Treppe aus Papier - Henrik Szántó

  • Klappentext:

    Ein kühner, innovativer Roman, der zeigt, wie Vergangenheit in der Gegenwart nachwirkt.

    Das alte Haus erzählt. Denn seine Mauern, Dielen und Ritzen bewahren die Erinnerungen an alle Menschen, die es jemals bewohnt haben. Schon als Kind hat Irma Thon mit ihren nazitreuen Eltern im ersten Stock gelebt. Während die 90-jährige zurückblickt und immer wieder an die kleine Ruth Sternheim von damals denken muss, erfreuen sie die Gespräche mit Nele Bittner aus dem vierten. Die Schülerin lernt für eine Geschichtsklausur und beginnt zu verstehen, dass die Vergangenheit nicht vergangen ist, sondern nur wenige Stufen entfernt.


    Autor:

    Henrik Szántó, geboren 1988, ist halb Ungar, halb Finne und lebt als Autor und Moderator in Hannover. Als Spoken Word-Künstler bespielt Szántó die Bühnen des deutschsprachigen Raums. Die Kernthemen seiner Arbeit sind Mehrsprachigkeit, Erinnerungsarbeit und kulturelle Vielfalt.


    Meine Meinung:

    Schon die gewählte Perspektive macht dieses Buch außergewöhnlich, wenn nicht sogar einzigartig - ich jedenfalls kenne nichts vergleichbares. In diesem Buch über ein altes Haus und die Menschen darin nimmt kein außenstehender Erzähler den Leser an die Hand. Aber auch keiner der Bewohner, ob Mensch oder Tier, führt uns herum. Es ist das Haus selbst, das uns einen intensiven Einblick gibt in seine Räume, das Treppenhaus, den Keller oder den Dachboden. Überall vermischen sich die Geschichten der Bewohner heutiger wie früherer Tage, so daß man am Anfang kurz den Eindruck hat, von der schieren Masse an Leben überrannt zu werden. Und doch kann man aufgrund der strukturierten Erzählweise stets problemlos den Überblick behalten und schließt die Personen schon bald ins Herz.


    "Treppe aus Papier" ist ein sehr intensives Buch mit vielen unterschiedlichen Blickwinkeln. Ganz besonders hat mir die Sprache gefallen. Das ganze Buch über konnte ich mich immer wieder über wunderbare kleine wie große Wortspiele, Satzstellungen und ähnliches freuen. Auch hier sorgt die spezielle Erzählperspektive für einen zusätzlichen Reiz. Es ist nicht so einfach, diese Art der Worte zu beschreiben - am besten, Ihr lest es einfach selbst:


    ASIN/ISBN: 3896677780

    "Wie kann es sein, dass ausgerechnet diejenigen, die alles vernichten wollten, was gut ist an unserem Land, am eifrigsten die Nationalflagge schwenken?"
    (Winter der Welt, S. 239 - Ken Follett)

  • Meine Rezension

    Die „Treppe aus Papier“ ist ein sehr ungewöhnliches Buch, denn die Geschichte wird aus Sicht eines alten Hauses erzählt. Um die Jahrhundertwende erbaut hat es im Laufe der Zeit schon viel gesehen. Menschen wurden darin geboren und sind gestorben, das Haus „war dabei“. Es ist ein stiller Zeitzeuge, der alles erlebt und nichts davon vergesssen hat.


    Die alte Irma ist ebenso eine Zeitzeugin. Während des Dritten Reiches lebte sie bereits mit ihren nazitreuen Eltern im Haus und verlebte dort eine lieblose Kindheit. Freundschaft fand sie in der kleinen Ruth Sternheim, doch diese entstammt einer jüdischen Familie. In Rückblenden erzählt uns das Haus davon, wie seine Bewohner auf das Unausweichliche und Unaussprechliche zusteuern.


    Besonders gut gefallen hat mir die Parallelität der Ereignisse, wenn man z.B. miterlebt, wie in den 30er Jahren die kleine Ruth Sternheim in einer ihr zunehmend feindlich gesinnten Umgebung aufwuchs, während gleichzeitig in der Gegenwart die 15jährige Nele Bittner in denselben Räumlichkeiten für eine Geschichtsklausur über das dritte Reich lernt.


    Virtuos jongliert der Autor mit den Zeiten, verknüpft dabei geschickt Gegenwart mit Vergangenheit und streut beiläufig auch ein, welche Menschen außer den Hauptprotagonisten über die Jahre hinweg im Haus gewohnt haben.


    Mir hat dieser ungewöhnliche Roman sehr gut gefallen. Er hat mir wieder einmal gezeigt, dass Vergangenes nicht wirklich vergangen ist und auch, wie wichtig es ist, sich mit der Vergangenheit auseinander zu setzen um zu verhindern, dass sie sich wiederholt.


    Die Aufarbeitung des dritten Reiches ist auch heute noch (und wieder...) so ungemein wichtig um zu verhindern, dass Faschisten und Rassisten ein zweites Mal die Macht an sich reißen. Doch Szenen wie die im Buch genannten sind leider viel zu oft an der Tagesordnung: es wird lieber geschwiegen, als möglicherweise unangenehme Wahrheiten über die eigenen Eltern und Großeltern zuzulassen. Wer möchte schon die Gewissheit haben, dass der eigene Vater oder Opa bei der SS war und Schuld auf sich geladen hat.


    Ein ernstes Buch über ein wichtiges Thema, das mir sehr gut gefallen hat, auch wegen der wunderbaren Sprache. Das Buch enthält viele Stellen, die man sich gerne markieren möchte.


    Einzig am Ende hätte ich mir noch die Beantwortung einiger Fragen für mich gewünscht, kann aber auch gut damit leben, dass die Geschichte des Hauses an diesem Punkt einfach auserzählt war. Dennoch hätte ich mir sehr gewünscht, wenn auch der Autor – wie zugesagt – die Runde begleitet hätte, da ich mir sicher bin, dass er unserer Diskussion sicher noch ein paar wertvolle Aspekte hinzufügen und einige der aufgekommenen Fragen gut beantworten hätte könnnen. Schade.


    Vielen herzlichen Dank an den Verlag für das Freiexemplar mit der persönlichen Widmung des Autors. Ich hätte mir das Buch normalerweise weder gekauft noch gelesen, weil es so gar nicht meinem üblichen Beuteschema entspricht. Hier habe ich aber mal wieder ganz weit über meinen Tellerrand geguckt und wurde mit einem wunderbaren Leseerlebnis belohnt.

    Lieben Gruß,


    Batcat batsmile.gif


    Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt (aus Arabien)