Angelika Godau: Goldesel und Pechmarie, Türkei für Anfänger, Band 6, Zweibrücken 2024, Independently Published, ISBN 979-8-30241979-8, Softcover, 222 Seiten, Format: 12,7 x 1,27 x 20,32 cm, Buch: EUR 12,99, Kindle: EUR 4,99.
„Es gefällt mir […] nicht, wie meine Mutter sich benimmt. Sie bringt alle in Gefahr und alle müssen sich um sie sorgen.“
„Aber Baba, ich wusste gar nicht, dass du das so siehst. Ich dachte, du gönnst es ihr, dass sie jetzt, im hohen Alter, ein bisschen Spaß hat. Viel hatte sie davon in ihrem Leben sicherlich nicht.“ (Seite 116)
Geburtstage sind in der Türkei kein großes Ding, verrät uns der Ich-Erzähler Yusuf Karamak, 48, der erst vor rund einem Jahr aus Deutschland ins türkische Side gezogen ist, wo er zusammen mit seiner Familie ein Hotel betreibt.
Kurzurlaub in Kappadokien
Seine Großmutter Defne „Nene“ Karamak, fit, scharfzüngig und eigenwillig, ist dennoch wild entschlossen, ihren neunzigsten Geburtstag mit einer Ballonfahrt in Kappadokien zu feiern. Mit von der Partie: Urenkel Elyas (24), dessen Schwester Dilek (19) nebst US-amerikanischem Freund Mike, Marie, Yusufs deutsche Ehefrau – und natürlich Nenes Jugendfreund Kemal Uzun, den sie erst vor kurzem wiedergetroffen hat. Der Rest der Sippe muss daheim in Side das Hotel hüten.
Ach ja, zwei Fahrer sind auch noch dabei, denn natürlich wird standesgemäß angereist: in zwei Luxuskarossen mit Stern. - Wieso „standesgemäß“? Nun, Kemal Uzun, den Nene noch als analphabetischen Ziegenhirten in Erinnerung hatte, hat ein Vermögen gemacht. Und Nene selbst hat vor kurzem in einem Casino in Las Vegas ein paar Millionen Dollar gewonnen, was ziemlich viel mit Yusufs Kumpel Cem zu tun hat.
Vielleicht hätte Nene ihre Vermögensverhältnisse nicht überall herumposaunen sollen, denn so viel Geld weckt Begehrlichkeiten, nicht nur bei ihren arbeitsscheuen Urenkeln …
Oma wird entführt!
Auf der Fahrt nach Kappadokien verschwindet eines der Fahrzeuge: das mit Nene, Kemal und Elyas an Bord. Als sie nicht am vereinbarten Treffpunkt erscheinen, schlägt der Rest der Reisegruppe Alarm und geht zur Polizei. Tatsächlich bestätigen sich ihre Befürchtungen. Yusuf erhält eine Lösegeldforderung: 100.000,- Euro soll er für die Freilassung der Geiseln zahlen.
Die Polizei rät von einer Zahlung dringend ab. Yusuf hätte das Geld sowieso nicht gehabt und an das Vermögen von Nene kommt er nicht ran. Warum, das kann keiner besser erklären als sein Kumpel Cem, der Fernsehproduzent, der Nene für eine TV-Doku nach Las Vegas eingeladen hatte. Ihm verdankt sie ihren Millionengewinn, ihre Berühmtheit und auch den Vermögensberater.
Wer die Reihe „Türkei für Anfänger“ kennt, der weiß: Cems Projekte starten regelmäßig mit viel Enthusiasmus und enden in einer Katastrophe. Trotzdem lassen sich gute Kumpels wie Yusuf immer wieder zu gemeinsamen Aktionen überreden. Fataler Fehler! Sein Las-Vegas-Projekt hat jetzt Oma, Kemal und Elyas in akute Lebensgefahr gebracht. Da können selbst so gewiefte Freunde wie Nachbar Mustafa oder der Anwalt Bilgim nichts ausrichten.
Hat Elyas die Finger im Spiel?
Bei näherer Betrachtung fällt auf, dass an der Entführung einiges seltsam ist.
Wer bitte kidnappt Multimillionäre und verlangt nur EUR 100.000,- Lösegeld? Wenn die Kidnapper die Lebensumstände ihrer Opfer gar nicht kennen, wieso ist der Erpresserbrief dann auf Deutsch verfasst? Völlig Fremde würden ja nicht wissen, dass es mit Yusufs Türkisch nicht weit her ist. Und das sind nicht die einzigen Ungereimtheiten … Sind hier blutige Laien am Werk? Oder hätte das ein Jux sein sollen, der irgendwie aus dem Ruder gelaufen ist?
Yusuf muss sich schockiert eingestehen, dass er seinem Sohn Elyas zutraut, bei der Geschichte die Finger im Spiel zu haben. Rücksichtslose, unüberlegte Aktionen, um ans schnelle Geld zu kommen, sind leider ganz sein Ding.
Die Entführungsgeschichte schlägt noch ein paar wilde aber plausible Haken, und ich möchte hier nicht weiter ins Detail gehen.
Bis zum Hals im Schlamassel
Karamaks wissen bald nicht mehr, wo ihnen der Kopf steht.
Es müssen ja neben all den Dramen noch das Hotel und Maries Tierschutzarbeit am Laufen gehalten werden, und Tochter Dilek kommt auch noch alle naselang mit eigenen Katastrophenmeldungen ums Eck. Zu allem Übel ist Yusuf auch noch in Sorge um die Gesundheit seines Vaters und um die seines schlitzohrigen väterlichen Ratgebers Mustafa, der sich partout nicht an die Anweisungen seiner Ärzte halten will.
Wie bei den vorigen Bänden fragt sich der Leser auch hier, wie die Familie aus diesem geballten Schlamassel wieder heil herauskommen will. Zur Verblüffung aller erweist sich Oma Nenes neuer alter Freund Kemal als erstaunlich harter Brocken. Und er ist geradezu erschreckend gut vernetzt …
Mit kriminellen Elementen hat sich Familie Karamak schon öfter herumschlagen müssen, aber noch nie waren Angehörige in der Gewalt von Entführern – und noch nie stand einer von ihnen so stark unter dem Verdacht der Mittäterschaft.
Lustige Szenen gibt es natürlich trotzdem: mit den Tieren, mit zickigen Hotelgästen, mit dem knitzen Mustafa und den mehr oder weniger ernsten Kabbeleien zwischen den Karamak-Frauen der verschiedenen Generationen.
Unverwüstliche Chaoten, verwöhnte Gören
Ich mag diese unverwüstliche Chaotentruppe – bis auf die erwachsenen Kinder Dilek und Elyas. Wie kommt so eine bodenständige Sippe nur zu dermaßen egoistischen, unreifen und verantwortungslosen Nachkommen? Yusuf macht sich Vorwürfe, weil er aufgrund seiner früheren Tätigkeit als Fernfahrer bei der Kindererziehung praktisch nicht präsent war. Er war ja dauernd unterwegs. Und jetzt hat er diesen faulen und verwöhnten Nachwuchs an der Backe.
Das Verhalten der beiden „Kinder“ lässt sich nicht mehr mit jugendlicher Unbekümmertheit wegerklären, wie Yusufs Vater das versucht. Elyas und Dilek bauen einen Sch**ß nach dem anderen, und können sich dann darauf verlassen, dass die Großfamilie sie schon herauspauken wird. Das ist natürlich bequem für sie.
Man wächst mit seinen Aufgaben. Hoffentlich!
Ob sie jemals erwachsen werden?
Es gibt (bislang) noch drei weitere Bände der Reihe. Sie haben also noch Gelegenheit. Yusuf hat es ja auch geschafft, sich seit Beginn der Buchreihe zu entwickeln. Wie er hier das dauermäkelnde Hotelgast-Ehepaar in die Schranken weist, das hat schon Klasse. Das hätte er sich in den vorangegangenen Bänden noch nicht getraut.
Kein Zweifel: Yusuf wächst mit seinen Aufgaben. Und die anderen hoffentlich auch.
In diesem Band ist mehr Krimi als Party angesagt, deshalb gibt’s dieses Mal auch keine leckeren türkischen Rezepte zum Nachkochen. (Das Diätzeugs, das Mustafa essen muss, würden wir nicht haben wollen. 😉) Ich habe nachgesehen: Im übernächsten Band wird dann wieder gefeiert und gekocht.
Die Autorin
Angelika Godau, geboren in Oberbayern, hat in verschiedenen Regionen Deutschlands gelebt und fast 10 Jahre lang in der Türkei. Sie hat als Journalistin gearbeitet, Psychologie studiert und in Mannheim eine eigene Praxis betrieben. Heute lebt sie mit ihrem Mann, zwei Hunden und einer Katze in Zweibrücken, schreibt Bücher und engagiert sich im Tierschutz.
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ASIN/ISBN: 3565132280 |
