Sara Dellabella - Die Irrfahrt der St. Louis

  • Mir fehlte in der Bildgeschichte die emotionale Nähe zu einzelnen jüdischen Familien an Bord

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    Graphic Novels reizen mich immer wieder und ich bin auch der Meinung, dass von den Verbrechen der Nazis im vorigen Jahrhundert, besonders an der jüdischen Bevölkerung, immer wieder erzählt werden muss und, dass dieser Teil der deutschen Geschichte auch in den jüngeren Generationen nicht in Vergessenheit geraten darf. Als ich diese Graphic Novel bei NetGalley entdeckte, wollte ich sie gern lesen und anschauen. Daher freute ich mich sehr, als ich sie kurz nach meiner Anfrage als PDF auf meinen Rechner laden konnte.


    Allerdings bin ich jetzt, nachdem ich damit fertig bin, ziemlich enttäuscht. In einer Graphic Novel erwarte ich davor und danach keine ellenlangen Texte am Stück, die mir die Geschichte erklären müssen, sondern, dass sich bei mir die Emotionen durch das Zusammenspiel der Texte und Bilder aufbauen und das war hier leider selten und irgendwie einseitig der Fall. Es wurden vor der Abfahrt der St. Louis zwar einige der jüdischen Familien namentlich in Bildern vorgestellt, bei denen in den von mir als wirklich gut empfundenen Zeichnungen durchaus zu sehen war, dass etwas passiert war, was diese Menschen verletzte oder, dass sie traurig sind. Aber welches Unrecht ihnen persönlich dabei gerade widerfuhr oder den Grund ihrer Traurigkeit, konnte ich allein aus diesen Bildern ohne Text nicht wirklich fühlen, so, dass sich bei mir auch keine emotionale Nähe zu diesen Protagonisten aufbaute.


    Mir persönlich gingen zwar einige der Zeichnungen ohne Text – besonders die ganz am Anfang - trotzdem unter die Haut, allerdings eher, weil ich in den letzten fast 50 Jahren – also seit ich des Lesens mächtig bin - sehr viel über Einzelschicksale von Verfolgten des Nationalsozialismus gelesen oder auch in Filmen gesehen habe. Das haben jedoch viele junge Menschen meistens noch nicht und die Jugendlichen in meiner Familie oder meinem Freundeskreis lesen in Comics oder Graphic Novels – so wie ich es hier übrigens auch tat – erst einmal nur die Texte, die bei den Bildern stehen, überblättern lange Texte davor und hören am Ende der Zeichnungen mit den Texten auf. Lange Texte wie sie hier davor und danach stehen, lesen sie nur, wenn sie die, ich nenne es mal Bildgeschichte, richtig abgeholt hat und sie dann unbedingt noch mehr erfahren möchten.


    Letzteres war selbst bei mir hier leider nicht der Fall und ich glaube auch nicht, dass es meinen 16-jährigen Enkeln anders ginge. Ich empfand das, was den Menschen auf diesem Schiff durch die permanente Zurückweisung angetan wurde, zwar durchaus als schlimm und der Kapitän hatte für sein einfach nur menschliches Verhalten auch all meine Sympathien, aber dadurch, dass mir keiner der jüdischen Passagiere emotional so richtig nahegebracht wurde, war das für mich alles irgendwie trotzdem zu weit weg. Wäre das hier kein Rezensionsexemplar gewesen, hätte ich im Nachgang wahrscheinlich nicht mal die langen und durchaus wichtigen Texte vor und nach der Bildgeschichte gelesen.


    Obwohl ich die Thematik an sich wirklich wichtig finde, fürchte ich, dass diese Umsetzung hier am Ziel vorbeigeht und Jugendliche oder Erwachsene in Sachen Antisemitismus nicht wirklich zum Nach- oder gar Umdenken bringt. Da haben mich andere Graphic Novels über Menschenrechtsverbrechen aus dieser schlimmen Zeit schon deutlich mehr mitgerissen.


    ASIN/ISBN: 3989620231