Carlo Emilio Gadda wagt in diesem Roman stilistisch den großen Spagat zwischen seinem üblichen verschachtelt-humoristischen „Makkaroni“-Erzählstil und lapidaren Äußerungen von Romanfiguren voll äußerster Tristesse und Verzweiflung. Zunächst ein Beispiel für Ersteres. In Kapitel 7 leitet der Autor die anstehende nächtliche Vernehmung der Prostituierten Ines dadurch ein, dass er einen Polizisten zum zweiten Mal eine Brotzeit bestellen lässt:
„Pompeo seinerseits sah keinerlei Gegenindikation, welche dem Introitus einer Wiederholung des Sieben-Uhr-Brotes in Stiefelgröße entgegenstünde: diesmal mit Einlage von Roßbiff und gekochter Mortadella in Wechselschichten, von den höchst erfahrenen, molligen Fingern des Nudelkochs weich aufs Brotkanapee gebettet: welches er schließlich – durch einen Blick die Zulassung erteilend – mit dem vorausgeschnittenen und zur Seite gelegten Brotdach (der oberen Hälfte) bedeckelte: indem er selber die Unterlippe vorschob, kaum einen Millimeter zwar: während der komprimierte und sozusagen gegen den Kragen (wenn er einen Kragen überhaupt trug) geplättete Halsspeck ihm die Frühjahrskrawatte zudeckte, den gepünktelten Schmetterlingsbinder in Erbsgrün.“
Für einen Kriminalroman, in dem es vordergründig um die Aufklärung von Raub und Raubmord geht, ist das ein seltsamer Einschub. Gadda zieht hier im auktorialen Erzählstil die Register eines bei aller Eleganz der Formulierung doch etwas platten Humors: verfressener Polizist, korpulenter Koch, die Parallelität von Stulle und Doppelkinn. Unmittelbar danach hat die arme Ines dann allerdings nichts zu lachen. Das lange, bohrende Verhör entreißt ihr den Namen des Mannes, der sie mies behandelt hat, den sie noch immer liebt und den die Polizisten als einen Hauptverdächtigen betrachten. Der Autor nähert sich, für ihn typisch, allmählich dem personalen Erzählstil und wir sehen die Dinge schließlich mit den Augen der Prostituierten an. Auf dem Höhepunkt dieser Entwicklung heißt es dann:
„Nackt kam sie sich vor, unbewehrt, gegenüber der Macht der Inquisitoren über Nacktheit und Schmach, von welchen sie, wenngleich ohne Hohngelächter, doch gerichtet wurde: nackt, unbewehrt: wie sie es sind, die Töchter, die Söhne ohne Schutz, ohne Schirm, in der bestialischen Arena dieser Erde …“
Nur noch formal ist das derselbe Makkaroni-Stil. An die Stelle der Komik einer von außen und mit leichter Boshaftigkeit beobachteten Imbiss-Szene ist die tief von innen kommende Klage einer elenden jungen Frau getreten: Bestialische Arena dieser Erde …! Diese Stelle hat eine Entsprechung, die noch stärker berührt. Der Kriminalist Ingravallo versetzt sich in Kapitel 2, gewissermaßen stellvertretend für den Erzähler, in das Mordopfer Liliana Balducci, und zwar in ihren letzten Minuten und Sekunden. Das Erleben ihrer eigenen Vernichtung ist höchst prägnant beschrieben und umfasst als Fazit, als letzte Erkenntnis, bevor ihr die Kehle durchgeschnitten wird: „Die unerwartete Wildheit der Dinge, plötzlich enthüllte sie sich ihr … flüchtige Jahre!“
Demgegenüber noch ein Beispiel für den auch mit ernsteren Verhältnissen seinen Schabernack treibenden Autor. Die Ermittlungen zum Kriminalfall verlagern sich in der zweiten Texthälfte von Rom in die ländliche Umgebung („Castelli Romani“). Hier wird der Maresciallo Santarella dadurch lächerlich gemacht, dass er bei seinem ersten Auftritt der höchst verdächtigen „Hexe“ Zamira etwas zum Färben bringt:
„Frauenunterleibchen waren’s, diese Pakete: denn der Maresciallo Santarella, der eines Tages ein Weib zum Altar geschleppt hatte (und noch nicht mal so geschwollen war sie), lebte mit neun Weibern: die Frau, deren alte Mutter und eine etwas blöde Schwester, dann die eigene Schwester, völlig unbefleckt, mit allen psychischen Schnörkelzeichen der Unbeflecktheit, welche Schwestern befallen, drei Töchter, noch nicht im Alter, um etwa nicht mehr unbefleckt zu sein, und zwei Untermieterinnen, Zwillinge, einstmals auf bestem Wege, aus der Unbeflecktheit herauszutreten, nunmehr jedoch (nach gleichzeitigem Entfleuchen des erhofften Ent-Unbefleckers, welcher, nachdem er sich nicht für eine der beiden hatte entscheiden können, sie beide hatte sitzenlassen, ehe er noch … Hand angelegt hatte), nunmehr also endgültig in die Unbefleckheit zurückgekehrt.“
Dieser überlange Satz, mit der Assoziation von Chemischer Reinigung – Zamira betreibt eine – und Befleckung im Sinne von Entjungferung spielend, liest sich wie eine Parodie auf Proust, der alles genau weiß und es genauestens mitteilen muss. In Teilen könnte man Gaddas Roman, der ja viel mehr Sozial- und Milieustudie als Kriminalgeschichte ist, allerdings auch als komische Version von Joyce’ „Ulysses“ auffassen. Am ehesten gerecht wird man Gaddas Genie, wenn man die „Via Merulana“ als eine in Stil und Weltbild barocke Angelegenheit betrachtet, beeinflusst vielleicht von neuesten Erkenntnissen der Physik (Ingravallo als Vorläufer der Chaostheorie?). Es geht jedenfalls um eine Welt zwischen Eros und Tod, zwischen liebenden Vereinigungen und endgültigem Abscheiden. (Nebenbemerkung: Viel weniger überzeugend ist der Roman als zeitgeschichtliche Abrechnung mit dem Mussolini-Regime. Zwar wird der Diktator in dem kurz nach Kriegsende geschriebenen Buch häufig als lächerliches Hassobjekt eingeflochten, doch erscheinen diese Stellen allzu stereotyp, um tief empfunden oder durchdacht zu sein – Gadda war zudem in jungen Jahren selbst Mitglied der Faschisten-Partei. Die Funktion der Tiraden gegen Mussolini für den Roman erschließt sich gewöhnlich nicht. Polizeiarbeit und Verfolgungsdruck dürften vor wie nach Mussolini sich nicht viel anders dargestellt haben als hier 1927, dem Jahr der Romanhandlung.)
Fortsetzung folgt, siehe unten
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ASIN/ISBN: 3803133564 |
