Grüße aus Bad Seltsham. Vikki Victorias zweiter Zwischenfall - Gloria Gray

  • Gloria Gray: Grüße aus Bad Seltsham. Vikki Victorias zweiter Zwischenfall. Krimi, München 2022, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3 423 22019 4, Klappenbroschur, 384 Seiten, Format: 12 x 3,5 x 19,2 cm, Buch: EUR 11,95 (D), EUR 12,30 (A), Kindle: EUR 9,99, auch als Hörbuch lieferbar.


    Politisch korrekt war die Künstlerin Vikki Victoria (42 ½) ja noch nie. Tatsächlich ist die attraktive Trans-Frau ziemlich genervt von manchen Entwicklungen, die sie für übertrieben hält. Wieso entscheiden nicht die Betroffenen selbst darüber, was sie als verletzend empfinden, sondern irgendwer? Sie zum Beispiel juckt es wenig, dass Adi Dietz, der Chef des Teleshopping-Senders, für den sie jetzt arbeitet, sie in einem privaten Chat mit dem Kollegen Kreischke als „Quotentranse“ bezeichnet hat. Privat kann jeder meinen, was er mag. Da steht die Vikki drüber.


    Mit einem Sh*tstorm fängt alles an


    Blöd nur, dass Olaf Kreischke diesen privaten Chat ins Internet stellt. Das gibt einen Sh*storm vom Feinsten. Alle Welt regt sich darüber auf – vor allem über Vikki Victoria, die nicht den taktlosen Dietz als Bösewicht sieht, sondern den indiskreten Kreischke. Eine private Nachricht, und sei sie noch so dämlich, hat privat zu bleiben, basta. Dazu steht Vikki auch ganz öffentlich in einer TV-Talkshow. (Das dort talkende Gruselkabinett ist der Brüller. Sie schildert den Verlauf der Sendung aber auch ohne jede Selbstzensur!)


    Als sie am nächsten Arbeitstag in den Sender kommt und mit Olaf Kreischke über die Talkshow reden will, kommt sicherheitshalber ihr guter Kumpel und Ex-Lover Wolf mit – der kultivierte Antiquitätenhändler und Chef der Rockergang „Switch Blades“. Wie’s der Teufel will, finden die beiden „den Olaf“ tot in seinem Büro – brutal ermordet!


    Leichenfund und Mordverdacht


    Obwohl sie alles richtig machen und sofort den Portier und die Polizei alarmieren, geraten sie unter Verdacht. Schließlich ist es ja durch alle Medien gegangen, dass Vikki nicht gut auf Olaf Kreischke zu sprechen war. Aber so wichtig, dass sie wegen dieser geleakten Beleidigung jemanden umgebracht hätte, war der Vikki die Sache doch gar nicht. Sie ist schon vor Jahren zu dem Schluss gekommen, dass es manchmal gescheiter ist, nichts zu unternehmen und eine Sache einfach auf sich beruhen zu lassen. (Wobei sie sich manchmal die Frage stellt, was eigentlich aus den Problemen wird, um die sich keiner schert.)


    Des Mordes verdächtigt zu werden, kann man natürlich nicht schulterzuckend ignorieren. So viel, dass sie Vikki und Wolf dabehalten können, hat die Polizei zum Glück nicht gegen sie in der Hand, und so können die beiden, unterstützt von Vikkis junger Influencer-Nachbarin Kathi und den Switch-Bladern, der Sache selbst nachgehen. Warum war Kollegin Mindy gar so erschüttert über Olafs Tod? Und wieso glaubt sie plötzlich doch, dass Vikki etwas mit dem Mord zu tun hat, obwohl sie einander schon ewig kennen? – Wie erwartet richten die Amateure mit ihren „Ermittlungen“ ein heilloses Chaos an.


    Ein befremdliches Angebot



    So gerne Vikki sich aus allem heraushält: In diesem Fall geht das nicht! Ein paar verlogene Zeugen und unerwartete Querverbindungen später wird ein Tatverdächtiger festgenommen, den niemand auf dem Schirm gehabt hat. Und genau den wollen nun ein paar dubiose Gestalten freipressen, die alles andere als zimperlich sind. Sie nehmen Vikkis Lebensgefährten, den depressiven Kriminalkommissar Pascal Herzberg, als Geisel und verlangen von ihr, ihnen den wahren Mörder Kreischkes frei Haus zu liefern, wenn ihr das Leben ihres Lovers lieb ist. Wie soll, bittschön, eine kriminalistisch nicht vorgebildete Künstlerin das schaffen, was die Polizei nicht hinkriegt? Aber hat sie eine Wahl?


    Die Spur führt nach Bad Seltsham


    Eine Spur führt nach Bad Seltsham, dem Firmensitz von Vikkis Arbeitgeber, und eine andere in die Schweiz. Das Ganze gipfelt in einer haarsträubenden Massenkeilerei zwischen Wolfs Rockergang und einer Fan-Convention der besonderen Art, alles gefilmt von der unerschrockenen Influencerin Kathi. Ja, das ist rohe Gewalt, aber so, wie Vikki dieses „Event“ beschreibt, ist es schlichtweg zum Schreien. Das würde ich ebenso gerne in einem Film sehen wie die Talkshow am Anfang der Geschichte.


    Ja, und wer hat jetzt den Olaf Kreischke umgebracht? Und warum? Wieso liegt die Schwamminger auf einmal in einer Klinik in Basel? Sie hat doch eben noch in ihrer „Biene-Maja“-Wohnung in Bad Seltsham herumgekramt? Ist Vikkis Freund jetzt wieder frei? Und wie geht’s Switch-Blader Knut, bürgerlich Dr. jur. Knut Borchert, dem „Hausjuristen“ der Gang?


    Wer war’s denn jetzt?


    Das alles erzählt uns Vikki im letzten Kapitel, das vier Monate nach den geschilderten Ereignissen spielt. Bei einem „normalen“ Krimi würde mich das stören. Bei den Vikki-Viktoria-„Zwischenfällen“ ist mir das Wurst. Die Krimihandlung ist hier nur der Aufhänger für unfassbar chaotische Aktionen und gnadenlos „sezierte“ Persönlichkeiten und deren Lebensgeschichte. Es ist nicht immer schmeichelhaft, was Vikki über ihre Mitmenschen denkt aber dafür umso treffender. Und sie sagt’s ja nicht öffentlich, sie erzählt es uns ganz im Vertrauen. 😉


    Auch wenn ich nicht in allen Punkten mit Vikkis Ansichten übereinstimme und für meinen Geschmack ein bisschen zu häufig betont wird, was sie vom „Anwanzen“ der woken Community an Minderheiten hält (nämlich nix!), habe ich mich mit Vikkis zweitem „Zwischenfall“ bestens amüsiert: irrwitzige Situationen, ein wildes Durcheinander, köstliche Dialoge und die biestigen „Psychogramme“ der Nebenfiguren, das ist einfach zu Klasse!


    Alle kriegen hier ihr Fett weg: Die Influencer, die Fernsehleute, die Dörfler, die Polizei, die Fans, egal wovon … Und wir lernen sogar etwas aus diesem überkandidelten Zirkus: Dass man niemanden unterschätzen sollte …


    Ich könnte mir vorstellen, dass sich das Muster, nach dem diese Krimis gestrickt sind, irgendwann totläuft, aber den ein oder anderen „Vikki-Zwischenfall“ würde ich schon noch gerne lesen!


    Die Autorin


    Gloria Gray ist in Zwiesel im Bayerischen Wald geboren und aufgewachsen. Mit 18 flüchtete sie von dort, um sich als Frau und Künstlerin verwirklichen zu können. Über 27 Jahre in München wohnhaft und international als Performerin tätig, kehrte sie 2010 in ihre alte Heimat zurück und ist seither im Landkreis Regen u.a. als Unternehmerin, Kreisrätin und Botschafterin tätig. Als Entertainerin ist sie jedoch weiterhin aktiv und überregional unterwegs. Mit ›Zurück nach Übertreibling‹ legt sie ihr fulminantes Debüt vor. http://www.gloriagray.com


    Der Co-Autor


    Robin Felder lebt und arbeitet in München als Komponist, Texter und Schriftsteller. Bislang sind von ihm vier Romane erschienen. www.robinfelder.com


    ASIN/ISBN: 3423220198

    Und was die Autofahrer denken,
    das würd’ die Marder furchtbar kränken.
    Ingo Baumgartner