Hund – Paul Nizon

  • Suhrkamp, 148 Seiten
    1998


    Kurzbeschreibung:
    Er ist ein Eckensteher, ein Streuner, ein Flaneur. Mit seinem Hund - nein: an der Leine seines Hundes stromert er durch die Straßen und über die Boulevards von Paris und redet stumm vor sich hin oder zu seinem Hund hinunter, erzählt, fragt, beobachtet, beichtet. Er, der keine Geschichte, keine Vita und keinen »ordentlichen Lebenslauf« haben will, weil er glaubt, daß uns alle Lebens-Festlegungen letztlich Kopf und Kragen und Leben kosten, erzählt um so eindringlicher von Gott und der Welt und also von sich. Wer lebt wie Paul Nizons Streuner, den treibt etwas um, und es ist Nizons Erzählkunst, die daraus etwas Bewegendes, fast Wünschenswertes macht: die Geschichte von einem, der sich - anarchischer Hund! - die Ungeheuerlichkeit herausnimmt zu sagen: Keine Sinnfragen bitte, das führt zu nichts; der Weg ist das Ziel!


    Über den Autor:
    Paul Nizon wurde am 19. Dezember 1929 in Bern geboren. Er studierte Archäologie, deutsche Literaturgeschichte und Kunstgeschichte. Er promovierte mit einer Dissertation über Vincent van Gogh. Zeitweise war er auch als Kunstkritiker tätig. Der Schweizer Autor erhielt zahlreiche Auszeichnungen: Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis (1972), Literaturpreis der Stadt Bremen (1976) für den Roman "Stolz", Deutscher Kritikerpreis für Literatur, Preis der Schweizerischen Schillerstiftung, Großer Literaturpreis der Stadt Bern, Torcello-Preis der Peter Suhrkamp Stiftung, Marie-Luise-Kaschnitz-Preis (1990), Großer Literaturpreis der Stadt Zürich, Großer Literaturpreis des Kantons Bern, Erich-Fried-Preis (1996), Kranichsteiner Literaturpreis (2007) für sein Gesamtwerk.


    Mein Eindruck:
    Hund ist ein ungewöhnlicher Roman in Paul Nizons Werk und wird von Kritikern auch nicht als Hauptwerk betrachtet. Das halte ich aber nicht unbedingt für einen Nachteil für das Buch, dass mehr wie eine Novelle wirkt und latent an Thomas Manns Herr und Hund erinnert.


    In erster Linie wird ein Lebens- und Bewusstseinszustand der Kunstfigur Nizon beschrieben.
    Die Handlung setzt wie folgt ein: Nizon hat sich von seiner Familie getrennt und lebt in Paris. Er fühlt sich als Clochard, beinahe wie ein Hund, der durch Paris Straßen zieht, mit niemanden spricht, ständig sinniert und erinnert. Zum Beispiel an seinen Hund, den er einst in der Schweiz zurückgelassen hat.
    Dieses Motiv einer Schuld wiederholt Nizon mehrmals. Das zurücklassen heißt auch gleichzeitig in Stich lassen. Dabei hat Nizon nicht nur den Hund sondern auch seine Familie verlassen.


    Es gibt einige sehr gute Beobachtungen des Autors über Hunde, die, so glaube ich, zutreffend sind. Zum Beispiel wie der Hund auf seinen Herrn reagiert, wie er im Augenblick lebt, im Schnee tollt, Eichhörnchen oder Gänse jagt, freilich immer ohne Erfolg. Der Hund hat Qualitäten, die Nizon im Detail erkennt.


    Dennoch hält Paul Nizon Distanz, romantisiert nicht. Der Hund wird im Buch nicht mit Namen genannt. Vermutlich, um in der Schwebe zu halten, wann die Rede von Hund, wann vom Menschen ist. Nebenbei: Der Name des Hundes war Lens, wei man Nizons Journal entnehmen kann.


    Ein weiteres wichtiges Motiv ist der Verfolgungswahn, der sich darin äußert, dass der Erzähler immer wieder einem Schriftsteller mit einer Mähne begegnet. Dabei habe ich überlegt ob Nizon eventuell auf Peter Handke anspielt, mit dem ihn eine distanzierte Freundschaft aber auch Rivalität verbindet.


    Nebenbei erzählt er auch von dem gegenwärtigen Paris Ende der 90ziger, in einer Gesellschaft mit randalierenden Jugendlichen, einer latenten Aggressivität und bevorstehenden Unruhen.


    Es gibt einige sehr gelungene essayhafte Episoden, in der Nizon von den Lebensgeschichten anderer Personen berichtet, z.B. von einem Ausbrecherkönig, von einem Obdachlosen, von einem französischen Soldaten, der in russische Gefangenschaft geriet.
    Und dann gibt es einen Abschnitt über Drancy, dem französischen Lager in der Vorstadt von Paris, in der damals Juden interniert wurden.
    Diese Einschübe in den Text haben hohe Wirkung.


    Nizon nennt Hund: Beichte am Mittag eine Ballade. Eine Gattungsbezeichnung, die vielleicht literaturtheoretisch nicht ganz zutreffend ist, aber das Gefühl für diesen Text gut ausdrückt.
    Für mich nimmt „Hund: Beichte am Mittag“ jedenfalls einen besonderen Platz in den Texten Nizons ein.