Schreibwettbewerb 01.12.2025 - 31.01.2026 Thema: "Flüstern"

  • Thema 01.12.2025 - 31.01.2026:


    "Flüstern"


    Vom 01.12.2025 bis 31.01.2026 23:59 Uhr könnt Ihr uns Eure Beiträge für den aktuellen Schreibwettbewerb zum Thema „Flüstern“ per PN (Sprechblasensymbol, „Konversationen“) zukommen lassen. Euer Beitrag wird von uns dann anonym am 01.02.2026 eingestellt.


    Wer mitschreiben möchte, sendet bitte eine PN an den Account SchreibwettbewerbOrg. Wir schicken euch dann die Zugangsdaten für den Account Schreibwettbewerb. Das Passwort bitte vertraulich behandeln! Ihr meldet euch als Schreibwettbewerb an und sendet euren Beitrag an SchreibwettbewerbOrg. Dadurch sind alle Beiträge anonym. Nach der Veröffentlichung (nach dem 31.01.2026) sendet bitte eine zweite PN mit dem Titel eures Beitrags und eurem Namen an SchreibwettbewerbOrg, damit wir die Beiträge zuordnen können. Das Orga-Team wird erst nach der eigenen Punktevergabe in diese Beiträge schauen.


    Regeln:

    - Die Grenze für die Beiträge ist bei 600 Wörtern.

    - Abgabeschluss ist um Mitternacht.

    - Mitschreiben darf, wer mindestens 50 buchrelevante Beiträge hat oder seit mehr als 6 Monaten Mitglied ist.

    - Abstimmen darf, wer mindestens 25 buchrelevante Beiträge hat oder seit mehr als 3 Monaten Mitglied ist.

    - Als Thema vorgegeben werden kann ein Wort, ein Satz oder ein (selbstgeknipstes/gezeichnetes) Bild (ihr müsst das Urheberrecht haben).


    Bitte achtet darauf, nicht mehr als 600 Wörter zu verwenden. Wir behalten uns vor, Beiträge mit mehr als 600 Wörtern nicht zum Wettbewerb zuzulassen!


    Und bitte keine Kommentare hier reinschreiben. Bis zur Auflösung ist dieser Thread nur für die Beiträge gedacht.

  • Ausgesprochen laut


    Warum die Hexe den Fluch ausgesprochen hatte, wusste längst niemand mehr. Man munkelte von einem Behördenstreit über Besenparkplätze bis zu einer verpatzten Liebesgeschichte.

    Sicher war nur: Es war der lauteste Fluch über das Leiseste überhaupt.


    Das Flüstern.


    Zuerst war es eine Kuriosität. Dinge, die für ein Flüstern bestimmt waren, drangen plötzlich laut aus den Menschen heraus.

    „Deine neue Frisur sieht Scheiße aus“ aus der vollbesetzten Straßenbahn. „Ich kann deine Schwester nicht leiden“ in den Familienbesuch.

    Die Leute entschuldigten sich, lachten verkrampft – oder wechselten das Thema so hastig, dass man fast den Luftzug spürte.


    …nur dass der Fluch oft schneller war als der Gedanke selbst.


    Was Menschen sonst nur hinter vorgehaltener Hand sagten, landete plötzlich in den Zeitungen. Die Schlagzeile „Minister gesteht, seinen eigenen Haushaltsplan nicht zu verstehen“ hörte sich beinahe schlüssig an.

    Niemand wollte es gelesen haben. Alle glaubten es.


    Nur noch die Hartgesottenen riskierten am Ende ein Flüstern, ohne zuvor über die eigene Schulter zu spähen. Die leise Hoffnung, der Fluch sei auf Gartenpartys schwächer, hielt nicht lange.

    Auf Schwäche oder Stärke kam es ohnehin nicht an. Entscheidend waren die Konsequenzen.


    Gerüchte wurden wahr. Nicht nur die wahren. Auch die erfundenen.


    Die Frau des Bürgermeisters erfuhr von ihrer eigenen Affäre erst, als sie morgens im Bett eines wildfremden Mannes aufwachte.

    Zumindest erzählte man sich das – und erzählte es weiter.


    Poltergeister im Rathaus waren zwar schon seit Ewigkeiten ein Lagerfeuergespräch. Dass die Wände dort jetzt nachts bluteten, war hingegen neu.

    Abgesehen davon waren am Schwarzmarkt die Tickets fürs nächste Elvis-Konzert heißbegehrt, und der ›geheime Zwilling‹ eines Popstars gründete spontan einen eigenen Fanclub.


    Irgendwann war selbst ein halber Gedanke so gefährlich, dass die Menschen lieber schwiegen – auch dort, wo Schweigen früher Nähe gewesen war.

    Flüstern war längst verbotene Kunst, Stille eine Bedrohung.


    Laut Nachrichten drehte sich der Berliner Fernsehturm neuerdings fleißig. Lisa konnte ihn durchs Küchenfenster sogar dabei beobachten, als sie nach einem anstrengenden Tag Suppe kochte. Timo schnupperte – erst an Lisas Haar, dann an der Suppe – und landete müde im Stuhl.

    Irgendwann vor oder nach dem ersten Löffel verzog er das Gesicht. Der Fluch war manchmal launisch.


    „Die Suppe ist versalzen!“


    Lisa sagte nichts. Der Kochlöffel klang nach: „Dann koch doch selber.“

    Gewöhnlich trotzten die Leute dem Fluch durch Schweigen – und scheiterten daran. Nur Timo holte heute tief Luft und fügte etwas hinzu, das über die bloße Wahrheit hinausging.


    „Aber danke, dass du gekocht hast. Ich weiß, du hattest einen schweren Tag.“


    Die Schärfe in Lisas Blick hielt kurz inne und war dann weg.

    Dieser Satz war freiwillig. Keine Wahrheit, sondern eine Entscheidung.


    Was danach genau geschah, ist bis heute unklar.

    Die einen behaupten, einen Riss in der Luft gehört zu haben – und verehren Timo seitdem als Fluchbrecher.

    Für die anderen war die versalzene Suppe nur der Anfang. Von vielen kleinen Entscheidungen.


    Aber so oder so war der Fluch irgendwann vorbei.


    Zeitungen begannen leise zu rascheln, als wollten sie Zeilen zurücknehmen. Im Rathaus verstummten die Geister. Der geheime Zwilling löste sich dümmlich grinsend in Popstar-Glitzer auf.

    Und Elvis konnte man wieder nur noch in Graceland besuchen.


    Natürlich verschwanden weder Gerüchte noch Geflüster vollständig. Unter anderem munkelte man, die Hexe sei eigentlich nett.

    Bald darauf tauchte sie am Stadtplatz auf und schimpfte empört vom Besen herab:


    „Ich bin NICHT nett! Ich bin schrecklich, fürchterlich, unaussprech…!“


    Ein kleines Kind winkte ihr fröhlich zu.

    Die Hexe verstummte, seufzte und gab dann zu: „Na schön. Vielleicht ein bisschen. Aber nicht verraten!“


    Aber selbst darüber herrscht Unklarheit.

    Manche behaupten, dass alles genau so passiert ist.

    Die anderen flüstern hinter vorgehaltener Hand, dass es einfacher sei, an Hexen zu glauben als an Entscheidungen.

  • Bevor es laut wird


    Ich war nur hier, weil meine Schwester Spätschicht hatte – und ich dämlich genug gewesen war, zu sagen: „Klar, wie schlimm kann ein Elternabend schon werden?“


    Die Kinderstühle mussten heute höherem Gewicht und kräftigeren Egos als sonst standhalten.

    Mein Hintern inklusive. Wenigstens war der ehrlich.


    Elternabende enden meist hitzig, aber das eigentliche Drama beginnt lange vor dem offiziellen Start.

    Bevor die Kinder zum Spielen rausmüssen, zieht dieses Murmeln durch den Raum. Ein harmloses Vorspiel, bis sich das erste Flüstern dazwischenschleicht.


    Je leiser sie sprachen, desto weniger stimmte es.

    Das Problem ist nie die Lautstärke.

    Es sind die Töne, die versteckt bleiben sollen.


    Die Mutter vor mir beugte sich zu ihrem Sitznachbarn.

    „Also mein Leon ist ja nur so laut, weil die anderen Kinder ihn provozieren.“


    Sie sprach in einem übervorsichtig gedämpften Ton, als könne ein falsches Wort den Satz zum Einsturz bringen.

    Der Mann nickte pflichtschuldig – und wollte eindeutig lieber woanders sein.

    Vielleicht an einem Ort, an dem die Wahrheit weniger Folgekosten hat.


    Alle kannten Leons Lautstärke.

    Sie funktionierte gut als Nebelgranate.


    Ganz vorne versuchte die Lehrerin, Frau Schneider, verzweifelt das kommende Schuljahr wegzublinzeln.


    „Also unser Tim … äh … der ist körperlich allen überlegen. Erstaunliche Ausdauer. Mehr Kraft.“


    Der überzeugte Brustton von Tims Vater hielt nicht ganz bis zum Ende der Heldensaga seines Sohnes.

    Von hinten hörte man Tim so erschöpft husten, dass selbst sein Pokémon-Rucksack Mitleid mit ihm bekam.


    Frau Schneider starrte auf den Bleistift, den sie gerade in der Hand zerbrochen hatte.


    Zwei Mütter tauschten sich wie Geheimagentinnen aus. „Meine Emma ist geistig schon viel weiter …“

    Beim Wort „hochbegabt“ nickte die andere derart eidesstattlich, dass die amtliche Bestätigung zur reinen Formsache wurde.


    Emma kauerte zu ihren Füßen und aß Radiergummis.

    Mit einer Hingabe, die Respekt einflößte.


    Manche Wahrheiten muss man nicht zwingend flüstern.

    Bei anderen wünscht man sich sogar, man wäre taub.


    Die Familie am Rand war bisher kaum aufgefallen: ein junger Vater, eine Mutter, beide mit stillen, festen Gesichtern.

    Kein Flüstern. Kein Lächeln. Kein Show-Gehabe.

    Nur dieses aufrechte Sitzen, bei dem Reden merklich schwerer war als Stillsein.


    „Wie läuft es denn im Moment bei Ihnen?“, fragte die Lehrerin leise, warm.


    Der Vater rieb sich langsam die Stirn, als müsse er Kraft sammeln.

    Die Mutter atmete lange aus. „Wir … versuchen wirklich alles. Und er gibt sich echt große Mühe. Es gibt gute Tage. Und dann gibt es die anderen.“


    Sie redete nicht viel. Sie redete nicht schön. Aber sie redete wahr.

    Bei so wenigen Worten waren kaum versteckte Töne zu finden.

    Nur Müdigkeit und Fürsorge.


    Frau Schneider antwortete mit einem ermutigenden Nicken und ließ ihren Blick schweigend über die restliche Runde wandern. Binnen Sekunden sanken dort die ersten Köpfe und studierten das Linoleum mit einer Intensität, die man den Kindern bei den Hausaufgaben gewünscht hätte.


    Es gibt Stimmen, die flüstern, weil sie verbergen.

    Und es gibt Stimmen, die schweigen, weil sie kämpfen.


    Während draußen auf dem Flur noch jemand versuchte, leise Ordnung zu halten, flog genau in diesem Moment die Tür auf.


    „Onkel Jakob!“, rief meine Nichte.

    Natürlich nicht leise.


    Alle Köpfe drehten sich zu mir.


    „Mama sagt, sie lädt Frau Schneider zum Kaffee ein, weil du sie so hübsch findest!“


    Die Lehrerin starrte mich an. Hitze schoss mir ins Gesicht.

    In der Tür formte meine Schwester ein stummes „Sorry“ und verschwand rückwärts im Flur.


    Und dann – wie auf Kommando – setzte neues Flüstern ein.

    Leiser, giftiger, freudiger.

    Diesmal über _mich_. Hab ich behauptet, ich sei nur wegen der Spätschicht meiner Schwester hier?


    Je leiser man spricht, desto weniger stimmt es.

  • Das Flüstern

    Bewundernd sah sie sich um. Zum ersten Mal hatte Patrik sie zu sich eingeladen. Das Haus war groß und modern; klare Linien, Glas, Stahl und Granit dominierten die Optik.


    "Freut mich, wenn es dir gefällt. Ich habe eng mit dem Architekten zusammengearbeitet. Du wirst dieses Haus kein zweites Mal finden." Der Stolz in seinen Augen war unverkennbar. "Magst du ein Glas Champagner?"


    "Gibt es etwas zu feiern?" Kokett sah sie zu ihm auf. Wer weiß, wie der Abend sich entwickeln würde? Sie konnte sich durchaus vorstellen, bei ihm zu übernachten.


    "Eine schöne Frau in meinem Heim, das ist doch Grund genug." Er zwinkerte ihr zu. Sie hatten das Wohnzimmer erreicht und er führte sie galant zum Sofa. "Warte kurz, dann hole ich ihn."


    Sie setzte sich, während Patrik in der Küche verschwand. Ihr Blick glitt über das blitzblanke Interieur. Kein Staubkorn war zu sehen, und alles war so ordentlich wie in einer Wohnzeitschrift. Ob er die Bücher im Regal alle gelesen hatte? Sie sahen aus wie neu.


    Neugierig ging sie zum Regal. Was er wohl las? Krimis, oder Sachbücher? Oder war er eher der Typ für historische Romane oder preisgekrönte Gegenwartsliteratur?


    Als sie etwas hörte, drehte sie sich um. Sie hatte angenommen, es sei Patrik sei mit dem Champagner, aber da war niemand. Sie musste es sich eingebildet haben.


    Gerade hatte sie sich wieder den Büchern zugewandt, da hörte sie es erneut. Ein Flüstern, wie ein Windhauch. Sie trat näher, um die Stimme verstehen zu können. Ob hier irgendwo ein Lautsprecher war? Neben dem Flachbildfernseher standen schlanke, hohe Boxen, aber auf dieser Seite des Raums war ihr nichts aufgefallen.


    "Geh!" Da war die Stimme wieder. Leise, aber eindringlich. Ihr lief eine Gänsehaut über den Rücken. "Flieh, solange du kannst!"


    Was war das? Hier war doch niemand! Lief irgendwo ein Radio oder ein Fernseher?


    Schritte verrieten ihr, dass Patrik zurückkehrte. Er trug zwei Gläser in den Händen und strahlte sie an, als er ihr eines davon reichte. Sie beschloss, sich ihre Verunsicherung nicht anmerken zu lassen, und nahm ihres mit einem Lächeln entgegen.


    "Auf einen wunderbaren Abend!" Patrik erhob sein Glas und prostete ihr zu.


    Sie erwiderte seinen Toast und stieß mit ihm an. Aber die Anspannung wollte nicht weichen, also nahm sie nur einen winzigen Schluck. Ein Gedanke war ihr gekommen. Völlig absurd, aber …


    "Zeigst du mir kurz, wo das Badezimmer ist?"


    "Natürlich."


    Als er sich umdrehte, um voran zu gehen, tunkte sie schnell und unauffällig eine Ecke ihres Ärmels in ihr Glas. Er würde denken, sie hätte ihn beim Händewaschen nass gemacht, wenn es ihm überhaupt auffiel.


    Im Badezimmer öffnete sie ihre Handtasche und nahm das Armband heraus, welches sie für Clubbesuche gekauft hatte. Das, mit dem man KO-Tropfen in Getränken nachweisen konnte. Der Gedanke war absurd, aber sie konnte nicht aufhören daran zu denken, dass in letzter Zeit mehrere junge Frauen verschwunden waren. Sie presste zwei Tropfen von ihrem Ärmel auf das Testfeld, dann betätigte sie die Toilettenspülung und wusch sich die Hände. Nach zwei Minuten würde sie wissen, ob sie sich alles nur einbildete.


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    Patrik sah verwirrt aus, als es wenige Minuten später an seiner Haustür klingelte und zwei Polizisten davorstanden. Und wütend, als er gebeten wurde, mit aufs Revier zu kommen.


    KO-Tropfen waren nur für kurze Zeit nachzuweisen, aber bei einer Hausdurchsuchung fand sich das Fläschchen in der Küche. Schlimmer noch: Es fanden sich Trophäen früherer Opfer. Schmuckstücke der Frauen, welche verschwunden waren. Als man ihre Leichen fand, durchfuhr es sie kalt. Sie war so knapp davor gewesen, ihr Schicksal zu teilen. Nur das Flüstern hatte sie gerettet. Eine Warnung aus dem Geisterreich?

  • Der Freispruch hilft nicht dem Gewissen


    Annika wusste nicht, was sie geweckt hatte. Es war dunkel, die Wohnung still. Allzu lange geschlafen hatte sie noch nicht, der Wecker zeigte kurz nach Mitternacht.

    „Alles gut!“, versuchte sie sich zu beruhigen. Wahrscheinlich irgendein Geräusch von draußen: eine Fehlzündung, eine zugeknallte Autotür, eine Katze, die reinwollte, damit sie wieder rauswollen konnte.

    Trotzdem pochte Annikas Herz wie wild. Atemlos lauschte sie in die Dunkelheit. Doch was auch immer sie geweckt hatte, wiederholte sich nicht. „Du bist überreizt!“, rief sie sich nach ein paar Sekunden zur Ordnung. „Kein Wunder, nach so einem Tag.“

    Hinter ihr lag eine Gerichtsverhandlung, die Anklage hatte auf fahrlässige Tötung gelautet. Drei Monate zuvor war ihr eine alte Frau vors Auto gelaufen, es war der schlimmste Tag in ihrem Leben gewesen, und die Verhandlung hatte alles wieder hochgeholt. Sicher nicht nur für sie, auch für die Angehörigen.

    Sie war auf dem Rückweg vom Fitnessstudio gewesen, ausnahmsweise mit dem Auto, weil sie auf dem Rückweg noch beim Getränkemarkt hatte vorbeifahren wollen. Die alte Frau war unvermittelt zwischen zwei geparkten Autos auf die Fahrbahn getreten. Annika war nicht zu schnell gewesen und auch nicht müde oder abgelenkt. Trotzdem hatte sie nicht mehr rechtzeitig bremsen können, die Frau war gegen den Kühler geprallt und meterweit geschleudert worden.

    Zeugen und Gutachten hatten Annika entlastet, das hatte nach der Beweisaufnahme auch der Staatsanwalt anerkennen müssen. Die Frau hatte nicht ausreichend nach rechts und links geschaut, vermutlich hatte sie den Bus erreichen wollen, der sich auf der anderen Straßenseite ein Stück weiter der Haltestelle genähert hatte. Annika war nichts vorzuwerfen, der Staatsanwalt hatte sich der Forderung der Verteidigung angeschlossen und einen Freispruch wegen erwiesener Unschuld beantragt.

    Juristisch war der Unfall damit abgeschlossen. Doch Gefühle waren nicht logisch und scherten sich einen Teufel um Paragrafen, zumindest ihre. Das Erlebte hing ihr immer noch nach, und es würde wohl auch noch einige Zeit ins Land gehen, bis sie sich davon erholt hatte.

    Annika lauschte noch einen Augenblick und wollte sich dann wieder so entspannt, wie sie es hinbekam, in die Kissen sinken lassen. Doch genau in diesem Moment vermeinte sie ein Wispern zu hören und schreckte direkt wieder hoch, der Puls raste.

    Das Flüstern wiederholte sich. Erst schien es nur unklares Gemurmel zu sein, dann schälten sich Worte heraus: „Schuldig!“ und „Du hast sie totgefahren!“

    Annika begann zu zittern. Was war das? Wurde sie verrückt? Einbildung, versuchte sie sich einzureden, die Flüsterstimme existierte nur in ihrem Kopf.

    Doch es wollte nicht aufhören, und immer wieder das eine Wort: „Schuldig!“ Sie presste die Hände an den Kopf, rieb die Schläfen mit den Handballen, schaltete das Licht ein, versuchte, sich zu zwingen, an etwas anderes zu denken. Nichts half.

    Raus! Sie musste raus! Der Raum schien sie zu erdrücken, die Stimme von überall zu kommen. Hastig zog sie sich an, griff sich den Wohnungsschlüssel und stürmte nach draußen. Die Stimme warf ihr ein letztes „Schuldig!“ hinterher, aber sie blieb drinnen.


    Wie einfach es doch war, einen Menschen fertigzumachen! Gut, dass er damals den Wohnungsschlüssel hatte mitgehen lassen, als sie ihn rausgeworfen hatte! Bloß weil er einmal, bei der Party, mit dieser … Wie hieß sie doch gleich? Egal. Der Unfall hatte ihm natürlich perfekt in die Hände gespielt, da brauchte man gar nicht mehr viel nachzuhelfen, um sie fertigzumachen. Der Rest war einfach, ein bisschen Ahnung von Technik, und das Zeug gab’s billig im Internet. Sie würde leiden, und er hatte es in der Hand, wie sehr und wie lange. Die Rache war sein.

  • Der schlechteste König von allen


    Es war einmal ein König, von dem die Leute sagten, er müsste der schlechteste König seit Menschengedenken sein. Natürlich nur hinter vorgehaltener Hand, denn niemand wollte in den Kerker geworfen werden. Der König war immer schlecht gelaunt, kaum vorstellbar, dass er bei Widerworten Gnade walten lassen würde.

    Was der König anfasste, ging schief. Er traf die falschen Entscheidungen, kümmerte sich zu früh oder zu spät oder nahm sich der unwichtigen Dinge an und stellte die wichtigen dafür zurück.

    In einem Sommer ritt der König mit seinem Gefolge in die Berge, um den Bau einer neuen Brücke in Angriff nehmen zu lassen. Er wollte die Leute anweisen, wo die Brücke stehen und wie sie gebaut werden sollte. Schon im Herbst würde sie fertig sein, sodass niemand mehr den weiten Umweg zu machen brauchte, der jetzt nötig war, um den Bach zu überqueren. Durchreiten konnte man den Bach nur bei günstigen Umständen, meistens war die Strömung zu stark.

    Am Ufer hatte sich eine große Menschenmenge versammelt. Neben den Handwerkern, die die Brücke bauen sollten, waren viele Menschen aus den nächsten Dörfern gekommen, um zu hören und zu sehen, wie die neue Brücke aussehen sollte. Die Ersten raunten sich schon zu, dass der Bau schon jetzt zum Scheitern verurteilt war, und stellten leise Mutmaßungen an, welche Unzulänglichkeiten der Plan des Königs haben würde.

    Sie wurden nicht enttäuscht, tatsächlich konnte so, wie der König sich das dachte, keine stabile Brücke entstehen. In den hinteren Reihen wisperten die Leute einander zu, was passieren würde, wenn die Brücke tatsächlich so gebaut wurde, die in den vorderen Reihen, die befürchten mussten, dass der König es mitbekommen würde, schwiegen.

    Unvermittelt drängte sich ein kleiner Junge nach vorn. Er schlüpfte zwischen den Beinen der Erwachsenen durch, niemand hielt ihn zurück. Sie dachten, er wollte einfach besser sehen können, vielleicht war es das erste Mal im Leben, dass er dem König begegnete.

    Doch der Junge ging weiter, völlig unbefangen näherte er sich dem König. „Der Vater sagt, es ist schlecht, wenn du die Brücke da baust“, verkündete er mit lauter und klarer Stimme.

    Den Umstehenden stockte der Atem, das Gemurmel im Hintergrund verstummte mit einem Schlag. Jeder war überzeugt, dass sie nur noch einen Wimpernschlag von einer Katastrophe entfernt waren.

    Auch der König war für einen Moment wie erstarrt. Dass ihm jemand widersprach, erlebte er zum ersten Mal. Doch zur Überraschung der Menschen blieb der erwartete Wutausbruch aus. Der König überlegte kurz und rief dann laut: „Der Vater des Jungen möge vortreten!“

    Mit zitternden Knien setzte sich ein junger Mann in Bewegung, ein einfacher Handwerker, der aber die Gegend genau kannte. Er befürchtete das Schlimmste und glaubte, dass er schon froh sein musste, wenn der König ihm nicht an Ort und Stelle den Kopf abschlagen ließ.

    Doch der König blieb erstaunlich freundlich. „Warum glaubst du, dass die Brücke hier nicht stehen sollte?“, fragte er. „An anderen Stellen wäre sie viel schwerer zu bauen.“ „Das stimmt“, räumte der Handwerker ein. „Aber denkt an die Schneeschmelze! Wenn es viel geschneit hat, reißt das Wasser alles mit. Es würde auch die Brücke mitnehmen.“

    Der König verstand und nickte. „Wo würdest du sie bauen?“, fragte er. Und plötzlich verstanden auch die Leute: Der König war nicht böse und rechthaberisch. Er hatte nur nie gelernt, dass er nicht alles allein entscheiden musste, dass er sich Rat holen durfte. So entstand eine stabile Brücke, die für viele Jahre den Übergang sicherte, und aus dem schlechten König wurde der beste, den das Volk sich wünschen konnte.

  • Erlösung


    „Halt! Die! Fresse!“


    Butchs Stimme brach; die Trakthalle schluckte sein Gebrüll und das Kreischen des Stahls, als seine Fäuste gegen das Gitter rissen. Wochenlang hatte er Townsend wie Frischfleisch durch diese Stäbe hindurch gequält und mürbe gemacht. Seit drei schlaflosen Nächten fraß sich dessen unablässiges Flüstern durch den Beton in Butchs Verstand. „Morgen“, presste er hervor, die Stimme zittrig, „beim Hofgang bist du fällig. Ich reiß—“


    Ein feuchtes Schnalzen unterbrach ihn. Die Nachbarzellen blieben hasserfüllt still. Townsend neigte den Kopf minimal zur Seite, musterte Butch konzentriert. Er sah nicht durch Butch hindurch. Er sah in ihn hinein – wie ein Wissenschaftler, der ein defektes Modell seziert.


    „Ihre Stimme ist unnötig.“


    Townsends absolute Ruhe reduzierte Butchs Atmen zu einem gurgelnden Geräusch. „Ihr offener Mund …“ – er hielt inne und studierte das Zittern von Butchs Unterlippe – „… ist ein widerwärtiger Anblick.“ Das spröde Wispern kroch als Schauder Butchs Nacken hinunter. „Nicht wie eine gewöhnliche Wunde, die nicht heilen will. Sondern wie ein offener, nässender Anus mitten im Gesicht, aus dem stinkende, unverdiente Worte quellen.“


    Townsend rückte näher ans Gitter, sein Blick wurde klinisch, fast zärtlich. „Sie haben es gehasst“, fuhr er fort, „als Kind diese feuchten, grünen Plastik-Turnschuhe tragen zu müssen. Durchnässte Socken, kalt und schleimig. Dieser klebrige, süßliche Gestank – wie der aufdringliche Geruch beginnender Verwesung.“


    Zu präzise.


    „W…Was?“, keuchte Butch. Er konnte den Schlamm zwischen den Zehen und den Spott der Kinder fast wieder spüren und riechen. „Und Ihre Zunge, Butch. Diese kleine schwache Zunge, hat diesen Geruch nie vergessen. Hat ihn jahrelang mit sich herumgetragen, anstatt auszuspucken. Ihn geschluckt. Und weitergesprochen.“


    Townsends Blick blieb ohne Lidschlag. „… obwohl sie hätte schweigen müssen.“

    Butch wollte schreien, seine Augen flüchten, doch Nacken und Lippen blieben wie gelähmt. Kein Laut löste sich. Diesem Blick gehorchte er längst.


    „Aber das ist belanglos“, entschied Townsend höflich. „Es geht hier nicht um Turnschuhe.“

    Reglos beobachtete er das Umherirren von Butchs Pupillen.


    „Wir reden über die Zunge.“


    „Diese Zunge“ – Townsend atmete flach, kontrolliert. Butch würgte trocken. – „dieser Muskel ohne Knochen. Ihr Meister. Ihr Drecksammler. Dieser hungrige Parasit.“ Butch schnappte nach Luft, presste den Gedanken wie einen klammen, schwellenden Klumpen gegen den Gaumen. „Es mästet sich von Scham. Das ist kein Teil von Ihnen. Sondern eine Krankheit, die Sie zum Reden zwingt. Sie spüren das, Butch.“


    „Es sehnt sich nach Ruhe“, erklärte Townsend tröstend. „Es ist unsagbar müde. Erschöpft davon, Ihren Dreck weiterzutragen.“


    Er hob die Hand, wie ein Dirigent, für einen einzigen, präzisen Takt. „Befreien Sie sich davon. Butch, Sie wissen, was zu tun ist.“ Seine Stimme sank auf ein kaum hörbares Zischen. „Eliminieren Sie das Problem! Erlösen Sie es!“


    „Jetzt.“


    Townsend wandte sich ab, legte sich mit dem Gesicht zur Wand und zog die Decke ans Kinn. Die Notbeleuchtung eroberte summend den Raum zurück.


    Butchs Stirn glänzte, die Kiefer zitterten.


    Eliminiere das Problem.


    Der Gedanke war vertraut. Er war schlichtweg korrekt. Dieser Fremdkörper hingegen – dieser seichende, pulsierende Blutegel – stemmte den Kiefer von innen auf. Seine Lippen verkrampften. Er sog ruckartig Luft ein – wie ein Tier, das sich selbst in die Falle schiebt. Dann die Entscheidung. Kein Reflex, sondern ein entschlossener, eiskalter Akt der Erlösung.


    Für einen winzigen Moment fühlte es sich richtig an.


    Schneidezähne gruben sich tief in weichen, dicken Muskel. Kein Schmatzen. Nur ein trockenes Knirschen – dann ein satter, feuchter Riss. Wie nasses Leder, das zerfetzt wird.


    Townsend gähnte leise.


    Butch würgte nicht. Er röchelte. Blut pulsierte lautlos die Luftröhre hinauf. Seine Augen weiteten sich, hellwach und starr. Nicht vor Schmerz. Sondern vor dem warmen, salzigen Brei, der träge aus seinen Mundwinkeln quoll.


    Das Flüstern hatte aufgehört. Stille war eingekehrt.


    Nur ein letztes, applaudierendes Zungenschnalzen.

  • Waldspaziergang


    Die Vögel sangen. Ihr Lied drang tief bis ins unterste Gehölz. Regen fiel in feinen Fäden auf sie und ihren Wald, doch das minderte ihre Fröhlichkeit nicht. Erst, als ein Ast knackte, verstummten sie kurz und suchten sich flink eine neue Stelle für ihre Unterhaltungen.

    Mike quälte ihr Gesang. Seine regennasse Kleidung klebte an ihm und er fröstelte. Stunden war er bereits unterwegs.

    »Der Regen hält sicher nicht lange an«, murmelte er ununterbrochen.

    Dieses Mantra war das Klebeband, das seinen Verstand zusammenhielt. Es war nicht viel, aber alles, was er hatte.

    Plötzlich wisperte jemand seinen Namen.

    Er fuhr herum, doch neben ihm stand nur ein riesiger, alter Baum.

    Als er sich schon umdrehen und weiter schlendern wollte, erfasste eine Böe die Äste der riesigen Eiche.

    »Blut zu schmutzig für Mücken. Ich hoffe, du stirbst bald. Bete zu deinem Gott«, zischte es aus dem Astwerk.

    Mike schnaubte. »Du bist kein Gott, an den ich glauben kann! Diese Leute hatten Familie!«

    »Unter tausend Menschen, die bereit sind, was Großes zu tun, findet man nur einen, der bereit ist, was Kleines zu tun. Du bist nicht dieser eine, Mike.«

    »Jetzt tust du so, als hättest du mich testen wollen? Du kommst in meinen Kopf, sagst mir, ich soll diese vier aus ihrem Leben erlösen und nun habe ich versagt, weil ich es getan habe?«

    »Es wäre eine Kleinigkeit gewesen, sie nicht zu töten. Du hättest mich ignorieren können, so wie die ganzen Jahre zuvor.«

    Er schüttelte energisch den Kopf. »Ich wollte dich endlich loswerden. Dich zu ignorieren war zu schwer.«

    Ein Lachen schallte durch den Wald. »So oder so bist du ein Schwächling, Mike. Du kannst nicht gewinnen.«

    Ein Anflug eines Lächelns trat auf Mikes Gesicht.

    Es war eine angelernte Geste. Er hatte noch nie positive Gefühle empfunden. Aber wenn er dazu im Stande gewesen wäre, hätte er diesen Moment als den glücklichsten seines Lebens bezeichnet. Seine Frau und auch seine zwei Kinder hatten nie so etwas Friedvolles in ihm ausgelöst wie diese Situation.

    »Den Kampf gegen dich werde ich nie gewinnen. Aber der Posten als Firmenchef ist mir jetzt sicher.«

    Er wandte sich vom Baum ab und murmelte: »Ich muss noch einen Anzug für die Beerdigung raussuchen.«