Beiträge von Eskalina

    „Im Dresdner Stadtteil Blasewitz lebte einst ein Antiquar, der wegen seiner Bücher, seiner Kenntnisse und seiner geringen Neigung, sich von den Erwartungen seiner Zeit beeindrucken zu lassen, einen unvergleichlichen Ruf genoss.“


    Was für ein Einstieg! Fast wie der Beginn eines Märchens mutet der erste Blick auf Norbert Paulini, der hier gemeint ist, an, doch der Roman verliert nach einiger Zeit seine märchenhafte Erzählweise und so, wie sich Paulini im Laufe seines Lebens vom realitätsfernen Träumer zu einem desillusionierten und vom Leben enttäuschten Menschen verwandelt, gleicht sich auch die Sprache an eine neue Zeit an.

    Die neue Zeit beginnt für Paulini mit den neuen politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen nach der Wende. Bis dahin lebt er ein abgeschiedenes Leben in seinem Antiquariat. Schon als Kind hatte er beschlossen, „Leser“ zu werden und so ist der Handel mit antiquarischen Büchern für den erwachsenen Paulini genau sein Metier.


    Es sind einige wenige Erzähler, die von ihrer Sicht auf die Hauptfigur berichten, und so lernt man ihn dadurch ausschließlich durch deren Beobachtungen kennen, was eine gewisse Distanz schafft und nur an der Oberfläche seiner Persönlichkeit kratzt . Paulinis Gedankenwelt erschließt sich nur indirekt, seine Emotionen bleiben ein Rätsel. Obwohl er von verschiedenen Seiten gesehen und geschildert wird, so ist der Eindruck aller bis weit in die Mitte des Buches ähnlich und vermittelt uns als Lesern einen Menschen, der für seine Bücher lebt und vom An- und Verkauf derselben leben kann. Paulini verweigert sich auf eine gewisse Art und Weise der Realität, enthält sich politisch und lebt für seine Kunden, für die er die richtigen Bücher beschafft oder empfiehlt. Als sich nach der Wende die finanziellen Verhältnisse ändern, die Kunden weniger werden, und er gezwungen ist, mit einer anderen Tätigkeit Geld zu verdienen, scheint er nach und nach aufzuwachen. Gegen Ende steht die Frage nach Mord im Raum und der Mensch, den wir meinten zu kennen, scheint nicht mehr derselbe zu sein.


    Das Buch hat mir mit seinen etwas altmodisch anmutenden Bildern und der aus der Zeit gefallenen Sprache gut gefallen. Wer Literatur liebt und in diesem Fall besonders die klassische Literatur, der wird dieses Buch noch besser verstehen – den Menschen Paulini zu verstehen, das ist eine Aufgabe, die Ingo Schulze allen Lesern seines Romans aufgibt.

    Es war einmal in einer namenlosen Stadt eine namenlose junge Frau, die von ihrem Leben berichtet und den Leser ahnen lässt, dass es sich um Belfast handeln müsste, zu einer Zeit, die von Bürgerkrieg und Unruhen geprägt ist. Die junge Frau scheint zu niemandem eine konkrete Beziehung zu haben, Namen, genaue Ortsangaben oder Gefühle sucht man vergebens.


    Bewusst unkonkret erzählt die Protagonistin von den Personen, mit denen sie Umgang hat. Außer ihrer Mutter, werden alle anderen auf ganz eigene Art und Weise bezeichnet. Es gibt unter anderem Schwager 1, Schwager 2, Kleine Schwestern, Vielleicht-Freund, Tablettenmädchen und natürlich den Milchmann, der eigentlich kein Milchmann ist. Nach ihm ist das Buch benannt, da er eine nicht unwesentliche Rolle in ihrem Leben einnimmt, denn er stalkt sie. Sie selbst scheint das anfangs gar nicht zu begreifen.


    Dies ist kein Buch, das man mal so eben durchliest; es ist sperrig, seltsam faszinierend aber auch sehr langatmig und polarisierend. Man mag es oder man mag es nicht. Gerne hätte ich mehr von dem Leben in Nordirland zur Zeit der Unruhen erfahren, doch die Erzählerin baut unendlich lange Sätze, ihr Gedankenkarussell kreist und kreist, sie springt in der Zeit und kommt immer wieder von eigentlichen Ausgang ihres Themas ab. Durch die unkonkreten Bezeichnungen aller Personen, durch ihr emotionsloses Beobachten ihres Lebens, schafft sie eine große Distanz zwischen sich und dem Leser. Ich war letztlich erleichtert, als ich das Buch beendet habe.


    Es kann daran liegen, dass ich gern konkrete Bezeichnungen mag, dass ich ungern rate, um wen es sich wo und warum handeln könnte und dass ich sehr interessiert an dem Thema Nordirland war, letztlich aber nur vage Andeutungen erhielt und unendlich kreisende Gedanken verfolgen musste. Das Buch mag brillant sein, doch ich bewerte mein Lesevergnügen und das hat sich hier leider nicht eingestellt.


    4 von 10 Eulenpünktchen

    Ich hatte "Hotel du Lac" angefordert und bekommen. Jetzt habe ich meine begeisterte Rezi dort eingestellt und lese, dass das Buch erst am 02.06. erscheint. Ob ich dann auch erst meine Rezi hier einstellen kann?:gruebel

    Sommer bei Nacht

    Jan Costin Wagner

    Galiani Verlag Berlin

    ISBN: 3869712082

    320 Seiten, 20 Euro

    1027 KB 16,99


    Amazon über den Autor: Jan Costin Wagner wurde 1972 geboren und lebt als freier Schriftsteller in der Nähe von Frankfurt und in Finnland, seiner zweiten Heimat. Seine Romane wurden vielfach ausgezeichnet und in 14 Sprachen übersetzt. Mit der Figur des jungen finnischen Polizisten Kimmo Joentaa schrieb er sich in die Herzen von Lesern wie Kritikern. Für sein Debüt "Nachtfahrt" erhielt Wagner den Marlowe-Preis für den besten literarischen Thriller; die amerikanische Ausgabe von "Eismond“ - dem ersten Kimmo-Joentaa-Roman - wurde 2008 für den Los Angeles Times Book Prize nominiert. Für "Das Schweigen" bekam er Deutschen Krimipreis verliehen.


    Amazon-Kurzbeschreibung: Ein Kind verschwindet. Dabei hat seine Mutter den Jungen nur für wenige Momente aus den Augen gelassen. Die Ermittlungen beginnen und schnell stößt die Polizei auf Verbindungen zu einem weiteren vermissten Jungen. (..) Die Ermittler Ben Neven und Christian Sandner machen sich auf die Suche nach dem fünfjährigen Jannis. Zeugen erinnern sich, dass ein Mann mit einem Teddybär auf dem Arm das Kind während des Flohmarkts in der Grundschule angesprochen hat. Schnell wird Ben und Christian klar, dass sich die schlimmsten Befürchtungen bewahrheiten. Und nicht nur das: es scheint einen direkten Zusammenhang mit der nie aufgeklärten Entführung eines weiteren Kindes in Österreich zu geben. Die beiden Polizisten stoßen auf finstere Abgründe (…).



    Jan Costin Wagner steht für literarische Kriminalromane und bedient damit nicht den Mainstream der Krimifans. Begibt man sich in die Handlung seiner Krimis, so lernt man ganz eigene Figuren kennen, die niemals einfach sind. Man nimmt eher an ihrem Innenleben teil, als an der Handlung direkt und trotzdem sind auch sie nicht immer greifbar. Besonders in diesem Buch hatte ich oft das Gefühl, als sähe ich das Geschehen wie durch Watte; Personen erleben etwas, doch das Erlebte rückt ein wenig in den Hintergrund, da die Gedanken der handelnden Figuren dazu den wichtigeren Teil einnehmen. Das macht manche Dinge teilweise nachvollziehbarer, anderes bleibt wie hinter einer Nebelwand verborgen. Trotzdem dringt man beim Lesen dann doch manchmal zu den Ermittlern durch, die hier im Mittelpunkt stehen und erkennt, dass sie beide innerlich nicht gefestigt sind und Gefahr laufen, eine Grenze zu übertreten, vielleicht sogar sich selbst zu verlieren. Der Fall ist anfangs nicht ungewöhnlich, die Ermittlungen ziehen sich für Ermittler und Leser etwas hin, bis sich gegen Ende dann die Spannung steigert, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen mag.


    Mein Fazit: Ein außergewöhnlicher Krimi, der mit dem besonderen Schreibstil des Autors Fans von Fred Vargas gefallen dürfte.

    ASIN/ISBN: 3869712082

    Gereizt hat mich an diesem Buch vor allem, dass die Autorin in Schweden als renommierte Kriminalreporterin und Expertin für Cold Cases gilt. Jemand, dessen Beruf das Schreiben ist, und der sich mit ungelösten Fällen beschäftigt, das weckt hohe Erwartungen an die Story. Wurden sie erfüllt oder enttäuscht?


    Hauptfigur in diesem Krimi ist die Kommissarin Tess Hjalmarsson, ebenso wie die Autorin, Expertin für ungelöste Fälle. Tess muss sich gleichzeitig mit zwei Fällen befassen, denn der Täter, der aktuell in den frühen Morgenstunden Frauen in ihren Häusern überfällt und vergewaltigt, scheint an dem bis jetzt unaufgeklärten Verbrechen an Annika beteiligt gewesen zu sein. Das neunzehnjährige Mädchen verschwand in einer Sommernacht vor sechzehn Jahren spurlos und Tess hat sich vorgenommen, den Fall erneut aufzurollen.

    Das Buch wird als Thriller beworben, doch dazu fehlt ihm die permanente Spannung und eine gewisse Rasanz. Es handelt sich eher um einen klassischen Whodunit. Am Anfang steht die Tat und ein oder mehrere Ermittler versuchen den Täter zu finden und ihm seine Motive zu entlocken. Genauso lässt sich auch dieser Krimi in Kurzform beschreiben.


    Der Schreibstil ist gefällig und das Ganze lässt sich sehr gut lesen. Die Autorin lässt zwischendurch die Opfer zu Wort kommen. Sie berichten, was ihnen gerade geschieht und das ist beklemmend, nimmt ihnen die Anonymität und erhöht die Spannung. Trotz einiger Längen und einem etwas zu konstruiertem Ende habe ich das Buch sehr gerne gelesen. Die Frage nach dem Täter, seinem Motiv und dem Zusammenhang der beiden Fälle, zusammen mit einer sympathischen Ermittlerin und dem angenehmen Schreibstil ist ausreichend, um sich gut unterhalten zu fühlen.

    Ich bin sehr sehr traurig. Immer, wenn sie zu uns nach Hannover in die Klinik zur Untersuchung kam, haben wir uns getroffen. Wir hatten sehr gute und intensive Gespräche. Sie war ein sehr zugewandter und feinfühliger Mensch. Ich habe auch die letzten Tage in der Klinik mit großer Sorge verfolgt, konnte sie aber nicht besuchen, da ich schwer erkältet bin und sie nicht gefährden wollte.


    Trotz der Trauer; ihr wurden 30 Jahre geschenkt, für die sie sehr dankbar war. Ich werde sie sehr vermissen.

    Shadowscent – Die Blume der Finsternis

    P.M. Freestone

    Dragonfly Verlag

    ISBN-13: 978-3748800125

    384 Seiten, 18 Euro



    Über die Autorin: P. M. Freestone ist in Australien aufgewachsen und hat mehrere Universitätsabschlüsse, unter anderem in Archäologie, Religionsgeschichte und Soziologie. Aber ihre wahre Leidenschaft gilt dem Schreiben von Fantasyromanen für Jugendliche. Sie hat den »Scottish Book Trust New Writer’s Award« gewonnen und lebt heute mit ihrem Mann und ihrem Hund in Schottland.


    Amazon-Kurzbeschreibung: Im Kaiserreich Aramtesch haben Düfte Macht – und diejenigen, die sie beherrschen! Ausgerechnet am Blütenmond passiert in den geheimen Gärten der Hüterin der Düfte die Katastrophe: Der Kronprinz, der gerade erst angereist war, liegt vergiftet am Boden. Rakel, der armen Dienerin mit einem besonderen Talent für Düfte, und Ash, dem Leibwächter des Prinzen, fällt die eigentlich unlösbare Aufgabe zu, das rettende Gegenmittel zu finden. Dafür müssen die beiden kryptische Geheimnisse aus uralten Zeiten entschlüsseln und ihre eigenen verborgenen Wahrheiten erkennen …



    Meine Meinung: Aramtesch ist eine ganz eigene Welt, die sich dem Leser nur nach und nach erschließt. Sie hat den Charme der Wüste, Stadt und -Wüstenbewohner leben mittelalterlich und haben ganz eigene und exotische Bräuche. Düften und Dufthüterinnen wird eine ganz besondere Stellung eingeräumt.


    Rakel, eine junge Frau kommt aus der Wüste in die Stadt ,um eine Ausbildung bei einer Dufthüterin zu machen, wird aber fast sofort in gefährliche Intrigen um den Kronprinzen hineingezogen. Der wurde vergiftet und wird ganz langsam sterben, denn niemand weiß, wie man ihm helfen kann.

    Zusammen mit dessen Leibwächter Ash macht Rakel sich auf eine lange und abenteuerliche Reise, um ein Gegengift zu finden, das dem Kronprinzen das Leben retten soll.


    Der Schreibstil ist flüssig, besonders die beiden Hauptfiguren wirken sehr lebendig und durch die gute Beschreibung der einzelnen Orte und deren Bewohner, taucht man beim Lesen tief in diese exotische Welt und in die fast märchenhaften Abenteuer ein.


    Die Beziehung zwischen Rakel und Ash entwickelt sich langsam und ist so gut geschrieben, dass man sie fast mitfühlen kann. Die Handlung ist sehr gut aufgebaut und es wird niemals langweilig. Ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass es am Ende zwar einen Cliffhanger gibt (Zitat bei der Werbung: „ein Cliffhanger zum Niederknien“), der Lust auf ein weiteres Buch macht, den Leser aber trotzdem nicht hängen lässt.


    Mein Fazit: Ein spannender, bunter und gut gelungener Fantasyroman, der nicht nur der jugendlichen Zielgruppe gefallen dürfte.


    ASIN/ISBN: 3748800126

    Wisting und der fensterlose Raum

    Jørn Lier Horst

    Piper Paperback

    ISBN-13: 978-3492061421

    432 Seiten, 15 Euro


    Amazon Kurzbeschreibung: William Wisting bekommt einen äußerst heiklen Auftrag: Im idyllischen Wochenendhaus eines an Herzinfarkt plötzlich verstorbenen Spitzenpolitikers wurden Umzugskisten mit achtzig Millionen Kronen gefunden. Die Kisten standen im innersten, fensterlosen Raum des Hauses. Stammt das Geld etwa aus einem Raubüberfall, der fast zwanzig Jahre zurückliegt? Unterstützung bekommt Wisting von Adrian Stiller, der sich gerade mit dem ungeklärten Verschwinden des möglichen Täters befasst. Doch wie gelangte das Geld in den Besitz des Politikers? Oder stammt es gar aus einer ganz anderen Quelle?



    Ein neuer Fall für Kommissar Wisting; im Haus eines kürzlich verstorbenen Politikers werden in einem fensterlosen Raum Umzugskisten mit 80 Millionen Euro gefunden. Da der Politiker keine Antworten mehr geben kann, soll Wisting herausfinden, woher das Geld stammt und warum es ausgerechnet bei einen so hochrangigen Politiker gefunden wurde. Wisting, seine Tochter und sein Kollege Adrian Stiller begeben sich auf eine langwierige Suche nach der Herkunft des Geldes.


    Ich muss gestehen, dass mich das Buch am Anfang so gar nicht gepackt hat. Der Text liest sich gut, hat allerdings ein paar holprig übersetzte Stellen. Die Handlung gerät nur sehr langsam in Fahrt und erst einmal ist es pure Ermittlungsarbeit, die für Leser und Ermittler gleichermaßen langweilig erscheint. Erst ganz langsam beginnt man Hintergründe und mögliche Täter zu erahnen und irgendwann ist man mittendrin.

    Der Autor legt falsche Fährten, lenkt den Blick auf verschiedene Personen und schafft nach und nach eine spannungsgeladene Atmosphäre, die Handlung nimmt Fahrt auf. Gegen Ende mochte ich das Buch dann nicht mehr aus der Hand legen. Auch wenn es über weite Strecken ein eher ruhiger Krimi bleibt, so haben mir die Figuren, die Stimmung und der Plot gut gefallen.


    Mein Fazit: Ein ruhiger, gut gemachter Krimi mit nordischem Charme für Leser, die keine bluttriefenden Thriller mögen.


    ASIN/ISBN: 3492061427