Madeleine Prahs: Nachbarn

  • Madeleine Prahs: Nachbarn
    Deutscher Taschenbuch Verlag. Hardcover. 352 Seiten
    ISBN-13: 978-3423280365. 19,90€


    Verlagstext
    Als Kind flieht Anne Liebert kurz vor dem Mauerfall in den Westen. Später, zurück in Berlin, schlägt sie sich als Altenpflegerin durch, allein mit ihrer kleinen Tochter Marie. Das Glück, scheint es, ist nach unbekannt verzogen, und dann spült ihr das Schicksal auch noch den Rentner Karl Fritzsche vor die Füße. Der Misanthrop und Diabetiker sitzt auf seinem Balkon und wartet auf das Ende – bis eines Tages Marie in seinem Wohnzimmer steht, und nichts ist mehr, wie es einmal war. Hans, Hanna und Matthias haben sich während des Studiums kennengelernt – eine Freundschaft, eine Liebe, eine Rivalität. Die deutsche Geschichte treibt ihre Lebenswege auseinander, ein Verrat schließlich führt sie wieder zusammen. Vom kleinen Mädchen über den Kunsthistoriker, der aus der Republik flüchtete, bis zum alten, verwitweten Mann – tief taucht der Leser in die Leben von sechs Figuren ein und begleitet sie von 1989 bis 2006 auf dem hindernisreichen und oft überraschenden Parcours durch die eigene Biographie. Ein Roman mit wunderbaren, tragikomischen Geschichten von der Verlorenheit im Leben und der Sehnsucht nach einem anderen.


    Die Autorin
    Madeleine Prahs, geboren 1980 in Karl-Marx-Stadt, ist dort und am Ammersee aufgewachsen. Sie studierte Germanistik und Kunstgeschichte in München und Sankt Petersburg. Während der Arbeit an ›Nachbarn‹, ihrem ersten Roman, erhielt sie mehrere Auszeichnungen und Förderungen, u.a. Werkstatt-Stipendien des Literarischen Colloquiums Berlin und der Jürgen-Ponto-Stiftung. Sie lebt und arbeitet in Leipzig.


    Inhalt
    Madeleine Prahs macht es ihren Lesern nicht leicht, Zugang zu ihren Figuren zu finden. Versatzstücke aus 17 Jahren, getrennt von einigen Zeitsprüngen, zeigen anfangs nur Ausschnitte der Ereignisse. Eine Mutter flüchtet mit ihren Kindern kurz vor der Wende in den Westen. Naheliegend, dass die Kinder nur schwer begreifen, was geschieht und in welcher Gefahr sie sich befinden könnten. Beobachtet werden die drei Flüchtlinge nach der Ankunft von einem Mann, der sich einst selbst auf einer Studienreise in den Westen absetzte und seine engsten Bezugspersonen in der DDR als Angehörige eines Republikflüchtigen damit in größte Schwierigkeiten brachte. Hans hat sich für eine Seite im kalten Krieg der Systeme entschieden. Seine Frau Hanna verliert in der Folge ihren Arbeitsplatz. In der Haut des Professors, der seinen Doktoranden für die Reise empfohlen hatte, möchte ich nicht stecken. Der simple Wunsch, einmal nach Rom zu fahren, führt durch Hans rücksichtlose Entscheidung zu Verletzungen, die kaum zu heilen sein werden.


    Matthias, der enge Freund des Paares, wird von der Wende überrascht und glaubt anfangs noch, dass die ersten Neugierigen wieder zurückkehren werden, nachdem sie sich den Westen mal kurz angesehen haben. Doch die Wende bringt das Recht, die eigene Stasi-Akte einsehen zu können. Wer wen mit welchen Folgen bespitzelt hat, wird zur Bedrohung der eigenen Existenz und trifft vermutlich tiefer als das Verlassen werden durch Flucht.


    15 Jahre später kann der alte gesundheitlich angeschlagen Fritzsche seine Wohnung kaum noch verlassen. Anne, das Kind in dessen Schuh im ersten Kapitel auf der Flucht ein DM-Schein versteckt wurde, arbeitet heute bei dem Pflegedienst, der Fritzsche versorgt. Ihre „Alten“ wollten frei sein von anderen Menschen und deren Nähe, stellt die Pflegerin nüchtern fest. Ob sie zu dieser Einstellung aus freien Stücken kamen oder einfach keine Wahl hatten? Anne, die nach der Flucht in den Westen als Flüchtlingskind verspottet wurde, schlägt sich inzwischen mit mehreren Jobs als alleinerziehende Mutter durch. Ihre Tochter Marie ist wieder ein Kind, das in der Schule und im Hort verspottet wird. Anne kann sich nur wundern, über die eigenen Wege, die ihre sechsjährige Tochter geht. Was Hans sein Traum von Rom eingebracht hat, muss jeder für sich selbst bewerten. Die folgende Generation träumt eigene Träume von einer Reise nach Las Vegas oder einem Leben für die Meeresforschung.


    Fazit
    An Madeleine Prahs Annäherung an die Zeit vor und nach der Wende haben mich die Zweiteilung der Sprache, die Worthülsen, das Verschleiern und Verschweigen jener Zeit und die persönlichen Motive dafür interessiert. Nach dem eher nüchternen Start ihres Erstlingsromans hat mich die Autorin im letzten Teil um Anne und ihre Tochter Marie überrascht und zum Schmunzeln gebracht.


    7 von 10 Punkten

  • Sehr schöne Buchvorstellung eines offenbar sehr interessanten Buches. Dafür herzlichen Dank. Wieder ein Titel den man sich merken muss, wieder ein Buch das gelesen werden will. :wave

    Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst. (Evelyn Beatrice Hall)


    Allenfalls bin ich höflich - freundlich bin ich nicht.


    Eigentlich mag ich gar keine Menschen.