Der Tag, an dem Barbara starb - Richard Hooton

  • Richard Hooton: Der Tag, an dem Barbara starb. Ein Fall für Margaret Winterbottom und ihren Enkel, OT: The Margaret Code, aus dem Englischen von Susanne Goga-Klinkenberg, München 2025, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-26432-7, 381 Seiten, Format: 13,6 x 3,15 x 21 cm, Buch: EUR 17,00, Kindle: EUR 13,99, auch als Hörbuch lieferbar.


    „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Lisa ihrer Tante etwas angetan hat, aber vielleicht hat James recht. Man weiß nie, wozu jemand fähig ist. Letztlich würde wohl auch niemand glauben, wozu ich einmal fähig war und was ich gemacht habe.“ (Seite 125)


    Ich dachte, ich bekäme hier den Auftakt zu einer humorvollen Cozy-Crime-Reihe, in der eine gewitzte Oma in Miss-Marple-Manier ermittelt, unterstützt von ihrem technikaffinen 15jährigen Enkel. Agatha Christie trifft auf CSI. Oder, wie Enkel James das ungleiche Gespann nennt: „Batgran und Robin“. 😉 Ein wenig geht es in diese Richtung, aber es steckt mehr dahinter. Und nach einer Serie sieht es nicht aus.


    Mord in einer beschaulichen Wohnsiedlung


    Eine ruhige Wohngegend in Nordengland, 2012: Ein Mordfall erschüttert die beschauliche Nachbarschaft. Die verwitwete Barbara Jones (79) ist erwürgt in ihrem Haus aufgefunden worden. Margaret Winterbottom (89), Barbaras Nachbarin und Freundin seit 50 Jahren, ist fassungslos. Und sie ist nicht davon überzeugt, dass die Polizei genügend unternimmt, um den Fall aufzuklären. Deshalb beschließt sie, die Ermittlungen selbst in die Hand zu nehmen. Ihr Enkel James Stone (15) ist Feuer und Flamme für den Plan.


    Der Leser stutzt und wundert sich. Zwar vermuten wir recht bald, dass Margaret nicht immer eine biedere britische Hausfrau war und in jungen Jahren sehr wohl in der Lage gewesen wäre, einen Mordfall aufzuklären. Aktuell hat sie jedoch erhebliche kognitive Defizite, die über übliche Vergesslichkeit hinausgehen. Sie spricht mit ihrem verstorbenen Mann, sie verlegt Gegenstände, die dann an den absurdesten Orten wieder auftauen und sie findet vom Einkaufen nicht mehr nach Hause, obwohl sie diese Strecke seit 60 Jahren regelmäßig geht.


    Barbaras letzte Bitte? Margaret kann sich nicht erinnern!


    Sie kann sich auch partout nicht daran erinnern, warum Barbara bei ihrer letzten Begegnung so aufgelöst war. Sie weiß nur noch, dass sie gesagt hat: „Versprich mir, dass du das tust, Margaret.“ Sie kann aber nicht mehr sagen, worum es dabei gegangen ist – und ob sie das Gewünschte getan hat oder nicht. Es muss Barbara aber wahnsinnig wichtig gewesen sein, und womöglich hat es sogar mit ihrer Ermordung zu tun. Doch die Erinnerung an diese letzte Begegnung scheint ihrem Gedächtnis unwiderruflich entschwunden zu sein.



    Langjährige Nachbarn, viele Geheimnisse


    Von den üblichen Streitigkeiten abgesehen: Was geht in dieser Nachbarschaft vor? Wie’s aussieht, haben die Leute, die hier seit Jahrzehnten leben, gut gehütete Geheimnisse voreinander. Auch Margaret und ihr Ehemann Albert haben Freunden und Verwandten manches verschwiegen. Nicht nur den Grund, aus dem Margarets älterer Bruder, Harry Spencer, vor Jahren verschwunden ist …


    Doch sie merkt natürlich, dass ihre geistigen Kräfte schwinden:


    „Ich bin wie Colossus: früher eine bewunderte und intelligente Maschine, jetzt nur noch ein nutzloses, altersschwaches Relikt.“ (Seite 136)


    Margaret und ihrem Enkel bleibt nicht viel Zeit


    Wenn sie mit Hilfe ihres Enkels den Mord an Barbara aufklären will, dann muss das schnell gehen, denn wer weiß, wie lange sie dazu noch in der Lage sein wird? Als ein Mensch, der ihr sehr am Herzen liegt, als Tatverdächtiger ins Visier der Polizei gerät, drängt die Zeit mehr denn je und Margaret lässt sich zu einem gefährlichen Alleingang hinreißen …


    Spannend ist, was all die Biedermänner und –frauen in dieser friedlichen Nachbarschaft zu verbergen haben. Amüsant ist es, wenn Oma Margarets althergebrachte Ermittlungsweise auf die „neumodischen“ Methoden des pfiffigen Teenie-Enkels treffen. Was diese Mobiltelefone heutzutage nicht alles können! Man müsste sie nur zu bedienen wissen! Tragisch ist, wie die einst so quirlige geistig rege Margaret ihren eigenen Verfall erlebt:


    „Ich kann mich nicht mal mehr auf mich selbst verlassen. Bin ich nicht die Summe meiner Erinnerungen? Definiert nicht das, was mein Gehirn an Wissen und Erfahrung gesammelt hat, wer ich bin? Wenn wir von Erinnerungen geformt werden, meine aber nun verschwinden, was bin ich dann noch? Hohl und leer wie ein Gespenst?“ (Seite 290)


    Spannung, Humor und mehr Tiefgang als erwartet


    Die arme Margaret! Lieber hätte ich mit ihr gelacht als gelitten. Auch ihre überforderte Tochter Shirley, so nervig sie auch war, hatte mein Mitgefühl. Wie sie es macht, ist es verkehrt: Hilft sie zu viel, ist es Bevormundung, lässt sie ihre Mutter alleine wursteln, weil diese darauf besteht, unterstützt sie sie vielleicht zu wenig. Ein Dilemma, das jeder Mensch, der mal in entsprechender Situation war, kennen dürfte. Und so haben wir hier neben einem packenden Krimi voller augenzwinkerndem Humor eine Familiengeschichte mit mehr Ernst und Tiefgang, als zu erwarten war.


    Der Autor


    Richard Hooton hat Englische Literatur studiert und als Journalist gearbeitet, bevor er in die PR wechselte. Für seine Kurzgeschichten hat er schon zahlreiche Preise erhalten, zudem stand er auf der Shortlist für den Bridport Prize und den Cambridge Prize. Er lebt in der Nähe von Manchester. Sein Debütroman ›Der Tag, an dem Barbara starb‹ ist von der Beziehung zu seiner eigenen Großmutter inspiriert, die an Alzheimer starb, als Richard ein Teenager war.


    Die Übersetzerin


    Susanne Goga-Klinkenberg lebt als Übersetzerin und Autorin in Mönchengladbach und ist Mitglied des deutschen PEN-Zentrums. Sie studierte Literaturübersetzen in Düsseldorf und ist seit 1995 freiberuflich für verschiedene renommierte Verlage tätig. Für dtv hat sie unter anderem Chris Cleave, Wendy Walker und Jessica Barry übersetzt.


    ASIN/ISBN: 3423264322

    Und was die Autofahrer denken,
    das würd’ die Marder furchtbar kränken.
    Ingo Baumgartner

  • Ich habe mich sehr darauf gefreut, "Der Tag, an dem Barbara starb" zu lesen, weil ich mir einen gemütlichen Krimi im sogenannten Cosy Crime-Stil erhofft hatte – charmant, leicht und mit liebevoll gezeichneten Charakteren. Der Ausgangspunkt der Geschichte klang vielversprechend: Margaret, eine weit über achtzigjährige Dame mit einem wachen Geist, obwohl sie bereits erste Anzeichen einer Demenzerkrankung zeigt, wird in den Mordfall ihrer langjährigen Nachbarin und Freundin Barbara hineingezogen. Was zunächst nach einem simplen Nachbarschaftsdrama aussieht, entwickelt sich zu einer überraschend vielschichtigen Geschichte über Erinnerungen, Verlust und das Ringen um Klarheit inmitten schwindender Realität.


    Als Margaret beginnt, auf eigene Faust nachzuforschen, stößt sie auf Ungereimtheiten – geheime Briefe, widersprüchliche Alibis und längst begrabene Feindschaften. Doch während sie tiefer in die Vergangenheit eintaucht, verschwimmen die Grenzen zwischen Wahrheit und Einbildung immer stärker. Ist der Nachbar wirklich verdächtig? Oder sind die Hinweise nur das Produkt ihrer zerbröckelnden Erinnerung?


    Der Autor wählt eine ungewöhnliche Perspektive, indem er Leserinnen und Leser direkt in Barbaras Wahrnehmung eintauchen lässt. Dadurch entsteht einerseits eine intensive Nähe zur Hauptfigur, andererseits aber auch eine gewisse Verwirrung. Mehrmals fiel es mir schwer zu erkennen, was tatsächlich geschieht und was sich nur in Margarets Kopf abspielt. Einerseits erschwert das den Lesefluss, andererseits verdeutlicht gerade dieser Stil, wie sich die Welt für Menschen mit Demenz anfühlen muss – brüchig, unsicher und von Augenblick zu Augenblick neu zusammengesetzt.


    Besonders gelungen fand ich die einfühlsame Darstellung des Krankheitsbildes. Der Autor schafft es, nicht nur Margarets inneren Kampf greifbar zu machen, sondern auch das Leid und die Hilflosigkeit ihrer Angehörigen mit einzubeziehen. Die Krimihandlung selbst tritt dadurch stellenweise etwas in den Hintergrund, was mir persönlich gefehlt hat – dennoch verleiht genau diese Schwerpunktverschiebung dem Buch emotionale Tiefe.


    Insgesamt war "Der Tag, an dem Barbara starb" eine interessante Lektüre. Ich habe mich nicht gelangweilt und konnte das Buch mit einem Gefühl gedämpfter Nachdenklichkeit schließen. Auch wenn es mich nicht völlig überzeugen konnte, bleibt die Geschichte aufgrund ihrer sensiblen Thematik und der eindrucksvollen Hauptfigur im Gedächtnis.