit bis zum Erscheinen immer länger herauszog, habe ich ganz langsam fast das Interesse verloren. Nach so langer Zeit nun einen zweiten und dritten Band zu beginnen, fällt schwer, denn die Erinnerung an den ersten Teil ist ziemlich verblasst...

    Ich habe nun endlich wieder Lesezeit gehabt. Es ist schön, dass sich Juni und Louis wiedersehen konnten und sich sogar ineinander verliebt haben. Wie Juni im Job von den männlichen Kunden behandelt wird, ist ärgerlich und zeigt, wie die Männer damals dachten. Auch die Interview-Fragen an Jerry sind dermaßen frauenverachtend, dass ich beim Lesen richtig wütend wurde. Und manchmal ist auch heute dieses Denken bei der älteren Generation noch vorhanden...:alter


    Ich war erschrocken, wie Juni sich ihrer Mutter gegenüber verhalten hat. Klar, die Mutter hat ihr nicht die Wahrheit über ihre Herkunft gesagt, aber sie hat alles unternommen, damit Juni ein gutes Leben hat und vor allem Juni hat immer ihre Liebe gespürt. Nach dem Geständnis ihrer Mutter zeigt sie keinerlei Mitgefühl mit ihr und ihren Großeltern, sondern denkt nur an sich und ihre verletzten Gefühle. Das ist kindisch und egoistisch. Ich hoffe, die beiden finden wieder zueinander solange Martha noch lebt, denn die Andeutungen, wie blass und schmal sie geworden ist, könnten darauf hindeuten, dass sie schwer krank ist...:gruebel