Der Büchereulen-Adventskalender 2025

  • Der 1. Dezember von Tom


    Weihnachten auf Chinesisch


    Mendy müsste eigentlich längst Ursu an der Kasse ablösen, aber wenn noch einmal beim Glücksrad die goldene Winkekatze kommt, kriegt sie zehn Prozent Rabatt extra auf die Projektionslampe mit rotierendem Weihnachtsmotiv, die sich wunderbar auf Leons Nachttisch machen würde. Okay, die Lampe kostet sowieso nur sieben neunundfünfzig, was ein unfassbarer Preis ist, aber mit weiteren zehn Prozent Rabatt wären es weniger als sieben Euro, und dann würde sie vielleicht gleich zwei davon kaufen und dabei fast einsfünfzig sparen.

    Auf den Fotos sieht die Lampe voll schick aus.

    Während das Glücksrad noch rattert, ertönt zum dritten Mal die Ansage, und dieses Mal ist die leise Wut von Jutta Kritschek, der Marktleiterin, nicht zu überhören. „Frau Meier bitte an Kasse drei.“

    Fast gleichzeitig erklingt eine Melodie, die Winkekatze erscheint und winkt fröhlich los, außerdem fliegen sternförmige Konfetti über den Smartphone-Bildschirm. Mendy hat nicht nur die zehn weiteren Rabattpunkte gewonnen, sondern eine einmalige Chance auf den völlig echt wirkenden, siebzig Zentimeter hohen, künstlich beschneiten, beleuchteten und vollständig geschmückten Weihnachtsbaum aus Kunststoff für nur vierzehn neunundvierzig, der regulär fast dreißig Euro kostet und super auf der Kommode im Flur aussehen würde, und außerdem dürfte sie jetzt noch dreimal am Glücksrad drehen. Dreimal! Dabei könnte sie vielleicht sogar ... aber plötzlich steht die Kritschek neben ihr. Vor Schreck fällt ihr das Handy beinahe ins Waschbecken.


    Weil sie etwas Arbeitszeit ranhängen musste – die Marktleiterin war echt kurz davor, Mendy rauszuwerfen, und das drei Wochen vor Weihnachten –, hat Mendy den Bus verpasst und muss laufen, weil der nächste Bus erst in dreißig Minuten kommt und Harry in einer Dreiviertelstunde zu Hause ist, und wenn dann noch nicht der Abendbrottisch für ihn gedeckt ist, dreht Harry am Rad, aber an einem ohne Winkekatze. Mendy muss bei dem Gedanken lächeln. Zum Glück sind es nur knapp zwanzig Minuten zu Fuß, aber es schneit, und zwar diese dicken, nassen, schweren Flocken, und Mendy hat weder eine Kapuze an der Jacke, noch eine Mütze dabei, und einen Schirm sowieso nicht, den könnte sie kaum halten mit den vier Einkaufstüten in den Händen. Ihre Haare werden nachher aussehen als wenn sie versuchte hätte, sich einen Afro zu machen. Und der Shopping-Abend bei Ela geht schon in einer Stunde los, da wird sie es kaum noch schaffen, sich die Haare zu machen.


    Flo und Leon sind nicht zu Hause, also sind sie unten bei Juli und Ben oder oben bei Finn, denn ihre Telefone liegen in der Ladestation auf der Kommode, und das Haus würden sie ohne die Handys niemals verlassen. Mendy räumt rasch die Tüten aus und die frischen Sachen in den Kühlschrank, schneidet Brot, Wurst und ein bisschen Gemüse für Harry auf, stellt die Bierflasche neben das Glas und legt den Öffner quer vor den Teller, dann will sie ins Bad, um zu schauen, was bei den Haaren zu retten ist, da klingelt es an der Tür. Sie wirft einen gehetzten Blick auf ihr Handy, obwohl sie die Zeit vor wenigen Augenblicken abgelesen hat, denn sie ist natürlich ununterbrochen online, auf TikTok, in der WhatsApp-Gruppe von Ela, aber parallel auch in der Tschiangdao-App, wo eigentlich gleich die heutigen, streng limitierten Superspar-Überraschungs-Weihnachtsangebote kommen müssten, aber das könnte natürlich der Paketbote sein, und den darf sie auf keinen Fall verpassen.


    Er ist es. Sie versteht den kräftigen, schwitzenden, glatzköpfigen Mann mit den riesigen Ohren nicht und er sie ebenso wenig, denn er ist irgendwie Russe oder so und kann kein Deutsch und nur ein paar Brocken Englisch. Er ist gerade dabei, den Stapel aus purpurfarbenen Paketen mit dem Tschiangdao-Logo (einer weißen Maske) wieder anzuheben, als Mendy die Tür öffnet, also lässt er die Kartons einfach fallen, holt das Unterschriftsding aus seiner Brusttasche und hält es Mendy wortlos entgegen. Noch während sie unterschreibt, zieht er das Gerät weg und poltert die Treppe runter, und der Einfachheit halber geht Mendy ins Treppenhaus und schiebt den Paketestapel mit den Füßen in die Wohnung. Sie hat ein bisschen den Überblick verloren, aber da könnten die Lichterketten drin sein, das Einweg-Weihnachtsgeschirr, die drei megacoolen Bastelsets (Ela wird Augen machen – die hat nämlich keines mehr abbekommen, obwohl sie Platinstatus bei Tschiangdao hat!), die Bettwäsche, die Weihnachts-Schlafanzüge und die vier oder fünf nachgemachten Legosets für die Jungs, die es zwar hassen, wenn die dämlichen Klemmbausteine nicht original sind, aber erstens ersticken sie sowieso in dem Zeug und wollen trotzdem immer mehr davon, und zweitens kostet das bei Tschiangdao nur ein Fünftel von dem, was es bei Lego kosten würde, aber wenn es aufgebaut ist, sieht man null Unterschiede, das sagt sogar Flo.

    Sie bugsiert die Kartons zu den anderen, die noch nicht ausgepackt sind, in die Speisekammer, damit ihr Mann sie nicht sieht, weil der ihr sonst den Kopf abreißt. Er versteht das echt nicht, aber alleine mit den Sachen in diesen fünf Paketen hat sie ihnen über zweihundert Euro gespart. Sie ist mit sich zufrieden, als sie die Speisekammertür zugedrückt hat – eine Tür, die Harry definitiv niemals öffnet.


    Auf dem Weg zum Bad wirft Mendy einen Blick aus dem Flurfenster in den Hof. Die beiden großen, blauen Tonnen quillen natürlich schon wieder über, aber Abholung ist erst in vier Tagen, und in diesem Augenblick kommt Ela in den Hof. Sie trägt einen Haufen in Stücke gerissener, purpurfarbener Kartons, das ist gut zu erkennen. Ela bleibt vor den Tonnen stehen, aus denen die gleichfarbigen Pappteile herausragen, als wenn es schnellwachsende Pflanzen wären und die Tonnen Pflanzgefäße. Ela schaut sich kurz um, lässt dann den Stapel einfach neben die Tonnen fallen und hastet zurück zur Hoftür. Mendy muss lächeln. Das hatte sie auch schon mal im Sinn, aber die Adressaufkleber von Tschiangdao kriegt man kaum abgepopelt, also steht auf irgendeinem der Pappreste mit Sicherheit Elas Name, und wenn Ergün, der Hausmeister, das sieht, geht das sofort weiter an die Hausverwaltung. Vermutlich ist Ela inzwischen auch dieser Gedanke gekommen, denn sie stiefelt wieder in den Hof, sammelt die jetzt nassen Kartonabfälle ein und stapft damit zurück zum Haus, wahrscheinlich in Richtung Keller. Mendy winkt sicherheitshalber, aber Ela schaut nicht hoch.


    Wie spät es wohl ist? Wo hat sie nur ihr Telefon? Aber sie hat ja eine Armbanduhr, eine kleine goldene, die auch fast echt aussieht, wenn man nicht zu nahe rangeht. Harry hat die Nase gerümpft, als er die gesehen hat, weil das keine gute Qualität wäre, eher im Gegentum, wie er so sagt, und vermutlich würde sie auch nicht genau laufen, womit er recht hat, doch Mendy hat sie ja nicht wirklich fürs Uhrzeitablesen gekauft, aber Harry war wohl auch sauer, weil er ihr eigentlich eine schicke Uhr aus dem Laden schenken wollte, in dem er arbeitet. Er nörgelt in letzter Zeit viel über sowas, der Spielverderber, außerdem spart Mendy für sie alle eine irre Menge Geld – Geld, das sie brauchen können, wenn sie im neuen Jahr den Vertrag für das Haus unterschreiben wollen, und da macht es auch nichts, wenn es zwei Wochen dauert, bis die Pakete ankommen, jedenfalls die, die es durch den Zoll schaffen. Wobei. Bis wann kann sie eigentlich noch bestellen, damit die Sachen rechtzeitig noch vor Weihnachten da sind? Dieser russische Paketbote kommt immerhin bis zehn Uhr abends, aber irgendwann wird das nicht mehr zu schaffen sein, oder? Das muss sie Ela gleich mal fragen.


    Sie entscheidet sich für einen Zopf und das Glitzerhaarband, obwohl das ein bisschen komisch riecht, genau wie das Lipgloss, das außerdem ganz schön klebrig ist und ihre Haut austrocknet, aber ihre Lippen sehen damit viel voller aus und glänzen echt lange. Mendy will gerade zur Tür rausstürmen, sendet die WhatsApp-Statusnachricht an die Jungs und checkt einen Wimpernschlag später, ob die Superspar-Überraschungs-Weihnachtsangebote schon in der Tschiangdao-App sind, und dabei prallt sie mit Harry zusammen, der draußen steht und seine Wohnungsschlüssel anschaut, als wüsste er nicht genau, wozu man die benutzt. Er schaut auf, dann wieder auf die Schlüssel und auf die große Tüte in seiner Hand, eine Tüte mit dem Logo des Kaufhauses, in dem er arbeitet, wo er sogar Abteilungsleiter ist. Mendy will ihn küssen und ihm erklären, dass sie zu Ela zum Shopping-Abend geht, vielleicht das letzte Mal vor Weihnachten, eine echte Supergelegenheit, aber dann sieht sie, dass er zu weinen beginnt.

    „Wir schließen“, sagt Harry und atmet zitternd aus. „Gleich nach Weihnachten.“

  • Der 2. Dezember von Dorit


    Ich hab ja nein gesagt…


    „Was soll das?“, fragte mich meine Freundin. Ihr verärgerter Tonfall sagt mir, sie meint es ernst. Ich habe es wieder getan. Natürlich hätte ich es sein lassen können, aber da war etwas in mir, das mich zu dieser Tat gedrängt hat: Meiner Freundin ein Geschenk machen. Und dabei ist es egal, ob zu Weihnachten, zum Geburtstag oder einfach mal so zwischendurch.

    „Du weißt doch, dass ich das nicht mag!“ Meine Freundin meint nicht mein Geschenk an sich, sie meint das Beschenktwerden. Ihr Blick ist unerbittlich und mir wird klar, dass es eigentlich nur einen Menschen gibt, der sich mit diesem Geschenk einen Gefallen getan hat, und der war ich im Moment des Kaufes.

    Behutsamer geht da schon meine Kollegin vor, die mich vorsichtshalber fragt: „Was wünschst du dir?“ Sie besucht mich des Öfteren spontan zum Kaffee und möchte mir etwas Gutes tun. „Ein heiles Kabel für meine Kopfleuchte wäre super“, erwidere ich. Ihr Blick wird traurig. Mein Wunsch enttäuscht sie. „Ach … ich würde dir lieber was Schönes schenken.“

    Aber das ist doch schön, denke ich und schweige.

    Einen Tag später bekomme ich dann eine Packung Merci von ihr, weil eine andere schon in meiner Anrichte lag und wohl den Eindruck erweckte, gemocht zu werden. Allerdings lungert sie dort schon seit Monaten herum, weil sie niemand essen will. Nun sind die beiden Schachteln zu zweit.

    Das mit dem Schenken ist nicht einfach. Neulich unterhielt ich mich mit einer Bettlerin über das Thema. „Magst du diesen Becher Kaffee und die Tüte Trockenfrüchte?“, flüstert sie mir zu. „Die habe ich gerade bekommen, aber ich vertrage gar keinen Kaffee und die Aprikosen sind nicht gut für meine Zähne“. Unsicher blickt sie sich um, ob die Geberin noch irgendwo in der Nähe ist. „Ich hab´ ja nein gesagt, aber die Frau hat gemeint, ich solle nicht so schüchtern sein.“

    Meinen Kaffeedurst hatte ich zu Hause schon gestillt, aber ihre Tüte nahm ich gern an, denn ich mag Aprikosen gern, und habe mich sehr gefreut, obwohl ich sie mir gar nicht gewünscht hatte.

  • Der 3. Dezember von Michael Höfler


    Baumhaare und Haarbäume


    Haarige Wortspiele halten die verkopfte Profession der Haarbeschneidung im Schwitzkasten. Aber festliche Weihnachts-Frisuren entstehen nicht durch hairbeigezoge Bilder, sondern durch haargenaue Beschreibungen. Der frisurtragende Kopf fungiert sogar als Weihnachtsbaum fürs ganze Jahr, denn von der Opolenz von Strähnchen, Klammern, Reifen und Diademen könnte manch Weihnachtsbaum noch etwas lernen. Dabei reden wir noch

    nicht über Extensions, Pferdeschwänze und Wasserfallzöpfe.


    Wir reden über eine Frau, einen Mann wie einen Baum. Über Haarkugeln, Baumkämme und die längere Haltbarkeit durch Einsprühen. Wir reden aber auch über die Chancen, die Baum und Haar trotz Vergänglichkeit bleiben. Über Mittel, um brüchig gesprühte Strähnen, Schütter-Haar und teilbenadelte Baumgerippe gleichwohl festlich zu gestalten. Am Restbestand sehen Weihnachtskugeln und Holzfiguren nicht aus; und doch lässt sich das Nadelhaar in goldene Mikroringe hüllen, in Kristallstäbchen, Spiral-Ornamente und Schokoröllchen. Für die Lücken wurde neulich Streuhaar erfunden. Wie Schneeflocken legt es sich auf Haarinseln, und grünes Streuhaar dient als selbstklebender Nadelersatz. Bliebe noch über Einzelhaar- und Einzelnadel-Schmuck zu reden. Aber nicht in diesem Jahr.

  • Der 4. Dezember von Paradise Lost


    Das Weihnachtsfest des alten Königs


    Der alte König öffnet langsam seine Augen. Es dauert, bis die Umrisse sich zu klaren Bildern formen. Sein Bart ist lang und weiß, seine Glieder starr. Vorsichtig hebt er den Kopf und schwerfällig setzt er sich auf. Viele Jahre sind an ihm vorbeigegangen, viele Winter. Und viele Menschen hat er kommen und gehen sehen. Seine Gedanken kreisen. Heute ist ein besonderer Tag. Er muss seine Pflichten wahrnehmen. Die Gäste kommen von fern und nah.


    Er erhebt sich, schreitet durch die steinernen Hallen seiner Festung. Seine Schritte hallen von den Mauern wider. Goldgerahmte Bilder seiner altehrwürdigen Familie zieren die Wände und berichten in von Fackeln erleuchteten Farben von ihrer Geschichte. Glänzend geputzte Rüstungen flankieren den Weg. Geräusche dringen an sein Ohr, Gerüche locken. Das Festmahl und die großen Feierlichkeiten, die seit Wochen vorbereitet wurden, sie beginnen endlich und sollen mehrere Tage andauern. Er folgt den Klängen zur großen Festhalle.

    Welch eine Pracht erwartet ihn dort.


    Die Halle ist geschmückt mit immergrünen Girlanden, wertvolle rote Bänder durchwirken die Zweige, festlich mit Schleifen verbunden. Misteln schützen vor dem Bösen und bringen Glück, vielleicht sogar Liebe. Die schönsten Wandteppiche waren frisch gesäubert und aufgehangen worden. Das zentrale Herzstück des Raumes ist der große getäfelte Kamin aus dunklem Edelholz. Ein großes Feuer brennt dort und verbreitet köstliche Wärme.

    Die schweren Kronleuchter, allesamt mit weißen Kerzen vollbestückt, lassen ihr Licht erstrahlen und blitzen auf all der Zier in der Halle.


    Goldene Becher voll gesüßtem Wein, silberne Platten auf denen Wild und Geflügel hereingetragen werden, gefüllt mit Gemüsen, Maronen und erlesenen Gewürzen. Die große gedeckte Festtafel verschwindet immer mehr unter den reichhaltigen Speisen.

    Die Augen des Königs wandern weiter, über Brokat, Goldfäden, Samt und Seide. Jeder hat ein Festtagsgewand angelegt. Fürsten aus dem ganzen Reich sind erschienen, haben Geschenke mitgebracht und fügen sich in die stetig wachsende Menge der Gäste. Prüfend mustert er die aufgefahrenen Speisen. Ist auch alles da? Wurde der Pudding nicht vergessen? Die kandierten Früchte? Er blickt zur Küche. Aber nein, dort kommen die Diener mit noch mehr Platten und Schüsseln. Es wird sein wie immer. Ein großes Fest, alle werden glücklich sein. Zu späterer Stunde geht man in die Messe in die Burg-Kapelle. Um zu danken für all das Glück. So wie immer.


    Der König schreckt auf. Er muss länger in Gedanken versunken gewesen sein, denn als sein Blick sich wieder auf die große Halle richtet, sind die Speisen abgetragen und eine freie Fläche zum Tanzen wurde geschaffen. Die Musiker spielen fröhliche Weisen und die Gäste, von Wärme, Wein und gutem Essen schon etwas errötet, sammeln sich zu Reigen. Er lächelt, als ihm ein tanzendes Paar ins Auge fällt, das besonders erstrahlt und heraussticht aus all dem Glanz. Eine Frau mit kastanienfarbenem Haar, gekleidet in grünen, golddurchzogenen Samt. Ihre Hand hält ein stattlicher Mann mit schwarzem Haar und Bart, seine Gewänder sind kostbar und zeugen von hohem Stand. Der Blick der Beiden. Glück, Liebe, Vertrauen. Ist dies nicht das kostbarste von allem?


    Ein kalter Luftzug fährt durch den Gang. Der König fröstelt. Aber er kann sich nicht von den beiden wenden. Der Anblick rührt an sein Herz und doch kann er nicht sagen warum. Kennt er sie? Er versucht ihre Gesichtszüge besser zu erkennen, doch immer wieder verschwimmen sie vor seinen alten Augen. Die Lichter, der Glanz, die Pracht überall, es macht ihn schwindelig. Er muss einen Moment die Augen schließen, nur einen kleinen Moment. Die Musik wird leiser. Als er die Augen wieder öffnet, sieht er nur noch einen vagen Schatten. Er weiß es jetzt. Das glückliche Paar. Seine Königin. Er. Es war ihr schönstes Fest. Er hat sich geschworen, es niemals zu vergessen. Als er nun um sich blickt, ist alles verändert. Die Mauern sind kahl und kalt. Kein Licht, keine Wärme strahlt durch den Saal. Wind pfeift durch das morsche Gebälk und Schnee bedeckt die Fensterbänke, auch den Boden, wo das Dach undicht ist. Teppiche und Fahnen sind fadenscheinig, manche zerrissen, in den Gängen verteilt. Die alte Festung liegt still, Glanz und Größe vergangen.


    Ein tiefer Seufzer entringt sich der Brust des Alten. So ist es also auch in diesem Jahr. Wie seit vielen hundert Jahren. Leere, Kälte. Er wandelt allein, durch die Hallen aus Stein. Blickt durch die unverhangenen Fenster. Lichter in der Ferne. Vielleicht andere Festungen. Er ersteigt mühevoll die Turmtreppen. Er spürt ein Gewicht, das an ihm zieht, das seine Schritte verlangsamt. Oben auf der Zinne späht er hinaus ins Land. Die Wälder sind vom Schnee bedeckt. Lichter dazwischen, wo Ortschaften sind, Kirchen, große Gebäude die er nicht kennt. Er weiß, dort sind andere. Ob auch sie allein sind? Erschöpft? Das Tageslicht dunkelt bereits. Und auch seine Zeit neigt sich dem Ende zu. Für ein weiteres Jahr. Er will sich bereits abwenden...


    Doch plötzlich: Der König horcht auf. Musik dringt wieder an sein Ohr. Es verwirrt ihn. Spielen seine Erinnerungen ihm wieder Possen? Er neigt den Kopf, lauscht. Ihm fällt auf, dass die Zugbrücke herabgelassen ist. Das erste Mal seit ungezählten Jahren. Die Ketten, die den Durchgang versperrten, wurden gelöst und singen nicht mehr verloren im Wind. Im Innenhof der Festung stehen zu seiner Überraschung nun kleine Hütten aus Holz und Tuch. Umwickelt mit Immergrün und roten Bändern. Lichter umrahmen sie. Als wäre ein kleines Dorf erschienen, oder ein Markt. Dampfwolken steigen von manchen der Hütten auf und er riecht kandierte Früchte, Gebratenes, gewürzten Wein. Und da sind die Musiker. Sie spielen auf Posaunen feierliche Lieder. Überall sind Menschen, in und vor den Hütten. Kinder rennen herum, freuen sich und lachen, bunten Tand schwingend.


    Der König spürt eine Wärme in sich, die er seit so vielen Jahren vermisst. Die Menschen haben das Leuchten in den Augen, das auch er kennt. Darf er tatsächlich wieder an einem Weihnachtsfest teilhaben? Nach so langer Zeit. Die Schwere weicht langsam von ihm. Eine ganze Weile lang steht er so da, betrachtet die Gäste, lauscht und ist verzaubert von dem lebendigen Treiben zu seinen Füßen.

    Schließlich läutet eine Kirchenglocke in der Ferne zur Messe.

    Der König fühlt eine Leichtigkeit in sich aufsteigen, die ihm unbekannt ist.

    Ein Lächeln mildert seine verhärmten Züge. Sein Wunsch wurde ihm gewährt. Er ist glücklich.


    Ein Licht durchleuchtet jäh die Nacht. Der Geist des alten Königs schließt geblendet die Augen und kann das Licht trotzdem noch sehen. Es wird heller und immer heller, bis er selbst vollkommen davon eingehüllt ist. Gefühle durchfluten ihn: Zufriedenheit, Dankbarkeit, Erleichterung. Es ist an der Zeit. Endlich.


    Als das Licht verblasst, ist der alte König verschwunden.

  • Der 5. Dezember von bonsaispitzen


    Das Weihnachtsmäuschen


    Es war einmal eine kleine Maus,

    die putzte im Dezember ihr ganzes Haus

    um es zum Entzücken

    der Gäste dann zu schmücken.


    Bunte Kugeln, gross und klein,

    glänzten da im Lichterschein,

    von tausend kleinen Sternen

    und winzigen Laternen.


    Für den Duft sorgten Tannenzweige,

    die Grille spielte dazu Geige,

    Zimt und Kardamom stiegen in die Nasen,

    würzige Lebkuchen für den Hasen.


    Sie buck und packte unzählige Geschenke,

    zum Zeichen, dass sie an alle denke.

    Das hielt sie auf Trab, knapp war die Zeit,

    denn Weihnachten war nicht mehr weit …


    Dann kam der grosse Tag und alles war fein;

    erschöpft schlief unser Mäuslein ein.

    Ihre Gäste sahen es schlafend sitzen

    und schlichen davon auf Zehenspitzen …

  • Der 6. Dezember von mazian


    Weihnachten im LKW


    Nun war es also soweit. Ich würde mein erstes Weihnachtsfest weg von zu Hause in meinem LKW verbringen. Als in unserer WhatsApp Gruppe die Frage nach Verfügbarkeiten zum Jahresende aufkam war für mich die Sache klar. Ich arbeite Weihnachten und habe dafür Silvester frei. Mir ist es doch gleich, ob ich Weihnachten allein zu Hause, oder allein im LKW - meinem zweiten zu Hause - verbringe.


    Heute, am 23. Dezember, lief es echt gut. Ich bin gegen 20 Uhr in Mâcon angekommen, und auch das Liefern ging recht schnell. Meine 45 Minuten Lenkpause habe ich an der Laderampe gemacht. Ich lag wirklich gut in der Zeit und würde gegen 22 Uhr an meinem nächsten Ladepunkt, einem Lager der STG in Villars les Dombes, ankommen. So zeitig war ich noch nie dort.

    Beladen werden sollte ich morgen und am 25. Dezember spät Abends, also gegen 22 Uhr, könnte ich dann meine Lieferfahrt ins Pariser Umland starten.

    Mit dem Direktor des Lagers war alles geklärt, ich durfte die zwei Tage auf dem Gelände stehen, wäre eben nur mal wieder allein mit dem Mann von der Security. Die Organisation an Feiertagen ist dort die Gleiche, wie an Wochenenden. Am 24. Abends gegen 19 Uhr wird das Gelände und die Gebäude geschlossen und die Mitarbeiter kommen erst am Folgetag spätabends wieder. Zugang zu Toilette, Dusche und Kaffeeautomat hätte und habe ich trotzdem. Mehr brauche ich auch nicht.


    Ich war schon sehr oft in Villars laden und habe so meinen Ablauf. Ich fahre auf den Hof, parke den LKW, koppel die Zugmaschine vom Auflieger ab - der steht in seiner Parkbucht und wird bei Bedarf dann von einem Mitarbeiter in einer ihrer Zugmaschinen an die Laderampe manövriert - und parke meine Zugmaschine etwas abseits am Rand. Ich hab dort echt meine Lieblinghaltestelle für die Zugmaschine. Der erste Platz direkt nach der Feuerwehrzufahrt. Auch heute war dieser, mein, Platz frei. Noch schnell meine Arbeitszeit und gefahrenen Kilometer aufschreiben und danach geh ich ins Büro, um mich für meine Ladung anzumelden. Die Mitarbeiter dort sind echte Perlen. Egal, ob man tagsüber, oder in der Nacht auftaucht, die sind immer freundlich und gut gelaunt. Nach einem kurzen Plausch verschwinde ich wieder zu meinem LKW um zu Abend zu essen. Für morgen werde ich mir trotzdem einen Wecker stellen. Damit ich am Vormittag noch einkaufen gehen kann. Ein bisschen festliches Essen sollte es an Weihnachten schon sein.

    Nach dem Essen eule und lese ich ein wenig und schon fallen mir die Augen zu.


    Es ist der 24. Dezember und nach dem Aufstehen gehe ich erstmal einen Kaffee trinken und duschen. Im SuperU neben an kaufe ich mir ein paar Leckereien für mein Festessen. Stopfleber, Lachs, Mousse au chocolat, Brot und eine kleine Flasche Rotwein. Viel mehr brauche ich nicht für heute Abend. Mittags gehe ich im Ort was essen und wenn ich wieder ans Lager komme, trinke ich noch schnell einen Kaffee.

    Gerade, als ich am Kaffeeautomaten stehe kommt Michel, ein Mitarbeiter des Dispatching und ich biete auch ihm einen Kaffee an. Michel war einer der ersten Mitarbeiter dort, die ich kennen gelernt habe und wir quatschen gern miteinander. Er fragt mich, wann ich starte und ich sage ihm, dass ich heute und morgen hier stehe und dann morgen Nacht losfahre.

    Nach meinen Plänen für heute Abend fragt er mich auch. Dazu muss man wissen, dass hier in Frankreich der 24. Dezember, der so genannte “réveillon” wichtiger ist, als der Feiertag danach. Da wird richtig aufgetafelt und so ein Abendessen kann sich gut und gerne bis nach Mitternacht ziehen. Ich hätte mir Leckeres zum Abendessen besorgt und würde mir einen gemütlichen Abend machen, war meine Antwort.

    Das könne so nicht sein, meinte er und lud mich ein, den Abend mit ihm und seiner Familie zu verbringen. Auf meinen Einwand, dass das doch nicht so einfach gänge, schliesslich wäre der réveillon doch eine Familiensache, meinte er nur, dass er keine Widerrede dulden würde. In einer Stunde hätte er Schluss und dann könnten wir direkt starten.

    So kam es dann auch. Ich hab meine Leckereien eingepackt und mit zu ihm genommen. Denn so ganz mit leeren Händen wollte und konnte ich auch nicht dastehen.


    Michel hatte seine Familie wohl zwischenzeitlich von meiner Anwesenheit informiert und seine Frau Mathilde hat mich sehr offen und freundlich empfangen. Die Kinder Juliette und Laurent waren ein bisschen schüchtern und haben sich hinter ihrer Mutter versteckt.

    Da es noch recht früh war, sind wir ein bisschen durch Michels Wohnort und den anschliessenden Park spazieren gegangen. So konnten die Kinder toben und wir Erwachsenen konnten uns unterhalten und besser kennen lernen.


    Wieder zu Hause angekommen habe ich Mathilde in der Küche geholfen, die Vorspeisen zuzubereiten und Michel und die Kinder haben die Festtafel gedeckt, Kerzen angezündet und die Beleuchtung des Weihnachtsbaumes angemacht. Es sah richtig festlich im Wohnzimmer aus.

    Nun konnte der réveillon beginnen. Auf dem Tisch standen kleine Toast mit Stopfleber, Lachsschnittchen, Wiener Würstchen im Blätterteigmantel, Oliven und Käsewürfel. Wir hatten ja genug Zeit, uns an den Leckereien zu bedienen und unterhielten uns prächtig.

    Ich kenne ja die Weihnachtstraditionen in Frankreich schon ein bisschen, also habe ich erzählt, wie wir in Deutschland feiern. Welche Traditionen wir pflegen, was es dort an den Festtagen zu essen gibt. Ich habe von Weihnachtsmärkten und Glühwein in Deutschland geschwärmt und vergleiche zu Frankreich gezogen.

    Die Kinder sind ein bisschen spielen gegangen und wir konnten die Vorspeisen vom Tisch räumen und den Hauptgang auftafeln. Es gab Pute, grüne Bohnen im Speckmantel, Endiviensalat mit Walnüssen, gemischten grünen Salat, Prinzesskartoffeln und dazu eine sauleckere dunkle Sosse. Mathilde ist wirklich eine sehr gute Köchin.

    Zum Nachtisch gab es eine Bûche chocolat, also Schokoladeneis”torte”. Ich habe so gut gegessen, wie schon lange nicht mehr und auch unsere Gespräche waren schön und wir waren eine gesellige Runde.

    Zu sehr später Stunde durften die Kinder ihre Geschenke auspacken und haben sich über Spielzeug, Schokolade, Geld gefreut und haben gleich das Spielzeug ausprobiert.

    Wir Erwachsenen haben dann noch zusammen gesessen und uns unterhalten.

    Gegen zwei Uhr am Morgen sind wir dann schlafen gegangen und ich wusste, dieses Weihnachtsfest war eines der Schönsten der letzten Jahre und ich werde noch sehr lange an diesen Abend zurück denken.

  • Der 7. Dezember von belladonna


    Die Weihnachtstanne


    Vor unserem großen grauen Mietshaus stand eine Tanne. Vermutlich als Folge irgendeiner Begrünungsvorschrift fristete sie ein einsames Dasein auf einem kleinen Viereck zwischen Mülltonnen und Fahrradständern und trotzte tapfer den Widrigkeiten des Großstadtlebens. Jedes Jahr Ende November kam der Hausmeister mit einer Leiter und drapierte eine Lichterkette in ihren Zweigen, wechselte gewissenhaft kaputte Birnen aus und sorgte in den folgenden Wochen Abend für Abend für weihnachtliche Beleuchtung. Ich freute mich immer sehr darüber, denn es gab mir das tröstliche Gefühl, dass manche Dinge in unserer so unsteten Zeit doch noch Bestand hatten. Und dank der Weihnachtstanne wirkte unsere sonst so triste Straße gleich ein wenig freundlicher.

    Auch in diesem Jahr hatte der Hausmeister kurz vor dem ersten Advent die Lichterkette in der Tanne befestigt und ich erfreute mich an der allabendlichen Beleuchtung. Als ich jedoch wenige Tage später an der Tanne vorbeiging, bemerkte ich zwischen den Lämpchen einen kleinen Stern. Ausgeschnitten aus Goldfolie und mit einem Bindfaden befestigt wirkte er wie die Bastelarbeit eines Kindes, und ich fragte mich, wer ihn da wohl hingehängt haben mochte. Er sah hübsch aus, so glänzend zwischen den dunklen Tannenzweigen, und ab und zu schaukelte er ein bisschen im Wind.

    Am nächsten Morgen hatte der kleine Stern bereits Gesellschaft bekommen: ein zweiter Stern hing ein paar Zweige weiter, silbern diesmal und ein wenig größer. Ich fragte mich, was es damit auf sich hatte – waren das Kinder aus der Nachbarschaft, die sich einen Spaß machten? Und würde der Hausmeister, der doch immer so auf Ordnung bedacht war, die Sterne hängen lassen oder sie bei seinem nächsten Kontrollgang entsorgen? Letzteres wiederum hätte ich sehr schade gefunden, denn mir gefiel die neue Dekoration.

    Da mein Schreibtisch vor dem Fenster stand, konnte ich während der Arbeit immer wieder einen Blick auf die Tanne werfen. Die beiden Sterne schaukelten an ihren Zweigen und in der Dämmerung ging wie jeden Abend die Beleuchtung an. Sonst tat sich nichts. Als ich jedoch am nächsten Morgen die Vorhänge öffnete, fiel mir sofort ein roter Farbtupfer ins Auge – jemand hatte eine Christbaumkugel in den Baum gehängt! Halb versteckt zwischen einigen Zweigen hing sie da, aber sie war doch deutlich zu sehen. Merkwürdig, sehr merkwürdig das alles. Ich konnte mich kaum auf meine Arbeit konzentrieren, immer wieder linste ich aus dem Fenster. Wie üblich gingen etliche Leute im Haus ein und aus, aber niemand machte sich an der Tanne zu schaffen und auch der Hausmeister ließ sich nicht blicken. Dafür hingen am nächsten Tag zwei weitere Christbaumkugeln im Baum, diesmal eine blaue und eine grüne. Die Sache wurde immer kurioser. Wieder legte ich mich auf die Lauer, aber bis auf einige Nachbarn, die interessiert oder vielleicht auch konsterniert vor dem Baum stehen blieben und den Weihnachtsschmuck betrachteten, konnte ich niemanden entdecken.

    Von da an nahm die Sache Fahrt auf. Jeden Tag kam etwas Neues hinzu: Kugeln, Sterne, bemalte Zapfen, aber auch skurrile Objekte wie Spielzeugautos, Sandförmchen oder eine aus einem Joghurtbecher gebastelte Weihnachtsglocke. Nach einer besonders kalten Nacht hatte sogar jemand einen Schal in die Zweige gehängt und eine Mütze über die Spitze drapiert. Wie sie das geschafft hatten, war mir allerdings ein Rätsel, immerhin war der Baum fast drei Meter hoch. Wer für all die Dekorationen verantwortlich war, blieb weiterhin im Verborgenen. Nur einmal sah ich nachmittags ein kleines Mädchen, das sich vorsichtig umblickte, ehe es ein Plastikpüppchen aus der Tasche zog und in die Zweige hängte. Blitzschnell und mit einem breiten Grinsen im Gesicht sauste es wieder davon. Immer öfter blieben Leute aus der Nachbarschaft vor dem Baum stehen, betrachteten die Ornamente und gelegentlich unterhielten sie sich sogar miteinander. Die ehemals einsame Tanne vor unserem Haus war zu einer kleinen Attraktion geworden. Auch ich konnte es mir nicht nehmen lassen, bei einem meiner selten Ausflüge in die Innenstadt einen kleinen Engel zu besorgen und in einem unbeobachteten Augenblick in den Baum zu hängen.

    In der Woche vor Heilig Abend tauchte ein Plakat neben den Briefkästen auf: „Plätzchen & Punsch für alle! Treffpunkt: 23.12. um 17:00 Uhr am Weihnachtsbaum – bitte eigene Becher mitbringen!“ Auweia, ob das was werden würde? In unserem sonst so anonymen Mietshaus, wo kaum einer seine direkten Nachbarn kannte? Ich hatte meine Zweifel.

    Am Nachmittag des 23. Dezember saß ich gespannt an meinem Schreibtisch am Fenster und wartete, was passieren würde. Und tatsächlich, kurz nach vier wurde es geschäftig. Mehrere Leute erschienen (wohnten die wirklich alle in unserem Haus?) und stellten Bierzeltgarnituren auf. Thermoskannen und Plätzchendosen wurden aufgebaut und durchs Fenster konnte ich leise Weihnachtsmusik hören. Und was ich nie für möglich gehalten hätte: der Zauber der Weihnachtstanne wirkte! Nach und nach gesellten sich immer mehr Menschen dazu, Alt und Jung bunt gemischt, dazu die verschiedensten Nationalitäten. Stimmengewirr und Gelächter drangen durchs Fenster bis in mein Zimmer hinein. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus, zog Stiefel und Jacke an, schnappte mir einen Teebecher und ging ebenfalls hinunter vors Haus. Dort wurde ich gleich freundlich empfangen, ein Stefan oder Steffen („Ich wohne eine Etage über Ihnen.“ – Woher wusste er das?) zog mich mit sich zum Buffet, bot mir Punsch mit oder ohne Alkohol an und forderte mich auf, mich am Gebäck zu bedienen, es sei von allem genug da und sie könnten jederzeit noch Nachschub holen. Ich stellte mich zu einer Gruppe von Leuten, die mir wenigstens teilweise bekannt vorkamen. Alle stellten sich vor und bezogen mich ganz selbstverständlich in ihr Gespräch mit ein. Die Weihnachtstanne war das Hauptthema, denn niemand wusste, wer den ersten Stern aufgehängt und damit den Stein ins Rollen gebracht hatte. Zwischendurch tauchte der Hausmeister auf und wollte zu einer Schimpftirade ansetzen von wegen Lärmbelästigung und Müll und überhaupt, wer soll den ganzen Plunder aus dem Baum wieder rausholen, aber auch er bekam einen Becher Punsch und zwei Lebkuchen in die Hand gedrückt und wurde mit dem Versprechen beruhigt, dass man sich schon um alles kümmern würde. Tatsächlich wurde eine Liste herumgereicht, wo man sich für den 6.Januar zur „Abschmückparty“ eintragen konnte und spontan schrieb ich meinen Namen dazu.

    Als ich Stunden später wieder zurück in meiner Wohnung war, sank ich müde aber irgendwie auch glücklich auf meine Couch und versuchte, mir einen Reim auf das zu machen, was ich an diesem Abend erlebt hatte. Ich hatte mit einer Mischung aus Neugierde und Misstrauen gegenüber den Menschen, die sich da vor meiner Haustür zusammengefunden hatten, meine Wohnung verlassen und zurückgekommen war ich mit einer Einladung für den 1. Feiertag, einer Verabredung zum Spieleabend an Silvester sowie der festen Zusage zum ersten Treffen des neu zu gründenden Lesekreises Anfang Januar. Wie konnte es sein, dass aus diesen völlig fremden Menschen plötzlich gute Bekannte, wenn nicht sogar Freunde geworden waren? Ich sah durchs Fenster hinaus zu der Tanne, die jetzt wieder allein an ihrem Platz stand. Alles war so ordentlich aufgeräumt, dass man fast meinen konnte, die Feier habe nie stattgefunden. Nur der kleine goldene Stern, mit dem alles angefangen hatte, blinkte im Schein der elektrischen Kerzen. „Freu dich doch einfach!“, schien er mir zuzuzwinkern. „Und frohe Weihnachten!“

  • 8. Dezember von Smorph


    Ungebetener Besuch


    Anna hatte gerade den Brotteig geknetet, der Ofen war noch nicht einmal richtig heiß.
    Ein friedlicher Tag.


    Bis es klopfte.


    Nicht das alltägliche Klopfen, wenn der Nachbar die Sense zurückhaben möchte.
    Nein — drei kurze, zwei lange. Sehr bedeutungsvoll.
    Das Klopfen eines Besuchers, der sich sicher ist, dass er der Höhepunkt des Tages sein wird.


    Anna seufzte. Das waren selten gute Leute.


    Sie öffnete die Tür.


    Davor stand ein Engel.


    Oder zumindest jemand, der sich sehr bemüht hatte, wie einer auszusehen.
    Die Flügel wirkten, als wären sie erst gestern Nacht aus dem Festdekorationseimer im Dorfgasthaus gezogen worden.


    Der Engel hob das Kinn, schwang den Arm und entrollte die Schriftrolle wie jemand, der sehr lange für diesen Moment geübt hat.
    Sie entrollte sich komplett – und blieb platt auf dem Boden liegen.
    Einen Moment lang sah er die Rolle an, als hätte sie ihn persönlich beleidigt.


    »Fürchte dich nicht, Maria! Denn siehe – du wirst empfangen und einen Sohn gebären, und sein Name wird—«


    Anna hob die Hand.
    So ruhig, wie nur Menschen sein können, die schon viele seltsame Tage erlebt haben.


    »Joachim?« rief sie über die Schulter, »Wir haben Besuch.«


    Aus dem Nebenraum ertönte das Geräusch eines Mannes, der versucht, hinter einem Möbelstück leiser zu atmen.


    Anna sah wieder zum Engel.
    »Ich glaube, da liegt ein Missverständnis vor«, sagte sie freundlich. »Ich bin Anna.«


    Der Engel starrte. Las. Stotterte.


    Und damit begann die Geschichte nicht mit einem Kind.
    Sondern mit einer Frau.


    »Oh«, sagte er schließlich.
    »Oh… oh. Ähm. Einen Moment.«


    Er drehte sich zur Seite und konferierte mit der Himmelszentrale. Leise. Verzweifelt. Mit Handzeichen.


    Dann wieder zu Anna: »Nun. Dann… herzlichen Glückwunsch. Du wirst ein Kind empfangen. Es soll Maria heißen.«


    Kurze Pause.


    »Wundervoll. Großartig. Segensreich.«
    Er klang, als lese er die Worte von einem schlechten Merkzettel ab.
    »Das wird bestimmt… hübsch.«


    Er verbeugte sich zu tief, stolperte über die Schriftrolle und verschwand hastig in die Ewigkeit.


    Anna schloss die Tür.


    »Joachim?«, rief sie.
    »Wir sollten Brot backen. Und… vielleicht ein paar Dinge besprechen.«


    Draußen krähte ein Hahn, der es auch nicht verstand.


    Nachbesserungen


    Im Jahr darauf – wieder am achten Dezember – kamen diesmal drei Engel.
    Sie hatten offensichtlich geübt: synchroner Auftritt, gemeinsame Atemtechnik.


    »Fürchte dich—«


    Anna öffnete die Tür einen halben Atemzug zu früh.


    »Ich weiß. Empfangen, Sohn, großer Name, göttliche Bestimmung. Danke. Sehr freundlich. Aber ich bin Anna. Und das Kind hinter mir, mit dem Gesicht voller Brotteig, heißt Maria. Wir hatten das bereits.«


    Die Engel sahen einander ratlos an, murmelten ein dreistimmiges »Oh«, verbeugten sich und trotteten davon.


    Maria naschte weiter entschlossen am Teig.



    Einmal – Anna war gar nicht zuhause – diktierte Joachim trocken und bestimmt:
    »Einschreiben nicht angenommen. Empfänger permanent unerreichbar.«


    Der Bote nickte.
    Und wirkte dabei, als habe er beruflich schon Schlimmeres gesehen.



    Irgendwann kamen sie sogar mit einem Chor – ein komplettes Ensemble in Weiß, mit Harfen und Dirigent.


    Anna öffnete das Fenster nur einen Spalt.
    »Bitte nicht. Wir haben schon eins.«


    Der Chor verstummte so abrupt, dass der Wind sich erschrocken umdrehte.



    Und am Ende erschien nur noch ein einzelner, sehr junger Engel.


    »F-fürchte dich—«, stotterte er tapfer.


    Anna kniete sich zu ihm herunter.
    »Schatz. Frag nächstes Jahr vorher nach dem Namen. Okay?«


    Der Engel nickte und bekam dann ein Stück Kuchen mit auf den Weg.



    »Mama, warum kommen die immer zu dir?«, fragte Maria.


    Anna seufzte sanft.
    »Weil im Himmel niemand Listen führt, mein Schatz.«



    Zwei Menschen


    Die Jahre gingen weiter wie Jahre eben gehen:
    Brot backen, Wäsche, Feste, Stille.


    Und Maria wuchs.
    Vom »Brotteigkauerchen« zu einer warmen, klugen jungen Frau.
    Und mit ihr die Geschichten, die Menschen über sie erzählten.


    Gemeinsam mit Josef saß sie auf der Mauer hinter dem Haus.
    Dort, wo man das Dorf sieht, aber das Dorf einen nicht.


    Sie hielten sich an den Händen, vorsichtig, als könne Liebe zerbrechen, wenn man sie zu fest hält.


    »Ich glaube… ich bin schwanger«, sagte Maria.
    Und für einen Atemzug sah sie aus wie jemand, der sich bereit macht, eine Last zu tragen, bevor man sie ihr überhaupt gibt.


    Josef schwieg.
    Nicht aus Angst.
    Sondern um zu verstehen.


    Dann nickte er.


    »Okay. Wir kriegen das hin. Ich liebe dich. Das bleibt.«


    Maria atmete, lang, zittrig.
    Dann sagte sie leiser:


    »Du weißt, wie Mama über… göttliche Dinge denkt.«

    Josef verstand.
    Nicht die Worte, sondern den Schatten dahinter.


    »Sie wird dich nicht verurteilen«, sagte er.
    »Sie wird vieles sagen. Wir hören ihr zu. Und bleiben.«


    Maria lachte kurz. Ein Lachen, das fast ein Weinen war.


    Nach einer Weile sagte Josef: »Du hast doch von diesen Engeln erzählt. Vom Chor. Den Trompeten.«


    Maria sah ihn an.
    »Josef. Was hast du vor.«


    Er lächelte. Warm. Etwas schief. Sehr menschlich.
    Und ein bisschen schelmisch.


    »Ich muss die Fußballmannschaft zusammentrommeln.«


    Maria schloss kurz die Augen.
    »Das sind aber keine Engel.«


    Josef grinste.
    »Nein. Aber sie kommen, wenn man sie ruft.«


    Sie blieben noch eine Weile auf der Mauer sitzen — dort, wo das Dorf aufhört und der Himmel beginnt.



    Die »himmlische« Verkündung


    Es war wieder der achte Dezember. Und es klopfte erneut.
    Ganz gewöhnlich. Kein Donner, keine Fanfare.


    Anna öffnete die Tür.


    Da standen sie.
    Elf junge Männer, mit Flügeln aus Hühnerfedern, die in ihrer Unbeholfenheit fast rührend wirkten.


    Vorne Josef.
    Die Hände zitternd.
    Die Augen voller Mut.


    Er hielt eine kleine Pergamentrolle hoch.
    Keine große Geste. Nur ehrlich.


    »Fürchte dich nicht, Anna… denn siehe… Maria erwartet ein Kind. Ein Kind, das Licht bringen wird. Und Wärme. Und Liebe.«


    Hinter ihm stimmte einer Gesang an: »Hooooosi—«
    Ein Ellenbogen stoppte ihn rechtzeitig.


    Maria versteckte sich hinter Joachim.
    Die Finger ineinander verschlungen.
    Sichtbar. Klaglos.


    Anna sah ihre Tochter an.
    Und wusste.
    Nicht wegen einer Prophezeiung.
    Sondern weil Mütter solche Dinge wissen.


    Sie legte ihre Hand auf Marias Hand.


    »Schon gut«, sagte sie.
    Nicht überrascht.
    Nicht erschrocken.
    Nur liebend.


    Und in diesem Moment war alles wahr genug.



    Und so erzählt man sich heute


    In den Jahren danach erzählten Anna und Joachim die Geschichte so weiter, wie Eltern Dinge erzählen, die zu schön oder zu peinlich sind, um schlicht zu sein.


    Mit einem Hauch Ausschmückung.
    Mit einem Kern Wahrheit.
    Und mit Liebe, die übrig bleibt, wenn alles andere abfällt.


    Maria und Josef liebten sich, und das Kind kam. Es wirkte gewöhnlich — und ließ doch etwas Unaussprechliches zurück.


    Deshalb lächeln die Wissenden, wenn am achten Dezember jemand ruft: »Heute feiern wir die Empfängnis!«


    Denn es war nicht das Kind, das empfangen wurde.
    Sondern die, die es später empfangen sollte.


    Vielleicht hat niemand es je richtiggestellt.

  • Der 9. Dezember von Sinela


    So ein Chef hat es wahrlich schwer


    Der große Mann stand am Fenster und schaute hinaus auf die winterliche Landschaft. Der Schnee bedeckte Wiesen und Wege und auch auf den Bäumen war die weiße Pracht liegen geblieben. Er atmete tief ein und schnipste dann mit den Fingern, worauf die Wege von jetzt auf gleich schneefrei dalagen, sodass die Kobolde und Elfen ohne zu rutschen darüber laufen konnten. Der Mann grinste, es hatte schon was für sich, wenn man der Chef von allem war. Wobei er sagen musste, dass er am liebsten nochmal schnippen würde, damit der Frühling oder noch besser der Sommer in das Land hinter den Wolken einkehren würde. Er möchte den Winter nicht, es war kalt und dunkel, aber es passte halt gut zur Adventszeit. Spontan beschloss er, mit dem Weihnachtsmann zu sprechen. Der Chef verließ sein Zimmer, um zum allwissenden Monitor zu gehen. Dort angekommen ließ er sich mit dem Nordpol verbinden und erschauerte, als sich das Bild aufgebaut hatte. Dort lag ja noch mehr Schnee als hier! Und es musste bitterkalt sein und an den Dächern der Häuser und auch an den Ästen der Bäume hingen Eiszapfen. Doch was war das? Er traute seinen Augen kaum, selbst an den dort vereinzelt stehenden Iglus hingen diese! Wie hielt der Weihnachtsmann das nur aus? Der allwissende Monitor beantwortete diese Frage, denn jetzt war ein kleiner Mann mit einem ausladenden Bauch zu sehen, der mit wärmender Kleidung angezogen war.

    "Es freut mich, dass du dich meldest."

    Der Chef zog die Augenbrauen hoch, das hört sich ganz danach an, als gäbe es Probleme.

    "Warum, ist etwas nicht in Ordnung?"

    "Nein, alles bestens, die Kobolde sind fleißig. Wir sind im Zeitplan, die Geschenke für Amerika werden rechtzeitig fertig."

    "Dann bin ich beruhigt. Und es bleibt dabei, sobald du deine Geschenke verteilst hast, dann kommst du her und holst die Geschenke für die restliche Welt."

    Der Weihnachtsmann nickte so heftig, dass sein Doppelkinn hin und her schwang. Aber bevor er erneut das Wort ergreifen konnte, beendete der Chef das Gespräch und drehte sich um.

    "Was gibt es?", fragte er die Elfe, die gerade in den Raum geschwebt kam.

    "Wir haben ein kleines Problem, Chef. Die Elfen weigern sich, mit den Kobolden zusammenzuarbeiten."

    Der große Mann seufzte, warum kann nicht ein einziges Jahr mal alles reibungslos verlaufen.

    "Was ist denn jetzt wieder?"

    "Die Elfen fühlen sich von dem Gerülpse und - ich sage es mal in einem netten Wort - Gepupse der Kobolde gestört. Letztere stinken zum Gotterbarmen, deshalb sind schon einige Elfen ohnmächtig geworden. Außerdem sind die Kobolde laut, das tut den Elfen in den Ohren weh. Und obendrein machen sie sexuelle Anspielungen und Annäherungsversuche. So geht das einfach nicht weiter!"

    Der Chef seufzte erneut, warum nur waren die Elfen so zarte und empfindliche Wesen?

    "Na gut, ich sehe schon, es geht nicht anders. Die Elfen können in Gebäude 3 umziehen, aber erst morgen, dort muss noch das eine oder andere hergerichtet werden."

    "Vielen Dank, das wird die Elfen freuen, dass du ihre Sorgen ernst nimmst und sie vor den Kobolden beschützt."

    Der Mann schaute der Elfe, die wieder aus dem Raum schwebte, nach. Kaum war sie verschwunden, grinste er. Elfen, die vom Gestank der Kobold-Furze ohnmächtig wurden. Was es nicht alles gab!



    Die Tage zogen ins Land und schon stand Weihnachten vor der Tür. Die Geschenke waren alle fertig und wurden gerade auf der ganzen Welt verteilt. Da der Weihnachtsmann und seine Rentiere doch schon in die Jahre gekommen waren und deshalb nicht alle Geschenke verteilen konnten, halfen ihm die Elfen aus. Alles lief wie am Schnürchen, bis ...

    "Chef, Chef, es gibt ein Problem."

    "Was ist denn jetzt schon wieder?"

    "Almina hatte einen kleinen Unfall und kann die restlichen Geschenke nicht mehr verteilen."

    "Dann soll das halt eine andere Elfe übernehmen."

    "Sind alle im Einsatz, Chef. Nur noch .."

    "Sprich den Namen ja nicht aus Salavia, oder ich vergesse mich!"

    "Ich meinte ja nur, ich meine, was machen wir denn jetzt?"

    "Mir wird schon was einfallen. Und jetzt raus mit dir, ich muss nachdenken."

    Der Engel nickte und verließ den Raum. Der große Mann fing an, hin und her zu laufen. Was sollte er nur machen? Dass einige Kinder ihre Geschenke nicht bekamen, nein, das ging auf keinen Fall. Ob er vielleicht selbst ... Da umfingen Arme von hinten und ein Körper schmiegte sich an seinen. "Was bedrückt dich denn?"

    Der Chef drehte sich um und stand Aurelia jetzt ganz nah gegenüber, immer noch in ihren Armen gefangen.

    "Almina fällt aus .. nein, nein, nichts Schlimmes, der Unfall verlief zum Glück glimpflich, aber sie kann die Geschenke nicht mehr verteilen. Und einen Ersatz habe ich noch nicht gefunden."

    Aurelia ließ den Chef los und trat einen Schritt zurück.

    "Na ja, dann muss wohl doch wieder ..."

    "Nein, auf keinen Fall! Das gäbe doch nur wieder Chaos und eine Katastrophe würde die nächste jagen. Mir wird schon noch was anderes einfallen."

    "Ach Chef, du weißt doch im Grunde deines Herzens, dass es keine andere Möglichkeit gibt. Und schlimmer als in den letzten Jahren kann es doch eigentlich nicht mehr werden, oder?"

    Der Mann begann wieder durch das Zimmer zu laufen, aber nach einer Weile blieb er mit dem Rücken zu Aurelia stehen und ließ seine Schultern hängen.

    "Also gut, dann schick einen der Kobolde zu Luana und lass sie hierher bringen."

    Aurelia nickte und ging hinaus. Sie wollte der Elfe selbst die frohe Botschaft überbringen und war schon sehr auf deren Reaktion darauf gespannt.



    Aurelia atmete tief durch und öffnete dann die Tür zu dem Zimmer, in dem Luana saß. Diese schaute nicht auf, sondern widmete sich weiter ihrer Häkelei. Lange breite Stücke in allen möglichen Farben lagen überall herum, auf dem Boden, auf den Möbeln, es sah aus, als hätte jemand einen Schrank ausgeräumt und die dort befindlichen Schals alle herausgezogen.

    "Luana, kannst du mal für einen Augenblick aufhören mit dem häkeln?"

    Die Elfe ließ ihre Hände sinken und legte sie auf ihre Oberschenkel. Vorsichtig hob sie ihren Kopf und schaute Aurelia an.

    "Was habe ich jetzt wieder falsch gemacht?", fragte sie ängstlich.

    "Nichts, im Gegenteil, ich habe eine gute Nachricht für dich."

    "Eine gute Nachricht? Wirklich? Ist der Chef nicht mehr böse auf mich?"

    Aurelia beschloss die Wahrheit ein wenig zu beschönigen.

    "Mmh, was soll ich sagen - er hat ein gutes Herz und will dir nochmal eine Chance geben."

    Luanas Augen begannen zu leuchten. Konnte es wirklich sein, dass sie nicht mehr weiter häkeln musste? Dass sie wieder in den Außeneinsatz gehen und den anderen Elfen helfen durfte?

    "Ist das wirklich wahr?", hauchte sie. "Ich darf Geschenke verteilen?"

    "Ja, du darfst auf die Erde fliegen und den Kindern dort ihre Weihnachtsgeschenke bringen."

    Jetzt hielt Luana nichts mehr auf ihrem Stuhl. Sie sprang auf, schnappte sich so viele ihrer Häkelbahnen, wie sie tragen konnte, und lief an Aurelia vorbei ins Freie. Dort stieß sie einen lauten Freudenschrei aus und warf die bunten Schals hinauf in die Luft. Doch in ihrem Überschwang hatte sie ihnen zu viel Schwung gegeben und sie flogen weit hinauf in den Himmel - und kamen nicht wieder zu Luana zurück, sondern zogen mit dem dort wehenden Westwind über dem Himmel. Polarlichtern gleich geisterten sie über das Firmament, aber nicht nur in Grün, Rot und Violett, sondern auch in Blau, Gelb, Braun, Orange und vielen Farben mehr. Aurelia, die inzwischen neben Luana stand, konnte es nicht glauben. Wie sollte sie das dem Chef erklären?



    Dieser wusste noch nichts von seinem Glück, aber das änderte sich schnell. Murmur, einer seiner Engel, der an diesem Tag Dienst am allwissenden Monitor hatte, holte den Chef, um ihm die Auswirkungen von Luanas überschäumender Freude zu zeigen. In den Regionen, in denen es dunkel war, standen die Menschen auf den Straßen und blickten in den Himmel. Die einen entsetzt und voller Angst, die anderen vollig fasziniert von dem, was da über ihren Köpfen geschah. Der Chef merkte, wie sein Blutdruck in ungeahnte Höhen stieg, schnippte einige Male mit seinen Fingern und die Polarlichter waren weg. Ein weiteres Schnippen gewährleistete, dass sich die Menschen nicht mehr an dieses Naturschauspiel erinnern konnten. Und dann rannte er hinaus, zu Luana und Aurelia. Er glich einem Dampfkessel, der kurz vor dem Explodieren stand, so rot war sein Kopf geworden, seine Ohren glühten regelrecht. Als Luana ihn kommen sah, drehte sie sich um, rannte in ihr Zimmer und verschloss die Tür.

    "Mach sofort auf! Ich werde ..."

    "... mich erst mal beruhigen", hörte er eine Stimme hinter sich. Aurelia legte ihm die Hände auf die Schultern.

    "Nein, auf keinen Fall! Diese Elfe treibt mich in den Wahnsinn! Egal was sie macht, es artet in eine Katastrophe aus!"

    "Sie hat sich doch nur gefreut. Und zwar darüber, dass du ihr noch eine Chance gibst. Du hättest ihre Augen leuchten sehen sollen, als ich ihr das gesagt habe. "

    "Gefreut? Na, da will ich nicht wissen, was alles passiert, wenn sie mal wütend wird. Ich muss hier weg, sonst vergesse ich mich."

    Der Chef drehte sich um und lief hinaus. Er musste sich abreagieren, das ging am besten, wenn er Gitarre spielte und dazu sang. Gut, besonders schön sang er nicht, aber wenn es jemand störte, dann sollte er sich halt Watte in die Ohren stopfen.



    Luana flog mit den Geschenken, die sie verteilen sollte, über die unter ihr liegende Landschaft. Sie summte leise vor sich hin, war einfach nur glücklich, dass sie nicht mehr in dem kleinen Zimmer sitzen und häkeln musste. Leider hing sie ein wenig zu sehr ihren Gedanken nach, denn sie merkte nicht, dass dichter Nebel aufzog und sie von einer Sekunde zur anderen einhüllte. Sie sah kaum noch etwas, weshalb sie ihre Flughöhe ein wenig reduzierte. Was keine gute Idee war, wie sie relativ schnell merkte, denn sie sah den großen Baum, der in ihrem Weg stand nicht und flog mit Karacho dagegen. Sie konnte die Geschenke nicht mehr festhalten, welche zu Boden fielen. Auch Luana musste der Schwerkraft folgen und landete unglücklicherweise auf einigen der Pakete. Und wurde von dem von den Ästen des Baumes fallenden Schnee zugedeckt. Prustend tauchte die Elfe aus der weißen Pracht auf und jammerte erst einmal eine Runde. Der Aufprall war ganz schön hart gewesen, das gab bestimmt blaue Flecken. Aber dann erinnerte sich Luana wieder an ihre Aufgabe und verdrängte die Schmerzen. Sie befreite sich aus dem Schneehaufen und begann die Geschenke zu suchen. Sie fand auch alle, allerdings waren zwei davon jetzt ziemlich platt. Hoffentlich war nichts Zerbrechliches darin gewesen - und hoffentlich hatte auch der Chef nichts von ihrem Missgeschick mitbekommen! Luana beschloss zu laufen, solange der Nebel so dicht war. Sicher war sicher!



    Die kleine Elfe stand vor dem großen Haus und überlegte, wie sie hineinkommen könnte. Nur noch die Geschenke für diese Familie, dann hatte sie alle ausgetragen und das ohne weitere Missgeschicke. Sie lief um das Haus herum, aber alle Fenster und Türen waren geschlossen. Zum einen wegen der Kälte, zum anderen aber auch, weil niemand zuhause war. Luana sah nach oben, es half wohl nichts, sie musste durch den Kamin einsteigen. Sie flog auf das Dach, kletterte in den Kamin und fiel. Mit einem Plumps landete sie auf dem Boden, der Ruß flog in einem weiten Bogen in den Raum hinein und färbte die dort alles schwarz. Auch Luana war nicht mehr als Elfe zu erkennen, denn auch an ihr haftete der Ruß. Sie fluchte ganz unelfenhaft, machte sich dann aber auf den Weg und legte die Geschenke unter den Weihnachtsbaum. Auf dem Rückweg bemerkte sie, dass sie überall kleine Schuhabdrücke hinterließ. Erst jetzt fiel ihr auf, dass alles voller Ruß war. Oh man, wie sollte sie das nur dem Chef erklären? Am besten wäre es wohl, sie würde alles wieder sauber machen. Und schon lief sie los, suchte die Küche, fand sie ebenso wie einen Eimer und einen Putzlappen sowie Putzmittel. Schnell Wasser in den Eimer, das Putzmittel dazu und schon ging es zurück ins Wohnzimmer. Sie fing an den Boden zu putzen, aber es wurde dadurch eher schlimmer als besser. Und als sei das noch nicht genug, hörte sie plötzlich, wie der Schlüssel in die Haustüre gesteckt wurde und die Familie zurückkam. Luana ließ alles stehen und liegen und versteckte sich hinter dem Weihnachtsbaum.

    "Das war wirklich eine schöne Predigt", sagte der Herr des Hauses.

    "Ja, da bin ich ganz deiner Meinung, mein Lieber. Wir sollten öfter in die Kirche gehen."

    "Aber ohne mich", antwortete einer ihrer Söhne.

    "Du gehst mit, fertig. Da gibt es nichts zu diskutieren".

    Während sich die Menschen unterhielten, hatten sie sich ihre Mäntel, Jacken und Schuhe ausgezogen und gingen dann ins Wohnzimmer.

    "Was zum Teufel ist denn hier los?"

    Fassungslos standen die Familienmitglieder vor dem Chaos. Die beiden Söhne grinsten sich an, ob das wohl der Weihnachtsmann gewesen war? Ihre Mutter ging einige Schritte in Richtung des Weihnachtsbaumes, ihr Gesicht und ihre Ohren waren hochrot geworden.

    "Schatz, reg dich bitte nicht auf, das kann man alles saubermachen?"

    "Ich rege mich nicht auf, ich habe eine Hitzewallung! Ich verbrenne innerlich!"

    Als die Elfe das hörte, gab es kein Halten mehr für sie. Luana verließ ihr Versteck und rannte an den verblüfft dreinschauenden Menschen vorbei, öffnete die Tür und fing an, den auf der Wiese vor dem Haus liegenden Schnee aufzusammeln. Als sie eine große Portion in ihren Händen hielt, rannte sie zurück und stopfte der Frau die weiße Pracht hinten und vorne in das Kleid, das sie trug.

    "Spinnst du? Hol das sofort wieder raus!"

    "Ja, aber dir ist doch heiß, da hilft Schnee am besten."

    Die Frau begann hin und her zu springen, versuchte mit den Händen den Schnee aus ihrem Kleid zu holen, aber es gelang ihr nicht. Deshalb riss sie es sich einfach mitsamt dem kalten Zeug vom Leib und stand in der Unterwäsche da. Ihr Mann und ihre Söhne hatten alles mit weit aufgerissenen Augen verfolgt. Luana hingegen hatte beschlossen, sich schleunigst vom Acker zu machen.



    Vor dem allwissenden Monitor stand indes der Chef und raufte sich die nicht mehr vorhandenen Haare. Diese Elfe wäre nochmal sein Tod - so er denn sterben könnte. Wenn er sie jetzt vor ihm stehen würde,- würde er sie erwürgen. Deshalb sagte zu der neben ihm stehenden Aurelia:

    "Ich kann für nichts garantieren, wenn mir Luana unter die Augen kommt. Schick sie irgendwohin, wo es keinen Schnee gibt. Wer weiß, was sie sonst noch anstellt. Mit dem Geschenke austragen ist sie ja fertig, da kann nicht mehr viel passieren."



    Zwei Tage später kam der Chef an dem Zimmer mit dem allwissenden Monitor vorbei, schaute kurz rein, ging weiter, stutzte, blieb stehen und drehte um. Wieder beim Zimmer angekommen, schaute er sich die Szene an: Vier, nein fünf männliche Engel standen um den Monitor herum. Ihnen fielen fast die Augen aus dem Kopf, Schnappatmung sah er bei dem einen oder anderen auch.

    "Was ist denn hier los?"

    Die Engel drehten sich so schnell um, dass einer von ihnen ins Trudeln kam und hinfiel. Doch sofort sprang er wieder auf und stellte sich - wie die anderen auch - vor den allwissenden Monitor.

    "Nichts Chef, was soll schon sein?"

    "Aha, warum geiert ihr dann alle so in den Monitor? Habt ihr nichts anderes zu tun?"

    Die Engel drucksten herum, einer errötete stark - was ihm so ganz nebenbei gesagt sehr gut stand - und ein anderer begann stark zu schwitzen.

    "Los, macht Platz, ich will mir mal anschauen, was euch so fasziniert hat."

    Und schon ging er mit forschen Schritten auf die Engel zu, die sofort zur Seite wichen als er kam. Der Chef schaute in den allwissenden Monitor und bekam nun seinerseits Schnappatmung: Er sah einen Strand mit Palmen, das Meer war azurblau und kleine Wellen schwappten an Land. Und da - da war Luana und tanzte vor einer begeisterten Menschenmenge, die hauptsächlich aus Männern bestand. Was verständlich war, denn die Elfe hatte nur einen kurzen Bastrock an, sonst nichts! Der Chef rieb sich die Augen, schüttelte den Kopf, doch das Bild veränderte sich nicht.

    "Murmur!"

    "Ja, Chef", antwortete der angesprochene Engel.

    "Flieg sofort los und hol diese Elfe!" Er drehte sich um. "Du bist ja immer noch da!"

    "Das sieht nur so aus, ich bin schon weg."

    Der große Mann schaute die anderen Engel an.

    "Und ihr verschwindet auch auf der Stelle. Und vergesst, was ihr gesehen habt, ist das klar?"

    Zustimmendes Gemurmel und schon war der Chef alleine.



    Diesmal vollständig angezogen stand Luana vor dem Chef. Dieser wütete jetzt schon eine geschlagene Viertelstunde und so langsam wurde es der Elfe unheimlich. Zum Glück ging in diesem Moment die Türe auf und Aurelia kam herein.

    "Was willst du denn hier?", schnauzte der Chef seinen Lieblingsengel an.

    "Man hört dich bis hinaus in die Werkstätten der Wichtel schreien. Geht das nicht auch etwas leiser?"

    "Leiser? Leiser? Ich habe sowas von genug von dieser Elfe. Ich werde sie in ihre Häkelstränge einwickeln und in den Himmel hinauf werfen. Da kann sie dann bis ans Ende ihrer Tage als Polarlicht herumfliegen!"

    "Hast du dir das auch wirklich gut überlegt?"

    "Mmh, wahrscheinlich nicht, wer weiß, was ihr dann wieder einfällt. Es wird besser sein, sie bleibt hier unter meiner Kontrolle. Und häkelt bis ans Ende ihrer Tage!"

    Luana atmete auf, der Tonfall des Chefs war sanfter geworden, er schien sich etwas beruhigt zu haben. Deshalb wagte sie es und fragte.

    "Ich würde zur Abwechslung gerne mal etwas stricken anstatt immerzu zu häkeln."

    "Auf keinen Fall! Es wird weiter gehäkelt und damit basta! Geh mir aus den Augen! Sofort!"

    Luana rannte davon, nur weg von dem großen Mann, der so wütend auf sie war. Und so kam es, dass die Elfe wieder in ihrem Zimmer saß und fleißig häkelte. Wobei sie sich heimlich ein Paar Stricknadeln besorgt hatte und hin und wieder etwas strickte, denn was der Chef nicht wusste ...

  • 10. Dezember von Smorph


    **An**: himmel@some-company.com
    **Betreff**: Mein Wunschzettel (und was ich sonst noch sagen wollte)


    Hallo lieber Himmel,


    ich heiße Emil Schneider und ich bin acht. Ich schreibe vom Laptop von Papa, weil Mamas Computer nicht mehr angeht (er macht nur bzzz und dann Rauch, das war lustig und schlimm gleichzeitig).


    Mama sagt, wir müssen dieses Jahr sparen. Ich glaub, das ist, weil der Fernseher kaputt war und Papa meinte, ein neuer ist nicht drin. Ich hab aber vorgeschlagen, wir könnten einfach wieder Uno spielen, aber dann hat Mama nur gelächelt, so ein halbes Lächeln, das schnell wieder weg war.


    Ich weiß nicht genau, warum Papa immer so müde ist. Er sagt, er arbeitet jetzt Schicht, und manchmal kommt er erst, wenns draußen schon wieder hell ist. Dann isst er Frühstück, aber eigentlich schläft er dabei fast ein.


    Mama war früher Verkäuferin, aber sie geht jetzt nur noch manchmal arbeiten. Sie sagt, ihr Rücken mag das Stehen nicht mehr. Ich glaub, das kommt noch von der Zeit, als sie so lange im Krankenhaus war.


    Ich hab sie damals nicht besuchen können, weil Kinder da nicht rein dürfen. Papa hat immer gesagt Mama wird bald wieder ganz gesund, und dann hat er abends in der Küche gesessen und ganz leise geredet, damit ichs nicht höre.


    Jetzt ist Mama wieder zu Hause, und sie sagt, ihr Rücken ist nur manchmal bockig. Aber ich glaube, sie ist einfach noch sehr müde von damals.


    Also, mein Wunschzettel:

    • Dass Mama wieder richtig lacht. So mit diesem komischen Kichern, bei dem sie immer die Hände vors Gesicht hält.
    • Dass Papa mal einen Tag gar nicht müde ist. Vielleicht so richtig ausgeschlafen.
    • Wenn dann noch Platz ist: das Lego-Raumschiff mit den blinkenden Lichtern (nicht das kleine, das große, bitte!).

    Mama sagt, dieses Jahr wirds vielleicht etwas kleiner. Aber ich find, kleiner ist auch okay, solang es warm bleibt. Wir haben jetzt alle dicke Pullis an, und ich darf im Wohnzimmer schlafen, weils da am wärmsten ist.


    Ich hoffe, die Imel kommt bei dir an. Ich schreib nämlich über Papas Firma, da gibts irgend so was mit VPN. Papa sagt, das geht durch einen Tunnel – und ich dachte, dann kommts ja vielleicht bis in den Himmel.


    Liebe Grüße,
    dein Emil


    PS: Wenn du antwortest, schreib bitte: an Emil. Mama sagt, man soll keine Nachrichten von Fremden öffnen. Aber du bist ja keiner. Du bist der Himmel.


    ----


    **Von**: Karl Himmel <k.himmel@some-company.com>
    **An**: Werner Schneider <w.schneider@some-company.com>
    **Betreff**: Für Emil (Re: Dein Wunschzettel)


    Lieber Emil


    ----


    … aber mehr dazu erst morgen

  • Der 11. Dezember von Smorph


    **Von**: Karl Himmel <k.himmel@some-company.com>
    **An**: Werner Schneider <w.schneider@some-company.com>
    **Betreff**: Für Emil (Re: Dein Wunschzettel)


    Lieber Emil,


    vielen Dank für deine E-Mail. Ich arbeite zwar nicht direkt im Himmel, sondern nur in der IT-Abteilung von Papas Firma, aber dein Brief ist bei mir gelandet. Und ich glaube, das war genau richtig so.


    Ich bin Karl Himmel. Ja, der Name ist Zufall, ehrlich. Ich kümmere mich sonst um Kabel, Server und Menschen, die aus Versehen ihre Tastatur in Kaffee tauchen. Aber manchmal landet etwas in meinem Postfach, das wichtiger ist als alles andere.


    Ich habe deinen Wunschzettel gelesen. Du schreibst beeindruckend klug für dein Alter – und deine E-Mail hat eine Wirkung gehabt, von der unsere Router nur träumen.


    Wunder kann ich nicht versprechen, aber vielleicht kenne ich hier im Haus jemanden, der ein bisschen helfen kann. Hier oben (also im dritten Stock, nicht im Himmel) nennen wir das Netzwerkpflege.


    Du solltest auf jeden Fall brav sein, Emil. Ich glaube, dieses Jahr wird sich etwas verändern. Mehr kann ich leider noch nicht verraten.

    Frohen Advent, kleiner Mann. Und danke, dass du mich erinnert hast, warum Weihnachten wichtig ist.


    Dein Karl (aus der IT)


    ----


    … morgen geht es weiter …

  • Derr 12. Dezember von Smorph


    **Von**: CEO <vorstand@some-company.com>
    **An**: Werner Schneider, Produktion, Werk 2
    **CC**: Karl Himmel, Personalabteilung
    **Betreff**: Eine kleine Weihnachtsangelegenheit


    Lieber Herr Schneider,


    Ich habe gestern eine E-Mail gelesen, die mich sehr berührt hat.
    Eigentlich war sie gar nicht an mich gerichtet, aber sie fand den Weg zu mir.


    Seit Jahren leisten Sie in unserer Produktion großartige Arbeit. Ihre Kolleginnen und Kollegen haben mehrfach betont, wie sehr sie Ihren Einsatz schätzen – und dass Sie in schwierigen Zeiten nie den Mut verloren haben.


    Es ist Zeit, das anzuerkennen. Ihre Gehaltsstufe wird mit Wirkung zum 1. Dezember angepasst. Außerdem hat Ihr Team in Absprache mit der Personalabteilung beschlossen, Ihnen je zwei Urlaubstage abzugeben, damit Sie bis Ende Januar mehr Zeit für Ihre Familie haben.


    Bitte setzen Sie sich außerdem direkt mit Frau Dokuszil vom Betriebsrat in Verbindung. Zwar kenne ich aus Datenschutzgründen nicht alle Hintergründe, doch eines gilt bei uns ohne Einschränkung: In Situationen, in denen Krankheit in der Familie zu finanziellen Belastungen führt, stehen wir als Unternehmen verlässlich an der Seite unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wir werden eine sachgerechte und nachhaltige Lösung finden.


    Und noch etwas: Ich habe eben zufällig den Weihnachtsmann unten am Empfang getroffen. Er hat dort ein Lego-Raumschiff hinterlegt – mit blinkenden Lichtern, versteht sich.
    Vielleicht wissen Sie, für wen das gedacht ist.


    Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie ein frohes Weihnachtsfest.


    Mit herzlichen Grüßen,
    Dr. Jens Albrecht
    Vorstandsvorsitzender


    ----


    Für Emil war dieses Weihnachten mehr als verwirrend.


    Der Weihnachtsmann hieß eigentlich Karl.
    Seine Elfen nennen sich Vorstandsvorsitzende.
    Oder war es umgekehrt?
    Naja … egal.


    Und manche Geschenke waren ein bisschen seltsam:
    Sie kamen zu früh, und Mama lachte und weinte gleichzeitig.
    Aber hauptsächlich lachte sie.
    Papa war beim Frühstück immer noch müde.
    Aber diesmal: Weil er und Emil bis spät in die Nacht Uno gespielt hatten – und Papa beim vierten Durchgang so laut lachen musste, dass Mama aus dem Schlafzimmer gerufen hat, wir sollen nicht das ganze Haus wecken.



    Und das Lego-Raumschiff?

    Das kam pünktlich am Heiligen Abend.

    Und zwar das große.

  • Der 14. Dezember von magico

    Die Sache mit dem Weihnachtsmarkt

    Glocken und Fanfaren läuteten nicht nur die Adventszeit sondern auch die blaue Stunde ein. Vier Uhr am Nachmittag!

    Doch das machte den besonderen Reiz der Vorweihnachtszeit für Thomas Ehrlichmann aus. Erst durch die Dunkelheit kamen all die hübsch geschmückten Häuschen, Laternen und Glühweinstände zur Geltung.

    Es glitzerte und funkelte, es leuchtete hell und auch ganz sanft. Aus nicht allzu weiter Ferne drang ein bedächtliches "Stille Nacht, heilige Nacht" an seine frierenden Ohren. Er zupfte die Wärmer wieder zurecht. Die sahen zwar reichlich albern aus, aber in diesem Fall ging Zweck vor Optik.

    "Na, sind sie auch wieder da?", hörte er eine gebrechliche Frauenstimme.

    Er musste seinen Blick etwas nach unten richten. Frau Luksch, ein langjährige Stammkundin, war vor seinem Weihnachtsmarktverkaufsstand aufgetaucht. Was für ein unromantisches Wort, für etwas, das doch Gemütlichkeit ausdrücken sollte.

    "Ja, Frau Luksch. Wie jedes Jahr", antwortete er brav.

    Die kleine ältere Dame hörte nicht mehr gut, aber nickte freundlich.

    "Wissen Sie, ich würde ja gerne etwas für meinen Hermann kaufen, aber ..."

    Ehrlichmann wusste, dass Hermann bereits vor zwei Jahren verstorben war. Ein schwerer Schlag für die nette Frau Luksch.

    Sie rang nach Worten. "Wenn wenigstens die Enkel kommen würden", fuhr sie dann kläglich fort.

    Da hatte er es leicht. Auf ihn wartete niemand und er erwartete auch niemanden. Es war ihm eine Freude und Genugtuung seinen Stand auf dem Weihnachtsmarkt haben zu dürfen.

    Sicher, die Leute kauften hauptsächlich andere Dinge, wenn sie so richtig in Adventsstimmung oder im Glühweinrausch waren. Leuchtende Papiersterne, Räuchermännchen, Weihnachtsbaumschmuck und natürlich jede Menge Leckereien.

    Lederwaren gehörten äußerst selten dazu. Hin und wieder wollte jemand ein neues Portemonnaie. Vielleicht auch mal ein kleines Täschchen.

    Aber Thomas Ehrlichmann war nicht wegen des Profits hier. Er mochte einfach die Atmosphäre.

    Aufrichtig bekundete er sein Mitleid gegenüber Frau Luksch und wünschte ihr dennoch eine schöne Adventszeit.

    Als er wieder hinüber zur angestrahlten Kirche sah, begannen die ersten Flöckchen vom Himmel hernieder zu tanzen. Konnte es noch gemütlicher werden?

    "Was macht man damit, Mama?" Ein dick eingepacktes Mädchen grapschte mit ihren Fausthandschuhen nach einem kleinen Umhängebeutel für Kinder. Dunkles Altrosa mit grünem Blumenmotiv.

    "Da kann man Geld reintun, mein Schatz."

    "Hassu Geld?", fragte die Tochter.

    "Ja, Mäuschen, aber wir wollten dir doch jetzt eine Schokobanane holen."

    "Kost die auch Geld?"

    "Ja. Nun komm."

    Die beiden gingen weiter.

    Ehrlichmann wurde meist sehr sentimental, wenn es um kleine Kinder ging. Er hatte nie welche gewollt oder viel mit ihnen zu tun gehabt, aber dem Zauber einer unschuldigen Kinderstimme erlag er jedes Mal. Am liebsten hätte er der Kleinen das Täschchen sofort geschenkt. Er rückte es wieder zurecht.

    Die Flocken wurden dichter. Zeit für einen Schluck Tee, dachte er und schraubte den Deckel von der Thermoskanne. Hagebutte! Nichts half an einem Winterabend besser gegen die Kälte.

    Er nahm einen kräftigen Schluck. Das Getränk war noch sehr heiß, aber das musste es ja auch sein. Kleine Dampfwölkchen verließen seinen Mund.

    Thomas Ehrlichmann konnte sich nicht helfen, doch irgendwie fühlte er sich beobachtet. Aufmerksam ließ er seinen Blick über das fröhliche Treiben schweifen.

    Eine größere Runde junger Erwachsener stand um einen hohen Tisch, die Glühweintassen fest im Griff. Sie lachten und scherzten. Eine sichtlich überforderte Großmutter versuchte mit ihren beiden Enkeln Schritt zu halten. Einer wollte sie zum Karussell ziehen, der andere zu den gebrannten Mandeln. An den anderen Büdchen herrschte reger Andrang. Selbst bei den Mützen und Socken. Kein Wunder, bei dem Wetter.

    Als er zur kirchenabgewandten Seite sehen wollte, kroch ihm ein scharfer, aber nicht unangenehmer, Geruch in die Nase. Das musste vom Stand gegenüber kommen.

    Dort stand, wie schon letztes und auch vorletztes Jahr, Silke, mit ihrem Gewürzzauber. Auch er besorgte sich seine Kräuter am liebsten bei Silke.

    Nicht nur Ehrlichmanns Nase, auch seine Augen folgten der Spur des Duftes. Und dort war sie, lächelte ihn gutmütig an und winkte ihm zu.

    Vorsichtig winkte er zurück. Nur nicht zu überschwänglich. Das würde albern aussehen.

    Manchmal, nach Feierabend, wenn die meisten Lichter ausgingen, hatten Silke und er sich unterhalten. Beim Einräumen und Abbauen. Silke hatte kein festes Geschäft. Sie reiste von Markt zu Markt, von Veranstaltung zu Veranstaltung. Heute hier, morgen dort ...

    Aber immer pünktlich im Advent, kam sie in ihre Stadt. Und seit drei Jahren hatte sie nun den Stand gegenüber.

    Gerade noch kassierte sie eine Kundin ab, die die dickste Daunenjacke der Welt zu tragen schien. Kurz darauf, als hätte sie sich mit einem Fingeschnipp herübergezaubert, stand sie vor Ehrlichmann. Gewürzzauber eben.

    "Hallo Thomas." Ihr Lächeln schien einfach nie zu verschwinden. Vielleicht war es festgefroren. Das wäre allerdings die beste und hübscheste Erfrierung aller Zeiten.

    "Hallo Silke", antwortete er schüchtern.

    "Hast du heute nach dem Feierabend noch Zeit?"

    Zeit wofür? Er hatte nach Ladenschluss immer Zeit. Statt das einfach zu sagen, kreiste er überlegend mit dem Kopf.

    "Heißt das jetzt ja oder nein?", fragte Silke belustigt. "Ich hätte dich sonst auf einen Glühwein eingeladen. In meiner Hütte."

    "Tut mir leid. Ich trinke keinen Glühwein", stammelte er zurecht.

    "Oder ein anderes Getränk." Sie machte mit der Zunge ein schnalzendes Geräusch, das verlauten ließ: Ist doch egal! Ich wollte nur nett sein.

    "Also ..." Weshalb zögerte er? Seit Jahren eine Frau, die nicht sofort davon rannte oder vor Langeweile einschlief und er zögerte.

    "Na, überleg es dir. Du weißt ja, wo du mich finden kannst. Aber nur noch heute!" Schon während des Sprechens ging sie wieder zu ihrem Stand.

    Nur noch heute? Ehrlichmann schlug sich vor die Mütze. Sie hatte recht. Es war der letzte Abend. Morgen sollte der Weihnachtsmarkt abgebaut werden. Dann würde er wieder ein Jahr darauf warten müssen, Silke zu sehen.

    Er musste ihre Einladung unbedingt annehmen!

    Damit sie ihn in dem Tumult besser hören konnte, lehnte er sich ein wenig über seinen Verkaufstresen. "Ich ko..." Er verlor den Halt, ruderte wild mit den Armen, aber kippte dennoch vornüber. Erst auf seine Taschen, doch von denen entglitten einige, woraufhin die Auslage unter ihm nachgab und scheppernd zusammenbrach.


    Das nächste, woran sich Thomas Ehrlichmann erinnerte, war das verschwommene Blaulicht und die Rufe der Sanitäter.

    Später meinten sie, dass er Glück im Unglück gehabt hätte. Seine Mütze hätte schwerere Verletzungen verhindert, als er mit dem Kopf auf das Pflaster aufgeschlagen war.

    Er wusste jedoch, dass ein ganz entscheidendes Unglück hinzugekommen war: Er würde Silke erst nächstes Jahr wiedersehen. Wenn überhaupt. Heute hier, morgen dort ...

    Traurig senkte er sein Haupt und blickte eine undefinierbare Zeit lang bloß auf die weiße Krankenhausbettdecke. Wieso hatte sie weiße Streifen auf weißem Stoff? Einfach nur anders strukturiert? Hätte nicht eine einheitliche Fläche mit einheitlichem Weiß genügt?

    Er fuhr zusammen, als die Zimmetür schwungvoll aufgestoßen wurde.

    "Na, Herr Ehrlichmann, wie geht's uns denn?"

    Wen meinte die Schwester mit uns?

    Da er keine Anstalten machte, auf diese Frage zu antworten, warf sie ihm ein kleines Kärtchen auf das Beistelltischchen. "Wurde für Sie abgegeben."

    Verwundert zog er eine Augenbraue nach oben und griff nach dem Stück Pappe.

    Eine hübsch gestaltete Weihnachtbaumkugel war darauf abgebildet. Dunkelblau auf Cremeweiß. Er drehte die Karte um und las: Wir sehen uns zum Altstadtfrühling, aber dann werde ich sicher keinen Glühwein trinken. Gute Besserung - Silke

    Der Altstadtfrühling! Silke würde einen Stand auf dem Altstadtfrühling haben! Was für ein Weihnachtsgeschenk ...

  • Der 15. Dezember von Batcat


    Schöne Bescherung


    Die Familie Bauernfeind:

    Anne, 43 und Sven, 45 – Eltern

    Tobi, 9, Suse, 18, Evelin (möchte aber lieber Avaleen genannt werden), 19 und Joe, 20 – Kinder

    Heidrun, 63 und Horst, 65 - Großeltern


    Der Weihnachtsmann guckte noch ein allerletztes Mal seine Liste durch: Das Lego-Set für den kleinen Tobi, den Werkzeugkoffer für „Neu-Rentner“ Horst, die Influencerin Avaleen bekommt das De Luxe Make Up Set, Horsts Frau Heidrun das Strickset, Suse – die seit kurzem in ihrer ersten eigenen Wohnung lebte - das Anfänger-Kochbuch und der Rockmusiker Joe das elektronische Drumkit.


    Er lud die Kisten auf den Schlitten und startete zu seiner letzten Tour. Es war ihm recht peinlich, dass die Elfen nicht rechtzeitig mit den Geschenken für die Familie Bauernfeind fertig geworden waren und er jetzt extra noch mal los musste. Es war schon sehr spät und er hatte sich zu sputen, damit er vor Sonnenaufgang mit dieser letzten Lieferung fertig wurde. Entsprechend zügig rauschte er durch die Nacht.


    Doch einen Moment nicht aufgepasst und schon rumpelte er mit einem entgegenkommenden Schlitten zusammen... die Elfen waren auf dem Rückweg von ihrer Tour und anscheinend auf dem Heimweg bereits irgendwo eingekehrt. Nur so war zu erklären, dass sie in Schlangenlinien flogen und ihn trotz eines raschen Ausweichmanövers frontal rammten.


    Es rumste ganz fürchterlich und beide Schlitten stürzten zu Boden. Zum Glück wurden sie von einer Schneewehe abgebremst, so dass nicht nur sie, sondern auch die Pakete den Sturz halbwegs unbeschadet überstanden. Von schlechtem Gewissen geplagt rafften die Elfen die Kartons zusammen und klebten auch schnell wieder die Geschenkaufkleber, die sich beim Zusammenprall gelöst hatten, an die Pakete.


    Der Weihnachtsmann guckte noch mal flüchtig, ob auch wirklich wieder alle Kartons an Bord waren und setzte seine letzte Tour fort. Kurz vor Sonnenaufgang hatte er endlich alles ausgeliefert – jetzt aber nichts wie ab nach Hause an den Nordpol, bevor zu viele Menschen unterwegs waren und ihn möglicherweise sahen. Endlich Saisonende. Jetzt ein heißes Bad, ein Bier und im Jogginganzug vor den Fernseher. Heute lief mal wieder Die Hard, sein Lieblingsweihnachtsfilm. Danach brauchte er regelmäßig was fürs Herz, entweder Drei Nüsse für Aschenbrödel oder Tatsächlich Liebe.


    Währenddessen bereiteten sich die Menschen in der Stadt auf den Heiligen Abend vor. Auch Familie Bauernfeind war von Vorfreude erfüllt.


    Endlich waren auch die „großen“ Kinder wieder einmal in der Stadt und sie konnten alle zusammen feiern! Mutter Anne und Vater Sven hatten sich wieder einmal viel Mühe mit passenden Geschenkideen für ihre Lieben gegeben, die sie wie alle Jahre wieder bei „Santa & Co., Northpole Inc.“ geordert hatten. Für einen Moment hatten sie Sorge, es wäre etwas schief gelaufen, denn beim Schlafengehen waren die Pakete immer noch nicht zugestellt worden, doch heute morgen war alles gut: als sie nach dem Aufstehen nachsahen, lagen die hübsch verpackten Geschenke unter dem Baum. Teils saßen die Schleifen ein wenig schief, aber vielleicht waren ja dieses Mal Weihnachtselfen-Azubis am Werk gewesen. Für Anne und Sven selbst lag diesmal ausnahmsweise nichts „zum Auspacken“ unter dem Baum: das Paar hatte sich eine Reise geschenkt.


    Nach dem Abendessen war es endlich soweit und auf Drängen ihres Nachzüglers, des kleinen Tobi, wurde die Bescherung eröffnet. Unter großem Geschnatter wurden die Geschenke geöffnet, doch mit jedem weiteren Karton, der freudig aufgerissen wurde, wurde Mutter Anne blasser und blasser. Irgendetwas lief gehörig schief.


    Der kleine Tobi zog zu ihrer Überraschung das „Kochbuch für Dummies“ aus dem Karton, mit dem sie eigentlich ihrer Tochter Suse, die kürzlich ihre erste eigene Wohnung bezogen hatte, den Einstieg ins Erwachsenenleben ein wenig erleichtern wollten.


    Suse dagegen, ihre Tochter, die aufgrund ihres burschikosen Auftretens und ihres Kleidungsstils ab und an für einen „jungen Herrn“ gehalten wurde, zog zu Annes Entsetzen den „Make Up Koffer De Luxe“ aus dem Paket, den sie eigentlich Avaleen zugedacht hatte, die seit kurzem stolze Fashion- und Style Influencerin war.


    Avaleen wiederum zog zwar auch einen Koffer aus dem Paket, allerdings den Makita-Werkzeugkoffer, der eigentlich für den Hobbyhandwerker und Bastler Horst gedacht war, der schon ganz viele Do it yourself-Ideen für seinen Ruhestand hatte.


    Horst zog mit großem Staunen und einem immer breiter werdenden Grinsen das Drum Kit aus der Kiste, das ja eigentlich für Joe gedacht war, damit er als Drummer auch mit Kopfhörern bei sich zuhause üben konnte, ohne die Nachbarn zu stören.


    Anne sah mit wachsender Verzweiflung zu Sven, der blickte mit großer Verwirrung zurück. Konnte es noch schlimmer kommen?


    Ja, denn Joe, der selbst an Heiligabend ganz in schwarz und viel Leder gekleidet war, packte gerade Oma Heidruns Strickset aus: kuschelweiche Wolle in allen Regenbogenfarben, dazu die passende Anleitung für einen Schal und Stricknadeln.


    Anne stöhnte. Sie wußte, was noch kam. Und richtig: Heidrun zog soeben das Lego-Set „Schloss Hogwarts“ hervor, das eigentlich für ihren Nachzügler Tobi gedacht war. Sie sank in sich zusammen in Erwartung des Entsetzens über die unpassenden Geschenke. Sie setzte schon zu einer Entschuldigung an, da fiel ihr die Stille auf. Als sie sich umsah, blickte sie in strahlende Gesichter.


    Tobi blätterte begeistert das Anfängerkochbuch durch und machte seinem Papa Sven bereits erste Vorschläge, was er nach Weihnachten für die Eltern kochen würde.


    Suse betrachtete mit glänzenden Augen das Make Up Set und fragte Anne quer durch den Raum, ob sie ihr bei ihren ersten Schminkversuchen helfen würde.


    Avaleen ließ den Akkuschrauber bereits losröhren und freute sich darüber, dass sie nun endlich alle neu angeschafften Bücherregale in ihrer Wohnung selbst zusammenbauen konnte und nicht weiter Papa Sven um Hilfe bitten musste.


    Horst hatte die Kopfhörer auf und hämmerte voller Begeisterung auf das Drumkit ein. Dem wilden Kopfschütteln nach zu urteilen, versuchte er sich an einem Rockklassiker aus seiner lange zurückliegenden Jugend.


    Oma Heidrun sah einfach nur beseelt auf ihr Legoset. Anne erinnerte sich: als sie selbst noch klein war, hatte ihre Mutter es sehr geliebt, zusammen mit ihr Puzzles zu legen.


    Joe wiederum klemmte sich die Anleitung unter den Arm und meinte zu Oma Heidrun: Oma, wenn der Schal richtig cool werden soll, dann musst Du mir bitte beibringen, wie man strickt und vor allem, wie man so eine Anleitung liest.


    Alle schienen glücklich und zufrieden mit ihren Geschenken. Keiner meckerte so wie in den letzten Jahren, wo nach den Feiertagen traditionsgemäß der große Umtausch stattfand.


    Und obwohl Anne keine Ahnung hatte, was diesmal wohl schiefgelaufen sein könnte, schickte sie ein stilles Danke nach oben zum Weihnachtsmann, der diesmal wohl besser gewußt hatte als sie, was sich ihre Lieben wirklich wünschten...

  • Der 16. Dezember von Voltaire


    Ein besonderer Tag


    Ist der 24.Dezember ein besonderer Tag? Ein Tag vielleicht mit einer ganz besonderen Magie?

    Ich weiß es nicht.

    Es gibt sicher Menschen die so wie ich empfinden – aber es gibt auch die, denen Weihnachten sonstwo vorbei geht. Jeder so wie er mag, jeder so wie er will.

    Der Heilige Abend war für mich immer besonders. Warum das so ist oder war weiß ich nicht. Ist halt so.

    Und ich liebe es am Abend des 24. Dezember durch die Straßen meines Wohnorts zu gehen. Ich schaue in die Fenster der Häuser und sehe festlich gekleidete Menschen aber auch Alltagskleidung und Schlapperlook. Gelebte Buntheit.

    Natürlich komme ich auch an der Kirche vorbei. Dort sieht man sie: Die U-Boot-Christen (zu Weihnachten tauchen sie auf). Wollen die sich vielleicht nur in Feststimmung bringen? Und dann ein paar Euro für die Kollekte locker machen – und das muss dann für das gute Gewissen für ein Jahr reichen.

    Und ich denke an die Heiligen Abende zurück. Die Abende als die Familie noch vollzählig war, als es wirklich um das Beisammensein ging und nicht um Geschenkorgien. Was würde man nur dafür geben, wenn sie alle mitfeiern könnten. Ein Wunsch, mehr nicht – aber wünschen darf man sich ja alles.

    Und so gehe ich gedankenverloren einen Weg, den ich so nicht wiedergehen werde.

    Und plötzlich merke ich das ich nicht mehr allein bin.

    Da geht jemand neben mir. Leise und unaufdringlich.

    Er wendet sich mir zu und sagt nur diesen einen Satz:

    „Ich bin hier um dich abzuholen.“

    Letztendlich ist doch alles irgendwie ganz einfach. Alles!

  • Der 17. Dezember von R. Bote


    Das verwünschte Add-on


    Ein lästerlicher Fluch durchbrach die Stille des ausklingenden Tages und ließ Beriel innehalten. Eigentlich hatte er nur etwas trinken und dann zu seinem Buch zurückkehren wollen. Er hatte da etwas echt Spannendes aufgetan, Menschenführung und all das, aber mit einem völlig neuen Ansatz. Das schien Potenzial zu haben, und er wollte wissen, ob er etwas daraus für sich mitnehmen konnte.

    Doch Jotriel schien einen weniger entspannten Abend zu verleben: Als er sich der Tür zu seinem Raum näherte, hörte Beriel zorniges Gemurmel. Verstehen konnte er nichts, war vielleicht auch besser so.

    Er klopfte kurz an den Rahmen und streckte dann den Kopf durch die Tür. Jotriel stand mitten im Raum, umgeben von der dreidimensionalen Darstellung der Welt, die er seit – ach, Beriel wusste gar nicht, wie lange schon – immer wieder weiterbaute. Rechts von ihm blendete das System die Einstellungen ein, und Jotriel wischte zunehmend zorniger darin herum.

    „Was ist los?“, erkundigte Beriel sich. „Nur dein Spiel?“ „Was heißt ‚nur‘?“, gab Jotriel zurück. „Du weißt doch, es ist mein Lieblingsspiel.“ Das wusste Beriel in der Tat, und er wusste auch, wie viel Zeit Jotriel darauf verwendete. „Aber?“, hakte er nach. Jotriel seufzte, so tief wie der tiefste Abgrund in der von ihm kreierten Welt. „Das Add-on, das ich vor frag mich nicht wann Jahren installiert hab“, antwortete er. „Das macht mich wahnsinnig!“

    Beriel musste einen Moment überlegen. So genau verfolgte er auch wieder nicht, was Jotriel da machte, und im Lauf der Zeit hatte Jotriel sein Spiel nicht nur einmal erweitert. „Welches meinst du?“, fragte er schließlich. „Dieses Weih … Dings?“ Er konnte sich dunkel entsinnen, dass Jotriel sich schon das eine oder andere Mal darüber beklagt hatte, wusste aber nicht mehr genau, warum.

    „Wenn es dich so nervt, dann schmeiß es doch raus!“, sagte er, als Jotriel nickte. Jotriel machte eine wegwerfende Handbewegung, was keine gute Idee war, denn weil er ja inmitten des Hologramms stand, verschob er damit eine ganze Kleinstadt von den Bergen ans Meer. „Was meinst du, was ich gerade versuche?“, sagte er verbittert, während er den Schaden hastig reparierte. „Aber das Ding hat sich wirklich überall ausgebreitet. Ich hab jetzt schon zwei Bereinigungen gemacht, und das meiste ist auch weg, aber es sollte mich wundern, wenn das wirklich alles war. So, wie sich das überall reingefressen hat, ist da bestimmt noch irgendwas hängen geblieben. Solange es nur irgendwo rumliegt … Aber lieber wär’s mir, wenn ich’s komplett entfernt hätte. Sonst kommt’s vielleicht irgendwann wieder hoch.“


    „Weißt du was, Bo?“, sagte Ida unvermittelt zu ihrem Zwillingsbruder. „Wir müssten Oma mal wieder besuchen.“ „Stimmt, wir waren schon eine Weile nicht mehr bei ihr“, pflichtete Bo ihr bei. „Aber wie kommst du gerade jetzt da drauf?“ Ida zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht“, musste sie zugeben. „Nur so ein Gefühl.“

    Idas und Bos Großmutter war über achtzig. Geistig war sie noch völlig klar, aber ihre Beine wollten nicht mehr so, wie sie das gerne gehabt hätte. Deshalb war sie in ein betreutes Wohnen gezogen, in der Nachbarstadt, weil sonst kein Platz in einer solchen Einrichtung zu bekommen gewesen war. Es war also nicht der nächste Weg für Ida und Bo, aber auch nicht so weit oder kompliziert, dass es ein Ding der Unmöglichkeit gewesen wäre, die Großmutter zu besuchen.

    Trotzdem war es an diesem Tag zu spät. Ida und Bo hatten bis mittags Schule gehabt, hatten gegessen und ihre Hausaufgaben erledigt, ehe sie in die Stadt gefahren waren. Sie hatten Bücher bestellt, die neue Schullektüre, die der Lehrer direkt am Tag nach Neujahr mit ihnen in Angriff nehmen wollte. Am Vortag war die E-Mail gekommen, dass die Bücher zur Abholung bereitlagen.

    „Samstag?“, schlug Bo vor. „Vielleicht kommen Mama und Papa ja auch mit.“ „Oma wird sich bestimmt freuen“, prophezeite Ida. „Wir könnten auch noch backen“, schlug sie vor. „Sie mag doch so gerne selbstgebackenen Kuchen und so, aber selbst kann sie ja nicht mehr.“ Weil das Essen die Einrichtung organisierte, hatte die Großmutter nur eine kleine Küche in ihrem Apartment, und sie konnte auch nicht mehr lange stehen.

    Bo war einverstanden. Ein Held war er zwar nicht in der Küche, aber zusammen würden sie es schon hinbekommen. Außerdem mussten sie ja nicht gleich das komplizierteste Rezept von allen nehmen, ihre Großmutter würde sich auch freuen, wenn sie etwas buken, das eher einfach war.

    Zu Hause holte Ida sich das Backbuch aus der Küche, das ihre Mutter von ihrer Oma bekommen hatte, als die umgezogen war. Das Apartment im betreuten Wohnen war kleiner als die alte Wohnung, deshalb hatte ihre Großmutter gründlich entrümpeln müssen. Auch von dem Backbuch hatte sie sich schweren Herzens getrennt, aber gewollt, dass es wenigstens in der Familie blieb.

    „Guck mal, hier!“, forderte Ida ihren Bruder auf, nachdem sie eine Weile geblättert hatte. „Die hat Oma doch früher immer gebacken im Winter, oder?“ „Stimmt“, bestätigte Bo nach einem Blick auf die Seite, die seine Schwester ihm hinhielt. „Kriegen wir das hin?“

    Ida schaute genauer nach und nickte dann. „Das schaffen wir. Ist gar nicht so schwer.“ „Dann machen wir das“, meinte Bo.

    Damit fehlte nur noch die Erlaubnis der Eltern, aber deswegen machten Ida und Bo sich keine Sorgen. Sie kannten den Weg, waren auch schon das eine oder andere Mal allein zur Großmutter gefahren, und würden sich nicht verlaufen. Beide hatten keine Termine am Samstag, und ihnen war auch nichts bekannt von Terminen, die die Eltern für die ganze Familie geplant hatten. Offen war eigentlich nur, ob die Eltern mitkommen würden.

    Tatsächlich waren ihre Eltern etwas überrascht, weil die Frage mehr oder weniger aus dem Nichts kam, hatten aber nichts dagegen, dass die Zwillinge ihre Großmutter besuchten. Ob sie selbst mitkommen würden, wussten sie noch nicht so genau, aber wenn es zeitlich passte, dann schon.


    ***


    Am Samstagmorgen nahmen Ida und Bo die Küche unter Beschlag und bedienten sich an den Vorräten. Viel Übung hatten sie beide nicht, aber sie hofften, dass es schon klappen würde, wenn sie sich einfach genau an das Rezept hielten. Es hätte sicherlich einfachere Rezepte gegeben, leicht nachzubacken auch für Anfänger, aber sie fanden, dass die Mühe sich lohnen würde. Ihre Großmutter würde sich bestimmt freuen, wenn sie ihr genau die Plätzchen mitbrachten, die sie selbst so gern gebacken hatte, und selbst erinnerten sie sich auch gern daran, wie sie die Plätzchen früher genascht hatten.

    Am Ende waren sie einigermaßen geschafft, obwohl sie selbst dachten, dass sie körperlich gar nicht so viel geleistet hatten. Wahrscheinlich war es die Anspannung, die Sorge, etwas falsch zu machen, und das ständige Aufpassen, dass sie nur ja nicht vom Rezept abwichen. Ida hatte sich zwischendurch auch Sorgen gemacht, ob ihre Großmutter vielleicht das Rezept verändert hatte, sich aber gesagt, dass dann ein Zettel mit einem Hinweis zwischen den Seiten gelegen hätte.

    Die Belohnung war umso süßer, die Plätzchen dufteten herrlich, und sie sahen genau richtig aus. Ida und Bo hätten sofort zugreifen können, waren aber klug genug, noch zu warten, bis sie nicht mehr riskierten, sich den Mund zu verbrennen. „Wow!“, entfuhr es Bo dann nach dem ersten Bissen. „Super geworden!“ Auch seine Schwester war begeistert, die Plätzchen waren rundum gelungen, genauso, wie sie sie in Erinnerung hatte.

    Sie warteten, bis die Plätzchen komplett abgekühlt waren, und packten sie dann in eine große Blechdose. Davon würde ihre Großmutter eine Weile etwas haben, sie hatten zwei Bleche voll gebacken. Sicherlich würden sie am Nachmittag einen Teil gemeinsam essen, das war klar, aber es würde genug übrig bleiben.

    Nach dem Mittagessen fuhren sie los. Die Eltern kamen mit, so blieb Ida und Bo die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln und mehreren Umstiegen erspart. Die Dose mit den Plätzchen stand auf der Rückbank zwischen den Zwillingen, im Kofferraum lag ein Bündel Tannengrün. Zuerst hatten die Eltern überlegt, einen Blumenstrauß zu besorgen als Mitbringsel, aber die hielten im Winter nur so kurz durch. Außerdem kamen die Blumen um diese Jahreszeit aus Gewächshäusern, die viel Energie fraßen, das Tannengrün war vor Ort geschnitten und würde sich viel länger halten. Dazu duftete es schön, nach Wald und Harz.

    Ida und Bo hatten am Vorabend angerufen und den Besuch angekündigt. Eigentlich hatten sie ihre Großmutter überraschen wollen, aber die Eltern hatten gemeint, sie sollten vorher Bescheid sagen. Ein bisschen sahen Ida und Bo das auch ein, es hätte ja wirklich sein können, dass ihre Großmutter etwas anderes vorhatte. Auch wenn sie nicht mehr gut zu Fuß war, im Haus, das behindertengerecht ausgestattet war, konnte sie sich mit ihrem Rollator noch recht gut bewegen. Vielleicht war sie mit jemand anderem aus dem betreuten Wohnen verabredet, oder sie hatte einen Termin mit der Friseurin, die regelmäßig Hausbesuche machte, oder, oder, oder … Das hatten Ida und Bo eingesehen und deshalb angerufen. Zu ihrer Erleichterung hatte ihre Großmutter nichts vor, und sie freute sich enorm auf den Besuch.


    ***


    Die Großmutter hatten sie offenbar schon erwartet, jedenfalls war sie für ihre Verhältnisse schnell an der Tür. Sie war gestiefelt und gespornt, wie man so schön sagte, denn es war verabredet, dass sie einen kleinen Spaziergang machen würden. Zu Fuß ging das nicht mehr, aber mit dem Rollstuhl war es kein Problem.

    Alle umarmten sie zur Begrüßung, und ihr Sohn half ihr in den Mantel. „Können wir?“, erkundigte er sich, und die Großmutter nickte. „Los geht’s!“, sagte sie voller Vorfreude.

    Sie kam nicht mehr so oft raus; den Rollstuhl mit der Kraft ihrer Arme zu bewegen, traute sie sich nicht zu, und es hatte nicht immer jemand Zeit, sie zu schieben. Umso mehr freute sie sich, dass es an diesem Tag klappte, und sie schien fest entschlossen, die Zeit bis zur letzten Minute auszukosten. Ida und Bo hatten nichts dagegen, und es gab auch keine Termine, die eine Grenze gesetzt hätten.

    Sie schoben durch die Straßen, wobei meistenteils die Großmutter die Richtung vorgab. Auch wenn sie nicht mehr allein nach draußen konnte, kannte sie sich doch besser aus in der Stadt als Sohn, Schwiegertochter und Enkelkinder.

    Zunächst ging es in die Innenstadt, denn wenn sie schon mal nach draußen konnte, wollte Idas und Bos Großmutter die Gelegenheit nutzen, einmal wieder selbst einzukaufen; sonst ließ sie sich gezwungenermaßen alles liefern. Natürlich hielten die Leute, die ihr Lebensmittel und alles andere brachten, was sie brauchte, sich an ihre Vorgaben, aber sie wollte sie nicht über Gebühr beanspruchen und kreuz und quer in alle Läden schicken. Außerdem fehlte es ihr, selbst zu schauen, wie sich das Angebot veränderte, ob es etwas Neues gab, was zu probieren sich vielleicht lohnte.

    Ida und Bo langweilten sich nicht, obwohl es für sie kaum etwas zu sehen gab. Die Geschäfte gehörten zu den üblichen Ketten, nur die Reihenfolge unterschied sich von der Fußgängerzone zu Hause. Aber ihre Großmutter konnte lebhaft erzählen und wollte ihrerseits alles darüber hören, was ihre Enkelkinder in der letzten Zeit erlebt hatten.


    ***


    Als es zu dämmern begann, kehrten sie um. Spät war es da noch nicht, der kürzeste Tag des Jahres lag erst eine halbe Woche zurück. Aber die feuchte Kälte drang nach und nach durch die Kleidung, und ohne Sonnenstrahlen, die dem etwas Wärme entgegensetzten, wurde es allmählich frisch.

    „Kocht ihr einen Tee?“, bat die Großmutter Ida und Bo, als sie wieder bei ihr zu Hause waren. „Ihr wisst ja, wo alles steht.“ Die Zwillinge nickten und verschwanden in der Küche, um Wasser aufzusetzen und Tassen aus dem Schrank zu holen.

    Als Ida die ersten Tassen hinüber ins Wohnzimmer trug, sah sie, dass schon jemand die Plätzchendose geöffnet hatte, die auf dem Tisch stand, und ihre Mutter holte eine Vase aus dem Schrank für das Tannengrün, das ihr Vater gerade auspackte. „Das riecht noch ganz frisch“, freute sich ihre Großmutter. „Früher hatten wir das oft in der Wohnung um diese Zeit. Na ja, da gab’s auch noch nicht das ganze Jahr über alle möglichen Blumen zu kaufen.“

    Sie begann, eine Melodie zu summen. Der Klang kam Ida vage bekannt vor, ihr fiel aber kein Titel dazu ein. Etwas Modernes war es jedenfalls nicht, aber irgendwie schön. „Ein ganz altes Lied“, erklärte ihre Großmutter auf ihre Frage hin. „Das ist mir gerade wieder eingefallen, als ich das Tannengrün gerochen hab. In dem Lied geht’s um eine Tanne, die Leute freuen sich darüber, dass sie so schön grün ist, wenn sonst alles kahl ist. Den Text kriege ich auch nicht mehr so ganz zusammen.“

    Sie lehnte sich zurück und zog tief den Mix aus Tannengrün, Plätzchenduft und dampfendem Tee ein, der sich im Raum ausbreitete. „Es ist schön, dass ihr gekommen seid“, sagte sie dann. „Und mit den Plätzchen und dem Tannengrün, das ist ja fast schon wie Geburtstag.“


    „Mist!“, schimpfte Jotriel. „Dieses verdammte Add-on! Das ist ja schlimmer als das Unkraut im Garten! Da kannst du auch nicht so schnell jäten, wie’s wieder wächst.“

    „Was denn?“, wundert sie Beriel. „Ist immer noch was übrig? Dabei hast du doch schon …“ Jotriel zuckte resigniert mit den Schultern. „Scheint so, als würde ich das nie ganz loswerden“, seufzte er. „Man muss echt aufpassen, was man sich da reinpackt!“

    Beriel trat näher, um besser sehen zu können, was Jotriel meinte, passte aber auf, dass er nichts verschob. „So finde ich das eigentlich schön“, meinte er, nachdem er das Geschehen eine Weile beobachtet hatte. „Das kannst du lassen, finde ich.“ Jotriel überlegte kurz, den Blick nachdenklich auf das winzige Detail in seiner großen Welt gerichtet. „Du hast recht“, meinte er schließlich, und endlich lächelte er. „Ich glaube, so hatte ich mir das vorgestellt, dass es sein würde. Das darf bleiben, ich muss nur aufpassen, dass es nicht wieder ausartet.“

  • Der 18. Dezember von R. Bote


    Flashmob im Altenheim


    Mit einem leicht mulmigen Gefühl öffnete Greta die Tür und betrat die Eingangshalle des Altenheims. So ging es ihr jedes Mal, wenn sie zu Besuch kam, sie freute sich, ihre Großmutter zu sehen, fühlte sich aber gleichzeitig etwas beklommen an diesem Ort. Die Menschen, die hier waren, konnten nicht mehr so, wie sie vielleicht gerne wollten, andere bekamen kaum noch mit, was um sie herum vorging. Und natürlich sah sie, dass das Personal immer im Stress war, zu viel Arbeit für zu wenig Leute. Schon die körperlichen Bedürfnisse zu befriedigen, war ein Kraftakt, der manchmal eher schlecht als recht gelang. Für ein freundliches Wort, für einen Moment des Zuhörens, sah der eng getaktete Plan keine Lücken vor, auch wenn die Pflegekräfte sich alle Mühe gaben, es irgendwie zu ermöglichen.

    Der Eingangsbereich war weihnachtlich geschmückt, auch im großen Saal, von dem Greta einen Teil überblicken konnte, standen Gestecke auf den Tischen. Aber die Stimmung passte nicht dazu, die wenigen alten Leute, die dort saßen, wirkten in Gretas Augen irgendwie verloren.

    Es war früher Nachmittag am 24. Dezember, und Greta hatte ihrer Großmutter versprochen, vorbeizukommen, ehe sie zu Hause mit ihrer Mutter und ihrem Halbbruder Leon Weihnachten feierte. Ihre Mutter konnte nicht mitkommen, sie musste noch arbeiten bis um kurz nach vier. Leon war beim einzigen seiner Freunde, dem die Eltern so kurz vor dem Fest noch Verabredungen erlaubten. Greta hatte ihn gefragt, ob er mitkommen wollte, war aber nicht überrascht gewesen, dass er abgelehnt hatte. Er mochte die gemeinsame Großmutter, aber das Altenheim schreckte ihn. Vielleicht musste man ihm das nachsehen, er war erst neun, gut vier Jahre jünger als Greta, die im Januar 14 werden würde.

    Greta nahm die Treppe hoch in den zweiten Stock, wo ihre Großmutter ein Einzelzimmer hatte. Weil sie ohnehin daran vorbeikam, schaute sie zunächst in den Aufenthaltsraum der Station, wo die Bewohner auch ihr Essen bekamen, sofern sie nicht bettlägerig waren. Die Chancen, ihre Großmutter dort anzutreffen, standen 50:50, vielleicht war sie nach dem Essen noch sitzen geblieben. Sie war nicht mehr gut zu Fuß, einer der Gründe, warum sie nicht mehr allein leben konnte, aber kurze Strecken schaffte sie mit dem Rollator noch recht gut. So konnte sie selbst entscheiden, ob sie im Aufenthaltsraum oder in ihrem Zimmer bleiben wollte, und war nicht auf die Hilfe der Pflegekräfte angewiesen.

    Dieses Mal hatte Gretas Großmutter sich entschieden, nach dem Essen in ihr Zimmer zu gehen. Greta grüßte kurz die einzige Pflegerin, die einer leichtgewichtigen Frau mit schlohweißem Haar beim Trinken half, und ging weiter den Flur entlang. Die Pflegerin sah sie, erkannte sie und nickte kurz.

    Greta erreichte das Zimmer ihrer Großmutter und klopfte kurz an den Rahmen, um sich bemerkbar zu machen. Die Tür stand offen, wie bei fast allen Zimmern, trotzdem wollte Greta nicht ohne jede Vorankündigung hereinplatzen.

    Ihre Großmutter schaute von ihrem Kreuzworträtsel auf und lächelte. „Greta!“, sagte sie. „Komm rein!“

    Greta folgte der Einladung, umarmte ihre Großmutter und setzte sich dann ihr gegenüber an den kleinen Tisch. „Wie geht’s?“, erkundigte sie sich.


    ***


    Die ersten Minuten vergingen mit dem üblichen Austausch über Alltägliches. Greta erzählte von den letzten Schultagen vor den Ferien, vor allem vom Weihnachtsfrühstück, zu dem die Klasse sich am letzten Schultag zusammengesetzt hatte. Ihre Großmutter berichtete, dass es eine neue Bewohnerin auf der Station gab, und bedauerte, dass eine der Pflegerinnen bald in Mutterschutz gehen würde.

    Greta hatte unterwegs eingekauft und Weihnachtsgebäck mitgebracht. Ihre Großmutter hatte sie darum gebeten und gab ihr das Geld wieder. „Holst du uns von unten noch Kakao?“, schlug sie vor. „Dann machen wir uns einen schönen Vor-Heiligabend.“

    Greta nickte und machte sich auf den Weg. Lange brauchte sie nicht, im großen Saal, der nachmittags als eine Art Cafeteria diente, war nach wie vor kaum etwas los. Nach ein paar Minuten kehrte sie zurück, in jeder Hand eine Tasse mit dampfend heißem Kakao.

    Ihre Großmutter hatte in der Zwischenzeit ein Brettspiel aus dem Schrank geholt, Deutschlandreise, das sie fast jedes Mal mit Greta spielte, wenn die genug Zeit hatte.

    „Kannst du dich noch entsinnen, dass wir zusammen dort auf dem Weihnachtsmarkt waren?“, fragte sie, als Greta Nürnberg als eine der Städte zog, die sie auf dem Spielbrett besuchen musste. Greta schüttelte den Kopf, wenn überhaupt, hatte sie daran nur eine ganz dunkle Erinnerung. „Na ja, du warst ja auch noch klein damals, zwei Jahre“, erklärte ihre Großmutter. „Ich weiß noch, dass du damals total fasziniert warst, als die Blaskapelle dort gespielt hat.“

    Normalerweise fand Greta es peinlich, wenn Erwachsene Anekdoten aus ihren Baby- und Kleinkindtagen ausgruben. Aber ihre Großmutter glitt nicht ab in Babyschwärmereien, deshalb fühlte Greta sich nicht unwohl. Ihre Großmutter erzählte ihr, dass sie damals wohl zum ersten Mal das Weihnachtslied Hark! The Herald Angels Sing! gehört und sofort geliebt hatte. Es war bis heute eines von Gretas liebsten Weihnachtsliedern geblieben, und zusammen mit ihrer Großmutter stimmte sie es an. Ihre Großmutter sang allerdings nur die ersten Zeilen mit, dann verstummte sie und hörte lieber Greta zu. Greta war seit der Grundschule im Chor, erst im Schulchor ihrer Grundschule, dann am Gymnasium im Unterstufen- und jetzt im Mittelstufenchor. Sie hatte eine schöne Stimme, das hatten ihr nicht nur Menschen bescheinigt, denen man eine gewisse Voreingenommenheit zu ihren Gunsten unterstellen musste.

    Während Greta die zweite Strophe sang, tauchte in der Tür eine Gestalt auf, eine Frau, die sich schwer auf einen Rollator stützte. „Sing bitte weiter!“, bat sie, als Greta sich unterbrach und zur Tür schaute. „Das ist so schön!“

    Greta spürte, dass sie rot wurde. Aber sie wusste, dass manche Bewohner des Altenheims selten Besuch bekamen und dankbar waren für jede Abwechslung. Sie begann die zweite Strophe von vorn, einen Moment brauchte sie, um wieder reinzukommen, aber die Routine half. Sie konzentrierte sich auf den Gesang und blendete das Publikum aus, wie sie es vom Schulchor gewöhnt war.


    ***


    Als Greta am Ende der letzten Strophe angekommen war, brandete so viel Applaus auf, wie zwei Zuhörerinnen zu geben imstande waren. „Toll, Greta!“, lobte ihre Großmutter, während die Frau an der Tür weiterklatschte. „Kennst du noch ein Lied?“, fragte die Frau, die Greta nur vom Sehen kannte.

    Damit konnte Greta problemlos dienen, sie kannte viele Lieder, auch eine ganze Reihe von Weihnachtsliedern, auch wenn sie nicht jedes davon mit dem Chor gesungen hatte.

    Die Frau entschied sich für Es ist ein Ros entsprungen, ein Lied, das Greta nicht so mochte. Trotzdem tat sie der alten Dame den Gefallen, und sie sah, dass ihre Zuhörerin richtig gerührt war.

    Wieder gab es Beifall, und noch eine Bitte. „Kannst du für Frau Bertram singen?“, bat die alte Dame. „Sie hat das Zimmer am Ende des Flurs, und sie kann nicht mehr aufstehen. Sie freut sich bestimmt.“

    Damit erwischte sie Greta völlig auf dem falschen Fuß. Sie war eigentlich gar nicht darauf gefasst gewesen, zu singen, und auf Publikum außer ihrer Großmutter schon mal gleich gar nicht. Trotzdem verstand sie den Wunsch und wollte ihn der alten Dame nicht abschlagen.

    Doch wenn es so weiterging, würde sie sich beizeiten teilen müssen. „Gehen Sie schon mal rüber!“, bat sie daher die alte Dame. „Ich gehe noch schnell aufs Klo, dann komme ich.“

    In Wahrheit musste sie gar nicht, sie war noch gewesen, ehe sie sich auf den Weg zum Altenheim gemacht hatte. Aber es war die einzige Möglichkeit, die ihr einfiel, für einen Moment unbeobachtet zu sein. Die alte Dame hinterfragte zum Glück nichts, und auch Gretas Großmutter wunderte sich nicht.


    ***


    Wenig später näherte Greta sich dem Ende des Gangs. Die alte Dame, die zu ihrer Großmutter ins Zimmer gekommen war, wartete auf dem Gang und deutete nach rechts. Greta folgte ihr, ohne zu drängeln, sie hatte Zeit, auch wenn sie eigentlich wegen ihrer Großmutter hergekommen war, und nicht, um die ganze Station abzuklappern.

    Frau Bertram wirkte fast zerbrechlich, eine kleine, schmale Frau in einem klobigen Pflegebett. Das Kopfende war aufgestellt, und jemand hatte ein Kissen als zusätzliche Stütze unter Frau Bertrams Oberkörper gelegt. Ein leichtes Lächeln umspielte den Mund, und in den Augen war Vorfreude zu lesen.

    Greta grüßte und stellte sich kurz vor. „Gibt es ein bestimmtes Lied, das Sie sich wünschen?“, fragte sie dann. Frau Bertram bewegte leicht den Kopf, so schwach, dass es kaum als Nicken zu erkennen war. Dabei bewegte sie die Lippen, aber es war zu leise, als dass Greta etwas hätte verstehen können. Sie sah Hilfe suchend zu der alten Dame, die sie hergebeten hatte, aber auch die hatte offensichtlich keine Ahnung, was Frau Bertram gesagt hatte.

    Etwas unsicher trat Greta näher ans Bett heran und beugte sich zu Frau Bertram hinunter. Die wiederholte mit schwacher Stimme ihren Wunsch, Greta verstand immer noch nicht alles, glaubte aber, genug Bruchstücke herausgehört zu haben, um den Titel zu erkennen. Sie fragte nach, Frau Bertram antwortete mit der Andeutung eines Nickens. Zu Bethlehem geboren wünschte sie sich, das würde Greta hinbekommen, auch wenn sie sich technische Unterstützung holen musste. Von diesem Lied kannte sie nur die erste Strophe auswendig, den restlichen Text musste sie sich aus dem Internet heraussuchen. Sie las ihn einmal still durch und versuchte dabei, ihn im Kopf mit der Melodie in Einklang zu bringen, dann begann sie zu singen.


    ***


    Frau Bertram hatte keine Kraft mehr, um Beifall zu klatschen, aber es war nicht zu übersehen, wie sehr sie sich freute. Deshalb gab Greta spontan eine Zugabe und sang Stern über Bethlehem.

    Mitten in der zweiten Strophe gesellte sich eine Zweitstimme dazu. Erst war sie noch etwas entfernt, doch sie kam näher. Für einen kurzen Moment kam Greta aus dem Takt, dann fing sie sich wieder. Frau Bertram und die andere alte Dame schienen nichts gemerkt zu haben.

    Wenig später bekam sie Gesellschaft, ein kurzer Blick zur Seite, es war Finn aus dem Chor, der sie nahtlos unterstützte. Eigentlich klar, er wohnte gleich um die Ecke und war damit der Einzige aus dem Chor, der so schnell da sein konnte. Er war in einer der 9. Klassen, also ein Jahr über Greta, und auch schon ziemlich lange dabei.

    Frau Bertram schien gar nicht so richtig wahrzunehmen, dass aus einer Stimme zwei geworden waren. Die zweite alte Dame dagegen staunte erst und freute sich dann, dass Greta sich offensichtlich Unterstützung geholt hatte.

    Was daraus werden würde, wusste Greta selbst noch nicht so genau. Sie hatte einfach die Sehnsucht nach etwas Abwechslung und Zuwendung gespürt, die die Pflegekräfte sicherlich geben wollten, aber nicht immer in dem Maß geben konnten, wie sie sich das wünschten. Allein wäre sie damit jedoch auch überfordert gewesen, deshalb hatte sie ihre beste Freundin Mira angeschrieben, dass sie versuchen sollte, ein paar Leute aus dem Mittelstufenchor zusammenzutrommeln.


    ***


    Mira hatte es sich in gewisser Weise einfach gemacht, die Nachricht, dass jeder, der sich freimachen konnte, sich im Altenheim einfinden sollte, nämlich in die WhatsApp-Gruppe gepostet, der die meisten Mitglieder des Mittelstufenchors angehörten. Dass nicht jeder so kurzfristig Zeit hatte, lag auf der Hand, und Greta würde niemandem Vorhaltungen machen, weil er nicht gekommen war. Sie freute sie über jeden, der kam, und sie würden schauen, was sich daraus machen ließ.

    Die Pflegerin war mehr als verdutzt, als im Lauf der nächsten Viertelstunde auch noch Caroline, Maya, Felix, Stani, Francesco, Levin, Leyla und noch einige andere aufschlugen. Insgesamt waren sie nun fast zwei Dutzend Stimmen, damit sollte sich schon etwas anfangen lassen.

    Wichtig war Greta, dass der Betrieb im Altenheim nicht gestört wurde. Weil sie ihre Großmutter regelmäßig besuchte, hatte sie oft genug gesehen, was für einen anstrengenden Job die Pflegekräfte hatten. Da sollte der Chor nicht noch zusätzlich Aufmerksamkeit erfordern oder im Weg stehen.

    Mira übernahm es, kurz mit der Pflegerin zu sprechen, die Dienst auf der Station schob. Die freute sich, dass die Jugendlichen für die alten Leute singen wollten, und nahm sich die kurze Zeit, die sie benötigte, um zu klären, was ging und was nicht.


    ***


    In der nächsten Stunde verteilte sich der Chor im ganzen Haus. Auf allen Stationen gab es Bewohner und Bewohnerinnen, die bettlägerig waren und weder an den gemeinsamen Mahlzeiten teilnehmen konnten noch an den Veranstaltungen, die eine kleine Gruppe Ehrenamtlicher gelegentlich organisierte. Die jeweiligen Pflegekräfte wussten Bescheid und erklärten den Jugendlichen, wo sie willkommen sein würden und wo sie besser draußen blieben.

    Zu zweit oder zu dritt suchten Greta und die anderen die jeweiligen Zimmer auf. Sie nahmen sich Zeit und versuchten die Liederwünsche der Bewohner zu erfüllen, sofern die sie äußern konnten. Weihnachtslieder waren in der Mehrheit, aber hier und da trugen die Jugendlichen auch andere Lieder vor, es gab keinen Grund, die alten Leute einzuschränken. Der eine oder andere hatte vielleicht auch gar nicht viel mit Weihnachten am Hut, die Jungen und Mädchen nahmen es, wie es kam.

    Die Freude war überall groß, egal, ob die alten Menschen noch klar im Kopf waren oder so dement, dass sie die Situation gar nicht mehr einordnen konnten. Selbst bei einer Frau, die nur noch vor sich hinzudämmern schien, hatte Greta das Gefühl, dass sie den Gesang wahrnahm und Freude verspürte dabei; warum sie sich so sicher war, hätte sie selbst nicht sagen können.


    ***


    Den Abschluss bildete ein kleines Konzert in der Cafeteria. Die Jugendlichen gingen auf den Stationen herum, um dazu einzuladen, und halfen den Bewohnern und Bewohnerinnen, die gern kommen wollten, es allein aber nicht mehr schafften. Natürlich war das alles mit den Pflegekräften abgesprochen, damit die sich nicht fragten, wo ihre Schützlinge plötzlich waren.

    Ein bisschen wunderte Greta sich, wie wenig Berührungsängste ihre Kameraden zeigten. Bestimmt hatte nicht jeder Erfahrung mit älteren Verwandten, die nicht mehr so gut zurecht waren, aber ihre Kameraden und Kameradinnen gingen völlig selbstverständlich auf die alten Menschen zu. Vielleicht gab ihnen die Gruppe Sicherheit, sie waren nie allein mit der Situation und unterstützten sich gegenseitig. Dazu sahen sie, dass es normal war, wenn sie laut gegen Schwerhörigkeit anreden mussten, auf eine ihnen unverständliche Art und Weise in eine Realität eingebaut wurden, die sie nicht sehen konnten, oder mit einem Rollstuhl kämpften.

    Mira hatte in aller Eile ein Programm aus Weihnachtsliedern zusammengestellt, das kaum eine Zeit oder Stilrichtung ausließ. Die Jugendlichen stellten sich vor der Fensterfront auf, Mira gab den Einsatz, und schon waren sie mittendrin. Niemand machte sich Gedanken darum, dass sie das Konzert nie geprobt hatten, dass der Chor nicht vollständig war, dass sie anders als bei anderen Auftritten ihr normales Räuberzivil trugen.


    ***


    „Das war toll“, sagte Gretas Großmutter. „Ihr habt so vielen eine riesige Freude gemacht damit.“ Das Konzert war vorbei, die Jugendlichen hatten die Bewohner und Bewohnerinnen wieder auf die Stationen gebracht. Es war schon dunkel, aber Greta wollte doch noch ein bisschen bei ihrer Großmutter bleiben. Auch Mira war da, sie war schon so lange Gretas beste Freundin, dass sie für die Großmutter fast wie ein drittes Enkelkind war.

    Greta wusste nicht, was sie sagen sollte, aber ihre Großmutter erwartete auch keine Antwort. Es war zu spüren gewesen, wie sehr die Zuhörer sich gefreut hatte, und auch wenn es anstrengend gewesen war, war Greta froh, dass sie es gemacht hatten.

  • Der 19. Dezember von Tilla Salix


    Ein entspanntes Weihnachtsfest – diesmal aber wirklich!

    (nach einer ebenfalls fast wahren Begebenheit)


    24. Dezember, 6:30 Uhr. Der Wecker hatte gerade mal zwei zarte Piepser von sich gegeben, da hatte Molly ihn schon ausgeschaltet. Kein Verschlafen, kein „nur noch einmal umdrehen“, nein, diesmal nicht. Diesmal wachte Molly mit dem festen Gefühl auf, dass dieses Jahr alles anders werden würde. Ruhiger. Strukturierter. Entspannter. Sie hatte schließlich gelernt. Aus Fehlern lernte man, das wusste sie. Und sie hatte so viele komplett idiotische Fehler gemacht – rein statistisch gesehen musste jetzt irgendwann Kompetenz einsetzen.

    Der Beweis hing in der Küche: eine laminierte Liste mit der Überschrift Heiligabend – Ablauf.

    Geschenke: erledigt.

    Plätzchen: seit zwei Wochen tiefgekühlt (Vanillekipferl, offiziell als „Mischgebäck“ deklariert).

    Kartoffeln: vorhanden.

    Handy: aufgeladen.

    Schlüssel: doppelt vorhanden, einer davon demonstrativ in der Manteltasche.

    Torsten betrachtete die Liste skeptisch. „Du weißt schon, dass Weihnachten kein Projekt ist?“

    „Doch“, erwiderte Molly energisch. „Genau das ist es. Und dieses Jahr läuft es nach meinem Plan!“


    Den Großeinkauf hatte sie schon letzte Woche erledigt, heute hatte sie nur noch die frischen Waren, Aufschnitt, Würstchen, Saft und Brot besorgen müssen. Kurz nach 8 Uhr war der Supermarkt gut besucht, aber nicht übermäßig voll. Auf dem Weg zur Kasse legte sie kurzentschlossen noch ein Päckchen fertige Zimtsterne in den Einkaufswagen, bevor sie sich gut gelaunt an der Kasse anstellte. Ein Blick auf ihre Armbanduhr bestätigte ihr, dass sie gut in der Zeit lag. In Hochstimmung räumte sie die Einkäufe in den Kofferraum ihres kleinen Seats und schlug die Heckklappe zu. Nun noch den Einkaufswagen zurück… ihre Handtasche! Wo hatte sie die hingelegt?

    Von der Hutablage des abgeschlossenen Kleinwagens leuchtete es ihr grellpink entgegen. Molly blinzelte. Atmete tief ein und aus. Griff in die Manteltasche und hielt triumphierend den Ersatzschlüssel in ihrer Faust. „Oh nein! Diesmal nicht! Diesmal bin ich vorbereitet!“

    Jetzt musste sie nur noch ein einziges kleines Ding erledigen. Ein kurzer Abstecher ins Büro. Nur zur Sicherheit. Nichts Dramatisches. Eigentlich nur nachsehen, ob wirklich alles erledigt war. Die Erfahrung hatte sie gelehrt, dass es besser war, einmal zu viel als einmal zu wenig zu prüfen.


    Eine halbe Stunde später fuhr Molly in die Tiefgarage. Langsam. Ohne quietschende Reifen. Sie parkte ordentlich hinter Säule 3 und atmete einmal tief durch. Alles wird gut. Kein Stress. Sie nahm bewusst ihre Handtasche, kontrollierte den Schlüssel und stieg aus.

    „Sie schon wieder.“

    Molly zuckte zusammen. Neben der Tür zum Treppenhaus stand der Hausmeister. Herr Kowalski. Grauer Bart, wetterfeste Jacke, Thermoskanne unter dem Arm.

    „Ich parke nur kurz hier“, sagte Molly defensiv.

    „Das habe ich letztes Jahr auch gedacht“, sagte er trocken.

    Sie lächelte gequält. „Dieses Jahr wird entspannter.“

    Herr Kowalski brummte etwas, das nach Skepsis klang, und verschwand im Technikraum.


    Im Büro war tatsächlich alles erledigt. Nichts brannte. Nichts piepte. Kein Drucker streikte. Alle Fenster waren geschlossen. Der Abschlussbericht lag sorgfältig geheftet auf dem Schreibtisch des Chefs. Ihre Handtasche hing über ihrer Schulter, den Ersatzschlüssel hielt sie in der Manteltasche umklammert. Molly schloss das Büro zufrieden ab und kehrte in die Tiefgarage zurück.

    Sie setzte sich ins Auto, startete den Motor und rollte zur Ausfahrt, auf das geschlossene Tor zu. Sie drückte auf den Knopf. Wartete. Drückte ein weiteres Mal. Wartete erneut.

    Nichts.

    Molly blinzelte.

    Dann stieg sie aus dem Auto aus und drehte sich um. Sie entdeckte Herrn Kowalski wieder, der gerade ein Klemmbrett studierte.

    „Das Tor spinnt“, informierte sie ihn, ruhig und ohne Panik in der Stimme.

    „Nein“, sagte Herr Kowalski. „Das Tor ist im Wartungsmodus. Jährliche Kontrolle. Steht seit letzter Woche am Aushang.“

    „Und das heißt?“

    „Dass niemand rausfährt, bevor die Freigabe erteilt ist.“

    „Und wann ist das?“

    Herr Kowalski zuckt mit den Schultern. „Kann noch dauern. Die Firma hat Software-Probleme und kann das Tor nicht ansteuern.“

    Molly blinzelte. „Aber … ich habe alles vorbereitet.“

    „Tja“, meinte Herr Kowalski und hob entschuldigend die Hände.

    Sie hätte gehen können. Zu Fuß. Ein Taxi rufen. Torsten anrufen. Aber es war kalt, die Einkäufe waren im Kofferraum, und ehrlich gesagt war sie plötzlich erstaunlich ruhig.

    „Dann warte ich eben“, sagte sie.

    Herr Kowalski nickte. „Ich auch. Dienst.“

    Er holte zwei Klappstühle aus dem Hausmeisterraum. Molly setzte sich. Er reichte ihr einen Becher Kaffee.

    „Nicht besonders gut“, warnte er.

    „Das ist mir heute egal“, sagte Molly.

    Sie öffnete ihre Tasche und fand die Zimtsterne. Einen Moment zögerte sie. Dann hielt sie Herrn Kowalski die Packung hin.

    „Plätzchen?“, fragte sie.

    Herr Kowalski nahm eins. Dann noch eins.

    Sie saßen zwischen parkenden Autos, tranken lauwarmen Kaffee, aßen Plätzchen und hörten leise Weihnachtsmusik aus Mollys Handy. Über ihnen das geschlossene Tor. Niemand drängelte. Niemand erwartete etwas.

    Kurz nach sechs ruckelte das Tor auf einmal nach oben.

    Keiner von beiden stand sofort auf.

    „Frohe Weihnachten“, sagte Herr Kowalski schließlich.

    Molly nickte. Und stellte fest, dass sie zum ersten Mal an Heiligabend nichts mehr vorhatte. Und dass sich das erstaunlich gut anfühlte.

  • Der 20. Dezember von booklooker


    Brennendes Herz


    Ein schrilles Lachen schreckt mich auf. Langsam tauche ich aus meinem dunklen Schlaf auf und widerstehe dem Impuls, mich zu schütteln, um ihn zu vertreiben. Der Duft nach Zimt, Nelken und Sternanis erinnert mich an gute Zeiten. Diese Gedanken schließe ich in den imaginären Safe in meinem Kopf. “Last Christmas” dröhnt heute zum fünften Mal aus den Lautsprechern des Crepestands.


    Vor drei Monaten passierte etwas, das ich in meinem Land nie für möglich hielt. Ich habe kein Zuhause mehr und lebe mit meinen wenigen Sachen auf der Straße. Ich traf dumme Entscheidungen und ließ mir nicht helfen. Letztendlich blieb mir nichts anderes als mich den Obdachlosen in meiner Stadt anzuschließen. Als erfolgreicher Immobilienmakler glaubte ich, Menschen auf der Straße seien faul und verdienten kein besseres Leben. Wie oberflächlich ich in jenen Tagen war, merke ich erst jetzt.


    Ich stecke meine drei Wolldecken fester um mich herum und hoffe, dass irgendwer Erbarmen zeigt und mir etwas Warmes zu Trinken anbietet. Meine Füße sind nur noch formlose Klumpen und der Rest meines Körpers ist bald taub. Es beschämt mich, am Rande des Weihnachtsmarktes zu sitzen und zuzusehen, wie lebendig die Menschen um mich herum sind. Die Ecke, in der sich sitze, ist die wärmste weit und breit. Es wäre so leicht, einzuschlafen und nicht mehr aufzuwachen, doch ein Funke Leben glimmt noch in mir.


    “Matthias?” Obwohl das mein Name ist, fühle ich mich nicht angesprochen. Wer sollte mich hier kennen? Mein letztes Geld sicherte mir die Bahnfahrt in eine andere Stadt. Ich wollte nicht während der Vorweihnachtstage auf alte Bekannte treffen. Früher trug ich hippe Klamotten, fuhr ein teures Auto und besaß so viel Zeug, dass ich den Überblick darüber verlor. Niemand aus dieser Zeit versteht, wie ich micht jetzt fühle.


    Direkt vor mir bleibt jemand stehen. Ich spüre, wie ich betrachtet werde. “Du bist es wirklich”, sagt eine männliche Stimme, die ich sofort wiedererkenne. Sie kommt aus einem anderen Leben. Ich habe keine Energie darüber nachzudenken, dass ich gerade einen der peinlichsten Momente meines Lebens erlebe.


    Vor zwei Jahren rockten Flavio und ich die Weihnachtsfeier unseres Unternehmens. Berauscht von unserem Erfolg und dem Alkohol, der den ganzen Abend durch unsere Adern floss, legten wir eine spontane Comedyeinlage hin. Wir waren gut darin, uns Bälle zuzuspielen und unsere Kollegen zum Lachen zu bringen. Meine heimliche Leidenschaft für Flavio half mir, auf jede seiner Gesten und seine Anspielungen zu reagieren. Nach meinem Rausschmiss verloren wir uns aus den Augen, weil ich nicht als Versager vor ihm dastehen wollte.


    Langsam sehe ich auf und mein Magen zieht sich zusammen, als ich in seine schokoladenbraunen Augen sehe. Hätte ich noch Selbstachtung, könnte ich seinem Blick standhalten. Stattdessen senke ich den Kopf und betrachte meine vor Kälte rot angelaufenen Hände.


    “Ich weiß nicht, was ich sagen soll”, dringt seine Stimme an mein Ohr. “Warum bist du hier gelandet? Brauchst du Hilfe?”


    Der Druck hinter meinen Augen spricht Bände. Ich bin kurz davor, in der Öffentlichkeit in Tränen auszubrechen. Flavio ist seit Monaten der erste Mensch, der es gut mit mir meint. Ausgerechnet er, der nicht erfahren darf, wie ich für ihn fühle.


    “Danke, ich komme klar”, höre ich mich antworten, den Kopf weiterhin geneigt, um der Peinlichkeit zumindest ein wenig zu entgehen.


    Dann passiert etwas, mit dem ich niemals gerechnet hätte. Flavio setzt sich direkt neben mich auf eine kleine Ecke meiner Decke und nimmt meine Hand. Zitronig und holzig weht sein Geruch zu mir herüber. Ich kämpfe gegen den Wunsch an, meine Augen zu schließen und meinen Kopf an seine Schulter zu legen. Bei Flavio ist es leicht, sich behütet zu fühlen. Er vermittelt seinem Gegenüber, dass er immer weiß, was zu tun ist, in jeder Lage.


    Ich spreche immer noch nicht, weil es nichts zu sagen gibt. Die Stille zwischen uns scheint aber nur mir negativ aufzufallen. Er wärmt meine Hände mit seinen und sieht mich mit seinem aufmerksamen Blick an, der tief in meine Seele blicken zu scheint.


    “Ich war dumm und hatte Pech”, krächze ich. Es sind meine ersten Worte seit Tagen, so dass die Laute widerspenstig über meine Lippen kommen. “Und jetzt wohne ich hier draußen, bei Wind und Wetter.” Ein Schauder läuft mir über den Körper, als ich an die kommenden Wochen mit Schnee und Eis denke.


    Flavio kaut auf seiner Unterlippe und ich sehe ihm an, dass er über etwas nachdenkt. Dann hellt sich seine Mine auf.


    “Ok, wir machen das so. Du nimmst dein Zeug und kommst mit. Ich habe noch ein Zimmer frei, in dem du die nächste Zeit wohnen kannst.” Bevor ich protestieren kann, hebt er abwehrend beide Hände. “Natürlich kostenfrei. Ich verdanke dir viel und möchte es wiedergutmachen.”


    Er springt auf, rafft mein stinkendes Zeug zusammen und lässt mir keine Wahl. Ich muss mit, wenn ich nicht ohne meine Sachen auf der Straße bleiben will.


    Eine Woche später sitzen wir bei einem heißen Grog und Zimtsternen in seiner Küche. Ich friere nicht mehr ständig und dank Flavios Kochkünsten habe ich keinen Hunger.


    “Warum hast du mich angesprochen?” Die Frage lässt mich nicht los, seit ich hier wohne. Er hätte an mir vorbeigehen können, wie es der Großteil meiner ehemaligen Kollegen getan hätten. Um ihn nicht ansehen zu müssen, nestle ich am Reißverschluss meiner Jacke herum.


    Eine Weile bleibt es ruhig und ich fürchte , dass ich keine Antwort bekomme. Dann räuspert er sich. “Ach, egal”, sagt er mehr zu sich als zu mir. “Ich sag es, wie es ist. Ich habe dich die ganze Zeit über gesucht, konnte nicht damit leben, ohne dich zu sein. Gemerkt habe ich es erst, als du weg warst.”


    Ich traue meinen Ohren nicht. “Du hast mich gesucht?”


    Statt einer Antwort nimmt er mich in den Arm. “Und ich lasse dich nie mehr los.”, raunt er in mein Ohr. Bei diesen Worten gerät mein Herz endgültig in Brand. Endlich kann ich meinen Gefühlen freien Lauf lassen.