Katerina Poladjan: Goldstrand. Roman, Frankfurt 2025, S. Fischer Verlag, ISBN 978-3-10-397176-7, Hardcover mit Schutzumschlag, 156 Seiten, Format: 13,2 x 1,87 x 21 cm, Buch: EUR 22,00, Kindle: EUR 19,99.
„Sie irren, Dottoressa. Natürlich habe ich ein Ziel. Ich möchte geliebt werden und ich möchte lieben, und ich möchte die Niedertracht und die Dummheit und das Mittelmaß bekämpfen.“ (Seite 66)
Regisseur Eli macht sich was vor
Elia „Eli“ Fontana, Anfang 60, ist der Sohn einer Italienerin und eines bulgarischen Architekten, den er nie kennengelernt hat. Eli, ein preisgekrönter Regisseur, hat seit 10 Jahren keinen Film mehr gemacht, und in seiner Fantasie ist immer alles sehr viel bunter, funkelnder und großartiger als in Wirklichkeit.
Er lebt in Rom, in der zerfallenden Villa seines Großvaters mütterlicherseits, und kümmert sich um seine exzentrische und möglicherweise schon leicht demente Mutter Francesca. Zu seiner Ex-Lebensgefährtin, der deutschen Kunsthistorikerin Jenny und der gemeinsamen Tochter Vera (35) hat er kaum Kontakt.
Die Frau hatte eines Tages die Nase voll von ihm und ist mit der Tochter nach Berlin gezogen. Das ist jetzt 24 Jahre her.
40 Sitzungen bei der Dottoressa
Elis Leben ist also bei weitem nicht so glamourös und grandios, wie er es gerne hätte. Als ihm das bewusst wird, bucht er 40 Psychotherapiestunden bei Dottoressa Malatesta. Ihr erzählt er seine Geschichte und die seiner Familie.
Wir Leser:innen fragen uns bald, was davon stimmt und was er sich nur ausdenkt. Manches klingt zu abgedreht, um wahr sein zu können und anderes kann er gar nicht wissen.
Die (Familien-)Geschichte seiner Mutter kennt er: Francesca Fontana, Jahrgang 1939, wächst im goldenen Käfig des Familienanwesens auf mit Kindermädchen und Privatlehrern. Als junge Frau stürzt sie sich ins Nachtleben und gerät in den Bann kommunistischer Studenten. Ihr Vater Omero, ein glühender Verehrer des Duce, schäumt, Mutter Giulia ringt die Hände. Das nützt alles nichts: Anfang der 1960er Jahre reist Francesca mit einer Gruppe von Architekturstudenten an den bulgarischen Goldstrand, wo „man künftig pro Jahr sechs bis sieben Hotels bauen und einen Ort für die Vereinigung der Völker schaffen“ werde (Seite 40). Das jedenfalls verspricht, laut Dolmetscherin, der attraktive Architekt Felix.
Eine wilde Familiengeschichte
Felix und Francesca fühlen sich spontan zueinander hingezogen. Eine gemeinsame Sprache haben sie nicht, aber das ist für einen One-Night-Stand auch nicht zwingend erforderlich.
Bald nach ihrer Rückkehr muss Francesca ihren konservativen Eltern gestehen, dass sie schwanger ist. Die Eltern setzen sie vor die Tür. Eli wächst bei den Großeltern auf, die für ihn ebenso wenig Zeit und Interesse aufbringen wie früher für die Tochter. Seine Mutter sieht Eli nur am Wochenende und nach ein paar Jahren gar nicht mehr.
Diese Geschichte ist schon wild genug, doch kein Vergleich zu dem, was Eli über die Familie seines Vaters berichtet: Architekt Felix ist der Sohn eines Philosophieprofessors aus Odessa. 1922 flieht seine Familie vor den Bolschewiken. Felix ist da noch ein kleiner Junge. Bei der Überfahrt übers schwarze Meer geht seine erwachsene Schwester über Bord und sein Vater und er verbringen Jahre damit, nach ihr zu suchen.
Irgendwann müssen sie aufgeben. Der Vater landet als Hilfsgärtner bei einem rumänischen Architekten, Sohn Felix besucht zum ersten Mal eine Schule. Zum Architektur-Studium geht er nach Sofia/Bulgarien, wird erfolgreich und kann in den 60er Jahren seinen Traum von einem Touristenzentrum am bulgarischen Goldstrand verwirklichen. Durch dieses Projekt lernt er Francesca kennen und Eli wird gezeugt.
Aber ist das auch alles wahr?
Das ist zwar alles sehr abenteuerlich, aber meist in sich stimmig. Das könnte sich so zugetragen haben. Doch wer sollte Eli das erzählt haben? Francesca? Die kennt offenbar nicht mal den Nachnamen des Kindsvaters, geschweige denn seine Familiengeschichte.
Nach und nach wird das, was Eli seiner Dottoressa und uns Leser:innen berichtet, immer absurder. Ständig will er Leuten begegnet sein, die zu dem Zeitpunkt schon seit Jahrzehnten tot sind.
Und ich glaube auch nicht, dass eine Psychotherapeutin während ihrer Therapiestunden Kaffee und Kuchen oder Wein serviert und fremde Leute bei den Gesprächen zuhören lässt. Wenn der Zaungast, von dem Eli spricht, der ist, für den ich ihn halte *), ist der auch schon vor über 70 Jahren gestorben. Aber vielleicht hat mich der wild fabulierende Regisseur schon angesteckt und ich bilde mir das nur ein.
Durch die intensive Beschäftigung mit seiner Familiengeschichte kommt Eli auf die abwegige Idee, mit dem wurmstichigen Boot seines verstorbenen Großvaters nach Bulgarien zu segeln und dort nach den Verwandten der väterlichen Linie zu suchen. Und das, obwohl er vom Segeln nicht die geringste Ahnung hat …!
Das Leben in seiner ganzen Fülle – auf 160 Seiten
Ich mag Familiengeschichten, die einen durch die halbe Welt führen und in denen sich Menschen komplett neu erfinden. Das war ein Grund, warum ich dieses Buch gelesen habe. Ich kenne auch die bulgarischen Touristengebiete, wie sie noch in den 1980ern waren. Dort trafen sich tatsächlich Menschen aus Ost und West, was sonst eher schwierig war. Und ich habe Katerina Poladjans Roman HIER SIND LÖWEN sehr gerne gelesen.
Elis schillernder Familie bin ich hier auch fasziniert durch das Europa der letzten 100 Jahre gefolgt. Was für ein Ritt! Mal war’s lustig und skurril, mal melancholisch, mal herzzerreißend. Das Leben in seiner ganzen Fülle, und das auf nicht mal 160 Seiten! Also ganz ohne unnötigen Firlefanz erzählt. Das ist ganz wunderbar und, wie mir scheint, eine rare Kunst.
Die Kritiker überschlagen sich vor Begeisterung, aber vielleicht bin ich für diese Art der Lektüre doch zu einfach gestrickt: Ich tu mich schwer mit unzuverlässigen Erzählern.
Stellenweise habe ich mich gefragt, warum ich mich emotional engagieren soll, wenn sich Eli das meiste doch nur ausdenkt, um seine biographischen Wissenslücken zu schließen und sich vor anderen interessant zu machen.
Ja, ich weiß: Das ist ein Roman, darin ist alles nur Fiktion, ausgedacht von Katerina Poladjan. Aber das ist die Autorin, die darf das! Doch mit Fiktion in der Fiktion bin ich offenbar ein wenig überfordert.
*) Paul Thiemann, ein baltendeutscher Filmproduzent.
Die Autorin
Katerina Poladjan wurde in Moskau geboren, wuchs in Rom und Wien auf und lebt in Deutschland. Sie schreibt Theatertexte und Essays, auf ihr Prosadebüt »In einer Nacht, woanders« folgte »Vielleicht Marseille« und gemeinsam mit Henning Fritsch schrieb sie den literarischen Reisebericht »Hinter Sibirien«. Sie war für den Alfred-Döblin-Preis nominiert wie auch für den European Prize of Literature und nahm 2015 bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt teil. Für »Hier sind Löwen« erhielt sie Stipendien des Deutschen Literaturfonds, des Berliner Senats und von der Kulturakademie Tarabya in Istanbul. 2021 wurde sie mit dem Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund ausgezeichnet. Mit »Zukunftsmusik« stand Katerina Poladjan auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse 2022 und wurde mit dem Rheingau Literatur Preis 2022 ausgezeichnet. Katerina Poladjan wurde 2025 mit dem »Großen Preis des Deutschen Literaturfonds« geehrt.
