Der Büchereulen-Adventskalender 2019

  • Der 1. Dezember von Voltaire



    Vorweihnachtszeit/Adventszeit.

    Eine besinnliche Zeit?

    Mitnichten!


    Es ist Hochsommer, die Temperaturen sind teilweise bei über 30 Grad. Man sollte meinen, das da niemand an das Weihnachtsfest denkt. Irrtum!

    Die Jagd auf Weihnachtsgeschenke ist eröffnet, genau genommen beginnt sie bereits am 2. Januar.


    Wollt ihr den totalen Kommerz? Das „Ja-Gebrülle“ ist kaum zu überhören.


    Dabei bietet doch gerade die Vorweihnachtszeit die Möglichkeit zu inneren Einkehr, zum Beschäftigen mit Dingen, für die während des Jahrs kaum Zeit vorhanden war.

    Ist es nicht irgendwie doof, das der Begriff „Weihnachten“ durch den Geschenkewahn pervertiert wird?


    Dabei kann man gerade in der Vorweihnachtszeit Dinge erleben, die es wert sind erlebt zu werden.


    Hier ein kleines Beispiel:

    Im letzten Jahr war ich Mitte bei Dezember bei PENNY (eine Ladenkette die ich meide wie der Teufel das Weihwasser). Vor mir an der Kasse ein ältere Mann. Er packte seine Einkäufe auf das Laufband. Dabei passierte es. Ein Becher mit Buttermilch fiel herunter und der Inhalt breitete sich auf dem Boden aus.

    Die Kassiererin, eine keifende Trümmerlotte, pöbelte auch sofort los. Naja, PENNY eben.

    Der ältere Herr machte einen hilflosen Eindruck.

    Die Kassen-Xantippe aber pöbelte weiter.


    Ich schaute sie an und sagte: „Noch ein Wort – und dieser Laden ist bald Geschichte, so wie Sie auch. Holen Sie einen Lappen und wischen das hier auf. LAUFSCHRITT!“ Ich fühlte mich trotz absolut fehlender Kompetenz angenehm an meine Zeit bei der Bundeswehr erinnert. Die Dame meinte dann sie müsste ihren Chef holen. Der kam, ein Zwerg, der versuchte sich breit zu machen.

    Eine Witzfigur.

    Er schaut mich an und sagte: „Was erlauben Sie sich.......“

    Ich brüllte ihn daraufhin an: „Nehmen Sie die Hacken zusammen wenn Sie mit mir reden.!“

    Der Zwerg verstummte.


    Anschließend kam ich mit älteren Mann ins Gespräch. Er lud mich zu einem Kaffee ein und wir unterhielten uns sehr angeregt. Aus einer Tasse Kaffee wurden drei Stunden.


    Albert, so hieß der Mann, war einer der angenehmsten Gesprächspartner die ich je kennengelernt hatte. Und mit dem Thema „Literatur“ hatten wir dann auch sehr schnell ein Gesprächsthema das eigentlich immer unerschöpflich ist.

    Aber er erzählte auch von sich. Er jammerte nicht, er nannte nur sachlich die Fakten. Seine beiden Kinder waren bei einem Unfall ums Leben gekommen, seine Frau hatte das nicht verkraftet und den Freitod gesucht. Er wollte kein Mitleid, war nur sehr dankbar das da jemand war der zuhörte.


    Ich lud ihn zu unser zum Abendessen ein.

    Meine Frau wird mit Fremden nie schnell warm – aber mit Albert war es total anders. Sie hatten sofort einen Draht zueinander. Denn auch Albert war ein Rosenliebhaber – und wenn die beiden über Rosen ins Gespräch kamen, dann gab es kaum etwas, das sie ablenken konnte.


    Im Laufe des Jahres wurde Albert ein wirklich guter Freund. Nie aufdringlich, dankbar aber nicht devot, immer interessiert an seinen Mitmenschen. Ein wunderbarer Mensch.


    Vor zwei Wochen ist Albert gestorben. Er fehlt. Trotzdem waren wir dankbar für dieses wunderbare Geschenk seiner Freundschaft.


    Was ich eigentlich sagen wollte ist: Die Vorweihnachtszeit kann so unendlich viel mehr sein als die sinnleere Jagd nach Geschenken.


    Der Tod ist nicht das Ende – er ist nur der Anfang von etwas Anderem. Und Menschen sind erst dann wirklich tot – wenn wir sie vergessen und nicht mehr in unserem Herzen tragen.


    Es ist wirklich so: Liebe kennt keine Grenzen.


    Nachsatz:

    Ich habe wenn ich mich rechte erinnere für Eulen-Adventskalender 2011 (6.12. 2011) mal einen Beitrag geschrieben (Das Aufsatzheft) den ich für meinen Besten halte. Auch die Frau die ich dort beschrieben habe, lebt nach wie vor in meinem Herzen – und gerade jetzt in dieser für mich besinnlichen und stillen Zeit ist wieder gegenwärtig.


    Der Büchereulen-Adventskalender 2011


    Aber warum habe ich das jetzt alles aufgeschrieben?

  • Der 2. Dezember von Mairedh


    Sternenklare Nacht


    Langsam wird es dunkel um mich herum und ich werde wach. Gähnend strecke ich mich. Die Tage werden immer kürzer und ich kann nachts länger scheinen.

    Die Nacht ist sternenklar, keine Wolke ist in meiner Nähe. Auf der Erde wird es ziemlich kalt werden.

    Neben mir erwachen auch die anderen Sterne. Sofort fangen sie an, sich zu unterhalten. Keiner blickt auch nur einmal zur Erde hinab.

    Eigentlich scheinen wir doch nur, um allen Lebewesen auf der Erde Licht zu spenden. Mensch und Tier gleichermaßen. Warum interessieren sich die anderen Sterne dann nicht dafür, was die Erdlinge so machen, während wir über sie wachen?

    Plötzlich blendet mich ein heller Lichtblitz. Was auch immer das war, es ist genauso schnell verschwunden, wie es kam. Ich beeile mich, dem Blitz zu folgen.

    „Warte doch bitte! Wer bist du?“, rufe ich dem Blitz nach.

    Der Blitz bremst ab, dreht sich zu mir herum und blickt mich an. „Ich bin eine Sternschnuppe. Hast du mich und meine Familie noch nie gesehen?“

    Ich schüttele den Kopf. „Zumindest nicht so nah. Ihr seid so schnell unterwegs. Aber ich wollte jetzt unbedingt wissen, wer du bist. Was macht ihr Sternschnuppen denn so?“

    Die Sternschnuppe lächelt. „Wir sind so schnell, damit wir innerhalb kürzester Zeit möglichst viel erledigen können. Unsere Aufgabe ist es, Hoffnung zu schenken, den Lebewesen beim Träumen zu helfen und ihren Glauben zu stärken und zu erhalten.“

    Fasziniert starre ich die Sternschnuppe an. „Und deswegen seid ihr so schnell, oder? Damit ihr in jeder Nacht ganz vielen Menschen und Tieren helfen könnt. Das ist toll! Ich möchte das auch können. Außer mir scheint sich in meiner Familie niemand für die Lebewesen auf der Erde zu interessieren.“

    „Das ist wirklich schade, wo ihr doch jede Nacht über die Erdlinge wacht und ihnen Licht spendet. Auch wenn sie euch manchmal nicht sehen können, wissen sie trotzdem, dass ihr immer für sie da seid.“ Die Sternschnuppe zögert. „Na ja, sagen wir mal, dass manche von euch immer da sind.“

    Sie blickt sich kurz um und meint: „Ich muss jetzt weiter, tut mir Leid.“

    „Schade. Ich hätte mich gerne noch länger mit dir unterhalten. Ich möchte doch noch so viel wissen. Aber du musst den Menschen und Tieren helfen. Und genau das werde ich auch tun. Ich warte hier und wache über die Lebewesen.“

    Die Sternschnuppe verabschiedet sich und verschwindet wieder als Lichtblitz. Mit neuem Mut und neuer Kraft gestärkt mache ich mich an meine Arbeit.

    „Kleiner Stern!“, ruft auf einmal eine Stimme. Ich erschrecke mich so sehr, dass ich fast vom Himmel gefallen wäre. Verwirrt drehe ich mich um. Vor mir steht die Sternschnuppe.

    „Magst du mich vielleicht auf meinem Weg begleiten? So können wir beide unserer Arbeit nachgehen, und wir können uns unterhalten.“

    Freudig springe ich auf und ab – und ziehe damit den Ärger einiger älterer Sterne auf mich. „Ist das dein Ernst?“, frage ich.

    Die Sternschnuppe nickt.

    „Aber was ist denn, wenn uns jemand sieht? Und bekommst du dann nicht Ärger?“ Meine Stimme überschlägt sich fast.

    „Die Menschen und Tiere werden uns als besonders helle Sternschnuppe wahrnehmen, weil sich unser Licht ergänzen wird. Dadurch können wir noch mehr Hoffnung schenken. Und genau deswegen wird es auch keinen Ärger geben. Na komm, halt dich an mir fest.“

    Begeistert klammere ich mich an einen Zacken und schon sausen wir los. Mir wird ein bisschen schwindelig von dem Tempo und ich muss die Augen schließen.

    Als ich sie wieder öffne, bemerke ich, dass wir langsamer geworden sind.

    „Musst du nicht eigentlich schneller sein?“, möchte ich wissen.

    „Für die Erdlinge bin ich genauso schnell unterwegs wie vorhin für dich. Aber für mich fühlt sich das Tempo anders an. Schließlich muss und möchte ich ja auch sehen können, ob ich tatsächlich helfen konnte. Manchmal bleibe ich auch für ein paar Minuten an einem Ort, um noch näher bei den Lebewesen zu sein und sie noch mehr zu unterstützen“, erzählt mir die Sternschnuppe.

    Schon im gleichen Moment steuert sie auf ein riesiges Gebäude zu, scheinbar ein Krankenhaus, und hält vor einem hell erleuchteten Fenster an. Zwei Menschen strahlen vor Freude und blicken überglücklich auf ein kleines Baby herab, das in ihren Armen liegt.

    Ich spüre, wie sich auch die Sternschnuppe freut. „Ich beobachte diese Familie schon eine ganze Weile und habe ihnen jede Nacht Hoffnung geschenkt, auch wenn sie mich nicht immer gesehen haben. Es gab einige Komplikationen bei der Schwangerschaft. Aber wie du siehst, ist alles gut gegangen.“

    Wir fliegen weiter und ich entdecke so viel. Viel mehr, als ich in all den Jahren gesehen habe, die ich nur an meinem Platz war und nicht weggegangen bin. In einem Stall sehen wir, wie eine Stute ein Fohlen zur Welt bringt. Auf einem großen Platz machen die Menschen Musik, singen und tanzen und haben Spaß zusammen. Ein Eisbär geht fischen. Eine Horde Pinguine steht dicht aneinander gedrängt im tiefsten Schneesturm.

    Ich bin noch so fasziniert von all den Erlebnissen und Entdeckungen, dass ich gar nicht merke, wie die Sternschnuppe abbremst und langsam über einem kleinen Platz voller Zelte, Maschinen und Menschen ihre Kreise zieht.

    Es dauert eine Weile, bis die Sternschnuppe zu sprechen beginnt. „In solchen Gebieten verweile ich immer besonders lange, denn die Menschen hier brauchen besonders viel Hoffnung.“

    Ich blicke mich um. „Was ist das hier?“

    „Ein Kriegsgebiet. Die Menschen, die hier leben, sind zerstritten und bekämpfen sich. Und viele andere Menschen aus anderen Ländern wurden hierher geschickt, um für Frieden zu sorgen. Sie alle brauchen Hoffnung, Träume und Glauben. Hoffnung, dass nichts Schlimmes passiert. Glaube, dass sie bald wieder zu Hause bei ihren Familien sind. Träume von besseren Zeiten und Frieden.“

    Nach einer Weile blitzt die Sternschnuppe noch einmal hell auf und wir fliegen wieder hoch zum Himmel. Zu meiner leisen Enttäuschung lädt sie mich bei mir zu Hause ab.

    „Wir sehen uns bestimmt bald wieder, kleiner Stern. Glaube einfach daran“, flüstert die Sternschnuppe und fliegt davon. Der Tag war so spannend, dass ich direkt einschlafe.


    ***


    Langsam wird es dunkel um mich herum und ich werde wach. Gähnend strecke ich mich. Ich schüttele mich kurz. Irgendetwas ist heute Abend anders als sonst. Verwirrt drehe ich mich ein paar Mal im Kreis, kann aber nichts Auffälliges feststellen.

    „Hallo, kleiner Stern.“, spricht mich plötzlich jemand an.

    Vor mir steht wieder die Sternschnuppe. Ich freue mich so sehr, sie wieder zu sehen, dass ich sie direkt umarme.

    „Magst du mich wieder begleiten?“, fragt mich die Sternschnuppe lächelnd.

    Ich schüttele den Kopf. „Wirklich gerne, aber nein, danke. Du hast mir gestern gezeigt, wie wichtig unsere Aufgaben sind. Und deswegen muss ich jetzt hier bleiben und meine Arbeit machen.“ Stolz strecke ich mich, um noch ein bisschen größer und heller zu wirken.

    Leise lacht die Sternschnuppe. „Ab heute ist es nicht mehr nur deine Aufgabe, über die Lebewesen zu wachen, sondern auch ihnen Hoffnung, Glauben und Träume zu schenken. Du bist jetzt eine Sternschnuppe, genau wie ich, kleiner Stern.“

    Ich bin sprachlos. Das war die Veränderung, die ich gemerkt habe. Ich quietsche kurz auf vor Freude und sause blitzschnell zwischen den anderen Sternen hin und her, um sie ein bisschen zu ärgern und aufzuwecken.

    Schließlich halte ich wieder vor der Sternschnuppe an.

    „Danke!“

  • Der 3. Dezember von Velion



    Lekuma


    Die Bestie erhob sich aus den braunen Wellen des Meeres. Die Arme waren an den Enden abgerundet und zu kurz geraten, doch diesen Makel machte das hellbraunglänzende Ungeheuer mit seiner beeindruckenden Größe und seinem Dauergrinsen wieder wett. Weit spritzte das Nass umher, als es aus den Kakaofluten auf das Festland sprang und einen furchterregenden Schrei ausstieß. Starr und ungelenk wirkend steuerte das Monster auf die naheliegende Ortschaft zu. Dort waren die Einwohner bereits durch den Schrei alarmiert. Gummibärchen und Schokoladennikoläuse rannten in wilder Panik zwischen den Keks- und Lebkuchenhäusern umher und suchten nach einem Versteck vor dem Ungetüm. Teilweise stießen sie aneinander und stürzten. Dramatische Szenen spielten sich ab. So würden sie dem Monster niemals entkommen!


    Das Ungeheuer erreichte das erste Lebkuchenhaus und stieß es um. Zwei Gummibärchen wurden unter den niederfallenden Trümmern begraben. Ein mutiger Nikolaus versuchte, mit dem Mut der Verzweiflung, das Ungeheuer zu Fall zu bringen. Doch es kickte den aufmüpfigen Schokokrieger lässig beiseite und setzte seinen Vernichtungsmarsch durch den Ort fort. Fast wäre ein Gummibärenmann zertreten worden, doch im letzten Moment konnte dieser sich zur Seite wegrollen. Das Monster wollte zum Lebkuchenherzrathaus! Trotz kurzer Arme schleuderte es Orangen und Kekse, die überall herumlagen umher.


    Viele Nikoläuse und Gummibärchen, die sich noch nicht in Sicherheit hatten bringen können, wurden getroffen. Die Ausweg und Hoffnungslosigkeit zwang die verbleibenden Gummibären und Nikoläusen, sich dem Monster zu stellen. Doch recht früh wurde klar, dass sie dem Monster nichts entgegensetzen konnten. Sie wurden entweder niedergetrampelt oder durch die Luft geschleudert. Und sie wollten sich gerade ihrem Schicksal ergeben, als plötzlich wie aus dem Nichts eine riesige Hand erschien und die Bestie wegholte. „Mensch Kevin! Mit dem Essen spielt man nicht!“ „Mama, geb mir Lekuma wieder! Das ist mein Lebkuchenmann!“

  • Der 4. Dezember von Batcat



    WEIHNACHTEN MIT WALDEMAR


    Dietmar war ein Manager, wie er im Buche steht: stets wie aus dem Ei gepellt, smart und um keine Antwort verlegen. Dietmar war so aalglatt, daß alles an ihm abperlte. Einmal versuchte eine übermütige Laus, ihr Domizil auf seinem Haupte aufzuschlagen. Doch Dietmar hatte seine Haare mit soviel Pomade an den Kopf gekämmt, daß die arme Laus kopfüber abstürzte und sich den Hals brach. Dietmar war nicht beliebt. Wer mag schon Klugscheißer und Petzen? Man konnte ihm auch nichts recht machen: das Essen zu warm, der Kaffee zu kalt und Ideen, die seine Kollegen vorschlugen, wurden prinzipiell von ihm abgeblockt... nur, um sie als seine Ideen auszugeben und unter viel Lob „von oben“ umzusetzen. Kein Wunder, daß ihn alle Menschen - seine eigene Familie inklusive! - lieber von hinten als von vorne sahen.


    Doch leider stand schon wieder Weihnachten vor der Türe. Es wurde von Dietmar erwartet, daß er sich zumindest kurz bei seinen anstrengenden Eltern und seinen nervigen Geschwistern blicken ließ. Ihm graute bereits jetzt davor. Damit er das aushielt, brauchte er D-R-I-N-G-E-N-D einen Drink. Oder besser noch zwei. Als Dietmar den Kühlschrank öffnete, traute er seinen Augen nicht: ein kleines grünes ... Ding saß im Flaschenregal und hielt sich an der Flasche Wodka fest. Sofort machte er die Türe wieder zu. Dabei hatte er doch erst ein Glas Wodka! Sonst vertrug er doch auch mehr. Langsam öffnete er die Türe wieder. Das Ding saß immer noch da. Diesmal grinste es ihn frech an und winkte sogar. Dietmar grabschte grob nach dem Ding, doch dieser verflixte, grüne kleine Teufel hatte scharfe Zähne und biß ihm so fest in den Zeigefinger, daß er blutete. Dazu lachte er hämisch.


    Als Dietmar zu poltern begann, sprang ihm dieser kleine Kobold auf die Schulter und hielt ihm einfach den Mund zu. "Jetzt hörst DU einmal zu! Tag für Tag tyrannisierst Du Deine Mitmenschen, so daß jeder Angst vor Dir hat und Dich nicht mag! Jetzt reichts! Für 24 Stunden werde ICH Dich begleiten und jedes Mal, wenn Du Dich schlecht benimmst, werde ich Dich bestrafen. Hast Du mich verstanden?" Dietmar lachte. Von so einem grünen Ding ließ er sich doch nicht ins Bockshorn jagen. Doch bevor er etwas sagen konnte, biß ihm das Tier herzhaft ins Ohr. Scheisse, tat das weh. Außerdem blutete er! "Ich heiße übrigens Waldemar und außer Dir kann mich keiner sehen! Besser, Du kooperierst!"


    Es war schon spät und Dietmar mußte langsam los, wenn er nicht wieder Ärger mit seiner nervigen Mutter bekommen wollte. Er ignorierte Waldemar und machte sich fertig. Je eher er dort war, desto eher konnte er wieder gehen und den restlichen Weihnachtsabend mit seinem „lieben Freund Jack Daniels“ verbringen.

    Kurze Zeit später bog er in die Straße seiner Eltern ein und parkte genau vor dem Haus seiner Eltern, dabei ignorierte er selbstgefällig die Tatsache, daß er den Fahrradweg blockierte und auch das Auto vor ihm, obwohl dieser einen Rollstuhl im Heck hatte. Ihm war völlig egal, ob der Rolli ausgeladen werden konnte oder nicht. Als Waldemar bemerkte, daß Dietmar wirklich die Absicht hatte, SO zu parken, biß er Waldemar in die Wade und ließ erst los, als Dietmar korrekt geparkt hatte. Dietmars Hosenbein wies nun kleine Löcher aus, außerdem spürte er, wie ein wenig Blut sein Bein herunterrann. Er war fuchsteufelswild.

    Als seine Mutter im üblichen Schürzenkleid die Türe öffnete und ihm ein „Fröhliches Weihnachten, mein Sohn!“ entgegenwarf, lag ihm schon eine unfreundliche Begrüßung auf der Zunge, doch Waldemar saß auf seiner Schulter und kniff ihn heftig ins Ohrläppchen. Seine Mutter schien nichts zu bemerken, doch als er am Spiegel vorbeiging, konnte er den kleinen Kobold genau sehen. Unverschämterweise zeigte dieser ihm nun auch noch den Mittelfinger. Unglaublich.


    Seine Geschwister begrüßten ihn verhalten. Kein Wunder. Letztes Weihnachten hatte es einen Eklat gegeben, als er ihnen endlich einmal gesagt hatte, was er von ihnen hielt (alles Loser!) und seitdem hatten sie sich nicht mehr getroffen. Nur seine Mutter wollte nicht akzeptieren, daß sie keinen Kontakt mehr miteinander pflegten und nur auf ihr Bestreben waren sie heute alle hier, obwohl sie vermutlich allesamt lieber ganz woanders gewesen wären.


    Waldemar zupfte ihn am Ohr. „Hör zu, Du hast heute die einmalige Chance, alles wieder gut zu machen, was Du letztes Jahr kaputt gemacht hast. Verkack es nicht! Deine Eltern sind alt und haben nicht mehr viele Freunde. Ihr seid alles, was sie haben! Sie haben Dir Dein Studium finanziert und Du bist nur dank ihnen was geworden. Sie haben nicht verdient, so ein Arschloch wie Dich zum Sohn zu haben, also reiß Dich am Riemen. Ich werde Dich jedes Mal, wenn Du Dich danebenbenimmst, bestrafen. Also nutze besser Deine Chance und zeig, daß Du ein guter Mensch sein kannst!“


    Da Dietmar sowohl das Bein als auch das Ohr ziemlich weh taten (war er eigentlich gegen Tetanus geimpft? Oder war das bereits ein Fall von Tollwut?), hielt er sich lieber zurück, um keine weiteren Attacken dieses miesen, kleinen, grünen Monsters zu provozieren.


    So konnte also seine Schwester endlich einmal ohne Unterbrechungen von ihrem Jahr erzählen. Sie hatte sich von ihrem Mann – den er für ein Großmaul hielt – getrennt, weil dieser begonnen hatte, sie schlecht zu behandeln und zu schlagen. Auch jetzt, ein halbes Jahr nach der Trennung, stellte er ihr noch nach und machte sie überall schlecht. Er war entsetzt. Obwohl er seine Schwester für naiv und lebensunfähig hielt, hatte niemand das Recht, Hand an sie zu legen oder ihr übel mitzuspielen. Er nahm sich vor, seinem nichtsnutzigen Exschwager einen Besuch abzustatten und spürte, wie Waldemar ihm anerkennend auf die Schulter klopfte. Konnte dieser widerliche kleine Wicht jetzt auch noch Gedanken lesen?


    Als seine Mutter das Essen auftrug, bemerkte er, wie liebevoll sie den Tisch gedeckt hatte. Natürlich war alles ganz furchtbar kitschig und überhaupt nicht sein Geschmack. Aber er erkannte die Mühen dahinter und kommentierte die Engelschar und die Herde Rentiere auf der Anrichte diesmal nicht weiter. Als er das Essen lobte – was ein klein wenig übertrieben war, da das Fleisch ein wenig zu fest und die Klöße dafür zu weich waren – strahlte seine Mutter. Erstaunt bemerkte er, wie sehr sich ihr Gesicht dadurch änderte. Mit dem Lächeln im Gesicht sah sie gleich 10 Jahre jünger aus. Beschämt bemerkte er, wie einfach es doch war, anderen ein Lächeln zu bescheren. Waldemar saß währenddessen zufrieden auf seiner Schulter und wippte mit den Füßen im Takt der Weihnachtsmusik, die im Radio lief.


    Nach dem Essen berichtete Henner, sein kleiner Bruder, wie er aus seiner Firma hinaus gemobbt worden war und daß er nun arbeitslos war. Sofort wollte Dietmar ihn mit „Hättest Du doch ...“ belehren, doch Waldemar zog ihn so heftig an der Nase, daß ihm die Tränen kamen. Henner erblickte erstaunt die Tränen im Gesicht seines Bruders. Dietmar besann sich eines Besseren und beendete den Satz mit „... eher was gesagt“. Und erstaunlicherweise meinte er es in diesem Moment auch so. Er hätte seinem Bruder helfen können. Doch was sprach eigentlich dagegen, dies eben nun zu tun? Er hatte Kontakte und einer seiner Kunden hatte immer mal wieder vakante Stellen frei.


    Ihm fiel auf, daß sein Vater beim Essen zittrige Hände hatte. War das letztes Jahr auch schon so gewesen? Parkinson, wurde ihm unaufgefordert erklärt. Dietmar grübelte. Er hatte sich nie groß um seine Eltern gekümmert, sie waren eben einfach immer ganz selbstverständlich da. Doch nun fiel ihm auf, wie alt die beiden geworden waren und wie groß ihr Haus doch für nur zwei Personen war. Er nahm sich vor, sich um eine Haushaltshilfe zu kümmen. Er konnte sich das im Gegensatz zu seinen Geschwistern leisten und die Eltern mußten nicht mehr alles alleine stemmen. Waldemar gurrte ihm zufrieden ins Ohr.


    Dann wurde er aufgefordert, doch von sich zu erzählen. Zuerst wollte er die üblichen Lobeshymnen auf sich selbst und sein erfolgreiches Jahr singen, doch Waldemar hielt ihm energisch den Mund zu, so daß er nur ein „Mmmh...“ herausbrachte. „Mmmmh, das Jahr war so wie die letzten Jahre vorher auch“ … mehr Lobhudelei durfte er nicht sagen. Doch anstatt ihm Beifall zu zollen, zogen alle lange Gesichter. „Wie lange soll das denn noch so weitergehen? Du hast doch gar kein Leben mehr, immer ist die Firma an erster Stelle! Du hast doch gar keine Zeit für Hobbies! Du Armer!“


    So hatte er das noch gar nicht gesehen. Sicher, die Arbeit machte Spaß. Aber an seinen letzten Urlaub konnte er sich gar nicht mehr erinnern. Und Lesen, Wandern, Konzerte, Theater... dafür hatte er schon lange keine Zeit mehr gehabt! Waldemar schlug ihm ins Gesicht... „Du Idiot! Du hast doch auch nur ein Leben! Nutze es!“ zischte er ihm ins Ohr.


    Nicht lange danach verabschiedeten sie sich nach voneinander. Zuhause ließ Dietmar den Abend bei ein paar Gläschen Whiskey Revue passieren. Auch Waldemar hatte sich einen Fingerhut voll einschenken lassen. Der Abend war ganz anders gewesen als sonst... entspannter und auch schöner ... doch warum?


    „Weil Du Idiot nicht nur den ganzen Abend um Dich gekreiselt bist wie sonst, sondern endlich einmal den andern zugehört hast! Und weil Du Dich endlich mal wie ein Mensch benommen hast und nicht wie ein Arsch!“ nölte der kleine grüne Klugscheißer auf seiner Schulter. Wurde Zeit, daß er den endlich loswurde... Doch Waldemar blieb auch nach dem 3. Whiskey an seiner Seite und nach dem 5. sah er ihn sogar doppelt. Zeit, ins Bett zu gehen.


    Als er am nächsten Morgen ziemlich verkatert aufwachte, war er fest davon überzeugt, Waldemar wäre nur ein übler Traum gewesen. Doch in seinem Hosenbein waren winzige Löcher... und neben seinem guten Whiskeyschwenker stand ein kleiner Fingerhut...

  • Der 5. Dezember von Marlowe



    Kasimir und die Eisvögel


    Viele Menschen haben in ihren Wohnungen oder Häusern Mitbewohner, von denen sie oftmals gar nichts wissen. Nein, keine Mäuse oder Spinnen, Fliegen oder Ameisen. Nein, ich rede von einen Wichtel.


    Manche Wichtel sind sehr schweigsam und leise. Sie sprechen nicht mit den Menschen und erledigen alles ganz heimlich. Egal ob sie uns eine Freude machen oder einen Streich spielen. Aber es gibt auch einige, die sind nicht so scheu. Und genau so ein Wichtel wohnt bei mir.


    Er heißt Kasimir und ich hätte ihn nicht entdeckt, wenn ich meine Möbel vor einiger Zeit nicht umgestellt hätte. Ich hatte die Kommode an der einen Seite mehr in die Mitte gerückt und sah plötzlich eine kleine Tür, mit einem Fensterchen darin und davor eine kleine Leiter die zu dieser Türe über der Bodenleiste führte.


    „Das ist ja ein Ding,“ murmelte ich, kniete mich hin und versuchte, die kleine Türe zu öffnen. Aber bevor ich sie wahrscheinlich aus Versehen herausgerissen hätte, wurde das Türchen von innen aufgerissen und da stand ein momentan sehr verschlafen aussehender, langbärtiger und sehr zorniger kleiner Wichtel vor mir und funkelte mich mit seinen kleinen Äuglein unter der roten Wichtelmütze an. „Ja also wirklich, was soll denn das,“ rief er und drohte mir mit seiner kleinen Faust. „Dieses Gepolter und dieser Krach, ich brauche auch meine Ruhe und meinen Schlaf!“ Rief das und schlug mir die Türe vor meiner Nase wieder zu.


    Das war ja wirklich ein tolles Ding, stellte ich für mich fest. Ich hatte gedacht, die Kinder vom Vormieter hätten das da hin gemalt, aber nein, es war echt. Ich hatte tatsächlich einen richtigen, lebenden Wichtel in meiner Wohnung. Jetzt wusste ich, wer mir immer wieder meinen Sachen auf dem Schreibtisch herum rückte, das ich sie nicht mehr da fand, wo ich sie hingelegt hatte. Oder auch der Salzstreuer, mit dem ich mehr als einmal meine Suppen versalzen hatte, weil er nicht richtig fest verschraubt war, hatte nun eine Erklärung gefunden.

    „So nicht,“ sagte ich laut und klopfte vorsichtig an die Wichteltür. Langsam ging die Türe auf. „Lass uns mal miteinander reden,“ sagte ich schnell, bevor er es sich anders überlegte. Da stand er nun wieder vor mir, aber nicht mehr so wütend wie vorher. „Schon gut,“ meinte er. „Entschuldige mein Schimpfen, ich habe es nicht so gemeint. Ich heiße übrigens Kasimir und bin mit Dir zusammen hier eingezogen.“


    „Aha,“ sagte ich. „ Und wo hast Du vorher gewohnt,“ fragte ich ihn dann. „Beim Weihnachtsmann, am Nordpol, aber der meinte dann, es wäre mal Zeit für mich, woanders zu wohnen, für eine kleine Weile sozusagen.“


    Das kam mir komisch vor. „Wieso für eine kleine Weile, ist das üblich für einen Wichtel vom Nordpol?“


    Ich hatte es mir vor der Wichteltür bequem gemacht, stützte mich auf ein Sofakissen und sah ihn fragend an. Er war plötzlich sehr verlegen. „Naja, weißt Du, ich habe den Weihnachtsmann verärgert und da hat er mich verbannt, aus dem Weihnachtsland direkt hierher.“


    „Und was hast Du angestellt, dass Du gleich verbannt wurdest? Das interessierte mich jetzt schon sehr.“


    Kasimir setzte auf die Türschwelle seiner kleinen Türe, ließ die Beinchen baumeln und erzählte:„ Das war so, der Weihnachtsmann hat ein Hobby. Die Trolle müssen ihm ab und zu einen Eisblock heranschaffen und dann schnitzt er daraus einen Eisvogel. Er kann das sehr gut und diese Eisvögel sind wirklich wunderschön. Und eines Tages, er war unterwegs um Geschenkpapier einzukaufen, da kam eine Fee zu Besuch. Ich sollte mich um die Fee kümmern, bis der Weihnachtsmann wieder zurück war und wir spielten ein wenig miteinander und dann zeigte ich ihr die wunderschönen Eisvögel. Sie war total begeistert und als es Zeit für einen Tee wurde, bedankte sie sich bei mir und schenkte mir einen Wunsch, der in Erfüllung geht.


    Also wünschte ich mir, dass die Eisvögel fliegen könnten. Ich dachte, der Weihnachtsmann würde sich auch darüber freuen. Sie erfüllte mir den Wunsch, die Eisvögel wurden lebendig, begannen sich zu putzen, breiteten dann ihre Flügel aus und schwupps, flogen sie in einem Schwarm los und kreisten am Polarhimmel herum. Es war wunderschön anzusehen, sie glitzerten und strahlten funkelnd und blinkend.


    Es war so schön. Ich konnte mich gar nicht beruhigen, so sch nicht mehr, denn der kam mit seinem Transportschlitten herangesaust und flog mitten in die Eisvögelschar. Die waren so erschreckt, dass sie immer höher flogen und dadurch kamen sie leider der Sonne zu nahe. Du kannst Dir denken was dann passierte, sie schmolzen und kamen als Schneeflöckchen wieder zurück.


    Der Transportschlitten kippte bei der Landung um und das ganze Geschenkpapier flog durch die Gegend. Das war dann nicht mehr lustig. Erst musste ich alleine alle Papierrollen einsammeln und dann wurde ich vor allen Wichteln, Trollen und Elfen verwarnt und verbannt, weil ich dauernd so einen Unsinn gemacht habe. Sagte jedenfalls der Weihnachtsmann, dabei habe ich es doch immer nur gut gemeint.“


    Er blickte mich traurig an. „Deshalb bin jetzt hier und warte auf die Nachricht, dass ich wieder zurück darf.“ Er seufzte tief. „Aber ich glaube, das dauert noch was, der Weihnachtsmann war schon sehr sauer!“

    Tja, so war das mit Kasimir. Mein Wichtel wohnt jetzt solange bei mir, bis er wieder ins Weihnachtsland darf. Er darf aber gerne noch lange bleiben, denn er weiß viel zu erzählen. Und vielleicht erzähle ich Euch dann diese Geschichten, dann haben wir alle was davon.

  • Der 6. Dezember von Batcat



    „GINGERBREAD MAN“


    Eigentlich war Elke eine tolle Frau. Warum sie immer noch Single war, verstand keine ihrer Freundinnen. Deswegen schenkten sie ihr auf der alljährlichen Weihnachtsfeier ihrer Mädelsgang, die traditionell am ersten Advent stattfand, eine „ganz besondere“ Backform, wie sie ihr kichernd erklärten. Damit sollte es ihr möglich sein, sich endlich den richtigen Mann zu backen, wenn es so schon keinen Mann für sie „auf dem Markt“ gab.


    Elke wußte nicht, ob sie lachen oder entsetzt sein sollte: Die Silikonform war riesig und eindeutig einem sehr muskulösen nackten Mann nachgebildet, der in jeder (ja, wirklich jeder…) Hinsicht ordentlich bestückt war.


    Unter viel Gekreisch und noch mehr Alkohol wechselte die Backform, von Frau zu Frau. Unter dem Einfluß sehr hochprozentiger Spirituosen hauchten sie ihr alle möglichen Eigenschaften und Wünsche zu, die sie sich selbst allesamt von den Männern wünschen würden: er sollte gut aussehen, gut und gerne kochen, im Haushalt mithelfen, nicht ständig Widerworte geben, ein guter Zuhörer und selbstverständlich auch eine Granate im Bett sein … und noch viel mehr andere Dinge.


    Elke verstand sich zwar selbst nicht – das mußten noch Nachwirkungen von dem vielen Alkohol sein – aber schon am nächsten Tag zog sie die Backform aus dem Mülleimer hervor, in die sie sie nachts bereits versenkt hatte und sah sie grübelnd an. Und wenn es doch funktionierte?


    Lange suchte sie nach einem passenden Rezept und wurde endlich mit einem Gewürzkuchen fündig. Denn so wie der Kuchen, so sollte auch der Kerl sein, da war sie sich sicher. Und so rührte sie beherzt Schokolade, Zimt, Rotwein, aber auch einen Hauch von Chili (für die Schärfe, hihi, dachte sie sich dabei) unter den Teig und stellte die Form in den Ofen. Nach einer Stunde war ihr Werk fertig und sie bestrich das Werk zufrieden mit Glasur. Schmunzelnd ließ sie den Kuchen auskühlen.


    Am nächsten Morgen verschlief Elke das erste Mal seit Jahren und hatte zu tun, halbwegs pünktlich zu einem wichtigen Termin ins Büro zu kommen. Den Kuchen hatte sie vollkommen vergessen.


    Als sie heimkam, erschrak sie zu Tode. Auf dem Flur lagen Rosenblätter, in der ganzen Wohnung war dezentes Kerzenlicht und aus dem Wohnzimmer war leise Musik zu hören. Einbrecher! War ihr erster Gedanke. Da trat ein Mann aus der Küche. Ihr erster Impuls war: Schreien, wegrennen, Polizei rufen. Oder umgekehrt?


    Der Mann hatte einen milchkaffeefarbenen Teint, seine langen schwarzen Haare waren zu einem Zopf zusammengebunden. Er war ausgesprochen gut gebaut und außer einer ihrer Schürzen trug er … nichts. In der Hand hielt er ein Rotweinglas… Das war der Moment, in dem Elke einfach umkippte.


    Als sie die Augen wieder aufschlug, lag sie auf ihrer Couch, sorgfältig in eine Decke gewickelt und neben ihr stand eine Tasse dampfenden Tees. Das kann nur ein Traum gewesen sein, ganz eindeutig.


    Doch woher kam das Staubsaugergeräusch? Sie lugte in den Gang. Es war doch kein Traum. Derselbe Kerl, der ihr die Türe aufgemacht hatte, drehte im Gang seine Runden mit dem Staubsauger. Von hinten sah er eigentlich auch ganz lecker aus. Und wer die Bude staubsaugt, will sie bestimmt auch nicht umbringen. Elke fasste Mut und pirschte sich an: „Wer sind Sie und was machen Sie hier?“


    Der Typ drehte sich um. Gott, von Nahem sah er noch viel besser aus. Mit einer Stimme, die an zartschmelzende Schokolade erinnerte, antwortete er: „Ich bin es. Der Mann, den DU Dir gewünscht und gebacken hast. Ich bin die Erfüllung Deiner Wünsche und stets für Dich da. Sag nur, was Du brauchst…“


    Elke war fassungslos. Aber auch… begeistert. Also, gut sah er schon aus. Und wenn sie mal ganz ehrlich zu sich selbst war: so sauber sah auch ihre Wohnung schon lange nicht mehr aus. Also, was hatte sie zu verlieren? Sie konnte genau so gut diesen Kerl mal ausprobieren. Vor die Türe setzen ging immer noch.


    Während er das Abendessen kochte, legte sie sich mit einem Buch aufs Sofa. Schon bald roch es vorzüglich aus der Küche. Das Abendessen servierte er – immer noch nur mit dem neckischen Schürzchen bekleidet – im Wohnzimmer. Selten hatte ihr ein Essen so gemundet wie dieses, sie langte ordentlich zu. Danach schlurfte sie ermattet auf die Couch, Zeit für ihre Lieblingsserie. Doch Angelo, wie sie diesen Engel in Menschengestalt insgeheim nannte, hatte andere Pläne für sie.


    Immer wieder suchte er das Gespräch mit ihr und massierte dabei ununterbrochen ihre Füsse. Netflix & Chill - wie sonst üblich - war heute also nicht drin. Schade, das hätte sie nach dem anstrengenden Tag und dem üppigen Essen eigentlich nötig gehabt. Doch das war noch nicht alles, denn als sie zu Bett gehen wollte, nahm er sie an der Hand und zog sie sanft hinter sich her in ihr Schlafzimmer. Nun, was er dort alles mit ihr anstellte, hielt sie noch geraume Zeit wach, was sie zwar sehr genoß nach der langen abstinenten Zeit, doch sie wußte auch, sie würde am nächsten Tag für ihren Schlafmangel büßen. Und so war es auch.


    Und so war es auch die nächsten Wochen: Tags hielt das Büro sie auf Trab und abends Angelo. Zwar war ihre Wohnung stets tipptopp geputzt und blinkte, sie bekam eine Lunchbox mit ins Büro und jeden Abend ein fulminantes Dinner vorgesetzt, doch Angelo strengte sie auch an: Abschalten war nicht mehr möglich, er forderte ihre ganze Aufmerksamkeit ein. TV, Surfen… keine Chance. Als sie abends einmal mit den Kolleginnen auf einen Absacker zur Happy Hour in die Lieblingsbar entschwand und erst später heimkam, sah er sie an wie ein geprügelter kleiner Welpe und nahm ihr beinahe weinend das Versprechen ab, nicht einfach wieder so spät zu kommen. Und auch die aufregenden, aber anstrengenden Nächte forderten ihren Tribut: schlecht sah sie aus, mit tiefen Augenringen und immer fahriger und ungeduldiger werdend. Dabei hatte sie doch jetzt alles, was sie sich schon immer gewünscht hatte. Oder etwa nicht?


    Elke sprach ein ernstes Wort mit Angelo. Doch es veränderte sich nichts. Nach zwei Wochen war sie am Ende. Er drückte ihr jede Luft zum Atmen ab. Sie forderte ihn auf, bis zu ihrer abendlichen Heimkehr das Haus verlassen zu haben. Doch es war wie immer: als sie heimkam, stand er in ihrer Schürze am Herd und kochte. Hatte er überhaupt irgendein anderes Kleidungsstück als diese Schürze? Sie kannte ihn nur mit ihr – oder ganz nackt.


    Elke wurde zunehmends verzweifelter. Wie konnte sie ihn nur loswerden? Liebe war ja gut und schön, aber sie fühlte sich so von ihm vereinnahmt, daß sie lieber weiter alleine bleiben würde, als sich für eine Beziehung so aufzugeben und zu verbiegen.


    Als er auch diese Nacht wieder begann, sich ihr zu nähern, war sie so gereizt, daß sie ihm in den Finger biß. Sie brauchte Schlaf und nicht schon wieder Sex! Entsetzt spürte sie, daß sie ihm die Fingerspitze abgebissen hatte. Doch in ihrem Mund schmeckte sie nicht den Geschmack von Blut, sondern von … Schokolade. Angelo hingegen schien nichts gemerkt zu haben und machte sich unbeirrt ans Werk.


    Während er an ihr zugange war, reifte in ihrem Hirn eine absolut krude Idee. Sie hatte ihn gebacken. Was, wenn er kein Mensch aus Fleisch und Blut war? Sie wußte nicht, woher er kam und außer ihr hatte ihn keiner je gesehen, da er sich hartnäckig geweigert hatte, ihre Wohnung zu verlassen.


    Als Angelo endlich schlief, schritt sie zur Tat. Vorsichtig griff sie sich eine seiner Hände und begann daran zu knabbern. Es war tatsächlich so wie gedacht. Der Mann bestand aus Schokolade, Zucker und anderen Ingredienzien, aber nicht aus Fleisch und Blut. Er reagierte auch nicht, als sie sich den Arm hinauf futterte. Warum war ihr vorher eigentlich nie aufgefallen, daß er gar nicht atmete?


    Elke hatte schwer zu kämpfen, aber da mußte sie durch. Sie wußte schließlich nicht, was passieren würde, wenn sie den halb aufgegessenen Stutenkerl bis zum nächsten Morgen liegen lassen würde. Mehrfach schlich sie sich ins Bad, um sich zu übergeben… und zur Bar, um sich ordentlich Schnaps einzukippen, doch zum Morgengrauen hatte sie es geschafft und Angelo war weg. Herzhaft rülpste sie und ließ sich ebenso volltrunken wie vollgefressen ins Bett fallen, wo sie sofort in einem komaähnlichen Schlaf versank.


    Sie wurde erst wach, als ein Stimmengewirr an ihren Kopf drang: „Elke, wach auf!“ „Ich habe doch gewußt, daß wir lieber nachschauen sollten, ob es ihr gut geht! Wir haben wohl doch ganz schön gesoffen gestern auf unserer Weihnachtsfeier“ Ihre Freundinnen stellten sie auf die Beine und während sie versuchte, mit einer kalten Dusche einen klaren Kopf zu bekommen, kochten die Mädels starken Kaffee für sie.


    Entrüstet zogen sie die Backform aus dem Müll. „Also, wir hätten jetzt ja schon erwartet, daß Du uns zumindest mal aus Jux einen Kuchen darin bäckst“, schimpften sie mir ihr, worauf Elke sofort panisch „NEIN!“ ausrief.

  • Der 7. Dezember von breumel



    Nächtlicher Besuch


    "Tschüss Mama!"

    "Tschüss Mäuschen. Wo wollt ihr denn eigentlich hin?"

    "Erst auf den Weihnachtsmarkt und dann mal sehen. Du musst auch nicht wachbleiben, kann später werden. Ich bin ja schon 18!"

    'Ja, genau – seit vorgestern…' Sie kann sich gerade noch davon abhalten, die Augen zu verdrehen. Der dritte Dezember ist ganze zwei Tage her. "Na dann, viel Spaß! Vergiß den Schlüssel nicht. Und falls etwas sein sollte, ruf an."

    Clara tut sich keinen derartigen Zwang an. Ihre Augen berühren fast die Augenbrauen. "Mama, da ist nichts! Wir sind doch zu viert!"

    "Nimm wenigstens mein Pfefferspray mit.", sagt sie und zieht das kleine Döschen aus der Handtasche. Sie weiß genau, dass Clara es nur einsteckt, um ihre Ruhe zu haben.

    "Jetzt muss ich aber los. Bis morgen!" Mit einem Kuss auf die Wange verabschiedet sich ihre Tochter und die Haustür fällt ins Schloss.


    Auf zum gemütlichen Fernsehabend! Sie macht es sich mit einer Schachtel After Eight und einer Kanne Tee auf dem Sofa bequem. Lustlos zappt sie durch die Kanäle – nichts ist es wert, länger zuzusehen. Auf Netflix hat sie auch keine Lust, also stöbert sie durch den Stapel ungelesener Bücher und greift eines heraus. Bald schon ist sie gefangen zwischen Liebe, Missgunst und mörderischen Intrigen…

    Um 23 Uhr stellt sie fest, dass sie trotz dreimal lesen immer noch nicht weiß, was im letzten Absatz stand. Zeit, schlafen zu gehen. Zähne putzen, Haare bürsten, umziehen, und dann ab ins warme Bett.

    Aber sie kann nicht einschlafen. Sie ist es einfach nicht gewohnt, dass Clara nicht im Haus ist. Zumindest nicht, ohne dass sie weiß, dass ihre Tochter bei einer Freundin übernachtet oder bei ihrem Vater ist. Unruhig dreht sie sich von einer Seite auf die andere und findet keinen Schlaf.


    Da! Das war doch ein Geräusch! Ihr Blick fällt auf die Leuchtanzeige ihres Weckers. Mitternacht? Ganz schon früh für "kann später werden"… Aber sie hat sowieso noch Durst, da kann sie Clara auch noch gute Nacht sagen.

    Schläfrig tapert sie Richtung Küche. Komisch, kein Licht zu sehen – ob Clara die nicht ganz geschlossene Schlafzimmertür bemerkt hat und sie nicht stören wollte? Sie will gerade die Küchentür öffnen, da registriert sie aus dem Augenwinkel eine Bewegung im Wohnzimmer. Für den Kater ist die Gestalt zu groß, es kann nur ihre Tochter sein. Doch als sie ins Wohnzimmer tritt, erstarrt sie: Da steht ein Mann vor dem Kamin!


    Ein leiser Schrei entfährt ihr. Spontan will sie zur Garderobe laufen und ihr Pfefferspray holen, aber das hat ja jetzt Clara. Ein Küchenmesser! Sie rennt in die Küche, zieht das Filetiermesser aus dem Messerblock und hält es vor sich. "Kommen sie mir nicht zu nahe! Was machen sie in meiner Wohnung? Raus hier!"

    Der Mann sieht sie nicht minder erschrocken an. Wie sieht der überhaupt aus? Ob das ein Schausteller vom Weihnachtsmarkt ist? Ein komischer weißer Kittel mit rotem Umhang, Rauschebart und merkwürdige Kopfbedeckung – so läuft doch kein gewöhnlicher Einbrecher herum?

    "Verflixt nochmal, was ist denn jetzt wieder schiefgelaufen!", poltert der Mann los. "Sie sollten tief und fest schlafen!"

    "Das hätten sie wohl gerne! Das hier ist mein Haus, sie haben hier nicht zu suchen! Wie sind sie überhaupt hereingekommen?"

    "Durch den Kamin, wie denn sonst!"

    Ungläubig schaut sie auf seine nicht gerade magere Figur. Aber selbst wenn er schlank wie Karl Valentin gewesen wäre, durch den Kamin kommt kein Mensch hindurch.

    "Klar doch! Sie kommen durch den Kamin und ich bin der Weihnachtsmann…"

    "Der Nordpolbewohner, der dem Christkind Konkurrenz macht? Ich muss doch sehr bitten! Der hat noch ein paar Tage Zeit, bevor er Dienst hat. Vermutlich muss er noch jede Menge Last-Minute-Wünsche regeln. Und die Klimaerwärmung macht es ihm auch nicht leichter! Danke, ich bin mit Stiefelfüllen und den kleineren Wünschen bedient. Mir reicht es, wenn ich für die Niederländer den großen Job übernehmen muss, aber damit bin ich heute schon durch."

    "Sie wollen also wirklich behaupten, sie sind der Nikolaus? Und wie füllen sie dann Millionen von Stiefeln in nur einer Nacht?"

    "Dienstgeheimnis. Aber von Rechts wegen müssten sie schlafen. Wenigstens klappt das mit dem Zeit anhalten."

    Sie will gerade etwas sagen, da fällt ihr Blick auf die Wanduhr. Immer noch Mitternacht? Und die Anzeige auf der Wetterstation, welche immerhin eine Funkuhr ist, zeigt das gleiche. Das kann doch nicht sein, sie ist sich sicher, dass sie vor circa zehn Minuten aus dem Bett gestiegen ist!

    "Da haben die Sandmänner ganz schön Mist gebaut. Hier wohnt doch ein Kind, oder?"

    "Na ja, nicht so ganz. Clara ist vor zwei Tagen volljährig geworden."

    "Verd... Dann haben die Sandmänner die aktualisierte Liste bekommen, nur ich nicht! Deshalb sind sie wach und ich bin hier!"

    "Also kommen sie zu jedem Kind und die Bewohner des Hauses werden eingeschläfert? Also nicht eingeschläfert, aber sowas wie betäubt?"

    "Im Prinzip schon. Der Haushalt schläft und ich kann unbemerkt die Stiefel der Kinder füllen."

    "Und was machen wir jetzt?"

    "Ich verlasse das Haus durch die Vordertür und sie schlafen weiter."

    "O-kay." Sie geht ein paar Schritte rückwärts – so ganz traut sie der Situation noch nicht. Der Mann – der Nikolaus, verbessert sie sich in Gedanken – geht zur Wohnungstür, dreht den Schlüssel und lässt sich selbst hinaus. Dann schließt er die Tür und sie schließt hinter ihm ab.

    Noch ganz verwirrt geht sie in die Küche, trinkt ein Glas Wasser und kehrt schließlich zurück in ihr Bett. Ein Blick auf den Wecker zeigt fünf Minuten nach Mitternacht. Kurze Zeit später schläft sie tief und fest und wird auch nicht wach, als Clara zurückkehrt.


    Am nächsten Morgen wundert sie sich über den wirren Traum – was für ein hanebüchener Unsinn! Sie geht zu Claras Zimmer und will gerade hineinsehen, um sich zu überzeugen, dass ihre Tochter in ihrem Bett liegt, da fällt ihr Blick auf den Boden vor der Zimmertür: Ein mit Nüssen, Mandarinen und Schokolade gefüllter Stiefel steht dort. Und auch vor ihrem eigenen Zimmer steht einer ihrer Stiefel und ist gut bestückt. Ein handgeschriebener Zettel steckt dazwischen: "Bitte entschuldigen Sie die nächtliche Störung"

  • Der 8. Dezember von SiCollier



    „Heut’ ist der schönste Tag in meinem Leben“ oder wer kennt noch Joseph Schmidt?



    Ein Lied ging um die Welt*, bevor ein Stern fiel** und für immer verstummte. Aber wer kennt heute noch Joseph Schmidt?


    Es kam, wie es kommen mußte. Das Verbringen des Wohnzimmerteppichs ins angrenzende Eßzimmer artete in Arbeit aus. Wenn schon - denn schon. Also wurde die Stereoanlage samt DVD-Spieler, nachdem die in der Nähe stehenden Regale weggeräumt und somit frei zugänglich waren, herausgenommen und gegen die geerbte „Reserveanlage“ ausgetauscht, da selbige von besserer Qualität ist. Um jedoch daran zu kommen, mußten zuvor aus den erwähnten Regalen deutliche Mengen an Büchern und auch Schallplatten entfernt werden. Wie es so geht, blieb es nicht beim einfachen Ausräumen; der Blick fiel hierhin, fiel dorthin, so mancher längst vergessene Schatz fand den Weg ans Tageslicht und zurück ins Bewußtsein. Erinnerungen fingen an zu fluten, lange vergangene Jahre und Abende bahnten sich den Weg aus dem Vergessen zurück ins Gedächtnis, als ob es erst gestern gewesen wäre. Begleitet von einem Ohrwurm, der schon (viel zu lange) geschwiegen hatte.



    Heut ist der schönste Tag in meinem Leben.

    Ich fühl zum ersten Mal, ich bin verliebt. ...



    Lange, sehr lange ist es her, ich war noch ein Kind, als dieses Lied regelmäßig im Radio zu hören war. Mittwochs im Wunschkonzert des damaligen SWF wurde es nach meiner Erinnerung fast jede Woche gespielt. Oder auch



    Ein Lied geht um die Welt,

    ein Lied, das euch gefällt. ...



    Beide vom damals noch nicht vergessenen Joseph Schmidt. Aber wer kennt ihn heute noch, einige Jahrzehnte später, in der Informationsflut erstickt, und über fünfundsiebzig Jahre nach seinem tragischen Tod?



    Oder David Oistrach. Kyrillische Schrift. Weitere Erinnerungen. JPC - Importe aus der UdSSR - mit Postkarte bestellen - tagelang warten, ob das Ersehnte kommt oder nicht: die Planwirtschaft konnte die immense Nachfrage nicht decken. Heute alles undenkbar. Denn weder konnte man online den Auftragsstatus abfragen, wurden Pakete über Nacht zugestellt noch konnte man sie gar online verfolgen - online gab es noch nicht.



    Jetzt, da sich der Winter nähert - es fielen heute, während ich dies schreibe, sogar die ersten Schneeflocken - und die Adventszeit begonnen hat, kommt mir dieser Text in Erinnerung. Denn wieder einmal ist es Zeit, habe ich vielleicht die Zeit, mich mit den alten Schätzen zu beschäftigen. Und wer weiß, was dieses Mal an Erinnerungen ans Tageslicht kommt. Die Adventsdekoration ist schon weitgehend aus den Kartons hervorgeholt und im Haus verteilt, an manchem Fenster, wie auch in den Nachbarhäusern, erstrahlt des Abends Licht. Wenn dann der Blick auf die wenigen seit Kindheitstagen wie ein Schatz gehüteten Holzfiguren fällt, reisen die Gedanken zurück. In das, was gerne als die „gute alte Zeit“ bezeichnet wird, zu den Abenden mit „Adventsstimmung“, als die Familie um den nur von Kerzen erleuchteten Tisch saß, Plätzchen gegessen und Geschichten vorgelesen wurde, ohne daß jemand dringend die E-Mails checken mußte, denn E-Mails gab es in den Zeiten, da das Telefon nur zum Telefonieren da war und noch eine Wählscheibe hatte (letztens mußte ich meiner Tochter in der Tat erklären, wie eine Wählscheibe eigentlich funktionierte?!), noch nicht. Ich habe damals nie verstanden, weshalb meiner Mutter bei Hans Christian Andersens „Der Tannenbaum“ die Tränen kamen. Heute kommen sie mir, und meine Tochter versteht mich nicht. So ist wohl der Lauf der Welt.



    War nun dieser „schönste Tag in meinem Leben“ schon oder kommt er erst noch? Und woran erkenne ich diesen überhaupt?

    Wer vermag solches schon zu beurteilen vor jenem letzten Tag, der unweigerlich einmal anbrechen wird. Bis dahin gibt es hoffentlich noch viele „schönste Tage“. Die dunklen Dezemberabende laden ein, darüber nachzudenken und die schönen Tage Revue passieren zu lassen. Man müßte sich „nur“ die Zeit dazu nehmen. Das war früher sicherlich einfacher und leichter als heute. War das doch die „gute alte Zeit“?



    * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *


    Anmerkungen:

    * = „Ein Lied geht um die Welt“ - wohl bekanntestes Lied von Joseph Schmidt (1904 - 1942)

    ** = Ein Stern fällt... Inschrift auf seinem Grabstein

  • Der 9. Dezember von belladonna



    Der Geist der Weihnacht



    Uffz! Stöhnend sank ich auf meine Couch. Diese opulenten Weihnachtsessen bei meinen Eltern waren einfach nichts mehr für mich. Fetter Gänsebraten, dazu Klöße und Kraut, und wehe, man nahm keinen Nachschlag! Zu allem Übel hatte mein Bruder dieses Jahr auch noch seine neue Freundin mitgebracht, die Betreiberin eines Back-Blogs war, was zur Folge hatte, dass sie uns mit einer „kleinen Auswahl“ ihrer Weihnachtsbäckerei beglückt hatte. Um nicht unhöflich zu wirken, hatte ich mich also auch noch durch unzählige Plätzchen- und Pralinensorten probiert, bis ich, kurz vor dem Platzen, nur noch erschöpft abwinken konnte, als der bunte Teller das nächste Mal an mir vorbei kam. Bald darauf hatte ich mich verabschiedet und, die mahnenden Worte meiner Mutter im Ohr, am nächsten Tag auf jeden Fall pünktlich zum Reste-Essen da zu sein, den Heimweg angetreten. Die halbe Stunde Fußmarsch nach Hause hatte mir zwar gut getan, doch noch immer verspürte ich ein ungutes Drücken in der Magengegend, wo sich Weihnachtsgebäck, Gans und Klöße einen erbitterten Kampf um den Platz in meinem Verdauungstrakt lieferten.


    Apropos bitter und Verdauung, dachte ich mir, so ein Verdauungsschnäpschen wäre jetzt vielleicht ganz hilfreich! Ich hievte mich wieder hoch und schlurfte zum Wohnzimmerschrank, um die spärlichen Bestände meiner Hausbar zu sichten. Außer ein paar Resten vom letzten Geburtstag war nicht mehr viel vorhanden und ich wollte die Schranktür schon enttäuscht wieder schließen, als mein Blick auf eine kleine Flasche fiel, deren eckige Form und dunkelgrüne Farbe mich entfernt an Magenbitter erinnerten. Anscheinend war sie sogar noch voll, denn als ich sie herausnahm, wog sie erstaunlich schwer in meiner Hand. Das Etikett zeigte allerdings weder Hirschkopf noch Kräuter-Arrangements, sondern ein kleines, feistes Männlein mit einer grünen Zipfelmütze. Daneben stand: „Der Geist der Weihnacht“. Weiter war nichts auf dem Etikett vermerkt, das einen sehr selbstgebastelten Eindruck machte. Vermutlich handelte es sich bei diesem „Geist der Weihnacht“ um einen Tombola-Gewinn einer der letzten Weihnachtsfeiern oder ein Überbleibsel aus einer längst vergessenen Wichtelaktion, denn ich konnte mich auch nicht erinnern, jemals etwas Derartiges gekauft zu haben. Aber egal, mir war immer noch schlecht und ich brauchte etwas Hochprozentiges, also nahm ich die Flasche und ein Glas und kehrte zu meinem Sofa zurück.


    Doch als ich den Deckel öffnete, um mir endlich den ersehnten Verdauungsschnaps einzuschenken, traute ich meinen Augen nicht: statt der erwarteten braunen Flüssigkeit kam nur ein leichter, weißlicher Dampf heraus, der sich immer weiter verdichtete, bis es schließlich „Plopp!“ machte und eine wabernde Wolke über meinem Sofatisch hing, aus der sich schließlich das Männlein mit der grünen Zipfelmütze manifestierte, dessen Bild auf dem Flaschenetikett prangte.


    „Ho ho ho!“, rief es mit erstaunlich tiefer Stimme. „Frohe Weihnachten! Was wünschst du dir?“


    „Äh, Sch-sch-schnaps?“, antwortete ich verdattert. Ich war vollkommen verwirrt – was war denn das? Ich war doch noch gar nicht besoffen!


    „Wie, Schnaps? Mehr nicht?“, fragte das Männlein und sah mich missbilligend an. „Weißt du denn überhaupt, wer ich bin?“


    „Naja“, meinte ich, „ich brauche jetzt wirklich dringend einen Verdauungsschnaps und diese Flasche hier“ – ich deutete auf die vermeintliche Schnapsflasche, der das Männlein entstiegen war- „war meine letzte Hoffnung! Also bitte, wenn es dir nichts ausmacht, dann hätte ich jetzt wirklich gerne einen Schnaps! Und nein, ich weiß nicht, wer du bist!“ Auffordernd sah ich das Männlein an.


    „Also gut“, gab es seufzend nach, „dann eben Schnaps. Aber dann wenigstens was Richtiges und nicht so eine billige Plörre, wie du sie sonst trinkst!“ Es schnippte mit den Fingern und – schwupps! - stand eine schicke Flasche feinsten Haselnuss-Destillats vor mir. Mit einer vornehmen Geste schenkte das Männlein ein und reichte mir mein Glas. Ich nahm einen Schluck und merkte, wie sich umgehend eine wohlige Wärme in mir ausbreitete und der Aufruhr in meinem Magen sich beruhigte.


    „Danke! Da nehme ich doch gleich noch einen!“, rief ich und schenkte nach. „So, und wer bist du jetzt? Und was machst du in dieser Flasche und in meiner Hausbar? Bist du überhaupt echt?“


    „Natürlich bin ich echt!“, entgegnete das Männlein empört. „Ich“, es warf sich stolz in die Brust und wurde noch etwas größer und weniger durchsichtig, „ich heiße Klaus und bin der Geist der Weihnacht! Ich erfülle Wünsche, drei an der Zahl und du hast Zeit bis“, es überlegte kurz, „bis morgen Mittag um 12!“ Klaus sah mich erwartungsvoll an. „Allerdings“, erklärte er dann, „der Schnaps war schon Wunsch Nr. 1, also hast du jetzt noch zwei Wünsche übrig!“


    „Wie, nur noch zwei Wünsche übrig?“ fragte ich. „Ich wusste doch gar nicht…“

    „Papperlapp, das sagen sie alle!“, unterbrach mich Klaus. „Also, was wünschst du dir?“


    „Hmm“, machte ich unsicher und nahm einen weiteren Schluck Haselnuss. Um Zeit zu gewinnen, fragte ich: „Möchtest du vielleicht auch einen Schnaps? Weil Weihnachten ist?“


    „Nein danke“, erwiderte das Männlein. „Ich trinke keinen Alkohol, zu gefährlich! Wenn ich zu nahe an eine Kerzenflamme komme, könnte ich explodieren, puff und weg! Das wäre es dann mit den Weihnachtswünschen – wäre doch schade, oder?“


    „Ok, da ist was dran“, meinte ich, leerte mein Glas und überlegte weiter. Ich sah mich in meinem Wohnzimmer um, an dem die ganze Adventszeit einschließlich Heiligabend spurlos vorübergegangen war. „Ich weiß was!“, rief ich. „Wenn ich schon mal den Geist der Weihnacht zu Besuch habe, dann wünsche ich mir auch ein bisschen Weihnachtsstimmung! Kannst du das?“


    „Natürlich kann ich das!“, entgegnete Klaus fast schon ein wenig beleidigt. „Aber Weihnachtsstimmung? Ernsthaft? Das wünschst du dir?“


    „Das wünsche ich mir! Mit allem Pipapo, Baum, Kerzenlicht, Musik, die volle Dröhnung!“ Beflügelt von mittlerweile vier- oder waren es sogar schon fünf? - Gläsern Haselnuss-Schnaps fand ich meine Idee einfach nur genial.


    „Na gut, wie du willst!“, meinte Klaus gedehnt, schnippte wieder mit den Fingern, und – puff!- saßen wir mitten im Weihnachtswunderland. In der Ecke stand ein prachtvoll geschmückter Baum im vollen Lichterglanz, darunter eine Krippe aus Holz mit einer Unmenge Figuren drum herum. Über der Tür, an Schrank und Regal sowie über dem Fenster hingen weihnachtliche Girlanden, meinen Sofatisch zierte eine Weihnachtspyramide, deren Flügel sich im Kerzenschein sanft drehten und aus meiner Stereoanlage erklang leise Weihnachtsmusik.


    „Wow!“, machte ich beeindruckt… „Das ist ja echt…“, mir fehlten die Worte, „…mega! Darauf einen Haselnuss!“ Ich prostete Klaus zu. Der sah mich zweifelnd an. „Echt? Mega?“ echote er. „Mehr fällt dir nicht ein?“


    „Na klar! Absssolut mega!“, wiederholte ich und leerte mein Glas. Der Pegel in der Schnapsflasche war schon beträchtlich gesunken – wer hatte das nur alles getrunken? Klaus hatte doch behauptet, keinen Schnaps zu vertragen? War vielleicht die Flasche undicht? Ich war verwirrt. Vom Anblick des sich drehenden Rades der Kerzenpyramide wurde mir nun auch leicht schwindlig und die Wärme der vielen Weihnachtslichter ließ mich zunehmend schläfrig werden.


    „Unn wass machen wir jetz?“, nuschelte ich und kuschelte mich in die Sofaecke.


    „Jetzt“, erwiderte Klaus, „erzähle ich dir noch eine Weihnachts-Gute-Nacht-Geschichte. Die geht nämlich so: Es war einmal vor langer langer Zeit, als die Winter noch Winter waren und Weihnachten noch weiß…“


    Viel mehr bekam ich nicht mehr mit. Der lange Tag, das viele Essen und der gute Haselnuss forderten ihren Tribut. Ich zog mir meine Kuscheldecke fester um die Schultern, murmelte im Wegduseln noch: „Ich wünschte, ich müsste morgen nicht schon wieder zu meinen Eltern!“, und dann war ich auch schon eingeschlafen.


    Als ich am nächsten Morgen aufwachte, steif und durchgefroren, weil im Laufe der Nacht die Decke vom Sofa gerutscht war, war es bereits taghell. Klaus war verschwunden, mitsamt Weihnachtsdekoration und Haselnuss – keine Spur mehr vom Geist der Weihnacht. Ich fragte mich, ob ich vielleicht alles nur geträumt hatte? Aber woher kam dann der bohrende Kopfschmerz, der meinen Schädel zu sprengen drohte? Ich versuchte, trotz Watte im Hirn den vergangenen Abend noch einmal Revue passieren zu lassen, aber irgendwie war alles etwas nebulös. Und was war eigentlich mit meinem dritten Wunsch gewesen? Hatte ich mir überhaupt etwas gewünscht oder hatte der Geist, so er denn überhaupt da gewesen war, mich etwa übers Ohr gehauen?


    Ich schlurfte in die Küche, schaltete die Kaffeemaschine ein und suchte nach den Kopfschmerztabletten. Als ich mit meiner ersten Tasse Kaffee am Küchentisch saß und durchs Fenster in die graue Winterlandschaft hinaussah, klingelte das Telefon. „Hallo Schatz!“ meldete sich meine Mutter mit auffallend müder Stimme. „Es tut mir wirklich leid, aber ich muss unser gemeinsames Mittagessen heute leider absagen…“